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Die Demenz verändert eine 50-jährige Partnerschaft und ˛führt Hella nach sieben Jahren der Erkrankung in die Isolation eines Pflegeheimes und Ole in die Einsamkeit ein ungewollter und schmerzvoller Abschied. Die Liebe zu seinen Kindern und die unverhoffte Begegnung mit Lene, einer flüchtigen Bekanntschaft° aus Jugendtagen, nimmt ihm schließlich die Entscheidung ab, sein leer gewordenes Leben zu beenden. Die unerwartete Bereitschaft° zu einer neuen tieferen Beziehung verwickelt Ole in Konflikte Verwirrungen und Schwierigkeiten. Will er Lene nicht wieder verlieren, muss er sich mit ihren besonderen Lebensverhältnissen und Erfahrungen, mit seinen Kindern und vor allem auch mit sich selbst auseinandersetzen. Ein schwerer, aber am Ende vielleicht doch gangbarer Weg für alle Beteiligten - von Selbstzweifeln, kritischen Einwänden, aber auch von gegenseitiger Wertschätzung und Liebe begleitet.
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Seitenzahl: 244
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Für Helga, Till, Jana
und Birgit
ROMAN
Ein ungewollter Abschied
und eine unverhoffte Begegnung
Mit Aquarellen und Acrylbildern
von Michael Lawrence
Dieser Erzählung liegen authentische Vorkommnisse zugrunde, die Personen der Handlung sind nicht frei erfunden. Und dennoch: Es wird nur manches so oder so ähnlich gewesen sein.
Erinnerungen sind Erfindungen aus Mosaiken des gewesenen Faktischen, aber deswegen nicht weniger wahr.
Erster Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Zweiter Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Aber er ist doch immer für sie da gewesen.
Für wen?
Für alle, eigentlich.
Vielleicht für die, die ihm wichtig waren.
Aber sie war ihm doch wichtig. Und ist es auch noch.
Sie? Ja. Sie war ihm wohl wichtig. Aber bis zuletzt? Ich meine: Auch jetzt noch?
Was hätte er denn machen sollen? Es ging ja nicht mehr. Schwer zu beurteilen.
Bemüht hat er sich doch all die Jahre. Es muss schwer sein, das zu tun, was er für sie getan hat.
Aber das hat sie auch, was für ihn getan. Ein Leben lang. Da hat er wohl eher von profitiert.
Mag sein. Aber in den letzten Jahren hat er sie umsorgt und gepflegt. Auch nachts. Da kann einer irgendwann nicht mehr.
Obwohl er ja auch Unterstützung hatte. Eine Gesellschafterin, wie man wohl sagt. Da hat er sich doch erholen können. Für sich sein, wenn du das meinst.
Ab und zu. Aber wie lange reicht das, wenn die Lage so ist, wie es ist …
Hat er das denn genau gewusst, das mit der Lage?
Hat er wohl. Soviel man eben wissen kann, wenn man nicht vom Fach ist oder nicht alle möglichen Bücher liest.
Darüber steht doch jetzt dauernd was in der Zeitung drin.
Ja, in der Zeitung! Aber das hat er wohl auch so alles wissen können. Hat der Alltag ihm schon beigebracht in den Jahren.
Es soll doch ein Mittel dagegen geben, schreiben sie. Kann sein. Geredet wird viel. Aber helfen tut wohl noch nichts so richtig.
Vielleicht hätte er ja auch noch etwas warten können.
Worauf? Auf ein Wunder?
Auf die Lösung des Problems.
Jetzt ist es doch zumindest so gelöst, dass jeder damit leben kann.
Sie auch?
Sie auch. So gut es eben geht. Die Pflege, die ihr das Leben jetzt angenehmer oder zumindest erträglicher macht, die wäre ihm doch gar nicht möglich gewesen.
Was für ein Leben?
Immerhin vielleicht ohne Schmerzen und mit Würde, wenn es so etwas noch gibt in dem Zustand. Zumindest ist es nicht mehr dasselbe wie vorher.
Sie ist ja wohl auch nicht mehr dieselbe wie vorher. Nichts ist mehr dasselbe.
Und was hat das Ganze dann noch für einen Sinn? Wer soll bestimmen, wann ein Sinn aufhört?
Na, dann, wenn man selbst nichts mehr regeln kann. Und wenn man noch fühlt, ab und zu genießt, noch lachen kann? Wenn vielleicht auch nur kleine Bruchstücke von Erinnerungen ein angenehmes Gefühl auslösen?
Ich weiß nicht. Eben.
