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Eine neue Sicht auf die letzten Lebenstage Dietrich Bonhoeffers
Eberhard Bethges große Bonhoeffer-Biografie umfasst mehr als 1.000 Seiten. Auf lediglich acht davon erzählt er von der letzten Woche in Dietrich Bonhoeffers Leben. Seine wichtigste Quelle ist dabei der 1950 erschienene Bestseller „Der Venlo Vorfall“ des britischen Agenten Captain Payne Best, der zu der Gruppe gehört hatte, mit der Bonhoeffer in seinen letzten Tagen unterwegs war.
Ein gefangener britischer Spion erzählte einem wachsenden internationalen Publikum von den letzten Tagen Dietrich Bonhoeffers. So sollte es über siebzig Jahre lang bleiben.
Aber auch andere aus der Gruppe um Bonhoeffer sprachen über diese acht Tage im April 1945, die Bonhoeffers letzten sein sollten. John McCabe bringt diese Stimmen neu zu Gehör und erzählt von den Charakteren und Schicksalen der Menschen, die mit Bonhoeffer einem ungewissen Schicksal entgegenfuhren.
Sein Bericht über Dietrich Bonhoeffers letzte Lebenswoche erhält dadurch ein bisher nicht gekanntes Maß an Detailreichtum. Und weil McCabe die Fahrt nach Flossenbürg mithilfe geschickter historischer Überblendungen in den Kontext des Zeitgeschehens einbettet, erreicht seine Darstellung von Bonhoeffers letzten Lebenstagen zugleich eine bisher nicht gekannte perspektivische Tiefe.
Ein erhellendes und spannendes Buch zum 80. Todestag Dietrich Bonhoeffers.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 577
Veröffentlichungsjahr: 2025
Die letzten Tage Dietrich Bonhoeffers erzählt vor dem Panorama des Untergangs
John McCabes Bericht bringt ungehörte Geschichten über Dietrich Bonhoeffers letzte Lebenswoche zu Gehör, erzählt von den Schicksalen und Charakteren der Menschen, die Bonhoeffer begleiteten und besticht durch ein bisher nicht gekanntes Maß an Detailreichtum.
»Das Beste und das Schlimmste in der menschlichen Natur ringen in dieser fesselnden Erzählung aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs um den Sieg. John McCabes akribisch recherchierter Bericht stützt sich auf bemerkenswert unterschiedliche Quellen, die er mit kriminalistischer Genauigkeit auswertet. Das Ergebnis ist ein lesenswertes und zutiefst bewegendes Buch.«
Stephen Plant, Dekan und Assoziierter Professor, Trinity Hall, Cambridge; Verfasser mehrerer Bücher über Dietrich Bonhoeffer
John McCabe ist Pfarrer der Anglikanischen Kirche, 2006-2024 Rektor der St. Mary’s Church Byfleet in der Diözese Guildford und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Von Hügel Institute, Cambridge. Er hat über Dietrich Bonhoeffer promoviert, spricht gerne Deutsch und war vor seiner Priesterweihe als Marketing- und Vertriebsmanager sowie als Unternehmensberater tätig. Zurzeit ist er als Unternehmensberater bei Connector Global beschäftigt.
John McCabe
Acht Tage im April
Dietrich Bonhoeffers letzter Weg nach Flossenbürg
Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Görden
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Titel der Originalausgabe:
John McCabe: Dietrich Bonhoeffer – The Last Eigth Days. The Untold Story of the Journey to Flossenbürg © Baylor University Press 2024
Copyright © 2025 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich
Pflichtinformationen nach GPSR)
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
Umschlagfotos: Dietrich Bonhoeffer, August 1932; Wäscherei des Konzentrationslagers Flossenbürg, Verhandlungsort des SS-Standgerichts – © der Fotos Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München
ISBN 978-3-641-33032-3V002
www.gtvh.de
Für Tilman Pünder
Inhalt
Vorwort
Danksagung
Abkürzungen
Einführung
1 Dietrich Bonhoeffer
Sonntag, 1. April 1945
2 In der Woche zuvor
3 Heinrich Himmler
4 Die Ereignisse überschlagen sich
5 Das Überleben angesichts der Forderungen Hitlers
6 Buchenwald, Bonhoeffer und der Konvoi der Geiseln
7 General von Rabenau
Montag, 2. April 1945
8 Doppelte Sommerzeit und russische Entschlossenheit
9 Realitätsverlust in der deutschen Staatsführung
10 Wer Wind sät, wird Sturm ernten
11 Buchenwald: Der Aufbruch steht bevor
Dienstag, 3. April 1945
12 Sigmund Rascher
13 Chaos und Tod in den Dörfern und Städten
14 Ein Zufallsfund in Zossen
15 Aufbruch in Buchenwald
16 US-Soldaten in der Nähe – Die Arbeitssklaven von Berga
17 Die Fahrt der Geiseln geht weiter
Mittwoch, 4. April 1945
18 Hermann Pünder und Wassilij Kokorin
19 Eine bankrotte Nation
20 Es brodelt in der Gerüchteküche
21 Mühsames Vorwärtskommen
Donnerstag, 5. April 1945
22 Horst Hoepner, Payne Best und Horst von Petersdorff
23 Es ist noch nicht vorbei
24 Ein neuer Tiefpunkt
25 Die Interpretation von Hitlers Befehlen
26 Das Rad der Geschichte dreht sich weiter
27 Ein besserer Tag für die Geiseln
28 Sabotage durch die SOE
Freitag, 6. April 1945
29 Hugh Falconer, Heidel Nowakowski und Alexander von Falkenhausen
30 Die Ereignisse überschlagen sich
31 Täuschungen und Morde überall
32 Die Geiseln: Ankunft in Schönberg
Samstag, 7. April 1945
33 Erich und Margot Heberlein
34 Weltnachrichten: Existenzen im Übergang
35 Die Gestapo in Berlin verfolgt erbarmungslos ihre Ziele
36 Chaos überall
37 Geschmuggelte Würste
38 Bonhoeffers Reiselektüre: Plutarch
Sonntag, 8. April 1945
39 Sonntag in Schönberg (I)
40 Ein Sonntag im totalen Krieg
41 Sonntag in Flossenbürg
42 Sonntag in Schönberg (II)
43 Überführung nach Flossenbürg
Montag, 9. April 1945
44 Die Justizmorde von Flossenbürg
Epilog
Anhang 1: Von den Allierten über Deutschland abgeworfene Flugblätter
Anhang 2: Losungen für den 1. bis 8. April 1945
Anhang 3: Texte aus den Dietrich Bonhoeffer Werken (DBW) zum Losungstext Jes 53,5 vom 8. April 1945
Anhang 4: Die Gefangenen um Bonhoeffer aus der Grünen Minna
Anmerkungen
Bibliografie
Register
Die Gefangenen – Bildquellen
Vorwort
Nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Armeen im Jahr 1945 unterstützen Geheimdienstmitarbeiter des Canadian Intelligence Corps (CIC) die Truppen der Allierten bei der Auflösung der deutschen Geheimdienste, der Beseitigung der NSDAP in all ihren Erscheinungsformen und der Entnazifizierung deutscher Institutionen in Deutschland. Ähnliche Aktivitäten fanden auch in den Niederlanden statt. Dort überprüften die Kanadier eine große Zahl von Soldaten, denen sie im Verlauf der vorangegangenen Kämpfe den Fluchtweg nach Deutschland abgeschnitten hatten. Erst am 31. Mai 1946 wurde das kanadische Hauptquartier in den Niederlanden aufgelöst. Dabei fiel James Hudson, einem damals vierundzwanzigjährigen Offizier des CIC, eine Ausgabe von Adolf Hitlers Mein Kampf in die Hände. Er nahm das Exemplar als Andenken mit, obwohl die zahlreichen Bände dieses Machwerks, die im Rahmen der Räumung weggeworfen wurden, eigentlich wertlos waren. James Hudson wurde 2003 mein Stiefvater und das Buch, eines von fast elf Millionen Exemplaren, die bis 1944 in Deutschland gedruckt worden waren, ist heute in meinem Besitz. Ich erbte es zusammen mit einer Bibel, die vermutlich ebenfalls aus der Büroauflösung stammt und so ausgehöhlt ist, dass man in einem gepolsterten Fach eine Pistole darin verstecken kann.1
In dem Exemplar von Mein Kampf fand sich ein Blatt Papier mit Gestapo-Briefkopf, der die Adresse Am Rathausplatz 4 in Wilhelmshaven trägt. Vielleicht war das der Ort, wo die Bände vor ihrer Verteilung aufbewahrt wurden. Das Gebäude wurde bei einem Luftangriff am 15. Oktober 1944 vollständig zerstört, und heute gibt es keinerlei Spuren mehr davon.
Jedoch gibt es den merkwürdigen Zufall, dass Hitler am 1. April 1939, auf den Tag genau sechs Jahre vor dem Tag, an dem die Fahrt beginnt, von der in diesem Buch die Rede sein wird, Wilhelmshaven besuchte, um vor achtzigtausend Zuschauern der Taufe des neu gebauten Schlachtschiffs Tirpitz beizuwohnen. Die Stadt feierte einen »Hitler-Tag«, an den sich nach dem Willen der Nazis die künftigen Generationen des »Tausendjährigen Reiches« erinnern sollten. Nur sechs Jahre später geschahen dann Dinge, an die sich die Menschen viel nachhaltiger erinnern würden als an die Taufe eines Schlachtschiffes, das in seiner ganzen Dienstzeit kaum Feindberührung haben sollte.
Auch das Frontispiz des Bandes ist aufschlussreich:
Abb. 0-1. Frontispiz des Exemplars von Mein Kampf aus der Sammlung des Autors.
