Adalbert Klingler - Regula Klingler - E-Book

Adalbert Klingler E-Book

Regula Klingler

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Beschreibung

Regula Klingler erzählt die ungewöhnliche Lebensgeschichte ihres Grossvaters Adalbert Klingler (1896–1974), dem Wegbereiter des künstlerischen Handpuppenspiels in der Schweiz. Er lebte in Zürich-Oerlikon, spielte 1933 an der Zürcher Gartenbau-Ausstellung Züga und wurde 1939 bekannt als «Landi-Chaschper». Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte ihn Gottlieb Duttweiler als Puppenspieler im Park im Grüene in Rüschlikon ZH, wo er bis 1964 jeweils im Sommer spielte. Im Winterhalbjahr ging er mit seinen Puppen und einer transportablen Spielbühne – «Klinglers Künstler-Kasperli-Theater» – auf Tournee durch die Deutschschweiz. Die Publikation basiert auf bisher unveröffentlichten Dokumenten aus dem Nachlass und zeichnet mit dem Lebensweg des Künstlers auch die Entwicklung des Handpuppenspiels als Kunstform in der Schweiz nach. Das Werk ist ein Zeitzeugnis der Jahre während und nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Landi 39 und der Geistigen Landesverteidigung.

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Seitenzahl: 247

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Regula Klingler

Adalbert Klingler

Ein Leben für den Kasperli

Eine Hommage an den Wegbereiter des künstlerischen Handpuppenspiels in der Schweiz, Landi-Chaschper und Vater des Kasperlis im Park im Grüene in Rüschlikon

Wir bedanken uns für die Unterstützung beim Migros-Kulturprozent, bei Stadt Zürich Kultur, bei der Cassinelli-Vogel-Stiftung, bei der Gemeinde Rüschlikon und beim Quartierverein Oerlikon.

Alle Rechte vorbehalten

© 2025 Friedrich Reinhardt Verlag, Basel

Projektleitung: Manuela Seiler-Widmer

Korrektorat: Daniel Lüthi

Gestaltung: Jaël Meier, Célestine Schneider

Satz: Morris Bussmann

eISBN 978-3-7245-2826-5

ISBN der Printausgabe 978-3-7245-2756-5

Verlag: Friedrich Reinhardt AG, Rheinsprung 1, 4051 Basel, Schweiz, [email protected]

Produktverantwortliche: Friedrich Reinhardt GmbH, Wallbrunnstr. 24, 79539 Lörrach, Deutschland, [email protected]

Der Friedrich Reinhardt Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2025 unterstützt.

www.reinhardt.ch

Dieses Buch widme ich den beiden Frauen im Hintergrund:

Meiner Grossmutter – «äm Mutti» – Hilde Klingler-EndresMeiner Mutter – «äm Mami» – Irmgard Spörri-Klingler

Durch ihre selbstlose Unterstützung war es Adalbert Klingler erst möglich, sich voll und ganz seinem Handpuppenspiel zu widmen. Sie gaben dem Ehemann und Vater Vertrauen, Kraft und Stabilität, ohne sich selbst je ins Rampenlicht zu stellen. Sie ordneten ihr eigenes Leben dem Kasper unter.

«Der Mensch ist nur dann ganz Mensch, wenn er spielt.»1

(Friedrich Schiller)

Auch Adalbert war nur dann ganz Mensch, wenn er spielte!

INHALT

GRUSSWORT VON CORINE MAUCH

VORWORT VON DR. ELKE KRAFKA

1WARUM DIESES BUCH?

2DER WEGBEREITER DES KÜNSTLERISCHEN HANDPUPPENSPIELS IN DER SCHWEIZ

Wie alles begann

3VOR DEM SPIEL

Verhext

Rollensuche im Theater der Welt

4VORHANG AUF

Erste Engagements

Auftraggeber Gottlieb Duttweiler 1946 bis 1964

5HINTER DER KASPERLIBÜHNE

Erinnerungen der Enkelin

Adalbert Klingler gibt dem Kasper ein neues Gesicht

Entwicklung der Texte und Inhalte der Kasperlistücke

Bühnenbilder

6NEBEN DER KASPERLIBÜHNE

Im Alltag

Die selbstlosen Frauen im Hintergrund

Weggefährtinnen und Weggefährten

Verschiedenes

7DER VORHANG SCHLIESST SICH

8NACH DEM SPIEL

9DIE LETZTEN JAHRE

Schriftsteller

Kunstmaler

Grossvater

10PUPPENSPIELE VON ADALBERT KLINGLER

Chaschperlistücke

Undatierte Stücke

Unvollendete Stücke

Stücke im Park im Grüene

11WERKVERZEICHNIS GEDRUCKTER MEDIEN

12WEITERE FOTOS VON ADALBERT KLINGLERS HANDPUPPEN

Figuren zu Poccis «Kasperl in der Türkei»

Figuren zur «Schwiizer Spänd»

«Em Chaschper sis Gärtli»

«Em Chaschper sini Müli»

«De verloore Himmelsschlüssel – Es Spiil vo Guet und Böös»

«Vom Chaschper und vom häilige Chrischt – Es Chripespiil, won ekäis ischt»

