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Das AutorenForum Köln präsentiert mit dem vorliegenden Band seine zweite Anthologie, einen Querschnitt des reichhaltigen Schaffens. Texte auszuloten und daran zu wachsen, ist von Beginn an das Bestreben der Autorinnen und Autoren aus dem Kölner Raum. So unterschiedlich die Mitglieder des Forums sind, so verschieden ist ihre Herangehensweise an Lyrik und Prosa: Mit dem Band »Am laufenden Wort« demonstriert das Autorenforum Köln Vielfalt in der Sprache. Worte werden geformt, überarbeitet und immer wieder auf ihre Qualität geprüft, bis sie schließlich als literarische Unikate stehen bleiben. Wir wünschen Ihnen beim Lesen viel Vergnügen Am laufenden Wort. Die Anthologie vereint Gedichte und Prosa von Ann Kristin Bartke, Adrienne Brehmer, Renate Bruns, Jens Burmeister, Cornelia Ehses, Christa Feuerbacher, Gertrude Gröninger van der Eb, Jo Hagen, Hilla Hombach, Reinhard Iben, Lydia Kroll, Viola Michely, Martina E. Siems-Dahle, Walter Pietruk-Heep, Jörg Wartschinski und Dietmar Widlewski.
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Seitenzahl: 124
Veröffentlichungsjahr: 2017
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AM LAUFENDEN WORT
Fünfzehn Jahre AutorenForum
Eine Auslese
aus dem aktuellen reichhaltigen Schaffen
herausgegeben von
AutorenForum Köln e.V.
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei den Autorinnen und Autoren!
Titelbild © Gertrude Gröninger van der Eb
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Vor Ort
Sokrates
Walter Pietruk-Heep
Gefrorene Nacht
Cornelia Ehses
Trauer
Cornelia Ehses
Grabrede
Martina E. Siems-Dahle
Gehen und Sehen
Viola Michely
licht sehen
Viola Michely
Büchners Weisheit
Christa Feuerbacher
Ein Jahr
Dietmar Widlewski
Sternschnuppen
Dietmar Widlewski
Mashiko
Adrienne Brehmer
Auf dem Asphalt
Ann Kristin Bartke
Entwicklung
Ann Kristin Bartke
Schlaflose Nacht
Ann Kristin Bartke
Einsamkeit
Hilla Hombach
Meine Seele
Hilla Hombach
Der Berg
Renate Bruns
Nur ein Traum
Renate Bruns
Spaziergang
Frühling
Hilla Hombach
Sommergelbes Bett
Hilla Hombach
Herbst
Walter Pietruk-Heep
Luftgespinste
Christa Feuerbacher
Wintertannen
Adrienne Brehmer
Wolkeneis
Dietmar Widlewski
An der Elbmündung
Dietmar Widlewski
Im Watt
Dietmar Widlewski
An der Küste
Dietmar Widlewski
Am Ende des Weges
Dietmar Widlewski
8.4.2014
Viola Michely
Bereitschaft
Ann Kristin Bartke
Phantasie entfacht
Ann Kristin Bartke
Wünsche
Ann Kristin Bartke
Blues am Abend
Hilla Hombach
Das Luder
Martina E. Siems-Dahle
Wanderung
Invasion in der Schweinebucht
Martina E. Siems-Dahle
R(h)ein- Gedicht
Ann Kristin Bartke
Und dann vor dem Dom
Renate Bruns
Ich gehe zurück
Dietmar Widlewski
Der Tod und das Leben
Dietmar Widlewski
Zwei Elfchen
Cornelia Ehses
Meinem … gesagt
Ann Kristin Bartke
Mitten durch die Great Plains
Viola Michely
Schwarz persönlich
Gertrude Gröninger van der Eb
Begegnung mit Johanna
Jörg Wartschinski
Lauf
Der Ruf der Nomaden
Lydia Kroll
Der Künstler
Adrienne Brehmer
Venedig
Ann Kristin Bartke
Parmesan
Jens Burmeister
Vier Haikus
Cornelia Ehses
Natur
Cornelia Ehses
Stürmischer Flug von Wien nach Venedig
Hilla Hombach
Sonnenblicke
Cornelia Ehses
Erinner dich
Jo Hagen
Goldene Domspitzen
Jens Burmeister
Stein
Renate Bruns
Spurt
Du-Gedicht I
Ann Kristin Bartke
Einfälle
Ann Kristin Bartke
Halt
Ann Kristin Bartke
Morgenkonzert
Dietmar Widlewski
Kunst im Labor
Reinhard Iben
Wir erwarten Henry
Jo Hagen
Kurzporträts der Autorinnen und Autoren
Das AutorenForum Köln präsentiert mit dem vorliegenden Band seine zweite Anthologie, einen Querschnitt des reichhaltigen Schaffens.
