An der Schattenseite des Lebens - Hubert Pöschl - E-Book

An der Schattenseite des Lebens E-Book

Hubert Pöschl

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Beschreibung

Der Autor beschreibt in 28 Erzählungen teils tragischer, teils humoristischer Natur die dunkelsten Jahre des 20. Jahrhunderts. Die in sehr lebendiger Sprache geschilderten Menschen und Ereignisse stehen für das tragische Schicksal vieler im Schatten eines mörderischen und menschenverachtenden Krieges. Das Besondere dieses Buches ist, dass es aus der Perspektive eines Kindes geschrieben ist. Es beschreibt die Ereignisse aus der Sicht eines in diesen Wirren der Kriegs- und Nachkriegsjahre aufwachsenden Bauernbuben. Das teils tragische Schicksal seiner Familie wird durch den bedrohlichen Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und der entbehrungsreichen Nachkriegsjahre noch verstärkt. Die menschliche Tragödie der Mutter und der langsame und unaufhaltsame Niedergang einer einst angesehenen und geachteten Bauernfamilie im südlichen Niederösterreich, die Flucht einer Gruppe von Frauen und Kindern über Salzburg und Innsbruck ins Nordtiroler Lechtal wird immer wieder von humorvoll erzählten Erlebnissen kontrastiert. Damit legt der Autor auch Zeugnis dafür ab, dass - vor allem aus kindlicher Sicht - selbst in der dunkelsten Zeit des vorigen Jahrhunderts auch helle, freudige und humorvolle Erlebnisse möglich waren und eine Brücke in eine bessere Zeit aufbauen konnten.

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Seitenzahl: 174

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Meinen Großeltern, Emma und Emil Holub, in Dankbarkeit gewidmet

… Wir sind nur Staub

Der Menschen Tage in wie Gras

Er blüht wie die Blume des Feldes.

Fährt der Wind darüber, ist sie dahin;

Der Ort, wo sie stand, weiß von ihr nichts mehr.

Doch die Huld des Herrn währt immer

Und ewig für alle,

die ihn fürchten und ehren …

Psalm 103, Vers 4 - 17

…. „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.“

Johannes, 8. Kapitel, Vers 7

Inhalt

Vorwort

Der Schritt ins Dunkel

Mein Auszug aus Ägypten

Im Gelobten Land

Erste Freunde

Das Kasperltheater

Die Front rückt näher

Im Visier des Todes

Der Apfelstrudel

Ein unvergesslicher Alptraum

Die Mutprobe

Dem Tod in den Arm gefallen

Stutzi

Auf der Flucht

Ein wahrer Dorfskandal

Frostige Tage

Sergej, ein freundlicher Feind

Neuigkeiten aus der Stadt

Großmutters Berater wird Bundespräsident

Advent 1945

Roserl, der Weihnachtsbraten

Weihnachten – „Glaube an Österreich”

Neubeginn

Bekanntschaft mit Herrn Alkohol

Ein Tag wie jeder andere

Die liebe Familie

Ein denkwürdiger Silvesterabend

Ausbruchsversuche

Die Entscheidung

Vorwort

Das vorliegende Buch mit seinen 28 in chronologischer Reihenfolge angeordneten Erzählungen bildet den ersten Teil meines Lebensberichtes, in dem ich meine bis heute noch überaus intensiven Erinnerungen an meine harte Kindheit wahrheitsgetreu verarbeitet habe. Diese Erzählungen, teils tragischer, teils humoristischer Natur, berichten nicht nur über meine schwere Kindheit vor dem bedrohlichen Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und der entbehrungsreichen Nachkriegsjahre, sondern geben auch Zeugnis von der menschlichen Tragödie meiner Mutter und dem langsamen und unaufhaltsamen Niedergang und Verfall einer einst geachteten Bauernfamilie. Zugleich spiegelt dieses Buch die bewegte Vergangenheit meiner Heimatstadt Gloggnitz in den dunkelsten Jahren unseres Jahrhunderts wider. Darüber hinaus kommen den in diesem Buch geschilderten Menschen und Ereignissen allgemeingültige Bedeutung zu, denn es beschreibt Menschen und deren tragische Schicksale im Schatten eines mörderischen und menschenverachtenden Krieges.

