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Norma Neemann erzählt die Geschichte von Norana, ein Kind, das in der DDR aufgewachsen ist, erst adoptiert und dann ins Heim abgeschoben wird. Die Geschichte hat viel mit den biographischen Erfahrungen der Autorin selbst zu tun. Sie ermöglicht Einblicke darin, wie ein junges Mädchen die Geschehnisse um sich herum wahrgenommen und verarbeitet hat. Minutiös wie sonst nirgendwo werden die Abläufe und Organisationsformen der DDR-Heimerziehung beschrieben.
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Seitenzahl: 699
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Vorwort
Ein Rucksack
Kapitel 1
1960
7. Oktober 1981
Einen Tag später
Kapitel 2
Die Adoption oder die erste Begegnung
Einige Zeit später
Oma und Opa?
Wie es nun weiterging
Die Zeit verging
Stimmen
Das Halskettchen
Eine liebe Tante.
Die Schule und die Pioniere
Ein traumatisches Erlebnis
Eine Reise
Vati ist krank
Kapitel 3
1968
Siloah ev. Kinderheim
Dezember
1969 kurze Zeit darauf
Kaltdusche
Tagesablauf
Eine neue Freundin
Abgehauen
September 1969
Eine weiße Bluse
Eitelkeit
Patenschaft
Das Weihnachtssingen
Ein alter Zeitungsartikel
Heimwechsel
Die letzten Tage im Siloah
31. Dezember 1969
Kapitel 4
Eine lange Reise
Am Morgen, den gleichen Tag
Halle/Saale zwei Stunden Aufenthalt
Ankunft im Kinderheim Martin Schwantes
Der erste Abend
Kraftausdrücke
Beim Waschen war es genauso.
Am nächsten Tag
Reinemachen und Auswertung
Die Toilettenreinigung
Immer derselbe Quark
Kollektiverziehung
Arrestraum
Post
Krankenhausaufenthalt
Das Anwesen Martin Schwantes Heim
Die Wiese leuchtet blau-violett
Pinkeleimer
Schlüsselbund
Arm umdrehen und Spagat
Die Quelle, eine Idylle im Heim
Bühnenstücke zur Monatsauswertung
1. Juni, Kindertag
Ferienlager Arendsee
Der Brotfresser aus Arendsee
Blaubeeren sammeln
Reden mit dem Wachposten
Abschiedsfeier im Ferienlager oder der erste Tanz
Ackereinsätze
Abgehauen
Arrest-Strafe
Die Küchenfrau
Sehnsucht
Krätze
Weihnachten und Jahreswechsel
Das neue Mädchen
Das Vogelnest
1. Mai 1971 oder der Rummelbesuch
Christin
Ein kleines Päckchen zum Geburtstag
Der Schlafsaal – 1971
Wieder mal die Nachteule
Stehstrafen in den Nachtruhezeiten
Stehen im Dreierhock
Grüne Dederonkleider
Tierparkbesuch
Feldmäuse
Eine Ohrfeige
Kollektiverziehung
Eine Essensstrafe
Reihenuntersuchung MSH
Püppizopf
Die Klassenleiterin
Sehnsucht
Die Akte MSH 1971
Ein Päckchen für Christin
Die falsche Freundin
Eine Freundschaft besiegeln
Einige Zeit später
Das eingezogene Tuch
Rache ist süß
Wieder einmal Gruppenkeile
Libellen
Die Zwillinge
Bohnenbeet und Blocker
Der Einbruch
Das kleine Mädchen in der Ortschaft
Das vermisste Kind
Was dann geschah
Was war das bloß?
Etwas Stille für die Seele
Der Scheunenbrand
Schläger-Elly
Ein Kinobesuch - Edgar Wallace „Die weiße Spinne“
Die Rabenvögel
Das Jahr ging zu Ende
Nachtruhestörung
The Beatles, Rock`n Roll und Butterfly
Berlin-Besuch
Frühling 72
Einkleidung für die Jugendweihe
Noch einen Tag, dann ist es soweit
7. Mai 1972
Ein Päckchen
Wieder Ackereinsätze
Freunde, gute Freunde
Kapitel 5
Transport zum Durchgangsheim
Die anderen Mädchen
Der nächste Tag
Jeden Tag derselbe Ablauf
Ausgetrickst
Kapitel 6
Ankunft im Jugendwerkhof
Der nächste Tag im JWH
Zickereien
Discoabend und Kinobesuch
Briefe schreiben und FDJ („FressDJ“)
Lange Arbeitstage, eine Wette und eine Zigarette
Ein Mädchen aus Torgau
Lebensmittel aus der Ortschaft oder nach einem Missgeschick folgt das nächste Missgeschick
Szegediner Gulasch
Am liebsten würde sie abhauen
Postgeheimnis
Eine Tasse Kaffee
Septemberregen
Renovierung der Mädchenabteilung
Alle anfallenden Arbeiten
Wandzeitungsredakteur und Tagesfunktionär
Nur wegen Alphagetue und Anschwärzereien
Britta aus Calbe, Martin Schwantes Heim
Das Lied aus Torgau
Keine Winterkleidung
Das Kleiderpaket
Urlaubstage
Babykatzen
Schwangerschaften
Ein neues Kleid zur Disco
Spieglein, Spieglein an der Wand
Kleine Geburtstagsrunde
Besuch der Adoptivmutter
Einweisung in die Psychiatrie
Diskriminierung wegen der Hautfarbe
Der Jugendwerkhof im Ausnahmezustand oder die zehnten Weltfestspiele
Komplimente
Arbeitseinsätze nach der Arbeitszeit
Chorgesang, Volks- und Kampflieder
Tagebuch
Betrügen und Einschließen im Kleiderraum
Eitelkeit
Tomi
Pflichtfilme
Ertragen
Vorbereiten zur Entlassung
Drei Projekte
Der vorletzte Tag
Entlassung
Ankunft in Füwa
Ein neues Leben in Füwa
Schlusswort
In den Medien der DDR wurde immer wieder dargestellt, wie sehr sich der Staat um seine jüngsten Mitbürger sorgt. Die Jüngsten sollten eine gute Fürsorge erhalten. In der Propaganda sah es so aus, als ob der Staat gut für Kindertagesstätten sorgte und als ob die Erzieherinnen und Pflegerinnen eine sehr gute pädagogische Ausbildung erhielten. Es hieß, dass die Kinder in die besten Hände kämen und fürsorglich umsorgt würden. Dazu wurden Bilder aus dem Kita-Alltag gezeigt, von Kindern, die gerade mit den Betreuerinnen spazieren gingen oder mit ihnen spielten.
Aber wie sah die Fürsorge in den Kinderheimen aus? Wenn die Medien, was selten vorkam, doch einmal etwas über die Heime brachten, konnte man nur positive Bilder sehen. Der Zuschauer müsste daraufhin auch ein gutes Gefühl gehabt haben und den Eindruck bekommen haben, auch die hier untergebrachten Kinder seien in guten Händen. Doch hinter den Kulissen sah es ganz anders aus.
Gebet
Müde bin ich, geh zur Ruh schließe beide Äuglein zu.
Vater lass die Augen dein über meinem Bettchen sein.
Hab´ ich Unrecht heut getan, sieh es lieber Gott mich an. (*)
Eure Gnad‘ und Jesu Blut macht ja allen Schaden gut.
Ich bin klein, mein Herz ist rein,
Soll niemand drin wohnen als Jesus allein.
Amen
(*) So erinnere ich mich bis heute an dies Gebet, in dem es aber eigentlich heißt: „Hab ich Unrecht heut getan, sieh es lieber Gott nicht an“, eine ganz andere Botschaft!
Das war ein Abendgebet, vorm Schlafengehen, an das ich mich noch heute erinnere. Die Ordensschwester beaufsichtigte uns Kinder, ob wir auch alle brav unsere Hände zum Gebet falteten. Danach hieß es: So nun schlaft alle gut und die Hände über die Zudecke legen. Mit einem Blick prüfte sie, ob auch alle ihre Hände über die Zudecke legten. Sie knipste das Licht im Schlafsaal aus und ging raus. Danach war es mucksmäuschenstill. Das ist eine der vielen Erinnerungen aus meinem Heimleben.
Ich kam schon mit dem ersten Lebensjahr ins Wochenheim. Als meine leibliche Mutter mit uns vier Kindern aus Berlin-Schöneberg 1960 in den Osten Berlins zog, kam ich wieder in ein Heim - für Kleinkinder. Das war in Berlin-Blankenburg. Mit dem dritten Lebensjahr wurde ich zur Adoption freigegeben. Die Leute von der Jugendfürsorge drängten meine Mutter zur Unterschrift.
Ich kam in eine Familie zur Pflegschaft, die mich dann mit dem fünften Lebensjahr adoptierte.