Dr. Faust

Die drei Chinesen

Silberherz und Goldherz

Verschiedene Figuren

Figuren im Park im Grüene

13DER TIERE UND DES MENSCHEN DANK

14DER MENSCHEN DANK

15NACHWORT VON KURT FRÖHLICH

16AUTORIN

17ANHANG

Anmerkungen

Weblinks

Quellenverzeichnis

Bildnachweis

GRUSSWORT VON CORINE MAUCH

«Sehr verschupfti, zäme- und inenandbigeni Volksmängi! Oder mängi Völcher! Liebi Fründ und Chupferstächer! Losed, passed uf!», so begrüsst Kasperli sein Publikum in einem der unzähligen Stücke, die Adalbert Klingler verfasst hat. In dieser Ansprache schwingt vieles mit, was den Autor, Puppenbauer und -spieler bei seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit dieser Figur umgetrieben hat. Bezeichnenderweise hat er das Kasperlispiel im Hinterzimmer einer Trattoria in Zürich kennengelernt, wo italienische Einwanderinnen und Einwanderer ihn als Knaben für das Puppenspiel begeistern konnten. Eine Faszination, die in Adalbert Klinglers Künstlerleben nie abreissen sollte.

Seine Enkelin Regula Klingler zeichnet die Stationen dieses Lebens im vorliegenden Buch liebevoll nach und beschreibt dabei anrührend die persönliche Nähe zwischen dem Puppenspieler und seiner Figur. Die Autorin räumt in ihrem Buch aber auch den Frauen, die Adalbert Klinglers Karriere fern des Rampenlichts unterstützt und ermöglicht haben, den gebührenden Platz ein.

Für Adalbert Klingler war Kasperl Larifari, wie er mit vollem Namen heisst, kein blosser Prügelheld – auch wenn er mit schöner Regelmässigkeit Bösewichte zu verhauen pflegte. Klinglers Kasperli war auch alles andere als ein Charakterlump. Vielmehr hatte er Zivilcourage und eine soziale Ader. Seine derben Manieren legte er allerdings nie ganz ab. Diese konnte ihm auch die Geistige Landesverteidigung nicht austreiben, selbst wenn Kasperlis anarchistischer Furor in dieser Zeit ordentlich befriedet wurde: Er wandelte sich zur pädagogisch wertvollen Figur, die mehrere Generationen von Schweizer Kindern prägen sollte. Es wäre entsprechend falsch, Klingler auf seine Zeit als «Landi-Chaschper» zu reduzieren und sein Werk lediglich vor diesem Hintergrund zu betrachten. Denn Klingler bearbeitete in seinen Stücken fortlaufend aktuelle Inhalte und suchte dabei nie das Trennende, sondern stets das Verbindende.

Ich freue mich sehr, dass mit dem vorliegenden Buch die Erinnerung an diesen weltoffenen Zürcher und an seine Verdienste um das Figurentheater in der Schweiz wachgehalten wird und wünsche viel Vergnügen bei der Lektüre.

CORINE MAUCH

Stadtpräsidentin von Zürich

Adalbert Klingler mit seinem Kasperli

VORWORT VON DR. ELKE KRAFKA

Adalbert Klingler (1896–1974). Handpuppenspieler. Zürich. Alter Ego: Kasper. Sprache: Zürichdeutsch.

Es sind nüchterne Koordinaten eines Künstlerlebens, die in diesem Buch durch die persönlichen Erinnerungen von Regula Klingler-Spörri an ihren Grossvater und Taufpaten mit Leben gefüllt werden. Es sind aber auch die Lebensbeschreibungen des Puppenspielers Adalbert Klingler mit seiner Co-Identität Kasperli, Chaschper oder Chasperli, die eine lebenslange Symbiose zwischen Kasper und Künstler eindrucksvoll offenlegen. Gelegentlich verschwimmen die Grenzen. Who is who?

Aber nähern wir uns zuerst diesem Phänomen. Stichwort: Handpuppenspiel. Kaspertheater ist ein Theatergenre, das nach seiner Hauptfigur bezeichnet wird, und Kasper ist eine Handpuppe. Damit sind Protagonist und Spieltechnik definiert. Spielorte waren in der früheren Vergangenheit vorzugsweise Jahrmärkte.

Eine skizzierbare Entwicklungslinie beginnt vor ungefähr dreihundert Jahren im Schauspielertheater. Mit der Erfindung der Figur des «Hanswurst» gelang es dem Volksschauspieler Joseph Anton Stranitzky (1676–1726), zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Wien eine äusserst populär werdende Theaterfigur zu setzen.

Hanswurst war mit gelber Hose, roter Jacke und grünem Hut optisch sofort erkennbar und hatte die Eigenschaften schlagfertig (verbal und handgreiflich), obszön und höchst vital. Damit avancierte die Theaterfigur schnell zum Volkshelden und sein Darsteller zum Liebling der Erwachsenen. Stranitzkys Nachfolger übernahmen die Charakteristika der Figur und variierten den Namen, ohne die Substanz zu verändern. Hundert Jahre später begann mit Johann Joseph La Roche (1745–1806) der Rückzug der Kasperl-Larifari-Figur von der Schauspielbühne.

Mitte des 19. Jahrhunderts feierte Kasperl Larifari im Münchner Marionettentheater von Josef Leonhard Schmid (1822–1912) seine Auferstehung als Protagonist im Kindertheater. Kasper war also im Puppentheater angekommen. Zwar sah Kasperl Larifari aus wie sein menschliches Vorbild vor hundertfünfzig Jahren und war mit gelber Hose, roter Jacke und grünem Hut als Markenzeichen sofort erkennbar. Als Bartträger war Kasperl Larifari auch noch eindeutig als Mann wahrnehmbar. Lediglich die Grösse hatte sich verändert, denn aus dem lebensgrossen Schauspielermenschen ist eine zwanzig Zentimeter grosse Marionette geworden. Erst im 20. Jahrhundert kam es zur nächsten Mutation: Die Marionette als Spieltechnik wird ersetzt durch die Handpuppe.