Foto: John Hogg
Bei dem Band handelt es sich um eine sogenannte »Hochzeitsausgabe«. In Deutschland konnten Standesämter Hochzeitspaare mit den weitschweifigen Auslassungen des »Führers« beglücken. Diese Ausgabe bezeugt, dass der Brauch offenbar auch auf die »besetzten niederländischen Gebiete« ausgedehnt worden war und der »Reichkommissar für die Niederlande«, Arthur Seyß-Inquart, die Widmung sogar unterschrieb. Wie der wirre Inhalt von Mein Kampf in irgendeiner Weise zum Segen einer Ehe hätte beitragen können, bleibt schleierhaft. Aber die Widmung und das Frontispiz führen eindringlich die weitreichenden Auswirkungen des Gleichschaltungsprozesses vor Augen, durch den das gesamte Leben der Menschen den Zielen des Nationalsozialismus unterworfen werden sollte. Was evangelische Christen wie Dietrich Bonhoeffer, um den es hier gehen wird, als im lutherischen Sinne gute »Ordnungen« für die Lebensführung kannten – Ehe und Familie, politisches und bürgerliches Leben und die Ordnung des Priesteramtes – wurden im Rahmen der Gleichschaltung aller Lebensbereiche in nicht geringem Umfang korrumpiert und in schlecht sitzende Nazi- Uniformen gezwängt.
Was Seyß-Inquart betrifft: Dieser glühende Antisemit wurde im Oktober 1946 in Nürnberg hingerichtet, nachdem er 1945 noch für kurze Zeit zum Nachfolger von Hitlers Außenminister Ribbentrop ernannt worden war.
Abb. 0-2. Gestapo-Briefkopf im Exemplar von Mein Kampf aus der Sammlung des Autors.
Foto: John Hogg
Diese beiden Bücher führten mich auf dem Hintergrund meines langjährigen Interesses an der Biografie und der Theologie Dietrich Bonhoeffers zu der Idee, dieses Buch zu schreiben.
Danksagung
Seit ich dieses Projekt während eines dreimonatigen Sabbaticals 2017 begonnen habe, ist die Liste der Menschen, denen ich danken möchte, sehr lang geworden. Mein besonderer Dank gilt meiner Frau Pippa Ross-McCabe für ihre großartige Unterstützung. Weil ich als Autor mit einer Pandemie zurechtkommen musste, die meine Reisepläne durchkreuzte und wegen der Bibliotheken geschlossen wurden, bin ich besonders dankbar für die Freundlichkeit der Menschen, die mich angesichts dieser Schwierigkeiten unterstützt haben und die ich im Rahmen dieser Arbeit kennenlernen durfte. Mein grenzenloser Dank gilt Dr. Tilman Pünder, dem Sohn von Dr. Hermann Pünder, für seine unschätzbare Zusammenarbeit, Ermutigung und Unterstützung. Leider verstarb Tilman, bevor die englische Ausgabe dieses Buches fertiggestellt war. Seine Familie, insbesondere Professor Hermann Pünder und Katinka und Matt Cousins, haben sich weiterhin großzügig um meine Anliegen gekümmert. Ebenso wertvoll waren die Beiträge von Maria Sarda Villargarda, deren ansteckende Herzlichkeit, Freundlichkeit und herkulische Arbeitskraft bei der Leitung des Projekts zum Scannen und Transkribieren (und in einigen Fällen Übersetzen) der handschriftlichen Tagebücher und Notizen von Erich und Maria Heberlein in Spanisch, Deutsch und Englisch unübertroffen waren. Von der Familie Heberlein war Sofia Ceballos Garcia-Escudero unendlich ermutigend und geduldig, und ihre Bereitschaft, die kurzen Abschnitte dieser wertvollen Familiendokumente, die hier erscheinen, für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist für mich beglückend. Eine vollständige Wiedergabe mit dem Titel The Heberlein Diaries: Hitler’s Non-compliant Ambassador (»Die Heberlein-Tagebücher: Hitlers widerspenstiger Botschafter«) wird voraussichtlich in naher Zukunft erscheinen.
Mein Dank gilt der Familie von Horst Hoepner, insbesondere Giesela und Sophie Potente. Mein Dank gilt auch Evelyn Smith, der Tochter von Hugh Falconer, die 2018 die Erinnerungen ihres Vaters veröffentlichte und mir während des gesamten Projekts eine inspirierende Begleiterin war. In dem (manchmal schmerzhaften) Prozess, meine Formulierungen zu verbessern, hat sie manches Glanzlicht gesetzt. Mein Dank gilt den Familien Petersdorff und Einsiedel: Friedrich Petersdorff, Winand von Petersdorff-Campen und Sebastian Graf von Einsiedel (sowie weitere Familienmitglieder) haben mir mit praktischer Hilfe, beständiger Ermutigung sowie wertvollen Anregungen und Formulierungsvorschlägen zur Seite gestanden.
Mein herzlicher Dank gilt Victoria Barnett, Dietrich-Bonhoeffer-Stipendiatin und Herausgeberin der englischen Ausgabe der Dietrich-Bonhoeffer-Werkausgabe (Dietrich Bonhoeffer Works), deren Anregungen und Ratschläge außerordentlich hilfreich waren. Sie hat dem Projekt entscheidende Hilfe und Orientierung gegeben, nicht zuletzt durch den Vorschlag, mich wegen einer finanziellen Unterstützung durch die International Bonhoeffer Society (IBS) an Barry Harvey von der Baylor University zu wenden. In diesem Zusammenhang bin ich der IBS sehr dankbar für die finanzielle Unterstützung, die die Erstellung dieses Buches ermöglicht hat. Stephen Plants ständige Bereitschaft, mich in entscheidenden Momenten der Projektentwicklung zu unterstützen, sowie seine Ermutigung, mich auf eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Von Hügel Institute in Cambridge zu bewerben, haben sich wahrhaft als Segen erwiesen. Ich bin Wojciech Szczerba besonders dankbar dafür, dass er mich auf Fiammetta Curcio aufmerksam machte, deren Geschichte über die Gefängnisfreundschaft ihres Vaters mit Bonhoeffer neue Informationen enthält. Für immer dankbar sein werde ich Lidia Ripamonti, dem Team und den Kollegen am Institut sowie insbesondere den Direktoren Philip McCosker und Vittorio Montemaggi.
Mein Dank gilt Professor Tom Greggs für seine Unterstützung bei dieser Bewerbung. Unabhängig davon bin ich auch Jane Williams dankbar, die mich vor etwa fünfundzwanzig Jahren mit der Lebensgeschichte von Dietrich Bonhoeffer bekannt machte.
Bernd Bachhuber ist ein angesehener Lokalhistoriker und Autor in Schönberg. Zusammen mit seiner Frau Elfriede hieß er mich von Anfang an in ihrem Haus willkommen. Beiden gilt mein aufrichtiger Dank für ihre unschätzbare Hilfe und Unterstützung. Bernd stellte mich freundlicherweise Martin Pichler, dem Bürgermeister von Schönberg, und Michael Bauer, dem äußerst hilfsbereiten Pfarrer von St. Margareta, vor und begleitete mich auf Bonhoeffers Route von Schönberg nach Flossenbürg. Anschließend beantwortete er mit endloser Geduld unzählige Detailfragen. Überdies war er so großzügig, viele Fotos zu machen und mir zukommen zu lassen. Ich bin ihm auch sehr dankbar für seine Hilfe bei der Vermittlung von Kontakten zu einer Reihe anderer deutscher Historiker. Dazu gehört Johannes Molitor, der mir den Namen der Brücke nannte, die Bonhoeffer in Deggendorf überquerte. Darüber hinaus stellte Bernd freundlicherweise den Kontakt zu den Archivaren Peter Seiwald und Walter Boaretto vom Hotel Pragser Wildsee/Lago di Braies her, dem inspirierenden Reiseziel in den italienischen Dolomiten, das immer mit der »Rettung« der 139 Geiseln in Verbindung gebracht werden wird, die anders als Bonhoeffer den Krieg überlebten. Eine denkwürdige und hervorragend organisierte Forschungsreise dorthin Ende April 2019 wurde durch die großzügige Gastfreundschaft von Caroline Heiss, der Nichte von Emma Hellenstainer, und den (rechtzeitigen) Schneefall von dreißig Zentimetern in der Nacht nach der Ankunft noch bemerkenswerter. Nach meiner Reise dorthin kontaktierte ich Robert Riebling, der mir bereitwillig eine vollständige englische Übersetzung von Hans-Günter Richardis SS-Geiseln in der Alpenfestung in digitaler Form zur Verfügung stellte, wofür ich ihm sehr dankbar bin.
Mein besonderer Dank gilt Bernhard Schünemann, der mich im Pfarrhaus in Dulwich mit Dietrich Bethge, Bonhoeffers Patensohn, bekannt machte. Ich empfinde es als großes Privileg, dass ich Dietrich die Worte vorlesen durfte, die Bonhoeffer anlässlich von Dietrichs Taufe für ihn verfasst hatte, und als noch größere Ehre, dass er behauptete, diese nicht zu kennen! Ich bin auch Mathias Bonhoeffer dankbar, dass er im Namen der gesamten Familie Bonhoeffer geduldig meine ständigen Fragen beantwortete. Ein sehr, sehr großer Dank geht an Wilfried Schulz, den Sekretär der deutschen Sektion der IBS, dessen Fürsprache, Geduld und praktische Unterstützung außergewöhnlich waren. Wilfried verdanke ich neben einer Vielzahl anderer Dinge auch eine spektakuläre Einführung in das Herrnhuter Archiv durch den Archivar Olaf Nippe. Wilfried fuhr außerdem zwei Stunden lang mit der U-Bahn quer durch Berlin, um für mich während des Lockdowns das letzte verbleibende Exemplar der vierten Auflage von Anneliese Goerdelers Verschleppt aus einer Berliner Bibliothek zu beschaffen, nur um festzustellen, dass die Bibliothek geschlossen war. Das Problem wurde durch die Bibliothekarin gelöst, die das Buch in einem Akt außergewöhnlicher Großzügigkeit persönlich zu ihm nach Hause brachte!
Ich bin Karina Gandur in Sankt Petersburg sehr dankbar, die für mich im Jahr 2018 einer beträchtliche Anzahl russischsprachiger Texte über Wassilij Kokorin beschaffte, transkribierte und übersetzte, unmittelbar bevor Ian Sajer Kokorins wahre Geschichte »aufdeckte«. Mein Dank gilt auch dem russischen Autor Wjatscheslaw Swjaginzew für seine freundliche Hilfe. Angesichts meiner eigenen begrenzten Kenntnisse der griechischen Sprache und Schrift möchte ich auch Nadia Valavani für ihre Hartnäckigkeit und freundliche Unterstützung in Bezug auf den Papagos-Text danken, der im (alten) polytonischen System verfasst wurde, das seit den 1970er-Jahren veraltet ist und dessen Transkription sich als entsprechend schwierig erwies. In diesem Zusammenhang möchte ich mich herzlich bei Dionysia Lagou von Newport Shipping bedanken, die (in ihrer Mittagspause!) eine spezielle Software-Lösung fand und anwendete, mit welcher der Originaltext von 1945 erfasst und in elektronischer Form bearbeitet werden konnte. Ein großes Dankeschön an Samantha Fisk für die Einführung!
