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Durch einen tragischen Zwischenfall im Leben des Autors landete dieser schließlich in der Psychiatrie. Was er hier erlebte, aber vor allem, welche wirre Gedankenwelt ihn hier umgab, beschreibt er hier in seinem Werk. Der Inhalt dieses Buches wurde ganz bewusst nicht chronologisch verfasst. Vielmehr soll die Verwirrtheit und die gnadenlose Traurigkeit des Autors zum Ausdruck gebracht werden. Dieses Buch eignet sich ebenfalls hervorragend für Menschen in deren Leben die Psychologie eine Rolle spielt. Im Nachgang an das Tagebuch enthält dieses Buch noch eine kurze, aber tragische Geschichte aus dem Leben des Autors.
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Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2015
Achterbahn im Kopf
- Tagebuch aus der Psychiatrie -
von Christian Waluga
Christian Waluga: Achterbahn im Kopf
Giebelstadt, im September 2015
Autor:
Christian Waluga
Erstauflage
Herstellung / Verlag: tredition.de
ISBN: 978-3-7323-603-5
Vorwort
Ich widme dieses Buch allen, die auf die ein oder andere Weise mit ihren inneren Dämonen zu kämpfen haben. Vielleicht erkennt sich ja der Ein oder Andere ein Stück weit wieder. Die einzelnen Abschnitte dieses Buches sind bewusst nicht geordnet, eher chaotisch, um es so authentisch wie nur irgendwie möglich zu halten. Es soll einen Einblick in mein Leben geben, aber vor allem in die Zeit in welcher es mir am schlechtesten ging. Meine Zeit in der Psychiatrie. Es soll Einblick in meine Verwirrtheit in dieser Zeit geben. Ich möchte mit diesem Buch niemanden Helfen oder gar Ratschläge erteilen. Verstehen soll es helfen oder den ein oder anderen Blick mehr in die Richtung von Verständnis lenken. Verständnis für das, was in psychisch Kranken Menschen vorgeht. Ein großes Lob möchte ich an dieser Stelle auch an den Professor und sein gesamtes Team (Ärzte, Psychologen, Schwestern, Sozialarbeiterinnen) richten. Sie machen einen hervorragenden Job und ich hoffe, dass sich eines Tages die Vorurteile gegen die Institution „Psychiatrie“ zumindest stark verringern werden.
Herzlichst, Ihr
Christian Waluga
Teilweise steckt in den Erzählung etwas Fiktion und teilweise wurde sich aus der Realität bedient.
Die Namen der Beteiligten wurden geändert.
Eigentlich hätte ich zufrieden sein können. Ich habe mir über die ganzen Jahre einen Wohlstand erarbeitet, welchen es nur noch selten gibt. Ich habe wohl alle Phasen durchgemacht, die es nur gibt; von bettelarm bis „stinkreich“.
Schnelle Autos, teure Motorräder, bis hin zum Luxus-Urlaub in Miami-Beach. Bis hin zu diesem Wochenende im Juli 2015, an welchem das alles für mich an Bedeutung verlor. Nachdem mir alles zu viel wurde; zu viel Stress, Druck und Dauerbelastung, dazu noch die ständigen Probleme meiner Beziehung und mit meinem jüngsten Sohn, wollte ich einfach nicht mehr. Also nahm ich an einem Freitag Nachmittag eine Überdosis Tranxillium, welche mich dann auch postum ins Krankenhaus brachte, aber eben nur dort hin.
Sonntag und Montag waren relativ schöne, entspannte Tage. Sonntag war ich mit meinen Söhnen nochmal auf das große Würzburger Volksfest „Kiliani“ gegangen und habe mir mit Timo, meinem Lebensgefährten, das Abschlussfeuerwerk von Auto aus angesehen. Montag Abend war ich dann nochmal bei Timo zu Hause, nach einem wiederholten Streit war er bei uns einmal wieder ausgezogen. Auf einem Feldweg haben wir dann noch eine wunderbare, intime Zeit gemeinsam verbracht. Auf dem nach Hause Weg, von Timo zurück zu mir nach Hause, ist mir dann wieder eine Sicherung durchgeknallt. Ich habe mir 2 komplette Riegel Tranxillium eingeworfen, welche mich dann erst auf die Intensivstation und schlussendlich hier her brachten. Nach meinem Erwachen ging es direkt mit Begleitung der Polizei, welche einen richterlichen Beschluss im Gepäck hatte, in die Psychiatrie.
