Alles oder Nix - Giwar, Xatar Hajabi - E-Book
Beschreibung

Vom Knast an die Spitze der Charts: Giwar Hajabi alias Xatar ist Deutschlands einziger Gangsta-Rapper, der wirklich zum Gangster wurde. Und der wirklich gelebt hat, worüber er rappt. Aufgewachsen im Bonner Ghetto, macht sich Hajabi auf der Straße schnell einen Namen. Mit den Jahren wurden die Geschäfte größer und die Liste seiner Vorstrafen länger: Diebstahl, Raub, Körperverletzung. Nach einem spektakulären Überfall auf einen Gold-Transporter wurde er schließlich zum international gesuchten Kapitalverbrecher. Er tauchte im Irak unter, wurde monatelang gefoltert – und zurück in Deutschland schließlich zu acht Jahren Haft verurteilt. Von dem Gold fehlt bis heute jede Spur. Nach seiner Entlassung stürmt Xatar schließlich die Spitze der deutschen Charts. Er ist nun endgültig der Pate des deutschen Gangsta-Rap. Die Geschichte von Xatar ist eine Geschichte zwischen Armut und Reichtum, zwischen Partys in der Playboy-Mansion und Folterknast, zwischen Prominenz und Mafia-Paten. Zum ersten Mal erzählt Xatar seine Geschichte selbst. Die wirklichen Gründe für seinen Raub. Und eine Wahrheit, die niemand bis heute jemals erfahren hat.

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.
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3. Auflage 2016
© 2015 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Antje Steinhäuser/Dennis Sand
Umschlaggestaltung: ADOPEKID Grafikdesign, Hamburg
Umschlagabbildung: © Ondru
Bilder Innenteil: privat
Innenlayout: Isabella Dorsch, München
Satz und E-Book: Daniel Förster, Belgern
ISBN Print 978-3-86883-755-1
ISBN E-Book (PDF) 978-3-95971-003-9
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-95971-004-6
Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter:
www.rivaverlag.de

Inhalt

Prolog
TEIL 1 Freiheit
Kapitel 1
Zwischenspiel
Kapitel 2
Kapitel 3
Zwischenspiel
Kapitel 4
Zwischenspiel
Kapitel 5
TEIL 2 Gefangenschaft
Kapitel 1
Kapitel 2
Epilog

Prolog

Irgendwo im Irak, Februar 2009

Es heißt, dass man einmal im Leben durch die Hölle gehen muss, um einen Geschmack vom Paradies zu gewinnen. Ich weiß nicht, wie das Paradies schmeckt. Aber von der Hölle habe ich mittlerweile eine ungefähre Vorstellung. Zumindest von der Hölle auf Erden.

Diese Hölle wurde auf Beton gebaut. In dieser Hölle hat ein Menschenleben keine Bedeutung. Und sie ist dazu auch noch verdammt ungemütlich. Eine Sprungfeder bohrt sich in meinen Rücken, während ich auf einem versifften Sofa rumrutsche und beobachte, wie der Putz langsam von den Wänden bröckelt. Ich schaue mich in der riesigen Halle um, aber es gibt nichts zu sehen. Sie ist komplett leer. Wie ein verlassener Bürokomplex. Nur eine kaputte Uhr hängt an der Wand. Der Sekundenzeiger springt immer wieder zurück.

Es war Mittag, als sie uns geholt haben. Sie haben Shamso, Bira, mich und die anderen abgeführt und in Militärfahrzeuge gesetzt. Meinen Kopf haben sie mir auf die Knie gedrückt. Während der Fahrt schrien sie mich immer wieder an. Manchmal schlugen sie auch zu. Eine Tortur. Als wir ausgestiegen sind, habe ich nur noch Beton gesehen. Einen riesigen, grauen Gebäudekomplex mit Einschusslöchern in den Außenmauern. Ich wusste sofort, was das für ein Ort ist. Jeder hier weiß es. Die Geheimdienstzentrale vor den Toren Bagdads ist berüchtigt. Sie gehört zu den meist gefürchteten Plätzen im Irak. Niemand, der noch irgendwie bei Verstand ist, kommt ihm freiwillig zu nahe.

Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und starre auf den Fußboden. Der Beton hat Risse. Ich kann nicht mehr klar denken. In meinem Kopf kreist alles immer wieder um dieselben Fragen: Wo sind die anderen? Wie geht es weiter? Was zur Hölle passiert jetzt mit uns? Irgendwann höre ich Schritte auf dem Flur. Ein Mann in einem schwarzen Anzug kommt auf mich zu. »Giwar, kommen Sie doch bitte mit«, sagt er sehr förmlich und gibt mir ein Zeichen, dass ich aufstehen soll.

Hinter ihm stehen zwei Soldaten. Junge Kerle, nicht älter als zwanzig. Sie tragen Uniformen und Kalaschnikows und führen mich durch die Irrgänge des Betongebäudes. Ich spüre den Lauf ihrer Maschinenpistolen in meinem Rücken.

Nachdem wir einen endlosen Flur entlanggelaufen sind, werde ich eine Treppe runtergeführt und stehe in einem Innenhof. Ich kann den Vollmond sehen. Es muss weit nach Mitternacht sein. Ein abartiger Gestank steigt mir in die Nase. Eine beißende Mischung aus Blut, Kot und Urin. Und dann höre ich Schreie. Ich weiß nicht, wo sie herkommen. Ich höre nur immer wieder Männer, die so laut schreien, als würde man ihnen bei vollem Bewusstsein ein Bein amputieren.

»Weiter!« Einer der Soldaten stößt mir mit dem Griff seiner Kalaschnikow in den Rücken.

Ich gehe langsam durch den Innenhof und schaue mich um. Fünf Stockwerke sind die Gebäude hoch, ab dem zweiten sind alle Fenster vergittert. Vor meinen Füßen krabbeln Kakerlaken. Dutzende von Tieren. Sie sind riesig.

Der Boden ist gekachelt und nass. Ich kann im Mondlicht nicht erkennen, ob ich hier gerade durch eine Wasserpfütze oder durch eine Blutlache gehe.

Vor uns steht ein gebeugter, alter Mann. Er wischt die Flüssigkeit auf dem Boden auf und scheint uns gar nicht wahrzunehmen. Mir wird übel, ich habe Sodbrennen und bekomme langsam das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren. Oder den Verstand. Oder vielleicht auch beides.

Als ich den Hof etwa zur Hälfte durchquert habe, kann ich in eine der geöffneten Türen blicken. Da sitzen etwa vierzig Männer auf engstem Raum aufeinander. Keiner sagt etwas. Alle blicken mich nur wie lauernde Hyänen an. Unter ihnen erkenne ich einen Behinderten. Ein Mann mit einem völlig deformierten Körper. Er liegt einfach da, zwischen den anderen. Die meisten der Kerle sind bis auf die Knochen abgemagert. Mir schießen tausend Gedanken durch den Kopf. Wo zur Hölle bin ich hier gelandet?

In der Ecke des Innenhofes sitzt ein Soldat auf einem kleinen Hocker. Der Typ ist eigentlich noch ein Kind. Er ist vielleicht fünfzehn Jahre alt, hält ein schweres Maschinengewehr in der Hand und kaut auf einem Zahnstocher herum. Als sich unsere Blicke treffen, grinst er mich an und streicht mit seiner Hand demonstrativ über die Waffe. Wahrscheinlich wartet er nur darauf, dass jemand aus der Zelle kommt, den er abknallen kann. Dann höre ich wieder die Schreie.

»Weiter, weiter«, rufen die beiden Soldaten hinter mir nun deutlich aggressiver und stoßen mir wieder ihre Kalaschnikows in den Rücken. Sie deuten auf eine Tür am anderen Ende des Hofes. Wieder im Gebäude werde ich eine Treppe raufgeführt und in einen kleinen Raum gebracht. Zwei Stühle und ein Schreibtisch. Ich setze mich.

Nach ein paar Minuten betritt ein Mann den Raum. Er stellt sich als Jamal vor. Alles an ihm ist schwarz. Sein Anzug, seine Krawatte, seine Haare und vor allem seine Augen.

Jamal gibt mir die Hand. »Giwar, es ist schön, dass du unser Gast bist«, sagt er in einem ekelhaft freundlichen Ton. Ich muss an die zusammengepferchten Menschen in der Zelle denken. An den Gestank von Blut und Kot und an die Kakerlaken. Jamal schickt die beiden Soldaten vor die Tür.

