aber wohin denn - Wolfgang Kopplin - E-Book

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Wolfgang Kopplin

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Beschreibung

Hier erzählt ein westdeutscher Erwachsener von Erinnerungen an seine dörfliche Kindheit im Osten. Es geht um etwa ein Jahrzehnt deutscher Geschichte von der Vorkriegszeit bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945, berichtet aus der Sicht des Kindes, betrachtet in ungewöhnlich beobachtender Bildersequenz bis zur Wiederbegegnung des Alternden mit seinem Dorf.

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2023

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aber wohin denn

Erinnerungen an ein Dorf im Osten

Dieses Buch ist meiner tapferen Frau, meiner tüchtigen Tochter Katharina und meinem hilfsbereiten, mitlesenden Schwiegersohn Klaus gewidmet.

W.K.

Inhalt

Vorwort

Sonnenstrudel

Hoffnungsfahrten

Scheinschnee

Glockenschmerzen

Spielernst

Hasenschulen

Wassermusik

Gänsekrieg

Schwanenteich

Wegdämmerung

Wintergrollen

Nachtgedanken

Winterstraßen

Fluchtacker

Eistropfen

Waldspaziergang

Angstbegegnung

Pausenbrot

Spiegelscherben

Der Hundeblick

Die Strohhöhle

Die Hütte

Das Flugzeug

Die Kranke

Der Fahrradfahrer

Die Verschleppte

Der Trauerzug

Der Verfolgte

Der Sirupschaum

Die Heilige

Die Kutschfahrt

Die Heimwehfeier

Der Katalog

Lampenfelder

Fremde Heimkehr

Nächtlicher Überfall

Gerechter Feind

Papka schießt

Wie Herdenvieh

Totentänze

Die Stimme

Das Kind

Der Hund

Der Frosch

Der Freund

Das Küken

Der Soldat

Reise ins Damals

Der Autor

Das Leben der Eltern ist das Buch,

in dem die Kinder lesen.

Aurelius Augustinus

Vorwort

Dieses Buch ist kein Roman. Es möchte die Ausstellung einer zugleich historischen und literarischen Bilderreihe durch einen Zeitzeugen sein.

Der Text ist auch kein schlichter Bericht über Kindheitserlebnisse in der schicksalhaften Zeitenwende der Jahre um 1945 in Deutschland. Jedes dargestellte Detail ist wahr und durchlebt.

Aber poetisch wird der Bericht durch das immer neue Innehalten zwischen den Kapiteln, durch das Abrücken vom Ich-Erzählen in die Er-Erzählung durch einen neunjährigen Jungen, poetisch auch durch das Relativieren der sachlichen Berichthaltung in einem Wirklichkeitsbezug, der das Gefühl des Lesers und das des Berichtenden nicht ausschließt.

Dennoch: Dieses Buch ist keine kleine Autobiographie. Dafür ist der erzählte Zeitraum viel zu kurz, die Distanzierung von egozentrischer Sentimentalität durch Vermeidung der Ich-Perspektive zu deutlich und die Erkenntnis von einer möglichen Vermischung vergoldender Erinnerung mit faktenorientierter Tatsachenschilderung dem Erzähler zu bewußt.

Dieses Buch ist auch keine dokumentarische Zeitanalyse und keine exemplarische Studie für die Kindheitspsychologie. Jeder Rückblick auf die eigene Vergangenheit hat etwas von Wahrheit und Dichtung zugleich.

Es hat etwas von Wahrheit, wenn man sich ehrlich an die erinnerten Fakten zu halten versucht und die Lücken des Gedächtnisses Lücken bleiben läßt, - etwas von Dichtung, soweit man seine Sprache nicht nur als Transportmittel für erinnerte Fakten versteht, sondern als Möglichkeit benutzt, alle Dimensionen menschlichen Wirklichkeitserlebens und kommunikativer Verständigungsversuche in das Erzählen einzubeziehen.

Dieses Buch ist eine erzählende Bildergalerie.

Das wiederum bedingt eine Vielzahl von Variationen der Erzählformen. Von schlichtem, berichtendem Erzählen bis zu traumhaften, diffizilen Tiefenbohrungen dehnt sich das Spektrum der Stilwandlungen in diesem Text.

Und von der zugleich nüchtern und emotional erzählten Rahmenhandlung mit dem symbolischen Wagenmotiv des ersten Kapitels bis zum scheinbar wirklichkeitsfernen und doch faktenrealistischen Reigen der Totentanzbilder im vorletzten Abschnitt reicht die Skala in der sehr bewußt gestalteten Form der Erzählungskette bei der Einzelskizze sowie bei der Gesamtstruktur.

Das letzte Kapitel nimmt das Wagenmotiv noch einmal auf, um das zentrale Sinnbild des menschlichen Lebenslaufes unaufdringlich als Skopus des ganzen Buches hervorzuheben. Dieses Schlusskapitel stellt die Kindheits- und die Altersperspektive deutlich getrennt nebeneinander und gleichzeitig ineinander dar. Es möchte den Leser aus dem Sog des Miterlebens wieder ganz in die Gegenwart des je eigenen Alltags zurückholen.