Mein Adoptivvater verstarb sehr früh, und ich kam wieder ins Kinderheim. Anscheinend war ich zu schwierig geworden. Von nun an durchlief ich eine Erziehungseinrichtung nach der anderen, ein kirchliches Kinderheim, dann ein Spezial-Kinderheim, Durchgangsheime und schließlich einen Jugendwerkhof.
So gerne hätte ich ein sorgloses Zuhause gehabt und hätte gerne eine gute Schulbildung genossen. Aber Schulbildung wurde in vielen Heimen knappgehalten. Dafür gab es in den Ferienzeiten Arbeitseinsätze auf den LPG-Feldern. Die Ackereinsätze waren lang, und die Felder waren sehr groß. Viele Kinder waren noch nicht einmal vierzehn Jahre alt.
Das war Kinderarbeit.
Nach meinem Heimdasein musste ich mich oft erklären, warum ich z.B. in einem Jugendwerkhof war. Meistens traf ich auf Vorurteile. Als ich eine Berufsausbildung machen wollte, musste ich feststellen, dass mir der Schulabschluss dafür fehlte. Ich holte den nötigen Abschluss auf einer Volkshochschule nach. Um eine Ausbildung als Krankenpflegerin musste ich sehr kämpfen. Erst nach einer Eingabe an der Berufsschule für Gesundheitswesen wurde ich für diese Ausbildung angenommen. Den Abschluss bestand ich mit Zwei. Auch in meinem weiteren Leben gab es immer wieder Schwierigkeiten zu bewältigen.
Als ich 24 Jahre alt war, lernte ich meine leibliche Mutter kennen. Sie berichtete mir von der Adoption und von dem, was damals gewesen sein soll.
Als 1989 das Regime der DDR gestürzt war, waren die Menschen voll neuer Zuversicht und Euphorie. Das hieß aber auch, das Alte zu verarbeiten, was nicht jedem leichtfiel.
In den letzten Jahren wurden immer mehr Stimmen laut, die die extremen Missstände in der Heimerziehung beklagten, die in den Jahren von 1945 bis 1990 stattgefunden hatten. Misshandlungen und Übergriffe an Schutzbefohlenen hat es in ähnlicher Weise auch in Einrichtungen der BRD gegeben. In der DDR kamen zu diesen Missständen noch die diktatorischen, marxistischen, ideologischen Umerziehungsvorstellungen der Sowjet-Pädagogik, nach dem Pädagogen A. S. Makarenko, dazu, insbesondere die Kollektiverziehung. Hierbei handelte es sich um Bestrafungen und eventuelle Belohnungen, die im Kollektiv durchgeführt wurden. Die Bestrafungen haben überwogen.
Ich möchte auf einige Daten eingehen, die ich der Broschüre Heimerziehung in Berlin/Rahmenbedingungen der Heimerziehung entnommen habe.
Die Jugendhilfe der DDR verfügte 1989 über 602 Heime mit 34.610 Heimplätzen. Darunter waren ca. 6.000 Heimplätze in Spezialkinderheimen und Jugendwerkhöfen. In kirchlicher Trägerschaft gab es nur wenige Heimplätze. Allein im staatlichen Berliner Heim Makarenko gab es schon 600 Heimplätze, in ganz Berlin-Ost waren es 4.064.
Von den 32.269 Heimplätzen in der gesamten DDR im Jahre 1981 entfielen 24.726 auf die Normalheime, 3.596 auf die Spezialheime, 3.072 auf die Jugendwerkhöfe und 558 auf die Durchgangsheime. Dazu kamen noch 220 Plätze im sog. Kombinat der Sonderheime. Von 1981 bis 1989 wurden weitere 2.341 Heimplätze geschaffen.
Nach einem Bericht in der Berliner Zeitung vom 22.März 2012 waren von 1945 bis 1990 fast 500.000 Kinder und Jugendliche in den Heimen und Werkhöfen der DDR untergebracht.
Und ich war eines von ihnen.
Als die Berliner Zeitung von der Aufarbeitung des Heimgeschehens berichtete, konnte sich wohl niemand vorstellen, wie groß der Anlauf in den neu geschaffenen Beratungsstellen sein würde. Am 14. August 2012 wurde in Berlin-Schöneberg eine Infoveranstaltung durchgeführt. Der Willy-Brandt-Saal im Schöneberger Rathaus ist sehr groß, und er war bis zur hinteren Wand total gefüllt. Vormittags waren ca. 300 Betroffene und nachmittags ca. 150 Betroffene gekommen. An einem Tag haben sich also 450 Betroffene aus nur einer Stadt eingefunden. In den Anlaufstellen kommen immer noch sehr viele Betroffene zur Beratung.
Ich war in der Nachmittags-Info-Veranstaltung und habe mir gleich einen Termin zur Erstberatung geben lassen. Dann habe ich mir ein paar Bücher gekauft, z.B. „Weggesperrt“ und „Abgehauen“ von Grit Poppe. Ich habe diese Bücher gelesen und konnte etliche Parallelen zu dem feststellen, wie es mir ergangen war.
Ich habe beschlossen, auch meine Erinnerungen aus meinem Heimdasein aufzuschreiben. Da die einzelnen Erinnerungen für mich zu schmerzhaft sind, schreibe ich in der dritten Person. Es fällt mir so etwas leichter, über meine Erinnerungen zu schreiben.
Seit ich mit meinen Aufzeichnungen begonnen habe, habe ich eine Begleiterin. Es ist ein kleines Mädchen, das mich immer wieder verzweifelt ansieht. Und während ich weiterschreibe, rückt sie immer weiter und weiter an mich heran. Bis sie in mir drin ist. Dann habe ich festgestellt, das kleine Mädchen, das bin ich.
Wenn dich jemand fragen sollte: „Wie erträgt man diese Last?“, gibt es vielleicht diese Antwort:
Stell‘ dir vor, du bekämst einen Rucksack geschenkt. Er ist noch klein und nicht so schwer. Und du selbst bist noch ein Kind. Du setzt den Rucksack auf und kannst ihn nicht mehr abnehmen, denn es wird dir vorgeschrieben, dass du ihn immer tragen sollst. Du wirst größer, und der Rucksack wird schwerer. Irgendwann nimmst du den Rucksack doch ab und willst nachsehen, was in dem Rucksack drin ist. Aber es geht nicht. Denn er ist fest zugenäht, sehr fest zugenäht, und man kann die Nähte nicht lösen. Also trägst du ihn weiter, Jahr für Jahr. Du wirst größer und älter, der Rucksack aber auch. Er wird auch mit jedem Lebensjahr schwerer, so schwer, dass man ihn nicht mehr tragen kann; denn die Last wird zu groß. Und du nimmst ihn wieder ab. Du trennst die Nähte auf und siehst nach, welche Last du mit dir trägst. In dem Rucksack findest du viele Steine, so groß und schwer. Auf jedem Stein steht etwas drauf. Es sind Buchstaben die zu einem Lebensabschnitt oder zu einer Ortschaft gehören. Ortschaften, in denen du mal warst. Ortschaften, die dich prägten und deine Vergangenheit, die du nicht aus deinem Leben streichen kannst. Irgendwann fragt dich jemand, was das zu bedeuten hat, was da auf jedem einzelnen Stein steht. Und nun musst du für jede einzelne Abkürzung auf dem Stein Rechenschaft ablegen.
So schwer ist es, diese Last sein Leben lang mit sich zu tragen. Und niemand nimmt sie dir ab. Aber vielleicht kann man ja darüber reden. Dann wird die Last vielleicht nach und nach etwas leichter.
Als sie drei Jahre alt war, nahm ihre große Schwester von ihr Abschied: „Mach es gut, kleine Schwester. Wir müssen jetzt gehen. Wir dürfen uns jetzt nicht mehr wiedersehen.“ Vielleicht umarmte sie sie noch einmal. Dann ging sie.
Schreiend stand sie nun auf einer Wiese und sah ihrer Schwester hinterher. „Kakin! Kakin!“, schrie sie, rief sie ihr nach. Das waren die ersten Worte, die sie sprach. Aber ihre Schwester ging weiter. „Tut mir leid, kleine Schwester, tut mir so leid. Ich muss gehen. Lebe wohl kleine Schwester. Lebe wohl.“
Aber daran konnte sie sich nicht mehr erinnern. Erst als sie ihre leibliche Mutter 21 Jahre später kennenlernte, erfuhr sie davon.
Es war ein Altbau und recht renovierungsbedürftig. Ihr Mann begleitete sie, und ihre kleine Tochter hatte sie auch dabei. Sie gingen die Treppen hoch, und als sie vor der Tür standen, zögerte sie. Sie las den Namen. „T…“, mit „ck“ geschrieben. Der Name stimmte. Sie sah zu ihm. Er stand einen halben Treppenabsatz tiefer. „Kommst du mit?“ „Nein lieber nicht.
Das schaffst du schon“, sagte er und war schon halb am Gehen. „Soll ich? Soll ich wirklich klingeln?“, fragte sie. Er kam einige Stufen zu ihr hoch.
