Albert Bonnier und seine Zeit - Per T Ohlsson - E-Book

Albert Bonnier und seine Zeit E-Book

Per T Ohlsson

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Beschreibung

Albert Bonnier kam 1835 als Sohn eines jüdischen Buchhändlers von Kopenhagen nach Stockholm. Zwei Jahre später veröffentlichte er sein erstes Buch. Alberts Zeiten standen im Zeichen des Wandels: technisch, politisch, sozial, wirtschaftlich - und literarisch. Als er 1900 starb, war er der bedeutendste Herausgeber schwedischer Belletristik. Dass er diese Position trotz des Antisemitismus, der ihm entgegengebracht wurde, erreichte, grenzt an ein Wunder.  Dies ist die Geschichte von Schwedens erstem modernen Verlag, der Mutter des Piper Verlags, der sich ständig an dem journalistischen Prinzip orientiert, das er sich zu eigen gemacht hat: verbreiten, nicht beurteilen.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:www.piper.deÜbersetzung aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger und Holger WolandtDie Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel Albert Bonnier och hans tid bei Albert Bonniers Förlag, Stockholm, Schweden© Per T Ohlsson, 2020 Deutschsprachige Ausgabe:© Piper Verlag GmbH, München 2021Covergestaltung: zero-media.net, München nach einem Entwurf von Nina UlmajaCovermotiv: Archiv BonnierKonvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Motto

Vorwort und Dank

EINLEITUNG: Stockholm 1838

1. Kapitel: Ankunft

2. Kapitel: Junger Mann findet seinen Weg

3. Kapitel: Mutter Svea

4. Kapitel: Neue Bedingungen

5. Kapitel: Frische Winde

6. Kapitel: Schreibende Freunde und andere

7. Kapitel: Es brennt!

8. Kapitel: Der Feind der Sittlichkeit

9. Kapitel: Die Neunziger

10. Kapitel: Das jüdische Erbe

11. Kapitel: Das Ende

Epilog

Quellen- und Literaturverzeichnis

Bildnachweise

Stichwortverzeichnis

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Register

»Aber, verstehen Sie, meine Herren, das macht mir nichts aus, ich tröste mich damit, der zu sein und zu bleiben, der ich bin, ganz gleichgültig, ob Sie mich über den grünen Klee loben oder mit noch so viel Schmutz bewerfen.«

Albert Bonnier, 1841

»Ich habe Sie gewählt, weil Sie am unerschrockensten waren.«

August Strindberg an Albert Bonnier, 1884

Vorwort und Dank

Als mich mein Verleger Albert Bonnier Ende 2016 anrief und fragte, ob ich ein Buch über den Ururgroßvater, nach dem er benannt ist, schreiben könnte, geriet ich etwas in Panik. Ich zögerte. Was wusste ich eigentlich über den alten Albert Bonnier, den Gründer des großen Verlages? Nicht viel mehr, als dass er in einer jüdischen Familie in Kopenhagen das Licht der Welt erblickt hatte, in jungen Jahren nach Schweden gekommen war und früh begonnen hatte, Bücher herauszugeben. Dann war er der Verleger einiger der größten schwedischen Autoren und zum Gegenstand gehässiger, häufig antisemitischer Anfeindungen geworden.

Trotzdem war es für mich eine Selbstverständlichkeit, diese Arbeit, die erste Biografie Albert Bonniers, in Angriff zu nehmen.

Drei Faktoren waren für mich entscheidend.

Erstens mein Interesse für das prägende 19. Jahrhundert. Es war ernsthaft erwacht, als ich die Biografie des Finanzministers Johan August Gripenstedt, 100 år av tillväxt (100 Jahre Wachstum), verfasst hatte.

Zweitens mein Interesse an der Bedeutung der Einwanderung nach Schweden, das in meinem Buch Konservkungen (Der Dosenkönig) über Herbert Felix zum Ausdruck kommt. Der aus Mähren stammende Felix hatte als Freiwilliger am Zweiten Weltkrieg teilgenommen, um so den Versuch zu unternehmen, seine dem Tode geweihte Familie zu retten. Später gründete er eines der größten Lebensmittelunternehmen Schwedens.

Vor allen Dingen aber drittens:

Bereits zu Beginn meiner Recherchen wurde mir deutlich, dass ich es mit einer aufregenden und faszinierenden Geschichte zu tun hatte, die erzählt werden musste. Albert Bonnier nimmt in ihr als eine der wichtigsten Persönlichkeiten der modernen Gesellschaft Schwedens Gestalt an.

***

Um das vorliegende Buch zusammenzustellen, habe ich gut drei Jahre benötigt, aber ohne die Unterstützung vieler hilfreicher Kräfte wären es vermutlich dreißig geworden.

Zu meinen bedeutendsten Quellen zählt das umfangreiche Verlags- und Familienarchiv der Bonniers, das sich heute im CFN, dem Centrum för Näringslivshistoria (Zentrum für Wirtschaftsgeschichte), befindet. Eva und Albert Bonnier ermöglichten mir den uneingeschränkten Zugang zu diesem Material. Ich bedanke mich herzlich bei ihnen und den Archivaren des CFN. Eine weitere wichtige Quelle stellten die schwedischen Zeitungen aus der Zeit Albert Bonniers dar. In der Kungliga biblioteket (Königliche Bibliothek) sind sie inzwischen online zugänglich.

Etliche literaturwissenschaftliche Studien waren für mich ebenfalls von großer Bedeutung. Besonders wichtig waren Gunnel Furulands Romanen som vardagsvara (Der Roman als Alltagsware) und Gundel Söderholms gründliche Arbeit Svea über Albert Bonniers literarisches Jahrbuch.

Was die allgemeine Entwicklung der schwedischen Buchbranche betrifft und nicht zuletzt die Streitigkeiten innerhalb des Svenska bokförläggareföreningen (Der schwedische Buchverlegerverband), waren Sven Rinmans Geschichte von 1951 sowie die auf sie folgenden Arbeiten, u. a. von Johan Svedjedal, ungemein wertvoll.

Von all den biografischen Betrachtungen zu Albert Bonnier haben die Bücher des hochgelehrten Per I. Gedin eine besondere Rolle gespielt, insbesondere seine Biografie über Alberts Sohn Karl Otto, Litteraturens örtagårdsmästare (Der Gärtner der Literatur).

Der 1941 verstorbene Karl Otto Bonnier nimmt in diesem Buch eine besondere Stellung ein. Ich verneige mich in tiefster Dankbarkeit vor seinem vierbändigen Werk En bokhandlarefamilj (Eine Buchhändlerfamilie). Es hat mir den Weg durch das unüberschaubare Material gewiesen. Karl Otto Bonnier interpretiert sorgfältig, was die Brüder Bonnier in ihren nicht immer leicht zu deutenden Briefen aneinander und an verschiedene Autoren mitteilen. Damit leistete er einen formidablen Einsatz für die Literaturgeschichte, der auch für mich von allergrößtem Nutzen war.

Soweit möglich, habe ich Originalquellen verwendet, allerdings mit wenigen Ausnahmen. Bei den Briefen Gustaf Frödings habe ich beispielsweise die spätere Ausgabe aus dem Jahr 1935 benutzt.

