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Der bewegende Briefwechsel zweier Liebender in Zeiten des zweiten Weltkriegs. Sie tauschen Zärtlichkeiten aus, sie streiten sich, sie planen ihre Zukunft, als gäbe es kein heute. Die Gegenwart wird weitgehend ausgeklammert. Sie retten sich auf die Inseln der Glückseligkeit, auch wenn die Welt rings herum in Flammen steht. Sie klammern sich aneinander. Ja, wenn doch bloß der Krieg nicht wär! Die Briefe sind authentisch, wenn auch wesentlich gekürzt, um Raum zu lassen für Fiktion, Zeit- und Lebensgeschichte. Die Intensität der Auseinandersetzungen und Hingabe, die Zärtlichkeit, der Überschwang und Übermut, die kindliche Naivität und Erzählfreude sind das ewig Lebendige und Kostbare an dieser Hinterlassenschaft. Im heutigen Zeitalter der elektronischen Kurznachricht lesen sich diese Briefe für junge Leute geradezu wie Literatur. Friedrich und Rosa sind kaum zwanzig Jahre alt! All diese Träume und Hoffnungen: All die nutzlosen Versuche, den Partner nach dem eigenen Wunschbild zu formen. Sie erfüllen sich ihre Träume – nach dem Krieg. Aber sie ändern sich nie. Eines Tages wendet sich das Schicksal gegen sie und hält sie gnadenlos im eisernen Griff. Klingt wie ein Roman Doch so war ihr Le
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Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Leonore Paurat studierte Theaterwissenschaften, Literatur und Soziologie und entschied sich als Soziologin zum Fernsehen zu gehen als Autorin, Regisseurin und Produzentin. Diese vielfältige, kreative Herausforderung bereicherte ihre Sicht auf die Wirklichkeit, zumal es in ihren Dokumentarfilmen um menschliches Verhalten ging, um Lebenswege und Schicksale. So zeigt zum Beispiel der Film Morgenröte im Abendland den Lebensweg einer in Deutschland geborenen Jüdin, die in den dreißiger Jahren mit ihren Eltern nach Shanghai emigrierte und sich Jahrzehnte später über viele Wege und Umwege mit einem buddhistischen Kloster hochgeschätzte Reputation verschafft.
Oder der Film Auf Messers Schneide – da geht es um Menschen mit Zwangsneurosen. Sie hört zu, beobachtet, analysiert, bewertet nicht.
Das Schreiben gehörte zu ihrem Berufsleben immer dazu, auch wenn sich das auf kurze, prägnante Kommentare beschränkte.
So war es zu ihrem ersten Buch eigentlich gar kein langer Weg.
Für Sophia, Philipp, Daniel und die nachfolgende Generation
1939 sind die Liebenden 16 und 18 Jahre alt – viel zu jung, um ein lebenslanges Versprechen abzugeben, was damals durchaus wörtlich zu nehmen war.
Sie tun es und nehmen es wörtlich.
1941 kommt das erste Kind – ziemlich unverhofft, passt aber in viele Zeiten.
Es ist Krieg, und natürlich sind sie getrennt. Sie schreiben sich täglich. Nahtlos reiht sich Tag an Tag. Die Briefe sind authentisch*. Rosa hat sie aufgehoben.
Der Briefwechsel der beiden Liebenden in Zeiten des zweiten Weltkriegs bewegt. Sie tauschen Zärtlichkeiten aus, sie streiten sich, sie planen ihre Zukunft als gäbe es kein Heute. Die Gegenwart wird weitgehend ausgeklammert. Sie retten sich auf die Inseln der Glückseligkeit, auch wenn die Welt rings herum in Flammen steht. Sie klammern sich aneinander.
Ja, wenn der Krieg erst mal vorbei ist …
Das kleine, große Glück zu zweit, zu dritt, dann zu viert.
Was interessiert da noch ein Hitler?
Sie schreiben sich Liebesbriefe – er hingebungsvoll, sie sehnsüchtig neckisch. Natürlich streiten sie sich auch: Wer hat Recht? Wer muss wen noch erziehen? Sie sind ja noch so jung! Was ist ein gutes Buch? Was ist gute Musik? Wie wollen wir später leben? Was ist wahre Liebe?
Zeitlos die erfindungsreichen Erpressungsversuche, um eben die wahre Liebe auf die Probe zu stellen. Zum Beispiel: ›Wenn Du mich liebst, musst Du Dich auch mit meiner Mutter verstehen‹ – für Rosa ein Albtraum.