Und woher willst du wissen, dass sie das alles noch so mitkriegt? Ich meine, wie kann man wissen, dass sie das wahrnimmt?
Ich weiß das nicht, aber er sagt, dass das so ist, wenn ihre Augen seine suchen und lächeln, sagt er.
Können Augen lächeln?
Können sie, sagt er. Wenn ihre Hand seine berührt, ihre Gesichtszüge heller werden oder wenn er aus ihrem Mund dann Laute hört.
Spricht sie denn nicht mehr richtig?
Jedenfalls nicht mehr so, dass man wissen könnte, was sie genau meint.
Also.
Was heißt also? Einzelne Wörter, Laute, sagt er, lassen ihn spüren, was sie fühlt.
Sagt er!
Ja, sagt er.
Aber so richtig unterhalten geht nicht mehr?
Nicht so wie früher. Aber er spricht so, als verstünde er sie. Und sie reagiert wohl auch irgendwie so, dass er einfach annimmt, dass er sie tatsächlich verstanden hat. Sag also nicht, dass sie sich nicht mehr unterhalten können.
Na ja. Wie auch immer. Bestimmt jedenfalls nicht leicht für ihn.
Wohl nicht. Okay, man sieht sich. Ja. Bis dann.
Beide verließen den Stehtisch an der Tankstelle in verschiedene Richtungen.
Wo bist du
In deiner Welt?
Sich verdunkelnde Pfade,
Splitter und Bruchstücke
Verstellen den Weg
Zu dir
Frau in Landschaft
Hella hörte den Gesprächen zu, solange sie folgen konnte.
Wenn es zu unverständlich hin und her ging und keine neuen Gedanken für sie erkennbar wurden oder eine klare Meinung, die ihr und ihrem Leben, ihrer Art zu denken guttat, sie irgendwie zumindest ein wenig in dem bestätigte, was sie in all den Jahren erfahren hatte und fühlte, befreite sie sich aus der Situation durch Geschäftigkeit, durch die Erledigung von Dingen, die ihr notwendiger und sinnvoller erschienen, als sich dort zum Bleiben zu zwingen, wo sie jedenfalls für den Moment nicht glaubte, hinzugehören.
Es gab immer genug zu tun, wenn Freunde da waren. Seine Freunde. Sie waren in der Regel klug und freundlich, auch zu ihr, aber eben doch eher Bekanntschaften aus seiner Studienzeit oder Schule, oft Lehrer. Sie mochte Lehrer nicht so besonders gern. Vielleicht weil sie keine gute Schülerin gewesen war. War sie das eigentlich nicht? Es blieb ja auch nicht viel Zeit, das zu werden.
Der Vater war nach dem Krieg noch weit weg im Arbeitsdienst im Ruhrgebiet. Die Mutter war krank. Sie konnte sich nicht so, wie sie es gewollt hätte, um sie und die drei älteren Schwestern kümmern, die aber auch schon auf dem Weg waren, die kleine elterliche Wohnung in der Finnenhaussiedlung zu verlassen.
Der zurückkehrende Vater, den sie nur als Fremden erkannte, fand zwar Arbeit in einer Eisengießerei auf der Werft, musste dann aber zusätzlich als Kellner bescheiden zum Unterhalt beitragen, bis ihm im Moment einer Unachtsamkeit flüssiges Eisen in den Stiefel lief und den Fuß verbrannte.
Ihr, der Kleinsten, oblag es, sich um die verwirrte Mutter mit dem „gespaltenen Geist“ und den Haushalt zu kümmern. Es blieb eben nicht viel Zeit.
Gesprochen wurde nicht viel, am Abend wurden manchmal vor der „Hexe“, einem kleinen gusseisernen Ofen, Lieder gesungen, auch mit der schon erkrankten Mutter, vom Vater auf seiner böhmischen „Fiedel“ begleitet. Es gab nicht viel zu erzählen, wovon auch?
Vielleicht vom Rollschuhlaufen auf der ersten, aber noch kaum befahrenen Teerstraße, die den Berg hinab zur nächsten Stadt führte, oder von den mühevollen Arbeitseinsätzen der Kinder auf den Feldern beim Rübenverziehen oder Kartoffelsammeln oder den alltäglichen kleinen und größeren Anstrengungen, die nötig waren, den Lebensunterhalt zu sichern? Oder davon, dass sie sich schämte, ohne hinreichendes Geld zum Kaufmann zu gehen? Oder dass sie sich mit Jungs geprügelt und ihre Kleidung zerrissen hatte? Oder nach dem Toben im Heißhunger zu viel von dem spärlichen Brot und der Milch genommen hatte?