Den Briefwechsel August Strindbergs mit unter anderem Albert und Karl Otto Bonnier zitiere ich nach der von Torsten Eklund herausgegebenen und kommentierten Gesamtausgabe der Briefe Strindbergs.

***

Im Laufe meiner Arbeit haben mir etliche Mithelfer, Gesprächspartner und Berater beigestanden. Sofia Murray, Bibliothekarin an der Stadtbücherei Malmö, war mir erneut dabei behilflich, wichtige Literatur ausfindig zu machen, die mir das ungemein beflissene Antiquariat h:ström in Umeå dann beschaffen konnte. Kim Salomon, emeritierter Geschichtsprofessor der Universität Lund, und Bengt Braun, langjähriger Chef des Bonnier-Konzerns, haben die Entstehung dieses Buches begleitet. Carl Henrik Carlsson vom Hugo-Valentin-Zentrum in Uppsala hat mir wichtige Informationen zukommen lassen. Der in Literaturwissenschaft promovierte Daniel Sandström, Cheflektor des Albert Bonniers Förlag, hat mich durch die Welt der Bücher geführt. Christian Manfred hat dieses Buch hervorragend lektoriert und Nina Ulmaja die schwedische Ausgabe beeindruckend gestaltet.

Mit größter Geduld haben die Menschen in meinem näheren Umfeld, Mia, Lukas, meine Freunde und Kollegen, ein weiteres Mal die fanatische Egozentrik, die die Schriftstellerei mit sich bringt, ertragen. Danke!

***

Zu guter Letzt, was aber nichts über den Stellenwert aussagen soll:

Mein herzlichster Dank geht an meinen Weggefährten Bo Bergman, den Sprachwissenschaftler, der sich um die Volksbildung verdient gemacht hat und der sich wieder einmal die Zeit genommen hat, das Manuskript Kapitel um Kapitel durchzugehen. Dank auch an seine scharfäugige Kollegin Ingrid H. Fredriksson und – mit größtem Respekt – an meinen immer gleichbleibend enthusiastischen und hilfsbereiten Verleger Albert Bonnier, der in so vieler Hinsicht an seinen Namensgeber, den Gegenstand dieser Biografie, erinnert.

Malmö und Vomb im März 2020

Per T Ohlsson

EINLEITUNG: Stockholm 1838

Die Brüder Bonnier: Albert (oben), Adolf (unten links) und David Felix (unten rechts).

1838, während der letzten Augustabende, als die milde Spätsommerdämmerung über Stockholm hereinbrach, wurde der Frieden von johlenden Menschenmengen gestört, die durch die Gamla Stan zogen. Alle hatten reichlich dem Branntwein zugesprochen, der damals in Schweden noch für den Hausbedarf destilliert werden durfte. Sie warfen Steine, prügelten und pöbelten.

Diese Unruhen folgten auf die vorangegangenen sogenannten Crusenstolpe-Krawalle.

Die von sozialen Missverhältnissen und der autoritären Herrschaft Karls XIV. Johan ausgelösten Spannungen hatten bereits seit Längerem zugenommen. Die Lage eskalierte, nachdem der beliebte rabulistische Skribent Magnus Jacob Crusenstolpe, einer der schärfsten Kritiker des Königs, zu drei Jahren Festungshaft verurteilt worden war, weil er den König und die Regierung bezichtigt hatte, gegen das Gebot der Sonntagsruhe verstoßen zu haben, als sie eine Ernennung an einem Sonntag vornahmen. Die Unzufriedenheit führte zu Gewalttätigkeiten, die ihren Höhepunkt am 19. Juli erreichten. Das Militär griff ein und tötete zwei Demonstranten.

Anschließend breitete sich eine nervöse Ruhe in der schwedischen Hauptstadt aus, aber Ende August und Anfang September war es wieder so weit. Jetzt richtete sich der Zorn nicht nur gegen die Herrschenden, sondern auch gegen eine kleine, nur ein paar Hundert Personen umfassende religiöse Minderheit in einer Stadt, die damals etwa 80 000 Einwohner besaß. Diese Leute bezeichnete man als Anhänger des mosaischen Glaubensbekenntnisses, mit anderen Worten waren es Juden. Im gesamten schwedischen Reich betrug ihre Zahl etwa 900. Sie lebten mit wenigen Ausnahmen in vier Städten, denn nur hier durften sie wohnen und arbeiten. Unter ihnen befanden sich drei Brüder, die ursprünglich aus Kopenhagen stammten: Adolf, Albert und David Felix Bonnier.

Besonders Albert, der mittlere, würde einmal von sich reden machen.

Mit knapp fünfzehn war er 1835 nach Stockholm gekommen, um als Gehilfe in Adolfs Buchhandlung am Storkyrkobrinken 12 in der Gamla Stan zu arbeiten. Alberts wirkliches Interesse galt jedoch dem Verlegen von Büchern. Bereits 1837 gab er von seinen Ersparnissen seine erste Schrift, damals sprach man von Verlagsartikeln, heraus, ein satirisches und aus dem Französischen übersetztes Pamphlet, Bevis att Napoleon aldrig har existerat. Stort erratum (Beweis, dass Napoleon nie existiert hat. Großes Erratum), das einen gewissen Erfolg erzielte und daher in einer zweiten Auflage erschien. Die Dinge ließen sich also vielversprechend an. Aber bereits ein Jahr darauf musste Albert aus nächster Nähe einen besonders gewaltsamen Ausbruch antisemitischer Stimmungen erleben, der sein Leben und Wirken, wenn auch abgeschwächt, überschattete.

Nie war Schweden einem Pogrom so nahe wie zu jenem Zeitpunkt.

***

Am Dienstagabend, dem 28. August, und in der Nacht darauf wurden Wohnungen von Juden in der Stora Nygatan, der Västerlånggatan und am Järntorget von wütenden Volksmengen angegriffen. Das Geräusch splitternden Glases pflanzte sich durch die Straßen und Gassen der Gamla Stan fort.

Die Aufregung nahm zu, und am 30. August befürchtete Oberstatthalter Axel Johan Adam Möllerhjelm, der höchste zivile Stockholmer Verwaltungschef, dass die Situation vollkommen ausufern könnte. Er warnte vor »einem Versuch, gegen die Juden der Stadt eine starke, vorsätzliche Verfolgung durchzuführen«.

Verängstigte jüdische Familien wandten sich an die Behörden und forderten Schutz, den sie auch erhielten.

Dass es mit diesem Schutz nicht immer zum Besten stand, ließ sich dem 1830 von Lars Johan Hierta gegründeten Aftonbladet entnehmen.