25. Juli 2015
2 Suizidversuche innerhalb von 3 Tagen.
Hätte ich Timo und Elli, eine meiner besten Freundinnen, nicht alarmiert, wäre es das wohl mein Ende gewesen. Was wäre dann ? Was wäre, wenn ich jetzt nicht mehr hier wäre ? Hätte Mauser, dem ich seine Betriebe abgekauft hatte und der mir aufs übelste mitspielt, dann letztendlich gewonnen ? Ich glaube auch nicht mehr als er eh schon gewonnen hat. Zumindest wäre meine Familie jetzt finanziell so abgesichert, dass alle Probleme auf einen Schlag sich in Luft auflösen würden. Einschließlich ich, mit samt meiner Launen und Problemen.
Das Einzige um das es mir leid getan hätte, wären meine Kinder, Malcolm und Manuel, gewesen, welche ich über alles liebe. Meine Mutter wäre sicherlich daran zerbrochen. Allein schon durch ihr schier zwanghaftes Verhalten uns Kindern gegenüber. Ihr Liebe ist manchmal so hart wie ein Schraubstock und ihre Ängste so belastend wie ein Alptraum. Ich liebe sie wirklich sehr, aber dieses Verhalten muss sich ändern, ich bin immerhin jetzt 34 Jahre alt und brauche niemanden der ständig auf mich aufpasst, oder doch ?
Mein Bruder ? Er hat schon fast so viel in seinem Leben mitgemacht wie ich; ich denke er hätte es gepackt damit zu leben. Was ist mit David, meinem seit 15 Jahren angetrauten Ehemann ? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich kann ihn zur Zeit nicht mehr einschätzen. Ich denke, dass es ihm ohne mich besser gehen würde. Jahrelang hat er meine Launen und meinen Lebensstil ertragen und immer zu allem Ja und Amen gesagt. Aber von so etwas wie einer Beziehung kann man da schon seit Jahren nicht mehr sprechen. Ich würde es ehr noch als eine Art Wohnund Zweckgemeinschaft bezeichnen.
Tag für Tag frage ich mich, ob ich überhaupt normal bin.
Gegenüber David sehe ich bei mir eigentlich nur eine moralische Verpflichtung auf Grund seiner Krankheiten. Aber genau dieser Punkt lässt mich in Angst ausbrechen. Diese ständigen Streitereien, sei es wegen Timo oder anderen Dingen haben mich ebenfalls schwer an die Grenze des erträglichen gebracht. Mir ist durchaus bewusst, was ich allen mit der Form meines Lebensstiles antue. Ich weiß, dass es für alle schwer ist.
Die Betriebsübernahmen Bestattungen Mauser und Cafehaus Harmonie haben ihr übriges dazu getan. Wenn man nur noch Kämpfen muss wie ein Löwe ist irgendwann alle Kraft weg. Ich bin auch noch so ein gutmütiger Idiot und lasse Herrn Mauser in seinem Haus, welches ich auch erworben habe, wohnen und als Dank von ihm kommt eine Anklage nach der nächsten. Das ich das mit ihm vereinbarte Beratergehalt, welches er ebenfalls aus purer Gutmütigkeit von uns zugesichert bekam, nicht bezahlen konnte, hat mir sicherlich keinen Spaß gemacht, aber bei einem solchen maroden Betrieb ging es einfach nicht. Hätte man mir beim Kauf die richtigen Zahlen vorgelegt, hätte ich die Finger davon gelassen. Hätte, würde, wenn…..jetzt ist es halt leider so gelaufen und hätte mich um ein Haar um alles gebracht, was ich mir mit meiner Familie in den vergangenen 14 Jahren aufgebaut habe. Die Kraft und Ängste in dieser Zeit der Übernahme und auch jetzt noch, kann sich niemand auch nur im Ansatz vorstellen.