Erzähltexte über die Erlebnisse eines Kindes in schwerer Zeit aus der Perspektive des betroffenen Kindes sind zwar auf großartige Weise, manchmal versteckt in größeren Zusammenhängen, in der deutschen Literaturgeschichte von Grimmelshausens „Simplizissimus“ bis zu Hans Carossas „Eine Kindheit“ vielfach zu finden. Der Verfasser möchte sich mit solchen Vorbildern bitte nicht vergleichen lassen. Aber er wundert sich doch darüber, dass in der modernen und postmodernen, erst recht in der aktuellen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur außer sachlichen Lebensläufen und schlichten Autobiographien so wenige Beispiele an sowohl historisch authentischen als auch künstlerisch anspruchsvollen Büchern über entscheidende Momente der Menschheitsgeschichte wie ein Kinderleben in den Jahren um 1945 zu finden sind.

Dieses Buch will also eine Lücke füllen, gegen jede Geschichtsvergessenheit angehen und das wechselvolle Aufblühen eines Kindes in schwerer Zeit in komprimierten Erzählbildern andeuten, gültig auch für andere Schicksale.

Wer sich durch alle theoretischen Vorüberlegungen nicht beeinflussen oder bedrängen lassen möchte, wird ohnehin dieses Vorwort schnell übergehen und einfach lesen. Wenn er oder sie Empathie und Verständnisbereitschaft mitbringt und unbeschwert von Vorurteilen in den Erzählstrom eintaucht, wird schnell zu verstehen sein, wie das Buch gemeint ist.

Wolfgang Kopplin

Sonnenstrudel

Hoffnungsfahrten

Zündschlüsseldrehung nach links. Das mechanische Summen verstummte. Kurze Blickkontrolle erst der Armaturenskalen, dann der Armbanduhr. Noch sieben Minuten Zeit bis zum Arzttermin. Vor dem Ärztehaus hatte sich in der Reihe der abgestellten Wagen noch ein schmaler Parkplatz gefunden. Nun genoß der Fahrer die relative Stille nach dem Motorengeräusch. Er lehnte sich zurück in seinem neuen alten Kombi. Daß der Gebrauchtwagen mit seiner Linienführung, Gesamterscheinung in dunkelgrünem Metallicglanz, in Ausstattung und in seinem gepflegten Erhaltungszustand samt Tachokilometern so zu seinen Autowünschen paßte, hatte er dem Gebrauchtwagenhändler lieber nicht zeigen wollen, weil er in Sorge war, neben dem günstigen Preis vielleicht noch schnell irgendwelche spät in den Listen entdeckte Zusatzkosten heraufzubeschwören. Schon als Kind hatte er vom Fahren ohne eigene Anstrengungen geträumt, ohne Mühen, wie sie Roller und Dreirad, später Handwagen und Fahrrad nun einmal erforderten. Immer diese für Kinderbeine so weiten Fußwege im Dorf…

Erinnerungsbilder tauchen nebelhaft auf. Dann sehr klar das Bild des hohen, weinroten Kastenhandwagens mit der dünnen Eisendeichsel, die Räder kuchenplattengroß und schmal mit rostbraunen, dürren Speichen. Der dreijährige Junge und sein ein Jahr jüngeres Schwesterchen klettern abwechselnd hinein und wieder hinaus, betteln unentwegt und inständig das sie bewachende Kindermädchen, sie auf dem Hof ein wenig herumzuziehen. Das fremde Mädchen soll während der Einkaufsfahrt der Mutter in die Stadt auf die Geschwister aufpassen und langweilt sich auf der Bank am Haus in der warmen Frühlingssonne.

Die Kinder klettern und betteln, die Aufpasserin schüttelt den Kopf, sträubt sich räkelnd. Die Kinder flehen, die Schwester weint sogar ärgerlich. Das Bauernmädchen steht mit einem Ruck auf, hebt das Schwesterchen in den hohen Kasten und setzt es an die rückwärtige Wand des Wagens, den Jungen davor. Dann ergreift die Wächterin den schmalen Griff der Deichsel, läßt den Wagen mit einem durch die Kinder zuckenden Ruck anspringen und zieht ihn quer über den Hof auf das Tor zur Straße zu. Der Junge lächelt selig, als er sieht, wie das Kindermädchen das Tor öffnet und den Wagen auf die Dorfstraße zieht. Die Mutter hatte genau das verboten. Aber nun liegt die lange Straße vor ihnen. Das Schwesterchen jubelt laut, der Junge schließt die Augen und genießt das Rattern der Eisenräder über die Steine und das Mahlen der Reifen durch den Sand. Mit geschlossenen Augen sieht man die Gestalt der Ziehenden nicht mehr und kann sich vorstellen, der Wagen fahre von selbst und man lenke ihn mit kreisenden Armbewegungen. Endlich fahren! Rüttelndes, ratterndes Vorwärtsrollen. Nicht das langweilige Geschiebe in einem Sportkinderwagen.

Nach einiger Zeit wird das Jubeln der Schwester leiser, das Tempo der Fahrt langsamer. Ohne die Augen zu öffnen bittet der Junge laut um schnelleres Fahren, die Schwester stimmt vehement zu, und so rennt das Kindermädchen mit dem klappernden, rumpelnden Wagen, daß die kleinen Fahrgäste im Kasten hüpfen, an die Kanten schlagen, hin und her geworfen werden.

