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Fedor Holz

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Beschreibung

Finde deinen Fokus und wachse über dich hinaus!

In Drucksituationen funktionieren, Optionen abwägen und Ergebnisse voraussagen, sein Gegenüber analysieren und flexibel reagieren, Entscheidungen treffen und dennoch an der richtigen Stelle auch wissen, dass man nicht alles kontrollieren kann – als einer der besten Pokerspieler der Welt hat Fedor Holz sich Eigenschaften angeeignet und Erkenntnisse gewonnen, von denen wir alle im Hinblick auf das Erreichen von persönlicher Erfüllung und beruflichem Erfolg profitieren können.

Nun erzählt er in seinem ersten Buch von seinem Weg an die Spitze, den Momenten des Scheiterns bis dahin, und seinen Learnings dazwischen: Fedor Holz teilt inspirierende Impulse zum Umgang mit Stress, Resilienz und innerer Ruhe oder Selbstmotivation.

Ein Buch für alle, die hungrig nach mehr sind und ihr ganzes Potenzial ausschöpfen wollen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 225

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buch

Mit Stress umgehen, Optionen reflektieren und Ergebnisse voraussagen, sein Gegenüber analysieren und flexibel reagieren, Entscheidungen treffen und dennoch an der richtigen Stelle auch wissen, dass man nicht alles keontrollieren kann – in seiner Pokerkarriere hat Fedor Holz sich Eigenschaften angeeignet und Erkenntnisse gewonnen, von denen wir alle im Hinblick auf das Erreichen von persönlicher Erfüllung und beruflichem Erfolg profitieren können.

Nun erzählt er von seinem Weg nach ganz oben, den Momenten des Scheiterns bis dahin, und seinen Learnings dazwischen: Ein Buch für alle, die hungrig nach mehr sind und ihr ganzes Potenzial ausschöpfen wollen.

Autor

Fedor Holz, geboren 1993 in Saarbrücken, ist Deutschlands bekanntester Pokerprofi und der einzige Spieler weltweit, der sowohl im Online- als auch im Livepoker Weltranglistenerster war. Er gewann über 50 Millionen Dollar an Preisgeldern. Neben seiner aktiven Karriere ist Fedor auch als Investor und Unternehmer tätig, etwa mit seiner Pokerschule Pokercode, außerdem arbeitet er als Coach und hält Vorträge. Er lebt in Wien.

FEDOR HOLZ

MIT ALEXANDER BAYER

ALL IN

BESIEGE DICH SELBST UND WACHSE ÜBER DICH HINAUS

Alle Ratschläge in diesem Buch wurden vom Autor und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Eine Haftung des Autors beziehungsweise des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist daher ausgeschlossen.

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Originalausgabe September 2025

Copyright © 2025: Mosaik Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Martha Wilhelm

Umschlag: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: David Payr

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

AR ∙ MW

ISBN 978-3-641-33545-8V002

www.mosaik-verlag.de

Für alle, die zögern.

INHALT

Vorwort

Barcelona

Der Schlaf

Gehöre ich überhaupt hierhin?

2012 – das Höllenjahr

Kindheit

Endstation

Selbstverantwortung

Selbstsabotage

Meine Pokeranfänge

2012 – Meine Journey

Ziele setzen und erreichen

Hi – bin Profi. Wer bist du?

Ich liebe Marmelade

Lauf, Fedor, lauf!

