Amor kommt auf Hundepfoten - Katja Doubek - E-Book

Amor kommt auf Hundepfoten E-Book

Katja Doubek

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Beschreibung

Bonny und Baldo, zwei Terrier-Beagle-Mischlingswelpen, werden in Süditalien brutal ausgesetzt. Bonny wird einige Wochen später fast verdurstet von der Deutschen Mia gerettet, Baldo landet halbtot bei Barbesitzer Giuseppe. Einige Zeit später treffen sich die Hunde zufällig wieder, stürzen wie wild aufeinander zu und bleiben unzertrennlich. So kommen sich auch ihre Halter Mia und Giuseppe näher, doch Mia muss zurück nach Deutschland. Eines Tages steht Giuseppe überraschend bei ihr mit Baldo vor der Tür: der Beginn einer großen Liebe.

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Seitenzahl: 281

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Katja Doubek

Amor kommt auf Hundepfoten

Wie Bonny und Baldo uns die Liebe brachten

 

 

 

Über dieses Buch

Bonny und Baldo, zwei Terrier-Beagle-Mischlingswelpen, werden in Süditalien brutal ausgesetzt. Bonny wird einige Wochen später fast verdurstet von der Deutschen Mia gerettet, Baldo landet halbtot bei Barbesitzer Giuseppe. Einige Zeit später treffen sich die Hunde zufällig wieder, stürzen wie wild aufeinander zu und bleiben unzertrennlich. So kommen sich auch ihre Halter Mia und Giuseppe näher, doch Mia muss zurück nach Deutschland. Eines Tages steht Giuseppe überraschend bei ihr mit Baldo vor der Tür: der Beginn einer großen Liebe.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, April 2015

Copyright © 2015 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Redaktion Bernd Gottwald/Claudia Piras

Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München

Umschlagabbildung FinePic, München

ISBN 978-3-644-52941-0

 

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Vorbemerkung

Widmung

1

2

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5

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Nachbemerkung

Dank

Frei nach einer wahren Begebenheit

Für Dich, Luca

Per Te Luca

1

Geliebt zu werden, macht uns stark. Zu lieben macht uns mutig.

Laotse

Süditalien.

Kleinstadt.

Juli.

Dritter Samstag.

13.00 uhr.

Ein Knall! Wie eine Vierfach-Fehlzündung hallt er vom Meer durch die menschenleeren Straßen. Die Fischer schießen Übungsraketen für das große Fest. Festa della Madonna di Carmine. Höhepunkt ist eine Prozession auf dem Meer. Mit Lichterketten geschmückt, gleiten die Fischerboote am späten Abend an der Küste entlang. Um Mitternacht spiegelt sich ein gigantisches Feuerwerk auf dem Wasser. Fast zwölf Stunden sind es noch bis dahin, aber es knallt schon seit heute Morgen – und jetzt wieder.

Der Mann im Auto schwitzt. Sein feuchtes Unterhemd riecht herb-beißend nach altem und frischem Schweiß.

Er will die Sache hinter sich bringen. Er hat es noch im Ohr, das verzweifelte Jaulen. Beinahe hätte sich seine Hündin mit der Kette stranguliert, als er ihr die beiden Welpen genommen hat. Es ist das sechste Mal, dass er ungewollte Junghunde auf diese Weise vom Hof schafft. Sie wird sich auch diesmal damit abfinden müssen.

Sechs Würfe in vier Jahren. Immer waren es mindestens drei – einmal sogar sechs Junge. Er ist kein Unmensch. Jedes Mal hat er dem Muttertier zwei Junge gelassen. Auf den Tag drei Monate lang. Damit sie sie säugen, mit ihnen spielen kann. Zwei Welpen! Die anderen hat er sofort nach der Geburt ertränkt.

An diesem Tag im Juli sind drei Monate um. Die Junghunde fangen an, Geld zu kosten. Die Mutter hat nicht mehr genug Milch. Der Mann kommt mit dem, was er mit dem kleinen Hof erwirtschaftet, gerade so aus. Er hat kein Geld für Hundefutter. Die Reste von seinem Tisch reichen eben, um einen erwachsenen Hund zu füttern. Zwei weitere Mäuler kann er damit nicht sättigen. Er hat auch kein Geld, seine Hündin kastrieren zu lassen. Aber er braucht einen Hund auf dem Hof. Sonst holt der Fuchs die Hühner. Seine Hündin ist sehr wachsam. Der Mann mag sie, so wie er die Katzen, Ziegen und Hühner mag. Nutztiere. Katzen halten Ratten und Mäuse aus dem Haus, Ziegen geben Milch und Braten, Hühner legen Eier und werden gekocht.

Er gibt Gas. Die schmale Straße ist nicht befestigt, die Kurve schärfer als gedacht.

Im Kofferraum gerät etwas aus dem Gleichgewicht. Das Heck schert leicht aus.

«Scheißviecher», flucht der Mann und wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn.

Eine Stunde später ist er am Ziel. Die asphaltierte Straße flimmert in der Mittagshitze. Alle Fensterläden sind geschlossen. Bei Temperaturen von knapp 40 Grad geht niemand auf die Straße. Der Mann biegt ab und fährt auf einen Parkplatz. Kopfsteinpflaster. Glühend heiß in der Mittagssonne.