Nein, es gab nicht viel zu erzählen, schon damals nicht. Sie klärte die Dinge so für sich, dass sie damit umgehen konnte. Der Schmerz, für den Misserfolg gescholten zu werden oder sich rechtfertigen zu müssen, ließ sich auf diese Weise weitgehend vermeiden.
So konnte sie stark werden in dem, was sie tat, was sie nicht tat, was ihr gelang, was sie versäumte, und sie lernte, Fehlverhalten und Schwächen mit Lebensfreude und Zuversicht zu begegnen.
Hella hätte eine gute Schülerin sein können oder war es sogar auf ihre Weise, wenn sie sich morgens mit dem Schulbrot gutgelaunt aufmachte, dabei Lieder sang oder sich mit Vorliebe lange Gedichte vortrug.
Die Komplizierung von Sachverhalten und Gesprächsverläufen schien ihr auch später noch als Frau unnötig und war ihr deswegen schon eher zuwider, als dass sie Lust verspürt hätte, sich daran zu beteiligen.
Gerne beendete sie solche Situationen mit einer klaren Stellungnahme, die für sie endgültig war und von der kein Teilnehmer in der Runde, wo auch immer, annehmen konnte, dass sie darüber vielleicht doch noch einmal weiterdiskutieren oder nachdenken möchte. Dabei wirkte sie keineswegs verstört, schroff oder irgendwie abweisend, nur entschieden und endgültig.
Hella bewahrte sich so ihre Position und vor allem ihre gute Laune, die sie sich auf gar keinen Fall durch eine wie auch immer geartete Auseinandersetzung trüben lassen wollte.
Die Gäste oder Freunde nahmen es ebenso gelassen und eher erheitert hin, zumal Hella die kleine Gesellschaft gerne dann für den gewährten Freiraum mit Getränken, einem kleinen Imbiss oder leckerem Essen belohnte.
Hattest du etwas?, fragte Ole sie ein wenig vorwurfsvoll.
Das fragst du immer, wenn du das Gefühl hast, dass irgendetwas nicht richtig ist, entgegnete Hella.
Was soll denn nicht richtig sein?
Ach, wie soll ich das wissen. Das ist ja auch egal. Du unterhältst dich mit deinen Freunden über Dinge, die mich nun einmal überhaupt nicht interessieren. Aber selbst dann, wenn sie mich interessieren würden, hätte ich nicht das Gefühl, dass es euch nun unbedingt darum geht zu erfahren, was ich denke.
Ist das mein Problem?, wehrte Ole sich.
Nein, erwiderte Hella. Dein Problem ist, dass du dich dabei vielleicht weniger wohl fühlst, als du zugeben magst, z. B. jetzt, wenn du dich wegwendest …
Ich wende mich weg?, empörte sich Ole innerlich. Vielleicht fällt es dir nicht einmal auf, wenn du mich gar nicht mehr wahrnimmst – wie die anderen übrigens auch – weil die Dinge, über die ihr diskutiert oder auch nur redet, offensichtlich wichtiger sind, oder weil dazu von mir sowieso nichts zu erwarten ist. Stimmt ja auch!
Wie oft fühlte sie sich falsch
Am Platz derer, die sich fanden.
Wie überflüssig, nicht gewollt
Empfand sie sich, wenn die dastanden
Und wichtig diskutierten –
Dann war sie einfach nicht vorhanden –
War es auch nicht von Dauer,
Abseits wuchs die Trauer.
Sie wusste oftmals nicht wohin,
Wenn andere sich voll Stolz genossen
Und sie vergaßen unbewusst,
Ins Auge ihr die Tränen schossen.
Dann zog sie sich ganz still zurück,
Die Kraft schien kurze Zeit verflossen,
Und mochte sie nicht gehen,
Abseits blieb sie stehen.
Wie fremd klang ihr so manches Wort,
Wenn viele kluge Sprüche machten
Und selbstverliebt mal hier, mal dort,
Auch über dumme Witze lachten.
Dann blieb ihr nur der Seitenblick,
Die Helden skeptisch zu betrachten –
Sie tat’s auf ihre Weise,
Abseits blieb sie, leise.
Die Wichtigtuer merkten nichts.
Sie blieben wohlgelaunt und heiter
Und nahmen sich besonders ernst,
Sie machten sich genüsslich breiter,
Bemerkten nicht die stille Frau
Und redeten stattdessen weiter.