Texte auszuloten und daran zu wachsen, ist von Beginn an das Bestreben der Autorinnen und Autoren aus dem Kölner Raum. So unterschiedlich die Mitglieder des Forums sind, so verschieden ist ihre Herangehensweise an Lyrik und Prosa: Mit dem Band „Am laufenden Wort“ demonstriert das Autorenforum Köln Vielfalt in der Sprache. Worte werden geformt, überarbeitet und immer wieder auf ihre Qualität geprüft, bis sie schließlich als literarische Unikate stehen bleiben.
Wir wünschen Ihnen beim Lesen viel Vergnügen Am laufenden Wort.
AutorenForum Köln e.V.
Neulich sitze ich beim Griechen und genieße zur bekannten Sirtakimusik meinen Metaxa. Da geht die Tür auf und mit einem Schwall kalter Luft kommt er im langen schwarzen Mantel herein. Spontan geh ich auf ihn zu, klopfe ihm auf die Schulter und will ihm aus dem Mantel helfen.
„Hallo Sokrates“, sage ich zu ihm. „Was machst du denn hier? Haben dich die Griechen zusammen mit dem Sparprogramm ausgewiesen?“
Er schüttelt mit dem Kopf und zieht unwirsch seinen Mantel selbst aus. Dann zupft er sein weißes Gewand zurecht, sieht mich an.
„Quatsch!“, sagt er. „Ich wollte nur mein neuestes Buch vorbeibringen.“
„Ach, schon wieder eins!“ grinse ich. „Da stehen doch schon sieben Stück im Regal herum und keiner will auch nur einen Blick hineinwerfen.
„Ja, aber dieses Mal“, schnauft Sokrates, „dieses Mal wird es der Durchbruch.“ Er bestellt sich lautstark ein Bier.
„Ach so!“, sage ich. „Und wie heißt dein Machwerk?“
„Ich weiß, dass ich nichts weiß“, sagt er, nimmt einen kräftigen Schluck frisch Gezapftes und wischt sich den Schaum vom Mund.
„Ich weiß, dass ich nichts weiß“, wiederholt er.
„Ach so“, sage ich, „aber das musst du doch nicht extra aufschreiben. Das wissen doch alle hier, dass du nichts weißt. Sonst würdest du doch nicht ständig bei »Rot« über die Straße laufen.“
Er murrt.
„Du musst das ernst nehmen! Es ist eine tiefe Erkenntnis, und nicht so ein oberflächliches Gerede.“
Er leert sein Glas.
„Wenn du erst einmal weißt, dass du nichts weißt, dann siehst du alles viel gelassener.“
„Ja“, sage ich, „ist wie der Spruch: Leben und leben lassen.“
Sokrates schüttelt den Kopf.
„Nix haste verstanden. Nix. Hier lies erst mal mein Buch.“
„Und was soll das kosten?“ frage ich vorsichtshalber mal.
„Na ja“, Sokrates grinst mich an. „Du zahlst einfach meinen Deckel. Wie immer!“
Ich nicke.
