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»Herzlich willkommen in einer Achterbahn«, begrüßt der Autor seinen Leser zu Beginn dieser Reise durch sein Leben. Aufgrund seiner nicht ganz alltäglichen Lebensumstände ist es tatsächlich ein teils wildes Auf und Ab von einem Extrem zum nächsten. Da sich der junge Julian, der in einem kleinen Dorf aufwächst, um Geld keine großen Gedanken machen muss, kann es sich ganz auf seine sonstigen Probleme konzentrieren, die von einer tiefreligiösen Oma über eine um sich selbst kreisende Mutter bis zu seiner Leidenschaft für Fußball erstrecken, wo für Schule kaum Raum ist. Nach Anfangsschwierigkeiten auf verschiedenen Schulen in den umliegenden Orten und zunehmenden häuslichen Schwierigkeiten, die in der Scheidung der Eltern und dem Rauswurf durch die neue Frau des Vaters gipfeln, entwickeln sich Aggressionen, die bei all dem nicht hilfreich sind. Er zieht zu den Großeltern und ist dem religiösen Wahn der Oma noch stärker ausgesetzt, verstrickt sich in seiner Mutterersatzbeziehung zu ihr und wird in seinen Freiheiten immer mehr beschnitten. Einzig seine Urlaubsreisen, die er sich dank des familiären Hintergrundes leisten kann, ermöglichen es ihm, die dörfliche Enge zu verlassen. Auf einer dieser Reisen findet er dann heraus, dass er schwul ist. Das passt perfekt zu Dorf, Fußballverein und erzkonservativer Großmutter. - Der Schlamassel ist perfekt. Der Autor nimmt den Leser mit auf diese Reise durch sein Leben, seinen Reifeprozess und seine Entwicklung bis hin zu dem ganz normalen Menschen, der am Ende dabei herauskam. Der Schreibprozess zog sich über einen langen Zeitraum hin und half bei der Selbsterkenntnis und Selbstbewusstwerdung, sodass der Leser nachvollziehen kann, wie die Entwicklung sich vollzogen hat. Ein Buch unter anderem über Homosexualität, Fußball und Beziehungsprobleme, aber hauptsächlich darüber, wie man zu sich selbst findet.
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Seitenzahl: 326
Veröffentlichungsjahr: 2020
Julian Mores
Achterbahn des Daseins
Eine autobiografische Aufarbeitung und Reflexion
Copyright: © 2020 Julian Mores
Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
Umschlag & Satz: Erik Kinting
Verlag und Druck:
tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
978-3-347-19173-0 (Paperback)
978-3-347-19174-7 (Hardcover)
978-3-347-19175-4 (e-Book)
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Inhalt
Vorwort
Los geht die wilde Fahrt
Turbulenzen, die Achterbahn ruckelt
Der Sicherheitsgurt öffnet sich
Die wild erlebte Achterbahn geht weiter, aber öffnet mir nun die Augen
Inmitten meiner Fahrt tobt plötzlich ein Unwetter
Die Achterbahn trudelte aus
Background 6.1: Fußball:
Background 6.2: Homosexualität:
Background 6.3: Alkohol:
Background 6.4: Reisen:
Background 6.5: äußere Einflüsse:
Welchen Ausgang muss ich nehmen?
Die Achterbahn geht weiter
Vorwort
Herzlich willkommen in einer Achterbahn – einer Achterbahn, die sich Leben nennt und bei der ich der Meinung bin, meine Erkenntnisse als Inspiration für andere weitergeben zu können. Ich freu mich sehr, dass Du mir mit dem Lesen dieses Buches die Möglichkeit dazu gibst. Noch mehr freue ich mich, wenn Du Dich dazu entschließt, etwas Neues anzugehen oder eine Neugier zu befriedigen. Weil ich das nicht als selbstverständlich erachte, bedanke mich für das Vertrauen, das Du mir damit entgegenbringst.
Vielleicht hast Du ja etwas viel Heftigeres erlebt als ich, etwas, was mit meiner Achterbahn in keiner Weise zu vergleichen ist. Dennoch glaube ich, dass ich etwas Wertvolles in diesem Buch vermitteln kann, nämlich. Erfahrungswerte von meiner Achterbahnfahrt, die durchaus auch anders hätte enden können. Erfahrungen, die mich nicht in den Abgrund rissen, sondern mich am Ende doch im Sinne eines Lehrgeldes bereicherten. Diese Lehrgelder, diese Erlebnisse, Einflüsse, Bedeutungen und Prägungen finden sich in meinem Buch wieder, aber auch, wie ich anfing, sie zu reflektieren.
Jeder hat auf die eine oder andere Weise sein Päckchen zu tragen und steht immer wieder vor neuen unbekannten Situationen, die bewältigt werden müssen. In meinem Fall handelte es sich um Reisen, Fußball, Homosexualität, Alkohol aber vor allem um die Menschen in meinem Umfeld, die mich beeinflussten.
Die Erfahrungen, die ich hier anhand meiner Geschichte preisgebe, sind natürlich nicht das Einzige, das ich in meinem Leben erlebt habe, es handelt sich hierbei lediglich um die elementaren Dinge meiner Achterbahn.
Am Ende des Buches lag es mir am Herzen, zu verdeutlichen, dass die vermeintlichen Schwächen, die ich auch heute noch habe, auch zu einer Stärke werden können, sofern man sie denn annehmen möchte.
Betrachte dieses Buch als das, was es für Dich ist: Inspiration, Unterhaltung oder Warnung. Falls Du ein Kollege oder ein alter Mitstreiter bist und Dich fragst, wie ich solche persönlichen Dinge preisgeben konnte, dann danke ich Dir, dass Du Deine Neugier befriedigt hast. Aus meiner Sicht ist es keine Schwäche, all das preisgegeben zu haben.
Ich habe mich bemüht, nicht nur authentisch zu sein, sondern auch Verständnis für die weiteren Kapitel aufzubauen. Da ist zunächst die Achterbahnfahrt an sich, die veranschaulichen sollte, was so alles in einem Leben passieren kann, aber am Ende meiner Fahrt trudelte die Achterbahn ganz gemütlich aus und es ergab sich so, die Fahrt zu reflektieren. Es war eine wilde Fahrt, die nicht spurlos an mir vorüberging, dennoch ging es immer in Richtung Freiheit.