Ihre Fragen blieben offen,
Abseits und betroffen.
Nach einer längeren Pause des Schweigens begann Ole etwas ruhiger, versöhnlicher:
Du hast nie gesagt, wie sehr dich das stört. Wie sollte es deiner Meinung nach denn anders laufen?
Es soll ja gar nichts anders laufen. Mir würde es vielleicht mehr Spaß bringen, dabei zu bleiben, wenn das, was ich tue, auch mal eine gewisse Bedeutung in den Gesprächen haben könnte. Aber, ach, ich rede Quatsch. Mach dir bloß kein schlechtes Gewissen. Es ist alles in Ordnung, so wie es ist.
Ole spürte nach wie vor ein Unbehagen, nicht nur über das, was Hella empfand, auch wenn sie es niemals zugeben, es eher mit einer klaren Geste oder einer unmittelbar aufheiternden Reaktion wegwischen würde. Er fühlte sich unwohl. Hella wechselte deswegen den Tonfall:
Wir haben doch auch viel gelacht und Spaß gehabt. Ja, ich auch! Das war doch ein netter Abend. Das war er wohl, bestätigte Ole, aber … ach, lassen wir das.
Genau! Alles gut, schloss Hella das Gespräch, nahm ihn in den Arm, schaltete den Fernseher ein und streichelte zärtlich seinen Kopf, bis sie hörte, dass er auf dem Sofa eingeschlafen war.
Ole war sich sehr unsicher. Er machte sich Vorwürfe:
Wahrscheinlich passiert es tatsächlich hin und wieder, dass ich sie einfach vergesse, wenn ich auf Freunde, Bekannte oder Kollegen treffe und mich ein Thema sehr interessiert. Dann fällt mir womöglich auch nicht auf, dass sie sich irgendwohin zurückgezogen hat. Mir fällt nicht einmal auf, wenn ich sie später erst suchen muss, dass ich mich falsch verhalten habe.
Vielleicht sage ich mir, sie hat wohl etwas Anderes entdeckt, was ihr mehr gefällt als eine Diskussion über ein ihr fernliegendes Thema. Ganz normal, oder? Warum jetzt so späte Zweifel daran? Wenn sie aber berechtigt sind, die Zweifel, was ist dann die Erklärung für mein Verhalten oder die eigentliche Ursache?
Ist es mir etwa peinlich, wenn sie, die Lebenskluge und Hellwache, die sich stolz für alles andere als intellektuell hält, sich von dem selbstverliebten Hin und Her der anderen abwendet, mit einer für mich zweifelsfrei als Spott wahrnehmbaren Geste zurückzieht von einem für sie leicht durchschaubaren Spiel mit Einwänden und Widersprüchen, das solange andauert, bis alle das Gefühl haben, durch ihr kluges Gerede erfolgreich die Basis dafür geschaffen zu haben, sich für den Rest des Abends intelligent betrinken zu dürfen und mit einem sehr feinen Essen zu belohnen, wie immer zubereitet von der pragmatischen Hausfrau, nachdem sie sich still zurückgezogen hat.
Erhält Hella dann sozusagen dadurch ihre Berechtigung an der Teilnahme der scheinbar Wissenden, dass sie für das Wohl aller sorgt und ihr es sogar wohlwollend zugestanden wird, ab und zu einen knappen, spöttischen und doch oft treffenden Kommentar abzugeben, der sonst eigentlich etwas wehtun, zumindest aber erschrecken oder verstören müsste, stattdessen aber irritiert lachend hingenommen wird wie eine kleine Portion Gift, die nötig ist, um die Gesellschaft wachzuhalten und zu weiteren mutigen gedanklichen Verwerfungen zu motivieren?
Würde das aber nicht ehrlicherweise bedeuten, Hella auf das zu reduzieren, was sie nicht sein möchte und auch nicht ist? Führt etwa dieses vielleicht verdrängte und nicht zulässige Bild von ihr dazu, ihre Abwesenheit in der jetzt unerwartet veränderten Situation nicht mehr als so schmerzlich zu empfinden?
Das ist Unsinn und geht zu weit, aber weil es wohl in keiner Weise meine Bereitschaft erklärt oder beeinflusst hat, sie in ein Heim zu geben, auch nicht meine lange abgewehrte Angst, das tägliche und nächtliche Umsorgen und Pflegen nicht mehr schaffen zu können, beruhigte sich Ole.
Anna war froh, endlich einmal mit ihrem Bruder über ihre Mutter reden zu können.