Ich danke für die Unterstützung, die ich bei meinen zeit- und arbeitsaufwendigen Recherchen im Stadtarchiv Neunkirchen sowie im Österreichischen Staatsarchiv in Wien erhalten habe. Weiters bedanke ich mich für die Unterstützung durch die Raiffeisenkasse Gloggnitz und die Gemeinde Gloggnitz.

Dr. Hubert Pöschl

Der Schritt ins Dunkel

Aus dem Traum meiner Kindheit formen sich bruchstückhaft erste Erinnerungen: Auf dem Topf sitzen müssen. A-A machen müssen. Beschmieren der Küchenmöbel mit dem Inhalt des Topfes. Schläge und böse Worte von meiner Mutter.

Das Bild zerfließt und ein neues steigt empor aus dem Dunkel meiner frühesten Kindheit.

Ich erwache in einem engen, stickig heißen Zimmer. Fremder, beunruhigender Geruch umgibt mich. Ich bin allein, habe Angst und beginne zu weinen. Plötzlich steht im halbdunklen Raum mein Vater an meinem Bett. Seine starken Hände umfassen mich und heben mich empor. Seine beruhigenden Worte erfüllen mich mit einem Gefühl tiefer Geborgenheit...

Letzter Fronturlaub meines Vaters. Es ist Nacht. Stimmen reißen mich jäh aus tiefem Schlaf empor. Hände streicheln mich. Ich verspüre das Kratzen von Bartstoppeln im Gesicht, und in der Wärme und Zärtlichkeit zweier naher, liebender menschlicher Körper schlafe ich beruhigt weiter....

Einige Monate später. Wir Kinder spielen im Hof. Ein Fenster wird aufgestoßen, und das schmerzverzerrte Gesicht meiner zwanzigjährigen Mutter erscheint im Fensterrahmen. „Hubert! Dei Papa is g'foin!” schreit sie – immer wieder – gellend in die Weite des von hohen Mauern umgebenen Hofs. Zwei ältere Frauen versuchen, sie mit all ihrer Kraft – jedoch vergeblich – zurückzuhalten und ihre ins Fensterholz verkrallten Finger davon loszulösen. „Warum g'rod er? Warum er?” schleudert sie in hilflosem Schmerz und ohnmächtiger Wut der erschreckt im Spiel innehaltenden Kinderschar entgegen.

Die Eltern des Autors, Hilda und Klemens Pöschl Hochzeitsfoto aus dem Jahre 1936

Der Autor im zartesten Windelalter

Schließlich gelingt es ihrer pausenlos beruhigend auf sie einredenden Mutter, sie trotz heftiger Gegenwehr ins Dunkel des Raumes zurückzuziehen. Das Fenster wird geschlossen. Jetzt, da das Alptraumhafte der Situation wie ein unwirklicher Spuk vorbei ist, kommt wieder Leben in die kleinen verdutzten Zuhörer. „Host g'heat? Dei Papa is g'foin”, sagt eines der älteren Kinder zu mir. „Hm. - Spü ma weida”, sagt ein anderes. Und sie hetzen weiter durch den staubigen Hof, in dem ein vierjähriger Knirps allein zurückbleibt....

Draußen wird es dunkel. Meine Mutter sitzt am Küchentisch. Sie hat ihren Kopf in beide Hände vergraben und schluchzt. Eine Küchenuhr tickt unermüdlich in die unendliche Trauer der langsam verrinnenden Zeit. Ein Fahrrad liegt auf dem Küchenboden. Ich beginne das Hinterrad zu drehen und drehe weiter, weiter, immer weiter.... Manchmal wird das Schluchzen meiner Mutter zum Winseln; und ich drehe das Hinterrad weiter, weiter, immer weiter.... Draußen wird es Nacht....

Eines Tages kommt ein hochgewachsener, schlanker, alter Mann die Stiege unserer Kellerwohnung herab. Er hält einen Blumenstrauß in seiner Rechten und lächelt meiner Mutter zu. Ohne mich zu beachten, umarmt er sie zärtlich....