*Die originale Schreibweise wurde beibehalten.
Es geht um die Rollenverteilung Mann–Frau, um Anschauungen über Macht, Schönheit und Moral, um Eifersucht, Sehnsucht, Rache und natürlich um all die nutzlosen Versuche, den Partner nach dem eigenen Wunschbild zu formen.
Trotz oft erbitterter Stellungskriege über mehr als sechs Jahrzehnte, bleiben sie bei ihrem Versprechen und das nicht aus Konvention oder aus dem Gefühl heraus: was habe ich sonst für eine Wahl? Sie bleiben innig miteinander verbunden.
Die Intensität der Auseinandersetzungen, die Hingabe, die Zärtlichkeit, der Überschwang und Übermut, die kindliche Naivität und Erzählfreude sind das ewig Lebendige und Kostbare an dieser Hinterlassenschaft, die natürlich wesentlich gekürzt ist, um Raum zu lassen für Fiktion, Zeit- und Lebensgeschichte.
Im heutigen Zeitalter der elektronischen Kurznachricht lesen sich die Briefe geradezu wie Literatur. Was schreiben sich Verliebte heute – wenn sie sich überhaupt noch schreiben? Die Kürzel haben ja buchstäblich die Sprache verschlagen.
Das Schreiben blieb für Friedrich und Rosa die einzige Möglichkeit, aus dem Alltag zu erzählen, ihre Liebe, Nöte und Sehnsüchte auszutauschen, an ihren Hoffnungen und Träumen festzuhalten, denn der Krieg trennte sie für viele Jahre.
Friedrich muss sich – ganz gegen seine Natur – erst einmal im Kriechgang üben.
Zur Vorbereitung auf den „Dienst an der Waffe“ wird er zum Arbeitsdienst eingezogen.
Später, als Soldat in Holland, geht es ihm schon besser – so makaber das klingt. Der Krieg ist erst einmal weit weg. Zudem hat er eine Nische gefunden: Nachrichtentechniker. So kann er es sich hier als Besatzer im Windschatten des Krieges gemütlich machen und hat auch noch Zeit, sich über die „verlorene Zeit“ mit natürlich guter Literatur hinweg zu retten.
Rosa rettet sich mit der Evakuierung ins Württembergische vor den schwiegermütterlichen Zumutungen und vor den Bomben im Ruhrgebiet. Auf der schwäbischen Alb lebt es sich geradezu behaglich, wenn nur der verdammte Krieg nicht wär …
Die Allmachtphantasien eines durchgeknallten Diktators und dessen kriminelles Rollkommando werden nicht wahr – oder nicht ernst genommen. Schließlich gibt es Wichtigeres – nämlich die eigene Zukunft.
Der Krieg nervt, weil er ihre Pläne durchkreuzt und sie nicht zusammen sein können.
So sind diese Briefe als Spiegel ihrer Zeit ein zeitgeschichtliches Dokument und gleichzeitig, da letztlich alle Sorge um das eigene Wohl kreist, entwaffnend zeitlos.
Zeitgebunden der Sozialdarwinismus, der Glaube an eine überlegene Rasse. Der edle Mensch, der Held schlechthin ist nordischen Geblüts. Mit klassischem und romantischem Kitsch verrührt, gerinnt er zu brauner Soße. Auch Friedrich sitzt mit seiner schwärmerischen und hehren Gedankenschwere der folgenschweren Ideologie seiner Zeit auf.
Rosa fehlt es an jeder Kritik – nicht aus Vorsicht, sondern aus Mangel an Durchsicht. Sie pflegt auch in „schweren“ Zeiten – die für sie persönlich noch leicht zu ertragen waren – ihren naiven Optimismus. Nach Regen kommt Sonnenschein …
Sie sind zwei von Millionen Mitläufern.
Friedrich will einmal nicht so enden, wie der eigene Vater – Erfinder, Trinker und einer, der nie Geld in der Tasche hatte. Er ist 14 Jahre alt, als der Vater stirbt. Von den Erfindungen ist nichts geblieben. Und so macht sich Friedrich schon 1946 auf, sein Schicksal zu ändern.
Rosa war auf Rosen gebettet, doch der frühe Tod ihrer Eltern saß wie Stacheln im Fleisch. So konnte die junge Erbin zwar einerseits den Grundstein für den gemeinsamen Aufstieg legen, andererseits konnte sie aber ihre Krallen nie einfahren, bis diese im hohen Alter stumpf geworden waren und sie sich ihrer Gebrechlichkeit beugen musste.