Im Sommer bin ich noch mit unserer Mutter Fahrrad gefahren. Sie hat es geliebt, mit dem roten Kopftuch und den im Wind flatternden Zipfeln über den Deich zu sausen, begleitet von neugierigen und verspielten Schwalben, die mit offensichtlichem Vergnügen zentimetergenau an den Zipfeln vorbeiflogen, um nach einer langgezogenen Schleife zum erneuten Vergnügen zu starten.
Hast du sie denn oft begleitet?, fragte Pelle. Ich kann mich kaum daran erinnern, mit ihr Fahrrad gefahren zu sein.
Wie bitte?, entgegnete Anna. Denk doch mal an unsere große Tour durch Ostfriesland bei ständigem Gegenwind und unglaublichem Regen! Hast du denn die Fahrradausflüge durch den Rögen und an die Ostsee vergessen?
Natürlich erinnere ich mich daran, Anna. Aber da waren wir doch mit vielen anderen unterwegs. Ich meine eher gemeinsame Unternehmungen mit Mama in der letzten Zeit.
Nein, so oft habe ich das nun auch nicht gemacht. Sie ist wohl viel mit Papa gefahren. Er hat oft erzählt, wie sie alles in der Natur so herrlich genießen konnte, dann vor Freude gejauchzt und gesungen und pausenlos davon gesprochen hat, was sie gerade an neuen Eindrücken und Gerüchen wieder aufsaugen konnte.
Papa hat ihr einmal nach einem erst sehr warmen, dann durch einen kräftigen Regenschauer beendeten Sommertag ein Gedicht über all die Sinneseindrücke geschrieben, die sie gerade an so einem Tag so sehr liebte, die Düfte des Sommers, wie sie sagte, und so heißt auch das Gedicht …
Anna holte ein Buch aus der Tasche.
Du kennst es doch auch.
Ja, die Aufzeichnungen von Mama und Papa, aber es fällt mir schwer, darin zu lesen.
Hab ich auch lange nicht können, gab Anna zu. Sie blätterte ein wenig und begann dann vorzulesen:
Die Sonne verschenkt ihren Glanz
An das blendende Gelb ihrer Felder.
Erst nährt sie das Leuchten der Blüten,
Dann treibt sie die Früchte zur Reife.
Die Feuchtigkeit flieht in den Raum
Und ballt sich begierig zu Wolken,
Die kraftvoll und wild sich ergießen –
Ein donnernder Kampf der Gewalten.
Momente nur, dann wieder Stille
Und dampfend eratmet das Land.
Die Düfte, die liebt sie so sehr –
Und darum lieb ich sie noch mehr.
Noch nistet der Regen im Gras,
Saugt reichlich die Würze der Kräuter
Und wogt in wärmenden Wellen
Zum Seegras und salzigen Meer.
Der Staub von gedroschenen Ähren
Wabert in tastendem Schleier
Um Sträucher und witterndes Leben,
Strandend in der Süße des Klees.
Das Abendlicht schärft die Kontraste.
Konturen in sinkendem Rot.
Die Luft erfüllt von der Erde,
Der frisch gebrochenen Kruste.
Wieder entsteht neues Wachstum,
Das Trauernden Zukunft verspricht,
Den Glücklichen kraftvollen Atem
Für weitere Hoffnung und Mut.
Möglich, dass ich es einmal gelesen habe, überbrückte Pelle die Stille, als Anna erfolglos gegen Tränen ankämpfte, aber glücklich darüber war, mit ihrem Bruder über die Veränderungen, die ihr so wehtaten, sprechen zu können.
Wie gehst du damit um?, fragte sie ihn nach einer Weile.
Wie soll ich damit umgehen? Es ist, wie es ist, antwortete er, aber es klang nicht so selbstverständlich wie aus dem Mund der Mutter und wie er es sich vielleicht gewünscht hätte.
Hört sich mir zu einfach an. Wie ein Schlussstrich unter ein Kapitel, dessen Verlauf man lieber nicht mehr hinterfragen möchte, aus Angst vor ungewollten Fragen. An welche Fragen denkst du? Nun komm schon! Ich will nichts verdrängen!
Ach, Pelle, entgegnete sie, natürlich steht hinter dem Satz ‚Es ist wie es ist’ ein wenig der Wunsch, dass man sich mit einer ungeliebten Situation zufriedengeben möchte, ohne unnötig Wunden oder Irritationen wachzurufen.
Was soll dabei auch herauskommen?, hielt er resigniert entgegen. Was haben wir falsch gemacht?
