Albanien - Franziska Tschinderle - E-Book

Albanien E-Book

Franziska Tschinderle

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Beschreibung

Partisanenstatuen neben Werbeplakaten, Moscheen neben Kirchen, Wahlkampf im Fußballstadion und Flüchtlingslager mit Swimmingpool: Die Journalistin Franziska Tschinderle zeigt in ihren Reportagen über Albanien den Weg des Landes aus der Selbstisolation und stalinistischen Diktatur unter Enver Hoxha hin zu einer jungen Demokratie in Europa. Kaum ein anderes Land in Europa hat sich in jüngster Zeit so radikal gewandelt wie Albanien. Fast ein halbes Jahrhundert war es vom Rest der Welt isoliert. Religionen, Reisen und Rockmusik waren verboten, Stalins Lehre hingegen Pflicht. Heute sind Straßen nach US-Präsidenten benannt und Albanien ist EU-Beitrittskandidat. Vor 30 Jahren brach die kommunistische Diktatur zusammen, nun zieht Franziska Tschinderle Bilanz und findet Antworten auf zentrale Fragen: Wie sieht das Albanien von heute aus? Wer bestimmt das politische Geschehen? Und warum wollen so viele junge Menschen von dort wegziehen, wo doch der Tourismus zu wachsen beginnt?

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Seitenzahl: 338

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Franziska Tschinderle

ALBANIEN

Aus der Isolationin eine europäische Zukunft

Gedruckt mit Unterstützung der Stadt Wien, Kultur und des Landes Kärnten

Für Anja und Aida

Tschinderle, Franziska: Albanien. Aus der Isolation in eine europäische Zukunft / Franziska Tschinderle

Wien: Czernin Verlag 2022

ISBN: 978-3-7076-0762-8

© 2022 Czernin Verlags GmbH, Wien

Umschlagbild: Andrey Pozharskiy, Alamy Stock Foto

Autorinnenfoto: Christoph Liebentritt

Satz und Umschlaggestaltung: Mirjam Riepl

ISBN Print: 978-3-7076-0762-8

ISBN E-Book: 978-3-7076-0763-5

Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe in Print- oder elektronischen Medien

INHALT

Vorwort

1.Der letzte Stalinist

Er war einer der brutalsten und bizarrsten Kommunisten, die Europa je hervorgebracht hat. Ein ehemaliger Französischlehrer, der sein Land hermetisch von der Außenwelt abriegelte und mit Hunderttausenden Bunkern überzog. Wer war Albaniens Diktator Enver Hoxha?

2.Ein drittes Mal Edi Rama

Als Basketballspieler war er Teamplayer, als Künstler debattenfreudig. Jetzt, bei Antritt seiner dritten Amtszeit als Albaniens Ministerpräsident, muss sich Edi Rama der Frage stellen: Hat er als Politiker beides verlernt?

3.Hotel Afghanistan

Es ist das luxuriöseste Flüchtlingslager Europas: An der Adriaküste leben Hunderte Menschen aus Afghanistan in einem Hotel mit Swimmingpool und Sandstrand. Was erzählt dieser Ort über Albaniens Beziehung zu den USA?

4.Berishas Comeback

Sali Berisha war Albaniens erster demokratisch gewählter Präsident. Er hat sein Land aus der Diktatur und an den Rand eines Bürgerkriegs geführt. Jetzt plant er mit 77 Jahren sein Comeback. Er will eine Partei zurückerobern, die er vor 30 Jahren selbst gegründet hat.

5.Verlobt, nicht verheiratet

Albanien will der Europäischen Union beitreten. Aber will die Europäische Union das auch?

6.Mit dem Boot in die Berge

Albaniens Bergwelt ging stets ihren eigenen Weg. Die Bewohner sträubten sich gegen Invasionen und die Islamisierung. Sie lebten in Stämmen zusammen und blieben dabei weitgehend unter sich. Jetzt zieht die Region den Wandertourismus an – doch zu welchem Preis?

7.Eine Reise in den Süden

Der Tourismus gilt als Albaniens Wirtschaftszweig der Zukunft. Wer profitiert schon jetzt davon? Und wer nicht? Porträt eines Küstenabschnitts.

8.Wem gehört Tirana?

Gemessen an der Landesbevölkerung gilt Tirana als eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Was der Bürgermeister als Sprung in die Moderne feiert, kritisieren Stadtbewohner als Ausverkauf des öffentlichen Raumes.

9.Minenarbeiter gegen Milliardär

Samir Mane ist der reichste Mann Albaniens. Er besitzt Shoppingcenter, Luxushotels, Supermarktketten – und die größte Chrommine des Landes. Elton Debreshi hat dort für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft und ist gescheitert. Warum?

10.Pilgern mit den Bektaschi

Einmal im Jahr findet auf dem Tomorr ein islamisches Schlachtfest statt. Ohne Kopftücher und Gebete, dafür mit reichlich Schnaps und patriotischen Volksliedern. Über das Verhältnis der Albaner zu ihren Religionen.

11.Mao Ce Dun

Wieso steht in Berat eine Fabrik, die nach dem chinesischen Führer Mao benannt ist? Die Antwort öffnet eines der sonderbarsten Kapitel in der jüngeren albanischen Geschichte.

12.Shpetim auf der Flucht

Die Geschichte eines Mannes, der versuchte, in einem Krankenwagen aus Albanien zu fliehen – und dafür 13 Jahre lang in einem Straflager eingesperrt war.

13.Das Ende von Lazarat

Lazarat galt als die größte Freiluft-Hanfplantage Europas. 2014 ging sie in Flammen auf. Was ist aus dem Bergdorf geworden?

14.Dunkles Gesetz

Am 12. Juni 2012 starb Marija als Opfer einer Blutrachefehde. Über den Kanun, ein jahrhundertealtes Gewohnheitsrecht, und einen scheinbar machtlosen Rechtsstaat.

15.Musine

Musine Kokalari gilt als Albaniens erste weibliche Schriftstellerin. Die Bücher der Sozialdemokratin waren lange verboten, sie selbst bis an ihr Lebensende interniert. Die Geschichte einer Frau, die stärker war als das Regime.

16.Muslim rettet Jude

14 Monate – so lange war Albanien von den Nazis besetzt. Wie kann es sein, dass ausgerechnet dort Hunderte Juden und Jüdinnen den Holocaust überlebten?

Weiterführende Literatur

Danksagung

VORWORT

Warum ausgerechnet Albanien?

Das ist der Satz, den ich während der Arbeit an diesem Buch am öftesten hörte. Warum sich drei Jahre lang mit einem Land beschäftigen, das kleiner ist als Baden-Württemberg? Warum eine Sprache lernen, die nur geschätzte acht bis zehn Millionen Menschen auf der Welt sprechen?