Der Mann steigt aus und öffnet den Kofferraum. In der hintersten Ecke kauern zwei kleine Hunde. Sie zittern am ganzen Leib und blinzeln. Im Inneren des Kofferraums war es dunkel, das gleißende Licht blendet.

Sie haben die Schrecken der Autofahrt nicht vertragen und sich mehrmals übergeben. Der Mann sieht die Bescherung und packt die Welpen im Genick.

«Raus mit euch, ihr verfluchten Sauhunde – Schweinerei, verdammte!»

Er schleudert die erschrockenen Hunde auf das Kopfsteinpflaster, wischt sich die Hände an seiner speckigen Hose ab, knallt den Deckel seines Kofferraumes zu, steigt wieder in sein Auto und legt den Rückwärtsgang ein.

Stille. Niemand hat etwas gesehen. Keiner hat etwas bemerkt.

Auf dem Parkplatz unterhalb des Centro Storico, der historischen Altstadt, sitzen zwei kleine Hunde und hecheln verängstigt.

Der Rüde ist forscher als seine Schwester. Instinktiv sucht er Schutz vor der brennenden Sonne. Auf wackeligen Pfoten, die Ohren angelegt, schleicht er in den Schatten eines geparkten Autos. Seine Schwester zögert einen Moment, dann folgt sie ihm. Die Tiere ähneln einander. Wie ein Ei dem anderen. Dunkles Fell auf dem Rücken, hellbraun die Seiten, die Beine. Brust, Pfoten und Schwanzspitze sind weiß, die Augen rehbraun, die Knopfnasen schwarz. Jetzt sind die Nasen grau, trocken. Durch Hitze und Übelkeit im Auto haben die Welpen gefährlich viel Flüssigkeit verloren.

Die kleine Hündin drückt sich im Schatten an die schützende Mauer des Parkplatzes. Der Rüde erkundet seine Umgebung. Erst mit Blicken, dann mit zaghaften Schritten.

Er wird hier nicht verdursten. Er wird Wasser finden und Futter. Vorsichtig wagt er sich hinter dem Auto hervor und schaut sich um. Überall Steine, kein Grashalm. Er wittert Wasser und traut sich ein Stückchen weiter.

In der Mitte des Parkplatzes steht eine Trinksäule. Das steinerne Becken ist zu hoch und von der Sonne ausgetrocknet. Der Rüde schnuppert, sucht, schnuppert wieder. Hoffnungslos. Hier gibt es zwar Wasser, aber nicht jetzt und nicht für ihn.

Seine Schwester kauert noch immer an der Mauer. Mit wedelndem Schwanz versucht er, sie zu animieren, ihm zu folgen. Sie hat Angst. Die Furcht vor dem Ungewissen ist größer als Hitze, Durst und Hunger. Ihr Bruder wird wiederkommen. Schon auf dem Hof war immer er es, der alles ausgekundschaftet hat und dann zu ihr zurückkam. Sie rührt sich nicht vom Fleck.

Der Rüde betritt die Straße. Eine schmale Sackgasse. Rechts führt sie hinunter zum Meer. Er kann es wittern. Das Wasser ist weit weg. Links geht es bergauf. Der Rüde sieht eine schwere Eisenkette, dahinter öffnet sich ein Platz. Oben Stein, unten Wasser. Er setzt sich in die Einfahrt des Parkplatzes.

Ein Wagen kommt die Straße herauf. Der Fahrer sieht den jungen Hund, der ihm den Weg auf den Parkplatz versperrt, hupt. Vom unerwarteten Geräusch erschrocken, sucht die Hündin zitternd Deckung unter einem parkenden Auto. Der Rüde macht einen Satz und hetzt den Berg hinauf in Richtung Altstadtplatz.

Auch auf dem Platz nichts als sengende Hitze. Zwei Bars, beide geschlossen. Im Juli am Mittag halten die Einheimischen zu Hause Siesta. Die Touristen vergnügen sich am Meer. Niemand verbringt diese Zeit auf brütend heißen Steinplätzen.

Rechts sieht der Rüde ein Fleckchen vergilbten Unkrauts. Die Streben des Tores davor stehen so weit auseinander, dass er hindurchschlüpfen kann. Zwei schläfrige Katzen blinzeln ihn an. Zum Aufstehen ist es zu heiß.

Der Rüde schnuppert und schnüffelt. Er entdeckt zwei Hühnerknochen, die jemand für die streunenden Katzen hinter das Gitter geworfen hat. Gierig verschlingt er den köstlichen Fund. Die welken Halme sind warm und weich. Der kleine Hund rollt sich im Schatten zusammen und schläft ein.

Der Nachmittag schreitet voran. Die Hitze lässt nach. Eine leichte Brise weht vom Meer. Die ersten Fensterläden werden geöffnet. Das Leben kehrt zurück in die Altstadt. Die verschreckte Hündin sitzt noch immer unter dem Auto und wartet auf ihren Bruder. Was Zeit ist, weiß sie nicht, aber sie spürt, dass er schon lange fort ist. Ohne ihn ist sie verloren, noch furchtsamer als sonst. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtet sie, was auf dem Parkplatz geschieht.

Rund um die Trinksäule wilde Katzen. Streuner. Erst drei, dann zehn und immer mehr, bis sich eine etwa dreißig- bis vierzigköpfige Gruppe zusammengefunden hat. Dreifarbige Glückskatzen, grau getigerte Kater, schwarze, rote, kleine, große – alle friedlich, alle in Erwartung der Person, die ihnen das Überleben ermöglicht.