Der Junge öffnet die Augen und fängt einen seltsamen, über die Schulter geworfenen Blick des Kindermädchens ein. Das zieht nun mit gesenktem Kopf galoppierend und keuchend das wankende Gefährt die Dorfstraße entlang. Der Junge sieht auf einmal die Chaussee, sonst die absolute Grenze für alle Kinderspiele. Das Schwesterchen hinter ihm ist erst still geworden, beginnt dann, geschüttelt und gestoßen, zu schreien. Der Junge bittet ebenfalls schreiend um ein Anhalten, will sich in dem rüttelnden Kasten aufrichten, fällt aber gleich zurück auf die Beine der Schwester, die noch lauter schreit und heult.

So rennt die entfesselte Aufpasserin mit dem rumpelnden Wagen und den schreienden Kindern bis auf die Chaussee, schlägt dort einen scharfen Bogen. Der schmale Wagen kippt um. Die Kinder knallen mit den Köpfen auf den Asphalt und bleiben ein Weilchen still liegen. Dann rappelt sich der Junge mühsam auf, reibt sich die linke Kopfhälfte, den blutigen Ellenbogen und das schmerzende Knie, sieht das Kindermädchen keuchend und mit blödem Lächeln neben dem umgekippten Wagen stehen und das Schwesterchen leise weinend aus dem Kasten kriechen.

Der Fahrer rieb sich die linke Schläfe, warf einen schnellen Blick auf seine Armbanduhr und stellte fest, daß er nur noch verspätet seinen Arzttermin wahrzunehmen versuchen konnte. Seufzend und langsam wälzte er sich aus seinem Wagen, ging zögernd durch die Frühlingssonne über den Bürgersteig, tauchte im Eingangsbereich in den Schatten des Treppenhauses und stieg ohne Eile hinauf zur Praxis. Die Arzthelferin am Empfang nickte lächelnd bei seiner Bitte um Entschuldigung für die Verspätung, wartete auf keine Begründung und erklärte kurz, sie habe darauf vertraut, daß er noch komme. Das Fahren sei heute wegen der viel zu vielen Autos und der rücksichtslosen Fahrweise besonders der Jugendlichen wirklich viel gefährlicher als früher.

Scheinschnee

Es ist ungewohnt hell im Schlafzimmer, obwohl keine Lampe leuchtet. Der Junge klettert aus dem warmen Bett und wankt verschlafen in die überhelle Küche, wo die Mutter mit dem Frühstücksgeschirr klappert. Auf ihre liebevolle Begrüßung und die Frage, warum er heute so früh aufstehe, zeigt der kleine Schlafanzugwanderer nur blinzelnd auf die Fensterscheiben. Draußen sieht alles so weiß und eisig aus.

Jetzt sei der Winter endgültig da, meint die Mutter, lächelt ein wenig und gießt dem Kind einen dampfenden Strahl heißer Milch in die hingereichte Tasse. Der Junge genießt die Wärme der Küche, der leicht schaumigen Milch, der bunten Tasse, die er mit beiden Händen umfaßt hält. Ob er gleich auf den Hof dürfe. Er ist wacher geworden und sieht vom Tisch her der geschäftigen Mutter zu. Die nickt sanft und lächelt wieder zu ihm herüber. Erst anziehen, warm anziehen.

Dann hilft sie ihm in die bereitgelegten Wintersachen. Der Junge zappelt sehr dabei und freut sich auf einen Entdeckungsausflug draußen.

Es dürfe für den Anfang aber nur eine Minutenzeit sein, sagt sie, immer noch mit einem Lächeln, das dem Kind ein wenig seltsam erscheint. Sie bereite indes das Frühstück vor. Sie knöpft dem Kind das Mäntelchen zu und zieht ihm rüttelnd die gestrickten Fausthandschuhe über die Hände. Die nachgerufene Mahnung, er solle nur in Hof und Garten bleiben, hört der Davoneilende, er ist schon im Flur, nicht mehr.

Der Junge öffnet hastig die Tür zum Hof und tritt ins Freie, während die Mutter schnell die Tür hinter ihm schließt. Geblendet von dem glitzernden Weiß auf dem Hof, auf dem Scheitstapel nahe dem alten Stallgebäude, auf dem Holz der gestern noch grau verwitterten Latten des Gartenzauns, über den sich silberweiße Himbeerranken neigen.

Der Junge schaut sich um. Dann versucht er vergeblich, in die strahlende Wintersonne zu blinzeln. Er geht über die weiße Fläche des Hofes zum Stallgebäude. Stößt an der rohen Holztür mit den handschuhbewehrten Fäusten den Eisenriegel zurück. Zieht die knarrende Tür auf. Betritt den dunklen Raum, der nach Erde und altem Holz riecht.

Als er stolpert und gebückt vor sich einen Halt zu finden versucht, stoßen seine Hände auf die harten Kanten eines hölzernen Kastens. Die suchenden, tastenden Finger erkennen durch den Stoff der Handschuhe die gelbe Kinderschubkarre, die sie suchten. Weiteres Herumtasten findet auch den alten Aluminiumlöffel auf dem Boden des Kastens. Mühsam zerrt der Junge die Schubkarre durch klappernd umfallende Gartengeräte aus dem Dunkel des Stalls in die weiße Pracht auf dem Hof.

