Abenteuer Leben - Ulrike Rebel - E-Book

Abenteuer Leben E-Book

Ulrike Rebel

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Beschreibung

Ulrike Rebel blickt im Alter von 85 Jahren zurück auf ihre Abenteuer, in denen sie als kleines Mädchen im 2. Weltkrieg russischen Gewehren gegenüberstand, unter der Erziehung eines STASI-Offiziers aufwuchs, Republikflucht im VW-Bus eines US-Soldaten beging, in West-Berlin Medizin studierte, in die USA auswanderte und nach einer halben Weltreise mit dem Segelboot auf der Insel Culebra Malerin wurde.

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Seitenzahl: 464

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Abenteuer Leben

Die Geschichten einer Frau, die mit ungestutzten Flügeln durchs Leben segelte.

Von Ulrike Rebel

Für meine Schwester Jutta.

Wenn ich im Folgenden den Begriff „Lieber Leser“ verwende, meine ich damit alle Bücher liebenden Menschen, egal welchen Geschlechts.

Inhalt

Cover

Titelblatt

Widmung

Vorwort

1. Von Brigitte. Und Ulrike.

2. Von Vater. Und Schusterjungen.

3. Von Störenfrieda. Und Ohrfeigen.

4. Von Bombern. Und Bauklötzen.

5. Von Scharfschützen. Und Schokakola-Büchsen.

6. Von Opa. Und Oma.

7. Von Vergewaltigung. Und Vergebung.

8. Von Willi. Und Wille.

9. Von Beutezügen. Und Ausbeutung.

10. Von Fehlern. Und Folgen.

11. Von Abspringen. Und Abstürzen.

12. Von Übergriffen. Und Durchgreifen.

13. Von Schulzeit. Und Zeitverträgen.

14. Von Tiefschlägen. Und Ratschlägen.

15. Von Aufleben. Und Aufklären.

16. Von Bewunderung. Und Belästigung.

17. Von Weiterbildung. Und Wohnungsnot.

18. Von Heulen. Und Heilen.

19. Von Verheiraten. Und Verzweifeln.

20. Von Zuneigung. Und Zufällen.

21. Von Flucht. Und Freude.

22. Von Geheimdiensten. Und Genehmigungen.

23. Von Urlaubsbekanntschaften. Und Unterschieden.

24. Von Vergangenheit. Und Zukunft.

25. Von Gefangenschaft. Und Gemeinschaft.

26. Von Elisa. Und Mücke.

27. Von Erwachen. Und Erwartungen.

28. Von Prüfungsangst. Und Verlassensängsten.

29. Von Abschied. Und Ankunft.

30. Von Heirat. Und Heimat.

31. Von Ablegen. Und Abfliegen.

32. Von Aufbauen. Und Abrutschen.

33. Von Anstrengungen. Und Vorbereitungen.

34. Von Auf-Wiedersehen. Und Wiedersehen.

35. Von Sternenzelt. Und Mordsee.

36. Von Mistralwind. Und Mandelblüten.

37. Von Touren. Und Reparaturen.

38. Von Töten. Und Todunglücklich-sein.

39. Von Scheißtagen. Und Fäkalienregen.

40. Von Logistik. Und Atlantik.

41. Von Verschiedenheiten. Und Gemeinsamkeiten.

42. Von Nebenjob. Und Danebenbenehmen.

43. Von Begegnung. Und Bewegung.

44. Von Anspannung. Und Entspannung.

45. Von Unglücksfällen. Und Glücksfällen.

46. Von Resistenz. Und Barmherzigkeit.

47. Von Kindsköpfen. Und Brandherden.

48. Von Einziehen. Und Ausmalen.

49. Von Tierliebe. Und Muttergefühlen.

50. Von Sturm. Und Drang.

51. Von Verzeihen. Und Verlieren.

53. Von Hurrikan. Und Untergang.

54. Von Renovierung. Und Normalisierung.

55. Von Reggie. Und Puti.

56. Von Ende. Und Anfang.

Nachwort

Danksagung

Urheberrechte

Abenteuer Leben

Cover

1. Von Brigitte. Und Ulrike.

Titelblatt

Widmung

Urheberrechte

56. Von Ende. Und Anfang.

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Vorwort

Kurz nach meinem 80. Geburtstag wachte ich eines Morgens nach einem sonderbaren Traum auf – mit einem Schmunzeln auf den Lippen. In diesem Traum sah ich meine eigene Geburt. Eine Geburt ist der Beginn eines neuen Lebens, dachte ich. Und dann: Wie wäre es, diesen Traum als Beginn eines neuen Erlebnisses zu verstehen?! Das Erlebnis, meine Autobiografie zu schreiben. Ein hervorragender Gedanke, den ich in den folgenden Monaten in die Tat umsetzte. Und nun, lieber Leser, halten Sie das Ergebnis dessen in den Händen. Ich freue mich, dass Sie mir beim Lesen dieses Buches Gesellschaft leisten. Es beschreibt nicht mehr und nicht weniger als meine Geschichte. Ein guter Freund hat mal zu mir gesagt: „Du hast drei spannende Leben in eins gepackt. Was willst du mehr?“ Zu diesem Zeitpunkt war ich ziemlich krank, deswegen lautete meine Antwort nur: „Leben!“ Und an diesem Wunsch hat sich bis heute nichts geändert. Jetzt bin ich mit 85 Jahren eine reife, weise Frau – die Krankheit von damals liegt hinter mir und ich möchte gerne überreif werden. 

Meine drei Leben haben mich den Zweiten Weltkrieg überstehen, aus der DDR flüchten, nach Amerika ziehen, um die halbe Welt segeln, auf einer karibischen Insel landen und – gerade letztens – mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug springen lassen. Ich habe gute wie schlechte Zeiten erlebt und fühle mich so, als ob meine jugendlichen Tage erst ein paar Jahre hinter mir liegen würden. Das Leben ist kurz – und man sollte lernen, damit umzugehen. Ich möchte nicht den gleichen Fehler wie viele gestandene Lebenskünstler machen und mit erhobenem Finger meine Empfehlungen zum Glücklichsein geben. Das liegt bei jedem selbst. Aber ich möchte Sie, lieber Leser, gerne einladen, mein Abenteuer selbst zu erleben. Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre und freue mich darauf, in manchen Kapiteln und im Epilog noch ein paar Worte mit Ihnen zu wechseln.   

Ihre Ulrike Rebel

1

Von Brigitte. Und Ulrike. 

Während meine Mutter im Schlafzimmer mit meiner Geburt beschäftigt war, saß die Familie nebenan in der Wohnstube um den großen, ovalen, festlich gedeckten Tisch. Es war Ostersonntag 1938. Auf dem Tisch stand ein bunter Blumenstrauß, geschmückt mit ausgeblasenen, bunt bemalten Ostereiern; die Weidenzweige zeigten schon die ersten zarten Blättchen und die Forsythien strahlten in leuchtendem Gelb. Vor meinen Urgroßeltern, Großtante Martha, Mutters Cousine Trude und ihrem Mann, meinem Vater und meinem vierjährigen Bruder standen Sammeltassen, in denen frisch gebrühter Kaffee dampfte. Sein Duft verbreitete sich im ganzen Raum und gelangte auch nach nebenan ins Schlafzimmer, wo sich meine Mutter trotz der schmerzhaften Wehen nach einem Stück Käsekuchen verzehrte. Die Arme! Währenddessen diskutierte die Familie fleißig über mögliche Namen für das Kind. Meine Mutter hatte sich jedoch schon längst entschieden. Sie spürte, dass in ihrem Leib ein Mädchen mit dem Namen Ulrike heranwuchs. Den Jungen-Namen schenkte sie keine Aufmerksamkeit. Nun war die Familie aber nicht mit Ulrike einverstanden – dieser Name war vorsintflutlich. Man schlug Brigitte vor, wogegen meine Mutter vom Schlafzimmer aus, zwischen zwei Wehen, lauthals protestierte. Sie bestand auf Ulrike. Wie konnte man sich einigen? Um den Disput zu beenden, nahm sich meine Urgroßmutter der Sache als Familienoberhaupt an und entschied: Wenn das Kind noch am Ostersonntag geboren würde und ein Mädchen wäre, sollte sie Brigitte heißen. Käme das Mädchen erst nach Mitternacht, könnte sie Ulrike genannt werden. Alle stimmten zu und genossen ihren Kaffee mit einem Stück Kuchen. Um 17:45 Uhr, als die Kirchenglocken begannen, zur Messe am Ostersonntag zu läuten, wurde ein überaus willensstarkes und lauthals verkündendes: „ICH HAB´S GESCHAFFT“-Mädchen geboren. 