Am Ende war es mir wichtig zu folgern, welche Fehler ich machte und wie ich draus lernen konnte. Ich gebe als Beobachter dieser Achterbahnfahrt meinem jungen Ich Hinweise und Fragen an die Hand, die ich für die nächste Fahrt als wichtig erachte, um auf diese Weise jenen, die merken, dass in ihrem Leben irgendetwas zum Glück fehlt, eine Orientierungsmöglichkeit anzubieten.
Kapitel 1
Los geht die wilde Fahrt
Dein Kind sei so frei es immer kann. Lass es gehen und hören, finden und fallen, aufstehen und irren.
Johann Heinrich Pestalozzi
Warum dieses Kapitel so wichtig ist:
Anhand dieser ersten Phase meines Lebens versuche ich, mit mir als Beispiel, Dir die Möglichkeit zu geben, die Ursprünge Deiner eigenen Entwicklung zu ergründen. Wie in den meisten späteren Kapiteln auch, beginne ich mit genau dieser Message. Ich werde später anhand meines Backgrounds beziehungsweise meiner Achterbahn versuchen aufzuzeigen, wie wichtig es für mich war, zu verstehen, dass meine Vergangenheit nicht meine Zukunft sein durfte. Durch mein Unterbewusstsein war meine Vergangenheit jedoch sehr lange präsent. Genau aus diesem Grunde erachte ich dieses Kapitel für wichtig, denn ich hatte in diesem Lebensabschnitt die meisten Schattenthemen.
Ich denke, dass einige Menschen Schattenthemen in sich tragen, sich darüber aber nicht bewusst sind. Sie sind prägend und haben mich vermeintlich zu dem gemacht, der ich heute bin. Genauso wie alle positiven Erfahrungen meines Lebens galt es auch dies zu akzeptieren, denn alles war ein Teil von mir. Es galt zu verstehen, zu akzeptieren und umzusetzen. Vor allem aber galt es, daraus etwas Positives zu entwickeln, was ich im späteren Verlauf dieses Buches noch näher beleuchtete.
Background:
(0 bis 13 Jahre)
Neumond, ein kühler bewölkter Donnerstag mit etwas Schneeregen. Es war der 5. März 1981 und ich wurde mit dem Namen Julian geboren. Ich verbrachte meine ersten Lebensmonate in einer Wohnung in Köln und erlebte dann bereits meinen ersten Umzug. Meine Eltern, auch selbst noch in jungen Jahren, erhielten die Möglichkeit, ein Eigenheim in einer kleinen Stadt südlich von Köln zu erwerben, begünstigt durch das Bauunternehmen von Mutters Vater und vorhandenem Grundbesitz der anderen Großeltern.
Schon früh reiste ich mit meinen Eltern in Form von Urlauben durch die Welt. Laut meiner Mutter ging meine erste Reise im Alter von einem halben Jahr nach Sylt beziehungsweise St. Peter Ording, wo man neben der Erholung auch Alternativen für Windeln finden wollte, da ich wohl unter einer Windeldermatitis litt. Auch die erste Flugreise ließ nicht lange auf sich warten – nach Madeira. So wuchs ich von Anfang an mit dem Reisen auf, sozusagen ein Frühstart des Reisens, den ich in meinem weiteren Leben so fortführen sollte.
Ich ging dann im Nachbarort in den Kindergarten, später in die Grundschule, die mein Großvater Jahre zuvor mit seiner Firma erbaut hatte. Zeitgleich meldeten mich meine Eltern im örtlichen Fußballverein an. Da ich sehr sportbegeistert zu sein schien, meldeten mich meine Eltern zusätzlich in einem Tennisverein an.
Die sozialen Kontakte aus Schule und Sport waren nicht das Einzige, was neu war. – Neu waren auch meine ersten Ängste, und zwar die vor Ärzten. Laut meiner Mutter wurden diese durch ein traumatisches Erlebnis beim damaligen Kinderarzt ausgelöst. Dieser setzte mir wohl auf eine brutale Art eine Spritze. Dieses einschlägige Erlebnis verfolgte mich bis in die Pubertät.
Durch meine beginnende Leidenschaft für den Fußball ergaben sich dann meine ersten guten Freundschaften, die teilweise Jahrzehnte hielten. Aber nicht nur dort und in der Schule verbrachte ich Zeit mit anderen, auch mit den Nachbarskindern verstand ich mich gut. Den direkten Nachbarn machte ich damals wohl eher Ärger, denn meine Fuß- und Tennisbälle ruinierten den Zaun und mussten ständig aus dem Garten und vom Flachdach geholt werden. Auch der Rasen litt.
Mit einem meiner besten Freunde aus diesen Tagen kam es durch den Boris-Becker-Hype zu immer mehr Tennismatches. Zusammen mit anderen Kindern bildete sich dann eine kleine Clique, mit der wir auf dem beheimateten Bolzplatz auch Fußball in sämtlichen Formen spielen. Eine der Spielformen war beispielsweise englisch, bei der man den Ball volley, also aus der Luft ins Tor schießen oder köpfen musste. Einer von uns hielt sich stets für den Besten und wollte immer um eine Cola spielen, das waren sozusagen meine ersten Sportwetten.
Damals gab es die ersten Spielkonsolen. Ein weiterer Kamerad aus dieser Clique war Tom. In den späteren Jahren übernachtete ich oft bei ihm und wir zockten meist am Wochenende die ganze Nacht Spiele wie Mariokart oder Fußball auf dem Supernintendo.
An diesem Punkt könnte man sich sicher die Frage stellen, wie es mit der Schule war. Kurzum: Ein gänzlich schlechter Schüler war ich nicht, aber auch nicht allzu strebsam, was zwangsläufig zu Problemen führte. In dieser Zeit, in der ich nach der Schule lieber den Fußball gegen die Mauer warf und hinterherhechtete, statt mich den schulischen Belangen zu widmen, war es eher der Standard, dass ich allein zu Hause und auf mich allein gestellt war. Das beflügelte mich natürlich in meinem Tun. Des Öfteren aß ich auch mittags bei unseren Nachbarn, wenn meine Mutter anderweitig beschäftigt war.