Neben dem riesigen, kreisrunden Stapel der Holzscheite für den Herd in der Küche und den Kachelofen im Wohnzimmer stellt der Junge die kleine Karre ab. Er greift den metallenen Suppenlöffel und setzt ihn auf der weißen Herrlichkeit an, um den Schnee in die Schubkarre zu schaufeln. Sein Plan, dem jetzt noch schlafenden Schwesterchen nach dem Frühstück einen winzigen, echten Schneemann als Überraschung zu zeigen, will aber nicht gelingen. Vergebens kratzt das Kind mit dem Aluminiumlöffel über die hart gefrorene Erde des Hofs. Die kommt unter dem hauchdünnen, weißen Geglitzer grau zum Vorschein. Am Löffel klebt nur ein schmaler weißer Schneerand. Nicht einmal den kann der Junge in die gelbe Karre klopfen.

Er erhebt sich aus der Hocke. Trottet, nur noch den Löffel in der Faust, über den Hof in den Garten bis zum weiß bedeckten Rasen um die steinerne Vogeltränke. Kauert sich noch einmal nieder. Schabt über die fahlen Grashalme und betrachtet das karge Ergebnis im Löffel.

Ärgerlich wirft der Schneesucher sein Gerät in die leere Vogeltränke und geht langsam zurück. Am Gartentörchen bleibt er stehen, blickt zurück auf die immer noch weiße Gartenlandschaft und hebt die Augen zum Winterhimmel. Das strahlende Blau wird von zarten Wolkenschleiern verhüllt und unter der heranziehenden Wolkendecke zum gleichgültigen Grau.

Der Junge stampft noch einmal über den Hof, an der kleinen Schubkarre vorbei zur noch offenen Stalltür und knallt sie zu. Der Weg zum Haus zurück über den Hof ist viel länger als vorhin.

Am Eingang wartet hinter der Tür schon die Mutter. Sie nimmt ihm die Pudelmütze ab, streicht ihm über die wirren Haare und tröstet das Kind, tief zu ihm herabgebeugt, mit leiser Stimme. Dann nimmt sie ihm den Mantel ab, zieht ihm die Schuhe aus und geht mit dem Kind in die warme Küche. Ein wenig ärgerlich und ein wenig glücklich sieht der Junge die Mutter wieder bei der Arbeit am Herd, hört sie, mehr für sich als für ihn, seufzend murmeln, daß der Raureif eben kein Schnee sei und die Welt da draußen die Kinder noch oft betrügen und enttäuschen werde.

Glockenschmerzen

Der Junge läßt die Harke sinken. Schon einige Zeit lang hat er nicht nur die Gehfläche der Dorfstraße vor dem Haus gesäubert, sondern dabei auch ein Muster aus Parallelen in den Staub gekratzt. Sein Liedchen, das er bei der Arbeit rhythmisch vor sich hin gesummt hat, ist verstummt. Der Junge ruht ein wenig aus und lauscht in die dörfliche Abendstille.

Der Sonnabend ist der schönste Tag der Woche. Besonders der Abend, wenn unter dem Glockenklang von der nahen Kirche und den fernen Glocken der Nachbarkirchen her die letzte Arbeit auf der Straße geschafft ist, wenn Mutter im Haus die Geschwister im Haus gebadet hat und sie auf den niedrigen Kachelofen am Herd setzt. Als letzter ist auch er an der Reihe, ehe es dann gemeinsam mit dem wohligen Gefühl warmer Sauberkeit zum Abendessen am Küchentisch geht. Danach darf er allein ins dunkle Wohnzimmer mit den zugeklappten Fensterläden und den gedämpften Geräuschen hinter der Küchentür, wo die Geschwister für die Nacht hergerichtet werden.

Der Junge klettert dann meist, ohne Licht zu machen, auf Vaters Schreibtisch. Dort steht neben der Schreibauflage der große Klotz des Radios mit dem zwitschernden Schalter links unten. Wenn er daran dreht, leuchtet mit grünlichem Schein die runde Senderskala mit den vielen unbekannten Namen der Stationen und dem roten Zeiger in der Mitte auf. Den kann der Junge mit einem anderen Schalter drehen, bis der Suchende nach den wechselnden Gesprächsfetzen Musik aus dem Lautsprecher hört.

Musik ist ein Freund, solange man noch nicht lesen kann. Auf die Bücher aus Vaters Bücherschrank freut er sich jetzt schon. Aber noch ist Musik der beste Freund, wenn man am Tag selten genug ab und zu ganzallein im Haus ist, Mutter im Garten und die Kinder bei ihr. Wenn ausgerechnet dann keine Musik im Radio zu finden ist, nur ruckartig stotternde Redestücke und Geräusche bei der Suche. Dann hört er, wenn er das will, ganz leise Musik in seinen Ohren, im Kopf, in der Luft, um sich herum.

Beim fernen Gebell eines Hundes erschrickt der Junge. Er merkt, daß die Arbeit schon ein Weilchen stockt, daß er sich nur auf den Harkenstiel stützt und noch nicht ganz fertig ist mit seiner Arbeit.

Für das Harken vor der Tür hat ihm Mutter heute soviel Zeit gegeben, wie er möchte. Sie habe genug zu tun und wolle den Kleinen noch die Haare und die Nägel schneiden, werde ihn nach dem Abendläuten rufen. Mutter weiß, daß ihr Ältester die Sonnabende besonders liebt und die Fegearbeit mit dem Gesang der Glocken gern auf sich nimmt, am Abend, wenn die heimische Glocke den Sonntag einläutet.