Die Mutter mit 21 Jahren

Josef Rath, der Stiefvater

Zehn Monate nach dem Tode meines Vaters in Russland heiratet meine Mutter diesen stets freundlich lächelnden Fremden, den alle Herr Rath nennen; manchmal auch den „Wilden Grafen” oder den „Herrn Baron”, wenn sie sich tuschelnd über ihn unterhalten und glauben, von mir nicht gehört zu werden. Am Hochzeitstag, es ist ein heißer Augusttag, stehe ich allein in unserer verlassenen Kellerwohnung. Das fröhliche Lärmen weniger Hochzeitsgäste ist aus einem Raum im ersten Stockwerk zu hören.

Herabbröckelnder Verputz, leere Flaschen und Gläser liegen an einer kahlen Wand unserer bereits geräumten Wohnung. Wieder ertönen lautes Lachen und Tanzmusik aus einem offenen Fenster im oberen Stockwerk. In meiner stummen Wut und einsamen Trauer zerschmettere ich langsam und voll Genuss ein Flasche nach der anderen und ein Glas nach dem anderen an der immer mehr zerkratzt aussehenden Wand unserer leeren Wohnung....

Nach der Hochzeit übersiedeln wir in einen außerhalb der Stadt gelegenen stattlichen Bauernhof; aber erst, nachdem eine ältere, dem Bauern jahrelang ergebene Haushälterin der über sie triumphierenden jungen Frau gewichen ist. Verbittert räumt die Ältere jenen Platz, den sie jahrelang als den ihren erhofft hat. Aber schon nach kurzer Zeit fallen die ersten Schatten auf diese frisch geschlossene Partnerschaft, die ein Altersunterschied von fast zweiundzwanzig Jahren trennt und die hauptsächlich durch Eitelkeit und Geldgier zusammengehalten wird.

Immer häufiger prallen grundverschiedene Meinungen unversöhnlich aneinander, immer öfter werde ich durch zerbrechendes Geschirr und durchdringendes Geschrei am Morgen geweckt. Krachend fallen Türen ins Schloss, und das keifende Gezänk zieht sich von der Küche in den Hof, von dort in die Stallungen und meistens wieder von den Stallungen in die Küche zurück....

Nach einem heftigen Wortwechsel zwischen meiner Mutter und meinem Stiefvater höre ich die Worte „I geh zum Rechtsanwalt und loß mi scheid'n. Den Hubert nimm i mit!” Mir wird hastig meine Joppe angezogen, deren Ärmel viel zu kurz sind. Dann reißt mich meine Mutter an ihrer Hand ungeduldig die Stiegen hinunter und durchs weit geöffnete Hoftor hinaus. Ich kann nicht Schritt halten mit ihr. Erregt zieht sie mich hinter sich her. Aber wir kommen nicht weit, denn der mir stets fremd Gebliebene holt uns mit einigen raschen Schritten ein, drängt uns durchs Tor zurück, presst meine Mutter heftig an die weiß gekalkte Hofmauer und redet auf sie ein; unentwegt, aufgeregt, beschwichtigend. Meine rechte Hand liegt in der linken meiner Mutter, festumschlossen wie in einem Schraubstock. Ich spüre ihr Zucken. In meiner linken Hand befindet sich die Handtasche meiner Mutter. Unsicher, halb zögernd beginne ich damit auf den Fremden einzuschlagen. Aber es kümmert ihn nicht. Mutters Hand erschlafft langsam. Sie lässt mich los; wendet sich ihm zu; seine Hände werden zärtlich. Mechanisch schlage ich weiter mit Mutters Handtasche auf ihn ein....

Ein Sonntagnachmittag. Die Mägde und der Knecht haben Ausgang. Vereinsamt liegt der Bauernhof in der Nachmittagssonne, und das Gelb der Schlüsselblumen leuchtet im unendlichen Grün der Wiesen. „Mia rost'n uns nua aus, Hubert. Daun moch ma an Besuch bei da Oma. Geh Himmischliss'l brock'n fia sie.” Ich pflücke einen Strauß und noch einen zweiten und kehre dann zum Hof zurück. Was werden die sagen, wenn ich ihnen meine Blumen zeige? Aber das Hoftor ist verschlossen, niemand öffnet mir. Nichts rührt sich im Inneren des Hauses, nur die Rinder brüllen und stampfen im Stall. Lange sitze ich im Gras vor dem verschlossenen Hoftor. Die Himmelschlüssel hängen längst schlaff in meinen Händen. Enttäuscht werfe ich langsam eine Blume nach der anderen in den Straßenstaub der Hofzufahrt....