Der wienerische Hanswurst

So lässt sich also die Metamorphose vom derben Schauspieler-Hanswurst als Jahrmarktsattraktion – männlich, obszön, vital – zum liebenswerten Kasper für Kinder – frech, forsch, aber brav – zusammenfassen. Immerhin hatten die Pädagogen im Laufe des 20. Jahrhunderts noch viel vor mit dem Kasper, Kasperl oder Kaspar. Von nun an sollte er in unterschiedlichen Funktionen auftauchen: als Erziehungsmittel, als Bildungsangebot oder mit dem Prädikat «künstlerisch wertvoll» versehen.

Der Schweizer Kasperli: Wo lässt er sich verorten? Unsere Zeitrechnung beginnt mit Adalbert Klingler. Aber was war davor und was kommt danach?

Kasperl Larifari

Bleiben wir im deutschsprachigen Raum. Österreich hat den Hanswurst zum Kasperl Larifari mutieren lassen und in Deutschland wurden die Jahrmärkte von Puppenspielerdynastien bespielt. Bühnen und Handpuppen wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Erst mit Max Jacob (1888–1967) trat eine Puppenspielerpersönlichkeit in den Vordergrund, die mit den Hohnsteiner Puppenspielen auch zu einer international wahrgenommenen Grösse wurde.

Ursprünglich aus der Wandervogelbewegung hervorgegangen, vergrösserte sich das Ensemble zu einer «Kasperfamilie», bestehend aus einer arbeitsteilig agierenden Truppe. Die Jahrmärkte als Spielorte wurden verlassen und der Schwerpunkt verschob sich bald zugunsten pädagogisch wertvoller Spiele. Damit war das Kaspertheater der Hohnsteiner Puppenspiele eindeutig als Kindertheater gesetzt.

Hohnsteiner Kasper von Max Jacob

Max Jacob war nur acht Jahre älter als Adalbert Klingler und er ist die einzige überregional bekannte Künstlerpersönlichkeit der Zeit, deren künstlerisches Werk bis heute nachwirkt.

Aus diesem Umfeld heraus begann Adalbert Klingler zu arbeiten. Seine frühesten Begegnungen mit dem Kasper alias Giuppin italienischer Burattinai (Puppenspieler) gehen zurück auf das Jahr 1901.

Der fünfjährige Adalbert musste erfinderisch sein, um ins Hinterzimmer der Trattoria zu gelangen. Dort aber sah er eine andere Wirklichkeit, eine wunderbare Welt tat sich auf und begeisterte das Kind. Von nun an war es um ihn geschehen. War er nun verhext oder infiziert vom Puppenspielervirus? Aber vom Wunsch, Puppenspieler zu werden bis zu seiner Verwirklichung war es noch ein weiter Weg. Als Erstgeborener hatte sein Vater konkrete Vorstellungen vom Werdegang seines Sohns: Schneider sollte er werden! Die Schnittmenge zwischen Anzüge für Menschen nähen oder Puppen einkleiden war denkbar gering und so begann eine Odyssee zwischen Broterwerb und Lebenstraum.

1928 heirateten Hilde Endres und Adalbert Klingler, aus der Ehe gingen vier Kinder hervor: Irmgard, Adalbert junior, Werner und Lilo.

1933 begann die Arbeit von Adalbert Klinglers Künstler-Kasperli-Theater bei der Zürcher Gartenbau-Ausstellung Züga und ein erster Schritt in die erwünschte Richtung war gesetzt. Es folgten 1939 die Landi 39, die Schweizerische Landesausstellung in Zürich, und von 1939 bis 1945 ein Engagement im Rahmen der Geistigen Landesverteidigung mit Soldatenbetreuung. Ab 1946 stellte sich der definitive berufliche Aufbruch in ein neues Zeitalter ein: der Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler (1888–1962) engagierte Adalbert Klinglers Künstler-Kasperli für den Park im Grüene in Rüschlikon jeweils für die gesamte Sommersaison. Adalbert Klingler war dort angekommen, wo er sich immer hingeträumt hatte. Aber ohne die tatkräftige Unterstützung seiner Frau und später auch seiner Tochter wäre der Erfolg ein Traum geblieben. An dieser Stelle setzt auch die Kindheitserinnerung von Regula Klingler-Spörri an, wenn sie sich an die Kasperlivorstellungen ihres Grossvaters erinnert, die sie backstage erlebte und die sie bis heute ganz persönlich berührend begleiten.

Lebens- und Arbeitsbegleiterinnen und -begleiter anderer Art waren für Adalbert Klingler auch Persönlichkeiten wie Traugott Vogel (1894–1975), ein guter Freund vergangener Tage, vertraut und doch per Sie distanziert geblieben. Auch Klara Fehrlin (1895–1985), Schweizer Malerin, Bildhauerin, Puppenschnitzerin und Marionettenspielerin in St. Gallen. Mit ihr verband ihn eine Freundschaft mit intensivem Briefwechsel. Oder Carl Fischer (1888–1987) mit seinem kunsthandwerklichen Umfeld. Sie begannen Puppenköpfe zu schnitzen und setzten Akzente im Bildnerischen … um nur einige wenige zu nennen.