Alle Sachbuchautoren stehen in der Schuld von Bibliothekaren und Archivaren, deren Freundlichkeit oft weit über das übliche Maß hinausgeht. Ich bin Dr. Ralf Breslau von der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek Berlin zu tiefem Dank für die Beantwortung zahlreicher Fragen verpflichtet. Auch Holger Scheerschmidt hat mir, was die verborgenen Tiefen der Kartenabteilung anging, über einen längeren Zeitraum hinweg erstklassige Unterstützung geleistet, und das stets gutgelaunt und großzügig. Mein Dank gilt ferner Axel Braisz von ITS Arolsen Archives. In der Wiener Holocaust Library in London war das Team durchgängig zuvorkommend und hilfsbereit, insbesondere Elise Bath, die freundlicherweise frühe Entwürfe dieser Arbeit las und kommentierte, während das Projekt Gestalt annahm. Mein Dank gilt Timo Saalmann, Jörg Skribeleit und Johannes Ibel von der Gedenkstätte Flossenbürg. Letzterem auch für seine Gastfreundschaft, sowie Tanja Fichtner, deren Gespräch mit einem älteren Nachbarn relevante Wetterinformationen für den 8. April 1945 lieferte. Mein Dank gilt Bryn Hammond vom Imperial War Museum, dem Kustos der Texas Collection der Baylor University, Paul Fisher, Lutz Möser vom Bundesarchiv in Berlin und dem Direktor des Universitäts- und Stadtmuseums Eulenburg in Rinteln, Stefan Meyer. Danken möchte ich Manuela Bonfissuto vom Battenberg-Gietl Verlag dafür, dass sie mich Peter Schmoll vorstellte, der mir genaue Informationen über das Regensburg der Kriegszeit lieferte. Michael Löffelsender von der Gedenkstätte Buchenwald danke ich ebenfalls sehr. Ich habe auch nicht schreibende Familienmitglieder und Freunde gebeten, die Entwürfe der Kapitel zu lesen und zu korrigieren. Ein herzlicher Dank geht an Edith Doeringer aus Schönberg für ihre Großzügigkeit, ihren Fleiß und ihre Beharrlichkeit bei der Beschaffung von Fotos sowie erforderlicher Genehmigungen.
Als Neuling unter den Sachbuchautoren habe ich mich sehr auf die Unterstützung und den Rat meiner Autorenkollegen verlassen. Mein herzlicher Dank gilt Ian Sayer, der mir nicht nur schnell eine vollständige digitale Kopie seiner Publikation Hitler’s Last Plot anbot, sondern auch jederzeit für fortlaufendes Coaching, Korrekturlesen und Tipps zur Verfügung stand. Mein herzlicher Dank gilt Christiane Tietz, die mir den Text von Bonhoeffers Ordinationsgottesdienst zur Verfügung stellte. Ich habe die Freundlichkeit und Weisheit von Gela Van Horen in Australien und Teresa Edlmann in Südafrika während des gesamten Projekts sehr geschätzt. Dem deutschen Autor Heiko Suhr, der eine Biografie über Admiral Wilhelm Canaris verfasste, bin ich sehr dankbar dafür, dass er englischsprachige Entwürfe Korrektur las und hervorragende Anregungen zur Strukturierung des Projekts beisteuerte. Hans-Joachim Ramm, der Autor von Mich trägt mein Glaube, einem Buchüber General Rabenau, unterstützte mich ebenfalls außerordentlich und stellte freundlicherweise den Kontakt zu Heiko Suhr her. Ich bin Steve Tyas, Co-Autor von Himmler’s Diary, 1945, sehr dankbar, der mich mit Ratschlägen zur Recherche und mit eigenen Forschungsergebnissen unterstützte und dabei die Messlatte manchmal sehr hoch legte. Er stand mir in vielen ausführlichen telefonischen Beratungen zur Seite und scheute bei zahlreichen Gelegenheiten keine Mühen, um bei der Überprüfung von Fakten zu helfen. Nick Rankin hat mir dankenswertes Coaching und Ermutigung angeboten. Sylvie Young war so nett, beim Korrekturlesen zu helfen. Thomas Harder hat freundlicherweise bei Textänderungen geholfen. Das SOE-Autorennetzwerk von Stephen Kippax war eine außergewöhnlich reiche Quelle an Wissen, Weisheit und Witz. Steve schulde ich ewigen Dank dafür, dass er mich einlud, einem Netzwerk anzugehören, in dem ich trotz meiner offensichtlichen Hochstapelei herzlich willkommen bin. Aus diesem Netzwerk half mir Xavier Riaud freundlicherweise bei meinen Fragen zu den zahnärztlichen Behandlungsmethoden in Flossenbürg. Erik Arjan/Callaerts stellte während des Lockdowns großzügigerweise Nachforschungen für mich an.
Da dieses Buch aus und neben meiner Vollzeit-Gemeindearbeit entstand, bin ich den Gemeindemitgliedern von St. Mary’s Byfleet zu besonderem Dank verpflichtet. Bruce Bovills Fähigkeiten bei der Erstellung von Karten und der Zusammenarbeit bei der Recherche verdanke ich mehr als nur einen Geistesblitz über die tatsächliche Reiseroute Bonhoeffers, die sich von der in früheren Veröffentlichungen beschriebenen unterscheidet. Ohne ihn wäre ich völlig unfähig gewesen, die Ereignisse in jener letzten Woche zu ordnen und in der erforderlichen Detailtiefe zu verstehen. Bruce gilt meine tiefste Bewunderung und Dankbarkeit.
Schließlich, und das ist vielleicht am wichtigsten, möchte ich R. David Nelson und dem Lektoratsteam von Baylor University Press meinen besonderen Dank aussprechen. Ohne ihre beständige Unterstützung über einen längeren Zeitraum hinweg und ihre Korrekturen und Umgestaltungen wäre dieses Buch höchstwahrscheinlich niemals druckfertig worden. Sämtliche Irrtümer und Fehler gehen allein auf mein Konto.
Abkürzungen
Alle Bonhoeffer-Zitate stammen aus der deutschen (DBW) oder der englischen (DBWE) Werkausgabe. Bei Decknamen und Chiffren für Militäroperationen wurde die Großschreibung der Quellentexte beibehalten.
AEL
Arbeitserziehungslager
ATS
Auxiliary Territorial Service
BA/MA
Bundesarchiv/Militärarchiv Freiburg i.Br.
BAB
Bundesarchiv, Abt. Berlin
BK
Bekennende Kirche
BRT
Bruttoregistertonne
EKG
Elektrokardiograph
GRO
General Register Office
HASAG
Hugo Schneider Aktiengesellschaft
IfZ
Institut für Zeitgeschichte
IMT
Internationales Militärtribunal (Nürnberg, 1945)
ITS
International Tracing Service (internationales Zentrum für Dokumentation, Information und Forschung über die nationalsozialistische Verfolgung, Zwangsarbeit und den Holocaust, in Bad Arolsen)
Ju52
Transportflugzeug der Firma Junkers
KZ
Konzentrationslager
NKVD
Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (Polizeibehörde des sowjetischen Innenministeriums)
NSDAP
Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
OKH
Oberkommando des Heeres
OKW
Oberkommando der Wehrmacht
POW
Prisoner of war (Kriegsgefangener)
RAF
Royal Air Force (Britische Luftwaffe)
RFSS
Reichsführer SS
RSHA
Reichssicherheitshauptamt
SA
Sturmabteilung (eine mit der NSDAP verbundene paramilitärische Organisation)
SD
Sicherheitsdienst (zur NSDAP gehörender Geheimdienst)
SIS
Special Intelligence Service (Spionageabwehr der Alliierten)
TNA
The National Archives of the UK, London (das Nationalarchiv des Vereinigten Königreichs)
USAAF
United States Army Air Force (US-Luftwaffe)
UdSSR
Sowjetunion
Einführung
Am 20. Juli 1944 explodierte in Adolf Hitlers Hauptquartier in Ostpreußen eine Bombe. Man hatte sie in seine Nähe geschmuggelt, um ihn zu töten. Dieses Ziel wurde jedoch nicht erreicht.
Noch bevor »der Führer« nach dem Anschlag seine Radioansprache hielt, in der er die Tat als Verbrechen einer kleinen Clique von verräterischen Offizieren deutete, hatte Kriminalermittler und SS-Hauptsturmführer Horst Kopkow, der die Ermittlungen für die Gestapo leitete, den Ort des Anschlags untersucht. Schnell hatte er festgestellt, dass es sich bei den Zeitzündern um »englische Zeitstifte« handelte und dass auch der Sprengstoff britischen Ursprungs war.1 An Materialien des Special Operations Executive (SOE) gab es in Deutschland keinen Mangel: Im Rahmen einer geheimen Operation mit dem Decknamen Englandspiel hatte der deutsche Geheimdienst alles abgefangen, was die Briten über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren über den Niederlanden abgeworfen hatten, um dortige Widerstandsgruppen zu unterstützen. Die deutsche Abwehr hielt das Material für ideal, um z.B. in neutralen Gebieten wie Spanien oder Portugal Aktionen durchzuführen, wenn das notwendig sein sollte. In diesem Fall jedoch hatte die Widerstandsgruppe innerhalb der Abwehr Zünder und Sprengstoff für den Versuch genutzt, den Diktator zu beseitigen.2
Der Mordanschlag hatte für alle daran Beteiligten schwerwiegende Folgen. Über sie brach eine Welle von Verhaftungen, Folterungen und Hinrichtungen herein. Selbst die, die nur entfernt mit der Sache zu tun hatten, waren in Gefahr, galt doch schon der »Zugang zu verräterischen Informationen und deren Nichtmeldung« als ein Vergehen, das mit der Todesstrafe geahndet wurde. Auch Dietrich Bonhoeffer war verdächtig, von den Plänen gewusst zu haben. Obwohl er im Juli 1944 bereits seit über fünfzehn Monaten inhaftiert war, stufte ihn die Gestapo aufgrund seiner Verbindungen zum inneren Kreis der Verschwörer und der Rolle, die er in der Abwehr gespielt hatte, als einen potenziellen Mitwisser ein.