Jetzt wissen Sie, liebe Leser, dass ich BRIGITTE heiße. Natürlich kann ich mich nicht an die Geburt erinnern, obwohl ich, wie gesagt, davon träumte. Mein Kirschenholzbett wurde übrigens eigens für mich von einem jungen Ehepaar gebaut – aber das ist eine andere Geschichte. Es liegt mir sehr am Herzen, weil es das erste richtige Bett seit meiner Kindheit ist. Und ich schlafe überaus gerne darin. 

Zurück ins Jahr 1938: In jener Zeit war es nicht üblich, dass ein frisch geschlüpftes Baby, noch an der Nabelschnur hängend, auf die Brust seiner Mutter gelegt wurde. Nein, erst befreite mich die Hebamme von dem Anhängsel, danach wurde ich gesäubert. Als ich schließlich warm eingepackt in den Armen meiner Mutter lag, hörte ich zum ersten Mal ihre Stimme, klar und deutlich: „Na, da bist du ja, meine Ulrike!“ Zumindest erzählte mir das Mutter ziemlich oft und so bilde ich mir gerne ein, dass diese Worte tatsächlich die ersten meines Lebens waren. Ulrike! Später, als ich größer wurde, mit einem besonders weichen Klang in der Stimme. Ulrike! Oder Riekchen! Dann schwang viel Liebe mit. Aber nur, wenn ich ein braves Mädchen war und mich so benahm wie sie es wollte. Doch wehe, ich zeigte meinen eigenen Willen – und noch schlimmer, wenn ich auf ihn bestand! Dann kam der Name Brigitte in Mutters Mund, energisch und mit Strenge: BRIGITTE! Mit diesem Wort bekam sie meine Aufmerksamkeit. Und wenn ich mich recht entsinne, habe ich von ihr öfters Brigitte als Ulrike gehört.

Aber ist unser Gedächtnis nicht trügerisch – und sind unsere Erinnerungen formbar? Zumindest in soweit, wie sich Gehörtes, Gelesenes und Gedachtes mit dem Gedächtnis vermischen und Erinnerungsfehler entstehen lassen. Das ist die Norm und nicht die Ausnahme. Wie echt sind dann meine Erinnerungen? Wenn dem so ist, wie Julia Shaw es in ihrem Buch „Das trügerische Gedächtnis“ beschreibt, dann, liebe Leser, spielen auch ihre eigenen Erfahrungen in meine Geschichte hinein – weswegen man sie einfach als das nehmen sollte, was sie sind, Geschichten nach Ihrem Geschmack, gewürzt mit der Wahrheit. Nebenbei: „Das trügerische Gedächtnis“ (der englische Titel lautet „The Memory Illusion“) ist empfehlenswert. Wenn doch alle verstehen könnten, dass wir uns auf unser Gedächtnis, also unsere Erinnerungen, nicht unbedingt verlassen dürfen, dann würde so mancher Zankapfel in der Familie oder unter Freunden am Baum hängen bleiben.

 

2

Von Vater. Und Schusterjungen.

Weil ich ein Jahr vor dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde und in der Nachkriegszeit aufgewachsen bin, habe ich viel Beängstigendes zu erzählen – obwohl ich viel lieber Erfreuliches berichten würde. Die ersten Erinnerungen sind aber nur Momente, kurze Schnappschüsse, so wie Sie, lieber Leser, das mit Sicherheit auch kennen, wenn Sie alt genug sind. Das erste Bild, an das ich mich gut erinnern kann, ist tatsächlich ein Bild – Sie sehen es gleich nebenan. 

Es war Winter und meine Mutter zerrte mich mit meinem Bruder vor die Haustür in den kalten Schnee, um ein Foto zu machen. Ich war viel zu dünn angezogen und wusste überhaupt nicht, was der Zirkus mit der Kamera sollte. Ob daher meine Aversion kommt, fotografiert zu werden? Das nächste Bild, das ich vor meinem inneren Auge habe, zeigt meinen Vater, wahrscheinlich, weil die Umstände mich damals sehr verwirrt hatten. Erst viel später habe ich mehr darüber erfahren – in einem der wenigen, wirklich offenen Gespräche mit meiner Mutter.

Wir schreiben das Jahr 1942. Mein Vater war seit mehr als zwei Jahren im Krieg und bekam eines Tages überraschend Fronturlaub genehmigt. Fronturlaub! Was für ein entsetzliches Wort. Er kam also von einem Tag auf den anderen nach Hause, klopfte an die Wohnungstür und war sehr überrascht, als ihm seine Frau öffnete – hochschwanger. Meine Mutter musste ihm dann von diesem einen verhängnisvollen Abend viele Monate zuvor berichten, an dem sie ihre Kinder in der Obhut der Nachbarin zurückließ und mit ihrer Freundin tanzen ging. Sie tanzte sich frei von allen Sorgen, ließ die harte Arbeit, die Verantwortung als Alleinerziehende und die ungewisse Zukunft ihrer kleinen Familie für ein paar Stunden hinter sich. So begegnete sie einem jungen Soldaten, der ebenfalls gut tanzen konnte – was man nicht von vielen Männern behaupten kann. Diese beiden jungen Menschen tanzten sich frei von Kummer und Sorgen. Ihre Hormone gewannen die Oberhand und es kam, wie es kommen musste – sie liebten sich. Danach ging Mutter zurück nach Hause zu ihren Kindern, und der Soldat marschierte wieder zur Front. Eine wunderschöne Nacht, an die sich meine Mutter bestimmt noch einige Tage erinnerte, bis der Alltag sie einholte. Im Gegensatz zu ihrer Periode. Die blieb nämlich aus. Meine Mutter war schwanger von einem Mann, von dem sie nichts wusste, außer seinen Namen, dass er Soldat war und gut tanzen konnte. Ein Fehler, ein großer Fehler, das wusste sie. Aber wie konnte sie ihn berichtigen? In dieser Zeit blieb ihr nichts anderes übrig, als das Kind auszutragen. Als sie meinem Vater alles gebeichtet hatte, musste sie ihm versprechen, das Baby gleich nach der Geburt zur Adoption freizugeben. Andernfalls, so drohte mein Vater, würde er ihr nach seiner Rückkehr aus dem Krieg meinen Bruder und mich wegnehmen – und damit unsere Familie entzweien. Meine Mutter war am Boden zerstört und verließ die Wohnung. Vater stand im Schlafzimmer, hielt mich auf den Arm und ich weinte herzzerreißend.

Meine Mutter tat, was sie für richtig hielt, das Falsche – zumindest aus meiner Sicht. Sie gab meine Halbschwester Jutta direkt nach ihrer Geburt zu Bekannten, aber nicht zur Adoption. Sechs Jahre später holte Mutter ihre Tochter wieder zurück. Das war ebenfalls ein Fehler, ein noch größerer, viel größerer. Warum? Das werde ich später verraten. Nach der ersten Erinnerung an meinen Vater folgt nun die Zweite und Letzte.