Seitdem ich als Südosteuropa-Korrespondentin in Tirana lebe, wird mir diese Frage noch häufiger gestellt. Eine erste Antwort lautet: Albanien war das Land, über das man in Europa bis vor 30 Jahren am wenigsten wusste. Es galt lange als einer der isoliertesten Staaten der Welt, eine Art Nordkorea auf dem Balkan, manche würden auch sagen: das Kuba an der Adria. Damals war die Küste mit Bunkern übersät und an der Grenze standen Zäune. Heute wird Albanien unter den Top-10-Reisezielen des Lonely Planet gelistet.

Ich kenne kein zweites Land in Europa, das sich in kurzer Zeit so radikal gewandelt hat. Unter den Kommunisten stand Auswandern unter Strafe – jetzt ist es zu einer Art Volkssport geworden. Die Hälfte der Bevölkerung hat Albanien in den letzten 30 Jahren verlassen. Umfragen zufolge gibt es nur wenige Länder auf der Welt, aus dem so viele Menschen migrieren möchten. Wer Albanisch spricht, findet oft an den entlegensten Orten der Welt jemanden, der das auch tut.

Die große Diaspora dieses kleinen Landes ist ein weiterer Grund für mein Interesse. Albaner und Albanerinnen leben heute auf der ganzen Welt verteilt: von Kanada bis nach Australien, von den USA bis nach Westeuropa und hier insbesondere in der Schweiz, Deutschland, Italien, Belgien und Großbritannien. Wer sich mit dieser grenzüberschreitenden Lebenswelt beschäftigt, der lernt nicht nur etwas über ein kleines Land in Südosteuropa, sondern über Europa im Ganzen.

Wenn wir also über die Frage diskutieren, ob Länder wie Albanien eines Tages der Europäischen Union beitreten werden, dann müsste eine ehrliche Antwort lauten: In Europa sind sie längst. Warum ist am Buchcover dann von einer »europäischen Zukunft« die Rede?

Die Zukunft bezieht sich auf die EU-Mitgliedschaft, die Albanien vor fast 20 Jahren in Aussicht gestellt wurde. Seitdem ist eine ganze Generation erwachsen geworden. Sie lebt heute in einem der proeuropäischsten Länder Europas, ohne Teil der Union zu sein. Für viele ist die Hinhaltetaktik frustrierend, aber noch lange kein Grund, sich von Brüssel abzuwenden. In Zeiten, in denen eine europafeindliche Politik Konjunktur hat, bin ich in Albanien einem beispiellosen EU-Optimismus begegnet. Diese Begeisterung ist zum Teil stärker spürbar als in manchen Mitgliedsländern.

Was also ist das für ein Land, das scheinbar so fern inmitten von Europa liegt? Was wissen wir darüber? Oder was glauben wir zu wissen? Nach dem Zusammenbruch hochriskanter Pyramidensysteme stand Albanien in den Neunzigerjahren für dreierlei: Armut, Abwanderung und Anarchie. Diese Bilder reichen heute nicht mehr aus, um der Realität gerecht zu werden.

Für dieses Buch habe ich drei Jahre lang aus und über Albanien recherchiert und mit ungefähr 200 Menschen gesprochen. Mit amtierenden und mit ehemaligen Ministerpräsidenten. Mit Schafhirten und Diplomaten, mit Umweltaktivistinnen und Firmenchefs. Mit Minenarbeitern und Feministinnen, ehemaligen Häftlingen und Polizisten, mit Menschen vom Land und aus der Stadt. Das Ziel? Reportagen zu schreiben, die draußen im echten Leben spielen: auf Fischerbooten und Berggipfeln, im Fußballstadion und auf Friedhöfen, in alten Geheimdienstarchiven und neuen Beach Bars. Ich buchte mir ein Zimmer in einem Flüchtlingscamp mit Swimmingpool, begleitete Albaniens Ministerpräsidenten Edi Rama im Wahlkampf und trank mit den Bodyguards von Ex-Präsident Sali Berisha Tee. Ich stieß auf die Geschichte von Albaniens erster Schriftstellerin Musine Kokalari und beschäftigte mich mit dem Diktator Enver Hoxha, der sie ins Gefängnis werfen ließ. Ich traf Menschen, die hinter Tiranas rasantem Bauboom ein Geldwäschesystem vermuteten, und stellte mir die Frage, warum Bulqiza, eine der rohstoffreichsten Städte auf dem Balkan, so bitterarm geblieben ist.

Eine erste Auflage dieser Reportagensammlung ist im September 2020 im DuMont Reiseverlag erschienen. Bei Czernin erscheint nun eine zweite, stark erweiterte Auflage.

Tirana, März 2022

KAPITEL 1

DER LETZTE STALINIST

Er war einer der brutalsten und bizarrsten Kommunisten, die Europa je hervorgebracht hat. Ein ehemaliger Französischlehrer, der sein Land hermetisch von der Außenwelt abriegelte und mit Hunderttausenden Bunkern überzog. Wer war Albaniens Diktator Enver Hoxha?

Auf der anderen Straßenseite steht heute eine Kentucky-Fried-Chicken-Filiale. Daneben: Banken, ein Sushi-Lokal, ein Hot-Dog-Stand, Clubs und Bars. In der Mitte thront, wie aus der Zeit gefallen, eine dreistöckige, apricotfarbene Villa mit getrimmtem Rasen, Palmen und zugezogenen Jalousien. Es ist die ehemalige Residenz von Enver Hoxha, der 40 Jahre lang Albaniens Diktator gewesen ist. Seit seinem Tod im Jahr 1985 steht das Haus leer, mitten im Zentrum von Tirana.

Enver Hoxha wirkte auf viele elegant und belesen, seine Politik hingegen war paranoid, brutal und eiskalt. Unter ihm verwandelte sich Albanien in das Nordkorea Europas, fast vollständig von der Außenwelt isoliert. Der Kommunist überzog das kleine Balkanland an der Adria mit einem Netz aus Hunderttausenden Bunkern (Angaben variieren zwischen 300.000 und 700.000), so groß war seine Angst, das feindliche Ausland könnte Albanien angreifen. Besonders die USA galten als das ultimative Böse. Heute, Jahrzehnte nach seinem Tod, hat sich vis-à-vis von seinem Haus eine US-amerikanische Fast-Food-Kette eingemietet. Die Parallelstraße ist von US-Flaggen gesäumt, ein nahegelegenes Institut nach Abraham Lincoln benannt. Clubs spielen Elektro, Geländewägen mit dunklen Scheiben ziehen ihre Runden um die Villa. Im Sozialismus waren westliche Musik und private Fahrzeuge strengstens verboten. Der Blloku, das Stadtviertel, in dem der Diktator lebte, durfte nur von Mitgliedern des Politbüros der Kommunistischen Partei betreten werden. Für den Rest der Bevölkerung war der Blloku tabu. Heute liegt ausgerechnet hier Tiranas Partymeile.