Donna Antonia fährt auf den Parkplatz. Die Katzen weichen ihrem Auto aus. Kaum haben sie das vertraute Geräusch der Handbremse gehört, rotten sie sich zusammen und nähern sich mit erhobenen Köpfen. Die Schwänze aufgerichtet wie U-Boot-Periskope.

Zweimal am Tag absolviert Donna Antonia ihre Runde durch das kleine Städtchen. Zweimal am Tag hält sie mit ihrem zerbeulten Wagen an drei verschiedenen Stellen – eine davon ist der Parkplatz unterhalb des Centro Storico – und füttert die frei lebenden Katzen. Sie versorgt die Tiere mit Nahrung und Wasser. Sie spricht mit ihnen. Wenn sie bemerkt, dass es einem ihrer Schützlinge nicht gutgeht, beobachtet sie noch genauer als sonst und bringt die Katze – wenn nötig und möglich – zum Tierarzt.

Donna Antonia füllt mitgebrachte Näpfe an der Trinksäule mit Wasser und öffnet den Beutel mit Trockenfutter. Unter dem Auto leckt sich die kleine Hündin ihre trockenen Lefzen. Wasser! Sie wittert Wasser. Ein zweiter Geruch steigt in ihre feine Nase. Es ist etwas Essbares, aber sie kennt es nicht. Für die Katzen auf dem Hof gab es kein Trockenfutter. Mäuse, Eidechsen, Vögel und ein Lager im Stroh.

Donna Antonia stellt die Näpfe rings um die Trinksäule. Wasser und Futter in Hülle und Fülle. Die Katzen versammeln sich und fressen. Ganz ruhig, ohne Hast und Gier. Sie brauchen nicht hetzen. Die Rangordnung ist festgelegt, zuerst die Starken, dann die Schwachen und am Schluss die Jungen.

Sie wissen, dass Donna Antonia nachfüllen wird, wenn ein Napf leer ist.

Die kleine Hündin gähnt. Ein leises, quietschendes Gähnen. Es hat nichts mit Langeweile oder Müdigkeit zu tun. Sie ist nervös und braucht ein Ventil für ihre Anspannung. Deswegen gähnt sie. Ein Teil der Katzen hört das Quietschen. Sofort wenden sie sich in die Richtung, aus der sie das Geräusch wahrgenommen haben. Sie buckeln und stellen das Nackenfell zur Bürste.

Untereinander sind sie friedlich, aber Eindringlinge haben keine Chance.

Die kleine Hündin versteht. Sie krabbelt noch ein Stückchen weiter unter das Auto.

Endlich sind alle Katzen satt, sitzen oder liegen auf ihren Stammplätzen und putzen sich. Donna Antonia leert die Wassernäpfe und stellt sie in ihren Kofferraum. Die Stadtverwaltung erlaubt ihr, die streunenden Katzen zu versorgen, aber Spuren darf sie nicht hinterlassen. Touristen wollen keine Plastikschüsseln auf Altstadtplätzen.

Das Wasser versickert an der Trinksäule. Die Hündin nimmt all ihren Mut zusammen und verlässt ihr Versteck. Vorsichtig nähert sie sich Donna Antonia. Wer so gut zu Katzen ist, wird auch ein Herz für junge, durstige Hunde haben.

Donna Antonia hasst Hunde – auch junge, auch durstige. Hunde erschrecken ihre Lieblinge, Hunde bellen und beißen. Die kleine Hündin hat es fast bis zur Trinksäule geschafft. Die Rute zwischen den Hinterläufen eingeklemmt, das Köpfchen gesenkt, den Blick von unten nach oben gerichtet. Die Demutsgesten helfen ihr nicht. Donna Antonia sieht sie, und sie sieht zwei junge Katzen fauchend zur Seite springen.

«Verschwinde! Was hast du hier zu suchen? Hier gibt es nichts für dich!» Sie klatscht laut in die Hände und bewegt sich mit aggressiv stampfenden Schritten auf die kleine Hündin zu.

Das entsetzte Tier flieht, verkriecht sich wieder unter dem Auto und kneift die Augen fest zusammen. Wer nicht sieht, kann nicht gesehen werden.

2

Ein Leben ohne Hund ist ein Irrtum.

Carl Zuckmayer

Die Zeit klebt in der Luft, vergeht, zäh und langsam. Es dämmert. Bald wird es dunkel sein. Donna Antonia ist fort. Die meisten Katzen auch. Die kleine Hündin hat ihr Versteck noch nicht verlassen. Fenster werden geöffnet, Türen. Menschen betreten die Straße, den Parkplatz. Fremde, bedrohliche Geräusche nähern sich. Autos und Motorräder werden abgestellt. Es stinkt nach Benzin.

Kinder spielen, laufen, lachen, möchten ein Eis, quengeln. Der Welpe unter dem Auto hat Hunger, unerträglichen Durst und Angst. Immer wieder knallen Raketen. Ihr Bruder ist nicht wieder aufgetaucht. Alles ist fremd. Furcht erregend.

