Als ich im Krieg erwachte - Julia Solska - E-Book

Als ich im Krieg erwachte E-Book

Julia Solska

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Beschreibung

Wie ihre Landsleute nahm Julia Solska Russland zwar als permanente Bedrohung für die Ukraine wahr. Aber dass Wladimir Putin ihre Heimat überfallen und mit einem brutalen Krieg überziehen würde, hätte sie niemals gedacht – bis sie am 24. Februar 2022 in ihrer Kiewer Wohnung von Bombenexplosionen geweckt wurde und die Menschen um sie herum in Panik erlebte. Wie Millionen andere Ukrainer entschloss sie sich zur Flucht, die sie nach einer längeren Odyssee nach Deutschland führte. In ihrem Tagebuch erzählt sie eindrucksvoll, wie es ist, wenn sich ein Leben von – im wahrsten Sinne des Wortes – heute auf morgen verändert und ein Mensch mit Todesängsten klarkommen muss. Julia Solska lebte vier Jahre lang in Deutschland, ehe sie 2018 in ihre Heimat zurückkehrte. Sie hatte in Kiew alles, was sie für ein glückliches Leben brauchte. Die Veröffentlichung ihres Tagebuchs ist ihr Herzenswunsch und ein politisches Statement, das sie mit 44 Millionen Landsleuten teilt: "Ich will nicht in Russland leben, sondern in der Ukraine!"

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Seitenzahl: 197

Veröffentlichungsjahr: 2022

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„Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ (George Orwell)

Mein Kater Fran. © Julia Solska

Inhalt

Prolog

23. Februar – der Tag vor der Invasion

24. Februar – Tag eins der Invasion

25. Februar – Tag zwei der Invasion

26. Februar – Tag drei der Invasion

27. Februar – Tag vier der Invasion

28. Februar – Tag fünf der Invasion

1. März – Tag sechs der Invasion

2. März – Tag sieben der Invasion

3. März – Tag acht der Invasion

4. März – Tag neun der Invasion

5. März – Tag zehn der Invasion

6. März – Tag elf der Invasion

7. März – Tag zwölf der Invasion

8. März – Tag dreizehn der Invasion

9. März – Tag vierzehn der Invasion

10. März – Tag fünfzehn der Invasion

11. März – Tag sechzehn der Invasion

Epilog – Tag siebenundneunzig der Invasion

Anhang: Nadjas Bericht der Evakuierung aus Worsel

Prolog

Es ist verrückt! Verrückt wie dieser ganze hässliche Krieg.

Ich wollte immer ein Buch schreiben, von der Ukraine erzählen, was für ein schönes Land meine Heimat ist, warum ich dort so gerne lebe, mich wohlfühle. Ich dachte an einen Reiseführer über die Sehenswürdigkeiten und Naturschönheiten zwischen Lwiw und der Krim, einen Roman, vielleicht eine Liebesgeschichte, die in Kiew* spielt. Ich dachte sogar an eine Autobiografie, in der ich erzähle, warum ich mein Leben so und nicht anders gelebt habe. Und nun habe ich soeben die ersten Zeilen eines – meines! – Buches niedergeschrieben: Es ist weder ein Reiseführer noch ein Roman oder meine Autobiografie. Es ist ein Kriegstagebuch. Ich kann es selbst kaum glauben, dass ich, eine Europäerin, Anfang des 21. Jahrhunderts vom Krieg und seinem Schrecken erzähle – erzählen muss.

*Wir folgen bei Kiew hier und im Folgenden der bis dato gebräuchlichen deutschen Schreibweise, ukrainisch wäre es Kyïv.

Kiew im Frieden. © Maksym Stelmakh

Krieg! Ein böses Wort, das für sinnlosen Tod, sinnloses Leiden und sinnlose Zerstörung steht, für Flucht und Vertreibung, Tragödien und Traumata – einfach für all das, was die Menschheit nicht braucht, was kein Normalsterblicher jemals erleben will und sollte. Aber das Schicksal schlägt ja bekanntlich am liebsten dann besonders hart zu, wenn man nicht damit rechnet. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe ihn erlebt, den Tag, an dem ich im Krieg erwachte, sich mein Leben wie das der anderen 41 Millionen Ukrainer innerhalb weniger Minuten kolossal änderte.