Inzwischen war es 1943. In Deutschland wurden die Ressourcen knapp – und damit meine ich nicht nur die Lebensmittel, sondern auch Dinge des alltäglichen Gebrauchs. Die USA beteiligten sich nun am Krieg. Es fielen Bomben, Bomben und nochmals Bomben auf deutsche Städte. An der Ostfront hatte sich die Rote Armee von den Fesseln der deutschen Soldaten befreit. In dieser Zeit war es bereits üblich, dass die Bevölkerung alles einsammelte, was sich in irgendeiner Form weiterverwenden ließ. Auch unsere kleine Familie beteiligte sich und ich hatte meine feste Aufgabe bei diesen Aktionen. So füllte Mutter ein Netz mit Dingen, die ich zur Sammelstelle bringen sollte. Mal waren es Papier, Knochen oder beides. Eines Tages hüpfte ich, denn als Quirl fiel mir das Laufen schwer, zur Sammelstelle. Auf dem Weg nach Hause sang ich und alberte herum, als mich ein Soldat ansprach und fragte, ob ich Brigitte heißen würde. Ich bejahte, worauf er erwiderte: „Dann bin ich dein Vater.“ Nun hatte mir Mutter immer eingebläut, mich auf keinen Fall von einem fremden Mann ansprechen zu lassen. Das erklärte ich ihm auch prompt – mit dem Zusatz: „Kann ja jeder sagen!“ Doch der Soldat ließ sich nicht beirren und folgte mir. Zu Hause angekommen, sahen wir Wolfgang, meinen vier Jahre älteren Bruder auf der Straße vor unserem Wohnhaus. Er erkannte seinen Vater, lief auf uns zu und rief: „Vati, Vati.“ Dieser Soldat war also doch mein Vater! Er kam von der Westfront und brachte einen großen Blechkanister voller Olivenöl mit. Was für ein ausgezeichnetes Geschenk, in einer Zeit, wo Lebensmittel schon rationiert, Butter und Öl rar waren. 

Mutter war froh, wieder Öl zum Kochen zu haben und wir Kinder aßen am liebsten Schusterjungs – Roggenbrötchen – vollgesogen mit Olivenöl und mit einer Prise Zucker darauf, wenn vorhanden. Hm, köstlich! Leider backt man die Schusterjungs heutzutage mit zusätzlichem Gluten, wodurch sie ganz fluffig werden. So haben sie für mich ihren typischen Geschmack und damit ihren Reiz verloren. Ich esse nur noch ganz selten einen Schusterjungen mit Olivenöl, um mich an die Kindheit zu erinnern. 

Wie gerne würde ich mehr von meinem Vater wissen und ich sehnte mich danach, ihn kennenzulernen. Das Wenige, was ich von ihm weiß, hat mir Mutter erzählt, als ich 60 Jahre alt war. Natürlich hatte ich sie oft gebeten, mir mehr von ihm zu verraten. Sie verwehrte es mir – mit den Sätzen: Vergangenes soll man ruhen lassen und so, wie ich dich kenne, hättest du mehr Kloppe als zu essen bekommen. Bei ihm hättest du dir nicht die vielen Widerworte erlauben dürfen. Ob sie recht hatte? Kaum zu glauben.

Mein Vater wurde am 5. April 1907 in Frankfurt an der Oder in eine Arbeiterfamilie geboren. Er war schlank, aber nicht sehr groß. Den Körperbau und seine wenigen Haare habe ich beim Würfelspiel der Gene von ihm geerbt. Vater erlernte den Maurerberuf. Seine Freizeit verbrachte er gerne in der Natur. Er liebte es, Radball zu spielen, Fahrrad zu fahren, zu angeln und mit dem Kajak unterwegs zu sein. Mutter mochte diese Aktivitäten nicht. Passten diese beiden zusammen? Ich glaube nicht. Das zeigte auch die Reaktion meiner Mutter, wenn er nachmittags von seinen Angeltouren frischen Fisch nach Hause brachte. Zu dieser Zeit glänzte die Küche schon, und meine Mutter machte des öfteren ihrem Unmut über das stinkende Mitbringsel Luft. Im späteren Leben bestimmte sie dann immer, wann es Fisch zu essen gab, da sie gerne sauer eingelegten Brathering aß.

In den kalten Wintermon8aten war Vater als Maurer arbeitslos und half Mutter beim Sticken von Tischdecken. Der Rahmen dazu war so groß wie ein Esstisch. An einem Ende saß die Mutter, ihr gegenüber Vater. Erst wurde das Muster mit dem Bügeleisen vom Papier auf den Stoff übertragen; dann wurde gestickt. Mit der rechten Hand stach die Nadel mit dem Faden von oben durch den Stoff, damit die linke Hand unter dem Stoff die Nadel durchziehen konnte. Anschließend wurde die Nadel von unten wieder nach oben durch den Stoff gestochen und mit der rechten Hand hochgezogen. So ging das Tag für Tag und Woche um Woche – bis das vollständige Muster den Stoff schmückte. Als Umrandung bekam die Tischdecke eine Spitze angehäkelt. Eine auf diese Art veredelte Tischdecke wurde besser bezahlt, und mit dem Geld besserte Mutter die Haushaltskasse auf. Das Sticken war mühevoll, aber zum Glück war Mutter in Handarbeiten sehr geschickt. Sie konnte: Nähen, Sticken, Häkeln, Stricken – das alles ging ihr leicht von der Hand. Dieses Talent habe ich von Mutter geerbt, weswegen ich schon früh von ihr lernen durfte. In den Nachkriegsjahren wurden schon die kleinen Kinder angehalten mitzuhelfen. Und so lehrte mich Mutter das Stopfen. Mit acht Jahren war ich bereits verantwortlich für das Waschen und Stopfen der Strümpfe und Socken für die ganze Familie. Das war gut für meine Selbständigkeit, hatte aber den Nachteil, dass es mir Zeit zum Spielen, Zeichnen und Lesen stahl.

3

Von Störenfrieda. Und Ohrfeigen.

Kopfnüsse und Ohrfeigen, Mutter nannte sie immer Katzenköpfe, musste ich ebenfalls einstecken – und zwar zahllose. Wie oft ich von Mutter verprügelt wurde, habe ich erst gar nicht versucht zu zählen. Sie schlug schon zu, bevor mir die Zahlen überhaupt bekannt waren.  

1944 wurde ich eingeschult – wie damals üblich unter der Hitler-Fahne und mit erhobenem rechten Arm. Ich war gerade sechs Jahre alt und noch sehr zappelig, konnte nicht stillsitzen und quasselte ohne Unterbrechung. Es dauerte nur wenige Tage, bis der Lehrer mich „Störenfried“, oder vielleicht sollte ich besser „Störenfrieda“ sagen, nach vorne vor die Tafel rief. Er forderte mich auf, die Arme zu heben und beide Hände auszustrecken, mit den Handflächen nach oben. Kaum tat ich, was mir gesagt wurde, schoss der Rohrstock des Lehrers durch die Luft und knallte auf meine Handflächen. Was für ein brennender Schmerz! Ich lief heulend aus dem Klassenzimmer und rannte schnurstracks zu meiner Oma, eigentlich meine Urgroßmutter mütterlicherseits. Oma war das Zentrum meines Wohlbefindens! Sie nahm mich oft in Schutz und verhinderte mit Worten wie „Das Mädchen ist doch noch klein!“ die eine oder andere Strafmaßnahme meiner Mutter. 