Mein erster Live-Cash

Risikomanagement

Walk of Shame

Risikofreude und gute Entscheidungen

Mein One-Way-Ticket

2013 – Die neue Welt

Wien – und der Wert der Gemeinschaft

Millionär

Ziele setzen 2.0 – das Upgrade

Cherry Island – oder warum ich eine Insel mietete

Meine Strategie

Meine Livepoker-Karriere

2015 – JETZT bin ich Profi

Einsam an der Spitze

Elliot

Mindset

Psychologie – Menschen lesen und beeinflussen

Meine innere Ruhe

Überall nur Geld

Der Drop

Wie ich das Pokerspiel beeinflusste

Teamarbeit und Netzwerke

ALLOUT

Früchte meiner Arbeit

Fedor 3.0

Trading-Intermezzo

Business-Netzwerke

Neuausrichtung

Poker stirbt

Cliffhanger

Danksagung

VORWORT

Auf das Vorwort habe ich mich besonders gefreut. Denn dann weiß ich, dass das Buch endlich steht. Das Projekt, das ich schon lange vorhatte und das mir am Herzen liegt. Es ist keine klassische Pokeranleitung und erst recht kein hochwissenschaftliches Solver-Fachbuch. Es ist vielmehr ein Blick hinter die Kulissen, ein Blick auf die Höhen und Tiefen eines professionellen Pokerspielers und auf all das, was abseits der gut ausgeleuchteten Poker-TV-Tische passiert. Auf unfassbare Momente, unglaubliche Geldsummen, starke Emotionen, die man nicht immer zeigen darf, Frust, Wut, Freude und Glück. Aber auch auf Begegnungen mit großartigen Menschen und Wegbegleitern, die einen gehörigen Anteil daran haben, dass ich mich zu dem Menschen entwickelt habe, der ich jetzt bin. Mein Pokerweg ist nie ein einsamer gewesen. Schon früh haben mich Menschen unterstützt, inspiriert und bestärkt, mich herausgefordert und mich Dinge gelehrt, die ich allein nicht gesehen hätte.

In diesem Buch spreche ich über meine Entscheidung für dieses großartige Spiel, die ich impulsiv aus einer Mixtur der unterschiedlichsten Gefühle traf und doch nicht über Nacht. Ich spreche darin über Zielsetzungen, meine Leidenschaft und meine Herangehensweise, die es vermochte, beides gewinnbringend für mich zu vereinen. Ich berichte über meine zahlreichen Reisen, die im richtigen Augenblick alles für mich veränderten, und über die drei immensen Tiefphasen in meinem Leben, die meinen Weg zum besten Pokerspieler der Welt markiert und stark geprägt haben.

Mit der Zeit habe ich erkannt, dass Poker viel mehr ist als bloß ein Spiel um Chips und Geld. Es ist, wenn man es gewissenhaft praktiziert, eine Schule des Lebens. Es lehrte mich, mit Unsicherheit umzugehen, Risiken abzuwägen und in den unmöglichsten und stressigsten Situationen wichtige Entscheidungen zu treffen. Es lehrte mich, meine Beziehungen zu optimieren, und bereitete mich bestmöglich auf mein heutiges Leben als Unternehmer und Coach vor.

Dieses Buch ist für all diejenigen, die neugierig sind – unabhängig davon, ob sie jemals zwei Asse in der Hand gehalten haben. Es geht darin auch um Handanalysen, die Spieltheorie und meine Strategien, die von den Strategien anderer abwichen und meine Gegner zuweilen über mein Spiel die Augen verdrehen, doch anschließend bezahlen ließen. Aber vor allem geht es darin um meine Entwicklung von einem wissbegierigen Kind über eine Phase notorischen Schulschwänzens hinweg bis hin zum besten Pokerspieler der Welt. Und um all die Etappen und Abenteuer, die mich dabei konsequent voranbrachten, denn Poker zahlte sich nicht sofort für mich aus. Die Entscheidung, diesen Weg der harten Arbeit und der langen unprofitablen Jahre zu gehen, war verrückt, leidenschaftlich und richtig zugleich. Mit ihr setzte ich mein bis dato geführtes Leben auf eine einzige Karte. Ja, ich ging damit »all in«.

BARCELONA

EPT Barcelona. Ende August. Und zum ersten Mal sitze ich an einem Cash-Game-Tisch mit diesen enormen Einsätzen. Ich bin sehr müde, denn ich habe allein heute schon zehn Stunden Poker hinter mir. Aber nicht müde genug, um nicht weitere zehn Stunden durchzuspielen. Klar, ein Marathon oder eine patentreife Erfindung wären jetzt vermutlich nicht mehr drin, aber für ein Cash Game um Hunderttausende Euro muss meine Kondition jetzt funktionieren … Was habe ich noch mal für ein Blatt? Sieben, acht, suited. ’ne Straße ist möglich. Diese hätte ich, wenn die mir ausgeteilten Karten und drei weitere aus den insgesamt fünf Gemeinschaftskarten auf dem Tisch am Ende eine Reihe ergeben. Was gleich im Flop erscheint – das sind die drei ersten Karten, die nach den ersten Einsätzen aufgedeckt werden –, weiß ich noch nicht. Und mit meinen sieben, acht, suited – beides in Karo –, bin ich rein rechnerisch noch nicht im superprofitablen Bereich. Aber je nachdem, wie meine Gegner hier gleich agieren werden, könnte ich damit etwas reißen. Ja, eine Straße könnte ich damit bekommen. Auch wenn mir ein Bett gerade viel lieber wäre.