Plötzlich neben dem Auto ein Duft, der die Schrecken überlagert. Mild, weich, frisch. Die kleine Hündin kann nicht anders. Sie streckt die Nase nach vorne. Sie sieht Schuhe und den Saum eines langen, weiten Rockes. Die Hundenase bebt. Seife, Creme und – Katze! Nicht Streuner, gepflegte Katze. Katzengeruch, wie ihn die kleine Hündin vom Hof, aus dem Stroh kennt. Dort hat sie mit jungen Kätzchen gespielt.

Der vertraute Geruch lockt. Zwei, drei, vier mutige Schritte. Die kleine Hündin sitzt statt unter dem Auto unter einem fast bodenlangen Rock. Wie in einem Zelt, einem wohlriechenden Zelt. Sie schaut sich um. Zwei Füße, die in Wildlederstiefeln stecken. Sie hebt den Kopf. Was sie entdeckt, lässt sie für einen Moment Angst, Hunger und Durst vergessen. Die Stiefel haben Fransen. Fransen sind etwas sehr Interessantes. Wenn man sie leicht mit der Nase anstupst, bewegen sie sich. Die Füße bewegen sich nicht. Von oben, weit oberhalb der Füße, dringt eine angenehme Stimme in das Rockzelt. Eine Frauenstimme. Was sonst? In süditalienischen Kleinstädten tragen Männer keine bodenlangen Zeltröcke.

Die Stimme spricht Italienisch. Aber was für eins. Die kleine Hündin hat so ein Italienisch noch nie gehört. Sie versteht alles, aber alles ist irgendwie falsch.

«Schönes Abend, heute», sagt die Stimme und: «danke die Frage, geht mir gut. Ich habe viel gearbeitet in Garten, obwohl so heiß.» Die kleine Hündin spitzt die Ohren. Was für ein Kauderwelsch. Sie wendet sich wieder den Fransen zu. Diesmal nicht mit der Nase. Diesmal mit einer Pfote – sehr zart, sehr vorsichtig, aber nicht zart und vorsichtig genug. Die Kauderwelsch-Frau bemerkt den Stups, lüpft den Rock und tritt einen Schritt zurück.

«Ja, wo kommst du denn her? Was machst du denn da unter meinem Rock?»

Sie beugt sich leicht nach vorne, spricht leise, ganz sanft. Die kleine Hündin empfindet die Situation dennoch als äußerst bedrohlich. An Flucht ist nicht zu denken. Überall Motorräder und Menschenbeine. Das Einzige, was hilft, ist: TOTALE UNSICHTBARKEIT! Sie kneift die Augen erneut zusammen und wendet den Kopf ab. Das mit der Unsichtbarkeit klappt nicht. Die Frau spricht noch immer mit ihr. Und dann – Schreck lass nach!

Geht sie in die Hocke und streckt ihre Hände aus. Menschenhände!

Menschenhände haben das Tier vor wenigen Stunden brutal von der Mutter gerissen, grob in einen Kofferraum befördert und noch gröber auf die Pflastersteine dieses Parkplatzes geworfen. Die kleine Hündin hat keinerlei Bedarf an Menschenhänden. Sie duckt sich, macht sich so klein wie möglich.

«Hey, Hundebaby, vor mir brauchst du dich nicht zu fürchten. Ich tue dir ganz sicher nichts Böses.» Wieder ist die Stimme zart und sanft – fast ein Flüstern.

Vielleicht lohnt es sich, ein Auge halb zu öffnen …

Es lohnt sich. Das halbgeöffnete Hundeauge sieht ein freundliches Gesicht, eine Brille, einen blonden Pferdeschwanz. Wenn da nur nicht diese Zupacke-Hände wären. Kurze Fingernägel, Goldringe, aber eben Menschenhände.

«Komm her zu mir. Hör auf zu zittern. Komm, kleiner Mann, ich tue dir wirklich nichts.»

Die Frau flüstert Deutsch. Die kleine Hündin weiß nicht, dass es Deutsch ist. Aber wie jedes Jungtier und Menschenkind trägt sie alle Sprachen dieser Erde in sich und ahnt, was sie nicht versteht. Hier droht keine Gefahr. Sie öffnet beide Augen. Die Frau bietet ihre Hand zum Schnuppern.

Seife, Creme, Katze und ein bisschen Zwiebel, aber vor allem eine Geste der Freundschaft.

Die kleine Hündin lässt sich den Kopf streicheln, hinter den Ohren kraulen. Und dann geschieht es. Mit festem Griff packt die Frau den Welpen und hebt das überraschte Tier hoch. Die kleine Hündin windet sich, strampelt und schlägt verzweifelt den Kopf hin und her. Es hilft nichts, die Frau hat sie fest im Griff. Sie drückt den Welpen an sich und flüstert unaufhörlich. Leise, schnelle Worte. Sie verspricht Fressen, Wasser, Liebe, Fürsorge, erzählt von einem Garten mit Bäumen, in deren Schatten man auch die größte Sommerhitze gut aushält.

Doch so schön die Worte auch klingen, die kleine Hündin will sie nicht hören. Sie will nicht auf diesem Arm sein. Sie will nicht von Menschenhänden gepackt und festgehalten werden. Sie will zu ihrer Mutter. Sie will zu ihrem Bruder.

Die Frau erweist sich als sanft, aber unbeirrbar. Zielstrebig verlässt sie den Parkplatz und wendet sich nach links, Richtung Altstadt.