Vielleicht nichts oder wenig, lenkte sie ein, aber gibt es nicht immer Dinge, die man anders hätte tun können?
Zum Beispiel?
Vielleicht zum Beispiel, setzte Anna fort, dass wir das Zusammenleben mit ihr intensiver hätten wahrnehmen und genießen können.
Erst jetzt fange ich an, bestimmte Situationen, Kleinigkeiten, Äußerungen, ihre Gesten, ihr Lachen, die Art, wie sie sich bewegte, wie sie roch, viel lebendiger und deutlicher zu erinnern und zu spüren als vorher.
Was meinst du mit ´vorher´?
Ich meine die Zeit, als es noch möglich war, all das direkt, unmittelbar, ohne plötzlich fremd erscheinende Störungen und Veränderungen zu erleben.
Pelle fragte sich: Hatte er auch so genaue Erinnerungen an seine Mutter? Aber vielleicht wollte er sie auch nicht zulassen. Nur gelegentlich waren sie ihm eingefallen oder plötzlich als Mosaike präsent.
Was hätte anders sein sollen?, fragte er, der immer noch nicht ganz nachvollziehen konnte, was Anna meinte.
Ist es nicht oft so, hob Anna wieder an, dass man häufig nur etwas mit den Eltern unternimmt, eher in dem Bewusstsein, das machen zu sollen oder zu müssen, als sich solche Situationen wirklich zu wünschen? Ist es nicht so, dass man dann Eindrücke viel weniger erleben und genießen kann? Gehen sie dann nicht viel schneller als Erinnerung verloren?
Mag sein, aber wozu ist das wichtig, stellte Pelle solche Gedanken in Frage, die ihm zu spekulativ erschienen. Auch das ändert dann doch nichts an der Situation, in der sie jetzt ist.
Darum geht es doch gar nicht, widersprach Anna. Sondern?
Sondern darum, dass es erlaubt sein muss, in einer Art Nachbesserung darüber nachzudenken, wie etwas anders hätte verlaufen können.
Eine Hypothese auf die Vergangenheit, wehrte Pelle ab.
Wenn du so willst: eine Hypothese auf die Vergangenheit, wiederholte Anna, aber eine, die das Damals und damit auch das Jetzt ein wenig hätte beeinflussen können.
Anna spürte, dass Pelle vielleicht einen Moment an Schuld dachte. Deswegen ergänzte sie: Ich rede ganz bestimmt nicht von irgendeinem Schuldvorwurf, wenn du das meinst, sondern davon, wie wir jetzt mit dem umgehen, was unsere Mutter uns war und was sie jetzt noch für uns ist und sein kann.
Pelle nahm seine Schwester in den Arm und hielt sie ungewohnt lange fest.
Das zum Beispiel kann sie uns sein, sagte Pelle und verkniff sich die Tränen, das zum Beispiel. Pelle drückte sie noch fester.
Vielleicht sollten wir öfter über all das miteinander reden.
Meine Kinder, was wissen die eigentlich von mir?, fragte sich Hella. Ich meine die Zeit, bevor sie da waren, und vielleicht auch sonst. Eigentlich bin ich immer ganz gut damit klargekommen, die Dinge für mich zu klären und mit mir abzumachen. Aber Ole hat mich in der letzten Zeit schon häufiger gebeten, ich sollte einmal damit anfangen, etwas über mein Leben vor der Zeit mit den Kindern und ihm aufzuschreiben.
Schreib du doch was von deinem Leben auf, wenn dir das so wichtig ist, habe ich versucht, den Gedanken zu beenden. Ole ließ sich aber nicht ablenken und sagte:
Das würde ich vielleicht auch, wenn es da etwas Erzählenswertes gäbe. Vielleicht später einmal, wer weiß. Aber du hast so viel durchgemacht und Dinge erlebt, die unsere Kinder sich gar nicht mehr vorstellen können, schon gar nicht in zehn oder in zwanzig Jahren, und unsere Enkelkinder erst recht nicht. Sie sind doch durch die Geschwindigkeit in der Entwicklung und die Veränderungen in den letzten fünfzig Jahren viel zu weit davon entfernt.
Schließlich überwand Hella ihre Hemmungen, etwas über sich aufzuschreiben:
Meine ersten Erinnerungen stehen als Dreijährige in Verbindung mit einer rumpeligen Lastwagenfahrt. Es war Krieg im Winter 1944. Bei dem ersten großen Bombenangriff wurde das Haus, in dem wir lebten, schwer getroffen. „Ausgebombt“, nannten sich die Menschen, die dann obdachlos nach einer Bleibe suchen mussten.