Es waren Geräusche, die ich vorher noch nie gehört hatte – woher auch? –, die mich in meiner Kiewer Wohnung aus dem Schlaf rissen und alsbald zur Flucht zwangen. Dumpfe Geräusche, ein merkwürdiges Grollen und Krachen, als käme es von tief unten aus der Erde. Bald wusste ich, dass es die Hölle war.

Ich war krank, hatte Fieber, 38,5 Grad, schlief wieder ein, bis mein Freund mich nach wenigen Minuten weckte und sagte: „Steh auf, es hat begonnen.“ Ich hatte Angst, riesige Angst, und war froh, dass mein Freund da war – und mein Kater Fran, der friedlich wie immer auf dem Sofa heia machte. Ein bisschen beneidete ich ihn für die Gabe, die Gefahr und den Lärm der Bomben zu ignorieren und seelenruhig weiterzuschlummern, als wäre die Welt von heute noch die von gestern. Ich stand auf und befand mich in einer neuen Zeitrechnung: Der erste Eroberungskrieg in Europa seit 1945 hatte begonnen. Ich hatte nie einen russischen Angriff auf die gesamte Ukraine erwartet. Aber das laute Krachen der Explosionen war nun mal da, keine Einbildung, sondern ein lebendig gewordener Horrorfilm.

Noch tags zuvor war alles so wie immer, wie ich Kiew kannte, diese freundliche und weltoffene Stadt, in der ich gerne lebte und hoffentlich bald wieder lebe. Die Angst vor einem großen Krieg schwebte stets wie ein Fallbeil über uns. Es hing seit vielen Jahren dort. Wir schauten nur einfach nicht mehr nach oben, um nachzusehen, ob es noch da ist. Wir hatten uns an das Dasein unter der Guillotine gewöhnt – der Mensch ist ja bekanntlich ein Gewohnheitstier, das die hohe Kunst des Verdrängens beherrscht, damit es alles Tragische und Böse besser aushält.

In Wahrheit hatte der Krieg längst begonnen. Putin hatte ihn wie ein Krebsgeschwür in die Ukraine eingepflanzt und wuchern lassen. Er besetzte die Krim, annektierte sie im März 2014 und ließ sich dafür von seinem Volk bejubeln, während der Westen Sanktionen verhängte, über die im Kreml gelacht wurde, so lausig waren sie. Später griff Putin militärisch im Donbass ein, unterstützte die Separatisten, die die Ukraine spalten und uns als Volk vernichten wollen. Wir wussten, dass es passieren wird. Aber wir haben nicht wirklich daran geglaubt, dass Putin das ganze Land überfällt. Oder besser gesagt: Wir wollten nicht daran glauben.

Russland war für uns immer weit weg und so egal, wie es nur irgend geht. Wir, das ukrainische Volk, haben – anders als unsere Politiker – Putin zu wenig ernst genommen: Trotz seiner ewigen Hetze gegen die Ukraine und der absurden Propaganda von den „Drogensüchtigen“ und „Nazis“ in der Kiewer Regierung. Es war so lächerlich, das konnte doch niemand glauben, der ein wenig Verstand hat.

Eine Woche vor dem Einmarsch der Russen hörte ich zum ersten Mal von Plänen Putins, die Ukraine anzugreifen. Spannung lag in der Luft. Ich hielt es allerdings für psychologische Kriegsführung, Präsident Selenskyj unter Druck zu setzen. Aber die Vorstellung, dass russische Panzer durch ukrainische Städte fahren würden, schien völlig abwegig zu sein – nicht nur für uns Ukrainer, sondern die gesamte westliche zivilisierte Welt.

Dabei hatte Putin den Krieg angekündigt in einer Vergewaltigungsfantasie, die seine ganze Brutalität verriet. In einer Pressekonferenz mit dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron sagte er über die Ukraine: „Ob’s dir gefällt oder nicht, du wirst dich fügen müssen, meine Schöne!“ Ich habe gelesen, dass sich Macron an seinen Knopf im Ohr fasste, als zweifle er an der Richtigkeit der Übersetzung. Das Zitat stammt aus einem russischen Lied, wie ich später erfahren habe – ein obszönes Liedchen, das Russen beim Saufen singen. Der Text ist widerlich. Dass Putin ihn zitiert hat, hat seine Absichten verraten: Er vergewaltigt die Ukraine.