„Na, klingle schon. Du hast doch immer deine Mutter gesucht. Und da ist sie nun. Na, mach schon, klingle einfach.“ Er ging die Stufen wieder runter. „Ich muss los.“ Sie sah noch einmal zu ihm und dann auf das Namensschild. T..., ihr Geburtsname. Ihre kleine Tochter lag im Kinderwagen und schlief ruhig. Sie hatten den Kinderwagen zusammen die drei Treppen hoch getragen. Sie drückte zögerlich den Klingelknopf. Es ging ihr durch den ganzen Körper. Wie wird sie sein? Wird sie mich mögen? Und die Geschwister, werden die mich mögen? Wie viele Geschwister sind es? Die Fragen rasten ihr durch den Kopf. Sie hatte eine große Schwester, das wusste sie. Sie hörte Stimmen. Sie hatten wohl schon auf sie gewartet. „Das ist sie. Es ist Norana“ hörte sie jemand sagen, und die Tür wurde geöffnet. Eine kleine Frau stand vor ihr. „Da bist du ja. Du bist es wirklich.“ Und die kleine Frau nahm Norana fest in den Arm. „Du bist wirklich da“, sagte sie. „Komm rein.“ Norana ging rein und stellte ihr ihre kleine Tochter vor. Sie führte sie ins Wohnzimmer. „Sieh mal, wer da ist, Karin.“ Ihre Schwester kam auf sie zu. Norana wusste, wer sie war. Sie umarmten sich und weinten. Sie weinten und hielten sich weiter fest. So sehr war sie vermisst worden, die vielen Jahre. Norana stellte ihnen ihre Tochter vor, und alle bewunderten sie. Die Kleine schlief ruhig.
Sie wollten alles wissen, wie es ihr ergangen war und wie es ihr gerade ging. Und sie bewunderten wieder ihre kleine Tochter, die immer noch ruhig im Wagen schlief. Sie brachten die Kleine ins Wohnzimmer, machten ihr ein Bett zurecht und legten sie ganz vorsichtig ins Bett und sie schlief weiter, wie im siebenten Himmel.
Nach einem ersten Begrüßen gingen sie gemeinsam in die Küche. Die Küche war klein und die Wohnung auch. Aber sie war sauber und gemütlich. In der Küche gab es eine kleine Essecke, so eine, wie sie zur dieser Zeit modern war. Sie saßen am Tisch, und es wurde Kaffee aufgegossen. Dazu gab es Kuchen und Kekse. Sie aßen den Kuchen und wollten wieder so vieles von ihr wissen. Norana saß nun da, und alles war so neu. Es waren ihre leibliche Mutter und ihre große Schwester. Sie konnte es nicht fassen.
Alles war wie ein Film, der sich vor ihr abspulte. Nach einiger Zeit klingelte es, und alle sprangen auf. „Da ist noch jemand, das ist dein Bruder.“ Und schon gingen sie zur Tür. Er kam rein und Karin brachte Norana mit ihm zusammen. Sie ging zu ihm, und er umarmte sie. Er hielt sie fest an seinen Körper gedrückt. So fest, als wolle er sie nie mehr wieder loslassen. „Da bist du endlich. Du bist es wirklich, kleine Schwester“, sagte er und hielt sie weiter fest. Er weinte und weinte, als wolle er einen leeren Brunnen mit Wasser füllen. Es schien, als würde er sie nie mehr loslassen wollen. Norana hatte so etwas nie erlebt. Nie wurde sie so lange und aus vollem Herzen umarmt. Ihr Bruder hatte sie die ganzen Jahre so sehr vermisst. Sie standen noch eine ganze Zeit im Flur, umarmt und unzertrennlich, wie es nur zwei Geschwister sein können, die sich so lange nicht gesehen haben. Und die Sehnsucht zu einander war groß. Sie glaubte, zu träumen und sie würde jeden Augenblick aufwachen und alles würde zerplatzen wie eine Seifenblase. Es wäre dann nur ein Traum gewesen. Sie hatte Angst, alles könnte plötzlich wieder vorbei sein.
Als sie wieder in der Küche zusammensaßen, wollten sie alle wieder wissen, wie es ihr die Jahre über ergangen war. Was sie erlebt hatte, ob es ihr gut ging und ob ihre Adoptivfamilie gut zu ihr war. Als sie nun erzählte, was ihr die ganzen Jahre widerfahren war, dass sie in verschiedenen Heimen und im Jugendwerkhof war, wurde es plötzlich ganz still im Raum. Als hätte ein Donner mit seinem Knall eine fröhlich tanzende Gesellschaft in Schrecken versetzt.
Ein leises Winseln unterbrach die Stille. Die Kleine wurde wach und hatte einen riesigen Hunger. Alle sprangen auf und gingen ins Wohnzimmer. Sie bewunderten wieder das kleine Kind. Norana tröstete die Kleine, und sie beruhigte sich schnell. Nach dem Versorgen der Kleinen gingen alle wieder in die Küche und setzten sich. Es wurde wieder stiller, und alle schienen nachdenklich zu sein.
Ihre Mutter kam auf sie zu, umarmte sie und sprach mit voller Verzweiflung: „Hätte ich das gewusst, hätte ich das nur gewusst. Diese Schweine, diese Halunken. Die haben geredet und geredet. Sie sagten, sie haben eine Familie, wo du hinkönntest, und dass es dir dort gut gehen werde. Immer wieder waren die vom Amt hier und haben auf mich eingeredet. Sie haben mir versprochen, dass du einmal eine gute Schulbildung haben wirst und vielleicht sogar einmal studieren könntest. Sie sagten sogar, dass du vielleicht mal Ärztin werden könntest. Und es sei doch das Beste für dich. Sie haben geredet und geredet bis ich doch unterschrieben habe. Dann ging auf einmal alles ganz schnell. Wir mussten dich dann wieder in das Heim bringen und durften dich nicht mehr besuchen. Das war, als wir hierher, in den Ostteil der Stadt gezogen sind.“
Ihre große Schwester Karin erzählte ihr nun: „Wir mussten dich nach Blankenburg in das Heim zurückbringen und mussten dich dort zurücklassen. Wir haben uns von dir verabschiedet und mussten dann gehen. Du standest dann auf einer großen Wiese und hast immerzu meinen Namen gerufen. ‚Kakin! Kakin!‘ Das waren die ersten Worte, die du gesprochen hast. Und du hast geschrien, so sehr geschrien, und wir durften dich nicht einmal trösten. Das war das letzte Mal, dass wir dich gesehen haben. Du hattest bis dahin noch nie gesprochen und warst schon drei Jahre alt. Da hast du das erste Mal gesprochen.“
Weiter erzählte sie: „Du warst vorher schon im Wochenheim gewesen, und wenn du an den Wochenenden zu Hause warst, hat Hänschen immer mit dir gespielt. Du warst sein Liebling, sein Schatz. Da haben wir noch in Schöneberg gewohnt. Wir sind dann nach Berlin-Pankow gezogen. Und dann warst du auf einmal weg. Er hat dich so sehr vermisst. Immerzu hat er nach dir gefragt. Er wollte immerzu wissen, wo du bist, warum du nicht mehr da bist. Oft wurde er wütend, weil du nicht mehr da warst und er hat immerzu nach den Bildern von dir gefragt. Er wollte sie sich immer ansehen, aber Mutti hat sie dann versteckt, damit er Ruhe gibt. Was nicht immer funktionierte.“
Sie saßen noch bis spät in die Nacht zusammen und erzählten sich, was alles gewesen war. Sie weinten und erzählten wieder. Ihre Schwester sagte, als sie als Sekretärin im Jugendamt gearbeitet hätte, hätte sie in Pankow immer nach Akten gesucht, nach irgendeinem Hinweis, nach einem Namen, einer Adresse, nach irgendwas, aber sie hatte nichts finden können. Sie wusste, irgendwo in Pankow musste sie sein. Aber sie fand nichts. Keinen einzigen Hinweis. Einfach nichts. Norana hörte zu, was sie berichteten, und ihr kam alles so unwirklich vor. Dann sagte sie sich im Stillen: Das ist deine eigene Familie, die eigene Mutter und die eigenen Geschwister. Du sitzt hier bei deiner eigenen Familie. Nicht irgendwo bei Fremden oder der Adoptivmutter. Sie sah sich noch einmal in der Runde um. Und alles wirkte wieder wie ein Film, wie ein Film, der plötzlich abgebrochen werden könnte. Wie im Fernsehen, wenn das Programm wieder einmal unterbrochen wird und nur noch Schnee auf dem Bildschirm zu sehen ist.
Es muss schon nach Mitternacht gewesen sein, als sie sich voneinander verabschiedeten. „Wir werden uns wiedersehen, und du kommst zu uns, uns besuchen, ja?“, sagte ihr Bruder. Er umarmte sie noch einmal und ging.