Am 31. August berichtete die Zeitung von einem gewissen Herrn Rossbach, der bei einer Begegnung mit den Dragonern, die zur Wiederherstellung der Ordnung abkommandiert worden waren, zu Schaden gekommen war. Auf dem Heimweg hatte Rossbach darum gebeten, eine Patrouille passieren zu dürfen, und grünes Licht erhalten. Kaum hatten er und seine Gesellschaft sich in Bewegung gesetzt, als ihm einer der Dragoner nachjagte:

»Er rannte daraufhin in eine Gasse, wurde aber von dem Reiter verfolgt, der begann, ihn mit seinem Säbel zu schlagen. Er fuhr lange damit fort, obwohl die ganze Nachbarschaft hörte, dass Rossbach laut rief: ›Was wollt ihr, um Gottes willen? Ich habe doch nichts gesagt und getan‹ usw. Schließlich verlor Rossbach nach einem Schlag den Hut, und als er sich vorbeugte, um ihn aufzuheben, erhielt er einen Schwerthieb auf den Arm und anschließend noch mehrere weitere.«

Am folgenden Tag veröffentlichte das Aftonbladet ein wenig zerknirscht eine Ergänzung:

»Herr Rossbach ist Mitglied der jüdischen Gemeinde, was nicht unerwähnt bleiben sollte, insbesondere deswegen, weil er sich als älterer Mann mit Familie nicht im Geringsten gegen die Wache vergangen haben kann, sondern vollkommen unschuldig und ohne jeden Grund verfolgt und misshandelt wurde.«

Der auslösende Faktor des Tumults war das sogenannte Emanzipationsedikt, eine königliche Verordnung vom 30. Juni »bezüglich der Schuldigkeiten und Rechte der mosaischen Glaubensbekenner hier im Reiche«. Sie hob eine Verordnung vom Mai 1782 auf, die als Judenreglement (judereglementet) bezeichnet wurde. Die neue Verordnung sah erweiterte Rechte für die jüdische Minorität vor, nicht zuletzt eine freiere Wohnsitzwahl.

Gustav III. hatte 1774 dem jüdischen Kaufmann und Siegelgraveur Aron Isak (Aaron Isaac) aus Brandenburg erlaubt, sich in Stockholm anzusiedeln, ohne konvertieren zu müssen. Isak gelang es, einflussreiche Persönlichkeiten, u. a. den Oberstatthalter Carl Sparre, dafür zu gewinnen, Angehörige und Freunde in sein neues Heimatland nachholen zu dürfen. Das markierte den Beginn der jüdischen Einwanderung nach Schweden, allerdings in äußerst begrenztem Umfang.

Juden erhielten die Genehmigung zur Religionsausübung im streng protestantischen Schweden. Aber nach preußischem Vorbild wurden Vorschriften, das Reglement, erlassen, die das Leben dieser Juden regelten. Sie durften Synagogen bauen und eine begrenzte Anzahl Berufe ausüben. Die Beschränkungen waren einschneidend. Wie einschneidend, wird durch die Liste der Handwerksberufe deutlich, die Juden ausüben durften:

»Ein Jude darf sich im Übrigen durch Kunstmalerei ernähren, durchs Kupferstechen, Petschaftgravieren, durchs Schleifen von Diamanten und anderen Edelsteinen, durch optisches Glasschleifen sowie das Verfertigen von diversen mathematischen und mechanischen Instrumenten sowie Muster- und Schablonenzeichnen, Stickerei und andere spezielle Nähte, Lackherstellung, Korkschneiden und ähnliche Arbeiten, die nicht von Gilden geregelt sind.«

Juden durften sich ausschließlich in Stockholm, Göteborg, Norrköping und später auch in Karlskrona niederlassen. Nur dort durften sie ihr Gewerbe ausüben. Sie durften keine Ehe mit Partnern des christlichen Glaubensbekenntnisses eingehen. Politische Rechte besaßen sie keine.

Mit zunehmender Zahl und mit wachsendem Einfluss versuchte die jüdische Minderheit, unterstützt von einer liberaleren öffentlichen Meinung, die Behörden zu beeinflussen. Man forderte Erleichterungen des Reglements, das immer unzeitgemäßer wirkte. Das Ergebnis dieser Bestrebungen war die Verordnung vom 30. Juni 1838.

Im ersten Paragrafen heißt es, dass Juden, die schwedische Bürger sind, »fortan in jeder Hinsicht im gleichen Rechtsverhältnis mit den übrigen schwedischen Untertanen stehen sollen«. Der autoritär anmutende Begriff »Reglement« kommt an keiner Stelle der neuen Verordnung mehr vor. Mehrere Einschränkungen blieben allerdings bestehen. Juden durften ohne königliche Genehmigung beispielsweise keinen Grundbesitz auf dem Land erwerben und waren für die Armenpflege in ihrer eigenen Gemeinschaft zuständig. Aber in allen Belangen von Bewegungs- bis hin zu Gewerbefreiheit schien sich ihre Stellung beträchtlich zu verbessern.

Am 10. August wurde die Verordnung in der offiziellen Statstidningen veröffentlicht, die auch unter dem Namen Post- och Inrikes Tidningar oder einfach Posttidningen bekannt ist.

***

Bald begann sich der Unmut zu regen, erst in der Oppositionspresse, die protestierte, weil die Verordnung nicht im Ständereichstag behandelt worden war, anschließend ergriff die Unzufriedenheit auch die breiten Volksmassen. Vor allem die jüdischen Gewerbetreibenden wurden als Bedrohung für die Versorgungsmöglichkeiten der christlichen Schweden angesehen.

Zu guter Letzt eskalierte die Lage.

Ein Großteil des Zornes richtete sich gegen einen Mann, der nicht einmal jüdischer Herkunft war, den Staatssekretär Carl David Skogman, dem die Emanzipationsverordnung zugeschrieben wurde. Skogman hatte die Gesetzesinitiative im Rat, dem »Konselj«, vorgetragen, also dem König und der Regierung. Als stellvertretender Präsident des Kommerskollegium, der für Gewerbe und Handel zuständigen Behörde, war er entscheidend an den Vorarbeiten zu der Verordnung beteiligt gewesen. Die Fenster von Skogmans Wohnung an der Skeppsbron wurden eingeworfen, laut der Dagligt Allehanda begleitet davon, dass »die Unzufriedenheit mit der Judenemanzipation lautstark und uneingeschränkt zum Ausdruck gebracht wurde«.

Es waren jedoch die Juden, die im Zentrum der aufgebrachten Aufmerksamkeit des Pöbels standen. Eines der am schlimmsten von dem Vandalismus betroffenen Anwesen in jüdischem Besitz war bezeichnenderweise das Haus Aron Levi Lamms, des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde.

Nach einigen Tagen beruhigte sich die Lage. Die jüdische Gemeinde Stockholms bewilligte 3000 Reichstaler zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Die regierungskritische Presse hetzte weiter, und gerüchteweise hieß es, der als Jean Baptiste Bernadotte geborene, aus Frankreich importierte König sei Jude.

Am 4. September warnte Freja, ein aggressives Blatt, vor den Folgen »der Verbreitung der Juden im ganzen Reich«.

»Uns ist zu Ohren gekommen, dass die Erfahrung bislang gezeigt habe, dass die Juden trotz der Einschränkungen, die ihnen das Reglement auferlegte, über den Gesetzen standen. Wie viel mächtiger werden diese Fremden jetzt nicht im Lande werden, nachdem diese Einschränkungen nun zum größten Teil aufgehoben wurden.«

Sechs Tage später flammten die Gewalttätigkeiten erneut auf. Der Mob griff Lamms Haus nochmals an. Der Zorn richtete sich aber auch gegen Aron Isaks Schwiegertochter, eine der respektiertesten Vertreterinnen der jüdischen Gemeinde. Als die Zeitungen die Besitzer der vandalisierten Häuser nannten, wurde der Charakter der Unruhen deutlich: Die Opfer hießen Schück, Schneider, Glosemeyer, Scharp, Schön und Nachmanson.