„Hey Aischylos!“, ruft Sokrates zur Theke. „Mach mir mal ein Gyros komplett. Und eine Portion Weinblätter für meinen Freund.“
„Weinblätter?“, sage ich erstaunt. „Die hat der doch gar nicht!“
„Doch!“, grinst Sokrates. „Seit gestern.“
Ich schüttele den Kopf. „Ach, was du nicht alles weißt.“
Schlaflos
Die Nacht
Golden der Mond
Werwölfe unterwegs
Die Nacht
In mir
Um mich
Wohin mit mir
In mir
Rot durchwebte Dunkelheit
Wohin mit mir
Feuerbilder unter der Haut
Rot durchwebte Dunkelheit
Herzschlag überall
Feuerbilder unter der Haut
Was wäre wenn
Herzschlag überall
Gefrorene Nacht
Was wäre wenn
Ich brenne
Gefrorene Nacht
Schlaflos
Ich brenne
Golden der Mond
Ich sehe in ihr Gesicht
wende mich ab
ihr Schmerz macht mir Angst
was soll ich denn tun
Wende mich ab
ich kenne sie ja nicht
was soll ich denn tun
vermutlich will sie gar keinen Trost
Ich kenne sie ja nicht
komme nur zufällig hier vorbei
vermutlich will sie gar keinen Trost
was soll ich auch sagen
Komme nur zufällig hier vorbei
müsste schon längst woanders sein
was soll ich auch sagen
Trostworte klingen hohl
Müsste schon längst woanders sein
ich sehe in ihr Gesicht
Trostworte klingen hohl
ihr Schmerz macht mir Angst
wann immer du willst
Der Verstorbene musste eine bekannte Persönlichkeit gewesen sein. Wie viele folgten wohl dem Sarg? Achtzig? Einhundert?
Die alte Frau auf der Bank sah dem Trauerzug hinterher. Sie schraubte den Becher von der Thermoskanne und schenkte sich einen Tee ein. Während die rissigen Lippen am heißen Getränk nippten, blickte sie liebevoll auf den gegenüberliegenden Grabstein: Gustav Möller, 05. November 1921 – 18. August 2008.
Die alte Frau massierte sich den Nacken und kreiste mit dem Kopf. Sie hatte die verdorrten Sommerblumen aus dem Grabbeet gezupft; Töpfchen mit Heidekraut warteten darauf, eingepflanzt zu werden. Eine grüne Plastikgießkanne stand auf der aufgewühlten Erde. Ohne hinzuschauen griff die Alte mit wulstigen Fingern in ihren Einkaufsbeutel, legte sich ein kariertes Geschirrhandtuch auf den Schoß, steckte die Hand nochmals in den Beutel und zog einen schrumpeligen Apfel und ein Obstmesser hervor. Bedächtig schälte sie ihn.
Der Kies auf dem Weg knirschte, die alte Frau drehte den Kopf in die Richtung, hielt mit dem Schälen inne. Ein schwarzes Ding ließ sich auf die Bank plumpsen. Mädchen oder Junge war auf Anhieb nicht zu erkennen. Blauschwarze Haarsträhnen fielen über die Augen, der Rest des Schädels war fast kahlgeschoren.
Die Alte griff zur Handtasche, deren Leder nicht minder spröde war als die Haut ihrer Besitzerin. Die Frau presste das kleine Gut auf ihren Bauch und umschloss es mit der ausgebeulten Strickjacke. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie mit neugieriger Skepsis, wie Finger, üppig beringt, mit violett lackierten Nägeln, eine Packung Zigarettentabak öffneten und einen Papierstreifen hervor holten. Die dunkel gekleidete Person steckte ihn zwischen die schwarz angemalten Lippen, kratzte den Tabak zusammen, den sie sodann flink und geschickt zwischen Daumen und Zeigerfingern im Papierchen rollte. Schließlich leckte sie mit spitzer Zunge an der Gummierung und klemmte die Selbstgedrehte zwischen ihre schmalen Lippen.
„Was glotzt du denn so?“, fragte trotzig eine Mädchenstimme, während es sich die Zigarette anzündete. Es nahm einen tiefen Zug, schluckte den Rauch geradezu hinunter, um sich dann der alten Frau zuzuwenden und ihr den Rauch ins Gesicht zu blasen.
Die Alte schob sich ein Apfelstück in den Mund und wandte sich dem Mädchen zu.