Die Nacht verbrachte sie mit ihrer Schwester. Sie legten sich endlich schlafen. Noch eine Weile unterhielten sie sich. Sie verglichen sich ihre Hände, ihre Füße und schauten, was sie sonst noch alles gleich hatten. Dann schliefen sie Arm in Arm ein.
Als Norana am Morgen am Fenster stand, ging ihr alles wieder durch den Kopf. Sie sah aus dem Fenster. Obwohl die Gardinen zugezogen waren, schien sie weit hinauszusehen. Plötzlich spielte sich alles wieder vor ihren Augen ab: ihr Leben, ihre Kindheit. Alles, was sie erlebt hatte, in aufeinander fallenden Bruchteilen. Wie ein Film. Ein Weinen brach aus ihr heraus. Ein verzweifeltes Weinen, wie bei einem kleinem Kind, das um ein verloren gegangenes Spielzeug weint. Aber es war kein Spielzeug. Es war ihre Kindheit, ihre Jugend, ihr Kummer, den sie immer mit sich trägt.
Ihre Schwester kam und hielt sie fest. „Sie hat einen Nervenzusammenbruch. Jetzt kommt alles aus ihr heraus. Wir müssen mit ihr zum Arzt.“ Ihre Mutter kümmerte sich um sie. Norana kümmerte sich erst einmal um ihre kleine Tochter und brachte sie in die Kita. Dann kam sie zurück. Mit ihrer Mutter machte sie sich auf den Weg zur Ärztin.
Erst sprach die Mutter mit der Ärztin, dann wurde Norana in das Sprechzimmer hineingerufen. Sie brach in Tränen aus, als sie mit der Ärztin sprach. „Gut, ich schreib dich für eine Weile krank. Und dann kommst du wieder. Verbring die Zeit ruhig mit deiner Mutter. Ihr müsst euch wieder kennenlernen und zueinander finden.“
Norana verbringt im Anschluss daran sehr viel Zeit mit ihrer Mutter und den Geschwistern. So erfährt sie nach und nach immer mehr von sich und der Familie. Innerhalb von drei Wochen verliert Norana viel Gewicht. Sie wiegt nur noch 43 Kilo. Sie lässt sich wieder gesundschreiben. Um sich abzulenken, geht sie wieder ihrer Arbeit nach. Oft wird sie an ihre Kindheit und Jugend erinnert. Die Zeit vergeht.
Es war ein großer runder Tisch, und viele Kinder zwischen drei und fünf Jahren saßen daran. Es gab Grießbrei. Den aß sie gern. Der war schön süß, mit Zucker und Zimt bestreut. Das mochte sie besonders. Sie hätte eigentlich noch etwas Brei haben wollen, aber sie war irgendwie abgelenkt. Der Stuhl, auf dem sie saß, war schon alt und weiß angestrichen. Die Farbe blätterte schon ab, und die Farben darunter konnte man sehen. Er war mal rot und grün angestrichen gewesen. Sie sah sich die Stuhllehne an, und dann sah sie etwas Anderes und stand einfach auf. Eine Frau, in einem hellen Mantel mit einem Fellsaum als Zierde, kam herein. Sie ging direkt zur Kinderschwester, um mit ihr zu reden. Norana ging zu der Frau und fragte. „Kommst du mich besuchen?“ Und sie sieht sie an. „Na, wer bist du denn?“, wandte sich die fremde Frau ihr zu. Norana sah sich den Fellsaum des Mantels an und schien sich an etwas zu erinnern.
Norana sitzt auf einer Bank im großen Hauseingang. Die Bank ist dunkelbraun und poliert. Sie sitzt ganz brav, ohne sich zu rühren, und wartet auf das, was da jetzt kommt. Eine Kinderschwester kommt und wendet sich ihr zu. Neben ihr stehen die Frau mit dem hellen Mantel und ein Mann. „Schau Norana, das sind jetzt deine neuen Eltern. Sie werden sich ab jetzt um dich kümmern. Du kannst zu ihnen mit nach Hause gehen. Es werden für dich bestimmt gute Eltern sein. Siehst du, jetzt hast du eine neue Mama und einen Papa. Sei schön lieb zu ihnen, Kleines.“ Die Kinderschwester verabschiedete sich, und sie gingen los nach Hause. Nun hatte sie eine Mama und einen Vati. So wurden sie von den Jungs angesprochen. Sie hatte also nun auch andere Geschwister. Geschwister, die ihr fremd waren. Wieder einmal hatte Norana einen Ortswechsel erlebt und wohnte jetzt (wahrscheinlich) in Berlin-Mitte. Sie war ganz lieb und brav und machte auch, was von ihr verlangt wurde. Beim Essen saß sie ganz ruhig am Tisch und aß auch alles auf, was sie bekam. Auch das, was ihr nicht so sehr schmeckte. Sie vermisste den süßen Brei, den es immer im Heim zu Mittag gab. Nach und nach lebte sie sich in der Familie ein.
Es war an einem Wochenende. Vielleicht an einem Sonntag. Da kamen immer die Verwandten zu Besuch. Alle wollten nun wissen, wer das kleine Mädchen ist und wie sie sich so einlebte. Sie wurde wie eine Schaufensterpuppe auf einen Tisch gesetzt und alle bewunderten sie. „Ist sie auch lieb?“, fragte man. „Oh, sie ist so lieb und ruhig. Sie spielt auch ganz alleine und tobt auch nicht so rum wie die Jungs.“ Sie sahen sich Norana weiter an. „Sie ist ja so eine niedliche. Sie hat so schöne Locken, ein richtiger blonder Lockenkranz“, sagte jemand. Und Norana schaukelte währenddessen mit ihren Beinen umher. „Aber die Augenfarbe ist braun.“ „Ach das macht nichts, sie ist so eine liebe“, unterhielten sich die Erwachsenen. Kleine Kinder mit blonden Locken mochten die adoptionswilligen Erwachsenen immer. Da hatte Norana Glück. Sie hatte zwar braune Augen, aber sie hatte diese blonden Locken.
„Sieh mal, das ist deine Oma und das ist nun dein Opa“, sagte ihre Mama zu ihr. Der Tag ging zu Ende, und die Verwandten gingen wieder. Die Verwandten sollten nun Oma und Opa sein.
Die Zeit verging. Aber als sie in den Kindergarten sollte, war sie nicht „kindergartenfähig“. Sie blieb zu Hause und verbrachte die Zeit mit Spielen. Sie spielte allein; denn die Brüder waren schon größer. Sie spielten ihre eigenen Spiele und gingen schon zur Schule. Also spielte Norana das nach, was ihre Mutter nun täglich tat. Sie kochte Knöpfe zur Knopfsuppe und fädelte Knöpfe zu einer Knopfkette auf. Der Vater kam meistens erst spät von der Arbeit nach Hause. Erst als es Abendbrot gab, waren alle zu Hause. Einige Zeit später zogen sie in eine andere Wohnung in einem anderen Stadtbezirk. Die Wohnung war wohl besser. Es gab drei Zimmer, ein Wohnzimmer und zwei andere Zimmer, eine Küche und ein Bad mit einer Badewanne und einem Badeofen. Der wurde immer angeheizt, wenn es zum Wochenendbaden ging. Norana durfte immer mit ihrem Vati zusammen baden. Er war groß. So groß wollte sie auch einmal werden. „So groß möchte ich auch mal sein“, sagte sie immer, wenn er aufstand und aus der Wanne ausstieg. Neben dem Bad gab es noch eine kleine Kammer, in der der Vati nun immer bastelte. Oft sah sie ihm dabei zu. Der Flur war lang. Lang genug, um rumrennen zu können. Das wurde aber nicht geduldet. Zum Spielen gab es das Kinderzimmer, wo sie nun zu dritt spielten, die Brüder mehr unter sich, und Norana saß meistens allein an einem kleinen Tisch und sah sich bunte Bilderbücher an. Die Straße war da schon besser zum Rumtollen geeignet. Gern war sie mit den Brüdern unten auf der Straße, um mit den anderen Kindern rumzutoben. Es war eine lange Spielstraße, und der Autoverkehr war noch nicht so dicht wie heutzutage. Den Vati mochte sie sehr gern. Er war nun oft im Wohnzimmer und bastelte an einem Radio oder einem Tonbandgerät. Sie durfte ihm auch immer beim Basteln zusehen.
Wenn sie allein zu Hause waren, hatten sie ein gemeinsames Spiel. Sie sang ein Kinderlied, und der Vati nahm das Lied auf Tonband auf. Das machte ihr großen Spaß, und sie hatte ihren Vati ganz allein für sich. Aber wenn die Brüder und die Mama wieder zu Hause waren, war das Spiel zu Ende.
