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Paul Meier blickt in seiner persönlichen Halbzeit auf ein bewegtes Leben zurück. Selbst als zweite Generation der Nachgeborenen spürt er Flucht und Vertreibung der ostpreußischen Vorfahren noch deutlich. Paul arrangiert sich genauso wie seine Familie mit der norddeutschen Heimat und liebt sein Holsteinland. Nachdem endlich Ruhe eingekehrt ist in seinem Leben, überdeckt die Coronapandemie wie ein dunkler Schatten die Welt.
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Seitenzahl: 80
Veröffentlichungsjahr: 2020
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 33
Kapitel 34
Nach all der langen Zeit konnte Paul sich kaum noch erinnern. Er stand da, ruhig und besonnen. Das Sakko seines teuren Bossanzugs flatterte ein wenig im ersten warmen Windhauch des Jahres. Die restlichen Haare auf dem Kopf waberten im Wind wie Staubmäuse hinter der Wohnzimmercouch. Gelassen wirkte er beim ersten Anblick. Dabei rumorte es in seinem Inneren bei dem Anblick seiner alten Wirkungsstätte. Das Baumhaus fiel noch nicht ganz in sich zusammen.
Der alte Autoreifen, der an der großen Eiche neben dem Entwässerungsgraben an einem dicken langen Tampen aufgehängt war, versetzte Paul Meier vor seinem inneren Auge in seine Kindheit zurück. Damals drehte sich seine Welt nicht um die Sonne sondern um den Knick und den Spieli, also die baumbewehrte Wallanlage hinter der Nebenerwerbssiedlung und die alte Schietkuhle mit den Fußballtoren. Alles, was ihm heute gut und wichtig erscheint, hatte damals keinerlei Bedeutung. Sicher: Damals kümmerte sich Pauls Familie nach Kräften um alltägliche Belange. Doch andersherum ist heute leider nichts mehr von dem wichtig,was damals die Welt bedeutete für den kleinen Paul. All die scheinbar bedeutungslosen Kleinigkeiten, die er mit leuchtenden Kinderaugen im Töwenmoor entdeckt hatte, fliegen heute an den doppelwandigen Fensterscheiben des ICE vorbei, durch die Paul so oft in vollklimatisierten Firstclass-Sesseln seine neue große Welt sieht. Und eines weiß Paul ganz genau: Hätte er vor zwei Wochen geahnt, wie sein Leben heute aussehen wird, so hätte er vieles anders gemacht. Als Zivi hat er es schon einmal geahnt. Komischerweise hat kein einziger der uralten Greise, die er da zwischen Speisesaal und Schlafstätte hin und her kutschieren durfte, jemals beanstandet, irgendetwas auf seiner Arbeitsstätte versäumt zu haben. Immer wieder waren nur Freunde, Familie und vor allem Zeit das alles beherrschende Thema. Doch Paul hat diese Lehre in den vergangenen Jahrzehnten nicht ernst genommen.
Pauls Kindheit war überschattet von Schicksalsschlägen, die er als Kind jedoch nie ernsthaft zu spüren bekam. Seine Familie hat einfach immer weitergemacht und so wirkten die ersten Jahre in Pauls Leben erstaunlich unbeschwert. Er wuchs zwischen Frauen auf. Der Erzeuger war schwerer Alkoholiker und extremer Traumtänzer. Darum hatte seine Mutter den ersten Mann in Pauls Leben auch geistesgegenwärtig an Hosenbund und Hemdkragen gepackt und schwungvoll ein letztes Mal durch die heimische Haustür befördert; übrigens war Pauls Erzeuger nicht der erste und auch nicht der letzte Gast von Familie Meier, der diesen unfreiwilligen Abgang erleben durfte. Es gab da noch einen Scientologen, dessen drängender Missionsauftrag ihn auf das Trottoir vor der Meierschen Behausung beförderte. Und nicht zu vergessen sei in diesem Zusammenhang einer der Bewerber um das Hochamt der stiefväterlichen Ersatzbank. Denn Pauls Mutter veranstaltete ein Casting.