Es ist dunkel geworden. Die beiden Bars des Centro Storico haben geöffnet. Menschen und Lichter, wohin man schaut. Auf den Tischen brennen Kerzen. Junge Mädchen in dünnen Sommerkleidern kichern und schütteln ihre Locken, wenn junge Männer mit gegeltem Schopf und coolem Gang vorbeikommen.

Inmitten des Trubels bahnt sich die Frau mit der kleinen Hündin auf dem Arm quer über den Platz ihren Weg. Sie schaut nicht links, sie schaut nicht rechts. Sie möchte nur fort von den vielen Menschen. Sie möchte ihren Findling nach Hause und in Sicherheit bringen. Die kleine Hündin hat den Widerstand aufgegeben. Müde von der Aufregung des Tages, geschwächt durch Hunger und Durst, lässt sie sich durch das abendliche Gewirr tragen. Einmal quer über den ganzen Platz. Vorbei an den beiden Bars, vorbei an dem Fleckchen vergilbten Unkrauts, auf dem ihr Bruder den Nachmittag verschlafen hat. Auf der Suche nach Wasser und Futter ist er mittlerweile in einen unterirdischen Gang geraten, versucht, die Orientierung nicht zu verlieren. Aber das weiß die kleine Hündin nicht.

3

Wenn du einen verhungernden Hund aufliest und machst ihn satt, dann wird er dich nicht beißen. Das ist der Unterschied zwischen Hund und Mensch.

Mark Twain

Zwei halbwüchsige Mädchen sehen die Frau und laufen ihr nach.

«Mia! Was hast du denn da auf dem Arm?» Mia zeigt ihnen die kleine Hündin.

«Eben gefunden habe ich.» Erklärt sie in ihrem holperigen Italienisch. Die Mädchen sind begeistert.

«Wie heißt er denn?»

«Ich weiß es noch nicht. Erst mal genau anschauen, dann Namen geben.»

Mia setzt ihren Weg fort. Sie hält die kleine Hündin noch immer fest auf dem rechten Arm. Mit der linken Hand sperrt sie ein eisernes Törchen auf, schließt es hinter sich wieder ab und trägt das Tier unter einer Weinpergola eine Treppe hinauf. Die Treppe mündet in einer rosafarben gefliesten Terrasse. An allen Seiten stehen große und kleine Pflanzkübel aus Terracotta. Bunte Geranien, Plumbago, ein Olivenbäumchen, Oleander, kleine Palmen, dazwischen Basilikum, Peperoncini, Minze und Salbei.

Die kleine Hündin sitzt auf den Fliesen und atmet die vertrauten Düfte ein. Sie schaut sich um. Am hinteren Ende der Terrasse sieht sie Gras – ein Garten. Dort gedeihen Obstbäume, Feigen, Susinen, Aprikosen, Zitrusfrüchte und ein Rosmarinstrauch so hoch wie der Mandarinenbaum, der danebensteht. Rosmarin – der Duft des Würzkrautes weckt die Erinnerung an glückliche Tage. Auf dem Hof gab es die Reste von Ofenkartoffeln mit Rosmarin und manchmal sogar einen gebratenen Knochen, an dem noch ein paar Nadeln hafteten. Bei dergleichen Köstlichkeiten war es ratsam, sehr schnell zu sein, sonst schnappte ihr Bruder alles vor der Nase weg. Beim Essen kannte er keine Geschwisterliebe.

Mia geht in die Hocke.

«Ich hole dir etwas zu fressen, und dann überlegen wir uns einen Namen für dich.»

Die kleine Hündin sieht ihr nach. Sie fiept leise. Essen klingt gut, aber noch wichtiger wäre jetzt gerade ein ruhiges Plätzchen. Sie sieht sich um. Unter dem Zitronenbaum steht ein Tisch. Der würde Sichtschutz bieten. Aber kann man einfach so unter einen Tisch … nein, lieber nicht. Sie erinnert sich an den Tritt, den sie deswegen vor einigen Wochen auf dem Hof bekommen hat.

Das Beet hinter dem Tisch bietet sich an. Die kleine Hündin läuft über die Terrasse und hockt sich hinter den Zitronenbaum.

Mia kommt aus dem Haus. Sie kümmert sich seit Jahren um Findeltiere und ist bestens ausgestattet mit allem, was benötigt wird. Katzenmilch und Pipetten für Waisentiere, Entwurmungspaste, Hundeshampoo, Antiparasitenpuder und natürlich Fressgeschirr in allen Größen. Sie stellt zwei Näpfe neben die Treppe, gefüllt mit Wasser und Futter.

«Komm, kleiner Mann! Hier ist dein Fressplatz.» Das Futter verschwindet wie mit dem Staubsauger aufgesogen. Danach ein ordentlicher Schluck Wasser. Aus dem prallgefüllten Welpenbauch dringt hörbares Gurgeln. Es entlädt sich in einem kräftigen Rülpser. Die kleine Hündin springt erschrocken zur Seite.

Mia lacht. Sie sitzt am Tisch und hat das ausgehungerte Tier beobachtet.

«So ein kleiner Hund, und so ein lautes Bäuerchen! Da kann man sich ganz schön erschrecken.» Sie nimmt die kleine Hündin auf den Schoß.