Mein Vater, ein Beamter des höheren Dienstes, war arbeiten, während meine Mutter damals teilweise wohl etwas Besseres zu tun hatte, als sich um mich zu kümmern. Gewiss nicht jeden Tag, dennoch oft genug, dass es wohl auffällig wurde, da sich meine Eltern bei meinen Grundschullehrern erklären mussten. Beim Recherchieren dieses Buches bestätigten sich diese Erinnerungen auch durch ehemalige Nachbarn, die ich danach fragte. Da ich aber wie gesagt nicht der schlechteste Schüler war und mich durchaus auch um Hausarbeit kümmerte, stellte sich meine Mutter gegenüber den Lehrern auf meine Seite.
Ich fing im Laufe der Zeit an, Zimmertüren zu zerstören, es flogen auch mal Sachen durch die Gegend. Meiner Oma missfiel das. Sie war sehr konservativ und oft bei uns im Haus. Oft zahlte sie die Zeche meiner Zerstörungen, denn das Geld spielte mehr oder weniger keine Rolle. Aber erst in meinem späteren Leben, als sie eine bedeutendere Rolle darin einnahm, erkannte ich die Tragweite ihrer Religiosität und Zuwendungen. Meinen Eltern, meiner drei Jahre jüngeren Schwester und mir fehlte es jedenfalls an nichts. Wir bekamen fast immer, was wir wollten. Es gab selten ein Nein.
Meine Eltern, die selbstverständlich keine Lust auf meine Zerstörungswut hatten, fanden eine Lösung und schickten mich in eine Kur nach Bad Wörishofen in Bayern. Doch was erlebte ich da für einen Scheiß: keine Freunde, kein Fußball und vor allem Heimweh. Die erste Kinderkur dauerte allerdings nur drei Wochen, die ich tapfer durchhielt.
Vielleicht war ich in dieser Zeit der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, denn damals fingen meine Eltern an zu streiten. Immer häufiger erledigte ich Hausarbeiten meiner Mutter, um eben nicht die Oma im Haus zu haben, und mähte – zugegebenermaßen für Geld – den Rasen, das alles allerdings noch nicht auf täglicher Basis.
Im Jahre 1990 passierte jedoch etwas Folgenschweres, was erhebliche Auswirkungen nach sich ziehen sollte: Ich kam aus meinem Kinderzimmer und sah meine Mutter heftig zitternd auf dem Küchenboden liegen. Ich schrie, heulte und rannte zu unseren Nachbarn, um Hilfe zu holen. Diese riefen sofort den Notarzt. Es stellte sich heraus, dass meine Mutter einem epileptischen Schock erlitten hatte.
Durch diese Erkrankung veränderte sich im Laufe der Jahre vieles rund um die Familie. Meine Mutter, die seit dieser Zeit Tabletten einnehmen musste, vernachlässigte ihre Hausarbeiten immer häufiger, sodass ich neben meinen Hobbys mehr putzte, als Hausaufgaben zu machen. Fortan tauchte in immer kürzeren Abständen meine Oma in unserem Haus auf. Dies führte dazu, dass sie meine Schwester und mich immer öfter zu sehen bekam, das ausnutzte und uns mit Geldgeschenken in die Kirche lockte. Meinem Vater missfiel das, denn er war zu diesem Zeitpunkt bereits aus der Kirche ausgetreten.
In diesen Jahren benötigte dann auch noch meine Großmutter väterlicherseits durch ihr hohes Alter immer mehr Hilfe. Und da ich ja auch von ihr Geld erhielt, fing ich an, für sie einzukaufen und ihren Rasen zu mähen. Eine Vorstufe von dem, was ich in späteren Jahren erleben sollte.
Trotz dieser Widrigkeiten planten meine Eltern indes eine Art Umfunktionierung unseres Hauses. Der Plan war ein Anbau, der zunächst dazu dienen sollte, meine altersschwache Oma bei uns unterzubringen, danach sollten ich oder meine Schwester diesen Anbau als Wohnung nutzen. Tatsächlich war dieser Plan schon sehr weit fortgeschritten, doch es verging Zeit und die Krankheit meiner Mutter wurde schlimmer.
Durch die extreme finanzielle Ruhe, die es meinen Eltern erlaubte, mit uns Kindern mehrfach im Jahr in Urlaub zu fahren, und die noch nicht allzu weit fortgeschrittene Epilepsieerkrankung meiner Mutter, hielt der Burgfrieden in unserem Haus jedoch noch. Des Öfteren ging es bei unseren Reisen sogar so weit, dass mich mein Vater aus der Schule nahm, um unseren Urlaub zu verlängern. Dies kaschierte alles und alle schwerer werdenden Umstände.
Im vierten Schuljahr stand nun meine Versetzung auf die weiterführende Schule an.
Meine Eltern, wahrscheinlich eher meine Mutter als mein Vater, erwarteten die Empfehlung für das Gymnasium. Ich war trotz allem immer noch nicht ganz miserabel in der Schule, dennoch bekam ich nur die Empfehlung für die Realschule. Im Gegensatz zu meinen Eltern freute ich mich darüber, weil ich so mit meiner Fußballclique auf eine Schule gehen konnte. Meiner Mutter missfiel das zwar, aber sie konnte in diesem Fall nichts tun, zumal sie sich immer häufiger in Kuren befand und mein Vater sich mehr und mehr um diese Versetzungsangelegenheiten kümmerte.
So landete ich im Prinzip wunschgemäß auf der Realschule. Eigentlich war fast alles perfekt. Ich konnte weiter Fußball spielen, und all meinen Hobbys nachgehen. Dabei bemerkte ich jedoch nicht beziehungsweise ignorierte, wie es eigentlich bergab ging. Was im weiteren Verlauf meines Lebens im schulischen Bereich passieren sollte, war mehr als ein Albtraum. Nun hatte ich aber zunächst erst mal ein Etappenziel meiner Achterbahnfahrt erreicht und ging auf die weiterführende Realschule. Ich war absolut und rundum zufrieden – genau das, was man jedem Kind wünscht.
Nicht nur die Freunde, die ich über den Fußball und die Grundschule kennengelernt hatte, sondern auch die Möglichkeit, weiter meinen zahlreichen Hobbys nachzugehen, führten zunächst also in die Glückseligkeit. Übliche Dinge, wie das erste Mal verliebt zu sein beziehungsweise einen Schwarm zu haben, waren da noch eher nebensächlich. Ich wurde in der Schule jedenfalls ein immer faulerer Sack, nun stimmten auch die Noten nicht mehr. Dies führte letztlich zu Problemen bei meiner Versetzung.