An Schlaf ist jetzt jedoch nicht zu denken. Beim Cash Game, in dem ich mich gerade befinde, steht verdammt viel auf dem Spiel. Leon, ein nicht unbekannter Name in der Pokerwelt, hat mich hierhin eingeladen, und jetzt sitze ich mit sechs weiteren Leuten am Tisch, die alle bereits länger als ich dabei sind. Drei professionelle Pokerspieler und drei Geschäftsleute mit so einigen Games auf dem Kerbholz. Und ich meine damit nicht den Kioskbesitzer aus der hübschen Seitengasse tief in der Altstadt von Barcelona. Mit mir am Tisch sitzen neben erfahrenen Profis ein Casino-Besitzer und andere Schwergewichte. Es ist erst meine dritte Hand hier an diesem Tisch, an diesem Abend.

Aus der möglichen Straße ganz am Anfang ist nichts geworden, und die Hand darauf war auch fruchtlos. Aber jetzt – das hier sieht besser aus. Sogenannte Pocket Jacks, also ein Bubenpaar, ausgeteilt auf die Hand. Und nur noch Tony G und ich sind im Spiel, alle anderen haben gefoldet, also in dieser Runde hingeschmissen. Die Blinds, das sind die Pflichteinsätze bei jeder Runde, werden im Cash Game im Gegensatz zu den Turnieren nicht regelmäßig erhöht und liegen hier von Beginn an bei 4000 und 8000 Euro, die zwei der Teilnehmer der Reihe nach in jeder Runde bezahlen müssen. Das ist schon nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass der Gesamteinkauf ins Main Event, bei dem man eine Million Euro gewinnen kann, 5300 Euro betrug. Überhaupt sind Cash Games in dieser Größenordnung eine absolute Ausnahme. Ansonsten kosten selbst die sogenannten High Stakes gerade mal 100 und 200 oder maximal 200 und 400 US-Dollar1 pro Blind. Beim Cash Game spielt man im Übrigen immer um die reale Geldmenge, das heißt exakt um die Beträge, die im Eins-zu-eins-Verhältnis als Chips eingesetzt werden. Bei Turnieren wird hingegen für Geld eine bestimmte Menge Chips eingekauft.

Ich erhöhe mit meinen Buben vom sogenannten Cutoff, von der zweitbesten Position am Tisch; an der besten – am Button – sitzt Tony. Ich erhöhe auf 20 000 Euro, Tony G auf 70 000. Ich bin jetzt an der Reihe und habe drei Möglichkeiten: Ich kann callen, also einfach mitgehen und den Flop – die ersten drei der fünf Karten – schon einmal aufdecken lassen, um von da aus neu zu evaluieren und die nächsten Entscheidungen zu treffen. Oder erhöhen, was besonders tricky ist, da ich mich damit in eine schwierig zu navigierende Situation bringen könnte. Oder ich kann aussteigen. Aussteigen kommt nicht infrage, denn jetzt habe ich schon quasi einen Neuwagen eingesetzt, und vor allem ist ein Bubenpaar ein recht ordentliches Blatt, zumindest wenn man es direkt auf die Hand ausgeteilt bekommt. Es ist schwer zu erraten, was Tony gerade hat, aber seine Kartenkonstellation lässt sich ein wenig eingrenzen. Hat er Damen, Könige, Asse? Ass-König? Gegen Ass-König liege ich mit meinem Blatt vor dem Flop in etwa bei einem »Coin Flip«, mein Gegner und ich haben dann also ungefähre Chancengleichheit. Und gegen die anderen drei Hände würde ich nur überleben, wenn ich einen dritten Buben träfe. Dafür liegt die Wahrscheinlichkeit immerhin bei etwa 20 Prozent. Er könnte beispielsweise mit einem Zehnerpärchen oder einfarbigen Sieben-Acht auch eine schwächere Hand als ich haben – das ist speziell bei ihm, da ich sein Spiel kaum kenne, schwer einzuschätzen. Oder ich fahre gegen einen wilden Bluff, was ich aber hier für weniger wahrscheinlich halte. Das erschwert mir die Entscheidung, zu raisen. Aber hey, wer nichts riskiert, der trinkt Tütenwein, oder wie war das noch mal? Noch nie zuvor habe ich an einem Cash Game teilgenommen, in dem es um solch hohe Summen ging, das macht Druck. Ich schiebe meinen Kragen zurecht, meine Gedanken beiseite und erhöhe auf 200 000 Euro.