«Jetzt schauen wir mal, ob du Flöhe im Fell und Mitbewohner in deinen Ohren hast. Dann geht’s auf die Waage, und ein Rendezvous mit Kamm und Bürste würde dir auch nicht schaden.» Sie schiebt ihre Brille zurecht und beginnt am Kopf mit der Inspektion. Die kleine Hündin ist satt und müde. Solange Mias Gefummel nicht schlimmer wird, lässt es sich gut aushalten. Wahrscheinlich kann sie sogar dabei schlafen.

«Lass mich einen Moment nach deinen Augen schauen, bevor du eindöst.» Mia hat einen Wattebausch mit abgekochtem Wasser getränkt und reinigt die Augen vorsichtig von außen nach innen. Die kleine Hündin hält ganz still. Die warme Feuchtigkeit tut gut und löst die Verkrustungen in den Augenwinkeln.

«Das Näschen ist sauber», stellt Mia nach einem Kontrollblick fest und zieht die Lefzen an den Seiten hoch.

«Und so blitzweiße Zähne; feiner Hund. Jetzt noch die Öhrchen.» Sie klappt ein Ohr nach oben. Die kleine Hündin hasst es, wenn man ihre Ohren berührt, und unternimmt einen Fluchtversuch vom Schoß. Aber Mia ist schneller und routiniert.

«Hiergeblieben! Wir sind noch nicht fertig», lautet das Kommando, bevor sie mit einem frischen Wattebausch das Ohr reinigt.

«Das sind Milben. Keine Sorge, die werden wir schon los.» Ein zweiter Wattebausch kitzelt im anderen Hundeohr.

«Und da ist auch schon der erste Floh – und wo einer ist, sind Hunderte.» Mia fängt den winzigen Parasiten und knackt ihn zwischen den Nägeln von Daumen und Zeigefinger. Mit einem Griff dreht sie die kleine Hündin auf den Rücken, nimmt ein Plastikfläschchen vom Tisch und bestäubt den Hundebauch mit weißem Puder.

Die erzwungene Rückenlage missfällt dem Tier, aber Mia ist noch nicht fertig mit der Untersuchung. Sie betrachtet das Geschlecht.

«Du bist ja ein Mädchen! Ein kleines Hundemädchen – so was! Und ich dachte, du wärst ein Junge.»

Junge, Mädchen, Mädchen, Junge, die kleine Hündin will unter keinen Umständen länger auf dem Rücken liegen und zappelt so lange, bis ihr eine Drehung gelingt. Das Ergebnis ist Flohpuder überall. Mia greift zur Bürste und verteilt das weiße Pulver gleichmäßig im Fell.

«Das killt sie, die Monster, die dein Blut saugen und ihre Eier in dein Fell legen.»

Die Bürste fährt sanft und fest über Stirn, Rücken und Flanken. Die kleine Hündin schließt wieder die Augen. Was kann es Schöneres geben als einen gefüllten Bauch und eine Massage wie diese. Wie wunderbar könnte man einschlafen, wenn Mia nur endlich Ruhe geben würde, aber das tut sie nicht.

«Jetzt zeige ich dir noch, wo du dein Geschäft erledigen kannst, dann darfst du in dein Körbchen.» Sie trägt die kleine Hündin in die hinterste Ecke des Gartens. Dort wächst wenig Gras. Die Bäume stehen dicht an dicht. Das Blattwerk lässt kaum Licht auf den Boden.

Die kleine Hündin beschnuppert Bäume und Boden. Die Sonne hat die meisten Gerüche von der ausgetrockneten Erde gebrannt. Trotzdem erkennt die feine Hundenase verschiedene Katzen- und ein paar Hundemarkierungen. Ein Katergeruch überlagert alle anderen, der Hund ist nur noch ganz schwach zu wittern. Die kleine Hündin findet einen geeigneten Platz, hockt sich hin und löst sich. Mias Lob ist überschwänglich.

«So ein braves Mädchen! Ganz toll hast du das gemacht. Kluger kleiner Hund.» Sie zieht eine braune Plastiktüte aus der Rocktasche und nimmt das Häufchen auf. Die kleine Hündin guckt verdutzt – was soll sie jetzt verscharren?

«So, Kleine, komm mit mir, jetzt kannst du in dein Körbchen und dich richtig ausschlafen.» Mia geht vor, die kleine Hündin folgt ihr. Das Gras ist weich, der Rosmarin duftet. Die kleine Hündin ist so müde, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Sie kriecht unter den Rosmarin, rollt sich zusammen und schließt die Augen. Und schon wieder wird sie in die Luft gehoben.

«Du schläfst doch nicht hier draußen! Ich habe dir im Haus ein schönes Plätzchen hergerichtet.» Das Hündchen ist so erschöpft, dass es sich überall hinlegen würde, Hauptsache, hinlegen – und schlafen. Ohne einen Mucks lässt es sich ins Haus tragen, streckt im Körbchen alle viere von sich und schläft sofort ein.

Mia setzt sich neben den alten Hundekorb und streicht der kleinen Hündin sanft über den Nasenrücken.

«In diesem Korb hat dein Vorgänger fast 16 Jahre seinen Lieblingsplatz gehabt. Wie schön, dass es dir darin gefällt.» Mia betrachtet den schlafenden Welpen. Sie denkt an den alten Hund, den sie vor zwei Jahren im Garten begraben hat. Bozo hieß er. Apropos Bozo – die kleine Hündin hat noch keinen Namen. Mia lächelt. Sie weiß, wie sie heißen wird. Bonny! Bonny ist kurz, Bonny lässt sich gut rufen. Bonny fängt mit «B» an wie Bozo und:

Bonny heißt die Heldin des Buches, das sie gerade gelesen hat.

