Alter Mann, was nun? - Heinz Dürr - E-Book

Alter Mann, was nun? E-Book

Heinz Dürr

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Beschreibung

Heinz Dürr stand jahrzehntelang "In der ersten Reihe" – so der Titel seiner Autobiografie. Jetzt lassen seine Zwischenrufe aus der letzten Reihe aufhorchen. Der Ex-Bahnchef und Unternehmer, der stets Lust verspürte, jenseits ausgetretener Pfade unterwegs zu sein, ist auch im fortgeschrittenen Alter neugierig geblieben. Seine Fragen kreisen um Themen, die uns alle betreffen: Wie funktioniert unsere globale Wirtschaft in der Zukunft? Welchen Stellenwert nehmen Moral und Ethik in künftigen Unternehmen ein? Wie wirkt sich KI auf die Gesellschaft, die Wirtschaft und unser Privatleben aus? Seine scharfsinnigen Betrachtungen – geprägt von der Gelassenheit des Alters und begleitet von einer guten Portion Humor – sind gleichermaßen erhellend und unterhaltsam.

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Seitenzahl: 187

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ich bin das, woran ich mich erinnere.

Sum, qui memini.

Aurelius Augustinus(Confessiones X, 16,25)

Heinz Dürr

Alter Mann, was nun?

Zwischenrufe aus der letzten Reihe

Langen Müller

Für meine drei Enkelkinder Héloïse, Justine und Camilo,

die heute noch nicht wissen, wie es ist, alt zu sein.

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www.langen-mueller-verlag.de

© für die Originalausgabe und das eBook: 2020 LangenMüller inder F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, Stuttgart

© 2020 Langen Müller Verlag GmbH, München

Schutzumschlaggestaltung: Sabine Schröder

Umschlagfoto: Wolfram Kastl, picture alliance/dpa

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-7844-8376-4

Inhalt

Prolog: In der letzten Reihe

Kindheit, Krieg und Schule

Lehre, Studium, Firma

Gelegenheiten

Tarifpolitik

Unternehmensführung

Was uns Walther Rathenau heute zu sagen hat

Ich schreibe einen Brief an den Papst

Kraniche

Medien

Digitale Welt

Hätte Goethe getwittert?

Klimawandel und Energiewende

Singularität

Rauchen

Gespräch über das Alter

Ich bin ein Mensch

DDR: Ich soll Minister werden

Bahnhof Grunewald

Der Ehrbare Kaufmann und die Finanzwelt

Epilog

Danksagung

Anmerkungen

PROLOG:

In der letzten Reihe

Ich war zur Zweihundertjahrfeier der Humboldt- Universität zu Berlin eingeladen und hatte zugesagt. Am Eingang fragte ich die Hostess nach meinem Sitzplatz.

»Nur in den beiden ersten Reihen gibt es namentlich gekennzeichnete Plätze. Ihren Namen sehe ich nicht auf meiner Liste.«

Ich war irritiert. Früher hatte ich immer in der ersten Reihe gesessen.

»Im Saal können Sie Platz nehmen, wo Sie wollen«, sagte sie freundlich.

Der Saal war schon ziemlich voll. Ich fand einen Platz in der letzten Reihe. Die Veranstaltung war nach dem üblichen Muster gestrickt. Erst gab es ein Musikstück, dann eine Begrüßung, schließlich Reden. Die Reden führten aus, was man schon wusste oder doch zumindest hätte wissen sollen. Ehrwürdiges Gedenken, dann Lob und Dank für zahlreiche Menschen, von denen einige schon tot waren, andere noch lebten und manche sogar im Saal saßen. Es war ziemlich langweilig, fand ich in meiner letzten Reihe. Ich hatte viele Reden dieser Art gehört. Aber in der ersten Reihe war das etwas anderes. Da saß man neben jemandem, der wichtig war, wurde manchmal sogar mit dem Namen begrüßt und fotografiert und hatte während der Reden Zeit, sich zu überlegen, was man mit der Person, neben der man saß, beim anschließenden Empfang besprechen könnte. Doch in der letzten Reihe entfiel das naturgemäß.

Da ich den Reden schon rein akustisch nur schwer folgen konnte und mir das wenige, was ich aufgeschnappt hatte, nicht sehr bedeutend erschien, beschäftigte ich mich mit meiner Situation.