Friedrich macht sich also mit ihrer Hilfe selbständig und bahnt sich seinen Weg mit erfindungsreichen Maschinen durch den deutschen Bergbau, dann durch den internationalen Tunnelbau.
Alle Wunschträume und Hoffnungen werden wahr. Doch eines Tages wendet sich das Schicksal gegen sie und hält sie gnadenlos im eisernen Griff.
Bis er ans Ende des Tunnels geriet und alle Geschäfte platzten, vergingen 45 Jahre. Die Zeit war über ihn hinweggerollt, und als es noch Zeit war innezuhalten und abzutreten, hielt er sich für unsterblich, wollte mit seinen neuen Ideen die Welt retten und sich ein Denkmal setzen.
So verlor er alles, wofür er in seinem Leben gekämpft hatte – auch seinen Verstand.
Klingt wie in einem Roman.
Doch so war ihr Leben.
Prolog
Wer wagt gewinnt
Das traute Heim
Vorausblick
Sehnsucht und der verdammte Krieg
Süßer die Glocken nie klingen
Froh zu sein bedarf es wenig
Kindererziehung
Jetzt beginnt das Leben und jetzt hauen wir auf den Putz
Kein Blick zurück
Und wer froh ist, ist ein König
Schlagabtausch
Zwangsarbeiter und Alltagsleben
Prüde bleibt prüde
Ach, wenn doch bloß der Krieg nicht wär!
Der Tanz auf dem Vulkan
Der Erfinder
Von allen guten Geistern verlassen
Familienglück und Hoffnung auf den Endsieg
Der kaufmännische Lehrling Friedrich betritt die Sparkasse im Trenchcoat, den Kragen hochgeschlagen, Zigarette im Mundwinkel, verwegener Blick.
1939 konnte sich Friedrich an Humphrey Bogart noch kein Beispiel nehmen, denn der war zu dieser Zeit noch kein weltbekannter Star.
Die Zeiten standen aber allemal auf Eroberung.
Hitler hat die ganze Welt im Blick und Friedrich, vulgo Fritz – die 18-jährige Sparkassenangestellte. Vor vier Wochen traf ihn der Blitz aus dunklen, schönen Augen, als er sein erstes Konto eröffnete. Seitdem hat er keinen Tag verstreichen lassen, ohne heimlich, im scheinbar sicheren Winkel und Abstand, aus dem Augenwinkel Maß zu nehmen, wann immer die Angebetete in frühabendlicher Dämmerung aus dem Kontor zur Straßenbahn eilte.
Für diesen ersehnten Augenblick ließ er sich jeweilige Botengänge einfallen, um nicht während seiner Dienstzeit aufzufallen.
Jetzt lässt er sich seinen ersten Monatslohn auszahlen von schöner Hand – 45 Reichsmark – und tritt aus der Deckung. Sein Blick ruht auf schwarzen Schillerlocken und dem knallroten Mund. Sie errötet trotz ihrer Geschäftigkeit.
Na warte Bürschchen!
So viel Geld auf einmal. Er kann es gar nicht fassen. Das kann er nicht ungeteilt nach Hause tragen, zumal er zu Hause schon mit der Mutter teilt.
Er wartet draußen. Kette rauchend, Kringel blasend. Stürmische Gedanken.
Die junge Sparkassenangestellte stöckelt unentschlossen zur Straßenbahn. Elegantes Kostüm, hochhackige Schuhe. Um diese Jahreszeit, Anfang Februar, ein weit schwingender, karierter Wollmantel. Sie ist klein, aber oho, und genau das wird er ein Leben lang zu spüren bekommen.
Die Gelegenheit, sie „auf ein Glas“ einzuladen, will er auf keinen Fall verpassen.
»Fräulein, …? Ich weiß ja nicht mal Ihren Namen, meinen kennen Sie ja. Ich, … ich hab auf Sie gewartet.«
»So …, Sie haben auf mich gewartet«, dehnt sie kokett ihre Worte, sekundenlang abwägend, wie sie ihrer Verlegenheit und ihrer heimlichen, durchaus freudigen Vorahnung eine überlegende Tarnung geben kann. »Na, wenn das mal nicht vergeblich war …«
Doch dann ihr Blick, schelmisch: »Ich heiße Rosa.«
Erschrocken über ihre eigene Unerschrockenheit, schlägt sie die Augen nieder und knetet den Bügel ihrer Handtasche.