„Wenn du mich schon anbläst“, die alte Frau wedelte den Rauch mit einer Hand weg, „dann möchte ich dir dabei auch in die Augen schauen.“
„Klar“, das Mädchen steckte den Pony hinter die Ohren, zog kräftig und pustete den Dampf wie gefordert der Nachbarin ins regungslose Gesicht.
„Hast du keine Schule?“, fragte die Frau.
„Was geht dich das denn an?“ Das Mädchen klappte die dünnen Beine, die in Springerstiefeln steckten, zum Schneidersitz zusammen.
Ein Mann mit dunklen Wollmantel und Hut schlurfte an den Beiden vorbei, im Schlepptau einen Dackel, der abrupt stoppte und auf den Weg ein Häufchen setzte.
„Ey, Alter“, sagte das Mädchen, „dein Hund hat gekackt. Mach‘ das mal weg!“
Der Mann aber ging weiter.
Die Zigarette zwischen den Lippen, die Fäuste in die Hüften gestemmt, rief es ihm hinterher: „Frechheit! Was sind das für Manieren?“ Sie wandte sich der alten Frau zu.
„Willst ein Kaugummi?“, sie hielt ihr eines hin.
„Ich habe mein ganzes Leben noch keines gegessen und jetzt auch nicht.“
„Was? Deine ganzen hundert Jahre nicht?“
„Achtzig Jahre. Ich heiße Berta Möller, und du?“
„Anna.“
„Und wie lange hast du diesen Namen schon?“
„Fünfzehn Jahre.“
Anna mahlte ausladend mit den Kiefern, blähte eine Kaugummiblase und ließ sie zusammen mit Zigarettenrauch platzen. Berta Möller zog den knielangen, beigen Glockenrock hoch.
„Ich wünschte, ich könnte auch im Schneidersitz sitzen. Schau, Wasser“, sie zog den Rock ein wenig hoch.
„Die sehen ja aus wie Elefantenbeine in Ballettschuhen!“, spottete Anna. „Alt sein ist schon Scheiße, was?“ Braune Augen unter schwarzem Augenmakeup funkelten feucht.
„Ja …, naja, dass sich mein Körper so deformiert hat, ohne dass ich das großartig beeinflussen konnte, das ist …“, Berta Möller räusperte sich, „… Scheiße. Wenn abnorme Körperformen schick wären, so wie deine schwarze Kluft, na, dann läge ich doch voll im Trend.“ Berta Möller zog ihre Augenbrauen hoch und schaute das Mädchen fragend an. Aber Anna schüttelte wieder ihren Pony über die Augen.
„Jetzt ziehst du den Vorhang zu und versteckst dich wieder“, kommentierte Berta Möller.
„Schwarz ist doch aufm Friedhof angesagt, oder?“ Anna setzte sich auf die Rückenlehne der Bank und schnipste den Zigarettenstummel weg. Sie stopfte die Kopfhörerstöpsel ihres iPods in die Ohren, zuckte mit dem ganzen Körper, dass die Holzbank wippte. Sie drehte sich erneut eine Zigarette.
„Haste letztes Jahr das in der Zeitung gelesen?“
Anna schrie fast die Frage und hustete den Rauch auf Berta Möllers Schoß.
„Was?“, fragte Berta Möller.
„Das von dem Mädchen, das einen Sexualtäter in die Flucht geschlagen hat?“
Berta Möller holte eine Flasche Echt Kölnisch Wasser aus der Handtasche, spritzte eine Menge auf das Küchentuch und wedelte damit vor Annas Nase.
„I pfui“, Anna zog die Nase kraus, „davon wird einem ja schlecht.“
Die alte Frau wischte sich die Hände ab, um dann Anna die Hörer aus den Ohren zu ziehen.
„Was war mit dem Mädchen?“
„Na, die ganze Polizei hatte doch nach dem Kerl gesucht, und die Eltern schickten ihre Mädchen nur noch in Begleitung zur Schule. Tätä! Hat über zwei Wochen gedauert, bis klar wurde, dass alles nur erlogen war.“
„Was haben denn deine Eltern dazu gesagt?“
„Cool, du hast mich durchschaut! Na, peinlich war‘s denen: ‚Was sollen denn die Leute von uns denken?‘, und haben mich dann auf eine andere Schule geschickt.“ Anna äffte offensichtlich die Stimme ihrer Mutter nach. „‚Und wenn du dich nicht sofort normal kleidest, schicken wir dich aufs Internat!‘“
„Das ist aber bestimmt teuer!“, sagte Berta Möller.