So ist es also, wenn man alt wird. Man sitzt in der letzten Reihe und stellt sich die Frage »Alter Mann, was nun?«.

Es gibt ja immer noch einiges zu tun, nicht mehr so viel wie früher. Und auch aus der letzten Reihe kann man sich schließlich zu Wort melden. Das reicht doch eigentlich.

Einige Zeit später war mein 85. Geburtstag. Große Veranstaltung, viele Freunde, Bekannte, Wegbegleiter, es hatte Reden gegeben. Darüber, was ich alles gemacht habe, was für ein toller Mensch und Unternehmer ich sei, wie man sich kennengelernt hatte. Manches klang fast wie ein Nachruf.

Danach saßen meine Frau Heide und ich noch im Garten, lauer Sommerabend, ein Glas Rotwein brachte Nachdenklichkeit.

»Schönes Fest.« Ich prostete Heide zu. »Was die guten Leute alles über mich erzählt haben. Und was mache ich jetzt?«

Heide schaute mich leicht schmunzelnd an: »Ein alter Mann muss mit der Zeit gehen, sonst wird er ein alter Sack.«

Das war zugegebenermaßen etwas drastisch. Aber es entsprach ihrer Art. Und recht hatte sie.

Wir hatten viel miteinander erlebt. Ich habe es sogar aufgeschrieben. In zwei Büchern: »In der ersten Reihe«1, quasi eine Autobiografie bis zu meinem 50. Lebensjahr, und »Über das Alter«2, mein Gespräch mit Cato dem Älteren. Hier lautet die Widmung: Für meine Frau Heide, die mit mir alt geworden ist und mich immer daran gehindert hat, alt zu sein.

Ich hätte auch schreiben können: Sie war immer eine Stütze für mich, mit ihr konnte ich über alles reden. Dass ich viel unterwegs und mit meiner Karriere beschäftigt war, störte sie nicht.

Ein paar Jahre bleiben mir noch. Also muss ich, wie Heide sagt, mit der Zeit gehen. In diesem Sinne möchte ich mein Leben zu einem guten Ende bringen und meinen Nachkommen etwas Vernünftiges, Greifbares hinterlassen. Darüber habe ich mir viele Gedanken gemacht.

Aber seit März 2020 ist alles anders: Die Corona-Krise hat unsere Welt verändert. Ich sitze zu Hause in Quarantäne, kann nicht mehr ins Büro gehen oder meine Freunde besuchen. Die Kommunikation findet ausschließlich digital statt.

Vor diesem Ereignis ging es nur um die Frage: Was habe ich von der Zeit, die mir bleibt, noch zu erwarten? Das wollte ich aufschreiben und aus der Sicht des 87-Jährigen kommentieren. Die Themen, mit denen ich mich vor der Krise beschäftigte, sind die gleichen geblieben. Ich schildere einiges aus meinem Leben, was mich geprägt hat, und gebe meinen Kommentar aus heutiger Sicht dazu. Und ich wende mich, gestützt auf meine Erfahrungen, den aktuellen Entwicklungen in der Wirtschaft, in der Gesellschaft, in der Politik zu. Wie verändern die Digitalisierung, das Internet, die Künstliche Intelligenz unsere Welt? Was ist aus dem Ehrbaren Kaufmann geworden? Was passiert in der Finanzwelt? Was bedeutet der Klimawandel für die Gesellschaft und für unser Verhalten?

Und jetzt die Corona-Krise. Wie lange wird sie dauern? Verändert sich dadurch, was mir in meinen alten Tagen zu tun bleibt? Wird die Welt danach eine andere sein, wie Bundespräsident Steinmeier meint?

Was ist das für eine Krise? Ich habe in meinen 87 Jahren viele Krisen erlebt. Aber sie waren alle von Menschen gemacht, sie wurden von Menschen aus dem bestehenden System heraus geschaffen. Es gab Schuldige, und man fand Mittel und Wege, ihnen zu begegnen.