Hätte er damals schon „Faust“ zitieren können, hätte er keine Sekunde gezögert, ihr „Arm und Geleit anzutragen“, noch unbeschadet der Erkenntnis, dass diese Art Imponiergehabe bei ihr auf keinen fruchtbaren Boden stößt.
»Fräulein Rosa, darf ich Sie zu einem Likör einladen. Sie wissen ja, ich bin jetzt ein reicher Mann und kann mir das erlauben.«
»Na, na, na, wenn das mal nicht übertrieben ist. Das kennt man doch: heute oben auf und morgen ist alles perdu! Nein, das kann ich doch gar nicht annehmen!?«
»Doch, sie müssen sogar. Nun kommen Sie schon und machen mir die Freude.« Damit zieht er sie am Arm und auf seine Seite.
Dort bleibt sie für die nächsten 66 Jahre, bis ihr Tod sie scheidet. Und sie blieben nicht nur an diesem Tag, sondern jahrzehntelang oben auf, und eines Tages war tatsächlich alles perdu.
In der Stadt Duisburg traf man sich damals in der „Postkutsche“.
Friedrich hatte gelegentlich immer schon mal einen Blick hineingeworfen, um eine Ahnung von einer Welt zu bekommen, zu der er eines nicht sehr fernen Tages gehören wollte.
Sein Vater, Erfinder und Lebemann, scheiterte sowohl mit seinem Erfindungsreichtum, als auch am Leben. Er war inzwischen verblichen.
Seine Mutter mühte sich mit einem einzigen Taxi im Taxigeschäft. So war zu Hause immer und alles knapp.
Und so hatte Friedrich schon früh entschieden, es bei Zeiten krachen zu lassen.
Jetzt war so eine Zeit. Zeit für die Postkutsche.
Sie starten mit Kirschlikör.
Rosa mag auch Cognac. Dazu raucht sie Zigaretten mit langer Spitze, probt mal das mondäne, mal das neckische Rollenfach, insgesamt das der femme fatale – beziehungsweise, was sie sich darunter vorstellt –, bekommt aber dann doch Angst vor der eigenen Courage, weil das Jüngelchen ihr zwar das Wasser nicht reichen kann, andererseits aber nicht den Eindruck macht, als könne er kein Wässerchen trüben.
Friedrich bemüht sich, seine Grünschnäbeligkeit durch forsches Auftreten zu übertönen. Und der gewitzte Ober stellt keine Fragen.
Es folgt Herrengedeck (Pils mit Schnaps) auf Damengedeck (Pils mit Piccolo), dazu Tartar, russische Eier mit Gürkchen und als Nachtisch rote Grütze.
Der Lehrling sieht sich mit fortschreitendem Alkoholgenuss bereits als Prokurist einer angesehenen Firma und wird nicht einmal blass, als es ans Zahlen geht. Schließlich hat er in seine Zukunft investiert, was er allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen kann.
Nonchalant legt er ein sattes Trinkgeld obendrauf.
Atemlos erwischen sie die letzte Straßenbahn. Und langsam weicht der Übermut der allseits beklemmenden Gewissheit, dass dieser häuslichen Ärger nach sich ziehen wird.
Zum kurzen Abschied ein schnelles Versprechen, ein ungeübter Kuss.
Im zarten Kindesalter verlor Rosa ihre Eltern. Blitzschnell, denn gegen Krebs und Grippewellen war damals noch keine Medizin gewachsen, weshalb die junge Waise bei einer ihrer neun Tanten mütterlicherseits aufwuchs und dort den Verlust ausreizte.
Tante Berta nahm die Geduld- und Zerreißproben aber auch deshalb mit stoischer Gelassenheit hin, weil sie von dem beträchtlichen Erbe, das dem „armen“ Kind hinterlassen worden war, mitzehrte – wenn auch nicht in der erwünschten Verfügbarkeit, weil diese wiederum einem Onkel väterlicherseits oblag.
Rosa war auf Rosen gebettet. Zudem ein 7 Monats-Sorgenkind – in den 20-ziger Jahren auch kein Garant für strotzendes Leben. So fing die Sorge um sie schon früh an und führte zeitgleich dazu, dass sie dafür sorgte, die Puppen tanzen zu lassen.
Ihre weitläufige Verwandtschaft väterlicherseits zerstreute sich schon im 16.Jahrhundert weit über die französische Grenze in die umliegenden protestantischen Länder: die Hugenotten flüchteten vor ihren katholischen Schergen.