König und Regierung wurden nervös. War die Verordnung vom 30. Juni etwa zu weit gegangen?

Die Ältesten der Stockholmer Bürgerschaft überreichten König Karl Johan ein Schreiben, in dem sie ihrer Sorge Ausdruck verliehen, dass die Verordnung den Juden die Einwanderung nach Schweden erleichtern könnte. Schwedische Gewerbetreibende »würden von Bekennern des mosaischen Glaubens ganz und gar verdrängt werden, und zwar mithilfe von deren Glaubensverwandten in fremden Ländern«. Der König antwortete entgegenkommend.

Die Rücknahme des Passus der Juniverordnung, der am meisten ins Auge fiel, betraf jedoch die Freizügigkeit außerhalb von Stockholm, Göteborg, Norrköping und Karlskrona. Am 21. September kam es zur Annahme einer ergänzenden Verordnung in Bezug auf die Anwendung der Juniverordnung in »gewissen Fällen«. Ausländer mosaischen Glaubensbekenntnisses mit einer Aufenthaltsgenehmigung sollten nur in einer der genannten vier Städte wohnen dürfen. Juden, die in Schweden zur Welt gekommen oder inzwischen schwedische Untertanen geworden waren, mussten um eine königliche Genehmigung ersuchen, wenn sie sich an anderen Orten niederlassen wollten. Am 25. September wurde die Bekanntmachung dieser Verordnung in der Statstidningen gedruckt.

In dem bis heute unersetzlichen Werk Judarnas historia i Sverige (Geschichte der Juden in Schweden), das erstmals 1924 im Albert Bonniers Förlag erschien, stellt der in Uppsala tätige Historiker Hugo Valentin fest:

»Damit opferte die Regierung, um Öl auf die Wogen zu gießen, eine der wichtigsten Verfügungen der Juniverordnung, die freie Wohnortwahl der Juden.«

Diese Beschränkung blieb bis 1854 bestehen. Erst ein Reichstagsbeschluss vollendete 1870 die Emanzipation der Juden. Schritt für Schritt erweiterte man ihre Rechte, ein langsamer, aber unausweichlicher Prozess, der parallel zu Albert Bonniers wachsender Verlagstätigkeit verlief.

***

Der antisemitische Exzess 1838 bedeutete einen Rückschlag für die jüdischen Emanzipationsbestrebungen, aber inwieweit die Unruhen den jungen Albert direkt beeinflussten, bleibt unklar. Der Umfang seiner Korrespondenz aus dieser Zeit ist begrenzt und handelt von anderen Dingen. Nichts deutet darauf hin, dass auch die Buchhandlung am Storkyrkobrinken von Vandalismus betroffen war. Vielleicht war sie zu unbedeutend. Albert, der sich sicher an das tolerantere Kopenhagen erinnerte, müssen die Krawalle jedoch geängstigt haben. Sie stellten einen brutalen Vorboten der Schwierigkeiten dar, mit denen er, der sich eine Zukunft in dem neuen Land aufbauen wollte, rechnen musste.

Von den kommenden antisemitischen Angriffen auf ihn selbst ahnte er glücklicherweise nichts – diese erreichten ihren Höhepunkt im Anschluss an den Blasphemieprozess nach der Veröffentlichung von StrindbergsGiftas (»Heiraten«), während des darauf folgenden Streits im Schwedischen Buchverlegerverband und des Prozesses wegen Unsittlichkeit gegen Gustaf Fröding.

Allmählich würde sich jedoch zeigen, dass Albert Bonnier im richtigen Augenblick nach Schweden gekommen war. Der berühmte Kritiker und Literaturwissenschaftler Karl Warburg, später ein guter Freund Alberts, beschrieb die Zeit nach 1830 sehr treffend folgendermaßen:

»Die Zeit der Eisschmelze schien vorüber, und die Zeit des Frühlings für den schwedischen Liberalismus war angebrochen.«

***

Als der Jüngling Albert Bonnier 1835 mit acht Skilling banco in der Tasche schwedischen Boden betrat, setzte er auch den Fuß auf die Schwelle zu einer neuen Zeit in einem der rückständigsten und ärmsten Länder Europas, einer gebeutelten ehemaligen Großmacht, die durch verhängnisvolle Kriege im Ausland und Misswirtschaft innerhalb der eigenen Grenzen sowohl Territorien als auch Status eingebüßt hatte.

Trotz dieser unvorteilhaften Ausgangslage ist es erstaunlich, wie viele Fäden sich von Alberts späteren Erfolgen zu diesen miserablen Jahren zurückverfolgen lassen und wie diese Jahre sein Leben und Wirken formten.

Draußen in der Welt vollzogen sich gewaltsame Umbrüche. Polen wehrten sich gegen Russen, Italiener gegen Österreicher, und im britischen Imperium kam es zur Abschaffung der Sklaverei. Oberflächlich gesehen geschah in Schweden nichts.

In der großen politischen Frage, der Repräsentationsreform, der Beseitigung des mittelalterlichen Ständereichstags aus Adel, Geistlichen, Bürgern und Bauern, trat man trotz aller Hoffnungen, die man sich nach der Absetzung König Gustavs IV. Adolf 1809 gemacht hatte, auf der Stelle. Die Repräsentationsreform hätte das Ende des gustavianischen Absolutismus und die Einführung einer neuen Regierungsform bedeutet. Die in Großbritannien aufkommende Industrialisierung hatte das primär landwirtschaftlich geprägte Schweden noch nicht erreicht, wo man eine restriktive und merkantilistische Handelspolitik betrieb. Falls sich Schweden der Umwelt gegenüber öffnete, dann wohl eher in Bezug auf ansteckende Krankheiten als auf den Austausch von Waren. Die Choleraepidemie im Jahr 1834 kostete etwa 13 000 Menschen das Leben. Trotzdem war von »harmlosen« Zeiten die Rede.

Die beiden Oppositionspolitiker Carl Henrik Anckarsvärd und Johan Gabriel Richert wetterten gegen die Lethargie in einem Pamphlet über die Repräsentationsfrage:

»Die Langsamkeit, die Kosten, die Abnutzung und Erschlaffung der Kräfte spüren wir. Eine spürbare Verbesserung der Gesetze, des öffentlichen Haushalts, der inneren Verfassung und des Wohlstands des Reiches nehmen wir nicht wahr: Alles stagniert in halbherzigen Maßnahmen, wenn überhaupt. Nach jahrelangem Streit versinken wir in derselben Gleichgültigkeit und Betäubung wie zuvor.«

Aber unter der Oberfläche liefen Prozesse ab, die das schwedische Dasein revolutionierten und ganz besondere Voraussetzungen für einen Buchverlag schufen, der mit der Zeit ging.

Der Durchbruch der Dampfmaschine erleichterte Transporte auf dem Seeweg. Schwere Bücherkisten zu verschicken ging so bedeutend schneller. Pakete aus Lund und Malmö waren mit Pferd und Wagen hin und wieder mehrere Monate nach Stockholm unterwegs gewesen. Allerdings war auf Dampfschiffe nur in den wärmeren Monaten des Jahres Verlass. Bei zugefrorener Ostsee war man noch immer auf Fuhrwerke angewiesen. Aber auch auf diesem Gebiet erfolgten Verbesserungen im Zuge der Einführung staatlich subventionierter Postkutschen. Anfänglich verkehrten diese zwischen Ystad und Stockholm und zwischen Göteborg und der Hauptstadt. Den großen Umbruch brachten jedoch die Eisenbahnen, mit deren Bau im großen Stil nach 1860 begonnen wurde. Parallel dazu expandierte der Albert Bonniers Förlag. Im Jahr 1856 hatte Albert Bonnier eine eigene Druckerei erworben.