Norana schien es gut zu gehen. Sie hatte sogar den roten Puppenwagen, den sie sich schon lange gewünscht hatte. Immer wieder hatte sie so doll gebettelt. „Mami bitte, bitte, ich möchte doch so gerne einen Puppenwagen. Einen roten Puppenwagen möchte ich so gerne, einen roten mit einer Püppi.“ Rot, die Farbe mochte sie am liebsten. Sie leuchtete so lebendig. Und es hatte so lange gedauert, bis sie wirklich einen Puppenwagen bekam. Doch eine Püppi fehlte noch, und als sie dann wirklich eine Puppe kaufen gingen, suchte sie sich eine Puppe aus, die blonde lange Haare hatte, die man kämmen und flechten konnte. Aber ihre Mama wählte für sie eine andere Puppe aus. Es war eine dunkle Puppe: „Sieh mal Norana, das ist eine afrikanische Puppe. Die ist doch auch schön, und mit ihr kannst du ja auch spielen“, sagte ihre Mama und gab ihr die Puppe. Norana war erst enttäuscht, denn sie wollte ja eine andere Puppe haben. Sie nahm die Puppe, bedankte sich und dachte, na gut, dann bist du eben meine Spielpüppi. Die ist ja auch schön. Sie hatte auch einen Teddybär, den sie immer Brauni nannte. Er hatte braunes Fell, und sie setzte ihn immer in den Puppenwagen und fütterte ihn. Manchmal setzte sie Brauni auch auf ihren kleinen Tisch, damit er immer bei ihr war, wenn sie sich Bilderbücher ansah. Bunte Bilder mochte sie. Sie malte oft kleine Bilder und sammelte sie in einer kleinen Schublade an ihrem Tischchen. Aber die wurden immer weggeräumt. Immer waren die Bilder weg, aber sie malte einfach neue Bildchen.
Einmal waren die Brüder mit ihr allein zu Hause, und sie spielten Verstecken. Norana war mit Verstecken dran. Sie suchte ein gutes Versteck. Eins, wo sie dieses Mal nicht so leicht gefunden wird. Also ging sie in das Zimmer, wo sie immer schlief. Dort war ein alter großer Wäscheschrank. Dort sollte ihr Versteck sein. Einer ihrer Brüder kam ihr hinterher. Als sie die Schranktür öffnete, sah sie unten im Schrank lauter Puppen liegen. „Was ist das?“ Sie war sehr verwundert über die Entdeckung. „Das sind deine ganzen Puppen, die du bekommen hast. Die hast du alle kaputt gemacht“, sagte der Bruder zu ihr. Norana konnte sich nicht daran erinnern. Unter den Puppen war auch eine Babypuppe, die pullern konnte. An diese Puppe konnte sie sich gut erinnern. Eine Tante hatte sie ihr mal mitgebracht. Norana freute sich darüber und setzte sie auf ihr kleines Tischchen, damit sie ihr immer verschiedene Kleidchen anziehen konnte. Den Braunie setzte sie jetzt auf ihr Bett. So war er immer noch ganz bei ihr. An einem Nachmittag, als sie wieder allein spielte und an ihrem Tisch saß, kam ihr Bruder mit einem Hammer in der Hand. „Na hast du schon mal eine Puppe mit einem Loch gesehen?“, sagte er zu ihr und machte eine Handbewegung mit dem Hammer auf den Kopf der Puppe. Der Kopf war aus einem zerbrechlichen Material und hatte nun ein Loch. Sie erinnerte sich daran und wollte nun nicht mehr Verstecken spielen. „Ich will nicht mehr“, sagte sie und machte die Schranktür wieder zu. Der Größere hatte oft mit ihr so rumgestänkert. Er hatte auch oft komische Spielideen, die sie nicht mochte. Sie hatte auch nicht so eine enge Beziehung zu ihm. Noranas blonder Lockenkranz war schon lange nicht mehr da. Ihr Haar war nun dunkler und war auch recht glatt geworden. Immer wenn es lang wurde, hatte es ihre Mutter kurz geschnitten. Beinahe wie einen Bubischnitt. Die langen Haare fand sie schöner, aber sie waren immer ungekämmt. Also wurden sie einfach kurz geschnitten.
Norana schlief nun in dem Zimmer, das hinter dem Wohnzimmer lag. Das Wohnzimmer war ein Durchgangszimmer, und die Eltern schliefen dort. Das hintere Zimmer hatte einen Balkon, und es stand oft eine Modelleisenbahn darin. Der Vati hatte sie gebaut, und nur die Brüder durften damit spielen. Er hatte sogar ein richtiges großes Schaltpult gebaut, für die Weichenstellungen und das Licht im Bahnhof. Auch die Ampeln waren beleuchtet, wenn man sie am Trafo anschaltete. Noranas Bett stand an der Wand gleich vorm Kachelofen. Wenn sie sich beim Aufstehen auf das Bett setzte, konnte sie den Balkon sehen.
Zum Schlafen wurde das Zimmer immer sehr abgedunkelt, damit sie schneller einschlief. Sie konnte aber oft nicht einschlafen. Und wenn sie endlich eingeschlafen war, kam immer ein Monster aus dem Ofen. Immer wollte es nach ihr greifen. Es kam immer und immer wieder. Bis sie schreiend wach wurde. Sie schrie vor Angst, denn das Monster kam wieder, wenn sie einschlief. Manchmal wurde sie früh, ganz früh morgens wach. Es schien, als hätte sie eine Stimme gehört. Als hätte jemand ihren Namen gerufen. Es war eine weibliche sanfte Stimme, die sie rief: „Norana! Norana!“ Als würde jemand an ihr Bett kommen und sie sanft wecken wollen. Norana sah sich im Zimmer um und suchte nach der Stimme. Wo kommt die Stimme her? dachte sie. Sie sah zum Fenster und hoch zur Gardinenstange. Da kam die Stimme her. Es war aber niemand zu sehen.
Sie musste wegen ihrer Albträume und der Schlafstörungen einige Zeit ins Krankenhaus. Dort machte man Tests und untersuchte das Nervenwasser. Sie blieb noch eine Zeitlang zur Beobachtung dort. Als sie wieder nach Hause kam, musste sie Medikamente zum Einschlafen und Durchschlafen nehmen. Sie war froh, dass sie wieder zuhause war.
Der Vati hat mit ihr oft Ausflüge gemacht, was sie sehr liebte. Sie war mit ihrem Vati sehr gerne allein zusammen. Aber später, irgendwann, war ihr der Vati zu nahegekommen, so nah, wie es nie hätte sein dürfen. Sie hat es nicht verstanden, was da geschehen war. Es war ein Geheimnis, und sie durfte niemandem etwas davon erzählen. „Das ist unser Geheimnis, und du darfst es niemandem erzählen. Sonst kommt der Vati ins Gefängnis“, sagte er zu ihr. Und trotzdem hat sie so sehr an ihm gehangen. Es schien ja auch alles wieder gut zu sein. Sie war aus dem Krankenhaus wieder nach Hause gekommen. Und ihr Vati war auch wieder da.
Aber der Schein trog. Irgendwie gab es immer Probleme. Sie durfte nicht mehr runter zum Spielen. Weil sie sich immer so schmutzig machte. Der Vati erlaubte ihr, heimlich runterzugehen. Sie musste aber wieder oben sein, wenn die Mama von der Arbeit kam. Damit sie nichts bemerkte. Wenn etwas vorgefallen war, wurde sie gefragt, warum sie das gemacht hatte. Norana wusste oft nicht, was sie antworten sollte. Darauf sagte die Mama zu ihr: „Der Vati wird dir jetzt den Po verhauen. Damit du daraus lernst.“ Das tat er daraufhin mit einem Teppichausklopfer. Sie weinte sehr. Danach kam er wieder, um sie zu trösten. Er umarmte sie und sagte: „Es tut mir so leid. Aber ich musste es tun, weil die Mama es so wollte. Ich hab´ dich trotzdem lieb, ja?“
Das erlebte Norana nun immer häufiger. Wann immer etwas vorgefallen war, wurde sie so bestraft. Auch wenn sie nicht wusste, wofür die Strafe war. Die Jungs wurden nicht so bestraft, wenn sie was angestellt hatten. Auch wenn sie kokelten, und die Flammen schon in die Höhe flogen. Norana traute sich nachts auch nicht mehr auf die Toilette zu gehen, weil die Mama sich immer darüber beklagte. „Sie ist wieder durch die Wohnung gelaufen. Und sie ist wieder nachtgewandelt“, sagte sie. Und dann war auf einmal das Bett nass. Als die Mama das am Morgen sah, spülte sie Norana mit eiskaltem Wasser ab. Es war auf dem Balkon, und es war mitten im Winter. Sie stand splitternackt auf dem Balkon und musste das eiskalte Wasser über sich ergießen lassen. Sie zitterte am ganzen Körper, wegen der Kälte. Auch diese absurden Zärtlichkeiten erlebte sie immer öfter.