Die Abendglocke. Noch ist alles still. Der Junge, er hat schon wieder zwei breite Striche mit ihren Parallelen in den Sand gekratzt und sein Harkenmuster ergänzt, da stockt er ruckartig erneut. Noch hat das Geläut nicht begonnen. Heute könnte man der Glocke von Anfang an zuhören, nicht erst hinauslaufen, wenn das Läuten schon angefangen hat. Vielleicht den Beginn unten am nahen Glockenturm erleben, den Schwall der Klänge über sich ergießen lassen…

Entschlossen lehnt der Junge die lange Harke an das Geländer der gemauerten Treppe und rennt in Richtung der Kirche.

Das Geräusch der ins Schloß fallenden Haustür des Pfarrhauses in der Nachbarschaft läßt ihn erneut innehalten. Die Dorfstraße ist menschenleer. Die Ruhe des Wochenendes liegt wie ein buntes Tuch über den roten Ziegeln der Kirchhofsmauer, den Büschen und Häusern am Wege, über den hohen Bäumen vor der Kirche und dem kurzen, breiten Turm.

Die kleinen Beine gehen von allein langsam weiter. Die Hände verschwinden in den Hosentaschen. Wieder klappt die Tür, und ein knirschender Schritt nähert sich hinter dem Fliederbusch vor dem Pfarrhauseingang. Auf die Straße tritt eine jugendliche Gestalt und geht beschwingten Schrittes auf das Friedhofstor gegenüber zu.

Der Junge erkennt den hochgewachsenen Spielkameraden Gerhard, den zweitältesten Sohn der Pfarrerfamilie. Der ist schon groß und darf läuten, soviel weiß der Junge. Das haben sich die Dorfkinder in der Schule erzählt.

Gerhard schaut sich flüchtig um und bleibt mitten auf der Straße stehen, als er den Jungen sieht. Er hebt die Hand und fragt das sehr langsam nahende Kind gut gelaunt, wohin das Lehrersöhnchen so allein am Abend wolle. Der Junge geht mit immer kürzeren Schritten auf Gerhard zu, ergreift die ihm hingehaltene Hand und lächelt verlegen. Als Gerhard ihn fragt, ob er nicht mitkommen und läuten helfen wolle, kann er nur vorsichtig nicken und hat ein bißchen Angst, daß Gerhard sein plötzliches Herzklopfen hören könnte.

Gerhard hat sich schon halb weggedreht, als sei die Zustimmung des Jungen selbstverständlich, und geht weiter auf den Kirchhofseingang zu. Dabei redet er über die Schulter mit dem Jungen, der aufgeregt hinter ihm her trippelt, über das schöne Abendwetter und darüber, daß Pastorenkinder und Lehrerkinder doch zusammenhalten müßten. Sie seien keine eingeborenen Dörfler und blieben deshalb Außenseiter bei der Dorfjugend. Wenn man dann noch gut in der Schule sei… Aber das werde er ja auch bald erleben.

Inzwischen haben sie das Eingangstor zum Kirchhof durchschritten und sind über den kurzen Sandweg unter den hohen Bäumen an der massigen, hölzernen Kirchentür angekommen. Gerhard zieht einen großen Schlüssel aus der rechten Hosentasche und schließt das Portal auf. Zögernd folgt der Junge, als Gerhard ihn hereinwinkt, die eisenbeschlagene, quietschende Tür wieder schließt und durch den Seitengang an den Bänken vorbei ihm vorangeht.

Der Junge schaut sich in dem kühlen, etwas muffig riechenden Raum um. Das Dunkel, das sich beim Eintritt auf seine Augen gelegt hat, hebt sich wieder. Die aufgereihten Holzbänke scheinen ihn abweisend anzustarren, die kleinen Fenster lassen nur wenig Abendlicht herein. Der sonst so geliebte Kronleuchter schwebt wie drohend von der düsteren Decke. Der ganze Raum wirkt kalt und fremd.

Gerhard wartet ungeduldig an der Treppe zur Orgelempore und zum Turm. Eilig folgt ihm der Junge. Auf der Empore blickt er noch einmal in den Kirchenraum hinab, sieht den Leuchter mit der tatsächlich goldenen Krone wie vorwurfsvoll schützend über den schwarzen Reihen der Holzbänke die metallenen Armstäbe ausbreiten, jetzt selber dunkel und sinnlos.

Der Junge friert ein wenig und wendet sich der Orgel zu. Die Orgel. Vaters wundervolle Orgel. Tief in seinem Ohr hört er den fernen, brausenden Klang eines Chorals, schöner als alle Geigen und Trompeten aus dem Radio, schöner als Flöten und Posaunen. Alle Musik singt in ihm in einem davonwehenden Klang.

Die laute, ruhige Stimme Gerhards schreckt ihn auf. Hinter der Orgel ist eine sehr schmale Tür in der Wand. Von dort führt eine dünne Stiege hinauf in den Turm. Enge, ausgetretene Stufen. Rechts und links das hohe, staubige Gestrebe der breiten Balken. Und auf einmal die geräumige Glockenstube, in deren Mitte ein dickes Seil herabhängt. Gerhard lacht, als er den Raum beim Namen nennt und den fragenden Blick des Jungen versteht. Er zeigt schräg nach oben, während er zu einer der Turmluken geht und das Abendlicht hereinläßt. Es füllt den Raum mit milder Helligkeit und kommt für Sekunden dem Jungen viel zu grell vor. Er blinzelt ins Dunkel über sich und sieht anfangs nur Balken und Schatten. Dann auf einmal den weit gewölbten Rand der großen, grauen Glocke. So groß hat er sie sich nicht vorgestellt.