Unterdessen verschärfte sich die durch die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs ohnehin chaotische Lage noch weiter. In Deutschland führte die nachlassende Unterstützung für das Regime, das mit Mitteln der Propaganda vergeblich gegen die Kriegsmüdigkeit ankämpfte, zu immer schlimmerem staatlichen Terror. In ganz Europa gehörten der Herbst 1944 und die ersten Monate des Jahres 1945 auch für Zivilisten und Gefangene zu den gefährlichsten Monaten des ganzen Krieges. Die Bevölkerung wurde immer stärker in den totalen Krieg hineingezwungen. Unvorsichtige Äußerungen oder Anzeichen von Defätismus wurden gnadenlos bestraft.3 Und auch wenn die die Soldaten das bevorstehende Ende der Feindseligkeiten durchaus ahnten, bedeutete das nicht, dass die Intensität der Kämpfe nachließ. Zu keinem Zeitpunkt des Krieges hat die Wehrmacht höhere Verluste erlitten als in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs. Im April 1945 befanden sich zudem Millionen Menschen auf der Flucht.
In all diesem Durcheinander befolgten die SS-Wachmannschaften in den Konzentrationslagern dann noch den Befehl, die Häftlinge nicht den vorrückenden alliierten Truppen »in die Hände fallen zu lassen« (in Wirklichkeit: ihre Befreiung zu verhindern). Völlig unterernährte und mangelhaft ausgerüstete Gefangene wurden auf Todesmärsche getrieben, was einen schrecklichen Tribut an Menschenleben zur Folge hatte. Dieser Tsunami des Leidens, von dem die Ereignisse in Deutschland nur ein Teil waren, ebbte erst nach Hitlers Selbstmord am 30. April ab.
Vor diesem Hintergrund erscheint die manchmal geäußerte Einschätzung, Bonhoeffers Tod am 9. April sei zu einem tragisch späten Zeitpunkt erfolgt, nicht unbedingt plausibel. Das »Donnern des amerikanischen Artilleriefeuers«, das Bonhoeffer und seine Mitgefangenen angeblich bereits hörten, war an diesem Tag noch etwa neunzig Kilometer von Flossenbürg entfernt.4 Es ist darum vielmehr so, dass die Ereignisse, die am 9. April dort stattfanden, ein konsequenter Ausdruck der Haltungen und der Vorgehensweise derjenigen waren, die zu diesem Zeitpunkt nach wie vor die Macht in Deutschland ausübten. Noch gab es genug Menschen, die dem zusammenbrechenden System weiterhin mit leidenschaftlicher Loyalität und ungebrochener Opferbereitschaft dienten und für es mordeten. Zudem hatte die »Maschinerie« des Unrechts eine Dynamik entwickelt, die nicht hinterfragt wurde. So galt das Fälschen eines Brotgutscheins, vielleicht durch einen deportierten und halb verhungerten Zwangsarbeiter, in den Augen der Justiz als ein politisches Verbrechen, das mit dem Tod bestraft wurde. Hinrichtungen der unglücklichen Opfer erfolgten bis Ende April. Auch wer weitsichtig (oder mutig) genug war, jetzt Widerstand zu leisten, musste mit dem Schlimmsten rechnen. Eine Welle der »Abrechnung« mit Regimegegnern rollte durch das Land. Oft verhielten sich diejenigen, die über Waffen und Macht verfügten, unerbittlich und ließen keine Gnade walten. Wenn sie selbst schon nicht die Früchte des Sieges kosten würden, sollten auch die, die sich dem Nationalsozialismus widersetzt hatten, nicht erleben, dass der Sieg der Alliierten den Untergang des Regimes besiegelte. Noch in der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945, als russische Truppen Berlin bereits weitgehend erobert hatten, führte ein kleines Gestapo-Kommando eine Gruppe von sechzehn Gefangenen aus dem Gefängnis, in dem sie inhaftiert gewesen waren, und erschoss sie – unter den Opfern war Bonhoeffers Bruder Klaus.5
All das war nicht nur Ausdruck purer Rachsucht. Vielmehr war die verdrehte Ideologie, die diesen Flächenbrand ausgelöst hatte, viel zu lange und viel zu tief in die Köpfe der Menschen eingedrungen. Sie ließ sich nicht mir nichts dir nichts ausradieren. So bildeten noch am 13. Mai 1945, vier Tage nach dem Ende der Kampfhandlungen, deutsche Soldaten in einem von Kanadiern bewachten Kriegsgefangenenlager ein Standgericht und verurteilten zwei ihrer Kameraden wegen Desertion zum Tode. Das Urteil wurde mit Waffen, die verstörenderweise die Kanadier zur Verfügung stellten, auch vollstreckt. Auf die Frage, warum sie an einem schönen Tag nach Kriegsende Menschen töten wollten, antwortete einer der Beteiligten: »Wenn man ihnen erlauben würde, nach Hause zu gehen und Kinder zu bekommen, wäre auch die Geisteshaltung dieser Kinder verdorben.«6
In der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren, einer der Einrichtungen, die unter dem Nationalsozialismus der Beendigung »lebensunwerten Lebens« dienten, leitete am 29. Mai 1945, dreiunddreißig Tage nach der Besetzung des Gebiets durch US-Truppen und einundzwanzig Tage nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, der ärztliche Direktor des Krankenhauses, Dr. Valentin Faltlhauser, die »medizinische« Tötung von Richard Jenne. Das Kind war vier Jahre alt. Die Amerikaner hatten das Gebäude nicht besetzt, weil sie gewarnt worden waren, dass sich dort möglicherweise Typhus-Patienten befanden. Faltlhauser und seine Mitarbeiter hatten darum einfach »ihre Arbeit fortgesetzt«.7
Es wundert angesichts dieser Beobachtungen nicht, dass es nach der Kapitulation Deutschlands sehr lange dauerte, bis die Nation begann, sich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen. Bis zur Rehabilitierung der Widerstandskämpfer sollten mehr als vier Jahrzehnte vergehen. Erst 1998 wurde ein Gesetz verabschiedet, das während der Herrschaft des Nationalsozialismus gefällte Unrechtsurteile aufhob, wodurch unter anderen auch Bonhoeffer rehabilitiert wurde. Revisionen dieses Gesetzes erfolgten 2002 und 2009. Der Prozess, das Geschehene zu verstehen und seine Folgen in einer empathischen Perspektive wo noch möglich zu mildern, ist darum noch nicht abgeschlossen. Dieses Buch soll ein wenig zu diesem umfassenderen Prozess beitragen.
Achtzig Jahre sind seit dem Tod Dietrich Bonhoeffers vergangen. Man könnte argumentieren, dass sich unsere Sicht auf sein Leben, seine Zeit und auf die Aspekte seines Vermächtnisses im Laufe der Zeit aufgeklärt hat. Sein Freund, der später sein Biograf wurde, schrieb in diesem Sinne:
Im Alter von dreißig Jahren wurde er von seinem akademischen Posten entfernt; als er vierunddreißig war, wurde ihm die Kanzel verwehrt; mit fünfunddreißig wurden ihm schriftliche Veröffentlichungen untersagt; und mit seiner Inhaftierung mit siebenunddreißig wurde ihm sogar das Gespräch mit seinen Freunden verwehrt … aber als sich der äußere Rahmen seiner Handlungs- und Kommunikationsmöglichkeiten immer mehr verengte … gewannen sein Handeln und sein Denken an Kraft … und als er mit neununddreißig für immer zum Schweigen gebracht wurde, begann er, lauter zu sprechen als je zuvor.8
Dennoch will ich einen neuen Blick auf die letzten Tage im Leben Dietrich Bonhoeffers werfen, weil es eine Reihe neuer Dokumente gibt, die es uns ermöglichen, bisher verbreitete, allzu sehr vereinfachte Wahrnehmungen zu korrigieren und die Tragik von Bonhoeffers letzten Tagen in einem umfassenderen Sinne zu verstehen und zu würdigen. Es geht dabei auch darum, Ungenauigkeiten aufzuklären und erfundene Ausschmückungen als solche sichtbar zu machen. So ist die Geschichte, dass Bonhoeffer vor seiner Hinrichtung zum Beten niederkniete, lange schon als irreführend entlarvt, wird aber immer noch weitergegeben.
Dazu kommt, dass Bonhoeffers Leben in diesen ersten Apriltagen in einem Kontext stattfand. Auch dieser soll in diesem Buch deutlich werden. Anhand einer breiten Auswahl von Quellen wird sichtbar, in welch einem reißenden Mahlstrom der Geschichte die Menschen in diesen ersten Apriltagen 1945 gefangen waren, ob als Zivilisten, als Soldaten oder als Gefangene. Gerade das zu sehen lässt den Weg und das Geschick Bonhoeffers auf der einen Seite als ein in den Schrecken der Zeit eingebettetes sichtbar werden und zugleich noch einmal markant hervortreten.
Während Deutschland der Niederlage entgegentaumelte, führte der Reichsführer-SS Heinrich Himmler, Hauptarchitekt der Terror- und Vernichtungsmaschinerie der Nazis und nach Adolf Hitler mächtigster Mann in Deutschland, aus allen Bereichen seines Todesimperiums Gefangene zusammen, von denen er hoffte, dass sie ihm noch nützlich sein könnten. Hatte er Geiseln zuvor oft als Druckmittel eingesetzt, um Widerstandsbewegungen von Sabotageakten abzuhalten,9 so ging es jetzt um ihn selbst und um die herrschende Naziclique. Er wollte die Geiseln in möglichen Verhandlungen mit den Siegern als Faustpfand einsetzen können. Die Auserwählten, eine bunte Mischung aus politischen und »Sippenhaftgefangenen«10, ließ die Gestapo nach Süden transportieren, in Richtung der sogenannten »Alpenfestung«, die angeblich als letzte Bastion des Regimes dienen sollte, tatsächlich aber nicht mehr als die Propagandafantasie einer untergehenden Diktatur war.