Zu Hause häuften sich die Streitereien meiner Eltern. Je mehr sie sich stritten, desto mehr arbeitete ich im Haushalt. Ich wurde mehr und mehr auch der Greenkeeper unseres Rasens beziehungsweise des ganzen Gartens. Für den war eigentlich mein Vater zuständig, aber er als Vorzeigebeamter hatte keinen Spaß daran, sich um den Garten zu kümmern. Was er am liebsten machte war, neue Bäume zu kaufen und sich um sein relativ großes Aquarium zu kümmern. So kam es ihm sehr recht, dass ich durch Rasenmähen mein erstes Taschengeld verdiente. – Leider fast immer auf Kosten meiner Hausaufgaben.
In dieser Zeit kam ich auch das erste Mal mit Alkohol in Berührung, allerdings nur in der Form, dass ich die Gäste meiner Eltern bei deren Geburtstagspartys oder Skat-Abenden mit Bier zu versorgen hatte.
Gegen Ende des Schuljahres wurden meine Eltern darauf hingewiesen, dass es wahrscheinlich nicht für eine Versetzung reichen würde. Da solche Sachen meistens immer noch meine Mutter regelte, kümmerte sie sich in gewohnter Manier um diese Belange und legte sich einmal mehr mit den Lehrern an. Mama macht das schon, dachte ich wahrscheinlich. Jedoch waren meine Noten so schlecht geworden, dass da nichts mehr zu machen war. Aber sitzen bleiben? Auf keinen Fall! Statt mich die Klasse wiederholen zu lassen, schickten meine Eltern mich einfach auf eine andere Schule. Fündig wurde sie in der für mich nicht gerade nahe gelegenen Stadt Königswinter. Die dort gerade eröffnete CJD-Schule beinhaltete sowohl einen Real- als auch einen Gymnasialbereich und war teils privat, teils halböffentlich. Sie war aber blöderweise 15 Kilometer entfernt, was für mich in diesem Alter der blanke Horror war und neue Probleme vorprogrammiert.
Mir ging es fortan mental absolut miserabel. Ironischerweise begann ich wieder in der fünften Klasse, aber eben mit Aussicht aufs Gymnasium. Durch den bereits erlernten Stoff fiel es mir natürlich sehr leicht, gute Noten zu schreiben. Noten, die dazu führten, dass ich nach einem halben Jahr tatsächlich aufs Gymnasium ging. Konnte das vielleicht sogar der Plan meiner Eltern gewesen sein?
Trotz der guten Noten war ich sehr oft krank in dieser Zeit. Manchmal war ich es tatsächlich, manchmal tat ich einfach so, um mit meinem Arsch im Bett zu bleiben. Nun kam hinzu, dass ich mich immer öfter aus der Schule verdrückte und schwänzte. Wenn mir was nicht passte oder ich Heimweh hatte, gab es für mich kein Halten. Aufgrund meiner entsprechenden Krankheitstage schleppte mich meine Mutter daraufhin zu einem Kinderarzt. Um rauszufinden, was mit mir los war, führte dieser sämtliche Tests mit mir durch. Zwecks Lernanalyse zu meinem Unwohlsein beziehungsweise Befinden und der dazu gehörigen Psychologie zeichnete er mit mir ein Videointerview auf. Leider habe ich heute nur noch grobe Erinnerung daran. Da ich mich aber diesem Arzt keineswegs anvertraute und auch meinen Eltern nichts von meinem Heimweh erzählte, blieb alles beim Alten.
Um nur ja weiter die guten Noten aufrechtzuerhalten und sicherzustellen, dass ich überhaupt zur Schule ging, versorgte mich meine Mutter so gut wie jeden Tag mit Geld, Versprechen oder Leckereien aus der Bäckerei. Doch es wurde schlimmer. Ich war mittlerweile so koordiniert, dass ich genau wusste, wie und wann ich zurück nach Hause kam.
Ein Schulfreund, mit dem ich dann doch einigermaßen grün wurde, war Erwin. Er war meines Wissens nach adoptiert und kam aus dem asiatischen Raum. Diese Freundschaft rührte daher, da er den Sport genauso liebte wie ich. Er brachte mir das Badmintonspielen bei. Da er aber aus genau der entgegengesetzter Richtung meines Wohnorts kam, einem Ort namens Erpel, traf ich mich maximal alle sechs Wochen mit ihm. Doch auch er konnte nicht verhindern, dass es immer schlimmer wurde. Ich war mittlerweile in der sechsten Klasse angekommen.
In meinen ersten Sommerferien in dieser Schule erfuhr ich, dass ein weiterer Junge aus meinem Dorf dieselbe Schule besuchen sollte. Ein Hoffnungsschimmer, aber es gab für mich zwei Probleme damit: Der andere ging nicht in dieselbe Stufe und hatte auch nicht wirklich dieselben Interessen wie ich, sodass ich nicht wirklich was mit ihm zu schaffen hatte.
Dadurch, dass ich immer öfter blaumachte, konnte ich aber wenigstens weiter Fußball spielen, denn Konsequenzen hatte es nicht. Das war für mich die Welt, in der noch alles in Ordnung war, und in der ich mich wohl und geborgen fühlte.
Aber dann gab es etwas, was ich auf dieser Schule doch irgendwie cool fand: Meine Klassenlehrerin war nebenberuflich Musikerin. Da ich mich mit ihr irgendwie gut verstand, überredete sie mich dazu, in ihre Musik-AG einzutreten. So sang ich dann in einem Chor. Da sie wohl einige Engagements hatte, kam es dazu, dass wir einmal in einer Altersresidenz in Bad Honnef auftraten. Dennoch ging mir nichts über meinen Fußball.
Zu Hause wurde ich währenddessen immer aggressiver, um meinen Willen durchzusetzen. Ich kam fast immer damit durch und konnte zu Hause bleiben. Konsequenzen wie Hausarrest oder vergleichbare Dinge gab es so gut wie nie. Durch meinen Erfolg versuchte ich das dann zunehmend auch bei meinen Lehrern – mit den entsprechenden Folgen.