Er tritt an den Rand der Stiege zurück, als Gerhard sich dem Seil nähert, das linke Handgelenk erhebt und auf seine Armbanduhr schaut, mit der rechten Hand das Seil ergreift und zu einem Denkmal erstarrt. So kommt es dem Jungen vor. Lange, sehr lange, stehen die beiden Glöckner ganz still.

Plötzlich geht ein Ruck durch den ganzen Körper Gerhards. Er faßt mit beiden Händen zu, springt mit den Füßen ein Stückchen hoch und hängt am Seil, als wolle er hinaufklettern. Dann lockert er den Griff, steht wieder auf dem Holzboden der Stube, springt wieder, lockert und steht… Stille. Enttäuschende, herzklopfende Stille. Gerhard springt, lockert, springt.

Auf einmal ein schwingender Klang von oben aus dem Gebälk. Aus dem Klang wird ein lautes Geläut, aus dem gleichmäßig anschlagenden Geläut ein donnerndes Doppelklangbrausen. Der Junge hält sich die Ohren zu und sieht, wie Gerhard nicht mehr springt, sondern ruhig auf dem Holzboden steht, mit der rechten Hand gleichmäßig das Seil herabzieht und mit der linken den Jungen heranwinkt. Unter dem ungeheuren Tonschwall, der nicht nur die Glockenstube brausend überfüllt, sondern auch aus der geöffneten Luke hinausdrängt, scheint Gerhard bei jedem Ziehen am Strick sich kurz zu verneigen, sieht zu dem Jungen herüber und winkt ihn noch einmal mit der Linken energisch heran.

Der Junge nähert sich beklommen, wird nach einem Nicken Gerhards blitzartig gepackt und mit beiden Händen an das Seil gedrückt, krallt sich mit einem Aufschrei, der im Klanggedröhn der Glocke untergeht, am Seil fest, wird aus Gerhards Armen in die Höhe gerissen, sanft wieder abgesetzt, wieder in die Höhe gerissen und sanft abgesetzt, wobei sich der Krampf in beiden Händen löst und das hochschellende Seil ihn zu Boden wirft.

Gerhard hatte ihm gleich am Anfang losgelassen, stemmt nun die Arme in die Seiten und lacht über das ganze Gesicht. Zu hören ist beim Lärm dieser Glockenrufe nichts. Der Junge kriecht auf allen Vieren bis an die Bretterwand unter der Luke, richtet sich auf und blickt mit weit geöffneten Augen zurück. Er sieht den lachenden Gerhard wieder ruhig und gleichmäßig am Strick ziehen, sieht das gleichmäßige Nicken und die Auf- und Abbewegung des Stricks, sieht das staubgraue Gebälk zittern, sieht zwischen den Balken die große Glocke schwingen, sieht den erschreckend großen Eisenklöppel an die Innenwand der Glocke schlagen, als wolle sie im donnernden Gedröhn die ganze Glocke zertrümmern, sieht das Rieseninstrument zurückschwingen, als wende sie sich ab, sieht sie wieder zurückschwingen, vom nachschwingenden Klöppel verfolgt, und kann alles nicht fassen.

Die überlauten Tonstöße werden langsam eine gleichmäßig wabernde, überwältigende Melodienmasse, die Glockenschläge im Meer der Klänge erträglich. Längst hat der Junge die Hände von den Ohren genommen. Das dröhnende Brausen erfüllt seinen ganzen Körper. Er hört im klingenden Donnern, von den Anschlägen des Klöppels immer neu angefacht, viele Töne und Klänge hinter und in dem Gedröhn, singend und schwirrend einen ganzen Chor von Tönen, eine gleichsam fließende, schmerzhafte, fast unerträglich schöne Musik im lauten Klang der gleichmäßig schwingenden Glockenmelodie.

Der Junge dreht sich an der Luke um und blickt mit schmerzenden Ohren und dankbaren Augen über die dämmernde Landschaft. Sein Dorf. Seine Felder und Wiesen, seine Häuser und Wege. Nichts gehört ihm, und alles ist sein. Weit hinaus in den Abend fließt das laute Klangmeer der Glocke, die den Sonntag einläutet, fließt über die niedrigen Bauernhäuser und die Äcker, strömt um ihn, durch ihn hindurch, hinaus ins Weite.

Und er öffnet sich für ihren Klang, wird erfüllt von quälendem Schmerz und wildem Entzücken, hört, wie einzelne Glockenschläge ausbleiben, leiser werden, vereinzelter, schließlich aufhören, bis auf ein leises, andauerndes vielstimmiges Summen der Glockenmelodie. Und der Junge schaut und lauscht, schaut und lauscht.

Spielernst

Vorsichtig betrachtet der Junge die feuchten Erdwände der Grube. Das Dunkel seines engen Erdlochgefängnisses wird nur durch zwei schmale Spalten in der Holzdecke über seinem Kopf erhellt. Da haben also die beiden Pastorensöhne den alten Holzrahmen mitsamt der Tür über seine kleine Schwester, über ihr eigenes Schwesterchen und über ihn auf die Grube gelegt und die drei Spielkameraden eingesperrt. Der Junge fragt sich nur, warum man die Tür über dem Kopf trotz aller Stemmversuche nicht öffnen kann.