Dieses Buch zeichnet die Geschichte einer Untergruppe dieser viel größeren Schar von Geiseln nach, nämlich jener Menschen, die in Dietrich Bonhoeffers letzter Lebenswoche mit ihm »zusammengewürfelt« wurden.11 In der Reihenfolge ihrer Zellennummern in Buchenwald handelte es sich um General Friedrich von Rabenau, Pastor Dietrich Bonhoeffer, Dr. Hermann Pünder, Erich und Margot Heberlein, Wassilij Kokorin, General Alexander von Falkenhausen, Squadron Leader Hugh Mallory Falconer, Oberst Horst von Petersdorff, Heidel Nowakowski, Dr. Sigmund Rascher, Captain Sigismund Payne Best und Dr. Horst Hoepner. Auf die Personen, die man am selben Tag wie Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg hinrichtete und von denen man ihn strikt fernhielt, gehe ich nicht ein. Die erneute Untersuchung von Originalquellen, die Analyse von neu veröffentlichtem und bisher unveröffentlichtem Material in sechs Sprachen, umfangreiche Übersetzungsarbeit und der Kontakt mit zahlreichen Familienangehörigen der Beteiligten machen es möglich, die Ereignisse dieser Woche detailreich zu beschreiben.
Der Bericht über die einzelnen Geiseln und das Schicksal der Gruppe wird ergänzt um eine Auswahl weiter gefasster historischer Ereignisse, die in diesen acht Tagen im April stattfanden. Damit verfolge ich das Ziel, das Ungleichgewicht zu korrigieren, das durch das Weglassen des Kriegskontextes entsteht. Wenn man diesen Kontext, was in Biografien oft geschieht, weglässt, wirkt es unglücklicherweise oft so, als seien die historischen Ereignisse der jeweiligen biografischen Erzählung untergeordnet, während natürlich das Gegenteil der Fall ist. In diesem Band steht darum die Biografie bewusst an zweiter oder sogar dritter Stelle hinter den sie umgebenden und alles beherrschenden Zeitereignissen. Die Leserinnen und Leser dieses Buches begleiten daher nicht nur Bonhoeffer und seine Mitreisenden, sondern auch zahlreiche andere Menschen. Um den Kontext zu verdeutlichen, werden auch tägliche Ereignisse aus dem Kriegsschauplatz im fernen Osten und die politischen Entwicklungen auf der Ebene der Weltmächte einbezogen. Soweit möglich, steht dabei die Darstellung der Aktivitäten des deutschen Regimes, gegen das Bonhoeffer Widerstand leistete, im Mittelpunkt. Tagebucheinträge von Joseph Goebbels geben hier ebenso Aufschluss wie die Beschreibung der verzweifelten Lage in der Stadt Königsberg, die sich mit der unmöglichen Forderung konfrontiert sah, als »Festung« bis zur völligen Vernichtung zu kämpfen. In Anerkennung der Tatsache, dass eine verdeckte Sabotageaktion eines Mitglieds des britischen Geheimdienstes Special Operations Executive (SOE) Bonhoeffer in seiner letzten Woche beinahe noch das Leben gerettet hätte, beschreibe ich eine Auswahl von SOE-Einsätzen. Ich versuche, ein zwar immer noch bruchstückhaftes, aber hoffentlich aussagekräftiges Panorama der Zeit zu skizzieren, nehme, um für Ausgewogenheit zu sorgen, aber auch Tagebuchnotizen von zwei Widerstandskämpfern auf, die den Krieg überlebt haben, nämlich von Marie »Missie« Wassiltschikow, einer Regimegegnerin12, und von Victor Klemperer, einem jüdischen Professor.13
Dieser Ansatz hat einen Zweck: Während das Leid, das der Nationalsozialismus weiterhin auslöste, auf jeder Seite erzählt und dokumentiert wird, soll auch der Mut derer herausgestellt werden, die sie sich entschlossen gegen die Diktatur gewehrt haben.
Sonntag, 8. April 1945 Flossenbürg
An einem schönen Frühlingsmorgen, eine Woche nach Ostern, fuhr kurz nach Tagesanbruch ein schwarzer Mercedes aus dem SS-Fahrzeugschuppen des Konzentrationslagers Flossenbürg hinaus in die kühle Morgenluft. Das Lager war eine Todesfabrik, seit einigen Monaten wurden hier täglich bis zu neunzig Menschen hingerichtet. Dieser Tag würde keine Ausnahme sein.
Seit 4 Uhr morgens herrschte bereits reges Kommen und Gehen. Der Fahrer und sein Passagier, beide in Zivil und beide Mitglieder der SS, hatten klare Anweisungen: Sie sollten einen Gefangenen aus einer größeren Gruppe abholen und in das KZ zurückbringen. Für sie bedeutete das eine am helllichten Tag ausgesprochen gefährliche Hin- und Rückfahrt über eine Strecke von etwa 320 Kilometern. Eine dünne Schneedecke bedeckte das Lager und seine Umgebung, aber die Straßen waren noch befahrbar. Eine wichtige Brücke auf der Strecke war noch intakt. Das Fahrzeug fuhr die kurvenreiche Straße den Hügel hinab, nach Neukirchen und dann Richtung Süden ins katholische Niederbayern, zu dem Ort Schönberg und einem Schulzimmer, das vorübergehend zur Unterkunft für Geiseln umfunktioniert worden war. Für einen dieser Gefangenen, Dietrich Bonhoeffer, würden die beiden SS-Männer Boten des Todes sein.
Erbendorf, in der Nähe von Flossenbürg
Irgendwie gelang es Menschen auch in diesen Tagen, Reste des gewohnten Lebens aufrechtzuerhalten. Die jahreszeitlichen Rhythmen der Kirche boten dabei einen Halt. In Erbendorf, nur vierzig Kilometer nördlich des Lagers, bereitete sich die achtjährige Magdalena Helm auf ein besonderes Ereignis vor. Im Kirchenkalender ist der erste Sonntag nach Ostern der Weiße Sonntag, an dem in der Katholischen Kirche Jungen und Mädchen nach einer längeren Vorbereitungszeit zum ersten Mal die Heilige Kommunion empfangen. Die Mädchen unter den Kommunikanten tragen an diesem besonderen Tag ein weißes Kleid.
†
Zur Erinnerung
an meine
erste hl. Kommunion
empfangen am
Weißen Sonntag
(8. April 1945)
in der
Mariä Himmelfahrt-Pfarrkirche
zu Erbendorf.
_____
Magdalena Helm
Abb. 0-3. 1954 gestaltete Erinnerung an den damaligen Weißen Sonntag, Büro der Pfarrgemeinde Erbendorf, 8. Januar 2021.
Sammlung des Autors. Rekonstruiert von Bruce Bovill
Magdalena war früh wach, weil die Familie rechtzeitig zur Heiligen Messe in der Kirche Mariä Himmelfahrt sein musste und sie den Weg zu Fuß zurücklegen würden. Unterwegs konnten sie, besorgt und fasziniert zugleich, die Bomberstaffeln beobachten, die hoch über sie hinwegflogen, auf dem Weg zu Zielen weiter südlich an ihnen unbekannten Orten. Nach dem Gottesdienst gab es zur Feier des Tages Kuchen, den Magdalena sich zusammen mit den einundsechzig Anderen, die mit ihr zum ersten Mal die Kommunion empfangen hatten, schmecken ließ. Im Nachhinein war sie froh, dass dieser besondere Tag in ihrem Leben nicht eine Woche später stattfand, denn dann hätten sie sich wegen ständiger Tiefflieger-Angriffe nicht nach draußen wagen können. Sie erinnert sich noch immer, wie schön das Wetter an ihrem Kommunionstag war.14 Die Helligkeit der Aprilsonne bildete einen starken Kontrast zu den dunklen Ereignissen, die sich an diesem Tag in unmittelbarer Nähe abspielten.
Abb. 0-4. Blick aus dem Fenster der Schule in Schönberg (ist heute noch wie damals).
Sammlung des Autors
Schönberg, Bayern
Weiter südlich in Schönberg erwachten an diesem Sonntagmorgen dreizehn Menschen in einem Schulzimmer. Sie waren Gefangene, aber unbehelligt von jeglicher Lager- oder Wachroutine. Als Leben in die Gruppe kam, war es fast so, als verlaufe ihr Morgen ganz normal. Es war der zweite in Folge, an dem sie die Kirchenglocken hier läuten hörten. Von draußen drangen gedämpft die Geräusche ziviler Alltäglichkeit herein, was sie ermutigte. Seit ihrer Ankunft am Freitag waren auch keine Wachen im Raum und sie konnten sich, entgegen der bis dahin geltenden Haftordnung, ungehindert unterhalten. Das Wetter war gut: Vom Fenster aus hatte man eine herrliche Aussicht.
Zur angenehmen Verblüffung der Gruppe trug auch bei, dass der Raum sogar beheizt war. Es gab zwar nichts zu essen, aber sie hatten Betten mit Bettwäsche – eine deutliche Verbesserung, waren sie doch nicht nur an die primitive Ausstattung der Zellen im Konzentrationslager Buchenwald gewöhnt, sondern hatten in dieser Woche auch drei ungemütliche Nächte auf der Straße verbracht: zwei in einem beklemmend engen Polizeiwagen und eine auf dem Boden eines überfüllten Gefängnisses.
Innerhalb einer Woche war so viel geschehen. Je weiter der April voranschritt und je größer die Entfernung zu Berlin wurde, desto größer wurde bei allen Mitgliedern der Gruppe das Gefühl, dass sich ihre Chancen verbessert hatten, der Verfolgung und der Begleichung alter Rechnungen durch das zusammenbrechende Regime zu entkommen. Das bedrückende Gefühl, dass die brutalen Hände ihrer Wächter oder der willkürliche Beschluss irgendwelcher Entscheidungsträger jeden Augenblick den Tod bringen könnten, begann sogar ein wenig zu schwinden. Schließlich befanden sie sich jetzt in Bayern, etwa 560 Kilometer südlich von Berlin.
