Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Emmis Leben bagann im Heuerhaus. Aus einer sorglosen Kindheit schöpfte sie Kraft für ihr späteres Leben. Sie hat immer an das Gute geglaubt und nie hinterfragt, ob sie ausgenutzt wird. Erst sehr spät begann sie sich zu wehren. Dann war es fast zu spät und sie begann seelischen und körperlichen Schaden zu nehmen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Zum Buch
Es war ein einfaches Heuerhaus mit einer großen Diele. Rechts und links befanden sich die Kühe und ein Pferd. In der Mitte der Diele war eine Schaukel.
Der Schweinestall befand sich separat im Hof. Der Hof lud zum Spielen ein, zum Beispiel mit den Kaninchen oder den kleinen Katzen. Vor dem Haus war eine große Wiese und rechts ein Gemüsegarten. Im Eingang zum Wohnbereich war wieder eine große Diele. Dort wurden die Kinder gebadet in einer Zinkwanne. Es gab kein fließendes Wasser. Das Wasser musste mit einer Pumpe geholt und erhitzt werden auf dem alten Küchenherd in der Wohnküche, der mit Kohle oder Holz befeuert wurde. Es war ein weißer großer nostalgischer Herd. Der Küchenherd machte die Wohnküche warm und gemütlich. Dort war ein großer Tisch.
Alle Familienmitglieder hatten Platz, Eltern, Großeltern und vier Geschwister. Das fünfte Geschwisterchen, ein Mädchen, war unterwegs. Emmi war das zweite Kind und ein Geschwisterchen, ein Mädchen, war unterwegs.
Emmi war das zweite Kind und eineinhalb Jahre jünger als ihre Schwester Johanna. Zwei Jahre später kam Hanna und wieder eineinhalb Jahre später ihr Bruder Paul. Das jüngste Geschwisterchen wurde wieder ein Mädchen, Mia. Das Haus war ein Bauernhaus, aber es wurde zum Heuerhaus, weil es dem Bauern gehörte. Dafür musste Emmis Vater in der Erntezeit helfen. Er hatte aber selber auch Tiere und Felder, die er bewirtschaftete. Die Landwirtschaft machte ihm große Freude.
Nun noch zum Heuerhaus. Neben der Wohnküche links befand sich ein großes Wohnzimmer. Neben dem Wohnzimmer rechts war ein Schlafzimmer für die Großmutter Agnes. In dem Schlafzimmer war ein Doppelbett. In dem anderen Bett bei Oma Agnes schliefen Johanna und Hanna. Links neben dem Wohnzimmer war das Elternschlafzimmer. Emmi schlief im Bett ihrer Eltern bei ihrer Mutter.
Der kleine Bruder Paul schlief ebenfalls im Elternschlafzimmer separat in einem Kinderbett. Emmi fand es immer so schön, wenn ihre Mutter einen leckeren Eintopf gekocht hatte, am liebsten Linsensuppe. Vor allem im Winter war es sehr gemütlich. Einen Fernseher gab es nicht. Abends wurde Mühle gespielt oder Karten. Oft auch vorgelesen.
Den Heiligabend fand Emmi total spannend. Das Wohnzimmer war den ganzen Tag verschlossen. Nur die Eltern Johanna und Gerhard verschwanden immer wieder im Wohnzimmer. Emmi hatte ja genug Platz bis abends in der großen Wohnküche. Aber sie musste doch einmal durch das Schlüsselloch sehen. Dann war es endlich soweit. Das Glöckchen läutete und das Christkind ist dagewesen. Es hat die Geschenke gebracht. Emmi staunte. Es sah so schön aus. Der bunt geschmückte Tannenbaum, der herrlich roch und das Licht der brennenden Kerzen am Baum waren einfach zu schön. Jeder hatte einen Platz mit Geschenken und einen bunten Teller, der herrlich nach Lebkuchen; Schokolade, Apfelsinen und Feigen roch. Man muss bedenken, dass zur damaligen Zeit solche Leckereien etwas sehr besonderes waren.
Es gab keine Süßigkeiten und Plätzchen zwischendurch. Höchstens zum Geburtstag.
Die ganze Familie war zusammen und sang Weihnachtslieder. Dann wurden die leckeren Sachen ganz sparsam probiert und mit den Spielsachen gespielt. Leider waren alle Kinder noch zu klein, um zur Christmette zu gehen, denn dahin gingen alle zu Fuß durch den Schnee. Die Sankt Pauluskirche war drei km entfernt. Später ist die Familie aber immer zu Fuß zur Christmette gegangen.
Die Adventszeit hat Emmi nie vergessen. Die schaffte schon eine weihnachtliche Vorfreude. Emmis Mutter hatte immer einen großen Adventskranz gebastelt, der über dem Esstisch in der Küche hing. Wenn es am Adventssonntag dämmerte, wurde eine Kerze angezündet und es wurden Adventslieder gesungen mit der ganzen Familie. Am schönsten war der selbstgebackene Honigkuchen, der in einer Milchkanne aufbewahrt wurde. Emmi hat viele Rezepte ausprobiert, aber keines schmeckte wie dieser Honigkuchen. Zu dieser Zeit kam auch am 06.Dezember, wie in alter Tradition, Nikolaus und Knecht Ruprecht. Nikolaus hatte ein goldenes Buch dabei und darin vorgelesen, ob alle Kinder artig war. Er fragte anschließend jedes Kind ob es ein gutes Kind war. Dann holte er aus seinem Sack Äpfel, Lebkuchen, Apfelsinen und Nüsse und verteilte sie.