In seinem literarischen Almanach Svea sprach sich Albert Bonnier schon früh für den Eisenbahnbau in Schweden aus.

Es erstaunt also wenig, dass sich bereits in der Svea-Ausgabe von 1846 ein glühendes Plädoyer für den Eisenbahnbau in Schweden findet. Zwei Jahre zuvor hatte Albert Bonnier begonnen, diesen literarischen »Volkskalender« herauszugeben, und blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1900 sein Redakteur. Er nutzte ihn, um neue Autoren anzuwerben und zu erproben, angefangen von August Blanche und August Strindberg bis hin zu Gustaf Fröding und Selma Lagerlöf:

»Man hat den Bedarf oder die Möglichkeiten des Eisenbahnbaus in Schweden in Zweifel gezogen. In einem Land, das so dünn besiedelt ist wie das unsere und in dem die Abstände so groß sind, dass es besonders für die Provinzen bedeutsam wäre, einander näher zu kommen, liegt ein Bedürfnis eigentlich auf der Hand.«

Der Ausbau des Eisenbahnnetzes führte in Schweden zu einer Zunahme der Reisen. Ein typisches Beispiel für Alberts Talent, Umbrüche und Erfindungen seiner Zeit kommerziell zu nutzen, war die Publikation einer neuen Form informativer Druckwerke. Heute würde man von Reiseführern sprechen. In Dagens Nyheter, einer Zeitung, deren Mitbegründer er war, erschien 1866 eine Anzeige, die von Albert persönlich unterzeichnet war. Sie richtete sich an die »Herren Hotelwirte, Restaurantbesitzer usf.«. Albert Bonnier forderte diese auf, für ein Illustrerad Reshandbok genom Sverige (Illustriertes Reisehandbuch durch Schweden), »zum Dienste sowohl der einheimischen Reisenden als auch der Ausländer«, Angaben zu Preisen, Ausstattung der Zimmer u. a. zu liefern.

Eine andere hochbedeutsame Veränderung bestand in der schrittweisen Abschaffung der Möglichkeit, ein Publikationsverbot auszusprechen (indragningsmakten). Dieser Paragraf in der sogenannten Druckfreiheitsverordnung aus dem Jahr 1812 ermöglichte es dem Hofkanzler, also einem der Minister, das Erscheinen einer Zeitschrift oder Zeitung zu verhindern, die »gefährlich für die allgemeine Sicherheit« war. Immer wieder kam diese Vorschrift zur Anwendung, nicht zuletzt gegen die Tageszeitung Aftonbladet, die das Verbot aber umging, indem sie immer wieder von Neuem die Genehmigung zur Veröffentlichung beantragte, und zwar für Aftonbladet eins, Aftonbladet zwei usw. Dadurch wurde das Publikationsverbot wirkungslos und lächerlich. Ab 1838 wurde es nicht mehr angewendet, aber erst sieben Jahre später offiziell abgeschafft. Daraufhin ließ sich die Luft leichter atmen.

Auch die Unternehmensgründung und -führung gestaltete sich einfacher. Die Fabriks- und Handwerksverordnung von 1846 beendete den Zwang zur Gildenmitgliedschaft. Zwei Jahre später wurde Schwedens erste Aktiengesellschaft gegründet, und 1864 kam es endlich zur Niederlassungs- und Gewerbefreiheit. Die Freigabe der Zinsen führte zur Entstehung eines modernen und flexiblen Kreditwesens. Außerdem schloss sich Schweden dem europäischen Freihandelssystem an. Viele dieser Reformen setzte der liberale Finanzminister Johan August Gripenstedt durch, dessen Schriften der Bonnier’sche Buchhandel mit großer Zustimmung vertrieb.

Im Jahr 1838, dem Jahr der antisemitischen Krawalle, vollzog eine öffentliche Person eine Kehrtwende, die eine neue Ära einläutete. Erik Gustaf Geijer wandte sich vom Konservatismus ab und dem Liberalismus zu. Geijer war Historiker, Schriftsteller, Philosoph, Komponist und Mitglied der Schwedischen Akademie. In der Januarausgabe seiner neuen Zeitschrift Litteratur-Bladet gab er eine Art persönliche und politische Unabhängigkeitserklärung ab, die im gesamten Land widerhallte:

»Im Grunde habe ich nie einer Partei angehört, nicht einmal meiner eigenen, wenn es eine solche je gegeben hat. Aber falls jemand Wert darauf legt, mir Abtrünnigkeit vorzuwerfen: Wohlan! Dann bin ich meiner selbst abtrünnig geworden, was auch nicht schadet.«

Geijer propagierte eine Loslösung der Persönlichkeit von der erstickenden Abhängigkeit von Normen und Konventionen. Gleichzeitig sah er klarer als die meisten seiner Zeitgenossen, dass sich eine neue Klasse ihren Weg bahnte, die langfristig den Ton angeben würde und die berechtigte Forderungen nach Freiheit und Entwicklungsmöglichkeiten stellte. Diese Klasse, die Mittelklasse, las. In den bürgerlichen schwedischen Familien versammelte man sich abends um eine Lampe, und es wurde aus einem Buch vorgelesen. Diese Art der Abendunterhaltung setzte sich immer mehr durch.

Lesen konnten relativ viele Schweden, weil die schwedischen Pfarrer jedes Jahr auf den Bauernhöfen die Runde machten und den Inhalt des Kleinen Katechismus Martin Luthers abfragten. Zusätzlich verbesserte sich die Lesefähigkeit durch die Volksschulsatzung von 1842. Der Bau von Schulen allerdings zog sich hin. Am allerwichtigsten für den Verlag Albert Bonniers war jedoch, dass das Heranwachsen einer lesenden Mittelschicht mit dem Durchbruch eines literarischen Genres zusammenfiel, das mehr als jedes andere seinen Verlag prägen würde: der Roman.

Die Impulse dafür kamen von außen, vor allen Dingen aus Großbritannien und Frankreich und durch beliebte Autoren wie Walter Scott, Edward Bulwer-Lytton, Eugène Sue und, ein wenig später, Alexandre Dumas d. Ä. und Charles Dickens. Deren Romane erschienen in Übersetzung häufig in preiswerten Heften, die im Abonnement bezogen wurden. Auch auf diesem Gebiet war der Verleger Lars Johan Hierta 1833 ein Pionier mit seiner Läse-Bibliothek af den nyaste utländska litteraturen (Lesebibliothek der neuesten ausländischen Literatur). Später schloss sich Albert Bonnier mit seinem eigenen Europeiska följetongen (Europäisches Feuilleton) dem Trend an.

In Schweden geriet die Welt der Belletristik nun ebenfalls in Bewegung. Carl Jonas Love Almqvist begann 1832 mit der Veröffentlichung einer Folge von überaus erfolgreichen Erzählungen, betitelt mit Törnrosens bok (Buch der Heckenrose). Am Ende dieses Jahrzehnts erschien sein ehekritischer Roman Det går an (dt. 2004 von Anne Storm übersetzt unter dem Titel »Die Woche mit Sara«), dessen Botschaft von der Gleichberechtigung der Geschlechter größten Anstoß erregte.