Mia geht zu Bett und löscht das Licht. Sie ist glücklich. Endlich wieder ein Hund im Haus. Und so ein hübsches, kleines Mädchen, das sie da gefunden hat. Ein Sechser im Lotto, denkt sie. Für Bonny und für mich. Dann schläft sie ein.

Mia schläft fest. Sie hört nicht, dass Bonny mitten in der Nacht aus ihrem Körbchen kugelt.

Sie hört nicht, dass Bonny dabei zweimal umfällt, es schließlich bis zur Haustür schafft und daran kratzt. Sie hört auch das leise Fiepen nicht.

Am nächsten Morgen sieht sie die Pfütze im Flur. Bonny hat sich unter den Couchtisch verkrochen. Aus der Deckung beobachtet sie Mias Reaktion und stellt überrascht fest, dass es keinen Ärger gibt. Mia holt Eimer und Lappen, wischt kurz über den Steinboden und öffnet die Haustür.

«Nichts passiert, Bonny. Meine Schuld, ich habe dich nicht gehört.» Sie nimmt Bonny auf den Arm und trägt sie wieder in die hinterste Ecke des Gartens. Bonny versteht. Hier soll sie sich lösen. Sie schnuppert, dreht sich zweimal im Kreis, schnuppert noch einmal und tut, was von ihr erwartet wird. Mia lobt und geht wieder ins Haus. Bonny folgt ihr und wird mit einem vollen Napf zum Frühstück belohnt.

Paradiesische Zustände für einen Welpen, der vor weniger als 24 Stunden noch auf der Straße ausgesetzt war. Aber Bonny ist unruhig. Immer wieder läuft sie vom Haus auf die Terrasse, zum Törchen und schaut in Richtung Altstadt.

«Was suchst du denn?», fragt Mia. «Du kannst dort nicht hin. Erst einmal müssen wir dich hier an alles gewöhnen und zu Leone gehen. Du wirst gründlich untersucht und geimpft. Dann bekommst du eine Leine, und dann gehen wir spazieren und auf den Platz zum Spielen.»

Bonny schaut sie aus ihren rehbraunen Augen an.

4

Natürlich kann man ohne Hund leben – es lohnt sich nur nicht.

Heinz Rühmann

Das Leben auf dem Altstadtplatz folgt festen Regeln, und diese Regeln folgen dem Stand der Sonne. Giuseppe öffnet die «Bar Grande» jeden Morgen um 7.00 Uhr.

Samstags kommt er erst um 8.00 Uhr, und Sonntag hat er im Hochsommer tagsüber geschlossen.

Sonntagvormittag schlafen die Jugendlichen das Bier vom Samstagabend aus, die älteren Einheimischen haben Familientag, die Touristen flanieren über die Promenade oder liegen am Meer. Und außerdem braucht Giuseppe auch mal ein paar Stunden für sich. Sonst frisst die Bar ihn auf.

Er hat das Etablissement vor drei Jahren übernommen und mit viel Liebe und Engagement aus einer schmuddeligen Pinte einen adretten Treffpunkt für Jung und Alt gemacht. Die Ersten, die jeden Morgen Café bei ihm trinken, sind die Angestellten der Stadtverwaltung. Unter anderem deswegen sperrt Giuseppe jeden Morgen – außer Samstag – die beiden Türen aus Sicherheitsglas so früh auf.

Toni, der Betreiber der anderen Bar, neben der Kathedrale, kommt erst später. Er weiß, dass die Frühaufsteher der Stadtverwaltung ohnehin nur die «Bar Grande» frequentieren. Niemals würden sie die 20 Meter hin- und 20 Meter zurückgehen, die Tonis Bar weiter von ihren Büros entfernt ist. Für Giuseppe und Toni ist das kein Problem. Neun Monate im Jahr konkurrieren sie nicht miteinander. Nur in der Saison, wenn die Touristen kommen, schaut der eine schon mal, wie viel Gäste der andere hat.

Besonders beliebt sind Besucher aus Skandinavien. Finnen, Norweger, Schweden und Dänen. Sie trinken bereits am Vormittag Wein, Prosecco und Bier. Manchmal sogar Schnaps. Seit kurzem kommen auch Russen. Sie konsumieren Wodka, viel Wodka. Das ist gut für die Kasse. Ein Café kostet kaum einen Euro, und Giuseppe muss von Oktober bis Juni viel Café verkaufen, um seine Angestellten bezahlen zu können und selbst noch etwas Geld übrig zu behalten. Giuseppe hat ein gutes Herz. Deswegen beschäftigt er in der Saison Aushilfen, die es nicht leicht haben, Arbeit zu finden. Egidio – er geht noch zur Schule, möchte Koch werden und singt im Kirchenchor. Egidio hat eine außergewöhnliche Stimme. Keiner singt das Falsett so hoch und klar wie er. Seit sein Vater die Arbeit verloren hat, hilft Egidio seiner Mutter, wo er kann. Sie versucht, die Familie mit Putzen zu ernähren, aber ohne das, was Egidio in der «Bar Grande» verdient, reicht es vorne und hinten nicht. Oder die zierliche Ava. Sie kommt aus Rumänien, hat eine kleine Tochter und einen Mann, der trinkt. Als er eines Morgens betrunken auf dem Bau erschienen ist, hat der Polier ihn gefeuert. Trunkenbolde auf dem Gerüst – da zahlt keine Versicherung.