Wir hatten zwar angefangen zu lesen, wo sich die Luftschutzbunker befinden und was man in den „Alarmrucksack“ packen muss. Aber wir waren sicher: Es wird nichts passieren, Kiew ist sicher, weit genug weg vom Donbass. Wenn es knallt, dann vor allem im Osten der Ukraine. Ich glaubte bis zuletzt, dass Putin nicht das gesamte Land angreifen würde. Ich dachte, dass der Albtraum bald wieder vorbei ist, mein Freund, Fran und ich in Kiew bleiben können, weil spätestens am Mittag die erlösende Nachricht kommt, dass alles schon wieder vorbei, der Horrorfilm fertig gedreht ist. Doch das Grollen, Wummern und Donnern ging weiter und hämmerte es mir mit voller Wucht ins Gehirn, dass der Krieg begonnen hatte und ich mittendrin war. Als ich das endlich realisierte und akzeptierte, war augenblicklich alles Vergangene, alles Erlebte, alles Schöne auf der Welt vergessen. Es zählte nur das Jetzt und das Hier, nicht der nächste Tag, noch nicht mal die nächste Stunde, sondern nur die Minute, die gerade lief. Zum ersten Mal in meinem Leben war Überleben das Einzige, auf das es ankam. Sonst nichts. Ich konnte nicht an morgen denken, nicht an den Nachmittag. Es machte schlicht und einfach keinen Sinn, weil ich nicht wusste, ob es einen Nachmittag und ein Morgen geben würde oder die Welt über oder unter mir zusammenstürzt und mich verschlingt.

Mein Herz raste, ich hatte furchtbare Angst um alles, was mir teuer ist: meinen Freund, meinen Kater, meine Eltern, meine Schwester, meine Freunde, meine Heimat und natürlich auch um mich. Es war weniger mein Verstand, der mir half, nicht in Panik zu verfallen, als der natürliche Antrieb, der Mensch und Tier gleichermaßen innewohnt, den man Überlebensinstinkt nennt. Er war es, der mir befahl: Bleib ruhig! Halte durch! Das Leben geht weiter! Irgendwie! Nur wie? Das war die Frage, die mich quälte, als ich mich aus der Schockstarre löste und begann, mich zu sammeln. Der Nebel löste sich. Ich wusste plötzlich, dass es um mehr ging als um meine Liebsten und mich. Es ging um den Fortbestand der gesamten Ukraine als souveräner Staat und seine 41 Millionen Einwohner: Frauen, Männer und Kinder. Diesen Menschen widme ich mein Buch, in dem ich nicht die Heldin sein will, auch wenn mein Name vorne draufsteht. Alle Ukrainer sind Helden. Das haben wir der ganzen Welt bewiesen. Und das wird uns noch Jahrzehnte tragen.

Es ist an der Zeit, mich vorzustellen, damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben, wer Ihnen erzählt, wie es ist, im Krieg zu erwachen. Mein Name ist Julia Solska. Ich liebe das Leben, die Freiheit, die Menschen (jedenfalls die meisten), Tiere, Reisen und schwarzen Kaffee. Ich bin fröhlich und offen, manchmal still und in mich gekehrt. Und stolz, Ukrainerin zu sein. War es schon immer und nicht erst seit Beginn des Krieges. Ich kam am 21. Dezember 1989 in Worsel zur Welt, das weniger als 7000 Einwohner hat und mehr ein Dorf als eine Kleinstadt ist. Worsel liegt eine halbe Autostunde von Kiew entfernt und gehört wie Hostomel, Irpin und Prypjat, wo die „verbotenen Zonen“ rund um das havarierte Kernkraftwerk Tschernobyl liegen, zur Oblast – in Deutschland würde man sagen: zum Verwaltungsbezirk – Kiew.

Als ich noch klein war, zogen wir in das Haus, in dem schon meine Urgroßeltern wohnten, im Dorf Mychajliwka-Rubeschiwka, das direkt an Worsel angrenzt und schon mehr als 400 Jahre existiert. Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, sage ich immer Worsel, weil keiner Mychajliwka-Rubeschiwka kennt, noch nicht mal in Kiew. Worsel ist einer der Orte, für die es im Deutschen das lustige Wort „Kaff“ gibt, das ironisch, aber nicht unbedingt boshaft gemeint ist. Würde man meinen Heimatort ein Kaff nennen, würde ich aber trotzdem widersprechen. Ich mag Worsels Gemütlichkeit und bin dort gerne aufgewachsen. Für Kinder ist es ein Idyll – war es jedenfalls bis zum Krieg. Ich mochte aber auch unser Dorf Mychajliwka-Rubeschiwka.