Mit Adalbert Klingler wurde das Handpuppenspiel zum künstlerischen Kasperlitheater, das – wie seine Vorgänger – im Freien spielte, aber die Schwerpunkte anders setzte. Die Zielgruppe waren eindeutig Kinder; sie sollten eine gute Weltsicht erlernen können. Später bekam das Erzieherische deutlich mehr Gewicht durch die Arbeit an Schulen und durch die damals modern werdende Verkehrserziehung mit dem Kasper. Mit dem Eindringen der Pädagogik ins Puppentheater veränderte sich die Zielsetzung des Kindertheaters wieder einmal. Spiel durfte kein Selbstzweck sein und Freude verbreiten, sondern musste sich einer erzieherischen Funktionalität unterordnen. Aus kleinen Kindern gute Menschen machen war die Devise. In den 1950er-Jahren und später entstanden dann Verkehrserziehungsprojekte und Anleitungen zum Zähneputzen, die via Puppentheater und seinen Protagonisten vermittelt wurden. Aber glücklicherweise konnte sich das Kaspertheater auch aus dieser Fessel gut befreien, womit wir wieder bei der Frage wären: Was kommt nach Adalbert Klingler?

Gioppino/Giuppin mit den drei Kröpfen (diese Puppen tragen grosse Kröpfe, da sie in einer bergigen Umgebung «leben», in der es sehr an Jod mangelt)

Therese Keller (1923–1972 in Münsingen) ist sicher die Schlüsselfigur und Lichtgestalt des Schweizer Handpuppentheaters, auf die sich viele nachfolgende Puppenspielerinnen berufen. Therese Keller war Kindergärtnerin und Allrounderin. Sie entwickelte ihre Geschichten selbst, schuf ihre Figuren und Dekorationen und spielte in unterschiedlichen Schweizer Dialekten.

Margrit Gysin (* 1949 in Liestal) lernte bei Jacques Lecoq in Paris, im Kindergärtnerinnenseminar in Bern und später kam noch Heilpädagogik dazu. Mit dieser breit aufgestellten Ausbildung zwischen Kunst und Therapie bespielt die charismatische Figurenspielerin bis heute Figuren und Handpuppen in unterschiedlichen Settings. In manchen Inszenierungen wird ihr eigener Körper zum Bühnenbild, auf dem sich die Theaterfiguren bewegen.

Monika Demenga (* 1949 in Bern) experimentierte mit unterschiedlichen Figurentechniken, unter anderem kamen 1976 zwei Kasperstücke von H. C. Artmann mit Handpuppen auf die Bühne; sieben Jahre später noch zwei weitere Kasperliaden, in denen der Protagonist Kaspar hiess. Interessant ist, dass diese Kasperstücke zu einer Zeit inszeniert wurden, als die Sinnhaftigkeit dieser Figur – zumindest in Westdeutschland – aggressiv infrage gestellt worden war.

Monika Schmucki (1953–2024) spielte dreissig Jahre lang mit ihrem Kasperlitheater Potztuusig Kasperliaden. Eine Generation jünger: Sibylle Grüter (* 1969) und Jacqueline Surer (* 1973) treten mit ihrem Theater Gustavs Schwestern auf. Mit «Hotzenplotz! Ein Kasperlitheater für zwei Spielerinnen, zehn Handfiguren und eine Wäscheleine» gelang den beiden ein höchst dynamisches und witziges Revival einer alten Theaterfigur.

Diese Aufzählung ist unvollständig und stichwortartig. Sie erwähnt hier nur Schweizer Handpuppenspielerinnen und zeigt, dass das Figurentheater im Laufe der Zeit auch zunehmend weiblich geworden ist. Auffallend sind die Solospielerinnen und Kleinstgruppen. Pädagogik und heilpädagogische Ausbildung fliessen ins künstlerische Konzept beim Handpuppentheater mit ein. Kasper, Chaschper, Chasperli kommen vor oder auch nicht oder das Genre Kaspertheater wird parodiert.

Wo oder wie sollten wir im Lauf der Zeit – im Davor und Danach – Adalbert Klingler verorten?

Adalbert Klinglers Schaffenszeit als Kasperspieler war im Wesentlichen zwischen 1933 und 1965. Ab 1965 verhinderten Alterskrankheiten ein Weitermachen als aktiver Puppenspieler. In seinen letzten Lebensjahren blieb er trotzdem seinem Kasperli treu, schrieb seine Memoiren und verfasste Kasperstücke.

In seine aktive Zeit als Puppenspieler fiel die politisch schwierige Zeit des Zweiten Weltkriegs, in den sich die neutrale Schweiz auf keinen Fall hineinmanövrieren lassen wollte. Während in den Krieg führenden Ländern Puppentheater zu den Soldaten an die Front geschickt wurden, um den Kampfgeist zu stärken und die Kräfte zu mobilisieren, wählte die Schweiz das friedliche Mittel der Geistigen Landesverteidigung – ebenfalls mit Puppen!

Ein persönliches finanzielles und künstlerisches Aufatmen nach dem Krieg dürfte mit dem grosszügigen Engagement von Gottlieb Duttweiler verbunden gewesen sein. Jeweils ein halbes Jahr am Stück nahezu täglich Vorstellungen im Park im Grüene spielen zu können, nimmt einer Familie die Existenzsorgen und schafft eine noch tiefere Beziehung zum Lebenswerk eines Kasperspielers zu seinem Protagonisten.