Das Casino mit der riesigen und seltsamen Metallskulptur auf dem Dach (ich denke dabei immer an einen Fisch), in dem ich gerade spiele, kenne ich bereits. Es ist eine der richtig schönen Poker-Locations. Und im spanischen Spätsommer sowieso. Grandioses Urlaubswetter umhüllt einen an diesem Strand mit angenehm warmer Luft, und wenn man dann von draußen die gleichmäßigen Treppenstufen in den Dungeon hinabsteigt – die Haupthallen des Casinos befinden sich unter der Erde –, wechselt man Klimazonen. Die Luft in den Hallen ist trotz der unglaublichen Menschenmassen richtig gut, die Räume sind hell (insbesondere um den TV-Tisch herum), und überall hängen stilvolle Banner von den hohen Decken. Die gut eineinhalbtausend Poker-Azubis und Pokerpros sorgen mit aufgeregtem Getümmel für eine auditive Atmosphäre, die nur von den Geräuschen der Chip-Shuffler übertönt wird – der Spieler, die ihre wertvollen Plastikplättchen sortieren, jonglieren und fingerfertig herumstapeln. Rhythmisch, hypnotisch und omnipräsent wirkt dieser unverwechselbare Sound auf mich. Ich mag dieses cosy Feeling hier und versuche, es in jeder Situation zu genießen. Grundsätzlich ist es schon so, dass je höher die Einsätze für ein Event ausfallen, desto besser die Casino-Räumlichkeiten ausgestattet sind. Aber ich habe auch schon so einige Ausnahmen gesehen und insbesondere in meiner Anfangszeit in Etablissements mit etwas geringerer Luftdurchsichtigkeitsquote gespielt als hier. Aber damals durfte man ja auch noch überall rauchen.

Ich bin seit Tagen ununterbrochen am Tisch. Am nächsten Vormittag geht es mit Tag drei des Main Events weiter, also des Turniers, das hier in Barcelona alljährlich von der European Poker Tour ausgetragen wird. Die Einsätze dort sind im Vergleich zum Cash-Game-Tisch, an dem ich gerade sitze, oder etwa zu Super High Rollern eher niedrig, doch für ein Turnierevent prestigeträchtig hoch. Mit 5300 Euro kauft man sich dort ein und spielt im Optimalfall über sechs Tage hochkonzentriert bis zu zwölf Stunden täglich, um entweder im Laufe des Turniers rauszufliegen oder im besten Fall am Ende als einer der Sieger eine Million Euro einzukassieren. Weil sich das Turnier über mehrere Tage erstreckt, schleppt man seine Chips, die man als Gegenwert für die Einsatzsumme bekommen hat, von Tag zu Tag mit. Ist man am Ende des jeweiligen Tages noch im Rennen, wirft man seine aktuelle Chipsmenge in einen dafür vorgesehenen Plastiksack und schöpft am nächsten Morgen daraus.

Der Cash-Game-Tisch, an dem ich gerade spiele, befindet sich am Rande des riesigen Hauptraums, unweit der Treppe, die aus der spanischen Urlaubshitze in diesen prachtvollen Money-Dungeon herunterführt. Als das Spiel gestartet ist, war es bereits später Abend, alles ist ruhig. Außer uns ist kaum jemand noch hier, und dennoch ist unser Platz durch rote Samtbänder abgegrenzt, vielleicht auch, um zu signalisieren, dass es hier um etwas geht. An diesem Tisch sind die Lichter gedimmter als beim geräuschvollen Main Event, die Einsätze aber um ein Vielfaches höher. Und nicht nur die Einsätze, denn ich spüre meinen Puls bereits in meinem Unterkiefer.