In einer Zeit patriarchaler Unterdrückung, in der Frauen nicht einmal grundlegendste Rechte besaßen, feierte die Autorin Emilie Flygare-Carlén mit ihren auf den Schäreninseln Bohusläns angesiedelten Romanen dennoch größte Erfolge. Mit Rosen på Tistelön (»Die Rose von Tistelön«) 1842 und Enslingen på Johannisskäret (»Der Einsiedler auf Johannis-Klippe«) vier Jahre später erlebte sie ihren Durchbruch.

Das Gesetz von 1858, dass unverheiratete Frauen über 25 ihre Mündigkeit beantragen konnten, stellte den ersten winzigen, stolpernden Schritt in Richtung umfassenderer Bürgerrechte für die untergeordnete Hälfte der schwedischen Bevölkerung dar. Diesen Prozess trieb eine weitere Autorin voran, Fredrika Bremer, deren Werke von Adolf Bonnier, Alberts großem Bruder und Mentor, verlegt wurden.

***

Als Albert Bonnier in Schweden eintraf, wehte in dem verarmten Land an der nördlichen Peripherie Europas der Wind der Veränderung. In technischer, sozialer, wirtschaftlicher – und literarischer Hinsicht.

Und dann war da Stockholm, Albert Bonniers neue Heimat.

In dem dramatischen Jahr 1838 gelangte ein Bauprojekt zu seiner Vollendung, das für die Brüder Bonnier ganz neue Voraussetzungen schuf.

Die Norrbro, die Brücke über den Helgeandsholmen, die die Gamla Stan mit Norrmalm verbindet, wurde nach zwanzigjähriger Bauzeit 1807 eingeweiht. König Gustav III. hatte 1787 ihren Grundstein gelegt. Die imposante Brücke, 190 m lang und 19 m breit, war die erste Stockholmer Brücke mit Gehsteigen und Pflaster aus behauenem Stein. So wurde die fußgängerfreundliche Brücke zu einem beliebten Ziel für Flaneure, und mit der Zeit entstand die Idee eines sogenannten Basars auf der Brücke, also einer Ladenzeile mit Cafés, die dann auch umgesetzt wurde.

Auf der Westseite entstand eine Häuserzeile mit Geschäften und Restaurants, der Norrbrobasaren, manchmal auch einfach nur Bazaren genannt. Er wurde 1839 eingeweiht und erfreute sich sofort großer Beliebtheit. Hier konnte sich das mondäne Stockholm zeigen, und für die Männer, die auf der Brücke herumstolzierten, entstand sogar ein eigener Name: Norrbrolejon (Norrbrolöwen).

Auf der südlichen und nördlichen Seite wurde der Basarkomplex um größere Räumlichkeiten, sogenannte Pavillons, ergänzt. Adolf Bonnier, der älteste der Bonnier-Brüder und noch immer das Oberhaupt der Familie, erkannte sofort, dass ein Umzug von den engen Räumen am Storkyrkobrinken zum offenen und leicht zugänglichen Norrbrobasaren neue Absatzmöglichkeiten für seine Bücher eröffnen würde, da in Norrmalm allem Anschein nach das neue kommerzielle Zentrum Stockholms entstand. Adolf gelang es, sich den Mietvertrag für den südlichen Pavillon zu sichern, und er eröffnete im Oktober 1839 »Bonniers bokhandel, Bazaren, Norrbro«, den August Strindberg 1884 in seinem Gedichtband Sömngångarnätter på vakna dagar (»Schlafwandlernächte an wachenden Tagen«) besingt.

Strindberg befand sich zu diesem Zeitpunkt im selbst gewählten Exil. Er war am Fenster eines Metzgers in Paris vorbeigekommen und trotz seines nicht ganz unkomplizierten Verhältnisses zum Namen Bonnier von Heimweh gepackt worden:

»Da eilten schnelle Gedanken

in meinen Stockholmer Bazar,

an hellen Fensterreihen

der Weiber und Kinder Schar.

Ein Buch in schmalem Gewände

ist dort ans Glas gedrängt,

ein Herz herausgerissen,

das nun am Haken hängt.«

(Übersetzung von Emil Schering, 1923, Georg Müller Verlag München)

Damit kann die Geschichte Albert Bonniers ihren Anfang nehmen, mit einem Jahr, das für ihn, seine Angehörigen und seine Glaubensgenossen katastrophal hätte enden können, stattdessen aber den Anfang eines Erfolges markierte, den er sich in seinen wildesten Fantasien nicht hätte vorstellen können, als in einigen aufwühlenden Spätsommernächten im Jahr 1838 die Glasscherben das Kopfsteinpflaster der Gamla Stan übersäten.

Dämmerung über der Norrbro in Stockholm. Im Hintergrund der Norrbrobasaren und das Königliche Schloss. Farblitographie von Carl Johan Billmark, Stadsmuseet Stockholm. [1]

1. Kapitel: Ankunft

Von Dresden nach Kopenhagen. Ein revolutionärer Stammbaum? Dänischer Konkurs. Gen Schweden! Ein brachliegender Buchmarkt. In königlichen Gnaden. Albert geht an Land. Das erste Buch.

Albert Bonnier 1842, in dem Jahr, in dem er von seinem Buchhändlerpraktikum zurückkehrte. [2]

Albert Bonnier, der 1835 in Stockholm am Riddarholmen-Kai an Land ging, war nicht der Erste seiner Familie, der in Schweden sein Glück suchte. Sein älterer Bruder Adolf und sein Vater Gerhard waren vor ihm in Schweden eingetroffen. Sein Bruder hatte reüssiert, sein Vater hingegen hatte die Zahlungen einstellen müssen. Den Beginn des Wirkens der Bonniers in Schweden auf Alberts Ankunft im Jahr 1835 oder seine erste Buchpublikation 1837 zu datieren, kann daher ein wenig irreführend erscheinen. Albert war zwar ein erfolgreicher Unternehmer in der literarischen Sphäre und ein Erneuerer, aber ein Pionier war er nicht. Diese Rolle fällt Adolf Bonnier zu.

Im Hinblick auf Alberts dürftige Mittel und auf seine Jugend – im Oktober wurde er fünfzehn – war für ihn an eine eigene Wohnung nicht zu denken. Er wurde bei Adolf einquartiert, der über der Buchhandlung am Storkyrkobrinken wohnte. Der vierzehn Jahre ältere Adolf war in Stockholm bereits recht etabliert und seit einem Jahr mit Esther, einer geborenen Philip, verheiratet. Die beiden hatten sich in Karlskrona kennengelernt. Esthers Familie gehörte zu der kleinen jüdischen Gruppe, die die Erlaubnis erhalten hatte, sich in der Marinestadt anzusiedeln. Zwischen Albert und Esther scheint unmittelbar eine liebevolle Beziehung entstanden zu sein, und Esther wurde zu einer Art zweiten Mutter für ihren jungen Schwager.

***

Außer den Koffern und Kisten, die im Laufe dieser Jahre von Kopenhagen nach Schweden verschifft wurden, hatten die Bonniers auch noch eine Familiengeschichte im Gepäck.