Erst 1905 ist Worsel gegründet worden. In seiner kurzen Geschichte ist es schon zweimal von fremden Armeen heimgesucht worden. Im Zweiten Weltkrieg war es die deutsche Wehrmacht, die am 22. September 1941 den Ort besetzte, bevor sie im November 1943 unter dem Druck der anrückenden Roten Armee wieder verschwand. Ende Februar 2022 waren es russische Truppen, die über Worsel herfielen, töteten, zerstörten und plünderten. Es ist besonders tragisch, dass die Russen erst als Befreier und acht Jahrzehnte später als Besatzer kamen.

Als mich meine Mutter zur Welt brachte, war die Berliner Mauer wenige Wochen zuvor gefallen. Die Sowjetunion existierte noch. Aufgelöst wurde sie bekanntlich im Dezember 1991, zwei Jahre nach meiner Geburt. Ich habe keine emotionale Beziehung zur Sowjetunion, meine Heimat ist die Ukraine. Ab und an hat mir meine Mutter Geschichten erzählt aus der Zeit der Sowjetunion, von der Propaganda über die angebliche Überlegenheit des Kommunismus über den Rest der Welt, eine Aussage, die nicht so wirklich zur Realität passen wollte, den Warteschlangen vor den Läden mit Hunderten Menschen, die für Wurst oder Milch stundenlang anstanden. Ich glaube aber, dass die Menschen auf ihre Weise in der Sowjetunion glücklich waren, jedenfalls nicht unglücklich. Sie kannten den Westen nicht. Wer sich nicht mit anderen Ländern und Leuten vergleichen kann, dem fehlt auch nichts.

Meine Mama erzählte mir von den Dingen, die kostenlos oder subventioniert waren: die medizinische Versorgung, das Wohnen und das Studium. Die Gehälter waren gut, man hatte viel Geld. Das Problem war nur: Man konnte damit nichts anfangen, weil es nichts zu kaufen gab. An allem bestand Mangel, selbst an Lebensmitteln. Und das ausgerechnet in der Ukraine, der Kornkammer der Welt. Mein Heimatland hat humusreiche Böden, die zu den fruchtbarsten der Erde gehören. Trotzdem gab es bei uns zu wenig, weil die Ukraine die riesige Sowjetunion versorgen musste.

Das Leben war leichter als heute, jedenfalls empfanden es viele so. Denn der Staat hat einem alles abgenommen, alles gemacht. Man brauchte nicht zum Amt gehen und eine Wartenummer ziehen, um nach Arbeit zu fragen oder einen Personalausweis zu bekommen. Den bekam man genauso wie einen Arbeitsplatz, ohne eine Behörde aufzusuchen. Als die Ukraine unabhängig wurde, änderte sich das ganz schnell. Die Menschen wurden aus der Unmündigkeit entlassen. Jeder musste sich jetzt selbst um alles kümmern, sein Leben aufbauen und sich und seine Familie ernähren. Daran haben wir uns schnell gewöhnt. Mussten wir, uns blieb gar keine Wahl.

Mir bereitet genau das großes Vergnügen. Ich liebe es, unabhängig und selbstständig zu sein, meinen Weg zu gehen, die Möglichkeiten zu nutzen, die Freiheit mit sich bringt. In gewisser Weise bin ich da ein Sonderling in meiner Familie. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass ich die Sowjetunion nicht mehr bewusst erlebt habe. Ich wollte unbedingt ins Ausland, viel reisen, andere Länder kennenlernen. Meine Eltern und Schwester sind immer nur daheim geblieben und nie verreist – bis heute nicht. Das könnte ich gar nicht, ich habe, wie es in Deutschland so schön heißt, Hummeln im Hintern.