In den Memoiren beschreibt Adalbert Klingler oft seine persönliche Nähe zu seinem Kasperli. Manchmal verschwimmen auch die klaren Abgrenzungen zwischen Mensch und Puppe, Künstler und Figur. Ist also Kasperli eine Inkarnation von Adalbert oder ist Adalbert nur ein Avatar des anderen? Der Protagonist und sein Spieler befinden sich in einer gelebten Symbiose. Who is who?

Die frühkindliche Erfahrung und die Liebe zum Puppentheater, die Besessenheit von der Figur des Kasperlis und die persönliche Nähe zum Alter Ego haben Adalbert Klingler so manche Lebensschwierigkeit überwinden lassen.

Bei allem, was war, muss seine Familie erwähnt werden. Allen voran seine Frau Hilde, die ihm unermüdlich zur Seite stand. Ohne die Frauen im Hintergrund wäre vieles nicht möglich gewesen.

Auch von diesem Aspekt handelt dieses Buch. Denn die berührendsten Stellen in den Lebenserzählungen sind die persönlichen Erinnerungen der Autorin an ihren Grossvater. Eine Empfehlung an alle Interessierten!

DR. ELKE KRAFKA

Theaterwissenschaftlerin, Lehrbeauftragte an den Universitäten Wien und Bern, ehemalige Redaktorin der Schweizer Fachzeitschrift «figura», Kulturschaffende und Publizistin (u. a. «Aussenansicht Schweiz – Figurentheater» 2023). Seit Herbst 2024 Pensionistin. Lebt in Wien.

Adalbert beim Spiel, Kongresshaus Zürich, Juni 1942

1WARUM DIESES BUCH?

Der Kasper – er war von Anfang an da in meinem Leben. Er war mein grosser Bruder, mein bester Freund, mein Grossvater und Taufpate. Der Kasper begleitete mich durch die Kinder- und Jugendzeit und nahm einen festen Platz in meiner Kinderseele ein. Er gab mir Halt und das Vertrauen, dass immer alles gut kommt! Er war ein Tausendsassa, immer gut gelaunt und zu Spässen aufgelegt. Er war hilfsbereit und jedes seiner Abenteuer kam zu einem guten Ende.

Doch wer war dieser Kasper?

Er wohnte zusammen mit seinem Vater Adalbert und seiner Mutter Hilde, meinen Grosseltern, im oberen Stock des Einfamilienhauses in Zürich-Oerlikon. Auch ich wohnte dort – in der unteren Etage zusammen mit meinen Eltern. In diesem Haus drehte sich alles nur um ihn – den Kasper. Und um meinen Grossvater, den Handpuppenspieler! Denn der Kasper und er waren eins. Ohne den einen gab es den anderen nicht.

Als ich zur Welt kam, war mein Grossvater vierundsechzig Jahre alt und spielte bereits seit dreizehn Jahren zusammen mit seiner Frau Hilde und der Mithilfe meiner Mutter im Auftrag der Migros-Genossenschaft. Die Sommer hindurch mittwochs und samstags und während der Schulferien jeden Tag zweimal im Park im Grüene Rüschlikon, während der Wintermonate an verschiedenen Orten auf Tournee in der deutschsprachigen Schweiz. Ich hatte das grosse Glück, dass ich seine letzten fünf Jahre als Puppenspieler noch erleben durfte. Im Kinderwagen im Park, in einem Wäschekorb hinter der mobilen Theaterbühne im Saal eines Gasthauses irgendwo in der Deutschschweiz, als kleines Mädchen im Kasperhäuschen in Rüschlikon. Immer war ich dort dabei, wo sie mit dem Kasper und all den anderen Handpuppen hinfuhren.

Dieses Buch ist eine Hommage an den Puppenspieler Adalbert Klingler und sein Künstler-Kasperli-Theater. Es erzählt davon, wie alles begann und sich entwickelte.

Irmgard Spörri-Klingler mit ihrer Tochter, äm Räägeli, im Kinderwagen im Park während einer Pause zwischen zwei Auftritten

Räägelis erste Bekanntschaft mit dem Kasperli

2DER WEGBEREITER DES KÜNSTLERISCHEN HANDPUPPENSPIELS IN DER SCHWEIZ

WIE ALLES BEGANN

Es würde zu weit führen, in diesem Rahmen eine Entwicklungsgeschichte der Kasperfigur auszubreiten. Nur so viel sei gesagt: Der ursprüngliche Kasper, Hanswurst, Punch, Petruschka, Guignol, Gioppino oder wie er auch immer heissen mochte, war ein Kerl, der weder Tod noch Teufel fürchtete und seine Feinde mit Bratpfanne und Holzpritsche ins Jenseits zu schicken pflegte. Aber er war noch mehr: Mit seinem ungehobelt-dreisten Mundwerk verkörperte er die Stimme des Volks, oft gegen Gesetz und Obrigkeit, denen er stets ein Dorn im Auge war.2

Adalbert Klingler wurde in eine Zeit geboren, als in der Schweiz das Handpuppentheater noch ein eher verächtliches Jahrmarkts- und Budendasein fristete. Erst im Lauf des 20. Jahrhunderts setzte dann die Wandlung des Jahrmarktnarren zur heute vertraut gewordenen pädagogisch wertvollen Kasperfigur ein. Diese Entwicklung machte auch er mit.