Als ich an diesem Tag mit geschwollenen, brennenden Handflächen zu Oma kam, sagte sie: „Wenn der Lehrer dich schlägt, brauchst du nicht mehr zur Schule zu gehen. Ich werde dir selbst das Lesen und Schreiben beibringen.“ Gesagt, getan. Morgens ging ich also weiterhin kurz vor Schulbeginn aus dem Haus und zur Schule – dachte zumindest meine Mutter. In Wahrheit lief ich aber an der Schule vorbei zu meiner Oma, in deren Schule. Auf einer Schiefertafel lernte ich die Buchstaben. Nicht die römischen, sondern die Sütterlinschrift, weil Oma nur die kannte. Zu Hause übte ich dann fleißig, was ich bei ihr gelernt hatte – Buchstaben und einzelne Wörter wie Mama und Papa. Natürlich wunderte sich meine Mutter, dass ich keine römischen Buchstaben schrieb: „Ihr lernt in der Schule die Sütterlinschrift?“  Ich entgegnete: „Ja.“ – „Ist ja komisch.“ Weil auf diese Aussage nichts weiter folgte, ging ich weiterhin zu Oma und übte fleißig Sütterlin – so lange bis eines Tages der Lehrer bei uns auftauchte und Mutter fragte, wie es mir ginge und wann ich denn wieder zur Schule kommen würde. „Meiner Tochter geht es gut, danke. Aber wieso fragen Sie? Brigitte geht doch jeden Tag zur Schule!“ erwiderte Mutter. „Nein, ihre Tochter ist schon seit einiger Zeit nicht mehr dort gewesen!“ erklärte der Lehrer. Bei diesen Worten ging Mutter ein Licht auf: Sie wusste sofort, wo ich jeden Tag hinging und warum ich Sütterlin-Buchstaben lernte. Zum Glück war sie nicht allzu sauer, schickte mich aber natürlich von diesem Tag an wieder in die richtige Schule. Wie lange ich noch dorthin gehen musste, weiß ich nicht mehr. Es kann nicht mehr lange gewesen sein, weil der Krieg uns einholte und die Schulen geschlossen wurden. Mutter versuchte dann, meinen Bruder und mich zuhause zu unterrichten, in unserer Wohnung in Frankfurt / Oder. Ich erinnere mich noch genau an die Schiefertafel, auf der ich Schreiben lernen musste. Einmal übte ich das Wort „Pfui“, das mir einfach nicht über die Lippen kommen wollte, egal wie oft ich es versucht habe. Immer kam: „Pfu-i, Pfu-i“ aus meinem Mund. Es war einfach unmöglich, das „i“ an das „u“ zu hängen. Mutter verlor irgendwann die Nerven und schlug auf mich ein. Ihre Hand traf mich auf den Hinterkopf, ins Gesicht und auch am Oberkörper. Ich schrie und weinte, woraufhin mich Mutter ins Klo einsperrte. Meine Seele war verletzt und ich wollte nicht mehr bei ihr sein, nicht mehr unter einem Dach mit ihr leben. Als die Tür hinter mir zuschlug und ich alleine in dem engen Raum war, dachte ich sofort an Oma. Da musste ich hin, sie würde mich trösten und in den Arm nehmen! Ich kletterte zum Fenster hinaus und wollte mich an der Regenrinne vom ersten Stock hinunter zum Erdgeschoss hangeln. Aber mein Fluchtversuch scheiterte: Mutter wurde unruhig, weil sie mich nicht mehr weinen hörte und betrat das Klo genau in dem Augenblick, als ich nach der Regenrinne greifen wollte. So scheiterte mein erster Fluchtversuch. Es sollte nicht der letzte gewesen sein. Ich erinnere mich an ähnliche Situationen, bevor ich mit 16 Jahren endlich ausziehen konnte. 

In einer dieser Erinnerungen war ich elf Jahre alt: Nach dem Mittagessen versprach ich Mutter, die sich nicht wohlfühlte, abzuwaschen, damit sie sich ein wenig hinlegen konnte. „Geh vorher bitte noch mit dem Hund raus“, bat Mutter. Das tat ich – und als wir unten im Hof andere Kinder trafen, die mit dem Hund spielen wollten, geriet mein Auftrag ins Hintertreffen. Plötzlich ging das Küchenfenster auf, und Mutter brüllte: „Komm sofort hoch!“ In der Wohnung hagelte es dann Prügel. Als ob diese kleine Verzögerung so schlimm gewesen wäre! Ich konnte dieses Verhalten von meiner Mutter nicht verstehen und war gleichermaßen wütend wie beleidigt. Deswegen sprach ich tagelang kein Wort mehr mit ihr. Außerdem besuchte ich Tante Trude und fragte sie, ob ich nicht bei ihr wohnen könnte, weil Mutter mich wieder geschlagen hatte. Leider war das nicht möglich – also beachtete ich sie weiterhin nicht. „Bitte sprich mit mir, Ulrike. Es tut mir leid, dass ich die Nerven verloren habe“, bettelte sie schließlich. „Na gut, aber du musst mir versprechen, mich nie wieder zu schlagen. Wenn du das wieder machst, haue ich ab. Ein neues zu Hause werde ich schon finden“, sagte ich. — „Ja, ich verspreche es dir.“ Das wurde mit einem Handschlag besiegelt. Und tatsächlich: Ich bekam nie mehr eine solche Tracht Prügel, obwohl es später noch viele Situationen gab, in denen Mutter mich gerne geschlagen hätte. Dann erinnerte ich sie einfach an ihr Versprechen – und bekam keine Prügel mehr, sondern nur Kopfnüsse und Ohrfeigen. Die gab es ziemlich häufig, weil ich frech war und in Diskussionen immer das letzte Wort haben musste. Diese Ohrfeigen nahm ich hin, ohne dass sie mir schadeten. Ich schüttelte sie einfach ab, lachte manchmal sogar darüber. So wie bei dieser hier: Mutter stand am Herd und kochte, ich war links von ihr am Waschbecken und schälte Kartoffeln. Dann muss ich irgendetwas gesagt haben, was ihr nicht passte – plötzlich sauste die linke Hand der Mutter durch die Luft und klatschte auf meinen Hinterkopf. So fest, dass meine Stirn gegen den Wasserhahn schlug. Danach guckte ich Mutter an und sagte: „Eine Ohrfeige habe ich jetzt gut, die hier war doppelt.“ Dann mussten wir beide schmunzeln. 

Natürlich habe ich Strategien entwickelt, um einer Strafe zu entgehen, oder vielmehr, vor ihr davonzulaufen: Ich rannte dann um den Esstisch herum – und Mutter hinter mir her. „Wirst du mal stehen bleiben!“, rief sie immer. „Ich bleib doch nicht stehen, um gehauen zu werden. Denkst du, ich bin doof?!“, brüllte ich. Nach einer Weile gab sie dann auf. Entweder wir lachten beide oder ich rannte in mein Zimmer. Ein anderes Mal schnappte ich mir die Wohnungsschlüssel und ging auf der Straße spazieren – in Hausschuhen. Ich kam erst wieder nach Hause, als ich sicher sein konnte, dass sich die Lage, beziehungsweise Mutter, beruhigt hatte. Wie ich das wissen konnte? Na, man kannte sich doch. 

Die letzte Ohrfeige sollte ich im Alter von 57 Jahren bekommen. Im selben Augenblick, als sich die Hand meiner Mutter erhob, spuckten meine Augen Feuer in ihre Richtung und ich sagte: „Wenn du das Echo vertragen kannst, schlag zu.“ Diesmal hätte ich ihr ebenfalls eine Ohrfeige verpasst. So wahr mir Gott helfe.   

4

Von Bombern. Und Bauklötzen.

Die Schließung der Schulen war einer von vielen Vorboten, dass der Krieg unaufhaltsam näherkam. Irgendwann konnten wir das Pfeifen der Granaten und der Stalin-Orgel hören. Erst ganz leise, dann mit jedem Tag ein bisschen lauter. Abends mussten die Fenster verdunkelt werden, damit die feindlichen Flieger keine Lichter und somit auch keine Häuser, Dörfer und Städte erkennen konnten. Das klappte nur eine kurze Zeit, so lange bis die „Christbäume“ erfunden wurden. So nannten wir Kinder die Markierungen aus brennendem Magnesium der englischen Luftwaffe, die nachts von einer Vorhut an Flugzeugen über den deutschen Städten abgeworfen wurden und alles taghell erleuchteten – damit die eigentlichen Bomber ihre Ziele nicht verfehlen konnten. Tagsüber kamen dann die Amerikaner mit ihren schweren Flugzeugen. Sie warfen bis zu 100 Bomben auf einen Schlag ab – wie Hagel, der auf deutsche Städte und strategische Ziele, zum Beispiel Munitionsfabriken, Brücken und Eisenbahnschienen prasselte. Wir Kinder waren von den Christbäumen beeindruckt und bewunderten sie – bis die eigentlichen Bomben fielen: Das Heulen der Sirenen jagte uns einen Schauer über den Rücken, und wir mussten so schnell wie möglich in den Keller. Dort saßen wir zusammengekauert, zitterten und weinten, wenn die Bomben in der Nähe einschlugen und laute Explosionen Tag und Nacht die Erde erschüttern ließen. 

Ich hasste es, aus dem Schlaf herausgerissen zu werden, diese Abscheu habe ich mein Leben lang behalten – auch wenn das Heulen der Sirenen natürlich nicht mit dem Klingeln eines Weckers vergleichbar ist. Trotzdem habe ich den Wecker kurz nach dem 40. Geburtstag aus meinem Leben verbannt. Und meine Armbanduhr traf das gleiche Schicksal. 