Die Corona-Krise ist eine Krise, die von außen kommt, von der Natur geschaffen, Menschen sind an ihrer Entstehung nicht beteiligt, zumindest nicht vorsätzlich. Erst bei der Bekämpfung der Seuche tritt der Mensch in Erscheinung. Am Anfang weiß er nicht, worum es sich handelt, nur dass es sehr gefährlich, ja tödlich sein kann. Das war bei der Pest so, bei der Spanischen Grippe, bei Ebola und beim Humanen Immundefizienz-Virus, kurz HIV.

So ein Virus entsteht in der Natur, deren Teil wir Menschen sind, wenn man die Welt als einen lebendigen Organismus definiert. Das Coronavirus (SARS-CoV-2) ist Teil dieses Organismus. Woher das Virus kommt, wissen wir nicht, nur dass es durch Tröpfcheninfektion übertragen wird. Das Virus ist für den Menschen unsichtbar. Goethe sagt: »Glaube ist Liebe zum Unsichtbaren.« Meinen deshalb Gläubige wie der Weihbischof von Chur, Corona sei eine Strafe Gottes?

Ist Corona der »Schwarze Schwan«, also ein Ereignis, das extrem selten, extrem wirkungsmächtig und erst hinterher erklärbar ist, wie es der Philosoph Nassim Taleb in seinem gleichnamigen Buch definiert hat?3 Eigentlich nicht, denn eine Risikoanalyse der Bundesregierung hat bereits 2012 einen Bericht vorgelegt, der »eine Pandemie mit einem Virus Modi-SARS« beschreibt. Auch Bill Gates hat 2015 von einer Virusepidemie gesprochen und gemeint: »Wir sind nicht darauf vorbereitet.« Man hätte also einiges wissen können, hat aber offensichtlich nicht hingeschaut. Hat Minister Spahn den Bericht seiner Behörde nicht gelesen? Im Fernsehen sagte er dann: »Wir haben Pandemie-Pläne, aber wir üben sie zu selten.« Nach der Krise will er das anders handhaben, nämlich mit einer »Verpflichtung, solche Pläne zu üben« sowie einer »Verpflichtung, Vorräte zu haben für solche Lagen«.

Bei manchen führenden Politikern ist jetzt viel von »Krieg« die Rede. Der französische Präsident Macron spricht in einer Rede sechsmal davon, der Staatspräsident Xi redet von »Volkskrieg«, und Donald Trump sieht sich als »Wartime President«. Nur der deutsche Bundespräsident distanziert sich und meint, die Pandemie sei kein Krieg, denn keine einzige Nation kämpfe gegen eine andere. Corona sei eine gemeinsame Herausforderung, die nach Solidarität unter den Nationen verlange.

Jetzt gibt es viele Experten, die ihre Meinung zur Corona-Krise verkünden, Virologen, Epidemiologen, Immunologen, Soziologen und Philosophen. Besonders gefragt sind die Virologen. Die Neue Zürcher Zeitung spricht sogar von »der Stunde der Starvirologen«. Ein Beispiel dafür ist Christian Drosten von der Charité, gefragt in vielen Talkshows und Podcasts. Und was sagt er zum Thema Masken? Einmal postet er eine Anleitung zum Selbstbau, kurz vorher erklärte er, das Tragen einer Maske sei für den Normalbürger unnötig, denn wissenschaftlich sei nicht erwiesen, dass sie irgendeinen Nutzen hat oder Schutz bietet. Auch andere Virologen ändern ihre Meinung oder gelangen zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Verständlich, denn man weiß einfach zu wenig über Covid-19. Aber die Politik muss Entscheidungen treffen, und deshalb lässt sie sich beraten, wohl wissend, dass der Rat auf unsicheren Fakten beruht.

Ich frage bei der Firma Dürr nach, wie man dort handelt. »Wir arbeiten fast normal, natürlich unter Berücksichtigung strengster Hygienevorschriften.« Das beruhigt mich einigermaßen. Ich halte es mit Steven Pinker, Professor für Psychologie an der Harvard Universität, der auf die Frage eines Journalisten nach den langfristigen gesellschaftlichen und politischen Folgen der Pandemie antwortete: »Darauf habe ich eine klare Antwort: Das meiste, was nun gesagt und geschrieben wird, wird sich als falsch herausstellen.«