Unser Vater war an der Ostfront, und so setzte unsere Mutter uns vier Mädchen auf einen Lastwagen, der uns in ein nahegelegenes Dorf brachte. „Finnenhäuser“ wurden die schnell aus Holz errichteten Notunterkünfte genannt. Eines davon wurde für lange Zeit unser Familienquartier.
Diese Häuser erwiesen sich als ausgesprochen solide und langlebig. Noch heute gibt es solche Siedlungen überall in unserem Lande mit den größtenteils noch gut erhaltenen Originalhäusern.
Viele sind dann inzwischen von den neuen Besitzern renoviert oder umbaut worden.
Auch das Haus, in dem wir gelebt haben, steht noch. Die Tiefflieger donnerten zwar nicht darauf, aber mit solchem Getöse über den Ort – Einschläge, Explosionen – dass unsere Mutter uns sofort wieder in die Wohnung zurückholte, wenn wir neugierig ausgebüxt waren, um etwas von dem Spektakel zu beobachten.
Eigentlich war es eine Luxuswohnung für die damaligen Verhältnisse: Dreieinhalb Zimmer, eine kleine Küche und sogar ein Badezimmer. Eine kleine ‚Hexe’ in der Küche, ein Kachelofen im Wohnzimmer und ein ‚Bollerofen’ neben einer richtigen Badewanne. Aber meistens wurden wir in der kleinen Zinkwanne in der Küche abgeschrubbt, um Holz für den Ofen zu sparen.
Überhaupt waren die Jahre trotz aller Entbehrungen und ohne unseren Vater durch die Kraft und Liebe unserer Mutter eine schöne Zeit, sofern erwachsen gewordene Kinder in einem wohl etwas verklärenden Rückblick das Recht haben, Kriegsjahre so zu nennen und zu beschreiben.
Mutti erzählte Geschichten, sang mit uns alle möglichen Volkslieder und brachte uns Gedichte bei, oft abends im Winter in der Küche vor der Hexe, in deren Backofenklappe wir schon mal unsere Füße zum Wärmen stecken durften.
Unseren Vater haben wir vermisst. Wenn ich dann müde oder auch ein bisschen traurig war, steckte ich meinen ‚Prünscher’, also meinen Daumen, so in den Mund, dass ich mit dem Zeigefinger zusätzlich noch meine Nase streicheln konnte. Mit der anderen Hand ‚nüdelte’ ich in meinen Haaren.
Die Fürsorge und Angst meiner Mutter um mich habe ich schon als kleines Kind intensiv wahrgenommen, besonders das Gefühl, ein geliebtes Kind zu sein. Das hat mich ein Leben lang begleitet. Es hat mich stark und auch schwach gemacht. Diese Empfindung änderte sich auch später nicht, als meine Mutter phasenweise immer verwirrter wurde.
Warum hast du mich eigentlich plötzlich dazu aufgefordert, von früher zu erzählen? Wirklich deswegen, um den Kindern etwas von mir an die Hand zu geben, wenn ich einmal nicht mehr bin? Und warum jetzt? Weil ich vielleicht jetzt schon ein bisschen nicht mehr so bin, wie ich bin? Weil ich manchmal etwas tüdelig werde oder auch mal Quatsch rede? Habe ich doch schon immer mal. Und wenn schon.
Wenn es mal nicht der Stehtisch an der Tankstelle war, dann eben woanders. Man traf sich fast jeden Tag zur selben Uhrzeit, heute aber vor der Bäckerei.
Verstehst du denn immer alles, was deine Frau sagt, oder versteht sie immer alles, was du sagst?
Nicht, wenn ich wütend bin oder einen zu viel getrunken hab, dann wohl nicht.
Und mit dem Vergessen, wie ist es damit?
Ab und zu. Wie wohl bei jedem. Normal eben.
Also! Und womit fängt es an, dass es nicht mehr normal ist?
Das merkt man doch.
Man bestimmt nicht. Vielleicht immer erst der andere.
Na ja, wenn man es selbst nicht merkt, ist es wohl zu spät.
Wofür?
Für alles, glaub ich. Dann wird es schwierig, vor allem für einen selber. Kann sein, dass man sich dann schämt.
Warum sollte man? Kann man doch nichts dafür. Man hat nichts falsch gemacht. Aber gar nichts! Hat sie sich denn geschämt?
Weiß nicht. Wenn ja, war das nicht so richtig zu merken.
Müsste doch!