Das Heimweh hätte ich zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich unter keinen Umständen zugegeben, denn es passte nicht in meine heile Fußballwelt, wo Coolness über alles ging. Mittlerweile war dies aber nicht mehr das einzige Problem, das ich entwickelte: Meine Eltern wurden wegen meines Verhaltens immer häufiger zum Direktor gebeten, was schließlich auch zu einem sogenannten Tadel führte. Da klinkte sich mein Vater zum ersten Mal richtig in die schulischen Belange ein, doch hätte es nichts gebracht, meinem Vater den wahren Grund für mein Verhalten anzuvertrauen. Vielleicht war ich ein guter Schauspieler, denn bei keinem ließ ich mein Heimweh wie Heimweh aussehen und auch er verstand es nicht. Ich gab immer wieder andere Gründe für mein Verhalten an. Schließlich sollte ich von der Schule geworfen werden. Da mein Vater allerdings sehr diplomatisch war, wobei ich nicht weiß, ob auch Geld geflossen ist oder er sonstigen Einfluss geltend machte, handelte er mit dem Schuldirektor einen Deal aus.
Für mich war es allerdings kein guter Deal, da er es nicht besser, sondern noch viel schlechter machte. Vater schickte mich ein zweites Mal in eine Kur nach Bad Wörishofen, für ganze sechs Wochen. Ich war natürlich nicht damit einverstanden und versuchte, wie gewohnt, aggressiv meinen Willen durchzusetzen. Da ich aber sonst der Schule verwiesen worden wäre, behielten meine Eltern diesmal die Oberhand und zogen diese Sache konsequent durch. Meine Eltern setzten mich bei den dortigen Nonnen ab und fuhren wieder nach Hause. Ja, Nonnen, weil es sich um eine Art Kloster handelte.
Während der fünfstündigen Autofahrt dorthin hatte ich aber bereits Pläne geschmiedet und es dauerte nur eine Nacht, sie in die Tat umzusetzen. Da ich ja das zweite Mal dort war, kannte ich die Umgebung schon. Ich hatte trotz meiner jungen Jahre genug Geld, dank der vielen Reisen mit meinen Eltern auch genügend Ahnung und organisierte mir kurzerhand ein Nahverkehrsticket nach München. Wenn man so will, war dies meine erste eigenständige Reise. Und ich war stolz auf mich, denn ich hatte alle ausgetrickst.
Auf der knapp anderthalbstündigen Fahrt nach München bekam ich dann aber doch erste Gewissensbisse und auch etwas Angst, aber eher Angst vor der Reaktion meiner Eltern als davor, dass mir etwas passieren könnte.
In München angekommen stellte ich dann aber fest, dass mein Plan Fehler hatte – mein Budget reichte nicht aus, um die Reise nach Hause fortzusetzen, da ich von München aus ein Fernverkehrsticket gebraucht hätte. Aus Angst vor meinen Eltern wollte ich natürlich nicht zu Hause anrufen. Also kam ich auf die Idee, meinen Hausarzt anzurufen, dessen Nummer ich dabei hatte, weil er die Kur verschrieben hatte. Es gab damals noch keine Handys, dafür aber Telefonzellen.
Ich kann nicht mehr sagen, wie das damalige Gespräch mit dem Arzt verlief, jedoch fand er eine Lösung, um mir bei meiner Weiterfahrt behilflich zu sein. Vermutlich erschien es ihm als die beste Methode, mich nach Hause zu holen.
Ich machte mir also von meinem verbliebenen Geld einen schönen Tag in München, aß Weißwürste mit süßem Senf, besuchte die Ebener Straße, in der mein Lieblingsverein FC Bayern München beheimatet war, und schaute mir das Olympiastadion an.
In den ersten Abendstunden setzte ich mich dann in den Zug Richtung Bonn. Seltsamerweise bekam ich nun immer mehr Angst, nach Hause zu kommen oder auch nur auszusteigen. Dennoch tat ich es, aber lief dann so schnell es ging vom Bonner Hauptbahnhof weg, um meinen Eltern aus dem Weg zu gehen, die zweifelsohne dort auf mich warteten.
Nun hatte ich Panik. Um erst einmal die Lage zu checken, rief ich zu Hause an. Da mich meine Mutter tatsächlich am Bahnhof in Empfang nehmen wollte, ging mein Vater ans Telefon. Normalerweise war es eher er, der lautstark oder cholerisch wurde, doch zu meiner Überraschung blieb er ruhig und beruhigte auf diese Art sogar mich. Er überzeugte mich davon, nach Hause zu kommen. Dennoch war ich unsicher und schlich erst mal um unser Haus rum, um weiter die Lage zu checken. Da meine Mutter ja mit dem Auto schneller war als ich mit dem Bus, war sie natürlich schon vor mir zu Hause. Sie hatte wohl vom Bahnhof aus angerufen, als ich nicht da war.
Da ich den Eindruck hatte, dass die beiden ruhig waren, wagte ich es endlich, an der Tür zu klingeln. Meine Mutter öffnete und bekam einen Heulkrampf. Anders als erwartet, beruhigte mein Vater eher meine Mutter als mich. Er war wie gesagt bei so etwas eher cholerisch, aber diesmal sagte er mir, dass es das Wichtigste sei, das ich wieder zu Hause war. Vielleicht war dies das erste Mal, dass er sah, das ich unter Heimweh litt. Statt mich auszuschimpfen, trank er entspannt sein Bier und sagte in ruhigem Ton zu mir, dass er noch keinen Zwölfjährigen erlebt habe, der imstande war, so eine eigenständige Reise auf die Reihe zu bekommen. Die Art, wie er es sagte, habe ich kurioserweise bis heute nicht vergessen. Wahrscheinlich, weil ich das erste Mal spürte, das er mich vielleicht verstanden haben könnte.
Inwieweit meine Eltern über das weitere Vorgehen diskutierten, vermag ich nicht zu sagen, wie üblich war jedoch das Erste, was wir machten, spontan in Urlaub zu fahren. Es war irgendeine kanarische Insel. Dass ich von der Schule flog, war nicht mehr zu ändern. So fand wahrscheinlich mein Vater eine Lösung, die auch für mich zunächst einmal in Ordnung zu sein schien: Sie schickten mich auf eine reine Privatschule.