Rückblickend war Albanien nicht nur eine der brutalsten sozialistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts, sondern auch eine der bizarrsten: ein Staat, kleiner als Baden-Württemberg, der sich bis in die späten Achtzigerjahre damit rühmte, das einzige amtlich atheistische Land der Welt zu sein. Und noch in einer Zeit, als sich andere Länder im Ostblock mehr und mehr zu öffnen begannen, ging Hoxha blind seinen eigenen Weg. »Genau das, also die Selbstisolation in den 70er- und 80er-Jahren, ist das auffallendste Merkmal, das Albanien von anderen kommunistischen Staaten unterschieden hat«, sagt der albanische Historiker Idrit Idrizi, der an der Universität Wien lehrt. Bis zu Hoxhas Tod habe das Regime an der totalitären Kontrolle festgehalten. Albanien war das letzte Land in Europa, in dem Stalin-Statuen standen.

Wer sich heute mit Albanien beschäftigt, der kommt um Enver Hoxha nicht herum. Egal, wohin ich für dieses Buch gereist bin, und egal, mit wem ich sprach – Hoxhas Schatten begleitete mich. Es begann schon damit, wie die Menschen sich mir vorstellten. Sie sagten: »Ich komme aus einer Familie mit guter Biografie« (biografi të mirë), oder: »Ich komme aus einer Familie mit schlechter Biografie« (biografi të keq). Unter Hoxha teilte sich die Gesellschaft in Gut und Böse. »Schlecht«, das waren wohlhabende Großgrundbesitzer, Familien mit Kontakten ins Ausland, kritische Intellektuelle oder Geistliche. Solche Menschen ließ Hoxha nicht selten in Arbeitslagern oder in abgelegenen Dörfern internieren. »Guten« Familien ging es besser, aber auch für sie war Albanien ein Freiluftgefängnis, das sie nur in Ausnahmefällen verlassen durften. Fast ein halbes Jahrhundert lang, von 1944 bis 1991, war es, als hätte jemand eine Glasglocke über Albanien gestülpt. Was von außen nach innen drang und umgekehrt, wurde von Partei und Geheimdienst streng kontrolliert. Wie gelang es Enver Hoxha, eine solche Kontrolle auszuüben? Und was denken die Menschen heute über ihn?

Stadt aus Stein

Der Ort, an dem Enver Hoxha 1908 geboren wurde, liegt im Süden Albaniens, unweit der griechischen Grenze. Gjirokastra gehört zu den touristischen Highlights des Landes. Nicht wegen Hoxha, sondern aufgrund der denkmalgeschützten Gebäude, jahrhundertealten Häusern aus Stein, die an wehrhafte Trutzburgen erinnern. Von Weitem sieht es aus, als wäre Gjirokastra dem Berg entwachsen. Historisch gesehen stimmt das sogar. Ursprünglich befanden sich die Häuser der Stadt im Bauch der Burg, hoch oben am Felsen. Als es keinen Platz mehr gab, breiteten sie sich auf den Hängen aus. Die Steinhäuser stammen aus der Zeit, als Albanien Teil des Osmanischen Reiches war. Die fast 500 Jahre andauernde Herrschaft – sie begann im frühen 15. Jahrhundert und endete im Ersten Balkankrieg 1912 – ist der Grund, warum Albanien heute mehrheitlich muslimisch ist. Zumindest auf dem Papier, denn von den 60 Prozent Muslimen sind die Wenigsten streng gläubig (siehe Kapitel Pilgern mit den Bektaschi, S. 146).

Seit 2005 gehört die Altstadt von Gjirokastra zum UNESCO-Weltkulturerbe, eine Auszeichnung, die den Tourismus angekurbelt hat. Durchschnittlich tausend Menschen besuchen die Stadt pro Tag, erzählt mir der Bürgermeister, ein Augenarzt, der vor wenigen Jahren in die Politik gewechselt ist. Flamur Golemi, 43, ein Mann mit Cordsakko und polierten Lederschuhen, steht am Fenster seines Büros und blickt auf den großen Parkplatz hinunter, auf dem in der Hochsaison Doppeldeckerbusse parken. Als politischer Quereinsteiger hat Golemi den Jackpot geknackt. Es gibt wenige Städte in Albanien, die so viele Besucher anziehen wie seine. Aber der Bürgermeister steht auch vor einem Dilemma. »Es gibt Touristen«, erzählt er mir, »die nur wegen Hoxhas Geburtshaus kommen. Finanziell wäre es in unserem Interesse, daraus ein Museum zu machen. Aber ich will Hoxha nicht glorifizieren und all jene verhöhnen, die unter ihm gelitten haben.« Als Zwischenlösung hat die Stadt das Haus in ein ethnografisches Museum umgewandelt, in dem Trachten, Teppiche und Holztruhen ausgestellt sind. Über den Mann, der dort aufgewachsen ist, erfährt man nichts.

Das Kopfsteinpflaster von Gjirokastra ist von Tausenden Füßen so glattpoliert, dass man aufpassen muss, in den steilen Gassen nicht auszurutschen. Souvenirläden, Schuster und Kunsthandwerker reihen sich aneinander, die schwarzen Messingschilder am Eingang frisch lackiert, damit die Touristen einkehren. Restaurants werben mit gefüllten Weinblättern, Lammfleisch und Ziegenkäse. Vor einem Shop an der Ecke steht eine Tafel, an der bunte Magnete hängen. Einer zeigt das Konterfei Hoxhas, einem großgewachsenen Mann mit Krawatte und Hut, die Faust zum sozialistischen Gruß erhoben. In Albanien gibt es eine Debatte darüber, ob solche »Fanartikel« verboten werden sollten. Hoxha hat über 60 Gefängnisse und Arbeitslager errichten lassen, in denen im Laufe seiner Herrschaft zwischen 24.000 und 34.000 politische Häftlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen interniert waren. Reist man heute durch Albanien, stößt man immer wieder auf Überreste dieser Lager. Einmal bezog ich ein Hotel neben einer Tankstelle im Süden des Landes. Am Morgen blickte ich aus dem Fenster auf ein freies Feld hinaus, auf dem die Ruinen von fünf Baracken standen. Davor lag ein stillgelegtes Fußballfeld, auf dem ein Hirte seine Schafe weidete. Der Ort heißt Tepelena, ein ehemaliges Lager, in dem unter Hoxha unzählige Kinder an Unterernährung und Krankheiten starben.