1944 war die deutsche Armee schon so geschwächt, dass die feindlichen Bomber ihre Last auch tagsüber abwerfen konnten. Es bestand keine Gefahr mehr für sie, von der dezimierten Deutschen Luftabwehr abgeschossen zu werden. So kam der Tag, an dem die Bomben schon am Vormittag auf Frankfurt / Oder niederfielen. Wir waren im Keller und zählten Einschläge, die näherkamen. Mutter forderte uns auf, den Mund weit zu öffnen, damit unser Trommelfell keinen Schaden nahm. Bei jeder Bombe wurden die Kellerwände erschüttert und sogar der Fußboden zitterte. Meine Güte, hatten wir eine Angst! Dann kam die Sirene zur Entwarnung und Mutter brachte uns nach oben in die Wohnung. Sie befahl, an Ort und Stelle zu bleiben. „Ich muss zu Oma und Opa, um zu sehen, ob sie noch leben“, sagte sie und war weg. Mein Bruder Wolfgang rannte bald hinter ihr her – und ich hinter Wolfgang. Als 6-Jährige konnte ich natürlich nicht so schnell rennen wie er, weshalb ich meinen Bruder bald aus den Augen verlor. Wir waren nicht die einzigen, die ins Zentrum rannten, um nach ihren Angehörigen zu sehen. Als ich zum Haus von Oma und Opa kam, fand ich kein Haus mehr vor. Das Dach, die Seitenwände und sogar die Treppen fehlten. Das ganze Gebäude lag in Schutt und Asche. Nur ganz oben, in einer Ecke, stand der Kachelofen unversehrt und, rechts und links von ihm, zwei Korbstühle. Ich erkannte die Stühle und die Kissen darauf wieder, dann heulte ich los: „Oma, Ooomaaa, Oooooomaaaaa…“ – bis mich ein Polizist auf den Arm nahm und ins Revier brachte. Dort gab er mir Schokolade, und ehe ich mich beruhigen konnte, tauchte auch schon Mutter auf. Sie hatte nach mir gesucht, mit einer unglaublichen Neuigkeit: „Oma und Opa leben, es geht ihnen gut!“ Das musste ich mit eigenen Augen sehen, also liefen wir zu ihnen. Ich war so froh, meine Oma wiederzuhaben und mit ihr zu kuscheln. Sie umarmte mich, gab mir einen Kuss nach dem anderen, ich schmiegte mich an sie. Wann ich erfuhr, was an diesem Tag wirklich geschah, weiß ich nicht mehr, aber es hatte sich wohl Folgendes zugetragen: Oma und Opa waren beim Fliegeralarm nicht in den Keller gegangen: „Wenn eine Bombe in unser Haus einschlägt, sind wir dort genauso tot wie in der Wohnung“, meinten sie. Also setzten sich die beiden in ihre Lieblingskorbstühle neben den Ofen und harrten der Dinge die da kommen sollten. Und sie kamen, ihr Haus wurde von einer Bombe getroffen. 

Ich vermute, dass die Bombe, die Omas Haus traf, ein Blindgänger war. Anders kann man das nicht erklären. Eine Explosion hätte die beiden alten Leute aus ihren Stühlen geschleudert.

Als sich die Staubwolken verzogen hatten, saßen die beiden Alten, Oma und Opa, immer noch in den Korbstühlen – jetzt aber unter freiem Himmel. Soviel ich weiß, hatten sie keinerlei Verletzungen. Die Feuerwehrleute konnten meine Urgroßeltern nur mühevoll erreichen, geschweige denn nach unten bringen. Das ging nur, indem sie Oma und Opa jeweils einen Strick um den Leib banden und sie von den Resten des ersten Stockwerkes nach unten in den Garten seilten. Meine Urgroßeltern waren die einzigen Überlebenden aus dem Haus. Alle Mitbewohner im Keller hatten die Bombe nicht überlebt. 

Mutter fand nach dem Einschlag zum Erstaunen aller noch einige von Omas Esstellern im Schutt – ohne großen Schaden. Nach dem Krieg aßen wir davon, wenn etwas zu essen da war. Jahre später fragte ich meine Mutter, ob sie mir Omas alte Teller geben würde – für meine eigene Küche. „Was? Diese ollen Dinger hab’ ich doch schon längst weggeschmissen!“, war ihre Antwort. Wie konnte sie das tun? Für mich bis heute völlig unverständlich, ich hätte sie mein Leben lang behalten. Aber auch ohne diese Teller ist Oma immer bei mir. Genau wie meine erste Begegnung mit dem Krieg: 

Um meiner Mutter nicht um die Füße zu tanzen, nahm ich oft Zuflucht auf dem Kachelofen. Dazu musste ich erst auf einen Stuhl klettern, dann einen Fuß in die Ofenröhre stecken und mich das letzte Stück hochziehen. Dort oben störte ich niemanden und konnte mit Begeisterung „Förderkorb“ spielen: Meine Holzbauklötze kamen in ein Körbchen, das ich zu mir hochseilte. Dann spielte ich Krieg: Brrrr, bumm, Brrrr, bumm! Und schon flogen die Holzklötze wie Bomben nach unten – mitten auf meine wunderschöne Puppenstube, die mir Mutter mit den Worten „Vielleicht leben wir nicht mehr bis dahin“ vor meinem 7. Geburtstag geschenkt hatte. Sie war von einem Mann gebaut worden, der wegen seines im Krieg verlorenen Beins nicht mehr an die Front musste. Wie auch immer: Als die Bauklötze auf die Stube trafen, zerbrachen Fenster und einige Möbel. Als ich das sah, heulte ich los. Meine schöne Puppenstube, meine schöne Puppenstube! Mutter kam ins Zimmer, sah die Bescherung und sagte: „Ja, mein Kind, jetzt weißt du, was der Krieg anrichten kann. Er macht alles kaputt!“ Ab diesem Moment wusste ich, was Krieg bedeutete.  

5

Von Scharfschützen. Und Schokakola-Büchsen.   

Nach den Bomben kamen schon bald die Granaten. An dem Tag, als sie sich dem Bahnhof näherten, liefen Mutter, Tante Trude und wir Kinder dorthin, um zu sehen, ob noch ein Zug in Richtung Westen fuhr. Unsere kleine Gruppe erreichte den Bahnhof zeitgleich mit dem Beschuss, sodass wir uns unter einem Güterwagen verstecken mussten. Da lagen wir nun im Dreck – mit unseren Sonntagskleidern. Weil keine Züge mehr fuhren, war guter Rat teuer. Mutter beschloss, unsere Rucksäcke zu packen und mit uns nach Westen, weg von den Russen, zu gehen. So erreichten wir schließlich Berlin – wie genau, ob per Anhalter oder zu Fuß, weiß ich nicht mehr. Aber in Berlin stand kein Stein mehr auf dem anderen. Als Tante Trude das sah, wollte sie wieder zurück nach Frankfurt / Oder zu ihrer Mutter und den Großeltern. Sie kehrte um, aber wir marschierten weiter, erst bis Potsdam und dann bis Caputh, wo wir uns einige Tage ausruhen konnten. Schließlich vertrieben uns auch hier die feindlichen Flieger mit ihren Bomben im Bauch. Von unserem Aufenthaltsort hörten wir die Bomben und sahen, wie sich die lodernden Flammen durch Potsdam fraßen.  

Auf dieser Flucht lernte ich die Bedeutung der Himmelsrichtungen: Im Osten ging die Sonne auf, dort waren die Russen. Im Westen ging sie unter, dort mussten wir hin, lehrte uns die Mutter. Eines Tages stießen wir auf einen großen Treck von Menschen, meistens Alte und Frauen mit Kindern, die ihre wenigen verbliebenen Habseligkeiten in Rucksäcken, Bündeln und Koffern mit sich schleppten. Wir schlossen uns ihnen an und zogen in der langen Menschenschlange auf der Landstraße dahin. Es gab weder Essen noch Trinken, alle waren geschwächt. Der Treck bewegte sich nur langsam – bis plötzlich aus dem Nichts heraus Flieger auf uns herabschossen und das Feuer eröffneten. Die Menschen stürmten auseinander und warfen sich in die Gräben neben der Straße oder suchten in den Feldern Schutz. Nur ich – stand wie angewurzelt. Voller Staunen, mit offenem Mund. Ein Flugzeug kam so weit herunter, dass ich noch heute den Schützen am Maschinengewehr vor mir sehe. Er trug eine Fliegerkappe und hatte ein schmales, hageres Gesicht. Der Schütze musste mich ebenfalls gesehen haben: Ein Mädchen, das alleine auf der Straße stand und zu ihm hinaufschaute. Hatte er Mitleid und schoss deswegen nicht auf mich? Ich weiß es nicht. Worin ich mir aber sicher bin, ist: So wie ich noch sein Bild in meiner Erinnerung trage, so wird er auch meines bis an sein Lebensende nicht vergessen haben. 