Irgendwer hatte ihr einmal ein Halskettchen mit einen kleinen Herz geschenkt. Es war ein blaues Glasherz in einer schlichten Silberfassung. Norana freute sich sehr über das Kettchen und trug es oft. Aber die Mama nahm es ihr weg. Sie legte es in eine Schublade im Wohnzimmerschrank, sodass Norana sehen konnte, wo sie es hinlegte. Norana verstand das nicht und holte sich das Kettchen in der Nacht immer wieder heraus. Am nächsten Morgen beim Aufstehen fand die Mama es unter dem Kopfkissen, und es gab wieder Ärger. „Du warst ja wieder am Schrank und hast dir das Kettchen genommen. Man stiehlt nicht. Merk dir das“, sagte sie dann. Das wiederholte sich regelmäßig. Norana wollte doch nur ihr Halskettchen wiederhaben. Aber die Mama gab es ihr nicht zurück. Eines Morgens, als sie Norana weckte, trug sie das Kettchen selbst um ihren Hals.
Es gab eine Tante, die Norana sehr mochte. Sie war eine Freundin der Mama und wurde immer mit Tante angesprochen. Sie kam oft zu Besuch, und wenn Norana wusste, es ist die Tante Inga, lief sie ganz schnell zur Tür, um sie als erste zu begrüßen. Oft wurde sie aber zur Seite geschoben. Ihre Mama machte die Tür auf, und die Tante begrüßte sie doch als erste.
Dann gab ihr die Tante immer eine Tüte Fruchtbonbons. Norana freute sich sehr. Sie hüpfte über den Flur und nahm sich ein Bonbon aus der Tüte, um es zu lutschen. Der Rest wurde meistens weggelegt. Die Bonbontüte wurde nun in einer Zuckerdose, in der Küche, im oberen Fach des Küchenschranks abgelegt, damit Norana nicht herankam. Oft schaffte es Norana, sich doch ein Bonbon aus der Dose zu holen. Sie nahm sich einen Stuhl und kletterte darauf. So kam sie doch an das Fach heran und nahm sich dann nur ein Bonbon heraus. Die Mama bemerkte es immer, und es gab wieder Ärger. „Man klaut nicht“, sagte die Mutter immer, „du kannst fragen, ob du ein Bonbon haben darfst.“ Wenn sie gefragt hätte, hätte sie dann wirklich eins haben dürfen?
Einmal war Norana über das Wochenende bei der Tante Inga zu Besuch. Ihre Mama und ihr Vati wollten eine Wochenendreise nur zu zweit machen. Vati brachte dann Norana zur Tante. Sie durfte das erste Mal auf seinem Motorrad mitfahren. Die Tante war so lieb zu ihr. Sie putzten Früchte und Schoten für das Mittagessen. Nach dem Essen gingen sie in einer großen Eisdiele ein großes Eis essen. Es war die Mocca-Milch-Eisbar in der Frankfurter Allee. Da war sie noch nie gewesen, und es schien den ganzen Tag die Sonne. Aber Norana fror am ganzen Körper. Es war ihr schlecht, und sie schaffte noch nicht einmal das schöne Eis. Die Tante sorgte sich sehr. Sie fuhr mit ihr nach Hause und bemerkte, dass Norana Fieber hatte. Sie hatte 40° Fieber, und die Tante sorgte sich noch mehr. Sie ging zu einer Nachbarin und bat um Rat. Danach machte sie Kirschsaft heiß und legte Norana ins Bett. Sie gab ihr den heißen Kirschsaft zu trinken und machte kalte Wadenwickel. Norana schlief auch schnell ein. Am nächsten Morgen war das Fieber wie weggewischt. Als wäre gar nichts gewesen. Die Tante Inga sorgte sich hingebungsvoll um sie. Die Tante hatte ein Schränkchen mit lauter kleinen Fächern. Sie ging an das Schränkchen und öffnete ein Fach. Dann nahm sie ein Kettchen aus einem Fach und sagte. „Schau mal Norana, jede Perle sieht anders aus. Wie verschiedene Blüten, und jede hat eine andere Farbe. Im Dunkeln leuchtet das Kettchen. Gefällt es dir?“, fragte sie die Tante weiter. „Ja, es ist schön“, antwortete Norana. Da legte die Tante ihr das Kettchen um den Hals und sagte: „Das Kettchen schenk ich dir, weil du so krank und so lieb warst.“
Am Nachmittag, als Norana wieder zu Hause war, war sie immer noch voller Freude über das Kettchen und zeigte es der Mama. Sie standen in der Küche, und die Mama las noch einen Brief, den die Tante ihr geschrieben hatte. Dann sah sie zu ihr. „Was ist denn das?“, fragte sie. „Ein Kettchen von der Tante Inga. Sie hat es mir geschenkt, weil ich so hohes Fieber hatte. Und sie hat sich ganz doll um mich gesorgt. Es leuchtet im Dunkeln“, erzählte Norana der Mama. Die Mutter wurde ungehalten und sagte: „Wie kann das sein. Ich denk, du hast Fieber und dann bekommst du ein Kettchen. Wie geht denn das?!“ Sie nahm ihr das Kettchen weg. Und sagte: „Das brauchst du nicht. Fieber. Wie kann denn Fieber so schnell weggehen? Das kann ja nicht sein“, und legte das Kettchen irgendwo hin.
Norana musste nun wieder in dem anderen Zimmer mit den Jungen schlafen. Und nun hing das Kettchen auf einem Nagel an der Wand. Die Mama hatte es da hingehangen, sodass sie es vom Bett aus sehen konnte. Das Kettchen leuchtete, und Norana nahm es sich wieder zurück. Sie legte sich wieder ins Bett und legte sich das Kettchen unter ihr Kopfkissen. Am nächsten Morgen fand die Mama das Kettchen, und wieder gab es Ärger. Das Spiel wiederholte sich regelmäßig. Bis das Kettchen kaputt war. Und dann war es ganz weg.
Wenn nun die liebe Tante wieder zu Besuch kam, durfte Norana nicht mehr zur Tür vorrennen, um sie schnell zu begrüßen. Sie sollte nun immer im Spielzimmer bleiben und nicht stören. Dafür lauschte Norana immer nach der Stimme von der Tante. Sie wollte wenigstens ihre Stimme hören, wenn sie da war.
Norana wurde nun eingeschult und ging in die gleiche Schule, in die auch die Brüder gingen. Es fiel ihr schwer, in der Schule zurecht zu kommen. Die Klasse war so groß, und sie konnte dem Unterricht oft nicht folgen. Sie wurde in einer anderen Schule neu eingeschult. Die Klassen waren dort kleiner, und ihre Leistungen waren sogar so gut, dass sie eine Klasse übersprang. Aber die Probleme blieben trotzdem nicht aus. Als sie Pionier wurde, wollte die Mama sie stolz den anderen präsentieren. Da stand sie nun, hatte das blaue Halstuch um und trug ein schwarz-weiß-kleinkariertes Kleid mit einem weißen Blusenkragen. „Ach sieh‘ doch mal“, sagte sie zum Vati. „Wie schön das aussieht, wenn sie das Halstuch trägt.“ Das fand Norana doof. Sie ging nach nebenan in das andere Zimmer und band das Halstuch wieder ab. „Norana, komm doch noch mal und zeige dich.“ Sie ging wieder in die Wohnstube, wo alle saßen, ohne das Halstuch. Die Mama hat das nicht verstanden. „Ach schade. Jetzt hat sie es schon abgemacht. Dabei sah es so schön aus“, sagte die Mutter. Eine richtige Pionierkleidung bekam Norana nicht.
Die Pionierleiterin in der Schule meinte es wohl gut mit ihr. Norana wurde ausgewählt, bei einer Veranstaltung in der Aula die Fahne zu halten. Die Leiterin stellte ihr eine vollständige Pionierkleidung zur Verfügung, und Norana stand ganz ruhig auf der Bühne und hielt die Fahne. Es war eine große Bühne, und die Aula war auch sehr groß. Viele Leute saßen in der Aula. Alles die Großen, die schon in der FDJ waren. In diesem Augenblick war Norana eine wichtige Person. Die Pionierleiterin war stolz auf Noranas Disziplin und schenkte ihr die Pionierbluse, weil sie als einzige noch keine hatte. Als Norana nach Hause kam, war sie noch voller Freude. Aber die Mama schimpfte nur und nahm ihr die Bluse wieder weg. „Du brauchst keine Pionierbluse“, waren die Worte der Mutter. Wenn Norana Pionierkleidung anziehen sollte, bekam sie jedes Mal einfach keine zum Anziehen hin gelegt. „Du brauchst keine Pionierkleidung. Du darfst kein Pionier mehr sein. Pioniere lügen und stehlen nicht“, waren ihre Worte. Das Pionierabzeichen wurde von der Bluse abgetrennt und auf einem weißen Hemd der Brüder aufgenäht. Norana verstand das wirklich nicht. Sie war wütend auf ihre Brüder und auf die Mama. Immer hat sie ihr das weggenommen, was sie geschenkt bekam und was ihr etwas bedeutete.