Ein Jahr nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion brach meine Familie auseinander. Mein Vater hat uns verlassen, als ich drei Jahre alt war. Mama zog meine große Schwester und mich allein groß, während sie arbeitete und sich zugleich beruflich fortbildete. Unterstützung erhielt sie von ihren Eltern, meinen leider schon verstorbenen Großeltern. Später bekam ich einen Stiefvater, der lieb zu mir war. Wir alle lebten zusammen in unserem Haus: Meine Oma und mein Opa (beide Jahrgang 1935), meine Mutter (1963), meine Schwester (1981) und ich (1989) und neuerdings mein Neffe (2004). Mehrere Generationen unter einem Dach ist in der Ukraine auf dem Land keine Seltenheit – auch wenn das durchaus Reibereien mit sich bringt. Familie und Zusammenhalt sind uns wichtig.

Als kleines Kind – laut meiner Mutter schon als Baby – war ich sehr neugierig und unternehmungslustig, wollte alles sehen, anfassen, untersuchen und wissen. Das Unbekannte, das Neue zog mich an. Ich war ein ziemlich süßes, ruhiges und artiges Mädchen. Ungerechtigkeiten und Lügen mochte ich schon als Kind nicht.

Meine Mutter hat mir früh die Liebe zu Büchern vermittelt. Jeden Abend las sie mir vor dem Einschlafen Märchen von Andersen, Puschkin, den Brüdern Grimm und fantastische Geschichten aus aller Herren Länder vor. Besonders gern mochte ich die Geschichten von Nikolai Nossow, einem russischen Kinderbuchautor, über die Abenteuer von Dunno und seinen Freunden in der fabelhaften Blumenstadt. Die Reihe hat meine Lust aufs Reisen geweckt. Schon als Kind fasste ich den Entschluss, eines Tages rund um die Erde zu reisen, um zu sehen, wie Menschen auf der ganzen Welt leben, was sie tun, wie sie ticken, was sie ausmacht, worüber sie lachen und weinen, was sie lieben und hassen, von was sie träumen, woran ihr Land reich oder arm ist. Allerdings musste ich 20 Jahre alt werden, bevor ich zum ersten Mal als Touristin ins Ausland gereist bin. Es ging nach Ägypten, All-inclusive-Urlaub: sehr faul, erholsam und ein bisschen spießig.

Ich glaube, meine Kindheit war glücklich und unbeschwert. Meine Familie war arm. Urlaub kannte ich nicht. Meine Großeltern und Eltern hatten nicht genug Geld, meiner Schwester und mir die Wünsche zu erfüllen, die kleine und große Mädchen so haben. Wir hatten einfache Sachen zum Anziehen und zum Spielen, selten Schokolade oder andere Leckereien im Haus. Ich habe trotzdem nichts vermisst und hatte dafür alles, auf was es als Kind ankommt: Aufmerksamkeit, Fürsorge und Liebe von Menschen in meiner Nähe, viele Freunde und jede Menge Platz zum Spielen direkt vor der Haustür.

Unser Haus in Mychajliwka-Rubeschiwka ist umgeben von wunderschöner Natur. Über der Straße liegt ein großes Feld, ganz nah sind ein Wald und ein Fluss. Als ich sieben, acht Jahre alt war, liebte ich es, ganz früh aufzustehen, während die anderen noch schliefen, um zu sehen, wie die Natur erwacht. Draußen im Hof genoss ich die Stille, während die Sonne an Kraft gewann, ihre Strahlen alles erwärmten und in fröhliche Farben hüllten. Meine Haare waren von der ukrainischen Sonne richtig strubbelig.

Erst jetzt, beim Nachdenken über meine Kindheit, wird mir klar, dass ich schon als kleines Mädchen eine poetische und romantische Ader hatte.

Meine Fantasie nutzte ich dafür, mir allerlei Spiele für mich und meine Freunde auszudenken. Damals gab es ja noch keine Computer und Handys. Statt auf ein Display zu starren, schaute ich nach oben in die unendliche Weite des blauen Himmels über unserem Dorf. Einen Fernseher hatten wir – immerhin. Ich sah gern Zeichentrickfilme und Musiksendungen. Da ich und meine Schwester acht Jahre auseinander sind, hatten wir unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse. Wir stritten uns ständig, wie es zwischen Geschwistern sicher häufig passiert, vor allem bei dem Altersunterschied. Ich würde sagen, dass wir im Allgemeinen sehr unterschiedlich sind, auch jetzt noch. Lieb haben wir uns trotzdem.

Mama, die schon immer viel gearbeitet hat, mischte sich selten ein, wenn wir stritten. Sie hat versucht, uns das Beste zu geben, was sie konnte. Ich erinnere mich noch gut, wie glücklich ich sie jeden Nachmittag an der Wohnungstür empfing – manchmal konnte ich nicht mehr warten und lief ihr entgegen und fragte, ob sie nach der Arbeit etwas Besonderes hatte besorgen können, Kekse oder Bananen.