Emmis Mutter, Johanna, musste an der Galle operiert werden. Das war damals noch eine große Operation mit einem Bauchschnitt von 15-20 cm. Sie bekam im Krankenhaus eine Lungenembolie nach der Operation. Es bestand Lebensgefahr und keiner wusste, ob sie das überleben würde. Die Kinder wurden bei den Angehörigen von Emmis Mutter verteilt. Emmi kam zu Tante Emma und Oma und Opa mütterlicherseits. Begriffen hat sie zu der Zeit nicht, warum sie weggegeben wurde. Sie schlief bei Oma und Opa im Bett. Soviel Platz war ja nicht für ein eigenes Zimmer. Wer hatte das schon zu der Zeit. Es war auch gut so, denn Emmi wurde sehr krank. So gut hat sie diese Situation nicht verkraftet. Ihre Geschwister Johanna und Paul kamen zu Tante Josefa, genannt Sefi. Hanna durfte bei ihrer Großmutter Agnes und bei ihrem Vater zu Hause bleiben. Es ist aber alles gut gegangen.
Alle Kinder konnten zurück zu ihren Eltern. Es kam sogar später noch ein Geschwisterchen, ein Mädchen. Sie wurde Mia genannt.
Das erste Kind, Johanna, ging ins erste Schuljahr. Emmi wäre so gerne mitgegangen. Einmal durfte sie mit zur Schule. Die Lehrerin hatte es erlaubt. Sie bekam Stifte zum Malen und war sehr stolz. Es tat sich eine ganz neue Welt auf. In dem örtlichen Kindergarten ist sie nie gewesen. Sie stand oft vor dem Zaun und hörte die Kinder spielen. So gerne wäre sie auch dahingegangen. Vielleicht hatten ihre Eltern kein Geld dafür oder der Weg war zu weit ins Dorf und es mussten ja noch vier Kinder versorgt werden, das Feld bestellt, die Tiere versorgt und der Bau des neuen Hauses kostete viel Geld.
Als Emmi dann zur Schule kam, war sie noch sehr verspielt. Sie bekam als zweitletzte einen Füller, weil sie die Linien beim Schreiben nicht einhalten konnte. Wie sollte sie das auch können, wenn sie nie zum Kindergarten war und keine Stifte hatte um die Feinmotorik zu üben.
Sie wurde aber eine sehr gute Schülerin, die in den Diktaten immer fehlerfrei war und gerne Aufsätze schrieb. Sie bat später zur höheren Schule zu dürfen. Ihre Mutter suchte einen Nachhilfelehrer für Englisch damit sie so in das schon begonnene Schuljahr einsteigen konnte. Sie kam zur Liebfrauenschule, eine Ordensschule nach Lohne. Der Sprung ins begonnene Schuljahr fiel ihr leicht.
Im nächsten Schuljahr war sie sehr gut in Mathe, Englisch und Deutsch. Zu der Zeit wurde ein Gymnasium in der Nähe gebaut.
Sie wechselte zum Gymnasium.
Die Situation mit dem Bauern, dem das Heuerhaus gehörte gestaltete sich zu der Zeit immer schwieriger. Emmis Vater, Gerhard, legte sich mit dem Bauern an und es entstand ein Streit, der nicht mehr zu beheben war. Da blieb nur eine Möglichkeit. Das Heuerhaus musste verlassen werden, um dem Bauern aus dem Weg zu gehen. Glücklicherweise war der Bruder von Emmis Mutter Bauunternehmer. Er half ihren Eltern ein Haus zu bauen. Es musste ein Grundstück gekauft werden, ein Bauplan erstellt werden und Geld besorgt werden. Das war nicht so einfach, weil als selbständiger Landwirt kein verlässliches Einkommen vorhanden war. Aber sie haben es hinbekommen. Es ging nur so, dass der Bruder von ihrer Mutter, der Bauunternehmer war, seine Arbeiter geschickt und Opa mütterlicherseits sehr viel geholfen hat.
Jeden Tag hat Emmis Mutter essen gekocht und zum Bau gebracht.
Die Zeit war für die Eltern eine schwere Zeit, die nervlich eine große Belastung war. Emmi musste das einmal schmerzlich erfahren. Sie war sowieso ein schwieriger Esser und es gab Hühnerfrikassee. Das fand Emmi eklig und schrie:“Das esse ich nicht!“
Emmis Vater hob sie vom Tisch, ging mit ihr auf die Diele und legte sie über das Knie, wie man das früher nannte.