Dieses Vorgehen war keine Erfindung von Dieter Bohlen. Nein. Elfriede Meier hat für uns alle das Casting erfunden, indem sie potentielle Lebensgefährten zu sich einlud, um mit Paul einen Spielnachmittag zu verbringen. Paul freute sich zumeist über die freundliche Zuwendung, denn die meisten Kandidaten zeigten sich von ihrer besten und kinderfreundlichsten Seite, um Elfriede Meier für sich zu begeistern. Nur Helge Sörensen war es schnell leid, sich mit Pauls Matchboxautos zu beschäftigen. Als Paul auch noch forderte: „Baust Du mit mir eine Autostadt auf?“, wurde es Helge zu viel und er klatschte dem verdutzten Vierjährigen die flache Hand mitten ins Gesicht. Das wiederum rief sofort die resolute Elfriede auf den Plan und das Schicksal nahm seinen Lauf. Nachdem Helge unsanft auf dem Gehweg aufgeschlagen war, ließ er sich nie wieder bei Familie Meier blicken. Jahre später stellte sich heraus, dass er sein Kinderkarussell nur betrieben hatte, um kleine Mädchen in seine heimische Dusche zu locken. Paul ist also den Aggressionen seines hochprozentigen Erzeugers und den Fängen eines Mitschnackers entkommen. Und er konnte sich auch sonst immer auf seine resolute Mami verlassen. Leider wusste er diesen Umstand lange Zeit nicht wirklich zu schätzen. Zu seinem Bedauern war Elfriede auch zu ihrem eigenen Sohn nie wirklich warmherzig oder liebevoll gewesen. Die erste und letzte Umarmung gaben sich beide auf ihrem Sterbebett. Und da dann auch gleich richtig. Das erste und letzte Mal sprach Paul zu ihr die befreienden drei Worte „Ich liebe Dich“ kurz bevor Elfriede im zarten Alter von nur 65 Jahren im Jahr 2020 am Coronavirus verstarb. Doch 1973 kam ein Virus, das tausende Mitmenschen auf der ganzen Welt dahinraffen wird, allerhöchstens in Perry-Rhodan-Heftchen vor. Als Paul geboren wurde, dachte Deutschland noch, dass die größte Gefahr überhaupt sei, einen zu kleinen Mettigel zur Schlammbowle im Partykeller serviert zu haben. Das änderte sich 47 Jahre später schlagartig. Im Jahr 2020 wurde die Erde von einer biblischen Plage heimgesucht; ganz so, als seien Sodom und Gomorrha moderne Siedlungen der Neuzeit und es sei wieder an der Zeit, sich auf das Gebot der Nächstenliebe zu besinnen. Denn, bei all den schrecklichen Folgen, die die Corona-Pandemie damals hatte, blieben hinterher doch die Helferkreise erhalten, blieben die Freundschaften der Krisenzeit bestehen und alle wussten es in diesem Jahr plötzlich wieder zu schätzen, einen Mitmenschen zu umarmen, mit dem Kumpel einen klatschenden Handschlag zu tauschen. Man lächelte sich seitdem ganz ungeniert auf offener Straße an; wildfremde Menschen ernteten Komplimente und aufmunternde Worte. Die ehemalige Floskel „Bleib gesund!“ wurde zum Abschiedswort der ganzen Welt und im Hinterkopf behielt seitdem jeder den möglichen Verlust durch schwere Krankheit.