200000 Euro habe ich soeben gegen Tony gesetzt und meinen eigenen Chipshaufen damit sichtbar geschrumpft. Um hier überhaupt mitspielen zu können, musste ich mit 800000 Euro rein, einer Summe, die ich bis vor einigen wenigen Jahren nur von der gefühlten Anzahl meiner gescheiterten Online-Turniere kannte. Diese 800000 habe ich nicht komplett selbst erbracht, sondern mich – so nennt man es in der Branche – teilweise staken lassen. Es haben also auch andere mit ihrem Geld in mich investiert und mir damit die Möglichkeit offeriert, in sehr kurzer Zeit sehr viel Geld loszuwerden. Anders, als mich teilweise staken zu lassen, wäre das aktuell kaum möglich, da sich meine Bankroll2 halbieren würde, würde ich hier alles verlieren. Eine solche Halbierung hat schon mit 1000 Euro auf dem Konto sehr wehgetan – wie schlimm würde es sich jetzt mit über einer Million anfühlen? Und dann spüre ich auch noch die Müdigkeit heranrollen, denn ich habe ja bereits zehn Stunden Main Event hinter mir. Und das hat ordentlich Energie verschlungen.

200000 Euro lege ich also zusätzlich in den Pot und drücke meine beiden Buben eine Nuance fester zusammen als sonst. Und was macht Tony?

Er geht »all in«. Ich setze mich ein ganz klein wenig auf, um sicherzustellen, dass meine Körperhaltung noch stimmt, denn ich weiß, dass ich in einer halben Sekunde beginnen werde, intensivst hirnzuschmalzen. Hier, an dieser Stelle jetzt auszusteigen, wäre möglicherweise kein guter Move, aber dennoch eine Option, und ich denke akribisch darüber nach. Denn die Entscheidung ist eine durchaus knappe. Tony kann ja theoretisch Asse, Könige, Damen haben. Das alles würde meine Prozente, also meine Gewinnwahrscheinlichkeit, stark dezimieren. Oder aber er hat Ass-König, dann liege ich leicht vorne … Ja, knapp, verdammt. Doch ich entscheide mich dazu, mitzugehen.

Ich calle sein »All in« (meine Pulsuhr schreibt mir panische SMS), lege die Buben offen und starre auf sein Blatt. Zwei Asse, na toll. Ich verliere den Wert eines Einfamilienhauses, bezahle, atme tief durch und … kaufe mich noch einmal ein. Später wiederhole ich die Prozedur – nur diesmal mit anderen Karten – und verabschiede mich, auch wenn ich mich an die einzelnen Hände nicht mehr erinnern kann (oder will). Ich verabschiede mich von der Runde und nun insgesamt von einer Million Euro. Allein, dass ich einst um solche Summen spielen würde, hätte mir der alte Fedor niemals geglaubt.

Okay, jetzt erst mal schlafen. 

DER SCHLAF

Als wirklichen Schlaf konnte man den eineinhalbstündigen Nap auf dem Sessel im Hotelzimmer kaum bezeichnen. Um zehn Uhr morgens nach einer Doppelschicht am Pokerfließband und mit minus einer Million in der Tasche war ich dort eingeschlafen und hörte nach einer gefühlten Sekunde um 11:45 schon den Wecker klingeln. Denn der dritte Tag des EPT Main Events stand an, und der für Casino-Verhältnisse erstaunlich unfeierliche Chipssack wartete bereits auf mich. Im Main Event war ich ja immer noch drin. Wie in Trance schwebte ich aus dem bequemsten Sessel der Welt und die Casino-Treppen hinab. Ich fühlte mich wie eine dieser Augsburger Puppenkiste-Figuren, die beim Laufen nie den Boden berühren, und dachte die ganze Zeit über diese seltsame Fischskulptur auf dem Casinogebäudedach nach, die ich kurz zuvor wieder passiert hatte. Als hätte ich sonst keine Sorgen. Aber wer baut denn auch bitte so etwas Unförmiges da oben hin? Und dann auch noch einen Fisch. Einen Fisch! Einen Meeresbewohner, so weit vom Meeresspiegel entfernt. So ein Scheiß … Die Fischfigur wollte in meinem Hirn einfach keinen Sinn ergeben, und nur die grellen Lichter waren in der Lage, mich aus den wirren, verschlafenen Gedanken zu holen. Und an diesem Nachmittag war es sehr hell, denn ich saß am TV-Tisch, unsere Spiele wurden also live übertragen. Verdammt, auch das noch. In meinem halb außerirdischen Zustand. Ausgerechnet heute, mit minus einer Million Schlafstunden (ach ja, und auch minus einer Million Euro) in der Tasche.