Gerhard Bonnier, der Vater der Brüder, war 1778 als Gutkind Hirschel in Dresden, der damaligen Hauptstadt des Kurfürstentums Sachsen, zur Welt gekommen. Dresden war vom Siebenjährigen Krieg 1756 bis 1763 schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Wie in vielen anderen Orten in Europa hatte der Antisemitismus in Dresden eine lange Tradition, und die Versorgungsmöglichkeiten der jüdischen Minderheit waren stark begrenzt. Trotzdem scheint Gutkind Hirschel in einer relativ wohlhabenden Familie aufgewachsen zu sein, die noch dazu groß war. Seine Eltern, der Juwelier Löbel Salomon Hirschel und seine Frau Feile Srasser, hatten zehn Kinder, von denen acht das Erwachsenenalter erreichten.

Gerhard Bonnier, Alberts Vater, geboren in Dresden als Gutkind Hirschel. [3]

Über die Kindheit und Jugend Gutkind Hirschels wissen wir kaum etwas. Die Forschungslage wird durch die vollkommene Zerstörung Dresdens bei einem Bombenangriff der Alliierten im Februar 1945 zusätzlich erschwert. Dank der Familiengeschichte seines Enkels Karl Otto Bonnier und vor allem der gediegenen Recherche und der Zusammenfügung verschiedener Fragmente, die Svante Hansson mit seiner Biografie Den förste Bonnier (Der erste Bonnier) vorlegte, lässt sich in groben Zügen trotzdem ein Bild anfertigen.

Gutkind muss eine für Juden damals ungewöhnlich gründliche Ausbildung in weltlichen Fächern erhalten haben, denn er konnte sich später unter anderem mit seiner Arbeit als Sprachlehrer ernähren. Die isolierten, an den Rand gedrängten Dresdner Juden sprachen überwiegend Jiddisch. Gutkind beherrschte neben der deutschen Sprache auch Französisch und zu einem gewissen Grade Englisch. Wo er sich diese Sprachkenntnisse angeeignet hatte, ist unklar, aber vieles deutet auf das damals in der österreichischen Provinz Böhmen gelegene Prag hin. Hier hatte 1781 das Toleranzpatent des deutsch-römischen Kaisers Joseph II. den Juden größere Rechte eingeräumt, um sie für den Staat »nützlich« zu machen.

Wahrscheinlich veranlassten die vielen Einschränkungen, die den Juden zu Hause in Dresden auferlegt wurden, Gutkind, nach Norden, gen Kopenhagen, zu ziehen. Nach einem Aufenthalt in Hamburg, während dem er als Sprachlehrer sein Auskommen fand, reiste er im Oktober 1801 über Lübeck nach Kopenhagen, um auch hier als Lehrer zu arbeiten. Zweieinhalb Jahre später bewilligte man ihm die dänische Aufenthaltsgenehmigung. Er führte den Titel Sprogmester (Sprachmeister), und nach Briefen und anderen Dokumenten zu urteilen, scheint er verblüffend rasch, zumindest in Grundzügen, die dänische Sprache gelernt zu haben. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits mit einer Dänin verheiratet, mit Ester Elkan.

In Bezug auf die Rechte der Juden war Dänemark schon zu dieser Zeit ein relativ tolerantes Land. Im Jahr 1814 wurde der sogenannte jüdische Freiheitsbrief verabschiedet, ein Gesetz, das es Juden erlaubte, halbwegs gleichberechtigt am öffentlichen Leben teilzunehmen. Die Wahl von Kopenhagen als Wohnort wirkt also konsequent für einen jungen, ehrgeizigen und gebildeten Juden aus Dresden, der den französisch klingenden Namen Gerhard Bonnier annimmt.

***

Hier in Kopenhagen beginnt die Geschichte der Buchhändler- und Verlegerfamilie Bonnier. Denn aus Gerhards Plänen, als Lehrer, als Sprogmester, in der dänischen Hauptstadt zu arbeiten, wurde nicht viel. Gerhard stand der Sinn nach der Welt der Bücher.

1803, im Jahr seiner Hochzeit, kaufte Gerhard eine Leihbücherei und verlegte sie in die Kronprinsensgade, in der er wohnte. Am wichtigsten war jedoch, dass er 1805 den Bürgerbrief als Buchhändler erhielt, also die Genehmigung zum Verkauf von Büchern. Wie auch seine Leihbücherei hatte seine Buchhandlung eine internationale Ausrichtung mit einem Schwerpunkt auf Fachbüchern und wissenschaftlicher Literatur. Schwedische Autoren waren stark vertreten, beispielsweise durch die beiden Botaniker Elias Fries aus Lund und Carl Peter Thunberg aus Uppsala.

Ein Jahr zuvor hatte er einen Verlag gegründet, dessen erster Artikel eine Übersetzung aus dem Deutschen mit dem Titel Underfulde og sandfærdige Kriminalhistorier (Wunderbare und wahrhaftige Kriminalgeschichten) darstellte. Dies war also das erste Buch, auf dessen Titelseite Bonnier als Verlagsname erschien. Wie bei seiner Leihbücherei und der Buchhandlung konzentrierte sich der Buchverleger Gerhard Bonnier stärker auf Übersetzungen ausländischer Fachbücher als auf dänische Belletristik. Es war ihm wichtig, internationale Kontakte zu knüpfen, wobei ihm seine Sprachkenntnisse natürlich zugutekamen, und er unternahm mehrere Auslandsreisen. Diese grenzüberschreitenden Ambitionen sollte er später einmal an seine Söhne Adolf und Albert vererben. Doch aus Achtung vor seinem neuen Heimatland enthielt Gerhards Katalog einige Werke der größten Namen, die die dänische Literatur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu bieten hatte, Adam Oehlenschläger und N. F. S. Grundtvig.

In diesem Haus in Kopenhagen befand sich Gerhard Bonniers Buchhandlung.

Wie sah es aber nun mit dem eigenen Namen des Verlegers aus? In Dänemark wurde Gutkind Hirschel schließlich zu Gerhard Bonnier.

Der Namenswechsel gehört zu den eher bizarren Details der Bonnier’schen Familiengeschichte. Er basiert auf einer freien Erfindung, die den fantastischsten Romanen des Verlages kaum nachsteht.

Laut einem von Gerhard selbst verfassten Artikel im dänischen Litteraturlexicon von 1827 war er gar nicht in Dresden geboren worden, sondern im ostfranzösischen Besançon. In diesem Literaturlexikon steht Folgendes: »Der bekannte französische Deputierte Bonnier […] war sein Onkel.«

Bei diesem Onkel handelte es sich um den Adeligen Antoine Bonnier d’Alco, der nach der Revolution 1789 Mitglied der gesetzgebenden Nationalversammlung und des Nationalkonvents wurde. Er gehörte der Mehrheit an, die dafür stimmte, Ludwig XVI. guillotinieren zu lassen. Während der Revolutionskriege machte Bonnier d’Alco Karriere als Diplomat und war französischer Abgesandter bei den Friedensverhandlungen im Rahmen des zweiten Rastatter Kongresses 1799. Bonnier d’Alco verließ die Beratungen im Protest darüber, wie Frankreich von seinen Feinden behandelt wurde. Bei seiner Abreise kam es zu einem Überfall, und Bonnier d’Alco wurde ermordet. Dieser Mord erregte in ganz Europa große Aufmerksamkeit. Durch diese Cause célèbre wurde Bonnier d’Alco zu so etwas wie einem Märtyrer der Revolution.