Juli, August und September sind die fetten Monate, die Zeit, in der es im wahrsten Sinne des Wortes heißt: Heu machen, solange die Sonne scheint. Egidio und Ava wissen das und sind ihrem Chef sehr dankbar.

Giuseppe kann viel und hat in seinem Leben schon viele Berufe gehabt. Er hat Küchen und Einbauten in Privatbooten geschreinert. Er hatte ein Stück Strand gepachtet, mit Kiosk und Liegestühlen. Giuseppe ist geschickt, an allem interessiert. Er war der Erste auf dem Platz, der verschiedene Tonnen für Glas, Aludosen und Plastik aufgestellt hat. Er lernt gerne und schnell. Für die Touristen hat er sein mageres Schulenglisch aufgefrischt, und jetzt steht sogar eine Tafel mit einer russischen Karte auf den Stufen zur Bar.

Montagmorgen fällt ihm das Aufstehen besonders schwer. Den ganzen Sonntag hat er mit den Kindern verbracht. Doriano ist drei, sein Bruder Gianni ein halbes Jahr alt. Er liebt die Jungen, aber sie sind anstrengend. Manchmal wünscht sich Giuseppe eine kleine Hütte, so wie sie außerhalb des Städtchens in den Hügeln liegen. Nichts Spektakuläres, nur ein Zimmer mit Bett, Tisch und Kochgelegenheit. Giuseppe ist bescheiden. Er braucht nicht einmal fließend Wasser, eine Pumpe vor der Hütte und ein Toilettenhäuschen würden ihm reichen. Die Hirten haben früher auch nicht mehr gehabt und sind bestens zurechtgekommen.

Giuseppe liebt auch sein Zuhause. Er hat es selbst gebaut. Mit einem modernen Bad, Digitalfernsehen und Einbauküche. Er möchte nicht in einer Hütte leben. Er möchte sie nur besitzen, um einen Ort zu haben, an den er sich von Zeit zu Zeit zurückziehen kann. Wenn die Stadtangestellten, die Touristen und die Kinder – wenn ihm die Turbulenz seines Lebens zu laut und zu viel wird, dann hätte er gerne solch eine Hütte.

Leider verkauft er nicht genug Unter-Ein-Euro-Café. Deswegen sind die Montage am Morgen immer so schrecklich. Denn den ganzen Sonntag fordern ihn Doriano und Gianni, am Abend öffnet er dann die Bar, bedient er Skandinavier und Russen, bis sie von den Stühlen kippen – und das ist im Hochsommer meist erst in den frühen Morgenstunden. Skandinavier und Russen trinken nicht nur viel, sie vertragen auch viel.

Dieser dritte Montag im Juli hat angefangen, wie die Montage im Juli und August anfangen. Die letzten Trunkenbolde haben die Nacht von Sonntag auf Montag zum Tag gemacht. Erst um 4.00 Uhr in der Früh sind sie nach Hause gewankt. Giuseppe hat die Gläser in die Spülmaschine geräumt, den Kühlschrank nachgefüllt, die Aschenbecher geleert, Waschbecken und Toilette geputzt, den Boden erst gefegt und dann gewischt. Er hat die Stühle vor der Bar gestapelt und angekettet – so werden sie nicht geklaut und stehen den netturbini, den Straßenreinigern, nicht im Weg –, dann ist er mit seiner Vespa nach Hause gefahren.

Um 5.30 Uhr stellt Giuseppe die Vespa im Vorgarten auf dem Weg ab. Die Vögel im Olivenbaum zwitschern. Aus dem Wohnzimmerfenster dringt gedämpftes Licht. Marta stillt Gianni. Giuseppe ist müde. Er streicht sich die Haare aus der Stirn. Gleich wird Marta ihm das Baby auf den Arm geben, damit er dem Kleinen ein Bäuerchen entlockt. Giuseppe wird Gianni wickeln, dann wird er duschen, den ersten der gefühlten 150 Cafés des Tages mit Marta trinken und sich wieder auf seine Vespa setzen. Um 7.00 Uhr stehen die Stadtangestellten vor den Glastüren.

 

Er sieht es schon von weitem. Vor der rechten Glastür liegt etwas auf der Fußmatte. Die Fußmatte ist ein beliebter Katzenplatz. Die Streuner der Nacht dösen dort gerne in der Frühmorgensonne. Sie wissen, wie tierlieb Giuseppe ist, dass er immer ein Schälchen mit Milch, manchmal sogar mit Dosenfutter für sie hat.

Doch das, was da auf der Fußmatte liegt, ist größer als eine Katze. Giuseppe klemmt seine Sonnenbrille auf den Kopf und kneift die Augen zusammen.

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Keine Beleidigung würde mich so treffen wie ein misstrauischer Blick von einem meiner Hunde.

James Gardner

Bonny liegt auf der Terrasse und rekelt sich in der Sonne. Ein leuchtender Zitronenfalter flattert an ihr vorbei und tanzt über den hellblauen Blüten des Plumbago. Auf einem der Zitronenbäume sitzt ein großer schwarzer Kater und betrachtet die kleine Hündin mit skeptischer Neugierde.