So weit der Stammbaum bis in die französische Provinz zurück verfolgt werden konnte, fiel dieser verzweigte Familienzweig immer wieder auf die Füße, was sich noch zu Rosas Lebzeiten wärmstens auszahlen sollte und was vermuten lässt, dass schon den sicherlich sehr frommen Ururvätern bei der Suche nach einer lebenswerten Existenz gelegentlich die Bibel abhanden gekommen sein musste, die ja eigentlich als alleiniger Garant für eben diese galt.
Mit Frömmigkeit, so stellte sich gottlob heraus, war kein Geschäft zu machen. Und da befanden sie sich in bester Gesellschaft mit Glaubensbrüdern und -schwestern jedweder Konfession und begriffen schnell, dass alle Gottes Kinder sind.
So verlegten sie sich aufs Handwerk.
Die französischen Protestanten verbandelten sich mit den rheinischen Katholiken und nannten ein kleines, aber feines Imperium ihr eigen.
Man arbeitete Hand in Hand.
Die Vollwaise Rosa konnte 6 Mietshäuser ihr eigen nennen, wenn auch nicht darüber verfügen.
Doch ihre Zeit sollte natürlich noch kommen.
Auch bei Friedrich lässt sich der Stammbaum bis in die hugenottischen Wurzeln zurückverfolgen. Allerdings findet dieser Zweig der Familie keine weitere Erwähnung in den Kirchenbüchern, was darauf schließen lässt, dass er nicht von Fortuna begünstigt war.
Diese eher ungünstige Konstellation setzte sich bis in Friedrichs Kinder- und Jugendjahren fort. Und dann änderte er das.
›Man muss eben Fortune haben‹, hörte man ihn fröhlich ausrufen, wann immer und solange ihm das Schicksal hold blieb.
Er ist das einzige, abgöttisch geliebte Kind seiner Mutter, die sich weder an ihrem Protestantismus, noch an ihrem Ehemann nähren kann. Ihn hält sie eher für einen Spieler als einen Erfinder, denn der Erfindungsreichtum zahlt sich nicht aus. Dazu entpuppt er sich als veritabler Alkoholiker, Kettenraucher, Schürzenjäger, Choleriker.
Sie lebten von der Hand in den Mund, wobei ihm die Hand oft ausrutschte.
Wie hat sie sich verführen lassen, damals von seinem Charme, seinem eleganten Auftreten, seinen hochfliegenden Plänen, seinem allumfassenden Wissen – jedenfalls schien es ihr allumfassend zu sein.
Sie konnte wahrlich zu ihm aufsehen, hatte sie doch selber nur mit Ach und Krach ihren Schulabschluss geschafft und dann eine Lehre als Verkäuferin gemacht.
Als Johann der schönen, gänzlich unerfahrenen Marie den Hof machte, war sie Verkäuferin bei Horten in der Hutabteilung.
Der stattliche, gutaussehende Herr lebte schon damals gerne über seine Verhältnisse – was Marie zu der Zeit natürlich noch nicht wissen konnte – und entschied sich für einen englischen Bowler. Marie errötete und war entzückt.
Sie weiß nicht mehr, wie viele Hüte er sich bei wie vielen Gelegenheiten aussuchte oder zurücklegen ließ, bis sie ihn erhörte und an einem sonnigen Sonntagnachmittag im Frühjahr 1920 mit ihm in den Anlagen spazieren ging – ohne Wissen der Eltern, die niemals einem Rendezvous zugestimmt hätten mit einem Mann, dessen Lebensverhältnisse undurchschaubar waren und blieben und der dann auch noch katholisch war.
Gott, oh Gott!
Und ohne Wissen der sieben Schwestern. die sich mit Sicherheit verplappert oder gar kichernd im Gebüsch gehockt hätten.
Mit Anfang dreißig hatte Johann sich bereits, so wusste er Marie zu berichten, einen Namen gemacht – bei der Erfindung des Radios. Genauer: bei der Erfindung der kommunizierenden Röhren. Das behauptete er jedenfalls, auch wenn sich zu gegebener Zeit herausstellte, dass sein Name in der Fachwelt gänzlich unbekannt war. Aber erst einmal hakte sich Marie, fröhliche Neugierde bezeugend, bei ihm ein: »Und was heißt das?«
Den Vorstoß bereute sie sogleich, denn den nachfolgenden Ausführungen über elektromagnetische Felder, der Verwandlung von akustischen Schallwellen in elektrische Impulse und der Weiterentwicklung des Röhrensenders konnte und wollte sie keineswegs folgen, wobei nicht nur die mangelnde Schulausbildung hinderlich war, sondern ihr zwiefach klopfendes Herz, das sowohl erwartungsfrohe Impulse an ihren Begleiter aussandte, als auch ängstliche ob ihrer Verwegenheit, sich in aller Öffentlichkeit, mit einem fremden Herrn zu zeigen.