Mein Beruf, der des Bestatters, war für mich immer eine Berufung und dies machte auch den Erfolg über die ganzen Jahre aus. Ich war jahrelang finanziell unabhängig und dann das ? Ich habe immer wieder betont, dass der Tag an dem die Firma am Ende wäre auch meine Ende wäre und zu dieser Aussage stehe ich nach wie vor.
Was war aber letztendlich der Auslöser der letzten beiden Suizidversuche ? Vielleicht einfach der Ablauf meines kompletten bisherigen Lebens ? Aufgewachsen bin ich in sehr einfachen, ärmlichen Verhältnissen. Die Drogensucht meines geliebten Bruders Michael ? Mit ansehen zu müssen, wie sich der eigene Bruder zu Grunde richtet war für mich als Kind extrem hart und beängstigend. Seine Wutausbrüche, sein Verhalten, wenn er High war und sein damaliger Umgang, sprich seine Freunde. Er hatte teilweise sogar Dinge meiner Eltern verkauft um Geld für den nächsten Schuss zu haben. Oder die Situation in welcher er mir nachts im Drogenwahn ins Gesicht urinierte und ich es still und ängstlich ertragen habe; diese Bilder werde ich mein leben lang nicht mehr los. Für manche mag es banal klingen, aber mich hat dies alles sehr geprägt. Nach seinem Tod mussten wir Kinder uns mit ansehen, wie uns Vater sein Leben Quasi aufgegeben hatte. Getrunken hatte er schon immer, aber ab Michaels Tod schien es ihm einfach egal zu sein. Was habe ich es als kleines Kind genossen, wenn Papa mit mir in den Zirkus oder aufs Volksfest gegangen ist oder mich im Sommer mit in den Biergarten genommen hat. Samstags habe ich immer von ihm eine Mark bekommen, dafür musste ich ihm die Haare kämmen und dann gibt dieser Mann einfach so auf ?
Seine letzten Tage waren schlimm. Ich habe es dann auch nicht mehr ertragen ihn im Krankenhaus zu besuchen. Ich stelle mir immer und immer wieder die Frage, ob ich und mein Bruder Basti es nicht wert gewesen wären, dass er um sein Leben kämpft ? Die Geburt seines ersten richtigen Enkelsohnes, meines Sohnes Malcolm, hat er um gerade mal einen Monat verpasst.
Marina, meine Ex-Frau, hatte ich schon durch meinen Bruder Michael gekannt. Als ich sechzehn Jahre alt war, wurde mit dem Einverständnis meiner Mutter geheiratet und unser zweiter Sohn Manuel erblickte das Licht der Welt, als ich dann gerade einmal achtzehn Jahre alt war. Ich hätte Marina so viel Leid und Kummer ersparen können, wenn ich mich nur früher geoutet hätte. Unterm Strich wusste ich schon als Kind, dass ich mich mehr für das gleiche Geschlecht interessiere. Wenn man aber in einem Umfeld aufwächst, in welchem sich über Homosexualität nur lustig gemacht wurde, ist es nicht gerade einfach mal eben zu seiner Familie zu gehen und zu sagen „Hey, ach übrigens, ich bin schwul“. Nach meinem Outing hatte ich schon einmal versucht mir das Leben zu nehmen. Manchmal denke ich wäre es besser gewesen, wenn es damals schon geklappt hätte. Ich hätte der Welt viel erspart. Ich hätte meiner Familie viel erspart, unter anderem meinen Hang zur Extreme. Sei es im Sport und der damit verbundenen Jahre langen Abhängigkeit von Steroiden, die damit verbundenen Launen, etc. Aber der Kraftsport war und ist nun einmal der wichtigste Ausgleich in meinem Leben.