«Was zum Beispiel die immer noch aktiven ‹Hohnsteiner› in Deutschland bewirkten, lässt sich mit der Arbeit unseres Schweizer Puppenspielers Adalbert Klingler vergleichen, welcher für das pädagogisch-künstlerische Puppenspiel hierzulande bahnbrechend gewirkt hat», schreibt der Puppenspieler Ueli Balmer über seinen Vorgänger.3

Das Schweizer Theaterjahrbuch (1978) bezeichnete Adalbert Klingler als «Vater des schweizerischen Handpuppenspiels», den Wegbereiter des künstlerischen Handpuppenspiels in der Schweiz. «Er war der erste, der hier in der Schweiz das Handpuppenspiel zu einer Institution erhob, die weit mehr war als eine amüsante Freizeitunterhaltung für Kinder. Durch seine Persönlichkeit, seine vielseitigen künstlerischen Fähigkeiten und durch seine lebenslange Liebe zum Handpuppenspiel machte er dieses zu einer echten künstlerischen Stätte, die bald Nachahmer fand.»4

Adalbert Klingler wurde 1896 als erster Sohn des Schneidermeisters Salomon Klingler und dessen Gattin Maria geborene Eng im Riesbach-Quartier in Zürich geboren. Einige Jahre darauf zogen seine Eltern zusammen mit Adalbert und den beiden jüngeren Geschwistern Olga (* 1898) und Erwin (* 1899) nach Aussersihl, einem der ausgesprochenen Arbeiterbezirke der Stadt. Später sollte dann noch ein weiterer Bruder, Arthur (* 1913) die Familie vergrössern.

In Klinglers neuem Heim, einem Wohnhaus an der Langgasse 135 (heutige Langstrasse), befand sich unten eine italienische Gaststätte. Im Jahr 1901, als fünfjähriger Knabe kam Adalbert erstmals mit dem Puppenspiel in Berührung.

Von seiner damaligen «Verhexung» sollte er zeitlebens nie mehr befreit werden. Er wird später in seinen unveröffentlichten Memoiren «Mein Weg zum Puppenspiel» sagen: «Ich bin soo starch packt wordä vo denä Vorstelligä, won ich dänn in Folge immer wider han dörfä go aaluägä. So starch häts mer dä Ärmel inägno, dass ich dänn tatsächlich nachher verhäxt gsi bin, verzauberet.»5

Sein ganzes Leben widmete er fortan seinen geliebten Handpuppen. Doch der Weg als Pionier des künstlerischen Handpuppenspiels in der Schweiz und zum wohl ersten von einem Arbeitgeber hauptberuflich engagierten Puppenspieler war lang und steinig. Jahrzehnte des Suchens und Irrens, Hoffens und Verzweifelns, des Wollens und Versagens folgten. An Klinglers fünfzigstem Geburtstag kam dann endlich die Wende, die aus einem langersehnten Traum Wirklichkeit werden liess: Gottlieb Duttweiler ermöglichte es ihm, mit seinem Puppentheater beruflich unzählige Kinder in der ganzen Schweiz zu erfreuen und zu begeistern.

Salomon Klingler mit seinen drei Kindern Adalbert, Olga und Erwin

«Kasperli, ich hab dich lieb», schrieb einmal ein Mädchen mit ungelenker Schrift auf einen Zettel, den es mit einer Rose dem Kasper vor die Tür legte. Es sprach für viele!

Bis kurz vor seinem siebzigsten Altersjahr hat Klingler mit seinen Handpuppen gespielt, davon siebzehn Jahre im Auftrag der Migros im Park im Grüene in Rüschlikon und dazu auf seinen Tourneen in der ganzen deutschsprachigen Schweiz. Dann musste er aus gesundheitlichen Gründen aufhören.

Im Alter von achtundsiebzig Jahren starb er in Zürich.

Klingler, der sich selbst als «unverbesserlichen Kasper-Narr»6 bezeichnete, hat seine ganze Kraft und sein Können in den Dienst des Handpuppenspiels gestellt. Dieser Zürcher Kaspernarr schuf das erste «Künstler-Kasperli-Theater» der Schweiz. Hunderttausende von Kindern haben ihn als «Landi-Chaschper» erlebt und später als «Migros-Chaschper» im Park im Grüene sowie auf Tourneen in der ganzen Schweiz.

In seinem Nachruf auf Adalbert Klingler resümierte Ueli Balmer, Klinglers Freund und Handpuppenspielkollege: «Er hat das Kasperspiel als seinen innersten Auftrag empfunden und sich damit in den Herzen unzähliger Kinder und auch Erwachsener ein bleibendes Denkmal errichtet.»7

Adalbert Klingler mit früher Kasperfigur mit Beinen

3VOR DEM SPIEL

Adalbert Klingler beschreibt in seinem auf Tonband gesprochenen Tagebuch «Mein Weg zum Puppenspiel» das Zürcher Aussersihl-Quartier, in dem er den grössten Teil seiner Kindheit verbrachte.

Ich bi ebä z Züri a dä Langgass uufgwachsä und han deet mini Chindheitsjahr verläbt. Äs isch än eigni Atmosphärä gsy deet unä. D Langgass isch i säberä Ziit äs Quartier gsy, wo vili Arbeiter umä gsy sind und obä am Helvetiaplatz isch mit dä Ziit dänn no s Volkshuus entschtandä. Äs isch äs richtigs Arbeitermilieu gsy. A dä Langgass unä häts no käs Tram gha und au no käin Bus. Äs isch aber ä beläbti Schtraass gsy, wo no d Fuerwerch umägfahrä sind. D Mueter hät eus ämal no gschickt ga d Rossbölä ga zämäramisierä für iri Roosä im Gartä. Z oberscht a dä Langgass, deet wo d Badenerschtraass aafangt, deet häts na äs Chaufhuus gha, «Knopf» häts gheissä, und wämmer ganz abäglaufä isch bis deet, wo s hüttig Sihlquai isch, deet häts s Chornhuus gha. Für öis Buebä, wo da i dem Quartier gwont händ, isch äs immer intressant gsy am Chornhuus unä zuezluegä, wie si diä Seckel uuf- und abgladä händ. Es hät au no kei Chornhuusbrugg gää. Äs isch ä ganz ä gmächlichi Ziit gsy.