„Hubert, leg an Zucka ins Fensta! Daun kummt vielleicht da Stoach und bringt dia a Briadal.” Zeit der Erwartung und Freude für mich. Wenn ich ein Brüderchen bekomme, dann bin ich wenigstens nicht mehr so viel allein! Von einem Schwesterchen wird eigenartigerweise nie gespro-chen.... Eines Tages tauchen die Hebamme und der Doktor am Hof auf, und ein geschäftiges Treiben beginnt. Ich sitze allein am großen Bauerntisch – viele Stunden lang; niemand redet mit mir – rundherum nur besorgte Gesichter. „Da Beirin geht’s schlecht! Sou vü Bluat valur'n! Zwülling!” Mutter bleibt viele Tage verschwunden, und ich liege allein in meinem kleinen, dunklen Zimmer, weit weg von ihrem. Warum kommt sie nicht? Beim Einschlafen lausche ich dem Zirpen der Grillen; bei Tag erforsche ich – mir selbst überlassen – den geheimnisvoll duftenden Heuboden mit seinen riesengroßen, langbeinigen Spinnen, jage aufgeregt gackernde Hühner im Hühnerhof, durch-streife den nahegelegenen Wald und sitze stundenlang allein in phantasievoll gebauten Baumhäusern....

Seit der Geburt der Zwillinge hat sich eine besonders stark ausgeprägte Charaktereigenschaft meiner Mutter, der Jähzorn, verstärkt. Es ist Frühstückszeit. „Trink die haße Müch, damit'st groß und stoak wiast.” Aber ich trinke warme oder heiße Milch nur sehr ungern. Daher lasse ich mir Zeit. Dann nippe ich lustlos an meinem widerlich schmeckenden Getränk. Warte wieder lange – sehr lange – zu lange. Da reißt meiner Mutter die Geduld. „Sauf d' Müch aus oder i prack dia ane, dass't mit'n Gfrieß aun da Maua pickst! Sauf!” Mit winselndem Greinen be-ginne ich die bereits erkaltete Milch widerwillig zu schlürfen. Da trifft mich ein starker Stoß. Ich falle zu Boden. „I wea dia geb'n! Du Gfrieß, du elendig's! D'Müch net sauf'n und daun nou plärr'n! I wia da geb'n!” Ihr beschuhter Fuß hebt sich und tritt auf meine Brust. Ein stechender Schmerz durchzuckt mich. Mein spitzer Schrei geht in ein gedämpftes Winseln über. Da will sie noch-mals zutreten. Sie hebt ihren Fuß. „Hea auf! Du bringst ihn jo nou um und kummst ins Kriminäu”, sagt mein Stief-vater unwillig. Da zieht sie ihren Fuß zurück. Weinend liege ich am Boden. „Warum hat sie mich getreten? Und vor ihm noch dazu? Warum? Ich mag sie doch so!” Getreten werden – eine der frühesten Erinnerungen meiner Kindheit....

Immer öfter taucht in den Erinnerungsfetzen aus dieser Zeit die Gestalt meiner Großmutter auf. In einer idealen Mischung aus Diplomatie, Resolutheit, Güte, Menschenkenntnis aus Instinkt und intuitivem Erfassen schwieriger menschlicher Situationen gelingt es ihr, die die über-stürzte Ehe ihrer Tochter mit allen ihr zu Gebote stehen-den Mitteln zu verhindern suchte – allerdings ohne Erfolg – die gröbsten Risse in der spannungsgeladenen Lebensgemeinschaft, die durch ein Kind aus erster Ehe belastet wird, oberflächlich zu kitten. Sie kennt den schwierigen Charakter und die Labilität ihrer Tochter nur zu genau, um zu wissen, dass eine Scheidung innerhalb kürzester Zeit unweigerlich in eine dritte Eheschließung einmünden würde, deren katastrophale Auswirkungen sich als unlenkbar erweisen könnten. So zwingt sie mit blutendem Herzen ihr einziges Kind, die Ehe mit dem verhassten Ehemann weiterzuführen – in einem jahrzehntelangen unerbittlichen Kampf der Geschlechter Strindberg'scher Prägung, der in der physischen Vernichtung des Mannes und in der geistigen, seelischen und körperlichen Zerstörung der Frau sein grausames Finale finden wird. Doch kehren wir daher wieder zurück zu jenem Zeitpunkt meiner Entwicklung, der mein Leben entscheidend verändern sollte....