Der Mensch wird die Seuche bekämpfen, sie in den Griff bekommen, wie es salopp heißt. Wie viel der Staat und wie viel die Wissenschaft dazu beitragen, wird sich herausstellen. In vielen Ländern wurde das gesellschaftliche Leben auf null heruntergefahren, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Wie lang halten die Menschen einen solchen Stillstand aus? Ihre Bedürfnisse sind doch die gleichen wie vorher. Sie wollen essen, ein Dach über dem Kopf haben, viele wollen reich werden, alle wollen sich räumlich bewegen, Spaß haben und mit anderen Menschen zusammen sein. Der Mensch ist nun mal ein soziales Wesen, oder wie die Heilige Schrift sagt: »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.« Man kann sich nur fragen, ob sich die Prioritäten der Menschen durch die jetzige Krise verschieben. Temporär kann das schon der Fall sein, aber die menschliche Grundkonstruktion bleibt erhalten. Das Leben geht weiter und die Wirtschaft auch. Schließlich ist sie unser Schicksal, wie Walther Rathenau sagt. Wie sehr dieser Satz zutrifft, sieht man angesichts der schwierigen, teilweise existenzbedrohenden Lage, in die viele Unternehmen unverschuldet geraten sind.

Nach jeder Krise, die ich in meinem Leben erlebt habe, ging es wieder aufwärts. Das wird auch dieses Mal der Fall sein, selbst wenn es dieses Mal die schlimmste Krise nach dem Zweiten Weltkrieg ist, wie unsere Bundeskanzlerin und der UN-Generalsekretär meinen.

Ich bleibe bei den Themen, die ich mir vor Corona für dieses Buch überlegt habe. Wenn hierbei die Auswirkungen der Krise eine Rolle spielen, werde ich darauf eingehen.

Aber trotz allem will ich jetzt eine Antwort finden auf die Frage »Alter Mann, was nun?«.

Kindheit, Krieg und Schule

Auf meinen Spaziergängen, an die ich mich gewöhnt habe wie ans Zeitunglesen, denke ich manchmal an meine Kindheit zurück, besonders wenn mir Eltern mit kleinen Kindern begegnen.

Ich bin 1933 geboren und in einem wohlbehüteten Haushalt aufgewachsen. Der Mensch wird entscheidend in den ersten fünf Lebensjahren geformt. Was für Erinnerungen habe ich an diese Zeit? Ich erinnere mich an friedliche Jahre, wir wohnten in einem angenehmen Einfamilienhaus mit Garten in Stuttgart-Feuerbach. Ich hatte schöne Spielsachen, mit denen ich gerne Soldat und Krieg spielte.

Und Krieg gab es bald. Er kam näher, ich sah Häuser brennen und besuchte mit meinem Vater den durch einen Volltreffer zerstörten großväterlichen Betrieb in Bad Cannstatt. Meine Mutter hat mich trotzdem in die Klavierstunde geschickt und mir interessante Geschichten vorgelesen. Das war sicher ein erster Schritt zu dem, was wir heute Bildung nennen. Als der Krieg und seine Folgen immer näher rückten, wurde ich nach Rottweil zu einer Tante geschickt, da es in dieser Stadt fast keine Luftangriffe gab.

Dort ging ich zur Schule. Heute kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie es dort zuging. Dann wurde die Schule geschlossen, und ich wurde mit elf Jahren aufgrund meiner guten Zeugnisse in die Nationalpolitische Erziehungsanstalt (NAPOLA) in Rottweil eingeschult. Warum meine Eltern diesem Schritt zugestimmt haben, weiß ich nicht. Sie haben nie mit mir darüber geredet. Mein Vater war wohl Parteimitglied, aber kein überzeugter Nazi. Von der Spruchkammer, die gemäß Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus eingesetzt war, wurde er als Mitläufer eingestuft.4

Ich begann in der NAPOLA im Herbst 1944. Die Aufnahmeprüfung begann mit einer Mutprobe – Sprung von einem drei Meter hohen Sockel. Besondere schulische Leistungen wurden nicht verlangt, meine Zeugnisse waren ja gut.