Auch im albanischen Bildungssystem ist die kommunistische Zeit immer noch ein Tabuthema. »Hoxha war nur ein kurzes Kapitel in der Schule«, erinnert sich einer meiner Freunde aus Tirana, »und wenn wir etwas über den Kommunismus gelernt haben, dann, dass Frauen arbeiten durften und Hoxha den Analphabetismus bekämpft hat.« Das stimmt auch. Bevor Hoxha an die Macht kam, konnte der überwiegende Teil der albanischen Bevölkerung weder lesen noch schreiben. Laut dem Historiker Michael Schmidt-Neke waren bei der Machtergreifung der Kommunisten 75 Prozent der Menschen Analphabeten. Zehn Jahre später waren es nur noch 28 Prozent. Frauen fanden Arbeit in den Fabriken und die Propaganda zeigte sie nicht nur als Mütter, sondern auch als kämpfende Partisaninnen oder Ingenieurinnen. Aber derselbe Hoxha hat auch 5500 bis 6000 politisch motivierte Hinrichtungen befohlen und 60.000 Menschen in abgelegene Dörfer verbannt, wo sie schwere Arbeit in der Landwirtschaft oder im Straßenbau verrichten mussten. Dazu kommt die Gewalt, die Hoxha den Mitgliedern seiner eigenen Partei angetan hat. Wie Stalin, sein großes Vorbild, säuberte er die Partia e Punës e Shqipërisë (PPSh), die Partei der Arbeit Albaniens, in regelmäßigen Abständen. Selbst ehemalige Klassenkameraden, Weggefährten und Cousins ließ er in Schauprozessen verurteilen, wegsperren oder exekutieren. Auf Fotos ließ er in Ungnade gefallene Minister oder Generäle wegretuschieren, als wären sie nie dagewesen. »Der Kommunismus in Albanien war wie ein Hund, der seine eigenen Welpen gefressen hat«, meinte Kaso Alliu, ein ehemaliger Häftling, einmal zu mir. Alliu, heute 73, war fünf Jahre lang in Spaç eingesperrt, einem der schlimmsten Arbeitslager des Landes (siehe Kapitel Shpetim auf der Flucht, S. 168), in dem Prügel und Folter an der Tagesordnung waren.

Shehus Schicksal

Eine beliebte Taktik Hoxhas war es, seine Feinde als Spione ausländischer Staaten zu diffamieren. So erging es auch Mehmet Shehu, 27 Jahre lang Albaniens Premierminister und Hoxhas letzter Weggefährte aus der Partisanenzeit. Shehu, die Nummer zwei im Überwachungsstaat, wohnte in derselben Straße wie der Diktator. Die beiden Genossen besuchten einander zu Hause und führten lange Gespräche. Laut Ismail Kadare, Albaniens bekanntestem zeitgenössischen Schriftsteller, soll es sogar einen geheimen Tunnel zwischen ihren Häusern gegeben haben. Doch als einer von Shehus Söhnen eine Frau aus einer antikommunistischen Familie heiratete, begann Hoxha, an der Loyalität seiner rechten Hand zu zweifeln. Er diffamierte Shehu öffentlich als Verräter und Spion, so lange, bis dieser dem Druck nicht mehr standhielt und im Dezember 1981 tot in seinem Bett aufgefunden wurde, eine Waffe in Griffweite. Bis heute ist nicht endgültig geklärt, ob der Premierminister Selbstmord begangen hat oder exekutiert wurde.

Nach Mehmet Shehus Tod ließ Hoxha dessen Frau und Söhne internieren, von denen sich der älteste, Vladimir, das Leben nahm. Sein jüngerer Bruder Bashkim Shehu, mittlerweile 66 Jahre alt, lebt heute als Schriftsteller in Barcelona. »So etwas wie Freundschaft war Enver Hoxha fremd«, erzählt er mir am Telefon. Als Bashkim ein kleiner Junge war, dachte er noch anders über den Mann, der, so ist er sich mittlerweile sicher, seinen Vater in den Selbstmord getrieben hat: »Hoxha wirkte auf mich wie eine nette Person«, sagt Bashkim, »und er mochte es, sich mit mir auf Französisch zu unterhalten.«

Auch wenn Hoxha alles, was aus dem Ausland kam, verdammte, Frankreich, das Land, in dem er als junger Mann studierte, war eine Ausnahme. Hoxha sprach fließend Französisch und las mit Vorliebe Le Monde. Gerne vertrieb sich der Diktator die Zeit in seiner privaten Bibliothek, die über 22.000 Bücher umfasste, darunter auch solche, die im Rest des Landes verboten waren – Biografien von Päpsten, Werke von Nietzsche und Kriminalromane von Agatha Christie. Hoxha schrieb auch selbst und veröffentlichte bis zum Ende seines Lebens über 60 Bücher, etwa seine Gespräche mit Stalin und Abhandlungen über die angloamerikanische Bedrohung. Es gab wenige Herrscher auf der Welt, die ähnlich viel publizierten wie dieser Mann, der ein durchschnittlicher Schüler gewesen sein soll und sein Studium der Naturwissenschaften in Montpellier abgebrochen hat. »Hoxha mag viel gelesen haben«, meint der Intellektuelle Remzi Lani, »aber ich bezweifle, dass er seine Bücher alle selbst geschrieben hat.«

Am Basar von Gjirokastra steht eine Moschee, deren schmales weißes Minarett über die steinernen Schieferdächer ragt. Es ist das einzige von insgesamt elf islamischen Gotteshäusern in Gjirokastra, das Hoxhas Zerstörungswut überlebt hat. Im Jahr 1967 verbot er alle Religionen und rief Albanien zum ersten atheistischen Staat der Welt aus. Priester und Imame wurden verfolgt und Albaner und Albanerinnen, die heimlich Weihnachten oder Bayram feierten, eingesperrt. Hoxha duldete keinen zweiten Gott neben sich selbst. Fortan galt der Marxismus-Leninismus als neue Religion.

Zwei Details in Hoxhas Biografie dürften ihm später peinlich gewesen sein, weil sie nicht zum Image eines Klassenkämpfers passen: Er ist der Sohn eines Imams und er stammt, anders als sein großes Idol Stalin, nicht aus ärmlichen Verhältnissen, sondern aus wohlhabendem Hause.

Hoxhas Geburtshaus steht am Ende einer schmalen Gasse abseits des Basars, ein weiß verputztes Steinhaus mit Türmen, braunen Dachgiebeln und einem blühenden Oleanderstrauch vor der Tür. Jemand hat einen roten Stern an die Steinmauer gesprüht, das Zeichen der Partisanen, die im Zweiten Weltkrieg gegen die faschistischen Besatzer kämpften. Nach dem Krieg stiegen viele von ihnen zur neuen politischen Elite auf. Auch wenn es in Albanien heute keine einzige Hoxha-Statue mehr gibt – sie wurden allesamt gestürzt oder sind still und leise in Hinterhöfen verschwunden –, die Partisanendenkmäler sind geblieben. Selbst in den entlegensten kleinen Dörfchen bin ich ihnen begegnet, darunter auch welchen mit dem roten Stern an der Spitze.

Früher nahm der Hoxha-Personenkult absurde Züge an. Im Jahr 1988, drei Jahre nach Hoxhas Tod, wurde in Tirana eine Betonpyramide errichtet, in der sich ein Museum für den Diktator befand. Zu Lebzeiten mussten seine Porträts in jedem Büro und Klassenzimmer aufgehängt werden. Auf Paraden formten Menschenmassen seinen Namen und ein gewaltiges »ENVER« schwebte, zwischen Panzern und roten Fahnen, durch die Stadt. Arbeiter schrieben Hoxhas Namen auf Berge, so groß, dass man ihn aus weiter Ferne lesen konnte. Kinder überreichten dem Diktator Blumensträuße und dieser nahm sie als Dank auf den Arm. Hoxha inszenierte sich geschickt als Vater der Nation und gab vor, sich um jeden Albaner und jede Albanerin einzeln zu kümmern.