«Pilatus» hät das Huus gheissä, wo mir drin gwont händ. Näbedzuä häts än Appotheg gha und gägenüber äs Spezerielädeli. I derä Umgäbig sind au föif Wirtshüüser gsy, eis dävo zunderscht i eusem Huus, ä «Trattoria Viola». Dänn häts no am Eggä Militärschtraass/Langgass äs Reschtorant «Zum Struuss», vis-à-vis a dä Militärschtraass s «Münchner Kindl», d «Sihlhalä» und s «rootä Huus» gää. Äs hät vill Italiener gha bin eus im Quartier, Frömdarbeiter. Am Samschtig und am Sunntig sind dänn diä Manä uf dä Schtraass gschtandä und mer häts ghörä singä. Ich ha amal no ganz gern die frömdä Arbeiter ghörä singä. Am Samschtignomittag und -abig isch dänn ä Dischputanz gsy uf dä Schtraass, mer hät nüüt wie schwätzä ghöört und dänn nöd ämal liislig, i dä höschschtä Töön und zimmli geschtikuliert händs au dezuä. Znacht, wänns ächli aagheiteret heigangä sind, do händs au mal gjooled, aber eigetli immer aaschtändig.

I dä nöcherä Umgäbig häts na än Wiihändler «Mattis», än Guafför «Aebi» und dä Beck «Lappert» gää. Diä zwee Buäbä vom Modischtäladä «Küng» am Eggä Langgass sind immer ächli dischtanziert gsy. Äs sind halt Kaufmannssöönli gsy und händ sich ächli besser tunkt als die anderä. Mir Buäbä vo dä Langgass händs aber glych ganz gern gha und sind öppä biinä änä gsy.

Mer händ au d Kasernä i dä Nöchi gha. Deet simmer im Herbscht vill über dä Haag gschtigä und händ d Rosskaschtaniä gsuächt oder mer sind am Haag zuä gschtandä und händ dä Soldatä bim Exerzierä zuägluäged. Das hät eus Buäbä au inspiriärt zum sälber «Soldätelis» z schpilä. Das hät au dezuä ghört i säberä Zyt.8

VERHEXT

Kindheit, Jugendzeit

Im Jahr 1901, als fünfjähriger Knabe kam Adalbert Klingler erstmals mit dem Puppenspiel in Berührung und wurde davon in einen Bann gezogen, von dem er zeitlebens nicht mehr loskam. In seinen Memoiren beschreibt Adalbert diese Eindrücke wie folgt:

Ich bin mit einem «Geburtsfehler» behaftet auf die Welt gekommen, nämlich als Kasper.

Meine Mutter hat mir einmal erzählt, dass ich ein kugelrundes Knirpschen gewesen sei, mit munteren, aber rasch erschreckten Augen, ein kleiner Angsthase, der vor Spuk und Geistern heillosen Respekt hatte und der mit einer beweglichen Phantasie sich selbst ein Reich der allermannigfaltigsten Gestalten aufbaute. Nicht nur in der Dämmerstunde oder des Nachts, nein, sogar am hellichten Tag gab es Gelegenheiten genug, in welchen meine rastlos tätige Fabulierlust die groteskesten Vorkommnisse erblickte. Die alles überwuchernde Welt der eingebildeten Verhältnisse, das Sein des schönen Scheins hielt mich in seiner Verzauberung fest.

Der Burattinaio, der Puppenspieler hat mich damals in der «Trattoria Viola» an der Langstrasse, wo er seine kleine Bühne aufgeschlagen hat, mit seinem Bergamasker Kasper «Giuppin» regelrecht verhext. Er sprengte meine Welt. Eine völlig neue Welt tat sich mir auf. Wann immer ich von zu Hause entwischen konnte, nahm ich hier «meinen» Platz ein. Manchmal musste mich die Mutter abends um zehn Uhr fast mit Gewalt aus der rauchgeschwängerten Wirtsstube holen.