Opa, Oma, Mama und Papa haben mir beigebracht, Familienwerte und -traditionen zu respektieren, zu schätzen und zu wahren, auch Heimat, Muttersprache und Kultur. Ich habe mich immer doll auf Ostern und Weihnachten gefreut, weil wir stets im Kreise der Familie feierten. Meine Mutter hat traditionelle ukrainische Gerichte gekocht, wir haben uns gegenseitig kleine Geschenke gemacht und viel gelacht, verschiedene Gesellschaftsspiele und Schach gespielt. Ich bin in einer Atmosphäre des Friedens, des Trostes und der Freiheit aufgewachsen – und mit großen Träumen und Zielen. Und ich glaubte stets an eine wunderbare Zukunft und dass ich einen Beitrag leisten könnte, mein Land mit aufzubauen.

Nach meinem Bericht werden Sie mir sicherlich glauben, wenn ich sage, dass ich alles andere als ein verwöhntes Kind war. Ich habe schon früh verstanden, dass ich alles, was ich möchte, selbst erreichen muss. Leider. Oder zum Glück. Je nachdem, welche Perspektive man dazu einnimmt. Wie auch immer: Ich habe mich schon früh bemüht, unabhängig zu sein und niemanden um Hilfe bitten zu müssen. Nicht aus falschem Stolz, sondern weil ich gerne auf eigenen Füßen stehe und diesen Weg als Herausforderung betrachte.

Fran, mein Kater, hat sogar einen Nachnamen: Bird. Also Fran Bird. Denn er steht auf Vögel. Er ist ein besonderes Tier, eigensinnig und nicht besonders verschmust. Mein Freund brachte ihn eines Tages von einem Bekannten mit, der das Tier bei sich hatte, weil der Vorbesitzer den Kater ständig beschimpfte, bedrohte und schlug, weil Fran gerne Möbel, Tapete und überhaupt alles zerkratzte, was ihm unter die Krallen kam. Wohl wegen dieser Erfahrung war er Menschen gegenüber misstrauisch, es hat eine Weile gedauert, bis wir Freunde wurden. Während des Corona-Lockdowns – nicht alles war schlecht während der Pandemie – mussten wir Tage, Wochen und Monate miteinander verbringen. Wir hatten viel Zeit, uns kennenzulernen. Ich bin keine Angeberin, wenn ich behaupte, dass er sehr gut erzogen ist. Er benimmt sich heute wie ein echter Gentleman und bearbeitet mit seinen Krallen nur noch das, was er zerkratzen darf. Ich bin sicher, dass ihn mein Freund vor Qualen und einem frühen Tod gerettet hat.

Ich vermisse Fran so sehr wie meinen Freund, über den ich nur Schemenhaftes berichten will, weil wir nicht wissen, was der Krieg aus uns beiden machen wird. Wir hatten als Paar gerade eine schwierige Zeit hinter uns. Mein Freund musste aus gesundheitlichen Gründen nicht an die Front, aber … Es tut weh, ich hoffe, dass es das Schicksal gut mit uns meint.

Waren wir auf Reisen, haben wir Fran meistens mitgenommen. Vier Wochen vor Kriegsbeginn habe ich für meinen Kater eine Instagram-Seite erstellt, da ich soooo viele süße und lustige Fotos von ihm habe. Meine Mama sagte: „Julia, was du immer für Sachen machst. Muss das denn sein?“ Ja, musste. Das witzigste Bild ist das, wie er auf dem Rücken liegt, sich an einen Holzkasten anlehnt und die Sonne auf den Bauch scheinen lässt. Er sieht aus wie eine Comic-Figur, die Aufnahme wie Fake – aber sie ist echt und nicht gestellt. Ein bisschen hoffte ich, dass Fran ein Instagram-Star wird mit Hunderttausenden Fans und vielleicht in einer Werbung gefilmt wird. Weil er einfach so cool ist! Aber die Aussichten sind nicht so rosig, Fran populär zu machen. Einerseits, weil der Krieg dazwischenkam – und andererseits, weil wir nach vier Wochen erst fünf Follower hatten. Na ja, man kann halt nicht alles haben im Leben.