Zu seinem eigenen Vater hatte er allerdings ein schlechtes Verhältnis. Als dieser kurz nach seiner Geburt in die USA emigrierte, um in einer Baumwollfabrik zu arbeiten, wurde Hoxha von seinem Onkel großgezogen, der Enver, den einzigen Jungen im Haus, verhätschelte. Der Ersatzvater finanzierte ihm eine Ausbildung an einem französischen Lycée, damals eine der besten Schulen des Landes. Als Hoxha mit 19 Jahren auszog, schenkte ihm der Onkel einen maßgeschneiderten Anzug aus feinstem Stoff und weckte damit ein Mode-Faible, das Hoxha bis ins hohe Alter behielt. Dem albanischen Volk verbot er, »dekadente« Kleidung aus dem Westen zu tragen, er selbst bestellte sich bis zu seinem Tod Anzüge von einem Schneider in Paris, niemals schwarze, sondern in Beige und hellem Grau. Tito, der jugoslawische Präsident, trug eine mit Orden behängte weiße Uniform, Stalin, der sowjetische Diktator, eine bis oben hin zugeknöpfte Tunika. Hoxha hingegen präsentierte sich dem Volk als Gentleman – mit Anzug, Krawatte, Mantel und Schal.

Als ich vor Hoxhas Geburtshaus in Gjirokastra stehe, spricht mich ein Mittzwanziger an, der Souvenirs unter einem Sonnenschirm an einer Steinmauer verkauft. »Was kaufen die Touristen am liebsten?«, frage ich ihn. »Ganz klar Hoxha«, sagt er und zeigt mir seine Kollektion an Fotos. Enver Hoxha, der Partisan in Uniform. Enver Hoxha, breit lächelnd, umgeben von jubelnden Massen. Enver Hoxha, der Greis, mit seiner Familie im Wohnzimmer. Auf letzterem Foto war Hoxha bereits schwer krank und saß in einem Rollstuhl. In seiner letzten öffentlichen Rede im November 1984 war es den Kameras verboten, ihn aus der Nähe zu filmen. Man hätte sonst gesehen, dass Hoxha nur den Mund bewegte, während die Rede von Band abgespielt wurde: »Wir wollen den zukünftigen Generationen ein starkes, ein rotes Albanien vererben«, hörte ihn das Publikum sagen. »Rot wie das Feuer, das in den Herzen der Partisanen und Kommunisten lodert!«

Der Souvenirhändler findet nichts Schlechtes daran, Bilder eines Diktators zu verkaufen: »Das waren gute Zeiten«, meint er, »denn Hoxha hat den Menschen geholfen.« Der Student dürfte um dieselbe Zeit geboren sein wie ich, Anfang oder Mitte der Neunzigerjahre. Hoxha war da längst tot.

Privatfilme eines Bodyguards

Zurück in der Hauptstadt Tirana, verabrede ich mich mit Blendi Fevziu, 52 Jahre alt, Hoxhas Biograf und ein bekannter Fernsehmoderator in Albanien. Dreimal in der Woche moderiert er Opinion, die wichtigste Diskussionssendung des Landes. Als Fevziu 2011 sein Buch »Die eiserne Faust« veröffentlichte, gingen im Land die Wogen hoch. In den Buchhandlungen waren alle Exemplare schnell ausverkauft, das Verlagshaus musste mehrmals nachdrucken. Hoxhas Witwe (sie starb 2020 im Alter von 99 Jahren) verklagte Fevziu seinerzeit sogar, weil er es gewagt hatte, ihren Mann in schlechtem Licht dastehen zu lassen. »Er war ein guter Ehemann und ein herzlicher Vater«, sagte Nexhmije Hoxha damals öffentlich. Fevziu kann darüber nur den Kopf schütteln: »Ich habe kein Buch über einen Ehemann geschrieben«, sagt er, »sondern über den Führer eines Landes.« Hoxha-Nostalgiker verbrannten sein Buch auf offener Straße. Für Fevziu war das eine willkommene Werbung. »Die eiserne Faust« wurde mehr als 200.000 Mal verkauft – öfter als jedes andere Buch, das je in Albanien erschienen ist.

Im Rogner, einem Hotel, in dem ausländische Diplomaten nächtigen, wenn sie in Tirana sind, warte ich auf den bekannten TV-Moderator. Ein Mann mit Glatze, Sakko und roten Lederschuhen betritt die Lobby, die ein bekannter Treffpunkt für Interviews und Hintergrundgespräche ist. US-amerikanische Soldaten mit Camouflage-Uniformen gehen hier ein und aus, Berater des Ministerpräsidenten Edi Rama, Unternehmer, Botschafter und an manchen Tagen auch der Präsident Ilir Meta höchstpersönlich. Fevziu setzt sich in den Garten, ein gepflegter grüner Mix aus Palmen, Oleanderbüschen und Zitronenbäumen. In der Mitte plätschert ein Springbrunnen, weiter hinten ist ein Swimmingpool eingelassen.

»Zum Entsetzen meines Vaters, einem Antikommunisten, wollte ich Hoxha als kleiner Junge unbedingt in echt sehen«, beginnt Fevziu, »also ging ich zur 1.-Mai-Parade. Hoxha hat mich an einen netten Großvater erinnert.« Das erzählt derselbe Fevziu, der als Student am Sturz des Regimes beteiligt war. Der Moment, als 1991 Zehntausende Demonstranten die Hoxha-Statue in Tirana zertrümmerten, sei einer der wichtigsten in seinem Leben gewesen, so Fevziu.

Viele seiner Generation wollten erst einmal nichts mehr mit der dunklen Vergangenheit am Hut haben. Im Chaos der Wende ließ jemand Hoxhas Nachlass in 25 Kartons packen und stellte sie, unbemerkt von der Öffentlichkeit, im Staatsarchiv ab. Niemand interessierte sich für den Inhalt, bis Fevziu die Boxen öffnete. Im Inneren fand er 8-Millimeter-Filme einer alten DDR-Kamera, die all die Jahre niemand angerührt hatte, private Filme, aufgenommen von Hoxhas Bodyguard. Sie zeigen Hoxha mit Zigarette und Seemannsmütze auf einem Boot; Hoxha, wie er mit seinen Enkeln spazieren geht; Hoxha als Nikolaus verkleidet; Hoxha im Rollstuhl, fahl und alt, kurz vor seinem Tod. Die Filmaufnahmen geben exklusive Einblicke in das Leben im Blloku, jenes streng von der Außenwelt abgeriegelte Viertel, in dem Hoxha sein Leben verbracht hat. Im Jahr 1944 bezog er dort mit seiner Frau Nexhmije das leerstehende Haus eines italienischen Ingenieurs, der früher für den ersten König Albaniens, Zogu I., gearbeitet hatte.