Am Tisch hatte ich Mühe, meine Augenlider offen zu halten, und ich beneidete jeden Fernfahrer um die Möglichkeit, im Rahmen seiner Arbeit der Müdigkeit nachgeben und schlafen zu können. Ich kämpfte, während ich das Main Event spielte – ebenfalls wie ein Fernfahrer –, mit Sekundenschlaf-Attacken. Die meisten Dealer kannte ich zu jener Zeit bereits gut, und ich bemerkte, wie es ihnen auffiel, dass ich geistig kaum anwesend war. Ein älterer Spieler spielte tight, das registrierte ich noch. Grundsätzlich fand ich dieses Phänomen schon immer spannend: Sobald es um höhere Einsätze geht, fangen die Leute an, wesentlich vorsichtiger zu spielen, anders zu taktieren, anders zu reagieren und durchschaubarer zu werden. Selbst ihre Kontrolle der Körperhaltung, eines der essenziellen Routine-Elemente im Poker, geben sie unter solchen Umständen auf. Gleichzeitig riskieren solche Spieler, und davon gibt es auch im oberen Profi-Bereich gar nicht so wenige, wesentlich mehr, sobald es um kleinere Einsätze geht. Ich dagegen habe es mir zur Philosophie gemacht, mich überall immer gleich zu verhalten – bei geringen Einsätzen wie auch bei hohen. Im Training wie auch im Wettkampf.

Das hat gleich mehrere Vorteile. Zum einen stärke ich dadurch mein Mindset und konditioniere mich dazu, immer und zu jeder Zeit mein Bestes zu geben. Zum anderen ist eine nachhaltige Entwicklung aus meiner Sicht nur auf diese Art überhaupt erst möglich. Denn wenn ich mich konsequent immer auf meinem Competition-Level bewege, wandele ich diese Quantität irgendwann automatisch durch die hohe Erfahrungsdichte in Qualität um und kann mich von diesem neu erworbenen Dauerniveau abstoßen, um die nächste Qualitätsstufe zu erklimmen. Nur wenn ich im Training immer so spiele, als sei ich in einem Wettkampf, werde ich im Wettkampf selbst die Chance bekommen, mich noch weiter zu steigern und auch mein Mindset zu optimieren. Und das musste ich in jahrelanger Arbeit hart lernen und bewusst trainieren. Dafür legte ich immer viel Wert auf Details, etwa meine Körperhaltung. Ich wollte, dass wiederkehrende Dinge (die Konstante), die bei jeder Pokerpartie benötigt werden, irgendwann automatisch ablaufen. Wie ich mich an den Tisch setze, wie ich meine Arme platziere, wie ich die Chips bette und vergleichbare Dinge habe ich über Jahre in effiziente Routinen gewandelt, über die ich am Tisch nicht mehr nachdenken muss. So spare ich meine Energie für das eigentliche Spiel (die Variable), meine akut profitablen Gedanken und Kalkulationen auf. Und das haben erfolgreiche Sportler mit gut konzipierten Gebäuden gemeinsam: eine hohe Energieeffizienz.

Da saß also nun der ältere Spieler vor mir und spielte »under the gun«, in der schlechtesten Position, auf der man als Erstes agieren muss, noch tighter, als er ohnehin spielen würde – ältere Spieler neigen eh dazu, das sagt zumindest meine interne Statistik. Er riskierte kaum etwas und ging erst mit guten Händen mit. Und ich saß nur da und starrte meine Ass-König-Hand an. Das gestrige Cash Game und der nervig hohe Verlust waren trotz allen Nebels in meinem Kopf präsent, und ich dachte: Hoffentlich hat der alte Mann jetzt einfach zwei Asse auf der Hand, dann fliege ich raus und kann endlich SCHLAFEN. Ja, das dachte ich damals tatsächlich und konnte es selbst kaum fassen. Denn ich hatte für meine Erfolge sehr hart gekämpft, enorm viel Zeit – und ja, auch Geld – investiert, und jetzt sollte ich also dasitzen und mir selbst die Niederlage an den müden Hals wünschen? Trotz der echt guten Hand? Ja, das tat ich, aber ich resignierte nicht einfach. Immerhin. Ich hockte nur da und wünschte dem alten Mann eine bessere Hand als meine. Denn ich musste endlich ins Bett. Oder wenigstens in den Sessel …