So weit sind die beiden „Siedler“ bei der Gefangennahme der drei „Schwarzfußindianer“ noch nie gegangen. Der „Häuptlingssohn“ fragt sich, wann aus dem Spiel solcher Ernst geworden ist.

Vorher war alles noch ganz lustig gewesen. Die Kinder hatten sechs halbarmgroße Karos mit einem Stöckchen in den Staub der Dorfstraße gekratzt und hüpften um die Wette auf einem Bein, wobei man, wenn man stolperte oder eine Linie berührte, nur die geschafften Felder angerechnet bekam. Das Feld in Kreuzform lag in der Nähe des Gartenzauns. Bei den Blumenbeeten war der Großvater an der Arbeit, zuletzt auf Mutters Rosenbeet.

Und dann tauchten blitzschnell zwei der vier Pastorensöhne auf, verbanden den Mädchen den Mund und bedrohten den Jungen, wenn er einen Laut von sich gebe, dann… Sie schleppten die drei Gefangenen in den Pfarrgarten und steckten die Indianer in das Loch im verwilderten Rasen, schleiften die alte Tür über die Grube. Und dann war alles sehr dunkel.

Den Jungen überschwemmt plötzlich eine heiße Welle von Angst. Er schüttelt den Kopf und stemmt sich noch einmal gegen die Tür über ihm. Nein, so etwas hat es noch nie gegeben. Seltene Überfälle bei Spielen im Freien, ja. Aber so? Immer die beiden jüngsten Pastorensöhne. Sie haben den Kindern Hühnerfedern ins Haar gesteckt und Kriegsbemalung ins Gesicht geschmiert. Dann kam meist die Fesselung, Schnellgericht und die Verwarnung, das Siedlergebiet nicht wieder zu betreten. Zuletzt die feierliche Freilassung. Das alles, ja. Aber nicht so…

Die Mädchen sind jetzt wohl heiser von den Hilferufen. Still geworden und reglos. Großvater hat die Kinder nicht gehört, obwohl er doch recht nahe sein muß. In der Ferne bellt ein Hund. Sein Bellen scheint näher zu kommen. Dann verstummt es.

In der Stille hört der Junge die Vögel. Hört einen fiependen Hundelaut. Dann ein Schnüffeln und leises Hecheln. Schließlich kurzes Kläffen. Dann wieder Stille. Die Ruhe des Dorfes in der Mittagspause.

Der Junge dreht sich in der dämmernden Stille mühsam zu den beiden Mädchen um und warnt sie vor seiner Stimme, damit sie nicht erschrecken. Dann ruft er mit voller Lautstärke dem unsichtbaren Hund über ihm zu, er solle laufen und Hilfe holen. Ob der Hund etwas gehört hat, weiß er nicht, denn der mögliche Helfer scheint schon wieder weg zu sein.

Da erhebt sich der Junge aus seiner Hockstellung und stemmt sich noch einmal wütend gegen die Tür über ihm. Als ihm Sand und Erdkrumen ins Gesicht rieseln, schüttelt er sich, läßt die Arme sinken und gibt auf. Er setzt sich auf den feuchten Erdboden und schimpft halblaut vor sich hin. Die beiden Mädchen wimmern leise. Ihre schattenhaften Gestalten vor ihm regen sich nicht. Ihr Beschützer zermartert sich den Kopf, wie man aus diesem Loch wieder herauskommen könnte.

In der Ferne kläfft wieder ein Hund. Vielleicht der Besucher von gerade. Bei dem Pastorentöchterlein bewegt sich etwas. Die weinerliche Stimme des Mädchens fragt, wann die Drei hier herauskommen. Auf die mürrische Antwort des Jungen, das wisse er auch noch nicht, schluchzen die beiden Mädchen wieder leise und umarmen sich sitzend, abgewandt von ihm, zitternd und schweigend.

Das hier soll also Spiel und Gefangenschaft gleichzeitig sein, Gefangenschaft und Spiel. Dem Jungen fällt bei seinem Grübeln auf, daß fast alle ihre Kinderspiele im Dorf mit Fangversuchen, Flucht und Gefangenschaft zu tun haben. Hier ist das kein Spiel mehr, obwohl die Pastorensöhne es so erklären werden.

Das Verfolgen eines Flüchtenden Mitschülers oder das Verfolgtwerden, das Keuchen des Verfolgers im Genick, die Gefangennahme und das Festsetzen des Gefangenen. Ja, das macht Spaß und ist auch gruselig.

Das beliebte Spiel mit möglichst vielen Beteiligten „Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann“ oder das Sitzen im Kreis beim Gesang „Dreht euch nicht um, der Plumpsack um“, - immer geht es um Gefangennahme.

Die Mädchen spielen lieber „Und wer im Januar geboren ist, tritt ein, tritt ein, tritt ein…“ oder „Und wenn du denkst, ich lieb dich nicht…“. Aber schon bei „Rote Kirschen eß ich gern, schwarze noch viel lieber…“ geht es härter zu: „Hier wird Platz gemacht, für die jungen Damen! ...“. Und bei „Ziehet durch, ziehet durch, durch die goldne Brücke…“ wird man am Schluß des Gesangs der im Gänsemarsch durchziehenden Kinder von den gegenüberstehenden Mädchen, die sich an beiden Händen halten und ihre Arme hoch über der wandernden Kinderschlange erheben, plötzlich zwischen den heruntergelassenen Armen der Brückenmädchen gefangen. Gefangen! Immer wieder gefangen!