Naja, nun bin ich seit dem einundzwanzigsten Juli zweitausendfünfzehn hier in der Psychiatrie. Ich hoffe hier Hilfe zu finden, zumindest wünsche ich es mir. Die ersten beiden Tage musste ich auf der geschlossenen Station „neunzehn unten“ verbringen. Diese Tage waren für mich der absolute Alptraum. Menschen zu sehen, welche so leiden, bzw. so schwere Psychosen mit sich herumtragen war für mich einfach nur schlimm und schwer zu ertragen. Ich wurde dann, Gott sei Dank, nach der ersten Nacht und einem quälend langen Nachmittag auf Privatstation „achtzehn oben“ verlegt. Hier hat es mich doch sehr gut erwischt. Nette Mitbewohner, Freigang etc. Nur das erste Gespräch mit der Oberärztin Frau Dr. Kocher hat etwas in mir ausgelöst. Zum einen habe ich mich noch nie jemanden so geöffnet und zum anderen hatte ich durch dieses Gespräch einen wahren Flash-Back in meine Kindheit erlebt. Seit dem sind so viele Dinge in mir am Hochkochen, dass meine Gedanken und Gefühle Achterbahn fahren. Wenn man auf einmal wieder an Dinge denken muss, die man Jahre lang erfolgreich verdrängt hat…..ich hasse dieses Gefühl. Teilweise schmerzt dies so sehr, dass man es nicht in Worte fassen kann.
Als ich in meiner Tasche den Brief meines Sohnes Malcolm gefunden und gelesen habe, musste ich einfach nur noch weinen. Von Manuel hätte ich so etwas gar nicht erwartet weil er genau so ein „Mauer-Errichter“ ist wie ich.
„Hey Dad,
wollte dir nur mal sagen das ich mega stolz auf dich bin. Ich bin auch mega froh darüber das ich damals den Kontakt wieder aufgenommen habe denn du bist mir mega wichtig und egal was ist denk dran ich habe dich ganz doll lieb und werde immer für dich da sein und dir mit allen Problemen beistehen :*
Hab dich mega dolle lieb und eins noch du packst das wie du alles immer packst. Ich bewunder dich auf dafür das du mit allen Problemen kurzen Prozess machst und nie aufgibst. Hab dich ganz arg lieb Dad und du fehlst mir komm so schnell wie möglich wenn wieder alles okay ist zurück und hör auch nie auf zu kämpfen denn du bist einWaluga und außerdem der beste Papa den man haben kann. Hab dich lieb. Liebe grüße dein Sohnemann Malcolm“
Viel hilft mir zur Zeit Cornelia, welche auch hier Bewohnerin ist. Sie hat mir ein schönes Gedicht geschenkt und ein Ginkoblatt. So viel Zeit zum Nachdenken, so viel Zeit zum herunterfahren, aber ich denke genau das brauche ich. Im Moment werden mir die normalsten Dinge, wie Besuch zum Beispiel oder der Gang in die Stadt einfach zu viel. Ich fühle mich danach leer, ausgebrannt und einfach kaputt. Einfach lächerlich für jemanden, der es gewöhnt war immer Gas zu geben und alles aus sich herauszuholen. Im Moment fühlt sich das alles so verdammt komisch an. Keine Firma, nicht zu Hause, auch nicht bei meinen Jungs in Erlangen, für die ich immer alles gegeben habe (finanziell, sowohl auch mental bei den jeweiligen Veranstaltungen) etc. Meine Jungs in Erlangen bezieht sich auf eine Firma, bei welcher ich Teilhaber bin, welche Wrestling-Events (meine große Leidenschaft) veranstaltet. Dort ist es eine ganz eigene, besondere Welt, welche allerdings auch sehr viele Schattenseiten besitzt. Meistens wird nach Außen hin der große Zusammenhalt vorgespielt, aber in den allermeisten Fällen ist dies leider nur sehr oberflächlich. Dieses Oberflächliche gibt es eben bei meinen Jungs in Erlangen nicht.Hier hält man zusammen. Ich versuche mich einfach auf das einzulassen, was nun folgt, in der Hoffnung das andere mich deshalb nicht als schwach oder Versager ansehen. Jetzt hätte ich gerne meine Gitarre um einfach etwas darauf zu klimpern oder einfach mal zwei Stunden Gewichte heben. Ich geh jetzt erst einmal eine rauchen.