Ein Mitglied der Gruppe, Hermann Pünder, ein gläubiger Katholik, hatte einen Schott dabei, ein Buch, das die lateinischen Texte der katholischen Liturgie auf Deutsch bot, sodass auch Laien den Gottesdienst bewusst mitfeiern konnten. Pünder bat Bonhoeffer, an diesem Morgen einen Sonntagsgottesdienst zu halten. Der lehnte ab, weil er meinte, man solle dem Russen Kokorin, der zur Gruppe gehörte und den Bonhoeffer offenbar schätzte, Respekt erweisen und anerkennen, dass er aus einem atheistischen Land komme. Kokorin bestand jedoch darauf, dass der Gottesdienst gehalten werden sollte, und so einigte man sich auf einen Beginn um 10 Uhr.15 Dieser Gottesdienst muss nicht nur für die kleine Gruppe im Schulzimmer, sondern auch für Bonhoeffer selbst eine Art Wendepunkt gewesen sein. Nach achteinhalb Monaten des Wartens auf ein sicher geglaubtes Todesurteil ließ er sich ermutigen, seine Rolle als ordinierter Pastor zwar informell, aber eben doch wieder zu übernehmen. Die entspannende Wirkung der sich hinziehenden Reise, die Gesellschaft der anderen und die Schönheit der Landschaft mögen zu seiner Entscheidung beigetragen haben. Vielleicht würde er den Krieg ja doch überleben. Vielleicht würden er und seine Verlobte Maria von Wedemeyer doch eine gemeinsame Zukunft haben.
Bonhoeffer ahnte nicht, dass an diesem schönen Sonntagmorgen zwei SS-Männer bereits unterwegs waren, ihn abzuholen.
Die Gruppe
Die Gruppe, mit der Bonhoeffer am 8. April Gottesdienst feierte, war zwei Tage zuvor in Schönberg angekommen, nachdem sie seit Dienstag, den 3. April, unterwegs gewesen war. Man hatte zunächst 16 Menschen, von denen drei die Gruppe unterwegs verließen, in eine sogenannte »Grüne Minna« gepfercht, in ein Polizeifahrzeug, das für den Transport von bis zu acht Gefangenen ausgelegt war. Die Enge wurde dadurch noch größer, dass im Wagen auch noch Holz mitgeführt werden musste. Denn weil Deutschland nicht mehr über ausreichend Kraftstoffreserven verfügte, war man dazu übergegangen, Fahrzeuge mit Holzvergasern zu betreiben.
Wer waren nun die Menschen, die mit Bonhoeffer unter diesen Bedingungen unterwegs waren? Ich werde mich den Einzelnen noch ausführlicher zuwenden, hier sollen sie zunächst nur kurz vorgestellt werden.
Abb. 0-5. Die »Grüne Minna«
www.polizei.autos.de, Michael Weber
General Friedrich von Rabenau
Rabenau war ein Wehrmachtsoffizier im Rang eines Generals. Er war nicht nur ein angesehener Militärhistoriker, sondern hatte nach seiner aktiven Dienstzeit auch Theologie studiert. Als überzeugter Christ hatte er sich dem Nationalsozialismus gegenüber stets distanziert gezeigt und sich später auch im Widerstand gegen Hitler engagiert. Rabenau wurde am 27. Juli 1944 verhaftet. Berichten zufolge bestand zwischen ihm und Bonhoeffer in Buchenwald ein sehr gutes kameradschaftliches Verhältnis. Sie spielten jeden Nachmittag auf einem Brett, das Payne Best ihnen lieh, miteinander Schach. Er litt unter den Haftbedingungen. Im April hatte Rabenau, obwohl die Verpflegungsrationen der Sonderhäftlinge vergleichsweise gut waren, fast ein Drittel seines Gewichts verloren und war von 95 auf 63 Kilo abgemagert.
Hermann Pünder
Hermann Pünder war Verwaltungsjurist und von 1926 bis 1932 Staatssekretär und Chef der Reichskanzlei. Als Franz von Papen Reichskanzler wurde, trat Pünder zurück, weil er nicht unter von Papen dienen wollte. Pünder wurde dann Regierungspräsident in Münster, bis die Nazis ihn 1934 wegen politischer Unzuverlässigkeit auch aus diesem Amt drängten und in den vorzeitigen Ruhestand versetzten. Er arbeitete daraufhin zunächst als Landwirt, trat 1939 als dekorierter Veteran des Ersten Weltkriegs in die Reservearmee ein und wurde zum Major befördert. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Pünder verhaftet, weil er Kontakt zu Carl Friedrich Goerdeler, einem der Hauptverschwörer, gehabt hatte und darum verdächtig war, von den Attentatsplänen gewusst zu haben.
Im Dezember desselben Jahres wurde Pünder vor den Volksgerichtshof gestellt und, was eine große Ausnahme darstellte, aufgrund unzureichender Beweise von allen Anklagepunkten freigesprochen. In Freiheit kam er dennoch nicht. Die Gestapo nahm ihn in sogenannte »Schutzhaft«, ohne dass weitere Anklagen erhoben wurden.
Erich und Margot Heberlein
Erich Heberlein war Gesandter an der deutschen Botschaft in Spanien. Er und seine spanische Frau Margot Heberlein verfügten über gute Verbindungen in die High Society von Madrid. In ihrem Haushalt wurde, neben Deutsch und Spanisch, hauptsächlich Englisch gesprochen.
Im März 1943 wurde das Ehepaar zusammen mit Erichs direktem Vorgesetzten, Botschafter von Stohrer, nach Berlin zurückbeordert. Konfrontiert mit den Schrecken des Nationalsozialismus und der Realität der bevorstehenden deutschen Niederlage, erkrankte Heberlein und das Ehepaar bekam einen Genesungsurlaub in Spanien bewilligt. Als beide sich dann aber weigerten, von dort nach Deutschland zurückzukehren, wurden Erich und Margot am 17. Juni 1944 von der Gestapo verschleppt. Getrennt voneinander erlebten sie eine Odyssee durch Gefängnisse im besetzten Frankreich, bevor sie schließlich am 12. Juli nach Berlin gelangten, wo Erich im Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße in Einzelhaft genommen wurde. Margot wurde unter den gleichen Bedingungen in Potsdam festgehalten. Am 12. Dezember 1944 zahlte sich dann aus, dass Freunde und Familie sich unermüdlich für die beiden eingesetzt hatten. Das Ehepaar wurde in das Konzentrationslager Sachsenhausen überstellt, wo die Haftbedingungen besser waren und sie auch Nachrichten von ihrem Sohn empfangen konnten. Zehn Wochen später wurde ein Teil des Lagers evakuiert und man verlegte die beiden nach Buchenwald, wo sie in der für die Sonderhäftlinge reservierten Abteilung untergebracht wurden.
Wassilij Wassilijewitsch Kokorin
Unterlagen zufolge, die im KZ Buchenwald erhalten blieben, gab Wassilij Kokorin an, 1921 im Dorf Broniwka, Wolotschysk, in der Provinz Proskurow in der Ukraine geboren worden zu sein. Diese Angabe war Teil der umfassenden Legende, die er seinen Peinigern aufgetischt hatte: Er sei der Neffe Wjatscheslaw Molotows, des Außenministers und ehemaligen Regierungschefs der Sowjetunion, also des damals dort nach Josef Stalin zweitmächtigsten Mannes. In Wirklichkeit wurde Kokorin 1923 im Dorf Moloki geboren, im Bezirk Kumjonski der Oblast Kirow in der ehemaligen Sowjetunion. Kokorin wurde am 11. April 1942 bei Demjansk gefangen genommen. Er war nicht der Neffe Molotows – ebenso wenig, wie viele der in Kriegsgefangenschaft geratenen Engländer, die den Nachnamen Churchill trugen und behaupteten, mit dem britischen Premierminister verwandt zu sein, dies tatsächlich waren. Vielmehr war Kokorin ein findiger Überlebenskünstler, der auch zum Gestapo-Informanten wurde. Zu seinen Aufgaben für die Gestapo gehörte es, seine Wärter mit Informationen über andere sowjetische Kriegsgefangene in Sachsenhausen zu versorgen. Aus alliierter Sicht handelte es sich bei ihm um einen Kollaborateur.
Dass er überhaupt als Sonderhäftling dem in diesem Buch behandelten Gefangenentransport zugeteilt wurde, zeugt von seiner bemerkenswerten Fähigkeit, seine falsche Identität vor der Gestapo – und auch seinen Mitgefangenen – aufrechtzuerhalten. Und tatsächlich blieb die von ihm erfundene Geschichte außerhalb der russischsprachigen Welt fast 75 Jahre lang praktisch unhinterfragt.
General Alexander von Falkenhausen
Der 67-jährige General Alexander von Falkenhausen beharrte nicht nur hartnäckig darauf, seine Uniform zu tragen, sondern auch seinen Orden Pour-le-Mérite, die höchste militärische Auszeichnung, die Deutschland damals zu vergeben hatte und die ihm 1918 verliehen worden war. Noch bis vor Kurzem war Falkenhausen Militärgouverneur im besetzten Belgien gewesen. Als Soldat war er dort in die rücksichtslose Politik des Regimes hineingezogen worden und wurde mitverantwortlich für während seiner Dienstzeit im Land begangene Kriegsverbrechen. Dennoch stand er den Nazis distanziert gegenüber. Sein Bruder, ein SA-Oberführer, war im Zusammenhang mit dem sogenannten »Röhm-Putsch« vom Regime ermordet worden. Ihn selbst hatte man 1938 unter Androhung von Repressionen für seine Familie aus China, wo er als Militärberater tätig war, nach Deutschland zurückbeordert. So fand er schon 1939 zur Opposition. Die Gruppe der Geiseln wusste aber nichts von seinen Verbindungen zu den Verschwörern des 20. Juli, und er erwähnte ihnen gegenüber diese auch nie. Von Falkenhausen wurde kurz vor dem Tag des Attentates auf Hitler aus seinem Amt entfernt und einige Tage später verhaftet. Da man aber kein Beweismaterial gegen ihn fand, kam es nicht zu einer Anklage vor dem Volksgerichtshof. Hugh Mallory Falconer, ein anderer der Reisegefährten, charakterisiert ihn mit den Worten: »Von Falkenhausen war nach jedermanns Maßstäben ein vollendeter Gentleman.«
Squadron Leader Hugh Falconer
Falconer, der fließend Französisch sprach, war Mitglied des britischen Geheimdienstes SOE.16 Er hatte seinen Kriegsdienst bei der RAF, der englischen Luftwaffe begonnen, diese aber am 5. Juli 1941 verlassen, um sich freiwillig zur SOE zu melden. Er spielte eine Schlüsselrolle bei Operation Torch, dem Landungsunternehmen, das die Briten und Amerikaner im November 1942 im nominell vom Vichy-Regime kontrollierten Nordafrika durchführten. Drei Tage lang konnte der alliierte Oberbefehlshaber Eisenhower den Kontakt zu seinen Bodentruppen nur mithilfe eines geheimen Funkpostens halten, den Falconer mit List und viel Improvisation in einer Höhle im Felsen von Gibraltar eingerichtet hatte. Als Falconer später in Tunis gefangen genommen wurde, gab er sich erfolgreich für einen Franzosen aus. Nach einigen Wochen aber wurde seine wahre Identität aufgedeckt, als man ihm Funkerutensilien zuordnen konnte. Nun folterten die Deutschen ihn, um mehr über seine Tätigkeit zu erfahren. Als die Briten immer näher an Tunis heranrückten, sollte Falconer nach Italien evakuiert werden. Weil er im Zuge dieser Evakuierung jedoch von seinem Gestapovernehmer »Max« getrennt wurde, gelang es Falconer abermals, die deutschen Behörden in die Irre zu führen. Er gab sich jetzt als abgeschossener Pilot aus und als jemand, der für die Deutschen noch wichtig sein könnte, sodass man ihn über Florenz direkt zum Hauptquartier der Gestapo in die Prinz-Albrecht-Straße nach Berlin brachte. Später wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen und von dort schließlich nach Buchenwald verlegt.