Bevor die Kommunistische Partei an die Macht kam, war Albanien eine Monarchie. Von 1928 bis 1938 regierte Ahmet Zogu, ein Mann, der zur Zeit der Republik Innenminister und Ministerpräsident gewesen war und sich später selbst zum König krönte. Zogu ließ weder freie Presse noch Opposition zu, leitete jedoch eine Phase der Stabilität ein und sicherte Albanien, einem unterentwickelten Agrarland, Investitionen aus dem verbündeten Italien. Als Benito Mussolini Albanien besetzte, floh Zogu mit seiner Frau und dem erst zwei Tage alten Sohn ins Exil. Über Jahre hinweg plante der vom Thron gestoßene König seine Rückkehr. Ein Wunsch, der nie in Erfüllung gehen sollte.

Mithilfe der Briten, Jugoslawen und Amerikaner gelang es den Partisanen, die faschistischen Besatzer zu besiegen und, umgeben von jubelnden Massen, in Tirana einzumarschieren. Später setzten die Kommunisten einen Mythos in die Welt: Die heldenhaften Partisanen hätten das Land ganz ohne fremde Hilfe befreit. In alten Schwarz-Weiß-Filmen sieht man Hoxha, damals 46 Jahre alt, in Uniform und mit Partisanenmütze vor der Menge salutieren. Bald war er Premierminister, Verteidigungsminister, Außenminister und Militärbefehlshaber in einem, und außerdem Parteivorsitzender. Die New York Times schrieb damals vom »jüngsten Regierungschef in Europa« und vom »bösen Buben auf dem Balkan«. Der Journalist dieser Zeilen hielt dennoch bewundernd fest: »Bei einem Schönheitswettbewerb zwischen Regierungschefs hätte Hoxha hervorragende Chancen, den ersten Preis zu ergattern.«

Das rundliche, fast bubenhafte Gesichts Hoxhas wollte so gar nicht zu seinen radikalen Plänen passen. Kaum an der Macht, begann er Albanien zu einer sozialistischen Republik umzubauen. Privateigentum und Oppositionsparteien wurden verboten. Die Kommunisten wollten die Albaner zu neuen Menschen erziehen. Alles, was davon abwich – abstrakte Kunst, zeitgenössische Literatur, westliche Musik –, wurde verboten.

Anders der Alltag im Blloku. Die Parteikader hatten ein Leben, von dem die Menschen außerhalb des Viertels nur träumen konnten. Es gab Geschäfte, in denen die Familien Westwaren kaufen konnten, außerdem einen exklusiven Club mit Billardtisch, Salon und Kino. Der Parteielite standen Hauspersonal und Fernsehgeräte zur Verfügung, ihre Kinder durften im Ausland studieren und die Sommerferien an der Küste verbringen.

Außerhalb des Blloku rutschte Albaniens Wirtschaft in eine schwere Krise. Die meisten kommunistischen Länder lockerten spätestens ab Ende der Siebzigerjahre ihre Wirtschaftspolitik. Hoxha hingegen verbot den Bauern weiterhin, privates Vieh zu besitzen und es auf Märkten zu verkaufen. Als sich Albanien vom Rest der Welt isolierte, fehlten Rohstoffe und Absatzmärkte. Die Albaner lebten von mageren Rationen und reihten sich in langen Schlangen vor immer leerer werdenden Geschäften ein. »Hoxha hat behauptet, dass in Albanien alle gleich sind, aber der Blloku war der beste Beweis dafür, dass das nicht stimmte«, sagt Bashkim Shehu, der seine Kindheit im Viertel der Elite verbracht hat.

Dr. Kalo und Hoxhas Herz

Hoxha war Diabetiker, herzkrank und rauchte 50 Zigaretten am Tag. Letzteres hatte er sich vor dem Krieg angewöhnt. Als die italienischen Faschisten Albanien besetzten, verlor Hoxha seinen Job als Französischlehrer. Er begann in einem Tabakgeschäft in Tirana zu arbeiten, damals ein geheimer Treffpunkt für kommunistische Widerstandskämpfer. Vielleicht hat sich Hoxha mit jeder Zigarette an diese gute alte Zeit zurückerinnert.

Für seine Ärzte war das Rauchen ein Grund zur Sorge. In den Fünfzigerjahren ließ Hoxha sich von sowjetischen Ärzten im Kreml behandeln. Als dort nach dem Tod Stalins 1953 Nikita Chruschtschow an die Macht kam – ein Mann, der die Verbrechen und den Personenkult seines Vorgängers verurteilte und deswegen bei Hoxha in Ungnade fiel –, verlor Albanien nach dem jugoslawischen auch seinen sowjetischen Bündnispartner. Der chinesische Führer Mao Zedong, Hoxhas neuer Alliierter in Asien (siehe Kapitel Mao Ce Dun, S. 160), bot zwar an, seine besten, in den USA ausgebildeten Ärzte zu schicken, um Hoxha zu untersuchen. Aber dieser war misstrauisch und verließ sich nur noch auf ein kleines Team albanischer Ärzte und Krankenpflegerinnen.

Im Sommer 1973 erlitt Hoxha einen Herzinfarkt. Es war Mitternacht, der Diktator befand sich in seinem Haus an der Küste, als ein albanischer Arzt an sein Bett trat. »Bis zu diesem Zeitpunkt glaubten alle, Hoxha habe ein starkes Herz. Ich war derjenige, der ihm sagen musste, dass das nicht stimmte«, erzählt dieser Arzt rückblickend.

Isuf Kalo war damals 31, heute ist er 77 Jahre alt und einer der letzten lebenden Ärzte Hoxhas. Als ich 2019 nach Tirana gezogen bin, hatte er gerade seine Memoiren veröffentlicht, ein dickes Buch, das in Albanien für Aufsehen sorgte – wie immer, wenn es um die Frage geht, wie man mit Hoxha und der Erinnerung an ihn umgehen soll. »In Albanien«, sagt Kalo, »gibt es zwei Arten von Menschen. Solche, die Hoxha für ein Monster halten, und solche, die ihn noch immer lieben.« Mit seinem Buch, so der Arzt, wolle er für keine dieser Gruppen sprechen: »Hoxha war für mich nie mehr als ein Patient.«

Kalo, der nach der Wende 13 Jahre lang für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gearbeitet hat, müsste längst im Ruhestand sein. Ich war erstaunt, dass er offenbar immer noch arbeitet. Sein Büro liegt im zweiten Stock der European University of Tirana, zwei Häuserblocks von einem Viertel entfernt, das bis heute »21 Dhjetori« (21. Dezember) heißt, benannt nach Stalins Geburtstag. Kalo, ein Mann mit altmodischer Brille, weißen Haaren und leicht zitternden Händen, spricht langsam, bedacht und heiser. In den Jahren nach Hoxhas Tod habe er Drohanrufe bekommen. Warum er den Diktator so lange am Leben gehalten habe? Warum er ihn nicht bewusst getötet habe? »Die Aufgabe eines Arztes ist es, seinen Patienten zu heilen«, gluckst der alte Mann, »und nicht, ihn umzubringen.« Kalo musste stets diskret auftreten, denn niemand, nicht einmal die eigenen Parteigenossen, durften wissen, dass Hoxha krank war. Über Politik gesprochen hätten sie während ihrer gemeinsamen Zeit nie.