Glücklicherweise werden Verliererträume von Pokergöttern schneller erfüllt als ihr positives Pendant. Der Pokerrentner hatte tatsächlich Asse, ich flog grinsend aus dem Turnier und, ohne den Boden zu berühren, direkt weiter in mein Hotelzimmer, um – finally! – acht Stunden am Stück zu pennen. Denn abends – und da war ich fest entschlossen – wollte ich mir am Cash-Game-Tisch meine Million zurückholen.

GEHÖRE ICH ÜBERHAUPT HIERHIN?

Das ETP Main Event war für mich gelaufen, die Veranstalter konnten sich einen Chipssack sparen, und ich war endlich – na ja – ausgeschlafen. Mit minus einer Million im Rücken ging ich wieder an der hässlichen Fischfigur vorbei und direkt in den Cash-Game-Bereich, wo mich die anderen bestimmt schon händereibend erwarteten. Zumindest malte ich mir das auf dem Weg zum Spieltisch aus, musste trotz allem kurz schmunzeln und ging hinein. Ich kaufte mich für weitere 800000 Euro ein – dafür musste ich nur einmal ordentlich tief durchatmen.

Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass mich der Verlust des Vortages am Cash-Game-Tisch komplett kaltließe, aber zu jener Zeit wusste ich bereits, dass es am meisten Sinn ergab, Niederlagen in solcher Höhe möglichst kaltschnäuzig zu nehmen. Um genau zu sein, habe ich im Laufe der Jahre ein dreistufiges »Bad Day«-Verarbeitungssystem etabliert. Ich teile Niederlagen, Rückschläge, Fehlentscheidungen und andere Dinge, die mein Hirn in den ersten Sekunden als »katastrophal« einstuft, in drei verschiedene Gruppen ein. Dinge, die auf den zweiten Blick nicht so katastrophal wie gedacht sind, versuche ich, sofort abzuhaken. Bei Misserfolgen der zweiten Kategorie brauche ich in der Regel den restlichen oder einen ganzen Tag, um sie mental zu verarbeiten. Und bei der dritten sind Unmengen an Gedanken, Analysen und Geduld notwendig, um innerhalb von zwei bis drei Tagen mit der Situation abzuschließen. Eine wichtige Einsicht bei diesem Prozess war, dass ich gar nicht erst versuchen muss, mich dagegen zu wehren. Denn ich weiß mittlerweile genau, dass ich einfach eine gewisse Zeit benötige, um Ereignisse unterschiedlicher Schwere für mich erfolgreich zu prozessieren. Und diesen meinen Algorithmus genau kennend, sehe ich zu, dass ich während dieser Verarbeitungszeit keine wichtigen Entscheidungen treffe. Einfach auch, um mit der durch die Verarbeitung neu gewonnenen Perspektive einen weiteren und positiveren Outlook zu haben, um wiederum bessere Entscheidungen treffen zu können. Und eben auch, um durch ein unausgereiftes Urteil nicht weiteres »Unheil« anzurichten, mit dem ich wieder tagelang abschließen müsste. Ja, dies ist eine meiner Taktiken, um mit Rückschlägen umzugehen, und der Weg bis zu ihrer Entwicklung war nicht leicht.