Die Geschichte über den »Onkel«, das Verwandtschaftsverhältnis, war jedoch eine reine Erfindung Gerhards. Keinerlei Blutsbande zwischen Gerhard Bonnier und Antoine Bonnier d’Alco sind nachweisbar. Aber die Legende lebte weiter und muss auch noch von Gerhards Sohn Albert erzählt worden sein, da sie in einem Nachruf auf ihn erwähnt wird, den Albert Bonniers Freund Frans Hedberg im Almanach Svea des Jahres 1901 veröffentlichte. Hedberg erklärt Alberts liberale Gesinnung damit, dass dieser »ein Verwandter eines französischen Revolutionärs und wahrscheinlich ein geborener Rabulist« gewesen sei.

Der Name Bonnier hatte auf Umwegen in die Familie Hirschel gefunden. Wie, das beschreibt Karl Otto Bonnier in seiner Familiengeschichte. Der Hintergrund war, dass Gerhards älteste Schwester Breindel einen Bankier namens Lazarus Lehmann heiratete, in dessen Familie es schon länger frankophile Sympathien gab, die nach der Revolution wahrscheinlich noch zunahmen. Einer von Lehmanns Vorfahren, der Anfang des 18. Jahrhunderts Bankier des sächsischen Kurfürsten August des Starken gewesen war, schrieb sich abwechselnd Bunner, Bonner – und Bonnier. Als Breindel 1801 Zwillinge zur Welt brachte, zwei Jungen, nannte sie den einen direkt Bonnier, obwohl der eigentlich Gutkind hieß wie ihr Bruder. Karl Otto stellt fest:

»Ist es eine zu kühne Hypothese, anzunehmen, dass, nachdem Breindel Hirschel-Lehmann im März 1801 den Namen Bonnier in die Familie eingeführt hatte, mehrere ihrer Geschwister gemeinsam beschlossen, teils – wie Breindel – den Namen Gutkind in das französisch klingende Bonnier zu verwandeln, teils noch einen Schritt weiterzugehen und das Hirschel abzuwerfen und so den schönen französisch klingenden Namen als ihren Familiennamen anzunehmen?«

Vieles spricht dafür, dass dies Gerhards ersten Impuls für die Verwendung des Namens Bonnier darstellte. Aber von da bis zur Berufung auf die Verwandtschaft mit einem französischen Revolutionär ist es ein weiter Weg.

Die Erklärung dafür, warum sich Gerhard als Verwandter des legendären Antoine Bonnier d’Alco ausgab, verliert sich im Dunkel der Geschichte. Er behauptete hin und wieder, ebenfalls zu Unrecht, einmal französischer Untertan gewesen zu sein.

Unter den spärlichen Informationen über Gerhards Persönlichkeit finden sich keinerlei Hinweise auf betrügerische Tendenzen oder psychische Störungen. Er hatte auch nicht die Absicht, seine jüdische Identität zu verbergen oder abzuschwächen, denn diese erfüllte ihn sein Leben lang mit Stolz. Vielleicht war die Geschichte von Bonnier d’Alco Teil des Marketings in einem neuen Land, eine Methode, die Marke Bonnier mit einem Hauch von Abenteuer zu versehen, besonders auch, da Gerhard anfänglich als Französischlehrer sein Brot verdienen wollte. Aber vielleicht wollte er sich einfach nur mit etwas mehr Glanz umgeben. Die retuschierte Vergangenheit wurde zur selbst erlebten Wahrheit. Und in dieser Hinsicht ist Gerhard Bonnier wohl kaum der Einzige.

***

Anfänglich liefen Gerhards Geschäfte ausgezeichnet, und er erweiterte seine Unternehmen 1816 um die Zeitung Dagsposten (Tagespost) und eine Druckerei. Ein deutliches Zeichen seines Erfolges war auch, dass er 1813 ein Eckhaus an der Købmagergade und Silkegade erwarb. Die Räumlichkeiten an der Kronprinsensgade waren zu klein geworden.

In dieser Zeit erhielt die Familie Zuwachs. Als Erste kam 1804 die Tochter Frederikke zur Welt, gefolgt von Sohn Adolf 1806, dann kamen die Töchter Henriette, genannt Jette, 1808, Julie 1809 und Bolette 1811. Nach einer kürzeren Zeugungsphase, die mit der Expansion des Geschäfts zusammenfiel, erblickten sechs weitere Kinder das Licht der Welt: Hanne 1813, die Zwillinge Salvador, genannt Sally, und Philippine 1816, Albert am 22. Oktober 1820 sowie schließlich David Felix 1822. Dazwischen kam 1818 noch Emanuel zur Welt, wurde aber nur acht Monate alt.

Ursprünglich erhielten die Kinder jüdische Namen, die dann durch Namen ersetzt wurden, die auch in einem nicht jüdischen Kontext gebräuchlich waren. Bei der jüdischen Gemeinde in Kopenhagen wurde der kleine Albert als Elkan Bonnier eingetragen, der jiddischen Variante des hebräischen Elkanah, nach dem Großvater väterlicherseits seiner Mutter, einem Elkan Abraham.

Über Kindheit und Jugend der Bonnier-Kinder und über ihre Ausbildung ist nur wenig bekannt. Ab 1814 bestand in Dänemark für Jungen und Mädchen Schulpflicht, doch die mosaischen Gemeinden durften bei der Gestaltung des Unterrichts nicht mitreden.

Zumindest die beiden jüngsten Söhne Albert und David Felix erhielten nach einiger Zeit normalen Schulgangs Privatunterricht bei einem Lehrer namens Isaak Levin, über den Karl Otto Bonnier schreibt, dass er »den beiden Jünglingen beachtliche Kenntnisse in verschiedenen Fächern beibrachte, vor allen Dingen in den Fremdsprachen«. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte man besondere Schulen für jüdische Jungen und Mädchen gegründet, aber es ist nicht bekannt, ob die älteren Bonnier-Kinder diese besuchten. Sicherlich trug Gerhard mit seinen Erfahrungen als Sprachlehrer, soweit er dazu Zeit und Möglichkeiten hatte, zur Ausbildung seiner Kinder bei. Mit seinem Hintergrund und seinen Kenntnissen ließ er sich durchaus der Kategorie Maskil zuordnen, eine Bezeichnung hebräischen Ursprungs für aufgeklärte und reformorientierte Juden. Eine breite, weltliche Ausbildung zu fördern, entsprach voll und ganz den Werten dieser Gruppe.

Ein rührendes Detail im Hause Bonnier in Kopenhagen war die große Fürsorge, die die älteste Tochter Frederikke ihren jüngeren Geschwistern angedeihen ließ, besonders seit Gerhard und Ester in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten waren. Frederikke starb bereits 1828, im Alter von nur 23 Jahren. Albert konnte ihren Tod kaum verwinden. Sie fehlte ihm außerordentlich. »Im Alter erzählte mein Großvater Albert Bonnier oft von seiner großen Schwester, die für ihn wie eine liebevolle Mutter gewesen war«, erinnerte sich Alberts Enkel Åke Bonnier Jahre später.

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