Es begann ein Leben in Disziplin, sauber gekleidet, in Uniform, Bett selbst herrichten, ebenso die Kleider. Ich lernte Knöpfe annähen. Der Unterricht war wie in der Schule zuvor, aber konzentrierter und immer auch politisch gefärbt. Ich erinnere mich an eine Weihnachtsfeier mit Orgelmusik, ein Schüler mit schöner Stimme sang: »Es ist ein Ros entsprungen.« Irgendwie beeindruckte mich das. Aber der Krieg rückte immer näher. Die Kameraden aus den Klassen über mir wurden als letzte Reserve des Führers, als sogenannte Werwölfe5, in den Kampf um den Endsieg geschickt.

Dann erlebte ich den ersten Tieffliegerangriff. Das Gebäude der NAPOLA (eine frühere Klosterschule) stand auf einer Anhöhe, unser Schlafsaal befand sich im ersten Stock. Wir saßen im Luftschutzkeller, und als wir nach dem Angriff wieder in den Schlafsaal zurückkamen, waren alle Betten von Maschinengewehrgarben der angreifenden Tiefflieger durchlöchert.

Einen anderen Tieffliegerangriff erlebte ich auf einer Zugfahrt von Stuttgart nach Rottweil. Plötzlich hielt der Zug an, Tieffliegeralarm. Als die ersten Salven den Zug trafen, warfen wir uns auf der anderen Seite des Bahndamms auf den Boden. Einer meiner Mitschüler schaffte es nicht mehr und starb mit dem Ruf: »Es lebe der Führer!«

Heute ist mir klar, wie leicht es ist, eine ganze Generation so zu indoktrinieren, dass sie einer verbrecherischen Ideologie folgt.

Im März 1945 kam mein Vater nach Rottweil in die NAPOLA und sagte zu mir: »Der Krieg ist aus.« Ich widersprach ihm heftig, denn mir war ja eingetrichtert worden, dass der Führer noch Geheimwaffen habe, die alles ändern würden. Mein Vater argumentierte nicht lange, für ihn, wie für die meisten Menschen in Deutschland, war das Ende des Dritten Reiches gekommen. Er nahm mich mit und brachte mich zusammen mit Mutter und meinem Bruder Reiner in ein kleines einsames Häuschen ohne fließendes Wasser und ohne elektrischen Strom im Schwäbischen Wald. Es war einsam, aber eben kein Zielobjekt für feindliche Tiefflieger.

Heute frage ich mich manchmal, was diese sechs Monate NAPOLA in mir bewirkt haben. Hatten sie einen Einfluss auf meine persönliche Entwicklung?

Geprägt haben mich sicher die Disziplin, der festgelegte Tagesablauf mit klaren Vorgaben, was zu tun ist, und die Befriedigung, wenn es getan war. Man lernte, mit schwierigen Situationen umzugehen, so etwa, wenn wir im Winter in selbst gebauten Iglus das Überleben trainierten.

Immer wieder habe ich in meinem Leben wichtige Leute getroffen, die auch auf einer NAPOLA waren: Alfred Herrhausen, der Deutschbanker, Werner Holter, Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, der Literaturkritiker Hellmuth Karasek, Hardy Krüger, der Journalist Graf Nayhauß, der Maler Arnulf Rainer und Theo Sommer von der ZEIT. Ich habe nie mit einem dieser Leute über die NAPOLA gesprochen, aber ihnen muss es wohl ähnlich ergangen sein wie mir. Nach der Befreiung 1945 war das alles kein Thema mehr für mich, auch wenn ich mich heute noch gut an diese sechs Monate erinnern kann. Für mich begann eine neue Zeit.

Im Mai 1945 erlebte ich zum ersten Mal amerikanische GIs, als ein offensichtlich verirrter US-Panzer ganz in der Nähe unseres einsamen Häuschens im Wald stecken blieb. Die Soldaten kamen zu uns, tauschten Wasser gegen Kaugummi und schäkerten unter blühenden Obstbäumen mit der jungen hübschen Mitbewohnerin. Da lagen sie, die Befreier, auf der Wiese vor unserem Fluchthäuschen, saubere Jungs in schicken Uniformen. Ganz anders als die vor ein paar Tagen vorbeigezogenen müden und verzweifelten deutschen Soldaten, die kein Wort mit uns Kindern redeten. Nur weg wollten sie. Und jetzt die Amerikaner auf der Wiese unter den blühenden Obstbäumen, Kaugummi kauend, gar nicht kriegerisch wirkend. Sah so der »Endsieg« aus, der uns in der NAPOLA unablässig verkündet worden war? Richtig begriffen habe ich das mit meinen zwölf Jahren wohl kaum. Doch nun musste ich keine Angst mehr vor Tieffliegern und Bomben haben.