Leben, lieben, hassen,
sich in die Tiefe fallen lassen.
Eine Tiefe voller Schatten und Angst,
wenn du dann um dein Leben bangst.
Ist diese Angst erst überwunden,
keine Fehler dir gestundet.
Braucht’s nur ein kleines bisschen Mut
und danach ist alles gut.
Manchmal frage ich mich, ob meine ersten sexuellen Erfahrungen mit Männern nur Fiktion waren oder ob dies tatsächlich so geschehen ist. Die Vorstellung, dass dies nur Einbildung war, gefällt mir wesentlich besser. Sollte dies so gewesen sein, dann muss ich mich mit dem Gedanken anfreunden, dass ich wohl als kleines Kind das Opfer sexuellen Missbrauchs war. Zumindest aber wurde meine kindliche Neugier schamlos ausgenutzt, was ja dann eigentlich das selbe ist. Ich weiß nicht genau wie alt ich damals war. Jedenfalls nicht älter als 10 oder 11 Jahre, als ich die ersten pornographischen Bilder und Filme gesehen habe und mit Michael darüber gesprochen habe, bzw. vielmehr von Michael einmal dabei erwischt wurde. Ich kann mich nur daran erinnern, dass es einmal zu einem Vorfall zwischen mir, ihm und einem seiner damaligen Freunde kam, welcher mich noch bis heute verfolgen sollte. Ich war doch noch so unbeholfen und hatte von so etwas doch keine Ahnung. Auf die Frage, welche mir damals Michael stellte, ob ich das auch einmal ausprobieren wollte, hatte ich in meiner kindlichen Neugierde mit „ja“ geantwortet. Hätte ich nicht einfach nein sagen können ? Im Normalfall beschäftigen Kinder in diesem Alter sich mit Computerspielen oder mit dem Herumtollen im Freien und nicht mit sexuellen Gegebenheiten. Ich kann mich noch daran erinnern, dass kurz auf mein „ja“ beide ihre Hosen öffneten und mir sagten ich solle es ihnen mit dem Mund machen bis das Weiße kommt. Ich weiß auch nicht mehr, wie ich damals als Kind empfunden hatte. Das war, glaube ich, das einzige Mal, dass mein Bruder Michael dabei war. Ich diese Erlebnisse dann noch einige Male mit dem Kumpel meines Bruders, wobei diese folgenden Erlebnisse noch weit über das was ich mit beiden erlebt hatte hinausgingen.
Ein neuer Tag
Im Moment hasse ich es, ja es zerreißt mich schier, meine Vergangenheit aufzuarbeiten. Es gibt, bzw. gab Momente in meinem Leben, da wäre ich am liebsten schreiend davon gerannt. Durch den Tod meines Bruders Michael musste ich leider relativ schnell erwachsen werden. Ich hätte so gerne eine unbeschwerte Jugend erlebt, aber das war mir anscheinend nicht gegönnt, bzw. war dies wohl auch ein Stück weit meine eigene Schuld. Zumindest spätestens ab dem Punkt, ab dem Marina, meine spätere Ehefrau und die Mutter meiner Kinder, in mein Leben getreten ist. Ich war damals, kurz nach dem Tod meines Bruders Michael, gerade einmal vierzehn Jahre alt als ich Marina bei ihrem Umzug in eine neue Wohnung geholfen habe. Sie müsste damals so um die einundzwanzig Jahre alt gewesen sein. In ihrer neuen Wohnung hat es dann zwischen uns das erste mal gefunkt, wenn man dies im Nachhinein betrachtet überhaupt so nennen kann. Auf jeden Fall kam es hier auch zu den ersten sexuellen Kontakten zwischen uns. Marina wurde dann auch in relativ kurzer Zeit schwanger, was für mich bedeutete, dass ich ab diesem Zeitpunkt noch mehr Verantwortung tragen musste. So kam es, dass ich neben meiner Ausbildung zum staatlich geprüften Sozialbetreuer an einer Tankstelle gejobbt habe, um Geld für die Familie und unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Während andere in meinem Alter Party machten und Spaß hatten musste ich arbeiten gehen. Eigentlich bin ich damals davon ausgegangen, dass Marina die Pille nahm. Erst Jahre später hatte sie mir gebeichtet, dass sie das Kind unbedingt wollte.