Norana ging nach der Schule immer in den Schulhort und musste dort ihre Hausaufgaben machen. Es war aber oft zu laut. So laut, dass sie sich nicht konzentrieren konnte. Sie war oft auch viel zu unruhig und musste dann ihre Hausaufgaben zu Hause fertigmachen.
Norana musste schon recht früh selbstständig sein. Sie musste morgens allein aufstehen und sich für die Schule fertigmachen. Sie musste mit der Straßenbahn bis zur Schönholzerstraße nach Pankow fahren, fast am Bürgerpark. Nachmittags nach dem Hort musste sie auch selbstständig nach Hause fahren. Oft bummelte sie einfach. Das gab wieder Ärger mit der Mama. Aber sie durfte ja auch nicht unten spielen. Nun bummelte sie einfach beim Nachhausegehen. Sie spielte einfach mit den Kindern aus ihrer Schule auf dem Heimweg. Wenn der Vati zu Hause war, gab es nicht so viel Ärger. Er ließ sie reinkommen, und sie durfte immer zusehen, wenn er an einem Radio bastelte. Er schimpfte nicht einmal. „Komm schnell rein!“, begrüßte er sie, und sie wusste, sie brauchte heute keine Angst zu haben.
Eines Tages, als sie vom Hort aus nach Hause gehen wollte, fand sie ihren Schulranzen nicht. Sie hatte den Ranzen im Hort ins Regal gestellt, als sie vom Unterricht zum Hort ging. Sie suchte mit einer Horterzieherin den ganzen Hort und das Schulgebäude ab. Aber der Ranzen war nirgends zu finden. Sie hatte ihre Fahrkarte im Ranzen und konnte deswegen jetzt nicht mit der Straßenbahn nach Hause fahren. Sie lief also den ganzen Weg von der Schule aus nach Hause. Und kam wieder zu spät zu Hause an.
Als Norana vor der Wohnungstür stand, bemerkt sie, dass ihre Schuhe langsam kaputtgingen. Ein Faden hatte sich in der Naht gelöst. Sie klingelte mit einem unguten Gefühl. Die Tür öffnete sich, und ihre Mutter stand vor ihr. Sie sah sie an. „Wo ist dein Ranzen?“, fragte sie und sah an Norana herunter. „Was ist mit dem Schuh, wieso ist der schon wieder kaputt?“, fragte die Mutter forsch. Norana sah auf die Naht, die sich löste. Im selben Augenblick wurde sie reingezerrt. „Wo ist der Ranzen?“, fragte die Mutter wütend weiter. Norana kam nicht dazu, ihr zu erklären, was passiert war. Im selben Augenblick zog die Mutter sich schon einen Schuh aus und schlug mit voller Wucht auf sie ein. Sie schlug wieder und immer wieder auf sie ein. Norana schrie und versuchte, sich vor den Schlägen zu schützen. Aber es half nichts. Sie schlug und schlug immer noch weiter auf sie ein. Es war ein Straßenschuh mit einem kleinen Absatz.
Das Wochenende über musste Norana im Zimmer bleiben. Sie war die ganze Zeit über nur im Bett und durfte das Bett und das Zimmer nicht verlassen. Sie bekam auch kaum etwas zu essen und war die ganze Zeit alleine. Am Montag, als sie mit der Straßenbahn wieder zur Schule fuhr, wunderte sie sich, warum die Leute sie so ansahen. Sie hatte einen dunklen Trainingsanzug aus Baumwolle an, der nicht besonders schön war. Vielleicht wunderten sich die Leute ja auch über ihre Kleidung, dachte sie beim Aussteigen aus der Bahn und ging weiter zum Schulhort. Sie wollte alleine sein und setzte sich in eine hintere Ecke, wo sie niemand störte. Nach einer kurzen Zeit kam eine Erzieherin auf sie zu. „Nanu Norana, was ist denn mit dir passiert?“, fragte sie. Aber Norana gab keine Antwort. Was sollte sie denn nur sagen? Alles, was sie sagte, stimmte ja nicht, nach Meinung ihrer Mutter. Erst wenn sie sich etwas ausdachte, das sich glaubhaft anhörte, hatte die Mutter ihr Glauben geschenkt. Aber dann kam raus, dass sie gelogen hatte. Ja, aber die Wahrheit hatte sie vorher nicht geglaubt. Und jetzt wäre es wahrscheinlich genauso. Norana sagte also lieber nichts.
Die Erzieherin nahm Norana an die Hand und ging mit ihr in die Hortküche. Sie setzte Norana auf einen Tisch, sah sie an und sagte jetzt mit ernster Stimme: „ Kind, was ist mit dir passiert? Du hast ja überall grüne und blaue Flecke. Wer hat dich denn so sehr geschlagen?“ Sie sah Norana ernsthaft an und hielt ihre Hand. Norana bekam einen riesigen Schreck. Nun wusste sie, warum die Leute sie in der Bahn so angesehen hatten. Sie weinte und erzählte der Erzieherin alles, was geschehen war. „Ach“, sagte die Erzieherin, „bevor ich das vergesse. Dein Schulranzen hat sich wieder angefunden. Ein anderes Kind hat ihn aus Versehen mitgenommen. Er wurde verwechselt. Aber jetzt ist er ja wieder da“, sagte sie weiter. Norana war erleichtert.
Am selben Tag ging eine andere Erzieherin mit ihr zum Kinderarzt. Sie wurde intensiv untersucht, und es wurde alles genau schriftlich festgehalten. Sie bekam einen Arztbrief an die Mutter mit, worin stand, dass sie noch einmal zur ärztlichen Begutachtung müsste und dass ihre Mutter mit vorsprechen sollte. Norana war den Rest des Tages nur im Hort.
Als sie nun mit ihrer Mutter zum Arzttermin kam, betrachtete sich der Arzt den ganzen Körper und begutachtete wieder die Flecken, die überall zu sehen waren. „Wie geht es dir denn?“ fragte der Arzt. Aber sie wusste wieder nicht, was sie sagen sollte. „Na gut, zieh dich wieder an und warte draußen. Sag deiner Mutter, sie soll auch reinkommen. Ich muss noch mit ihr reden. Du kannst dann auf sie warten“, sagte der Arzt zu ihr und sie zog sich wieder an. Sie ging aus dem Sprechzimmer und ging zu ihrer Mutter. Sie sagte ihr, dass sie auch noch reingehen sollte und wartete eine ganze Weile still auf sie. Als die Mutter wieder aus dem Sprechzimmer des Arztes herauskam, konnte Norana sehen, dass sie sich mit einem Taschentuch die Augen auswischte. Hat sie geweint? fragte sich Norana. Ihre Mutter tat ihr auf einmal leid. Aber das, was die Mutter mit ihr gemacht hatte, war viel zu schlimm. Sie merkte immer noch die Flecken. Sie taten ihr immer noch weh. Beim Heimweg sprachen sie kein einziges Wort. Norana saß nur stumm neben ihr.
Zu Hause verbrachte Norana den ganzen Nachmittag im Spielzimmer der Brüder. Sie saß an ihrem kleinen Tischchen, sah sich Bilderbücher an und malte kleine Bildchen, die sie in die kleine Schublade legte. Zum Abend kam noch Besuch. Die Erwachsenen saßen in der Küche, und Norana konnte hören, wie sie sich unterhielten. Sie hörte die Mutter sagen, dass der Arzt gefragt hatte, was sie mit dem Kind gemacht habe. „Wenn sie das Kind noch einmal anfassen, nehmen wir Ihnen das Kind weg‘, hat er gesagt. Verrät ihre eigene Mutter“, sagte sie. Sie war wohl wütend. Norana wusste nun, dass das, was ihr angetan wurde, so nicht sein durfte.
Einige Tage später kam in der Schule eine Lehrerin aus einer anderen Klasse auf Norana zu und fragte: „Hast du Lust, mal eine Weile zu verreisen? Es ist noch ein Platz frei.“ Sie freute sich und sagte: „Ja, gerne.“ „Gut“, sagte die Lehrerin, „ich werde mich dafür einsetzen, dass du den Platz bekommst.“ Nach einigen Tagen musste sie noch mal mit der Mutter zur Reihenuntersuchung. Sie durfte die Reise mit antreten. Es ging sechs Wochen lang ins Vogtland, wo sie eine neue Freundin kennen lernte. Im Vogtland war es schön. Sie wanderten viel. Sie spielte mit ihrer Freundin Puffreisschaukeln, und sie träumten davon, später einmal zusammen zu wohnen. Sie würden den ganzen Tag immer schaukeln und immer nur bunten Puffreis essen. Die Wiesen im Vogtland waren schön weich, und die Bäche waren schön kühl. Beim Wandern gingen sie oft über die weichen Wiesen und durch die kühlen Bäche. Sie gingen barfuß durch das kühle Wasser und fanden schöne Kristallsteine in verschiedenen Größen und Farben. Norana sammelte wie die anderen Kinder die verlockenden Steine. Sie bastelte einen kleinen Stoffbeutel, den man mit einer Schnur zuziehen konnte und tat ihre Kristalle dort rein. Sie sah sich die Steine oft an, wie sie so schön bunt in der Sonne glitzerten. Das gefiel ihr besonders. Es waren sechs schöne Wochen, und sie hatte eine neue Freundin gefunden.