1946 war die Familie wieder vereint in Stuttgart-Feuerbach. In unserem Haus ging es etwas enger zu, denn wir mussten frühere Bekannte aufnehmen: eine Familie, die aus den USA zurückgekommen war, wohin sie in den Jahren zuvor geflüchtet war. Aber wir arrangierten uns.

Materielle Not mussten wir in dieser Zeit nicht leiden. Mein Vater war sehr erfolgreich unterwegs in dieser Zeit des totalen Tauschhandels, des sogenannten »schwarzen Marktes«. Aus seiner Firma hatte er Produkte zu bieten, die die Bauern gerne gegen Naturalien tauschten.

Mit meinem Bruder Reiner ging ich in Feuerbach zur Schule. Die Lehrer waren aus dem Krieg übrig geblieben, und es herrschten Zucht und Ordnung.

Damals lernte ich auch den American way of life kennen, den uns die US-Soldaten vorführten, die Stuttgart besetzt hatten und in ihren PX-Läden alles kaufen konnten, was wir nicht hatten. Im altehrwürdigen Hindenburgbau veranstalteten sie Konzerte und Bälle, meist mit Jazzmusik, wo wir tanzen konnten und wo ich Musiker kennenlernte. Gemeinsam gründeten wir den Jazzklub »Schlüssel«, in dem die Amerikaner mit uns lernbegierigen Deutschen ihre Jamsessions abhielten. Wir lernten amerikanische Literatur kennen und redeten uns die Köpfe heiß über Jean-Paul Sartres Satz: »Die menschliche Existenz ist wie der Funke, der aus dem Kamin einer vorbeifahrenden Lokomotive in die Nacht gestoßen wird und dort verglüht.« Wir trugen schwarze Kleidung und bedienten uns einer geschwollenen Sprache, fielen in bedeutsames Schweigen, wenn wir zusammensaßen und tranken und rauchten. Für mich war Existenzialismus damals ein Lebensgefühl, und wenn Miles Davis den Soundtrack aus »Fahrstuhl zum Schafott« blies, dann tauchten wir in eine andere Welt ein.

In dieser Zeit war ich sehr aktiv als Tennisspieler. Ich war Klubmeister beim TC Feuerbach, und ich dachte sogar daran, einmal Berufsspieler zu werden. Dann wechselte ich zum TC Weissenhof, der Nummer 1 in Stuttgart. Dort lernte ich meine spätere Frau Heide kennen, und danach war Tennis nicht mehr so wichtig. Später war es der Fußball, für den ich mich begeisterte. Als Torwart spielte ich oft in einer Studentenmannschaft. Die Bundesliga verfolge ich heute noch, insbesondere liegt mir der VfB Stuttgart am Herzen.

Im Leibniz-Gymnasium in Stuttgart-Feuerbach kam ich gut voran. Einmal konnte ich sogar eine Klasse überspringen. Wir hatten einen sehr guten Deutschlehrer, bei dem ich viel gelernt habe. Seine Korrekturen bei Aufsätzen waren gefürchtet. So etwa, wenn er Intransparenz durchstrich und durch unklar ersetzte. Er wollte einfach, dass die deutsche Sprache benutzt wurde. In meinem späteren Unternehmerleben habe ich oft bei der Korrektur von Pressemitteilungen an ihn gedacht.

Spannend wurde es beim Abituraufsatz. Mein Thema lautete: »Was leistet der Beruf, dem Sie zustreben, für die Gemeinschaft, und was erwarten Sie von ihm für sich selbst?« Ich nutzte die Form eines Briefes an einen Älteren und beantwortete die Frage aus der Sicht des Philosophen sehr idealistisch. Ich schrieb von einer Gesellschaft, in der die Menschen füreinander da seien, von sozialer Verantwortung, von sittlicher Ordnung, aber auch von technikgetriebener Zivilisation. Der Mensch stehe im Mittelpunkt, aber nicht der Einzelne. Hätte ich damals schon das Mitbestimmungsurteil des Bundesverfassungsgerichts vom 1. März 1979 gekannt – »Das Bild des Menschen ist nicht das des isolierten und selbstherrlichen Individuums, sondern das der gemeinschaftsbezogenen und gemeinschaftsgebundenen Person, die von verfügbaren Eigenwerten bis zu ihrer Entfaltung auf vielfältige menschliche Bezüge angewiesen ist« –, wäre das sicher ein Schlüsselsatz in meinem Aufsatz gewesen.