»Keine Sorge«, sagt er. »Wir wollen uns nur unterhalten.«

Ich atme tief durch und mache mich auf das Schlimmste gefasst.

»Giwar«, sagt er wieder in diesem öligen Ton, »Du bist doch ein Kurde?«

»Ja«, antworte ich knapp.

»Dann musst du doch stolz darauf sein, was deine Landsmänner im Norden des Landes geschaffen haben. Aus dem Nichts. Aus dem Wüstenstaub. Wie ich hörte, warst du erst vor einigen Tagen dort. In Erbil.«

Ich schaue Jamal an und schweige.

»Sie haben einen Ort geschaffen, an dem sie in Freiheit ihre Flagge hissen können. Ihre Sprache sprechen können. Sie haben Schulen. Sie haben Krankenhäuser. Sie haben all das, was man ihrem Volk immer verwehrt hat.« Ist dieser irakische Geheimdiensttyp ein verdammter Politiker oder was? Wenn er mich nur in diese Hölle gebracht hat, um mitten in der Nacht über die Kurdenfrage zu sprechen, bin ich gerne bereit, ihm meinen politischen Standpunkt darzulegen. Aber ich weiß, hier geht es um etwas anderes.

»Ja«, antworte ich also knapp und lasse Jamal nicht aus den Augen. »Bombe. Es ist wirklich alles sehr schön geworden dort. Das mit den Flaggen und den Krankenhäusern. Gut geworden ist das.«

Jamal schaut komplett durch mich durch und verzieht keine Miene. »Das ist es«, sagt er mechanisch. »Und weißt du, wie die Kurden das alles geschaffen haben?«

Ich zögere. »Durch einen festen Willen«, versuche ich, die von ihm erhoffte Antwort zu erraten. »Nein, Giwar«, korrigiert er mich. »Nur durch Brüderlichkeit. Und Brüderlichkeit kommt von Vertrauen und Ehrlichkeit.« Alles klar. Darauf will der Pisser also hinaus. »Du teilst diese Werte doch mit uns?«, fragt er mich scheinheilig.

»Natürlich«, antworte ich knapp.

»Gut, dann lass uns ganz offen reden. Giwar, du hast etwas in deinem Besitz, von dem wir gerne wüssten, wo du es versteckst«, sagt er und zum ersten Mal deutete sich eine Art Lächeln auf seinem Gesicht an. »Du weißt doch, wovon ich rede. Wo ist das Gold, Giwar?« Was auch immer dieser Kerl von mir will, die Wahrheit werde ich ihm nicht erzählen, sage ich mir.

»Gold?«, frage ich zurück. »Du sprichst von meinem Zahngold?« Jamal kommt mir etwas näher. »Ich habe da einen guten Zahntechniker. Der kriegt das fantastisch hin. Wenn du willst, gebe ich dir seine Nummer, aber er sitzt in Bonn und ob sich die Reise …«

Es hat keinen Sinn. Jamals weiße Haut wird ganz rot und seine Augenbrauen ziehen sich zusammen. »Du hältst das wohl für einen Scherz?«, schreit er. Seine Hände ballen sich zu Fäusten. »Verarsch mich nicht! Junge, was glaubst du eigentlich, mit wem du es hier zu tun hast?«, schreit er immer lauter und seine Stimme überschlägt sich fast. Der Mann kriegt sich überhaupt nicht mehr ein.

Sofort kommen die beiden Soldaten von draußen in den Raum gerannt und beginnen, mit den Griffen ihrer Kalaschnikows auf mich einzuprügeln. Sie schlagen so hart zu, dass ich vom Stuhl falle. Ich krümme mich zusammen und lege die Arme schützend um meinen Kopf. Die Jungs sind so wütend, dass sie gar nicht mehr aufhören, auf mich einzutreten.

»Reicht!«, schreie ich irgendwann. »Es ist nur ein Missverständnis!« Als die minutenlangen Schläge enden, heben mich die beiden Soldaten wieder auf den Stuhl. Der Agent schaut mir tief in die Augen und atmet laut aus. »Giwar«, sagt er dann wieder mit beherrschter Stimme. »Du darfst keine Spielchen mit uns spielen.« Er geht zu seinem Schreibtisch und öffnet die oberste Schublade.