Die Flieger waren so schnell verschwunden wie sie kamen. Ich rannte zu einer Frau, die am Straßenrand lag und um Hilfe schrie. Ihr halbes Bein war weg, am Oberschenkel abgeschossen. Wie sollte ich ihr helfen? Mutter kam auf mich zu gerannt, schnappte sich meine rechte Hand und zog mich weg. „Bist du verrückt, mitten auf der Straße stehen zu bleiben? Du könntest tot sein!“ Sie war wie von Sinnen vor Angst: „Von jetzt an gehen wir nur noch durch den Wald in Richtung Westen. So etwas will ich nie mehr erleben!“ Gesagt, getan. Wir bogen so bald wie möglich in den Wald ab und wanderten dort auf die untergehende Sonne zu. Zwei oder drei Nächte schliefen wir auf dem kalten, moosbewachsenen Boden. Haben wir in dieser Zeit etwas gegessen? Vielleicht die jungen Blätter von den Bäumen, ich weiß es nicht mehr. Wir liefen weiter bis sich der Wald lichtete.

Vor uns lagen verlassene Holzbaracken, ein ehemaliges Lager der Armee. Zwei Soldaten tauchten auf und erlaubten uns, in einer der Baracken zu bleiben: „Ihr könnt euch eine aussuchen!“ Wir hofften, etwas zu essen zu finden, fanden aber nichts außer ein paar Scho-

Ka-Kola-Büchsen. Unser Hunger war groß und die Scho-Ka-Kola eine willkommene Magenfüllung. Das Resultat dieser Mahlzeit: Wir waren übermütig und spielten mit den Büchsen Diskuswerfen. Danach versuchten wir zu schlafen, was uns auch irgendwann gelang. Am nächsten Morgen waren die beiden Soldaten weg, und Mutter wurde es unheimlich. Also nahmen wir uns drei Wolldecken und wanderten weiter gen Westen, so lange bis wir die Elbe erreichten. Aber wie sollten wir über den Fluss kommen? Es gab keine Brücken mehr. Zum Glück trafen wir einige Männer in Zivilkleidung, eigentlich deutsche Soldaten, die wohl desertiert waren. Irgendwie hatten sie es geschafft, sich ein Schlauchboot zu organisieren. Zwei dieser Männer brachten uns damit über den Fluss in das eroberte Gebiet der Amerikaner, und wir liefen weiter bis zu einem kleinen Ort namens Colbitz. 

Dort wurden wir aufgenommen und bekamen als Geflüchtete in der Dorfschule die Ecke eines Klassenzimmers zugeteilt, wo wir mehr schlecht als recht hausten. Ein paar Tage später nahm uns eine Bauernfamilie auf – wir Kinder durften die Erwachsenen „Tante Agnes“ und „Onkel Otto“ nennen. Nach den furchtbaren Wochen auf der Flucht war der Bauernhof für uns Kinder wie ein kleines Paradies. Endlich konnten wir wieder in einem Bett schlafen: Wir lagen auf einer weichen Matratze, während uns eine dicke Federdecke von oben wärmte – himmlisch, wenn man bedenkt, dass wir vorher im Freien unter dem kalten Nachthimmel kampieren mussten. Tante Agnes und Onkel Otto waren sehr großzügig unserer kleinen Familie gegenüber. Sie behandelten uns Kinder immer sehr liebevoll, bei ihnen fühlte ich mich gut aufgehoben und wie zuhause. Onkel Otto hatte graue Augen, die voller Lebensfreude funkelten. Er war nicht sehr groß, aber athletisch. Von Beruf war Onkel Otto Eisenbahner, jemand, auf den sich die Kollegen und Kunden verlassen konnten. Tante Agnes war ebenfalls sehr nett. Ich mochte ihre sanfte, ruhige Art. Ihre Augen lachten mehr als ihr Mund. Ehe sie morgens auf die Felder ging, teilte sie uns eine Aufgabe für den Tag zu. Mal musste ich die Kartoffeln für das Schwein aus dem Keller holen, mal die Ziege füttern, mal durfte ich in der Küche helfen. Wir hatten keine Spielsachen, aber wir machten uns diese Aufgaben zum Spiel. Für mich war es ein Vergnügen, mich um die Tiere zu kümmern – mit Ausnahme der Gänse. Auf die war ich nicht gut zu sprechen, weil der Ganter seine Familie vor mir beschützen wollte. 

Onkel Otto hatte ein Fahrrad und erlaubte mir, damit das Fahren zu erlernen – was ich auch voller Begeisterung tat. Bis zum Tag der Befreiung am 8. Mai 1945 hatte ich fleißig geübt und fühlte mich sicher genug, um einen Ausflug zu machen. Und so fuhr ich einfach drauf los, bis ich zu einer wunderschönen Wiese kam. Dort legte ich mich ins Gras zwischen unzählige bunte Wildblumen. Ich lag ganz still und lauschte dem Summen um mich herum, dem Singen der Insekten. Wie ein Heureka kam mir der Gedanke: „Frieden! Ja, endlich Frieden! Das ist Frieden… ein Zauberwort!“ 

Die Monate auf dem Bauernhof waren für mich wohltuend, aber auch sehr lehrreich. Sie  haben immer noch sichtbare Spuren hinterlassen: Eine Narbe an meinem linken kleinen Finger erinnert mich zum Beispiel noch heute daran, wie ich auf dem Kartoffelfeld des Bauern im Sommer oft zwei Kiepen voller Melde schnitt. Eine für das Schwein, die zweite für die Ziege. Wenn eine Kiepe gefüllt war, ging ich zum Zaun und schüttelte die Kiepe auf der anderen Seite aus, um die Melde auf einem Haufen zu sammeln, bevor ich sie zum Bauernhof brachte. Eines Tages kam ein Bauer vorbei, sah meine Melde und lud sie einfach auf seinen Pferdewagen. Der wollte meine Melde stehlen! Ich rannte zum Zaun und schrie ihn an: „Das ist meine Melde, gib sie mir sofort zurück.“ Er aber lachte nur und fuhr einfach davon. Voller Wut begann ich meine Arbeit von neuem und schnitt mir dabei mit der Sichel in den kleinen Finger. Von diesem Tag an grüßte ich den Bauern nicht mehr, sondern beschimpfte ihn jedes Mal, wenn ich ihn sah.

Neben dem Fahrradfahren lernte ich bei Tante Agnes und Onkel Otto auch das Stricken. Diese Szene sehe ich noch deutlich vor mir. Von rechts nach links konnte ich schon, aber dann? Mutter hatte keine Zeit, dieses Geheimnis zu lüften beziehungsweise zu stricken, und vertröstete mich auf den Abend. Ungeduldig wie ich war, wollte ich nicht so lange warten. Anstatt die Nadel mit der rechten Hand weiter zu führen, nahm ich sie in die linke Hand und strickte wieder zurück wie eine Strickmaschine. Als Mutter das am Abend sah, schmunzelte sie und zeigte mir, wie man richtig hin und wieder zurück strickte. Das Gestrickte umzukehren, darauf war ich nicht gekommen. Eine weitere Szene fand dann später vor dem Haus statt. Tante Agnes, Mutter und ich saßen auf der Treppe und schälten Kartoffeln. Tante Agnes staunte: „Siehst du, wie die Kleine das Messer hält und die Kartoffeln schält? Wie eine Alte.“ Und Mutter antwortete: „Ja, ich weiß, wenn sie es will, kann sie alles, aber wehe, sie will nicht! Dann kannst du dich auf den Kopf stellen, sie wird es nicht machen.“ 

Diese Worte habe ich oft in meiner Kindheit gehört. Sie gaben mir die Gewissheit, Vorhaben anzugehen und durchzuhalten. Wenn ein Ziel auf dem ursprünglichen Weg nicht erreichbar war, musste ich eben einen anderen finden.  