Wir Ukrainer sind vernarrt in Haustiere. In sehr vielen Haushalten leben ein Hund, eine Katze oder ein anderes Tier. Keine Ahnung, warum das so ist. Ein Grund könnte sein, dass es bei uns keine Hundesteuer wie in Deutschland gibt. Vielleicht haben wir einfach nur große Herzen und wollen uns um jemanden kümmern. Der Schauspieler Alexei Surovtsev, der – kein Scherz – mehrfacher Meister der Ukraine im Striptease ist, erlangte Berühmtheit, weil er Tiere aus Irpin rettete, als es noch von Russen besetzt und umkämpft war. Ein Video machte im Internet die Runde, das zeigte, wie er verängstigte Katzen und Kätzchen aus zerbombten Häusern holte. Er sprach beruhigend auf sie ein: „Ach, hier seid ihr, ihr Kleinen! Ihr habt überlebt, meine Süßen. Jetzt ist aber alles in Ordnung.“

Haustiere sind bei uns wie eigentlich überall auf der Welt Freunde. Viele Ukrainer, die nach Polen oder weiter in den Westen geflohen sind, haben ihre Vierbeiner mitgenommen: meistens Hunde und Katzen. Manche haben sogar auf Taschen oder Koffer verzichtet, um ihre Tiere tragen zu können. Ich weiß von Leuten, die einen Hamster oder Fische bei sich hatten. Aber Zehntausende, die Hals über Kopf ihre Bleiben verlassen mussten, konnten ihre Tiere nicht mitnehmen und ließen sie in der Hoffnung, dass der Krieg bald vorbei ist, eingeschlossen in Wohnungen oder Häusern zurück. Ein trauriger Gedanke – und ich bin froh, dass meinem Kater dieses Schicksal erspart geblieben ist und ich ihn bei der Mutter meines Freundes in Sicherheit weiß. 

Was müssen Sie noch über mich wissen? Die deutsche Sprache ist meine große Leidenschaft. Mit zwölf habe ich begonnen, sie zu lernen. Ein glücklicher Zufall half dabei. Wir konnten in der Schule wählen zwischen Deutsch und Englisch – so entschied es der Direktor höchstpersönlich. Er wollte, dass meine Deutschlehrerin Yanina Polikarpovna, eine ehrenwerte und kluge Dame, noch ein allerletztes Jahr unterrichten und danach in Rente gehen sollte. Viele Eltern und Schüler waren regelrecht empört, dass nicht alle Kinder Englisch lernten, wer braucht denn Deutsch?! Englisch ist doch viel populärer und nützlicher im Leben! Meine Mutter reagierte gelassen, als ich mich für Deutsch entschied, und unterstützte meine Wahl. Mama hatte guten Grund: Schon sie hatte bei Frau Polikarpovna Deutsch gelernt und hielt sie für eine wunderbare Lehrerin, was stimmte, wie ich bald selbst merkte. Ich lernte gerne Deutsch, es fiel mir leicht, und der Unterricht war sehr interessant.

Da ich Talent hatte, schickte man mich nach dem Jahr auf eine Sprachschule in Kiew. Es war nur logisch, dass ich Germanistik studierte. Danach arbeitete ich in Kiew für ein Touristikunternehmen. Nach wenigen Monaten hatte ich genug davon, der kleine Entdecker in mir konnte nicht mehr stillsitzen und wollte hinaus in die Welt. Zunächst dachte ich – Englisch habe ich natürlich auch gelernt – an Neuseeland, schon wegen der Natur und den Outdoor-Möglichkeiten. Der Plan scheiterte am Geld, ich träume aber weiter davon, ein paar Jahre dort zu leben. Dann zog ich Schweden und Norwegen in Betracht – auch viel zu teuer. Schließlich bewarb ich mich als Au-pair in mehreren Ländern. Eine Familie aus Deutschland antwortete am schnellsten. Wir mochten uns sofort, als wir uns über Skype unterhielten. Deutsch konnte ich besser als Englisch. Und so dachte ich: Warum nicht Deutschland? Nach einem Jahr kehrte ich nach Kiew zurück. Eine Beziehung scheiterte ebenso wie der Wunsch, eine Familie zu gründen – ich war emotional völlig erschöpft und ging wieder nach Deutschland, studierte an der Ruhr-Universität Bochum wieder Germanistik.