Die tausend unvergleichlichen Wunder meiner ersten Jugendzeit strahlten mir, wie ein erfüllter Traum und wie aus Aladins Wunderlampe, aus dem farbigen Ausschnitt eines italienischen Puppentheaters entgegen. In jenen phantasiegetränkten Tagen kam scheinbar das entscheidende Erlebnis. Ein gequältes Knabenherz fand in seinem Suchen einen Ort, an welchem die Geister und Teufel und alles Böse nur gebannt und beherrscht in Aktion treten durften. Das strahlende Ergebnis jener Begegnung aber war «Giuppin», der Kasper, der lachende Schlauberger und gewichste Rätsellöser aller Verdrehungen und Verwicklungen in diesem Reich verzauberten Scheines. Dankbar gedenke ich jetzt noch der Umstände, die zu dieser Bekanntschaft und späteren, dauernden Freundschaft, ja zu einer Art Lebensbund führten. Arbeiter und Leute aus dem einfachen Volke, meist Italiener oder Tessiner waren es, die im Restaurant «Pilatus», in der «Trattoria Viola» bei einem Glas Bier und einem Räuklein, Kopf an Kopf an den überfüllten Tischreihen hockend, sich die volkstümlichen Spässe des Bergamasken Typus «Giuppin» gefallen liessen. Als behänder und fürwitziger Bub hatte ich den Vorrang, zufällig gerade in diesem Hause zu wohnen, auszunützen verstanden und mir an Sonntagnachmittagen Zugang zu den Aufführungen zu verschaffen gewusst. In diesem rauchgeschwängerten Raume, weit hinten an der Wand, seitlich des Schanktisches, hinter Flaschen und Gläsern versteckt, starrte ich mit brennenden Augen, geröteten Backen, fliegendem Atem und mit aufgerissenem Munde auf das Geschehen in der lichten Öffnung des Puppentheaters. Obzwar mir die Handlung wegen der italienischen Sprache auch nicht verständlich erschien, ich aus dem Äusseren des Vorganges also auf einen inneren Sinn zu schliessen hatte, den ich trotzdem nicht begriff und ihn daher mit wilden Gedankenreisen selbst ausschmückte, wurde ich des Schauens dennoch nie müde. Die schwebende Art der Puppenbewegungen, die possierliche, nicht von der Natur hergeleitete Manier zu hantieren, zu nicken, zu reden, weinen und lachen, das ganze, grosse Geheimnis der sprechenden Puppe, riss mich zu grenzenloser Bewunderung hin.

Allein, es wäre unbegreiflich, wenn man eine solche Begeisterung, die, wenn auch zeitweise gedämpft oder scheinbar erloschen, sich immer wieder entflammte, allein dieser äusseren Begegnung zuschreiben würde. Ohne Zweifel war die Veranlagung schon sehr früh durch Vererbung da, bedurfte also offenbar nur eines entscheidenden Anstosses, der dann ein dunkel erahntes Ziel enthüllen sollte. Bis zur klaren Bewusstseinsdurchdringung und erkenntnismässigen Ausnutzung dieses undeutlichen Gefühlszustandes war aber immer noch ein nicht unbeschwerliches Wegstück zurückzulegen.

Indessen erlebte ich die Puppen als das Geheimnis meines jungen Lebens. Eines Morgens, als die besagten Wirtsleute noch in den Federn steckten und ein Hausbursche sich mit der Reinigung des Lokals zu schaffen machte, schmuggelte ich mich hinter das in der vorderen, linken Saalecke befindliche Theater. Dort verhielt ich mich mäuschenstill.

So war ich nun eingetreten in den Zauber gruseligen Bezirk, der dadurch, dass ich ihn mit Händen abfingern konnte, nur noch reizvoller wurde. Wohl war die geheimnisvolle Sphäre der lebenden und sprechenden Puppe versunken in das lichtarme Schattendasein nüchterner Prospekte. Dürre, astreiche Holzgestelle, die nackten Rippen der Kulissenträger, bemalte bekleckste Hintergründe, die offenbar durch häufiges Rollen blätterten, boten sich meinen begierig forschenden Augen dar.

Das einmalige dieses verstohlenen Einbruches in das Hinterland, das Jenseits, des dem Auge entzogenen, geheimnisvollen Wirkens, erhöhte und steigerte die Schauder des Neuen, Unerklärbaren in noch zunehmendem Masse beim Anblick eines in Mannes-Brusthöhe angebrachten Pultes, worauf ein aufgeschlagenes, mit geheimnisvollen Zeichen übersätes Buch lag. Mein Respekt davor war ein unbeschreiblicher. Ich wagte dieses geheimnisvolle Zauberbuch kaum zu berühren. Fiebernd vor Erregung huschte ich mit der ausgestreckten Rechten in scheuer Betastung darüber hinweg. Beim leisen Rascheln und Knistern, das wie mir schien aus dem Bündel Blätter aufstieg, überlief mich die Gänsehaut. Daraus also wurden die beschwörenden Formeln und Zaubersprüche genommen, um den merkwürdigen Geschöpfen ihr Leben einzuflössen. Und da hingen sie ja, gerade unterhalb des Buches, die schweren Köpfe nach unten. Sie, die ich alle so masslos bewundert habe, kamen mir jetzt so ganz fremdartig, stumm, schweigend, unheimlich vor. Ein behagliches Gruseln überkam mich, als ich vorsichtig die gewichtigen Köpfe einer nach dem andern zu heben begann und mich ergriffen über die seltsamen Gesichter beugte. Wie erstarrte Gespenster fratzenhaft und maskengleich grinsten sie mich aus dem Dämmerdunkel, das hier vorherrschte, an. Beim Rätsel und Geheimnis der «toten» Puppe wurde der Zauber der «lebendigen» Puppe nur noch anziehender. Die Anziehungskraft dieses Geheimnisses der spielenden Puppe brachte mich von da an in den unabweisbaren Kreis, dem ich nun für immer verschrieben sein sollte.

Über jene erste Begegnung hinaus hatte ich noch oft, dann auch in deutscher Sprache, den Kasper spielen gesehen. Der Gasthof «Zum roten Haus», ganz in der Nähe unserer «Trattoria Italiana», gab diese Schaustellungen gleichsam als Ersatz für diejenigen, die des Italienischen nicht mächtig waren. Mit weniger Glück, dafür umso hartnäckiger, versuchte ich mir Eingang