Oberst Horst von Petersdorff
Horst von Petersdorff wurde am 30. Dezember 1892 geboren. Sein Vater war General und Träger des Ordens Pour le Mérite, und der Sohn setzte die militärische Tradition der Familie fort. Im Ersten Weltkrieg verlor Petersdorff einen Arm und wurde mehrfach für außerordentliche Tapferkeit ausgezeichnet. Nach dem Krieg war er in einem Freikorps aktiv, das seinen Namen trug. Er trat früh der NSDAP und der SA bei, war aber auch Mitglied des evangelischen Johanniterordens. Möglicherweise enttäuscht darüber, nicht zum Chef der Berliner SA gewählt worden zu sein, verließ Petersdorff die Organisation 1932 und trat auch aus der NSDAP aus. Ab 1936 betrieb er allerdings eine Wiederaufnahme in beide Organisationen. In der »Nacht der langen Messer« während des von den Nazis sogenannten »Röhm-Putsches« im Juni 1934 kam Petersdorff nur knapp mit dem Leben davon.
1939 wieder zum Militärdienst einberufen, nahm er am Polenfeldzug teil und wurde für seinen Einsatz in Frankreich mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet. Petersdorff scheint dennoch sowohl in der Wehrmacht als auch in der Partei umstritten gewesen zu sein, jedenfalls lehnten sowohl Adolf Hitler als auch Hermann Göring ab, ihm eine leitende Tätigkeit im sogenannten Ostministerium zu übertragen.
Nach dem 20. Juli wurde Petersdorff aus der Wehrmacht entlassen und aus der SA, in der er wieder Aufnahme gefunden hatte, ausgeschlossen. Eine Anklage vor dem Volksgerichtshof endete dann zwar mit einem Freispruch, dennoch wurde Petersdorff in Schutzhaft genommen. Warum er in die Gruppe der Geiseln aufgenommen wurde, ist nicht klar.
Heidel Nowakowski
In ihrem Buch Reise durch den letzten Akt äußert sich Isa Vermehren, die ihr im KZ Ravensbrück begegnet war, abfällig über Heidel Nowakowski. Paine Best, der ihr Alter auf Anfang zwanzig schätzte, obwohl sie tatsächlich schon Anfang dreißig war, meint über sie: »Sie hätte, wäre sie nicht so klein gewesen, als Modell für eine jugendliche Germania posieren können. … Nach eigenen Angaben hatte sie für einen alliierten Geheimdienst gearbeitet und war während ihrer Gefangenschaft in Ravensbrück gefoltert worden, indem man ihr langsam zwei Zähne zog. Dort wurde sie von einem SS-Offizier befreit und erhielt eine Unterkunft (aber nicht zur Arbeit) im Lagerbordell. … Die Blondine war fest davon überzeugt, sehr schön zu sein und von allen Männern begehrt zu werden. Als gutmütiges Mädchen fühlte sie sich verpflichtet, ihnen Freude zu bereiten, und ihre Bereitschaft dazu war so groß, dass Zurückhaltung sowohl notwendig als auch schwierig war.«17 Nowakowski machte einem anderen Mitglied der Gruppe, dem SS-Arzt und Massenmörder Sigmund Rascher, der Frauen gegenüber sehr charmant sein konnte, sehr deutliche Avancen. Ihr Bett war in Schönberg direkt neben den Betten des Ehepaars Heberlein positioniert worden, wohl auch, um unerwünschte nächtliche Aktivitäten zu unterbinden.18
Über fünfzig Jahre lang blieb sie in den Berichten über Bonhoeffers letzten Tage irritierenderweise ohne Nachnamen, bis Hans Georg Richardi dieses Geheimnis 2010 lüftete. Es ist möglich, dass Heidel Nowakowski, wie andere auch, durch eine List zu einer VIP-Geisel wurde. Während ihrer Gefangenschaft gab sie Payne Best zwei Adressen, unter denen er sie später kontaktieren könne – beide im Raum Essen –, sowie eine Telefonnummer. Gegenüber Hugh Falconer erwähnte sie, dass sie aus Düsseldorf stamme. Die meisten Mitglieder der Gruppe selbst mutmaßten allerdings, dass es sich bei ihr um eine Informantin handelte, die sich auch prostituiere, um an Informationen zu gelangen. Aber Beweise für diesen Verdacht gibt es nicht.
Sigmund Rascher
In der über tausendseitigen Bonhoeffer-Biografie von Eberhard Bethge wird Rascher lediglich als Mithäftling genannt, aber weitere Angaben zu seiner Person finden sich nicht.19 Diese Auslassung hat Gründe. Rascher hatte als KZ-Arzt »medizinische« Experimente durchgeführt, bei denen mehr als 150 Menschen starben; er bekam im Lager eine Vorzugsbehandlung und galt als Informant der Gestapo.
Rascher und seine Frau waren verhaftet worden, nachdem aufgedeckt geworden war, dass Karoline Rascher die vier Kinder der Familie nicht geboren, sondern in Wahrheit nach Vortäuschung einer Schwangerschaft entführt und als ihre eigenen ausgegeben hatte. Eine Untersuchung der Gestapo in dieser Angelegenheit kam zu dem abenteuerlichen Schluss, der Mediziner Rascher sei von seiner Frau über die Schwangerschaften »getäuscht« worden, sodass er zunächst wieder auf freien Fuß kam. Aber als kurze Zeit später die Beweise für eine Mitwisserschaft erdrückend wurden und der Vorwurf hinzukam, dass er und Karoline eine Assistentin Raschers, die zeitweilig bei der Familie lebte, ermordet hatten, kam auch Rascher wieder in Haft. Raschers Frau kam ins KZ Ravensbrück, wo sie gehängt wurde, nachdem sie das Wachpersonal angegriffen hatte. Warum Rascher, der sich mit dem britischen Spion Payne Best anfreundete, der Gruppe der VIP-Geiseln angehörte, ist unklar. Diese begegneten ihm mit Vorsicht. So bemerkt Pünder:
Er [Rascher] gab sich uns gegenüber sehr kameradschaftlich und plauderte, ohne danach von uns gefragt worden zu sein, recht intime Dinge über das »Sanitätswesen« seiner SS aus. So sei er als jüngerer Arzt im letzten Jahr zur Teilnahme an Unterkühlungsversuchen kommandiert gewesen. Hierbei habe man an KZ-Häftlingen geprüft, wie tief und wie lange man die Unterkühlung im Wasser steigern könne, bis der Tod eintrete. Als der gefühlsrohe SS-Arzt merkte, mit welchem Abscheu wir anderen uns von ihm abwandten, schaltete er gleich um und betonte geflissentlich, er habe in Verfolg solcher Untersuchungen mit seinen Vorgesetzen »Krach gekriegt« und sitze dafür jetzt im KZ.20
Das war ohne Zweifel gelogen, aber dass Rascher die Mordmethoden der Nazis kannte, war schon vorher deutlich geworden. Als nämlich die Fahrt mit dem Holzvergaser begann, drangen Abgase auch in die Kabine, in der die Häftlinge eingepfercht saßen. Rascher war daraufhin in Panik geraten und hatte gerufen: »Das ist ein Gaswagen – wir werden vergast!«
Vergast wurde Rascher nicht, aber kurz vor Ende des Krieges im KZ Dachau von der SS erschossen.
Captain Sigismund Payne Best
Payne Best, der nach einem Studium in Deutschland die Sprache fließend beherrschte, war ein britischer Geheimdienstoffizier, der für seine Verdienste im Ersten Weltkrieg mit dem Order of the British Empire ausgezeichnet worden war. In der Zwischenkriegszeit lebte er in den Niederlanden als Kaufmann, blieb dem Secret Service aber in einer bis heute nicht ganz geklärten Weise verbunden. Er bewegte sich in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen der Niederlande und verfügte über ein großes Netzwerk von Kontakten, bis hinein ins niederländische Königshaus.
Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, leitete Best für die SIS die streng konspirative Organisation Z. Im Herbst 1939 suchten vermeintliche Wehrmachtsoffiziere seinen Kontakt, weil sie angeblich die Beseitigung Hitlers planten. Best und ein Kollege, die mit Rückendeckung des Premierministers Chamberlain Verhandlungen mit den angeblichen Attentätern führten, gingen in eine Falle. Bei einem Treffen in einem Café in Venlo wurden sie von einem SS-Sonderkommando nach Deutschland entführt. Nach zunächst harter Behandlung und nachdem Payne Best zahlreiche nachrichtendienstliche Informationen von zum Teil zweifelhaftem Wert an die Deutschen weitergegeben hatte, wurde er für die Dauer des Krieges unter (relativ) luxuriösen Bedingungen in Sachsenhausen inhaftiert. Er war allgemein beliebt, der SOE-Agent Falconer sah in ihm allerdings einen Kollaborateur.