Aber hier wusste ich ja, dass die Entscheidung, an diesem Cash-Game-Tisch mitzuspielen, ausschließlich meine gewesen war, und gleichzeitig war mein Mindset so weit trainiert, dass ich zuverlässig daran glaubte, die Power zu besitzen, mein Leben durch meine Entscheidungen zu beeinflussen. Ob die Entscheidungen dann im Einzelnen richtig sind oder nicht, schlägt sich speziell beim Pokerspiel nicht im Ergebnis nieder. Beim Poker hängt vieles an der Glückskomponente, und so kommt es nicht selten vor, dass schlechtes Spielen mit viel Glück zu großen Gewinnen und astreine Entscheidungen mit Pech zu hohen Verlusten führen können. Daher messe ich meine Leistung nicht am Ergebnis, sondern an der Entscheidung selbst. Mein Ziel ist es also, in jeder Situation die dafür bestmögliche Entscheidung zu treffen. Doch nicht nur glücksabhängige Niederlagen, sondern auch falsche Entscheidungen sind in meiner Laufbahn hilfreich für mich gewesen. Denn sie schafften die notwendige negative Erfahrung, aus der ich lernen und gestärkt hervorgehen konnte. Ohne Hinfallen kann es schon per Definition kein Aufstehen geben. Das Schlimmste, was ich hätte machen können, wäre, nichts zu versuchen und nichts zu riskieren. So wäre für mich – und das ist garantiert – eine Bewegung, in welche Richtung auch immer, und damit auch jede Persönlichkeitsentwicklung schlicht ausgeschlossen gewesen. 

Und so eine Erfahrung war das damalige Cash Game für mich. Ich bin nie ein wirklicher Cash-Game-Spieler gewesen – in meiner gesamten Pokerlaufbahn habe ich hauptsächlich Turniere gespielt. Ich hatte natürlich auch mit Cash Games Erfahrungen gesammelt, aber die Einsätze waren mit dem aktuellen nicht einmal annähernd vergleichbar. Das Höchste, worum ich bis dato gespielt hatte, waren vielleicht 40000 Euro.

Mit diesem Hintergrund saß ich also da. Fest entschlossen, das verlorene Geld von gestern zurückzugewinnen, persönlich zu wachsen und meine in der Brust kratzenden Zweifel zu überhören. Denn davon gab es mehr als genug: »Ja, das mit den Buben gestern war schon ein echt derber Fehler …« – »Oder war das keine Fehlentscheidung von mir?« – »Doch! Wahrscheinlich war es das, und das kann ich mir auf diesem Niveau niemals erlauben … Und erst recht nicht vor den ganzen Jungs hier.« – »Ob ich überhaupt hierhin gehöre?«

All diese Sätze und noch andere, die weitaus weniger diplomatisch klangen, gingen mir durch den Kopf, während ich die ersten Karten ausgeteilt bekam. Besonders der letzte Satz versuchte beharrlich, sich bei mir einzubrennen. Denn er kam mir aus meiner Schulzeit nur allzu bekannt vor. »Du gehörst hier nicht hin« wirkte wie ein Trigger, den ich mit einer in den schwierigen Jahren zuvor hart erlernten Taktik schließlich zu besiegen wusste: dem sogenannten Selftalk. Das ist nichts anderes als ein progressiver innerer Monolog – also einer, der meine akute Spielsituation voranbringt und von Sportlern verstärkt praktiziert wird. Bei mir war er mittlerweile so weit entwickelt, dass ich damit in der Lage war, mich von dem Struggle, den Zweifeln und der Angst zu befreien. Eine Million hin oder her. Wie jeder andere hatte ich diesen Selftalk auch als Anfänger praktiziert, nur damals noch in hauptsächlich destruktiver Natur. Diese destruktive Natur versuchte auch jetzt noch, ausgelöst durch die Niederlage vom Vorabend, zu mir durchzudringen. Aber inzwischen war ich so weit trainiert, dass ich diese Destruktivität in meinen inneren Dialogen mit seltsam adrett gekleideten Engelchen und Teufelchen in positives Denken umwandelte.

»Du gehörst hier nicht hin.«

»Doch, verdammt!«, sagte ich zu mir selbst. »Natürlich gehöre ich hierhin! Ich habe dem hier mein ganzes bisheriges Erwachsenenleben gewidmet. Ich bin nicht mehrere Male am Boden und tiefer aufgeschlagen, nur um mich hier zu ergeben. Ich mach die jetzt fertig.« Und ich machte sie fertig.

Ich spielte wie in einem ultrascharf gestellten Wahrnehmungstunnel. Ab hier lief alles irgendwie langsamer ab, und ich konnte deutlich und in allen Details dabei zusehen, wie meine Gegenspieler von Stunde zu Stunde, einer nach dem anderen müder wurden, immer verzögerter schalteten, immer vorhersehbarer reagierten – ja, sich sogar offen über gute Karten freuten (eine Todsünde) – und brav bezahlten. Immer wieder brav bezahlten.