Als Norana wieder zu Hause war, wunderte sich ihre Mutter, dass sie nur so wenig Schmutzwäsche hatte. Dabei hatte Norana die schmutzige Wäsche gewaschen. Eine Lehrerin zeigte den Kindern, wie das ging und worauf man dabei achten sollte. Das Wetter war sehr warm und sonnig, und alles wurde rechtzeitig trocken. Sie erzählte es aber nicht der Mutter. Die schönen bunten Kristallsteine steckte sie mit dem Beutelchen in ihre Schublade im Tischchen. Nach kurzer Zeit waren sie auf einmal weg. Die Mutter hatte wieder mal aufgeräumt Sie hatte die Steinchen gefunden und einfach behalten.
Sie wohnten in einer Seitenstraße an der Schönhäuser Allee. In der Schönhäuser Allee gab es viele Geschäfte. Am Abend wurde die lange Allee bunt von den Ladenlichtern beleuchtet. In der Schönhauser gab es auch einen Schmuckladen mit einer Goldschmiede. Als Norana an einem Tag von der Schule nach Hause kam, sah sie sich das Ladenfenster der Goldschmiede an und sah dort einen großen roten Kristallstein liegen. Er sah aus wie der, den sie im Vogtland gefunden hatte. Mama hat mir den Stein weggenommen und ihn einfach an den Goldschmied verkauft, sagte sie sich im Stillen. Und die anderen Steine? Wo waren die? Hatte sie die auch an den Goldschmied verkauft? Sie sah sich den Stein im Schaufenster noch einmal an und ging weiter nach Hause. Sie sprach nicht mit ihrer Mutter über das, was sie entdeckt hatte. Die Mutter würde ihr ja nur wieder Lügen vorwerfen. Würde wahrscheinlich sagen, wie kann man nur behaupten, dass die Mutter ihr Kind bestiehlt. Norana war gerade neun Jahre alt.
Die Zeit verging. Eine liebevolle Zuneigung der Mutter erfuhr sie nicht. Nur wenn die Mutter etwas von ihr wollte. Einmal hatte sie sie gebeten, nach ihrem Perlenohrring zu suchen. Sie hatte ihn wohl in der Wohnung verloren und konnte ihn nicht finden. „Wenn du ihn findest, bekommst du ein großes Eis“, versprach sie ihr. Norana suchte in der ganzen Wohnung nach dem Ohrring. Zuerst im Bad, dann in der Wohnstube und auch in den anderen Zimmern und dem Flur. Der Ohrring war nicht zu finden.
Ein anderes Mal bekam sie auch mal eine bestimmte Zuneigung. Das war noch, bevor sie in die Schule in Pankow ging. Bevor sie neu eingeschult wurde. Die Jungs waren in der Schule, und der Vati war auf Arbeit. Die Mama war mit ihr alleine zu Hause, und sie sagte ihr, sie müsse ihr mal helfen, es ginge ihr nicht gut. Sie legte sich mit ihr ins Bett. Diese Art der Zuneigung mochte Norana nicht. Sie fühlte sich hinterher komisch. Diese Art der Zuneigung war seltsam. Genauso seltsam, wie ihr Vati ihr zu nahe gewesen war. Sie würde nicht darüber reden, denn niemand würde ihr glauben. Außerdem hatte sie es ja versprochen, als der Vati sagte: „Das darfst du niemandem erzählen. Sonst kommt der Vati ins Gefängnis. Das ist unser Geheimnis.“ Da hatte sie es ihm versprochen, auch wenn sie es nicht verstanden hatte. Denn sie liebte ihren Vati so sehr. Er tröstete und umarmte sie, wenn sie traurig war, und sie durfte immer zusehen, wenn er an einem Radiogerät bastelte. Sie durfte auch unten auf der Straße spielen, wenn die Mama nicht da war.
Es wurde Herbst, und die Tage wurden kürzer. Die Lichter in den Geschäften der Schönhauser Allee leuchteten wieder heller. Norana liebte es, die bunten Lichter der Allee zu betrachten. Sie hatte nun einen Wohnungsschlüssel, um auch allein in die Wohnung zu kommen. An einem Tag im Oktober, als sie nach Hause kam, war niemand da. So schien es. Als sie im Flur stand, hörte sie eine Stimme ihren Namen rufen. Sie wunderte sich. „Vati“, rief sie. „Vati, wo bist du?“, rief sie wieder. „Hier, hier im Zimmer.“ Sie folgte der Stimme bis ins hinterste Zimmer. Da lag er allein im Bett, und niemand war da, nur sie. „Vati?“, sagte sie erstaunt. Sie hatte ihn noch nie so gesehen. „Komm zu mir Kleines. Vati ist krank“, und dann, „komm leg dich zu mir, dann kann ich schlafen.“ Sie legte sich zu ihm ins Bett, und er umarmte sie. „Ich hab´ dich so lieb“, sagte er und schlief ganz ruhig ein. Er war schon so schwach. Jeden Tag wartete er auf sie. Sie umarmten sich, und er schlief dann ruhig ein. Vati wartete jeden Tag, bis Norana nach Hause kam. Erst dann fand er Ruhe und konnte schlafen.
Tage darauf, als Norana wieder vom Schulhort nach Hause kam und zu ihrem Vati ins Zimmer ging, war er nicht mehr da. Sie rannte durch die Wohnung. Es war niemand da. Auch Vati nicht. „Wo ist Vati?“ Sie verstand es nicht. Er war doch immer da, wenn sie nach Hause kam. Warum jetzt nicht? Sie war ganz allein in der Wohnung und sah sich um. Was ist passiert, fragte sie sich und ging ins Kinderzimmer. Sie setzte sich an ihr Tischchen, malte bunte Bilder und sah sich Bilderbücher an. Sie nahm ihren Brauni und setzte ihn auf den Tisch, damit sie mit ihm reden und ihn immer sehen konnte.
Wenn sie allein war, sprach sie mit ihrem Brauni. Nun hatte sie nur noch ihn. Als die Mutter und die Brüder endlich nach Hause kamen, wollte sie wissen, wo Vati ist. Warum er nicht mehr da war. „Vati ist im Krankenhaus“, war die Antwort der Mutter. Ohne zu trösten. Kein Trösten und kein Streicheln. Keine tröstliche Zuneigung der Mutter zur Tochter. Nichts. Norana ging wieder ins Zimmer. „Vati ist also im Krankenhaus. Aber er wird sicher wieder gesund und kommt bestimmt wieder nach Hause“, erzählte sie ihrem Brauni. Und dann habe ich meinen Vati wieder, dachte sie im Stillen. „Vati kommt wieder“, sagte sie noch einmal ihrem Brauni. „Er kommt bestimmt wieder.“
Jeden Tag wartete sie nun auf ihren Vati. Er kommt sicher wieder nach Hause. Und wenn er nach Hause kommt, wird sie ihn ganz doll begrüßen und ihn ganz doll umarmen. Und er würde sie dann auf den Arm nehmen und sie ganz doll drücken und ihr sagen: „Ich hab´ dich so vermisst.“ Und sie würde dann ganz lange auf seinem Schoß sitzen können. Er würde sie streicheln, bis sie dann eingeschlafen ist. Sie würde am nächsten Morgen im Bett aufwachen, und ihre Seele wäre wieder friedlich.
Die Tage vergingen. Draußen wurde es immer früher dunkel. Norana beeilte sich, um schnell vom Hort nach Hause zu kommen. Sie wollte ja ihren Vati begrüßen, wenn er nach Hause kam. Aber er kam nicht. Ganz ruhig saß sie an ihrem Tischchen und malte kleine Bilder. Vati kommt wieder, sagte sie sich. Inzwischen verging die Zeit, und es war schon Dezember. Vati war immer noch nicht da. Eines Abends hörte sie Schritte. Es waren Vatis Hausschlappen. Erst dachte sie, er wäre wieder da und wollte schon aufspringen, um ihn zu begrüßen. Doch etwas klang anders. Vatis Schritte klingen anders, dachte sie. Die Mutter kam ins Zimmer und hatte Vatis Schlappen an. Die hat Vati immer an, warum hat sie die an? Die gehören Vati und nicht ihr. Sie darf die Hausschlappen nicht anhaben, dachte Norana wütend in sich hinein. Inzwischen war Weihnachten, und Vati war immer noch nicht da. Oma und Opa waren da, aber nicht Vati. Weihnachten ohne Vati ist doof. Sie mochte dieses Weihnachten nicht. Weihnachten ohne Vati ist einfach doof. Wäre ihr Vati wieder da, wäre das das schönste Geschenk gewesen.