Die Bewertung meines Aufsatzes durch zwei Lehrer war sehr unterschiedlich. Einer gab mir eine Fünf (»Thema verfehlt«), der andere eine Eins minus (»gut nachgedacht«). Die letztere Zensur stand in meinem Abiturzeugnis. Es war wie manchmal auch in meinem späteren Leben: alles oder nichts.

Lehre, Studium, Firma

Mein ganzes Leben war ich Unternehmer. Auch wenn ich im Angestelltenverhältnis für ein Unternehmen tätig war, wie etwa als Bahnchef, fühlte ich mich immer als Unternehmer. Begonnen hat das bereits in der Kindheit. Mein Vater war Inhaber und Chef eines mittelständischen Betriebes, meine Mutter machte die Buchhaltung. Die Firma Otto Dürr war damals ein bekannter Zulieferer für die lokale Werkzeugmaschinenindustrie und betrieb außerdem eine Bauflaschnerei wie mein Großvater. Beim Mittagessen und bei Einladungen meiner Eltern erfuhr ich eine ganze Menge über das Unternehmen. Für sie war es immer klar, dass ich einmal als Nachfolger in die Firma eintreten sollte.

Zum Unternehmer wurde ich nicht ausgebildet, jedenfalls nicht systematisch. Das Einzige, was mein Vater von mir verlangte, war eine praktische Ausbildung zum Schlosser. So begann ich am 1. April 1953 eine Lehre als Stahlbauschlosser in der Waggonfabrik Krefeld-Uerdingen, vermittelt durch einen Freund meines Vaters. Für einen Abiturienten, der sich mit Philosophie, Soziallehre und amerikanischer Kultur vollgesogen hatte, war das ein Schock. Morgens 6.00 Uhr Arbeitsbeginn, Appell der Lehrlinge, 60 an der Zahl, in Zehnerreihen sauber aufgestellt, Schraubstock neben Schraubstock, der Lehrmeister vor uns stehend, mit wachem Blick, ob auch alle richtig feilten. Ich durfte in der ersten Reihe feilen. Man wählte mich mich als Lehrlingssprecher. Aber das war ich nur vier Wochen lang. Dann kam einer von der Gewerkschaft und sagte: »Das geht nicht, du bist ja ein Kapitalist.«

Lehrling im Jahr 1953 zu sein, war etwas ziemlich anderes als heute. Da gab es »Richtlinien für die Eltern als Ergänzung für die Erziehung Ihres Sohnes in unserem Betrieb«. Dort hieß es unter anderem:

Ihr Sohn soll in unserem Betrieb zu einem tüchtigen Arbeiter beziehungsweise Facharbeiter, aber auch zu einem frohen Menschen erzogen werden. Er soll sich später an seiner Arbeitsstelle durch Sauberkeit, Ordnungssinn, Pünktlichkeit, gute Leistung und Höflichkeit auszeichnen.

Und so weiter und so fort. Zum Schluss hieß es dann noch:

Die Erziehungsbeihilfe, die den Lehrlingen gewährt wird, ist, wie der Name schon sagt, kein Lohn für geleistete Arbeit, ist Hilfe für die Eltern in der Bestreitung der Unkosten, die während der Ausbildungszeit des Jungen entstehen.

Heute erhalten die Eltern keine derartigen Ratschläge mehr, alles läuft viel sachlicher und funktionaler, wie ich den »Informationen für Auszubildende« der Firma Dürr entnehme.

Töchter waren damals offensichtlich nicht als Lehrlinge gefragt. Heute hat die Firma Dürr natürlich weibliche Lehrlinge, und der Begriff »Auszubildende« ist ja auch gendergerecht.