Nach meiner Ausbildung stand ich, beruflich gesehen, erst einmal auf der Straße. Mir blieb lediglich der Gang zum Sozialamt, was damals für mich ein sehr schwerer Schritt war und mich extrem belastet hatte. Hier wurde ich, im Rahmen einer ABM-Maßnahme, auf den Würzburger Waldfriedhof geschickt, um für zwei Mark in der Stunde dort die Wege zu kehren. Gott sei Dank fand ich dann nach relativ kurzer Zeit, ich denke es waren keine drei Monate, eine Arbeitsstelle bei einem Würzburger Bestattungsunternehmen. Diese Arbeitsstelle war zwar sehr schlecht bezahlt, aber für mich immer noch besser als vom Staat leben zu müssen. Ich war gerade achtzehn Jahre alt, hatte gerade meinen Führerschein bekommen und fühlte mich einigermaßen besser, als wir uns bewusst für unser zweites Kind, Manuel, entschieden hatten. In finanzieller Hinsicht, war es eine sehr schwere Zeit. Ich musste bei meinem damaligen Arbeitgeber zwischen sechzig und fünfundsechzig Stunden in der Woche arbeiten und habe das sagenhafte Gehalt von neunhundertfünfzig Euro Netto monatlich verdient.
Ich merkte allerdings schon relativ früh, dass ich mich mehr zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlte und so kam es, dass ich es, nach einigen Affären mit Männern, einfach nicht mehr länger ausgehalten habe. Ich hatte zum damaligen Zeitpunkt gerade Joe kennengelernt und mich in ihn verliebt, was für mich in einer großen Zwickmühle endete. Also blieb mir keine andere Wahl und ich musste mich entscheiden. Ich schrieb also meinen Eltern und Marina einen Brief, in welchem ich mich zu erklären versuchte. Ich warf die Briefe in die jeweiligen Briefkästen und verschwand über Nacht zu Joe und hoffte darauf, dass ich wenigstens von Seiten meiner Eltern Verständnis bekommen würde (mir war klar, dass ich von Marina dies nicht erwarten konnte). Die Trennung von Marina war somit wohl unausweichlich und auch notwendig, oder ich würde vor die Hunde gehen. Von meinem damaligen Gehalt konnte ich logischerweise nie viel Unterhalt für die Kinder bezahlen. Ich schaffte es gerade einmal einhundertfünfzig Euro im Monat auszubringen. Mit dem Rest musste ich irgendwie mein Leben bestreiten. Hätte ich damals nicht die Unterstützung meiner Eltern gehabt, so hätte ich dies wahrscheinlich niemals geschafft.
Graue Wolken über weiter Flur
Für jeden von uns tickt die Uhr
Der eine früher, der andere später
Gehn muss selbst der edelste Täter
Ein Leben nur für andere hier
Fällst irgendwann durch eine Tür
Auffangen wird dich sicher keiner
So ist die Welt…..immer kälter und gemeiner
„Bist du ein guter Mensch, wenn du stets für andere da bist ?
Bist du ein erfolgreicher Mensch, wenn du stets an deinen Erfolgen gemessen wirst ?
Bist du ein wohlhabender Mensch, wenn du stets an deinen Besitztümern ausgemacht wirst ?
Das alles spielt keine Rolle.
Du bist ehr ein armer Mensch, wenn du all dies hast und dich trotzdem niemand auffängt“.