Mein Auszug aus Ägypten

Hochsommer 1942 – Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne vergolden die Spitzen der Gräser vor mir, auf denen ein winziges Marienkäferchen sanft im Abendwind schaukelt. Nur mit einer Lederhose bekleidet, die bereits den fettigen Glanz des Alters angesetzt hat, verfolge ich gebannt alle Bewegungen des zierlichen Tieres vor mir, ohne auf die Stimmen zu achten, die – immer lauter werdend – die abendliche Stille vom Küchenfenster her zu durchschneiden beginnen. In einer Mulde vor dem Fenster liegend, kann ich alle Gespräche mitverfolgen, ohne selbst gesehen zu werden. Es sind die Stimmen meiner Mutter und meiner Großmutter, die zu mir ins ungewollte und luftige Versteck herüberklingen. Schneidend aggressiv die meiner Mutter, gütig beschwichtigend die meiner Großmutter.

„Wos büd'st da ei! Den Buam hergeb'n? Kummt dou goa net in Frog! Schlog da deis aus'm Koupf!” „Owa Hilda”, klingt es beschwichtigend zu mir herüber. „Niemaund wü dia den Buam wegnema. Owa deis muaßt jo söwa eisegn, daß sou net weidagei kau mit eam. Da Hubert vawüdert jo nou gaunz do heroum. Du host ka Zeit fia eam, weust di vui und gaunz den Zwüllingen widmen muaßt. Deis siach i jo vuikummen ei. Owa sigst denn net ei, daß da Bua vom Klemens wira wüde Ruam do heroum aufwoxst, und waun's sou weidageht, hexstens an Knecht aum Bauernhouf wiad o'geb'n kenna – und sunst nix. Wos deim Sepp natirli recht wa. Jo wüst denn deis wirkli? Deis samma dem Klemens schuidich, du und i, daß sei Kind net gaunz vawüdat. Waunn's da recht is, nimm i den Hubert mit noch Glouggnitz owi, damits du a bißl entlostet bist. I kum eh jed'n Tog aum Bauernhouf auffa. Do kaunn da Hubert mitkumma, und du sigst eam jed'n Tog.” Längere Stille.

„Sei vanünftig, Hilda. I man's nua guat mit dia und mit'n Buam. Niemaund wü eich zwa ausanaunda reiß'n. I wü dia jo nua höff'n.” Längeres Schweigen. Dann etwas gemilderter im Ton die Stimme meiner Mutter: „Waunnst manst, daß deis beissa is, kennt ma's jo amoi probian.” Und wieder schärfer werdend: „Owa s'Kind bleibt net gaunz bei dia. Da Hubert kummt wieda auffa aum Bauernhouf.” Und mit größerer Betonung hinzufügend: „Waunn i wü!”

Danach fallen beide Stimmen wieder in den normalen Gesprächston zurück, und meine Aufmerksamkeit beginnt zu wandern. Das Marienkäferchen ist inzwischen den Halm herabgeklettert und versucht zu entkommen. Hastig reiße ich einen Grashalm ab und beginne damit, den kleinen Ausreißer mit den schwarzen Pünktchen wieder den Halm hinaufzumanövrieren. Nur widerwillig gehorcht es den Anordnungen einer höheren Gewalt. Immer höher strebt es den Rispen zu. An der Spitze angekommen, breitet es die Flügel aus und fliegt davon. Beeindruckt von den zielstrebigen Versuchen des winzigen Tierchens, mir zu entkommen, gewähre ich ihm diesmal großzügig die Flucht und fühle mich gut in meiner unerwarteten Großzügigkeit.