Dr. Horst Hoepner
Horst Hoepner wurde als dritter Sohn von Dr. Kurt Hoepner und seiner Frau Elizabeth, geborene Kienast, am 19. Juni 1889 in Torgau geboren.21 Nach seiner Promotion in Natur- und Wirtschaftswissenschaften und vor seinem Militärdienst war er in der Wirtschaft tätig. Er sprach fließend Englisch. Nach dem Bombenanschlag vom 20. Juli 1944 wurde Hoepners älterer Bruder, der schon zuvor von Hitler unehrenhaft aus der Wehrmacht entlassene Generaloberst Erich Hoepner, als Mittäter verhaftet und am 8. August hingerichtet.
Horst wurde am 24. Juli in Paris, wo er in der Wehrmacht diente, verhaftet, bis zum 1. August 1944 im Gefängnis Fresnes überwiegend in Einzelhaft festgehalten und später nach Buchenwald überstellt. Der unmenschlichen Behandlung, die er von der Gestapo erfuhr, war Hoepner psychisch und körperlich nicht gewachsen. In seinem 1950 erschienenen Besteller »The Venlo Incident« äußert sich Payne Best verächtlich über Hoepners gebrochene Persönlichkeit. Die Gründe für seine Aufnahme in die Geiselgruppe sind unbekannt.
So vielfältig war also die Zusammensetzung dieser kleinen Gruppe sogenannter Feinde des Dritten Reiches. Ihre Rolle in Bonhoeffers letzten Tagen war bisher bestenfalls eine Fußnote und wurde schlimmstenfalls oberflächlich oder falsch wiedergegeben oder einfach als unwichtig abgetan. Dieses Buch soll dazu beitragen, das ein wenig zu ändern.
1 Dietrich Bonhoeffer
Wie kam es dazu, dass dieser kultivierte deutsche Pastor als Gestapo-Häftling in einem Schulzimmer in Schönberg landete? Als Kind wäre Bonhoeffer wohl kaum in den Sinn gekommen, dass er einmal ein Widerstandskämpfer sein würde. Er und seine Zwillingsschwester Sabine wurden am 4. Februar 1906 geboren.1 Beide waren das sechste und siebte von bald acht Kindern in einem Haushalt, in dem nicht nur die Eltern, sondern auch eine Köchin, ein Kindermädchen und eine Haushälterin sie umsorgten. Als die Kinder heranwuchsen, kamen zahlreiche Lehrer für eine Vielzahl von Bildungs- und Interessengebieten hinzu.2
Im Jahr der Geburt Dietrichs besuchte im September Winston Churchill Bonhoeffers schlesische Heimatstadt Breslau, die heute in Polen liegt und Wrocław heißt.3 Der junge Churchill war auf Einladung Kaiser Wilhelms II. dort, um Manövern der deutschen Armee beizuwohnen. Ein Zeichen für die Verbundenheit der beiden Nationen, die wohl nur die Wenigsten die drastischen und schrecklichen Wendungen voraussehen ließ, die die Zukunft bereithielt. Im Unterschied zu Churchill, der es selbst liebte, sich standesgemäß herauszuputzen, hat die Familie Bonhoeffer wohl kaum Interesse an der Selbstdarstellung des preußischen Militärs gehabt. Man darf vermuten, dass sie die internationale Bedeutung dieses Besuchs nur am Rande wahrgenommen hat. Bedeutsamer war es für die Familie vielleicht, in einer Stadt zu leben, in der sich im Zeitraum von 1870 bis 1915 die Zahl der jüdisch-christlichen Mischehen vervierfachte. Tatsächlich sollte später auch die Verbindung von Bonhoeffers Zwillingsschwester Sabine mit Gerhard Leibholz eine solche Mischehe sein.
Bonhoeffers Kindheit blieb aber vom damals in Deutschland verbreiteten Antisemitismus nicht unberührt. Es gibt eine Geschichte dazu. Bonhoeffer, der als Junge »viel und gern raufte«, wie sein Vater festhielt4, wurde einmal von der Mutter eines jüdischen Jungen, mit dem er aneinandergeraten war, beschuldigt, diesen auch antisemitisch beschimpft zu haben. Bonhoeffers Mutter kommentierte diesen Vorwurf, indem sie betonte, er könne »in ihrem Hause niemals dergleichen gehört haben«.
Der Erste Weltkrieg brachte eine Tragödie für die Familie Bonhoeffer: Dietrichs älterer Bruder Walter wurde im Kriegsjahr 1918 schwer verwundet und starb im Lazarett. Das war für die Familie ein tiefer Schock. Die Eltern litten entsetzlich unter diesem Verlust und die Wunde, die Walters Tod hinterließ, verheilte nie ganz.
So wichtig Muße und Spiel der Familie auch waren5, was wirklich zählte, war das, »was man arbeitete«. Bonhoeffers Vater machte eine bemerkenswerte Karriere als Psychiater und Neurologe: Eine Berliner S-Bahn-Station ist heute noch nach der Nervenklinik der Berliner Charité benannt, deren Direktor er war.6 Karl Bonhoeffers Rolle in der Familie bestand ganz selbstverständlich darin, sich mit uneingeschränktem Engagement seinem Berufsleben zu widmen. Etwas von seiner Arbeitsmoral lässt sich aus einem Brief ablesen, den Bonhoeffers Mutter Paula am 11. August 1943, acht Monate nach der Verhaftung ihres Sohnes Anfang April, schreibt. In diesem Brief heißt es: »Papa will sich auch seiner Arbeit nicht entziehen, trotz seiner 75.«7
Erzogen wurde Dietrich deshalb vor allem von seiner Mutter, die die Kinder als ausgebildete Lehrerin auch zu Hause unterrichtete, und den Hausangestellten, die die Mutter unterstützten. Zu seinem Vater hatte Bonhoeffer zeitlebens ein von tiefem Respekt gekennzeichnetes Verhältnis.
Musikalische Fähigkeiten und dergleichen wurden im Hause Bonhoeffer zwar geschätzt, ebenso wie das Erlernen anderer Sprachen, aber man übte sich in diesen Dingen auch, weil sie beruflich nützlich waren und einfach dazugehörten, wenn man in diesen Kreisen aufwuchs. Der britischen Theologe Stephen Plant bemerkt zu den anderen Bonhoeffer-Kindern: »Bonhoeffers Brüder bereiteten sich auf eine Karriere in den Natur- und Rechtswissenschaften vor. Seine Schwestern heirateten Männer mit ebensolchen fachlich soliden, erfolgversprechenden Berufsperspektiven.«8
Dietrich war anders. Als Bonhoeffer 1923, während die Hyperinflation in Deutschland anfing, die Gesellschaft zu zerstören, mit dem Studium begann, schrieb er in das Fuxenbuch seiner Verbindung: »Schon seit meinem 13. Lebensjahr war mir mein späteres Studium der Theologie klar.«9 Das war ungewöhnlich. Zwar pflegte man in der Familie Bonhoeffer die Tradition, an Weihnachten aus der Heiligen Schrift vorzulesen, und zum Jahreswechsel repetierte man den 90. Psalm, auch das Tisch- und Abendgebet wurden gepflegt, aber besonders religiös war man deshalb nicht, auch wenn es in der weiteren Verwandtschaft und unter den Vorfahren etliche Theologen gab. So waren die Brüder über die Studienwahl Dietrichs eher befremdet und die Eltern zurückhaltend. Sie hätten sich auch eine Karriere als Pianist für ihren Sohn vorstellen können.
Ermutigungen, diesen besonderen Weg einzuschlagen, gab es aber auch. Eine kam zu Bonhoeffers Konfirmation am 15. März 1921 von seinem Sprachenlehrer Richard Czeppan. Er schrieb an den »angehenden Theologen«.10 An diesem Tag schenkte seine Mutter Bonhoeffer die Lutherbibel seines gefallenen Bruders Walter. Dietrich ehrte dieses Bibelexemplar und behielt es bis an sein Lebensende.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Bonhoeffers Familie und die Erfahrungen, die er in den Jahren, die ihn prägten, machte, von Freiheit gekennzeichnet waren. Dies befähigte ihn, familiäre Prägungen, wo sie sich später als hinderlich erweisen sollten, abzuschütteln, und es machte ihm zugleich möglich, seinen eigenen Weg zu gehen.
Im Hinblick auf sein akademisches Studium verlief dieser Weg fast schon stürmisch. Im Alter von nur einundzwanzig Jahren hatte Bonhoeffer seine Doktorarbeit abgeschlossen. Diese wurde veröffentlicht, ebenso wie seine Habilitationsschrift, mit der Bonhoeffer mit 24 Jahren 1929 zum Privatdozenten wurde. Zuvor hatte er ein Auslandsvikariat in der deutschen Gemeinde in Barcelona absolviert, sodass er 1930 auch das Zweite Theologische Examen ablegen konnte.
Weil er für eine Ordination ins Pfarramt noch zu jung war, erhielt Bonhoeffer ein Stipendium für die Vereinigten Staaten und studierte ein Jahr lang am Union Theological Seminary in New York.11 Hier machte er Erfahrungen mit dem social gospel, die für seinen späteren Glaubensweg noch von besonderer Bedeutung sein sollten. Zurück in Berlin wurde Bonhoeffer 1931 zum Pfarrer ordiniert und arbeitete zeitweise mit einem Lehrauftrag an der Universität und später als Internationaler Jugendsekretär des Ökumenischen Weltbunds für Freundschaftsarbeit der Kirchen (WFK).
Irgendwann im Jahr 1932, noch vor Beginn des Wintersemesters, kam es zu einer »Wende« in Bonhoeffers Leben. Im Jahr 1936 schrieb er rückblickend über diese Phase: »Ich kam zum ersten Mal zur Bibel.«12
Am 1. Februar 1933, zwei Tage nachdem Hitler an die Macht gekommen war, hielt Bonhoeffer eine Radioansprache über »Wandlungen des Führerbegriffs«. Es war eine weitsichtige, mutige Rede, die den totalen Machtanspruch eines Führers kritisch hinterfragte. Schon in dieser Ansprache skizzierte Bonhoeffer eine Haltung, die dann im sogenannten »Kirchenkampf« an Profil gewann.
Ziel des Regimes war es, auch die christlichen Kirchen im Deutschen Reich »gleichzuschalten«, d.h. auch in diesen Institutionen das Führerprinzip durchzusetzen und dafür zu sorgen, dass die Funktionsträger der Kirchen der von der NSDAP