Diese Privatschule war in Bonn. Da es sich um eine rein private Schule handelte, gab es pro Sekundarstufe maximal drei Schüler. Nicht nur der etwas nähere Standort, sondern auch die Prämisse, dass mich meine Mutter dort jeden Tag abholt, und es eine Halbtagsschule war, stimmten mich einigermaßen zufrieden, obwohl ich immer noch nicht richtig bei meinen Freunden war. Aber da ich zum einen selbst keinen anderen Weg für mich sah und ja sehr schnell zu Hause war, wurde es zunächst kurze Zeit ruhig um mich. Durch mein immer noch schlechtes Gewissen und der zunehmenden Krankheit meiner Mutter, die dadurch immer öfter zu Kuren fuhr, wurde ich mehr und mehr zum Hausmann der Familie.
Leider dauerte der Aufenthalt in dieser Schule nur ein bisschen länger als ein halbes Jahr. Diesmal war es jedoch nicht das Heimweh, das mich aus der Bahn warf, vielmehr war es der erste Kontakt zu Drogen. Da es sich ja um eine reine Privatschule handelte, die monatlich rund 1.000 Mark kostete, plus die Lehrmaterialien, wurde diese Schule von entsprechend gut betuchten Schülern besucht. Da es ja nur sehr wenige Schüler gab, kam ich in Kontakt mit den älteren Mitschülern und hing mit ihnen in der Pause ab. Rauchen war das eine, aber die kifften nicht nur, sondern unterhielten sich auch über Koks, Nutten und Knarren. Für mich als mittlerweile Dreizehnjähriger, der nur Fußball und das Dorf kannte, war das natürlich etwas beängstigend. Zwar waren die Mitschüler schon etwas älter, aber aufgrund der kleinen Größe der Schule wurde auch dies zu einem Problem, weil man ihnen ja nicht aus dem Weg gehen konnte. Nach und nach weigerte ich mich immer öfter, zur Schule zu gehen. Ich koppelte mich immer weiter ab, da dies für mich ein No-Go und nicht meine Welt war.
Das ging natürlich nicht lange gut. Im Grunde war es das alte Spiel: Ich lief weg, wurde zornig und flog am Ende von der Schule. – Anderer Grund, selbes Ergebnis.
Mein Weg war jedoch nun zu Ende, zumindest auf dieser Schule. Nun war ich als mittlerweile Dreizehnjähriger ein Teenager und kein kleines Kind mehr.
Analyse:
Der Beginn meines Lebens startete mit noch sehr jungen Eltern. Von Beginn an wuchs ich mit einem kleinen, aber goldenen Löffel auf. Auch die dörfliche Umgebung hätte eigentlich ein gutes Leben vorprogrammieren sollen. Durch die Reiselust meiner Eltern lernte ich früh andere Orte kennen. Nach einer normalen Zeit im Kindergarten und der Grundschule lernte ich ebenfalls früh eine Sozialgemeinschaft kennen. Durch mein traumatisches Ereignis bei meinem damaligen Kinderarzt entwickelten sich meine ersten bewussten Ängste. Sehr schnell begann sich der Fußball zu meiner Leidenschaft zu entwickeln. Schulisch lief es nicht so gut, und so ergaben sich die ersten Probleme, die über die Norm der gesunden Emotionen hinausgingen. Daran änderte auch der konservative Einfluss meiner Großmutter nichts.
Durch die Kur wurde es nicht besser, sehr viel veränderte sich indes durch den Schicksalsschlag bei meiner Mutter. Von Beginn an sah ich dabei zu, wie meine Mutter kränker wurde, Tabletten nahm und ich daher früh anfangen musste, sie bei der Hausarbeit zu unterstützen. Durch meine Oma lernte ich, mich kaufen zu lassen.
Den Beginn des Albtraumes war die Entscheidung meiner Eltern, mich auf eine weit entfernte Schule zu schicken. Ich lernte dadurch schnell, eine Maske aufzusetzen. Durch meine Käuflichkeit hielten meine Eltern, in erster Linie meine Mutter, mich zunächst bei der Stange, aber Vertrauen in die Liebe meiner Eltern war fortan verschwunden. So entwickelten sich schnell negative Emotionen, die sich durch meine Erfolge mithilfe von Aggression immer weiter verstärkten.
Durch den Fußball entwickelten sich aber auch neue Bezugspersonen, Halt und Geborgenheit. Der Fußball entwickelte sich zu meinem Zugpferd. Es war kurioserweise mein Vater, der mir, obwohl ich definitiv ein Mutterkind war, die erste liebevolle Anerkennung gab.
Kapitel 2
Turbulenzen, die Achterbahn ruckelt
Warum dieses Kapitel so wichtig ist:
In der Teenagerphase, um die es hier geht, ruckelte es gewaltig – rechts, links, hoch und runter. In dieser Phase meines Lebens ging es darum, zu ergründen, wieso ich zu keiner Zeit in eine innere Ruhe fand, die mir Sicherheit gegeben hätte und bei der ich mich selbst hätte finden können. Letztlich führte das aber dazu, dass ich diese Zusammenhänge und das Fehlen dieser inneren Ruhe und Sicherheit erkannte. In diesem Kapitel offenbart sich zudem, wie ich unterbewusst um die innere Ruhe kämpfte und früh Verantwortung übernehmen musste. Alles in allem war ich in dieser Situation nicht in der Lage, durch innere Ruhe oder Frieden mein Leben dahingehend zu entwickeln, wie ich sein wollte. Erst später sollte ich es schaffen, inneren Frieden zu finden, was im weiteren Verlauf des Buches genauer beleuchtet wird.
Background:
(13 bis 18 Jahre)
Nun war ich ein Teenager und der erste Fauxpas ließ nicht lange auf sich warten. Dieser Fauxpas hatte diesmal allerdings nichts mit meinen schulischen Belangen zu tun, es ging vielmehr um das Thema Fußball, denn es stand meine erste große Mannschaftstour an. Es ging nach Lloret del Mar in Spanien. Ich freute mich riesig auf diese Reise mit meinen Fußballjungs.
Ich kam aus einem Dorf, wo sich die ortsansässigen Vereine zu Festlichkeiten trafen und gegenseitig unterstützten, daher organisierten wir diese Tour zusammen mit unserem Karnevalsverein, dementsprechend auch mit dessen sogenannten Tanzmariechen. In ein, zwei davon war ich ziemlich verknallt. Sie mochten mich meiner Erinnerung nach zwar scheinbar ganz gern, jedoch wurde meine Liebe nicht unbedingt erwidert. Nun wusste ich ja um die Wirksamkeit der moralischen Erpressung und wollte mir in dieser Art und Weise nun auch bei der Damenwelt Liebe beziehungsweise Zuneigung erzwingen.