Am nächsten Morgen werde ich vor Sonnenaufgang liebevoll wachgerüttelt. „Hubert! Steh auf! Ziach di au. Kaunnst mitgei mit mia, waunnst wüst.” Rasch schlüpfe ich in mein einziges Kleidungsstück, meine Lederhose. Ohne Hemd und barfuß folge ich meiner Großmutter die Stiegen hinunter und zum Tor hinaus. Ohne Abschied zu nehmen von irgendjemandem. Kein menschlicher Laut ist zu hören am Hof, nur das hungrige Vieh brüllt dumpf und ungeduldig fordernd in den Ställen. Unruhig ist sein Stampfen im engen Pferch. Kettengerassel durchdringt die morgendliche Ruhe. Das Zufallen der Hoftür bringt das gesamte Schweinevolk in Aufruhr. Grunzend und quiekend macht es sich bemerkbar, denn die Fütterungszeit ist nahe. Mit zielstrebigen Schritten gehen wir in den kühlen, taufrischen Sommermorgen hinein, über das Bächlein vor dem Haus, die staubige Straße entlang, beim Roten Kreuz vorbei, wo Christus mit seiner morschenden Dornenkrone im Halbdunkel seines hölzernen Verschlages noch zu schlummern scheint.

Unser Weg führt durch die Asinger Felder hindurch, wo der Altbauer mit seinen Ochsen soeben frisch gemähtes Gras auf einem rasselnden Leiterwagen nach Hause führt. Hinter ihm schiebt sich blutrot der riesige Sonnenball langsam am Horizont empor und übergießt Landschaft, Mensch und Tier mit gleißendem Licht. Kurz hebt der Altbauer zur Begrüßung die Hand, und hell tönt sein Morgengruß über die Wiesen zu uns her. „Jo, wos moch'ns denn sou zeitlich mit dem Buam, Frau Holub? Gengan's leicht goa auf'd Roas mit eam?” „Aus-zug aus Ägypten ins Gelobte Land”, antwortet meine Großmutter mit lauter Stimme, indem sie mit dem Kopf auf mich deutet. Erleichterung schwingt in ihrer Stimme mit. „S' woa a hoata Kaumpf, Herr Osinga, owa durchg'stand'n is”, fügt sie zum Abschluss hinzu. Ohne einen Kommentar vom Asinger Bauern abzuwarten, dem in der Schnelligkeit auch kein passendes Wort zum Bibelbezug einfällt, wendet sie sich kurz entschlossen von ihm ab. Ihr Schritt beschleunigt sich, und ich versuche Schritt zu halten.

Emma Holub, die Großmutter des Autors

Die bereits schwer beschädigte Christusfigur des Rath Kreuzes (Roten Kreuzes) vor ihrer zweiten Restaurierung im Jahre 1997

Zu Hause angekommen werden Brot, Butter, Kuchen und ein dampfendes Getränk aufgetragen und liebevoll serviert. Erstaunt und ungläubig blicke ich auf die Fülle der Speisen und den reinlich gedeckten Tisch. Unsicher und zögernd greife ich zu und falle schließlich hungrig über das Frühstück her, das innerhalb kurzer Zeit in einem bodenlos zu sein scheinenden Bubenmagen verschwindet. Einige Male gibt es Nachschub, dann aber erklärt Großmutter energisch, aber mit viel Verständnis in ihrer Stimme: „Sou, jetzt heast owa auf zum Ess'n, Bua, sunst schbeibst di goa nou au.” An diesem denkwürdigen Vormittag ersteht sie für mich ein Hemd, Socken und ein Paar Schuhe, die ich sogar anziehen muss. Und das mitten im Sommer! Wo ich doch bis dahin in dieser Jahreszeit immer ohne diese lästigen Kleidungsstücke auskommen musste! Aber die gütige Entschlossenheit meiner Großmutter lässt mir keine andere Wahl.

Im Gelobten Land

In Ermangelung eines freien Bettes in der sehr einfach eingerichteten kleinen Wohnung meiner Großeltern bekomme ich meinen Schlafplatz zwischen ihnen in den für meine Begriffe riesigen Ehebetten zugewiesen, wo ich mich, von zwei gewaltigen Tuchenten flankiert, beschützt und geborgen fühle.