Im März 2020 jedoch dachte noch ganz Europa, dass das Coronavirus ein rein chinesisches Problem sei. Alles begann in einem Marktgebäude im chinesischen Wuhan - innerhalb weniger Wochen wurde das neuartige Coronavirus auf vier Kontinenten nachgewiesen. Auch Deutschland war betroffen. „Wo liegt eigentlich dieses Wuhan?“, fragte Paul seine Gloria am Morgen des 20. Dezember. Er ist wie jeden Morgen um sechs Uhr aufgestanden, um sich an dem winzigen Waschbecken im Gästebad zu waschen. Paul hat sich die winzige Nasszelle als eine Art Männerbad eingerichtet, als die Kinder noch kleiner waren und der morgendliche Östrogenterror untragbare Ausmaße annahm. Er teilte sich fortan die zwei Quadratmeter Wellnessoase mit seinem dreizehnjährigen Stiefsohn Bosse, der zum Glück wenig Wert auf sein Äußeres legte. Die drei Damen des Hauses gleichten diese Nachlässigkeit locker aus. Gesa, die Zwillingsschwester von Bosse, war ein extremes Mamakindchen und verbrachte etliche Stunden des Tages gemeinsam mit ihrer Mutter im großen Bad. Und dann war da noch Vicky, die leibliche Tochter von Paul. Vicky fuhr sofort auf jeden erdenklichen Schönheitstrend aus dem Internet ab. Beautyhacks, DI´s und ähnliche Maßnahmen zur Influencer-Bereicherung ließen die elfjährige während ihrer gesamten Teenagerjahre im Badezimmer oder vor ihrer Schminkkommode verharren. Sehr zum Leidwesen des väterlichen Portemonnaies und Nervenkostüms wurden dessen Gesprächsangebote unwirsch abgelehnt. So blieb Paul morgens nur der Rückzug ins Männerbad. Das war angenehm weiß und kühl gestaltet, mit Blechschildern von Fünfzigerjahre-Pinups provisorisch geschmückt.
Und hier erreichte ihn dann auch Glorias Antwort: „Das ist irgendwo in China, die haben da so eine neue Grippe“. In drei Tagen ist Weihnachten. Es gibt also andere Sorgen als ausgerechnet eine Grippe in China. Das ist schade für die kranken Menschen und mag vielleicht den internationalen Handel mit minderwertigen Weihnachtslichterketten einschränken. Doch Paul muss nach der Arbeit noch die Kette für Gloria vom Juwelier abholen, das neue Mountainbike für Bosse zusammenschrauben, eine Ente bei Bauer Mohr bestellen und in der Mittagspause darf er den Elternsprechtag am Willy-Brandt-Gymnasium nicht vergessen; Vickys Versetzung in die Mittelstufe stand an und Pauls Ex, Chantal, die Mutter von Vicky, übte mehr Druck auf ihn und seine Tochter aus als es jeder Oberstudienrat jemals vermochte. Und dann durfte er natürlich nicht vergessen, bei seinem kränklichen Mütterlein vorbei zu schauen.
Peters Lieblingswort war „Labsal“. Er fand es „erlabend“, mit seinen Kollegen für einen Currywursttest die Imbissbuden der Kreisstadt abzugrasen. In einem – lokal – viel beachteten Zeitungsartikel hatte die damalige Troika aus fröhlichen Lokaljournalisten sogar ein Ranking der Wurstbratereien erstellt. Auf dem schmucklosen Parkplatz eines ebensolchen Baumarkts erzählte mir Peter von seinem Lieblingswort. Seine Autokorrektur im PC hat sowohl dieses Nomen als auch dessen Adjektiv rot unterstrichen. So unbekannt ist diese schöne alte deutsche Formulierung heute. Dabei erfuhr Paul, dass ein Labsal ursprünglich in der Schifffahrt zu finden war und in seiner Wortherkunft nicht die Erfrischung oder Linderung sondern einen teerhaltigen Bootsanstrich meinte. Peter war ein Quell schöner Worte. Oft vergessener Worte. Die kramte er heraus, wie manche Dame Menthos in ihrer Handtasche findet und verteilt. Leider ist auch dieser Quell viel zu früh versiegt. Das Virus hat auch ihm das Leben genommen. Er war „vorbelastet“. Kein so schönes Wort, eher mickriges Amtsdeutsch. Für Peter hieß es vor allem, dass er von seinem guten Leben zu dick geworden ist. Viel zu dick. Da hatte das Virus leichtes Spiel.
„Man sollte von Lieblingswörtern, schönen Wörtern und vergessenen Wörtern berichten, sie konservieren und erhalten“, sagte Paul zu Gloria, deren Lieblingswort 'Brause' war, „Ich will Menschen fragen, welches ihr Lieblingswort ist und welches doch aus der Versenkung zurück ans Licht geholt werden müsse“. Menschen kümmern sich um ihre Worte und Wörter. Im Internet findet sich eine Rote Liste der bedrohten Begriffe der Deutschen Sprache. Paul fand das Wort „Brause“ in dieser Liste. Das erklärt zumindest, warum ihm in der amerikanischen Botschaft – die mit der goldenen Möwe an er