»Hatten Sie Angst vor ihm?«, frage ich den alten Mann. Kalo schluckt kurz, dann sagt er: »Ich war immer vorsichtig und habe nur gesprochen, wenn er mich etwas gefragt hat.« Privat, so Kalo, sei Hoxha charmant gewesen. Manchmal habe ihn Hoxhas Frau gebeten, dem Diktator die Zeit zu vertreiben. »Dann schauten wir uns das rote und gelbe Laub im Garten an«, so Kalo, »der Herbst war seine Lieblingsjahreszeit.«

Nach Hoxhas Herzattacke begleitete Kalo ihn auf all seinen Reisen. Viele dürften es nicht mehr gewesen sein, denn in den letzten 25 Jahren seines Lebens verließ Hoxha Albanien nicht mehr. Seine letzte Auslandsreise trat er im November 1960 nach Moskau an. Dort, auf einer Konferenz mit 81 kommunistischen Parteien aus aller Welt, kam es zur offenen Konfrontation mit den Sowjets, die, so der Vorwurf Tiranas, vom marxistischen Weg abgekommen seien. Hoxha beklagte öffentlich, dass sich sein Land von den »internationalen Freunden« verlassen fühle. Er fürchtete außerdem, die Russen könnten ihn umbringen lassen, reiste früher ab und vermied es, über sowjetischen Luftraum zu fliegen. Stattdessen nahm er den Zug nach Wien und weiter ins italienische Brindisi, wo er mit einer Fähre in die Heimat übersetzte. Anschließend ließ er moskautreue Politiker verhaften und trat aus dem Warschauer Pakt aus. Der Historiker Idrit Idrizi bezeichnet diesen Bruch als einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte Albaniens. »Danach gab es für das Regime keine Gefahren mehr. Hoxha hatte das Land fest im Griff.«

Verordnete Staatstrauer

Doch auch ein Diktator lebt nicht ewig. Isuf Kalo, der Arzt, war dabei, als Hoxhas Herz am 8. April 1985 aufhörte zu schlagen. Es gelang ihm zunächst, den Diktator wiederzubeleben, Hoxha aber fiel daraufhin ins Koma und starb drei Tage später. Öffentlich trauerte Albanien tagelang. Auch jenen, die insgeheim Erleichterung empfanden, blieb keine andere Wahl als mitzumachen. Lange Kondolenzschlangen zogen sich durch die Innenstadt Tiranas, um dem zwischen Rosen aufgebahrten Diktator die letzte Ehre zu erweisen. Blerta Kraja, eine Freundin aus Tirana, erzählt mir, wie ihre Lehrerin weinend in die Klasse kam, auf das Foto an der Wand zeigte und sagte: »Unser Idol ist gestorben!« Dann musste Blerta, die damals sieben Jahre alt war, nach Hause gehen und fernsehen. Kameras übertrugen die Bilder von aufgelösten Menschen, die schluchzend vor dem Sarg zusammenbrachen.

Die Nachricht sprach sich in den entlegensten Winkeln des Landes herum. Auch in den Bergen von Valbona, einem Tal an der Grenze zu Montenegro. Dort treffe ich auf einer meiner Reisen einen alten Mann namens Adem Selimaj, der mit seiner Frau Feridë in einem Bauernhaus aus Stein lebt. »Das ganze Volk hat geweint«, sagt er zu mir, »keiner hat für uns so viel getan wie Hoxha.« Früher, erzählt Selimaj, gab es in seinem Tal nicht einmal Seife. »Mit Hoxha hatten wir plötzlich zwei Mal am Tag Busse, um in die nächste Stadt zu fahren.« Dann steht Adem Selimaj auf, geht in das alte Bauernhaus und holt eine mit einem Holzrahmen umfasste Schwarz-Weiß-Fotografie aus der Stube. Sie zeigt Hoxha im Jahr 1960 im Valbona-Tal – eine Zigarette in der Hand – umgeben von einer Traube Männern und Frauen. Selimaj ist froh, dass die Diktatur vorbei ist. Das Foto hat er dennoch nicht weggeworfen.

Nicht alle trauerten am 8. April 1985. »Ich fühlte große Freude«, sagt Sali Berisha, Albaniens erster demokratisch gewählter Präsident nach der Wende (siehe Kapitel Berishas Comeback, S. 56) Wie er vom Tod des Diktators erfahren habe? Berisha lehnt sich in seinem olivgrünen Sessel zurück und erzählt: »Eines Abends, es war schon spät, ging ich mit meiner Frau den Boulevard im Zentrum von Tirana entlang. Die Lichter im Zentralkomitee waren an. Und ich sagte zu meiner Frau, dass es höchstwahrscheinlich mit Hoxha vorbei ist.« So war es dann auch. Es war Sali Berisha, der Hoxhas Leichnam nach der Wende ausgraben und in ein gewöhnliches Grab umbetten ließ. Er bereut es bis heute nicht: »Hoxha lag auf dem Heldenfriedhof von Tirana begraben. Aber er war kein Märtyrer, sondern ein Schlächter.«

Im Jahr 1985 bekam Hoxha noch ein pompöses Staatsbegräbnis. Sein Leichnam erinnerte an eine Schaufensterpuppe, die kalkweißen Hände auf dem Schoß gefaltet, der Körper von einem Anzug bedeckt. Isuf Kalo hielt eine Rede auf dem Friedhof. »Erst da realisierten die Menschen, dass Hoxha nicht unsterblich war. Sie dachten, er lebt so lange, wie die Berge stehen«, erzählt er mir. Die Propaganda, die Hoxhas Person all die Jahre begleitet hatte, wirkte auch nach seinem Tod. In einem von Radio Tirana ausgestrahlten Beitrag hieß es nicht »Enver Hoxha ist tot«, sondern: »Der unsterbliche Führer ist nicht mehr am Leben« oder: »Das Herz des großen Führers hat aufgehört zu schlagen.« Hoxha, der Atheist, wurde wie Christus inszeniert, der wiederauferstehen könne. Sein Nachfolger Ramiz Alia, ein loyaler Parteisoldat, stand an seinem Grab und sagte: »Auf diesem Marmorstein sollte es kein Todesdatum geben! Enver Hoxha ist unsterblich!«

Der Staatssozialismus in Albanien brach nicht sofort in sich zusammen, sondern erst sechs Jahre später. Heute heißt es, Hoxha sei zweimal gestorben: physisch am 11. April 1985, als sein Herz aufhörte zu schlagen, und ideologisch am 20. Februar 1991, als Zehntausende Demonstranten seine Bronzestatue am zentralen Skanderbeg-Platz in Tirana zu Fall brachten. Zu diesem Zeitpunkt gehörte Albanien zu den letzten sozialistischen Ländern, die nach dem Fall der Berliner Mauer in Europa übriggeblieben waren. Im Dezember desselben Jahres löste sich die Sowjetunion auf. In Tirana brach ein neues Zeitalter an. Die Zäune fielen, die Arbeitslager öffneten sich. Der Weg aus der Isolation begann.