Selbst beim Versteckspiel, wenn man ich aus der Deckung wagt und um sein Leben zur Anschlagstelle rennt, um nicht vom Fänger beim Lauf erwischt zu werden, und erst recht beim Spiel vom „Räuber und Gendarm“ mit der Angst, als Verbrecher gefangengenommen zu werden, gefangen, gefangen, gefangen…

Das sind alles noch Spiele. Richtige Gefangene erleben das in Wirklichkeit ja ganz anders. Dabei geht es manchen Gefangenen doch gut wie zum Beispiel unserem „Mussjöh“, dem kriegsgefangenen Franzosen mit dem unaussprechlichen Namen beim Nachbarn Schulze, wo er als Bauernknecht arbeiten und mit am Tisch sitzen darf.

Ganz anders der gefangene Russe, dem auf dem Transport die Flucht gelungen sein soll. Er habe in der nahen Stadt ein Auto gestohlen und sei nahe beim Dorf an einen Baum gefahren. Er lag in einem Stall neben der Gastwirtschaft, bewacht von einem Polizisten aus der Stadt, und brüllte wie ein Tier. Aus der Schar der Neugierigen, fast alle Dorfkinder waren dabei, hörte man, er sei mit seiner schweren Kopfverletzung halb skalpiert wie von Indianern…

Der Junge erschrickt und sieht sich mit wieder aufsteigender Angst um. Die beiden Mädchen scheinen eingeschlafen zu sein. Er steht mühsam auf, reckt sich hoch und stemmt mit all seiner Kinderkraft gegen die Tür da oben, obwohl ihm Erdkrumen über den Kopf rieseln. Natürlich vergebens. Erschöpft und zitternd setzt er sich wieder auf den feuchten Erdboden.

Dieses elende Indianerspiel! Manchmal hatten die Pastorensöhne ja auch die Idee, die beiden Nachbarkinder mitspielen zu lassen als Siedler. Oder alle waren Indianer und durchstreiften den Schloßpark und die Felder. Aber meistens mußten die kleineren Indianer sich gegen die starken Eroberer geschlagen geben. Das sogenannte Spiel wurde merkwürdiger Ernst, bis Freilassung und schnelle Versöhnung das ernste Spiel wütend oder lachend beendeten. Lange hatten solche Zwischenfälle nie gedauert.

Wie lange haben sie nun schon in diesem Gefängnis gesessen? War er auch eingeschlafen? Ein Blick zu den Lichtspalten nach oben zeigt ihm, daß noch heller Nachmittag sein muß. Großvater arbeitet gewiß auch noch im Garten. Opa, warum hast du nichts gehört und gesehen!

Stille. Der Junge lauscht auf Geräusche von oben, von draußen. Hundegebell in weiter Ferne. Eine schimpfende Frauenstimme. Annäherndes Hundegejaule. Geklapper von Milchkannen. Alles weit weg.

Das jaulende Bellen des Hundes etwas lauter. Dazu jetzt die Stimme eines Mannes. Das könnte Opa sein. Schritte werden hörbar. Das heftig bellende Tier kratzt auf dem Holz über den Kinderköpfen. Der Junge fährt zusammen. Er überlegt nicht mehr und schreit laut sein „Hier!“ gegen die Deckplatte über der Grube. Er sieht nicht, wie die Mädchen zusammenzucken und laut zu weinen beginnen, schließt die Augen, als nach einigem Gerumpel die Tür oben wie eine Klappe geöffnet wird und helles Sonnenlicht mit einem ganzen Regen von Erdbrocken herunterflutet. Wie in einem Strahlenkranz steht der Großvater über ihm, als er wieder blinzeln kann und die vertraute, jetzt sehr aufgeregte Stimme des Großvaters hört, die zuerst nur mehrmals fragt, wie es ihnen gehe.

Eine Antwort wartet Großvater nicht ab und zieht zuerst das Schwesterchen aus der Grube. Als er sich wegdreht, um das Kind abzusetzen, werden auch die beiden Köpfe der Pastorensöhne sichtbar. Der Großvater dreht sich wieder zur Grube und hebt das Pastorentöchterlein heraus, setzt es zur Seite ab und schnauzt, während er sich zum Jungen herabbeugt, die beiden Übeltäter hinter ihm an. Das sei kein Spaß mehr. Und während er den Jungen vorsichtig ins warme Gras setzt, stöhnt er, was sie sich eigentlich dabei gedacht hätten.

Die beiden, vorher so stolzen Siedler, stottern mit hängenden Köpfen etwas von „nur Spiel“, „wollten gerade“, „unser Versteck“, „tut uns leid“, während der Großvater die Mädchen tröstet und ihnen die Tränen trocknet. Dann wendet er sich frontal an die beiden Sünder und droht ihnen eine starke Gardinenpredigt ihres Herrn Vater und dazu eine saftige Strafe an.

Der Junge genießt das Sitzen im waren Gras und die Sonnenstrahlen auf der Haut. Er nimmt einen der dicken Erdklumpen mit den Grasbüscheln daran, mit denen die Holzplatte wohl flüchtig abgedeckt war, in seine Hände und überlegt, sehr erleichtert und etwas verwirrt, was das Indianerspiel, das Erdloch und die Gardinen miteinander zu tun haben sollen.

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