Nee, eben nicht. War immer nicht klar, ob ihr etwas zu blöde war, wenn sie keine Antwort gab, oder ob sie etwas nicht wusste.
Die war doch aber nicht blöd und schon gar nicht auf den Kopf gefallen. Hatte eigentlich immer ‘ne schnelle Antwort. Und so komplizierte Fragen hast du ja bestimmt auch nicht gestellt, wenn du mal mit ihr gesprochen hast.
Nee, aber manchmal hat sie schnell Ole angeguckt, wenn sie wohl nichts sagen wollte. Und dann hat er geredet.
Und sie?
Sie hat dann ‚genau’ gesagt und fertig.
Das sollte man manchmal bei seiner Frau auch so machen. Dann würde sie nicht so viel Blödsinn reden.
Wen meinst du jetzt?
Nur so allgemein.
Dann ist ja gut.
Also, bis dann.
Bis dann.
Warum
Geht das nicht,
Was du willst?
Weil das,
Was du willst,
Nicht mehr geht.
Können wir heute nicht lieber an den Strand fahren, bat Hella, ich habe einfach keine Lust zum Klönen mit anderen.
Aber die sind doch nett. Du magst sie doch auch. Ja, aber das muss ja nicht immer sein, das Diskutieren mit deinen Freunden über Gott und die Welt.
Mit meinen Freunden? Meinetwegen auch meinen. Aber hauptsächlich sind es ja wohl deine Kollegen oder Freunde. Das ewige Geschnacke bringt ja eigentlich auch nichts.
Und das kannst du beurteilen?
Das muss ich sogar, denn ich lebe mit dir zusammen und muss mir immer euer kluges Gerede anhören, mit dem ihr doch auch nichts verändert. Ich komme mir dabei ziemlich überflüssig vor. In der Zeit könnten wir doch auch etwas machen, was beiden Spaß macht.
Gut, lenkte Ole ein, also du möchtest jetzt zum Strand. Aber wieso überflüssig? Ja, wieso fühlst du dich überflüssig?
Hella überlegte.
Weil mich die Gespräche oft nicht wirklich interessieren oder berühren. Was haben die mit mir oder meinem Leben zu tun? Kannst du mir das mal sagen?
Mit unserem aber, konterte Ole gereizt, denn auch ich lebe mit dir, nicht nur du mit mir.
Komm, lass es gut sein, versuchte Hella den Streit zu beenden, das nächste Mal treffen wir uns wieder mit deinen … mit unseren Freunden. Ich hab nichts gegen sie, wirklich nicht.
Sie setzten sich auf die Räder und fuhren eine Weile wortlos nebeneinander her.
Und wenn wir zurück sind, machen wir uns etwas Leckeres zu essen, unterbrach Hella das bedrückende Schweigen.
Ole erschrak, hörte noch einmal in die Worte und erschrak noch heftiger. Er ließ sich auf dem Rad leicht zurückfallen, so dass er etwas hinter ihr fuhr, um das noch einmal zu überdenken, was er eben gehört hatte. Vor einer Stunde hatten sie eingelegte Heringe mit Bratkartoffeln gegessen. Ein Essen, das Hella so liebte. Unsicher fragte er:
Du meinst für heute Abend?
Nein, nicht erst heute Abend. Ich habe jetzt schon Hunger. Und nach dem Baden haben wir uns doch wohl ein kräftiges Mittagessen verdient.
Irritiert und fassungslos versuchte er es noch einmal, immer noch auf ein banales Missverständnis hoffend.
Aber wir haben doch gerade erst ausgiebig gegessen, Hella.
Ach so, dann ist ja alles gut. Ich freue mich schon auf das Baden! Sie erreichten schweigend den Strand und Hella zog sich mit sichtbarer Eile und Vorfreude auf die Ostsee um und nötigte Ole, ihn immer wieder neckend, er sei wohl ein alter Frostkötel, ihr schleunigst in das frische Maiwasser zu folgen.
Auf einmal die Verwirrung.
Entsetzen packt das Herz.
Ein plötzlicher Gedankensprung,
Der Irrtum wird zum Schmerz.
Die Klarheit geht verloren.
Sie weiß nicht mehr, was war.
Gedanken sind erfroren
Und schweigen ganz und gar.
Es sammeln sich schon Zeichen,
Die Wirklichkeit zerfällt.
Ich kann sie nicht erreichen,
Das Wort an sie zerschellt.
Es wachsen eigene Welten
In ihrem stillen Sein.
Wo sonst die Worte gelten,
Da ist sie bald allein.
Morgen im Garten