KAPITEL 2

EIN DRITTES MAL EDI RAMA

Als Basketballspieler war er Teamplayer, als Künstler debattenfreudig. Jetzt, bei Antritt seiner dritten Amtszeit als Albaniens Ministerpräsident, muss sich Edi Rama der Frage stellen: Hat er als Politiker beides verlernt?

Edi Rama sieht nicht so aus, als hätte er Lust auf dieses Interview. Der zwei Meter große Mann ist tief in seinem Sessel und sein Smartphone versunken, eine runde Brille auf der Nase, vor ihm ein unaufgeräumter Schreibtisch voller Filzstifte. Seit der Corona-Pandemie ist das mit den Begrüßungsritualen so eine Sache. Menschen haben sich an den peinlichen Moment gewöhnt, an dem man sich uneins ist, wie man einander Hallo sagen soll. Mit Händedruck? Mit Ghetto-Faust? Mit Ellbogen? Mit einer verkrampften Verbeugung? Bei Rama muss man sich darüber keine Gedanken machen. Er bleibt sitzen und steht gar nicht erst auf. Kein Smalltalk, keine Begrüßungsworte, einfach nur Schweigen.

Menschen, die mit Rama arbeiten, erzählen, dass Albaniens Ministerpräsident ein sehr launischer Mensch sei, abhängig von seiner Tagesstimmung. »Es war neun Uhr am Morgen und da kam dieser super aufgelegte Typ zur Tür rein«, sagt jemand, der Rama kürzlich für Gespräche getroffen hat, »wir waren überrascht, wie freundlich, aufmerksam und gut vorbereitet er war. Ich wusste ja, dass er auch ganz anders kann.« Rama hat gute und schlechte Tage. Heute, so scheint mir, ist ein schlechter Tag.

Vielleicht schweigt Rama so penetrant, damit ich Zeit habe, sein Büro auf mich wirken zu lassen. Es ist fünf Uhr nachmittags und die Jalousien sind vollständig heruntergezogen. Im Eck steht ein Kleiderständer voller bunter Krawatten, manche davon mit knalligen Motiven bedruckt. Die Wände sind – vom Boden bis zur Decke – mit Ramas Malereien bedeckt: Zeichnungen aus feinen Filzstiftstrichen, die an bunte Organe aus einem Biologielehrbuch erinnern. Im Vorraum hängt ein Basketballkorb, im Flur steht ein Käfig mit zwei grauen Papageien namens Pipu und Lulu. Wenn sie kreischen, klingt es, als würde im Haus der Feueralarm losgehen.

Für einen Ministerpräsidenten haben Sie ein sehrunkonventionelles Büro.

Rama: Ich bin nicht wie die anderen. Ich bin sehr groß. Ichbin der beste Künstler unter den Politikern. Ich sollte ein Bürohaben, das anders aussieht, oder?

Sind Ihre Gäste geschockt, wenn sie hier reinkommen?

Rama: Ich kann mich an den einen oder anderen erinnern, ja.

Seit acht Jahren regiert Rama, ein ehemaliger Basketballspieler und Künstler, Albanien von diesen Räumlichkeiten aus. Im Holz des Schreibtisches ist immer noch das alte Staatswappen aus der Zeit der Diktatur eingelassen: ein Doppeladler mit Stern in der Mitte.

Demokraten vs. Sozialisten:Albaniens Parteien

Ramas Sozialistische Partei, die Partia Socialiste e Shqipërisë (PS), hat ein schweres Erbe zu tragen. Sie ging direkt aus Enver Hoxhas Einheitspartei hervor und benannte sich 1991 lediglich um. Damals, bei einem historischen Parteienkongress, wurde Hoxhas Kurs erstmals öffentlich kritisiert, einzelne Politbüro-Mitglieder ausgeschlossen sowie Hammer und Sichel aus dem Parteiemblem verbannt. Ramas Vater Kristaq, von Beruf Bildhauer, meißelte während der Diktatur Partisanenbüsten und Kriegerdenkmäler. Sein Sohn Edi hingegen begehrte gegen die Kommunisten auf und schloss sich als junger Kunstprofessor der Demokratiebewegung an. Später machte er doch noch bei den Sozialisten Karriere: zuerst als Kulturminister (1998), dann als Bürgermeister von Tirana (2000–2011) und seit 2013 als Ministerpräsident.

Albaniens Politik ist heute in zwei Farben geteilt: in Violett, die Farbe von Ramas Sozialisten, und in Blau, die Farbe der oppositionellen Demokraten, der Partia Demokratike e Shqipërisë (PD). Ihr Gründer, Sali Berisha, einst der große Hoffnungsträger der Wende, ist mittlerweile 77 Jahre alt und immer noch in der Politik tätig. Seit Albanien vor drei Jahrzehnten demokratisch wurde, stehen sich Sozialisten und Demokraten als verfeindete Parteienblöcke gegenüber. Sie haben (mit einer einzigen Ausnahme im Juni 1991) noch nie gemeinsam regiert und zeichnen sich durch einen Mangel an Dialog- und Kompromissbereitschaft aus.

Charakteristisch für die politische Kultur in Albanien sind gegenseitige Anschuldigungen sowie der Boykott von Wahlen und des Parlaments. Anders als in Westeuropa spielen Ideologien, also die Frage, ob man sich als »links«, »rechts«, »konservativ« oder »liberal« bezeichnet, eine nachrangige Rolle. Entscheidend sind Klientelnetzwerke und persönliche Vorteile, etwa das Versprechen, Jobs im öffentlichen Sektor zu schaffen. So ist Ramas Partei zwar Teil der Sozialistischen Internationale, betreibt aber eine unternehmerfreundliche und gewerkschaftsfeindliche Politik. Auch die Demokraten wurden ihrem Namen nicht immer gerecht. Während ihrer Regentschaft wurden im Jahr 2011 vier Demonstranten vor dem Regierungssitz erschossen. Die PS wird heute tendenziell von Sozialdemokraten, die PD von Christdemokraten in Europa unterstützt. Abseits von Etikett und Farbe sind die beiden Parteienblöcke ideologisch schwer zu trennen. Politische Beobachter vergleichen sie mit Coca-Cola und Pepsi.