Anna hielt kurz inne und runzelte die helle Stirn. Sie betrachtete Berta, wie sie da in abgetragenen Klamotten saß, etwas gekrümmt und schlaff, durch stumpfe dünne Haare schimmerte Kopfhaut. Und doch schienen Millionen Falten fröhlich über ihr Gesicht zu tanzen.
„Egal“, murmelte Anna und pulte am Nagellack. „Wenn ich brav bin, krieg ich alles. Und wenn ich mal wieder was brauche, bin ich für paar Stunden lieb, trage Jeans und so weiter, was alle so tragen. Aber ich bin nicht alle.“
„Ich glaub‘“, sagte Berta Möller, „meine Schildkröte redet mehr mit mir als deine Eltern mit dir.“
Anna zuckte mit den Achseln, stopfte wieder die Hörer in die Ohren und zappelte.
„Willst du ein Butterbrot?“, Berta Möller kramte im Beutel. Anna hörte das nicht. Sie zog ein Fläschchen Underberg aus ihrer Manteltasche. Schnell räumte Berta Möller ihr kleines Picknick zusammen und stand so zügig wie es ihr möglich war auf. Die Bank kippte nach hinten. Anna fiel rückwärts auf einen Haufen zusammengerechter Blätter.
„Ey, Alte, noch alles fit im …?“
„Steh‘ auf und stell‘ die Bank wieder hin, Anna!“, befahl Berta Möller in einem Ton, dass Anna nicht wagte zu widersprechen.
„Okay, Okay!“
„Ich brauche dich, Anna. Hilf mir beim Bepflanzen des Beets.“ Berta Möller setzte sich wieder hin und zeigte unmissverständlich auf Harke und Schaufel.
Wie ein Kind im Sandkasten patschte Anna auf allen Vieren wild im Beet herum, harkte kreuz und quer, buddelte Löcher, zog mit spitzen Fingern das Heidekraut aus den Töpfen und warf es in die Kuhlen. Breitbeinig stellte sie sich hin und starrte auf das Grab.
Berta Möller schwieg. Das Glockenläuten der Kapelle durchschnitt die Stille. Langsam ließ sich Anna auf die Knie fallen, vorsichtig nahm sie die Pflanzen wieder aus ihrem provisorischen Bett, nur mit den Händen bearbeitete sie jetzt die Grabstätte.
„Die Erde ist warm“, murmelte sie in sich versunken.
Nachdem sie die Heide gewässert, die verdorrten Sommerpflanzen in den nächsten Container geworfen und die Grabumrandung gereinigt (und auch über den Namen Gustav Möller gefegt hatte), hörte sie Berta Möller sagen:
„Komm‘ bitte morgen nach der Schule hierher. Wir müssen noch das Grab meines Bruders pflegen. Und zieh‘ dir andere Klamotten an. Wär’ doch schade, wenn dein – wie sagt ihr? – Outfit? – schmutzig wird.“
Anna packte die Gartengeräte in einen Jutesack und stellte ihn neben die Bank.
„Danke“, sagte sie, „ich geh‘ dann mal zu meiner Mutter. Ich glaub‘, die braucht mich jetzt.“
Berta Möller schaute auf das neu bepflanzte Beet, stand auf und sagte sanft zu ihrem Gustav:
„Tschüss, bis morgen.“
Als sie beim Grab an der Trauergemeinde vorbeikam, die den Worten des Pastors lauschte, sah sie, wie Anna mit einer hochgewachsenen Frau mit schwarzem Hut am offenen Grab stand und sich beide fest an den Händen hielten.
Wie soll ich sie vorstellen, die Hauptperson meiner Geschichte? Für diejenigen, die sie nicht kennen, beginne ich bei der Geburt. Sie liegt weit zurück.