Wir fühlten uns wohl in Colbitz und wären bestimmt noch eine Weile geblieben, wenn nicht eines Tages Tante Trude aufgetaucht wäre. Mutter hatte ihr wohl geschrieben. Tante Trude wollte uns zurück nach Hause holen – und zwar mit dem Zug. Beim Packen unserer Sachen sagte sie mit einem Lächeln: „Erst die Fressalien, dann die Paranoten.“ Vereinzelt fuhr die Eisenbahn schon wieder, und diese Fahrt war für uns ein echtes Abenteuer. Unser Zug war nicht nur überfüllt, sondern viel mehr als das: Weil innen kein Platz mehr war, klammerten sich die Menschen draußen an alles, was sie halten konnte. Wie Trauben am Rebstock hingen sie an den Waggons. Auch auf dem Dach war jeder Zentimeter von Menschen und ihrem Gepäck bedeckt. Wir kamen zu spät und fanden nirgendwo Platz. Ein Bahnarbeiter hievte uns dann einfach auf den Kohlentender und gab jedem von uns einen Jutesack. Den sollten wir uns später über den Kopf stülpen, damit uns die Funken aus dem spuckenden Schornstein nicht trafen. Das war alles andere als bequem, denn die Kohlen drückten uns in den Allerwertesten – aber es war immer noch besser als zu laufen. Und wir hatten eine herausragende Aussicht! Zumindest am Anfang, bis wir mit jedem Stück Kohle, das verbraucht wurde, weiter nach unten rutschten. Irgendwann sahen wir nur noch die Metallwand des Tenders, und als wir in Frankfurt ankamen, saßen wir fast auf dem Boden, schwarz vor Ruß. 

6

Von Opa. Und Oma.

In Frankfurt an der Oder standen wir vor der Ruine unseres Wohnhauses. Die deutschen Soldaten hatten den ganzen Block gesprengt, damit die dort gelagerte Munition nicht in die Hände der Russen fiel. Wir suchten in der Ruine nach unserem Hab und Gut – und fanden nichts Brauchbares außer das Hitlerbild, welches Mutter vor dem Verlassen der Wohnung hinter den Ofen gestellt hatte. Es war noch unversehrt. Ironie! Da wir nicht dortbleiben konnten, nahmen uns Opa und Oma auf, die inzwischen in einer 1,5-Zimmer-Wohnung lebten. Da waren wir nun, vier Generationen an einem Ort eingepfercht: die Urgroßeltern, unsere Großtante Martha, Mutters Cousine Trude, Mutter und wir Kinder. Mutter und wir Kinder lebten in dem halben Zimmer. Und im großen Raum schliefen die anderen: Oma und die beiden Tanten im Ehebett. Opa schlief auf einer Couch, die am Fußende des Bettes stand. 

Es wurde Winter, und Opa musste Tag für Tag raus in die Kälte, um für unseren Ofen Brennholz in den Trümmern zu suchen, zum Beispiel Teile von Treppengeländern oder Dachstühlen. Dabei erkältete er sich und bekam eine schwere Lungenentzündung, die er nicht überlebte. In seiner letzten Nacht weckte uns Mutter auf: „Bitte gebt Opa einen Kuss zum Abschied. Er stirbt.“ Nach seinem Tode brachte man ihn in den Keller. Er wurde auf einem Bügelbrett aufgebahrt, und ich konnte einfach nicht glauben, dass er tot war. Immer wieder ging ich in den Keller und bat ihn: „Bitte wach auf!“ Wie konnte er auch tot sein, er war ja nicht verletzt?! Opa lag dort und sah aus, als ob er schlafen würde. Tote kannte ich nur als verletzte Menschen, die zum Beispiel ein Bein verloren hatten und daran gestorben waren. Manche Tote waren auch zerfetzt oder verbrannt… 

Einige Tage nach Opas Tod wurde er auf dem neuen Friedhof in Frankfurt / Oder beigesetzt. An diesem Tag war Oma nicht in der Lage aufzustehen. Sie lag im Bett und sagte zu uns, bevor wir zur Beisetzung gingen: „Bittet den Totengräber, die Grabstelle neben Opa freizuhalten. Ich komme auch bald.“ An Opas Beerdigung stand ich vor dem Grab und weinte bitterlich. Als man den Sarg in die Gruft hinunterließ, wurde mir schlagartig klar, dass Opa nie mehr zurückkommen würde. Mutter versuchte mich zu beruhigen, ohne Erfolg. Der Verlust von Opa erschütterte meine Seele zutiefst. Ein paar Tage später waren Oma und ich alleine in der Wohnung. Sie rief mich zu sich: „Bitte setz dich zu mir. Ich werde jetzt zu Opa gehen. Und du, meine Kleine, versprich mir, immer gut zu sein, nicht zu lügen und auf deine Mutter zu hören. Vom Himmel aus werde ich dich sehen und auf dich aufpassen.“ Oma nahm meine Hand. Ich saß ganz ruhig, still und spürte meine Finger in ihrer weichen, warmen Hand, die sich auf dem Weg zu Opa leicht hin und her bewegte. Schließlich lag die Hand still und Oma atmete nicht mehr. Sie war bei ihrem Mann, mit dem sie etwa 70 Jahre lang verheiratet war. Ich saß noch eine Weile bei ihr, dann zog ich meine Hand aus ihrer, ging raus auf die Straße und setzte mich vor das Haus. Als Mutter zurückkam, erzählte ich ihr, dass Oma gestorben war, und was sie gesagt hatte.

Ich hatte ein starkes, inniges Verhältnis zu Oma – und in meinem späteren Leben oft das Gefühl, dass sie tatsächlich vom Himmel aus über mich wachte. Auch heute noch denke ich oft an sie – spätestens beim Staubwischen des Schreibtisches, wo ein Bild von Oma und Opa steht. 

Kurze Zeit nach dem Tod von Oma und Opa wurde uns eine neue Wohnung zugewiesen, in der Rathenowstraße 48. Deren Besitzer waren nicht aus dem Krieg oder von der Flucht zurückgekehrt. Es war zwar nur eine 1-Zimmer-Wohnung, aber wir konnten sie unser Eigen nennen. Mutter war zufrieden. In der Wohnung fand sie eine Nähmaschine, und mit großem Geschick zauberte sie aus zwei alten Kleidern ein neues für sich. Eine Wolldecke verwandelte sie für mich in eine warme Hose. 

7

Von Vergewaltigung. Und Vergebung.

Vor kurzem sah ich einen Film, an dessen Titel ich mich leider nicht mehr erinnern kann. Er spielte gleich nach der Kapitulation Nazideutschlands und handelte von einer Frau, die sich in Berlin einen gebildeten russischen Offizier als Liebhaber nahm. Dieser Offizier gab ihr Schutz vor den Vergewaltigungen durch die einfachen Soldaten, welche den deutschen Frauen seinerzeit viel Leid antaten. So ähnlich wie in dem Film muss es damals auch meiner Mutter ergangen sein… Sie wusch die Wäsche für einen russischen Offizier, Ivan, und war – vielleicht – seine Geliebte. Er schenkte ihr Seife und fast täglich einen kleinen Eimer voll mit Essen. Auch Kartoffelschalen waren dabei. Die kochten und zerdrückten wir, um auf dem Kohleherd ohne Fett Kartoffelpuffer zu backen. Das war dann unser Frühstück – und wenn es keine gab, mussten wir hungrig in die Schule gehen. An eine Begebenheit aus dieser Zeit erinnere ich mich besonders:  

 

Mutter war nicht zu Hause, nur mein Bruder und ich. Es klopfte an der Wohnungstür, wir hörten eine laute Stimme: „Aufmachen! Kommandantur!“ Also öffneten wir und ein russischer Soldat trat ein. Er trug eine Pistole im Halfter und setzte sich in die Küche, wollte auf Mutter warten. Weil es schon spät war, gingen Wolfgang und ich ins Bett und schliefen irgendwann ein. Wie lange es dauerte, bis wir geweckt wurden, weiß ich nicht mehr. Aber wir wurden wach, weil wir Mutter schreien hörten und sie in unser Zimmer gestürzt kam. Sie befahl Wolfgang, aus dem Fenster zu springen – wir wohnten Parterre – um Ivan zu holen, so schnell wie möglich. Wolfgang rannte los. Und ich? Sah, dass der Soldat seine Waffe gezogen hatte und auf Mutter richtete. Ich hörte seine lauten Worte und das Geschrei meiner Mutter, dann betrat Ivan plötzlich die Wohnung und befahl dem Soldaten, ihm die Waffe zu geben. So bewahrte er Mutter mit Sicherheit vor einer Vergewaltigung. Damals wurden die Frauen oft nicht nur von einem Soldaten, sondern von mehreren vergewaltigt – das kennen wir aus allen Kriegen. 