Ich stellte mich also während dieser Reise irgendwann provokant so auf ein Treppengeländer, dass es aussehen sollte, als würde ich mir etwas antun wollen. Da dies aber sehr viele Mitreisende mitbekamen, wurde das zu einer sehr peinlichen Geschichte, die mir bis heute anhängt. Soweit ich mich erinnere, wollte man mich sogar nach Hause schicken, tat es dann aber doch nicht, vermutlich, weil ich mich wieder beruhigt hatte und die erwachsenen Begleitpersonen wussten, dass ich ein bisschen am Rumpubertieren war.
Auf den weiteren Verlauf meines Fußballlebens nahm diese peinliche Geschichte aber glücklicherweise keinen Einfluss. Vielmehr zeigte sich, dass mich gerade mein Trainer nicht fallen ließ.
Was mein schulisches Fortkommen betraf, kam nun einmal mehr mein Kinderarzt ins Spiel. Dieser vermittelte mich an meine nächste Schule. – Nicht irgendeine Schule, das wäre in dieser Situation wahrscheinlich nicht mehr möglich gewesen. Man sah sich wohl gezwungen, mich an einer Schwererziehbaren- und Behindertenschule unterzubringen.
Das war für mich natürlich noch viel schlimmer als alles vorher Geschehene, denn die Schule war in Köln. Meine einzigen beiden Hoffnungsschimmer waren der Umstand, dass mein Vater ebenfalls in Köln arbeitete und ich notfalls zu ihm flüchten konnte, sowie die Behauptung, dass es sich nur um eine zeitlich begrenzte Zwischenlösung handeln sollte, bis man eine weitere Lösung gefunden hatte.
Die Entfernung das Beschissenste, was mir aus meiner damaligen Sicht passieren konnte, aber ich hatte keine andere Wahl. Meine Eltern drohten mir sogar mit stationärem Aufenthalt, was für ein entsetzlicher Gedanke!
So blieb mir nichts anderes übrig, als diese Schule tatsächlich zu besuchen, allerdings in gewohnter Manier, sodass es nicht allzu lange anhielt und ich mich bald wieder regelmäßig verdrückte. Allerdings ging ich diesmal zu meinem Vater ins Büro. Ich hatte keine Ahnung warum, aber meine Ausflüge gestalteten sich immer sehr ruhig. So ging er mit mir des Öfteren erst einmal zu einer Bäckerei, Kaffee und Kuchen essen. Er schaffte es so, mich zu beruhigen und es erträglich zu machen.
In dieser Zeit verheimlichte ich das erste Mal vor Freunden, in welche Schule ich ging, denn diese Blamage wollte ich mir einfach nicht antun.
Schnell merkte ich jedoch auch dort, dass diese Schule etwas Positives für mich hatte, denn ich wurde dort irgendwie zu einer Art Star. Da sich auch schwerbehinderte Kinder auf dieser Schule befanden, ergab sich mein erster Kontakt zu behinderten Menschen.
Dass ich recht passabel Fußball spielte, fiel auch dem dortigen Sportlehrer auf. Dieser war für mich deswegen sehr interessant, weil er eine Fußballbundesligamannschaft trainierte, zwar nur die der Damen, aber immerhin. Er brachte mich dann dazu, meinen Mitschülern etwas beizubringen.
Unterm Strich fühlte ich mich so mit den teilweise behinderten Kindern wohler als auf der vorherigen Schule. Es war eine Erfahrung, zum ersten Mal ehrliche Anerkennung zu erhalten.
Es wurde trotz der weiten Entfernung zwar dadurch geringfügig besser, aber sogar dort gab es weiter die bekannten Probleme. Immer wieder stand ich aufgrund dessen kurz davor, stationär gegen schwere Erziehbarkeit behandelt zu werden. Die Blaumacherei war nun mal noch gegeben, weil ich nicht da war, wo ich sein wollte, was scheinbar selbst die Pädagogen nicht erkennen konnten.
Durch die Besuche bei meinem Vater im Büro bekam ich zu ihm ein besseres Verhältnis und so schickte er mich dann dorthin, wo ich hinwollte: in die Nähe unseres Hauses, zu meinen Freunden, wo ich mich wohlfühlte. – Na ja, zumindest fast. Es handelte sich zunächst um eine Hauptschule, bei der man auch den Realschulabschluss machen konnte. Für mich war das erst mal die beste Lösung, denn diese Schule lag direkt neben der Realschule, in der das Drama seinen Lauf genommen hatte.
So war ich in dieser Zeit der glücklichste Mensch der Welt und die Achterbahn fuhr steil bergauf, denn die Form des Schulabschlusses interessierte mich ja einen Dreck.
Wahrscheinlich aufgrund der Dankbarkeit, wieder richtig zu Hause zu sein, steckte ich mir das erste Mal selbst ein schulisches Ziel: den Realschulabschluss zu machen. Von da an ging es auch schulisch steil bergauf.
Zwar war es für mich etwas sehr Neues, mich mit den Gegebenheiten einer Hauptschule auseinanderzusetzen, aber dies sollten nur anfänglich Probleme bereiten. Abhauen war fortan jedenfalls in keiner Weise mehr ein Thema, vielmehr wurde ich ein bisschen zum Streber.
Nach anfänglichen Orientierungsschwierigkeiten lernte ich, mit meiner strengen Klassenlehrerin gut umzugehen, vermutlich wurde ich mit der Zeit sogar zu einem ihrer Lieblingsschüler. Ich wollte einfach nicht riskieren, wieder die Schule zu wechseln, denn ich war ja nun glücklich.
Auf einer Hauptschule führten solche Geschichten zwar grundsätzlich zu Problemen, aber ich hatte ja ein As im Ärmel: den Fußball.
So kaschierte ich meine Strebsamkeit im Umgang mit Mitschülern. Da der Vertrauenslehrer eine Fußball-AG leitete und ich dieser angehörte, hatte ich auch zu ihm ein gutes Verhältnis. Das sollte sich fürs mich noch auszahlen.