»Ich mache dir einen Vorschlag. Wir fangen noch einmal von vorne an.« Er zieht eine Knarre aus der Schublade. Jamal guckt mir in die Augen und ich schwöre bei Gott, zum ersten Mal in diesem Albtraum, der nicht mehr enden will, habe ich dieses Gefühl, dieses beschissene Gefühl, das man hat, wenn man weiß, dass bald alles vorbei sein könnte. Dieses Gefühl, wenn man spürt, dem Tod näher zu sein als dem Leben. »Du erzählst mir jetzt die Geschichte, die ich hören will«, befiehlt er in hartem Militärton. Dann entsichert er die Waffe und legt sie auf den Tisch vor mir. Der Lauf ist auf mich gerichtet. »Ich will, dass du mir alles erzählst. Alles, seitdem du denken kannst! Ich will die ganze Geschichte.« 

TEIL 1Freiheit

Kapitel 1

Die ersten Erinnerungen meines Lebens sind Erinnerungen an den Knast. Meine Eltern waren kurdische Freiheitskämpfer. Sie hatten einen Traum – und für diesen Traum waren sie bereit, in den Krieg zu ziehen. Sie träumten tatsächlich von einem autonomen Kurdistan. Von einem Land, in dem die Kurden ihre Flagge hissen und ihre Sprache sprechen können.

Als meine Eltern sich im Iran kennenlernten, hätten sie wohl nie gedacht, dass ihr Traum sie mal in eine Gefängniszelle führen würde. Mein Vater ist Musiker. Ein Freigeist, der seine Tage und Nächte damit verbrachte zu komponieren. Meine Mutter unterrichtete neben ihrem Studium an einer Grundschule. Die beiden waren keine Kämpfer. Aber sie lernten sich in einer Zeit kennen, in der das politische Klima im Iran extrem aufgeheizt war. Alle Zeichen standen auf Revolution. Es war eine Zeit, in der viele Kurden die Hoffnung hatten, ihre Träume von einem eigenen Staat endlich umsetzen zu können. Meine Eltern wollten diese Chance nutzen. Sie schlossen sich der Kurdischen Demokratischen Partei an und griffen für ihren Traum zu den Waffen. Sie kämpften an der iranisch-irakischen Grenze für die Freiheit ihres Volkes.

Als ich drei Jahre alt war, wurde aus dem Traum ein Albtraum. Meine Eltern wurden von irakischen Sicherheitskräften verhaftet. Sie wurden nach Samawa gebracht, eine kleine Stadt südlich von Bagdad. Und ich wurde von den Soldaten gleich mitgenommen. Das Gefängnis von Samawa war kein normales Gefängnis. Die Gefangenen hier sollten nicht bloß ihre Strafe absitzen. Die Menschen, die nach Samawa gebracht wurden, sollten ­sterben.

Die Zellen waren groß. Aber sie waren voll. Sie warfen einfach jeden rein, der hier ankam, vollkommen egal ob Männer, Frauen oder Kinder. Bis zu zwanzig Gefangene vegetierten in diesen Kerkern vor sich hin. Ängstlich und zusammengedrängt. Mütter kauerten in den Ecken und hatten ihre Kinder im Arm. Es war immer ruhig an diesem Ort. Aber es war eine bedrückende Ruhe. Niemand hat sich getraut zu sprechen. Jeder war nur damit beschäftigt, in diesem Drecksloch irgendwie zu überleben.

Das Schlimmste war aber nicht der Gestank. Nicht die Kakerlaken. Das Schlimmste war die Ungewissheit. Immer wieder kamen die Wärter und nahmen meinen Vater mit. Oft mehrmals am Tag. Meine Mutter und ich blieben in der Zelle zurück. Wir wussten nicht, was jetzt passieren würde. Wir wussten nicht, wie es weitergeht. Als die Wärter ihn ein paar Stunden später wieder in die Zelle zurückbrachten, war er ein anderer. Bis heute haben wir nie über das gesprochen, was genau passiert ist. Aber die Narben, die er auf seinen Armen trägt, erzählen mir mehr, als seine Worte es jemals könnten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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