Dann sperrte er sie in den Kartoffelbunker. Der war außerhalb des Hauses. Es war ein Schock für Emmi. Diese Art zu erziehen, wurde aus Erfahrung mit den eigenen Eltern weitergehen. Auch Paul musste oft unter dieser harten Erziehung leiden. Dann kamen auch die Folgen der Kriegszeit dazu, die bei Vater Gerhard Spuren hinterlassen hatten.
Das war schon eine Freude für Emmi und ihre Geschwister. Es gab Wasser aus der Leitung, zwar kein warmes Wasser aber immerhin, im Obergeschoss hatte zumindest jedes Kind ein eigenes Bett. Die Mädchen mussten sich ein Zimmer teilen. Mia war ja noch klein und hatte ein eigenes Zimmer. Paul hatte auch ein eigenes Zimmer, weil er ein Junge war. Das fand er aber nicht so vorteilhaft. Er hätte lieber mit den Mädchen abends getobt. Das konnten sie hervorragend bis Vater Gerhard nach oben geschickt wurde, um für Ruhe zu sorgen. Daraus hat er dann auch noch einen Spaß gemacht. Er hat sich angeschlichen und unter dem Bett versteckt. Schließlich musste ihre Mutter, Johanna für Ruhe sorgen. Danach hat sich auch keiner mehr getraut zu toben. Paul wurde immer wieder gerne geärgert. Die Mädchen haben sich angeschlichen und ihn erschreckt. Er hat sich aber nicht getraut, mit zu machen.
Oben war auch noch das Elternschlafzimmer und das schönste, ein Badezimmer mit Badewanne.
Das Wasser musste in einem großen Boiler erhitzt werden. Samstags durfte dann jedes Kind alleine baden und sich viel Zeit dabei lassen. Unten hatte Oma Agnes ein Zimmer. Es gab zwei Wohnzimmer. Eines für alle Tage und eines für Besuch. Ja und natürlich die Küche. Eine Heizung gab es noch nicht. Es wurde über Öfen geheizt. Ein riesiger Garten mit Obstbäumen, Kirschen, Pflaumen, Mirabellen, Birnen, Äpfel. Es war alles da. Ein eigener Gemüsegarten mit Erbsen, Möhren, Salat, Kartoffeln, Blumenkohl. Eigentlich alles was das Herz begehrt. Emmi hat es geliebt, wenn ihre Mutter Erbsensuppe mit Grießklößchen von den frischen Erbsen gekocht hat. Das wurde das zweite Lieblingsgericht.
Vater Gerhard hat sich eine neues Hobby zugelegt. Er wurde Imker und hatte immer ungefähr zehn Bienenkästen. Für die Obstbäume war das ein großer Vorteil. Die Landwirtschaft hat er nicht aufgegeben. Drei Felder hatte er gepachtet vom Bauern und bestellt. Er musste ja noch sein Vieh versorgen, Kühe und Schweine. So konnte die Familie sehr gut mit frischen Lebensmitteln versorgt werden. Einen Hühnerstall gab es auch. Aber es reichte nicht auf Dauer zum Leben. Vater Gerhard hat eine Arbeit in einem Stahlwerk in Osnabrück angenommen als Stahlkocher, musste auch nachts arbeiten im Schichtdienst. Zur Arbeit musste er immer mit dem Zug fahren. Das war auf die Dauer nicht lebenswert. Als in der Nähe eine Ziegelei entstand, fing er dort an. Er verunglückte dort schwer mit bleibenden Rückenschäden.
Nach seiner Erholung fing er in einer Fabrik an, die Ersatzteile für Fahrzeuge her stellte und wurde Vorarbeiter bis zur Rente. Die Fabrik war nicht so weit entfernt und er hatte mittlerweile auch ein Auto.
Vater Gerhard war schwer durch den Krieg traumatisiert. Er war Scharfschütze im Krieg. Die Kriegsjahre hat er von Anfang bis Ende als Soldat erlebt. Erfrierungen an beiden Füßen führten immer wieder zu Lazarettaufenthalten.
Er wurde einmal verschüttet durch eine Bombe und bekam kurz vor Kriegsende einen Kopfschuss in Russland. Das war dann auch sein Kriegsende. Er wurde auf einem Lazarettschiff nach Dänemark transportiert. Das war das Schiff, das mit der Gustloff auslief. Das Schiff hatte einen Maschinenschaden und musste einen Zwischenstopp einlegen. Es ist somit der Torpedierung entgangen. Da hatte er Glück, dass der nicht auf der Fahrt war, wo das Lazarettschiff Gustloff vom russischen U-Boot torpediert wurde.
Gesprochen hat er mit Emmi und den Geschwistern nie darüber. Emmi hat mitbekommen, dass er nach dem Krieg noch oft laut im Traum geschrien hat. Er war ein lieber ruhiger Mensch, der mit seinem Leben zufrieden war. Die Natur, seine Tiere und seine Familie gaben ihm alles was er brauchte. Er wäre gerne Förster geworden. Das war ja nicht möglich. Seine Eltern waren auch Heuerleute und er durfte oft nicht zur Schule gehen, weil er auf dem Feld helfen musste. Trotzdem hat er sein Leben sehr gut gestaltet. Aus wenig hat er viel gemacht.