Ein weiterer grauer Tag
Ich stelle mir immer und immer wieder die selbe Frage: Habe ich noch die Kraft für das alles hier ? Jeder der mich sieht sagt immer nur: „Man, du bist doch so ein starker Kerl, du schaffst das schon“. Ich kann das nicht mehr hören. Im Moment überrennen mich die Gefühle wie eine Herde Bisons, welche über die weiten Felder trampeln. Ich kann einfach nicht mehr. Ich habe keine Kraft mehr. Es fühlt sich, als ob jemand einem den Boden unter den Füßen wegzieht und man nur noch fällt und fällt und fällt. Verdammt, ich, derjenige der sonnst immer alles geschafft hat was er sich auch nur ansatzweise in den Kopf gesetzt hat; Ich, derjenige, der alles immer in Perfektion versucht hat durchzuziehen. Und jetzt ? Jetzt sitz ich hier wie ein Häufchen Elend auf meinem Bett und weiß nicht mehr weiter. Was zum Henker ist das bitte ? Ich vermisse gerade noch nicht einmal mein zu Hause. Ich würde am liebsten ausbrechen aus diesem Leben voller Zwänge und Pflichten. Einfach nur weg, weit weg. Was würden mein Bruder Michael und mein Vater, welcher drei Jahre nach Michael verstorben ist, jetzt dazu sagen ? Keine Ahnung ! Ich weiß auch nicht nicht mehr, wie oft ich mich mit beiden schon im Gedanken unterhalten und nach Hilfe gebettelt habe. Fast genauso oft wie ich dies in meinen Zwiegesprächen mit Gott getan habe. Aber hat mir irgendjemand geholfen ? Mein Bruder ? Mein Vater ? Oder Gott ? Nein, es war nie jemand da, der mir geholfen hätte.
„Wenn alles sinnlos scheint, das Leben ist dein größter Feind. Dann hilft dir auch nicht einmal mehr die Zeit“ (Peter Maffay)
26.07.2015…ein weiteres Gedicht
Pass auf mich auf
Reich mir deine Hand
lass mich bei dir geborgen fühlen
Egal zu welcher Zeit, in welchem Land
Lass nicht zu, dass schlechte Gefühle mich zerwühlen
Sei für mich da, wenn ich dich brauch
sei du der Stern in dunkler Nacht
lass mich nicht untergehn in Schall und Rauch
lass nicht zu die dunkle Macht
Mal geht es ab, mal geht es auf
sei du mein Anker in der Not
Sei für mich da, pass auf mich auf
lass nicht zu, dass mich holt der Tod
Sollte deine Hand der meinen entgleiten
sich mein Licht in Schatten wandeln
sich die Freude in Traurigkeit leiten
weiß ich, wie ich habe zu handeln
Pass auf mich auf
Immer noch der 26.07.2015
Ich habe eine ziemlich bescheidene Nacht hinter mir. Trotz der Medikamente habe ich fast nicht schlafen können. So unendliche viele Gedanken schwirren mir durch meinen Kopf. Sei es das Privatleben oder meine Betriebe. Zusätzlich drehen sich meine Gedanken in einer Tour um meinen Bruder Michael und um meinen Papa. Eigentlich habe ich immer an die beiden gedacht, aber noch nie, jedenfalls nicht in den letzten Jahren, so dermaßen intensiv und emotional wie in den letzten Tagen. Was meinen Lebenspartner David angeht habe ich irgendwie ein sehr komisches Bauchgefühl. Es irritiert und verletzt mich, dass er sich so gut wie gar nicht bei mir meldet.
„Du stirbst langsam in mir. Wir verschwinden.