Es war anscheinend besser, sich einem russischen Offizier freiwillig hinzugeben. Hätte ich das unter diesen Umständen auch gemacht? Keine Ahnung. Aber ich verurteile meine Mutter nicht – wieso auch, sie tat, was zum Überleben nötig war. Mutter stand ja vor dem Nichts, als wir nach Hause zurückkehrten, buchstäblich vor den Trümmern ihres Lebens. Dabei war sie noch jung, erst 33 Jahre alt, und sehr gutaussehend. Da kann ich mir schon vorstellen, dass sich die Männer für sie interessierten. Wir Kinder hinterfragten das alles nicht: Alles, was in dieser Zeit passierte, war für uns normal. Schließlich kannten wir es nicht anders – der Krieg und der Hunger, das Chaos und das Frieren gehörten für uns zum Leben dazu. So war es nun mal. Erst aus heutiger Sicht weiß ich, dass wir mit großen Entbehrungen aufgewachsen sind und in einer Ausnahmesituation lebten. Der Krieg hatte uns die behütete Kindheit gestohlen.

Ein paar Wochen nach dem erschreckenden Erlebnis mit dem Soldaten in unserer Wohnung wurden Wolfgang und ich nach der Schule in ein katholisches Waisenhaus gebracht. Man sagte uns, dass es nicht anders ginge, weil Mutter krank sei und ins Krankenhaus musste. Von einer Krankheit hatten wir vorher nichts bemerkt. War sie schon mal vergewaltigt worden? Hatte sie eine Abtreibung? Das Waisenhaus war für uns sehr seltsam: Wir Kinder mussten dreimal am Tag beten. Das Wort „beten“ war neu für uns – und das Beten dementsprechend auch. Mutter war Atheist – das Resultat ihrer Kindheitserfahrung. Wir wollten natürlich wissen, wie es Mutter ging und nutzten einen Spaziergang mit den Nonnen, um auszubüxen und ins Krankenhaus zu laufen. Dort fragten wir uns zu Mutter durch und bettelten sie an, bei ihr bleiben zu dürfen. Essen bräuchten wir nicht, und schlafen würden wir unter ihrem Bett. Das ging natürlich nicht – und kurze Zeit später brachte uns eine Nonne wieder zurück ins Waisenhaus. Zum Glück ging diese Zeit schnell vorüber: Mutter wurde bald entlassen, holte uns nach Hause, und wir waren wieder vereint.   

Wie gerne hätte ich von Mutter die Geschichte hinter der Geschichte gehört. Ich habe sie oft danach gefragt – genau wie nach meinem Vater und den Großeltern, die ich ja nicht kannte. Aber sie erzählte nie etwas, sagte nur: „Das ist Vergangenheit. Und was vergangen ist, soll man ruhen lassen.“ Deswegen bleibt vieles im Dunkeln. 

8

Von Willi. Und Wille. 

Einige Monate später kam ein Glückstag – für Mutter, nicht für uns Kinder. Was war passiert? Nun: Mutters neuer Partner tauchte auf. Ich erinnere mich noch genau an die erste Begegnung. Wolfgang und ich spielten vor dem Haus, als mich ein Mann ansprach und fragte, ob in diesem Haus eine gewisse Frau Rebel wohnen würde. Ein Blick in das Gesicht des Fremden genügte, um eine so starke Abneigung in mir zu wecken, dass ich ihn garstig anherrschte: „Lassen Sie meine Mutter zufrieden und hauen Sie ab.“ Natürlich passierte das Gegenteil, mehr noch: Der Mann zog bei uns ein.

In der Zeit nach dem Krieg gab es viele verwitwete Frauen, die nach einem neuen Partner, einem Vater für ihre Kinder suchten – und die Männer waren rar. Dementsprechend glücklich konnte sich meine Mutter schätzen, dass Sie Willi getroffen und ihn für sich gewonnen hatte, kurz nachdem er aus der russischen Gefangenschaft kam. 

Wir wohnten immer noch in der 1-Zimmer-Wohnung, die man uns nach dem Krieg zugewiesen hatte. Der große Raum war Wohnzimmer, Schlafzimmer und Kinderzimmer in einem. Auf der einen Seite des Ehebettes schliefen Wolfgang und ich, auf der anderen Seite Mutter und der Fremde, Willi. Das bedeutete natürlich eine riesige Veränderung in unserem Alltag – und in der Nacht. Manchmal wurde ich wach, weil das Bett wackelte, Mutter seltsam stöhnte, und ich die leise Stimme des Mannes hörte: „Scheißerchen, Scheißerchen, du bist mein Scheißerchen.“ Was sollte das denn, fragte ich mich? Weshalb sagte der fremde Mann zu meiner Mutter „Scheiße“? Das war ein Schimpfwort, und Mutter ließ sich das einfach so gefallen? Ich war zu jung um zu wissen, was da vor sich ging…

Bis dahin war ich ohne Vater aufgewachsen – und plötzlich gab es da einen Mann, der uns sagte, was wir zu tun hatten? Und dann wollte Mutter den auch noch heiraten! Sollte er nun unser neuer Vater sein?! Wolfgang nahm das so hin, wie ich glaube, aber ich war dagegen und zeigte meinen Unmut offen. „Wir hatten keinen Vater. Und wir brauchen auch keinen! Du bist gemein“, schrie ich sie an. Die arme Mutter! Sie war so verliebt. Weil sie wohl geahnt hatte, wie ich reagieren würde, verschwieg sie mir später ihre Heirat. Ich erfuhr davon nur durch Zufall, weil ich mich wunderte, dass Mutter eines nachmittags nicht zu Hause war. Wolfgang sagte dann zu mir: „Na, die sind heiraten gegangen.“ Ein paar Stunden später habe ich meinen Bruder erwischt, wie er auf der Toilette saß und Hochzeitskuchen aß. Da flippte ich völlig aus und schlug auf ihn ein. Ich habe mich aufgeführt wie eine Furie. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich auch mit Kuchen um mich geworfen. Das zu tun kam einer Sünde gleich. 1949, vier Jahre nach der Kapitulation Deutschlands, waren die Bäcker nicht einmal in der Lage, jeden Tag Brot anzubieten – von Kuchen ganz zu schweigen. Ob ein Bäcker Brot backen konnte, hing davon ab, ob er genügend Mehl bekam. Wenn er welches hatte, wurde es mit Spreu oder, wer weiß, womit noch, gestreckt. Vor den Läden bildeten sich lange Schlangen mit geduldig wartenden Menschen. Manchmal hatte man Pech, und das Brot war ausverkauft, bevor man an der Reihe war. So ist es mir einige Male ergangen. Ein schlimmes Gefühl, hungrig und den Tränen nahe, mit leeren Händen nach Hause gehen zu müssen. Wenn ich Glück hatte und ein noch warmes Brot ergattern konnte, knabberte ich auf dem Heimweg ein bisschen daran herum. Das schöne Gefühl, endlich wieder satt zu sein, ließ mich dann fröhlich auf der Straße herumspringen. Dabei vergaß ich, dass die Mutter wegen des angeknabberten Brots schimpfen würde; vielleicht war sogar eine Ohrfeige drin. Und heute? Lebe ich im Gegensatz zu früher mit zu viel von allem. Da frage ich mich: Wer braucht so viele Sorten Brot, Kuchen, Joghurt, Käse und die ganzen anderen Dinge, die man im Supermarkt kaufen kann? Im Überfluss zu leben, bezeichne ich als Dekadenz. Und lehrt uns die Geschichte nicht, dass Dekadenz der Anfang vom Ende ist?