In meinem zweiten Jahr auf der Hauptschule wurde abgestimmt, wo unsere Klassenfahrt hingehen sollte. Zu Auswahl standen unter anderem europäische Großstädte wie London, Paris oder Barcelona, aber letztlich wurde es dann Würzburg. Das passte mir als schon immer verwöhntem Bengel natürlich gar nicht in den Kram, aber damals machte ich mir natürlich keine Gedanken darüber, dass sich einige meiner Mitschüler vielleicht einfach nicht mehr leisten konnten. Ich wollte jedenfalls nicht mit nach Würzburg und lieber weiter zur Schule gehen. Grundsätzlich war das auch möglich, doch aus irgendeinem Grund zwangen mich meine Eltern zu dieser Fahrt.
Ich hatte meine schlechten Angewohnheiten nicht komplett abgelegt und kündigte meiner Klassenlehrerin an, dass ich direkt wieder zurückfahren und in die Schule gehen würde, wenn ich mit nach Würzburg musste. Ich bin mir nicht sicher, ob sie von meinen Eltern gebrieft wurde, aber scheinbar wusste sie schon sehr genau, dass ich meine Ankündigungen schnell in die Tat umsetzen würde. Aber immerhin wurde jetzt offen damit umgegangen und darüber gesprochen.
Also ging es erst mal nach Würzburg. Meine Klassenlehrerin schaffte es, mich durch unser gutes Verhältnis davon zu überzeugen, wenigstens eine Nacht zu bleiben. Das tat ich. Es war ein Tag voller Langeweile, ohne Fußball und mit Mitschülern, mit denen ich nichts anfangen konnte. Am zweiten Tag setzte ich mein Vorhaben dann um und fuhr mit dem Zug nach Hause, allerdings diesmal nicht aus Heimweh, sondern um wie üblich meinen Willen durchzusetzen, weil ich ein verwöhnter Bengel war. Mir wurde allerdings klar gesagt, dass ich mich sofort in der Schule melden musste.
Das tat ich und mein Verhalten hatte keinerlei Konsequenzen, denn ich hatte den Joker Fußball. Der Vertrauenslehrer half mir in dieser Situation, indem er mich sämtliche Trainingspläne für seine Fußball-AG entwickeln ließ. Das machte mir nicht nur Spaß, sondern führte auch zu so viel Vertrauen, das ich wirklich gern zu Schule ging.
Nun wurde es also erst einmal ruhig in der Schule. Aber so ruhig, wie es nun in der Schule zuging, so unruhig wurde es zunehmend zu Hause. Meine Mutter wurde immer kränker. Immer öfter besuchte sie Kuren, immer öfter kam lautstarker Streit auf. Das führte dazu, dass sich auch immer mehr meine Oma bei uns blicken ließ. Dies war natürlich in keiner Weise förderlich, denn sie bestach meine Schwester und mich immer öfters mit noch mehr Geld, sonntags die Kirche zu besuchen. Meinem Vater, der zu diesem Zeitpunkt ja bereits aus der Kirche ausgetreten war, missfiel das so sehr, dass dies zu weiterem Streit führte.
Meiner anderen Großmutter ging es derweil ebenfalls immer schlechter. Weil meine Mutter nicht mehr in der Lage war, sich um sie zu kümmern, entschlossen sich meine Eltern und mein Onkel väterlicherseits, den bereits fertigen Bauplan ad acta zu legen. Diese Oma wurde ein oder zwei Jahre später in ein Altersheim transferiert. Für sie war das natürlich ein inakzeptabler Zustand, für mich aber auch nicht optimal, weil so meine später geplante Wohnung hinfällig wurde. Durch ihr hohes Alter aber wahrscheinlich auch Unglückseligkeit verstarb meine Oma nach etwas mehr als einem Jahr in diesem Altersheim. Sie wurde 88 Jahre alt.
Die Halbtagsschule hatte zur Folge, dass ich sehr viel Zeit hatte, die ich damit verbrachte, Fußball zu spielen, mich um den Haushalt zu kümmern oder all den Hobbys nachzugehen, die ich so hatte. In dieser Zeit, als sich andere Jungs für Mädchen interessierten, war mein Augenmerk doch tatsächlich eher auf Fußball gerichtet – vielleicht auch aufgrund des peinlichen Erlebnisses während der Bustour. Dennoch ergaben sich erste sexuelle Handlungen, allerdings nicht mit einem Mädchen, sondern mit einem Jungen. Es war damals wohl eher ein Ausprobieren, aber da es mehrmals vorkam, war es womöglich ein Vorläufer meines weiteren sexuellen Lebens. Ich dachte damals eher ein bisschen bi schadet nie. Wir hatten teilweise ungeschützten Sex, weil wir uns in dem Alter überhaupt keine Gedanken darüber machten beziehungsweise glaubten, dass uns dadurch, dass wir ja aus dem Dorf kamen, so etwas wie Geschlechtskrankheiten nicht passieren würde. Für mich war es eher Spielerei und hatte nichts mit schwul zu tun. Natürlich geschah dies in aller Heimlichkeit, wir lebten ja in einem Dorf. Interessanterweise war dieser Dorfkumpane ein paar Jahre später mit einer Frau verheiratet und hat meines Wissens sogar mehrere Kinder. Doch ich war Fußballer und so schlief dieses erste Ausprobieren zunächst einmal ein.
Fernab dieser sexuellen Phase verbrachte ich zudem mit einem anderen Freund mittlerweile immer mehr Zeit. Er spielte ebenfalls Fußball, aber erfreute sich nicht so wie ich großer Beliebtheit. Er kam auch bei Weitem nicht an mein fußballerisches Level heran. Dennoch hatte er für mich einen riesigen Vorteil: Seine Eltern hatten im Keller ein Schwimmbad, wo wir sehr oft schwammen und Wasserball spielten. Da er in der Nachbarschaft wohnte, übernachtete ich das eine oder andere Mal bei ihm. Er hatte im Gegensatz zu mir zwei Zimmer zur Verfügung. Das Zimmer auf dem Dachboden wurde zu einer Zocker-Arena umfunktioniert. Bis tief in den Morgen spielten wir an den Wochenenden mit der Konsole Supernintendo oder schauten einfach amerikanischen Basketball, denn in dieser Zeit war der Hype um Leute wie Michael Jordan oder Dennis Rodman einfach riesig und cool.