Oh je, oh je!
Im Verlaufe weiterer heimlicher sonntäglicher Spaziergänge und Tanznachmittage stellte sich ein deutliches Bildungsgefälle heraus.
So konnte er großherzig auf sie herabsehen und sie wahrlich bewundernd zu ihm aufsehen.
Das passte beiden und passte durchaus zum gesellschaftlichen Selbstverständnis der damaligen Zeit. Das Privileg auf Bildung war den höheren Töchtern vorbehalten und dazu konnte sich Marie nun wahrlich nicht zählen.
Ihr Vater, ein Musiklehrer an der städtischen Realschule, hatte aus ganz anderen Gründen – und nicht nur aus den bereits erwähnten – ein ungutes Gefühl, als er Maries Bitten nachgab und den künftigen Bräutigam ein paar Sonntage später, im Juni1920, empfing. Ihren Schwärmereien zufolge musste er sich für einen „Freigeist“ wappnen, wenn nicht gar für Schlimmeres …
Er straffte sich im Sonntagsrock und bereitete sich auf die Verteidigung von Kaiserreich und Vaterland vor. Notfalls würde er einem republikanischen Schnösel den Handschuh werfen, bevor dieser um die Hand seiner Tochter anhalten konnte.
Es roch nach Braten. Die Mädchen machten einen Knicks und kicherten natürlich. Die Mutter war ein bisschen nervös und trocknete sich ihre Finger immer wieder an der Schürze ab, obwohl sie doch gar nicht in der Küche stand.
Der Vater schenkte einen Likör ein und nahm den ungebetenen Gast ins Visier.
»Wo haben Sie gedient, junger Mann?«
Der gar nicht mehr so junge Mann erkannte die Herausforderung und straffte die Brust, anstatt den Rücken zu beugen.
»Damit kann ich Ihnen nicht dienen, weil ich in diesem Dienst am Vaterland keinen Sinn gesehen habe.«
Hatte er es doch geahnt: ein Vaterlandsverräter!
»So, so … und womit hat Ihr Vaterland das verdient?«
Dabei wippte der kleine Mann gewichtig auf den Füßen. Die Mutter verschwand mit hochrotem Kopf nun doch in der Küche, nicht ohne einen bedeutungsvollen Seufzer zu hinterlassen. »Ach Josef …«
Die Schwestern schwankten zwischen Verlegenheit und Neugierde. Marie stürzte ihrem Tränenausbruch voraus aus dem Zimmer.
»Mein Vaterland hat sich der Kriegstreiberei schuldig gemacht und dadurch 17 Millionen Tote auf dem Gewissen.«
»Ach, …? Hätten wir dem Franzmann, den Angelsachsen, am Ende noch den Bolschewiken das gesamte Feld kampflos überlassen sollen?«
»Wir haben doch den Krieg erklärt und im Vorfeld prächtig aufgerüstet. Wir wollten das Sagen haben in Europa. Auch in Afrika wollten wir was vom Kuchen abhaben und waren ganz vorne mit dabei bei der Ausbeutung der Hottentotten.«
Josef schnappt nach Luft.
Die Mädchen verlassen nun doch fluchtartig das Zimmer. »Papperlapapp! Sollten wir uns die Butter vom Brot nehmen lassen? Ihr Träumer! Wir mussten mitziehen, und wir hatten Bündnisverpflichtungen.«
»Bündnisverpflichtungen? Dass ich nicht lache. Die Ermordung von Franz Ferdinand bot eine willkommene Gelegenheit, mit dem Säbel zu rasseln und unser Waffenarsenal vorzuführen. Nur leider führte dieses Imponiergehabe nicht zum Erfolg und wir mussten den Schwanz einziehen …« Josef bebend vor Zorn:
»Wenn wir solche vaterlandslosen Gesellen wie Sie nicht gehabt hätten, stünden wir glorreich da.«
Johann grinst verächtlich.