Eine unbeschwerte Zeit bricht an, die ich im Garten meiner Großeltern verbringe, wo sie sich unter unsäglichen Mühen und Strapazen ein kleines Eigenheim zu errichten versuchen. Monatelang arbeiten meine Großeltern unter Einsatz all ihrer Kräfte an der Aushebung der Grundfeste. Sie werden dabei nur von ein oder zwei Arbeitern unterstützt, deren Versorgung mit Essen sich in der Endphase des Krieges – erschwert durch die Einführung der Lebensmittelkarten – als besonders schwierig erweist. Für mich und die Arbeiter ist der Tisch immer gedeckt, während meine Großeltern meist leer ausgehen. In solchen Fällen legen sie immer einen „Obsttag zum Abspecken” ein.

Trotz reichlicher Arbeit gibt es jedoch immer Zeit für mich und meine kleinen und großen Sorgen. Meine vielen Fragen finden immer eine Antwort zwischen diversen Erdarbeiten. Obstbäume werden von mir bestiegen, Erdbeerbeete geplündert, nach schönen und interessant aussehenden Steinen wird gesucht, und Sandburgen werden gebaut und wieder zerstört. Eingebettet in eine liebevolle Umgebung dringe ich voll Begeisterung bis zu den Grenzen meiner Phantasie vor. Ästchen werden zu furchteinflößenden Drachen, Hagebutten zu edlen Rittern, Steine zu drohenden Ungeheuern, wucherndes Unkraut am Gartenzaun zu dichten Dschungelwäldern und ein winziger Regenwurm zur Riesenschlange...

Und meine lebhafte Phantasie erhält immer wieder neue Nahrung aus den unzähligen Sagen, Legenden und Märchen, die mir aus dem Mund meiner Großmutter eine mir bis dahin völlig unbekannte neue Welt erschließen. Während Großvater, breitbeinig am Küchentisch sitzend, mit besorgter Miene die allerneuesten Frontberichte im neu erstandenen Prunkstück eines Volksempfängers der Dreißigerjahre verfolgt, der vor ihm auf dem Küchentisch steht – was meine Großmutter des öfteren zur Bemerkung veranlasst: „I tat hoit glei einikräun in's Kastl, Emil, damit'st ois bessa heast" – lausche ich, auf dem Schoß meiner Großmutter sitzend, mit fragenden Augen und brennendem Herzen aufmerksam ihren aufregenden Berichten von Kaisern und Königinnen, von herzensguten Jungfrauen und blutrünstigen Räuberhauptmännern. Großmutter lässt immer nur herzensgute Jungfrauen in ärgste Not und Bedrängnis geraten, andere Frauentypen scheinen ihrer Erzählkunst nicht würdig zu sein. „Vielleicht geraten Frauen, die keine herzensguten Jungfrauen sind, nie in solch aufregende Situationen”, denke ich bei mir.

Freilich verlieren Geschichten, in denen immer nur herzensgute Jungfrauen vorkommen, mit der Zeit an Spannung, aber nach meinen geschichtenlosen Jahren am Bauernhof denke ich mir: „Besser noch herzensgute, wenn auch langweilige Jungfrauen als gar keine Geschichten.” Während Großmutter ihre Geschichten erzählt, halten ihre starken

Emil Holub, der Großvater des Autors

Arme mich fest, und ihr gewichtiger Oberkörper bewegt sich dabei in einem wiegenden Rhythmus, von dem etwas ungeheuer Beruhigendes ausgeht. Langsam beginnen mir die Augen zuzufallen, und ich gleite ins Reich meiner Träume:

Nur allzu oft werden ihre lichten Flüge abgelöst vom dumpfen Gefühl der Einsamkeit und Angst. Eine alte Brettertür des Bauernhofs öffnet sich lautlos und langsam. Steinstufen führen hinab in ein grauenhaftes Dunkel, aus dem polypenartig die Arme des Bösen nach mir greifen und mich in einen alles verschlingenden schwarzen Strudel hinabziehen.

Völlig gelähmt und widerstandslos muss ich es an mir geschehen lassen.

Mit einem gellenden Schrei und schweißgebadet erwache ich jedes Mal. Beruhigende Worte, Streicheln, wohlige Wärme, seliges Umfangen und ermattetes Hinübersinken befreien mich von seelisch-geistiger Qual. Es ist immer wieder der gleiche Traum, der mich Nacht für Nacht peinigt .... monatelang .... jahrelang .....

Erste Freunde