Ich kann das was ich such nicht mehr finden“ (Peter Maffay)
Ich vermisse meine Truppe aus Erlangen extrem. Ich bin zwar nur Teilhaber dieser Firma, aber ich vermisse diesen Zusammenhalt, welcher dort seit Jahren besteht. Für mich waren die Jungs immer wie eine zweite Familie oder wie ein rettender Hafen im Sturm. Wenn wir einmal im Monat eine Event veranstalten, dann ist das jedes mal auf’s neue für mich, als würde ich nach Hause kommen. Was sind eigentlich die Dinge welche mir Leben Spaß machen ? Das ist eigentlich nicht viel, aber dennoch so viel, dass ich nie alles unter einen Hut gebracht habe: Sport, Musik (meine E-Gitarren, obwohl ich nie sonderlich gut darin war) und meine NEW (New European Championship Wrestling – also meine Jungs in Erlangen). Es fühlt sich für mich auch sehr befremdlich an, dass ich im Moment nicht einmal meine geliebten Hunde vermisse, welche mir sonst alles bedeutet haben. Zur Zeit fühlt sich alles so an, als hätte man mich in Watte gepackt, aus der man, trotz ihrer Weichheit, nicht mehr entkommen kann. Was würde ich generell gerne in meinem Leben tun ? Hm, gute Frage, welche aber relativ einfach beantwortet ist. Ich würde gerne einfach einmal die Zeit, mein Leben genießen, aus allen Zwängen, aus aller Verantwortung einfach einmal ausbrechen. Vielleicht einfach auf ein Schiff oder in ein Flugzeug steigen und für eine lange Zeit einfach einmal verschwinden. Auch wenn ich oft mit einer gewissen Begeisterung von meinem Beruf als Bestatter spreche, bin ich mir nicht mehr sicher ob das wirklich meine Berufung ist. Ich kann zur Zeit diesen Beruf nicht mehr ausüben. Das ganze Leid, die Trauer, einfach das gesamte Spektrum Tod machen mich psychisch einfach nur noch kaputt. Aber ich glaube für ein Zurück ist es leider zu spät. Es ist nun mal mein Beruf. Ich bin eigentlich bekannt als ehr extremer Mensch oder als ein leicht schräger Vogel, aber dennoch wird in mir der Wunsch, aus all den Zwängen auszubrechen immer größer. Ich möchte einfach nur die Reset-Taste in meinem Leben drücken und nochmal ganz von vorne beginnen können.
Timo, die Liebe meines Lebens, welche ich vor zwei Jahren kennengelernt habe. Ist er mir treu oder nicht ? Ich stelle mir diese Frage immer und immer wieder. Warum fällt es mir so unendlich schwer Vertrauen zu Menschen aufzubauen ? Seit meiner Beziehung zu Thomas konnte ich keinem Menschen mehr hundert prozentiges Vertrauen schenken, dabei gab es Zeiten in welchen ich teilweise keinen Deut besser war. Ja, ich habe Timo damals mit Elli betrogen, was ich zu tiefst und aus tiefstem Herzen heraus bereue. Ausgerechnet an meinem Geburtstag musste dies passieren. Ich war extremst alkoholisiert und mit Tabletten vollgestopft. Dies soll und darf aber keine Ausrede sein. Eine Schande, dass dies überhaupt passieren musste. Fast zweí Jahre danach schmiert mir Timo diese Sache immer noch gerne bei Streitigkeiten aufs Brot. Es tut mir so unendlich leid, dass dies passiert ist, aber ich kann nicht mehr tun als mich dafür zu entschuldigen. Ich kann es leider nicht mehr rückgängig machen. Ich und Timo streiten leider sehr häufig. Andere Beziehungen hätten so etwas niemals überstanden. Warum wir ? Warum kommen wir einfach nicht voneinander los ? Ich kann mir das nur so erklären, dass es hier irgend eine Art von starkem Band, bzw. eine starke Verbindung zwischen uns geben muss, welche uns immer wieder zusammen führt.
Ich höre gerade von den Scorpions „When you came in to my life“. Dieser Text passt auf mich und Timo wie die berühmte Faust auf’s Auge. Sicherlich werden das noch Millionen anderer Paare behaupten, wenn sie den Text dieses Liedes hören sollten. Der Text lässt sich sehr gut im positiven Sinne betrachten, aber gewiss auch ins negative übersetzen. Aber ganz unabhängig vom Text
