Angekommen - Anja Witzmann - E-Book

Angekommen E-Book

Anja Witzmann

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Beschreibung

"Eine Katze hat sieben Leben", so sagt der Volksmund. Sie kann gefährliche Situationen überleben, landet immer wieder auf ihren Pfoten und erholt sich rasch wieder. Auch Anja erging es ähnlich. Eindrucksvoll beschreibt sie ihre Kindheit und Jugend in Thüringen in der ehemaligen DDR. Als junge Mutter erlebte sie die Wendezeit, Arbeitslosigkeit und gescheiterte Beziehungen. Doch trotz häufiger Niederlagen gab sie nicht auf, sondern stand immer wieder auf und suchte mit Einfallsreichtum und Zuversicht nach neuen Wegen für sich und ihre fünf Kinder.

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Für meine Kinder

Inhalt

Vorwort:

Erstes Leben

Kindheit

Zweites Leben

Jugend

Drittes Leben

Erste Ehe

Viertes Leben

Ein neuer Partner?

Fünftes Leben

Allein mit vier Kindern

Sechstes Leben

Angekommen?

Neue Wege

Mein siebtes Leben

Angekommen

Neue Entscheidungen

Angekommen!

Schlusswort:

Was wirklich zählt, ist das gelebte Leben

Vorwort:

„Eine Katze hat sieben Leben,“ so sagt der Volksmund. Sie kann gefährliche Situationen überleben, landet immer wieder auf ihren Pfoten und erholt sich rasch wieder.

Auch mir erging es ähnlich. Ich erlebte viele haarsträubende Situationen in meinem Leben, stand immer wieder auf und suchte nach neuen Wegen, um endlich sagen zu können „Ich bin angekommen!“

Anja Witzmann

Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurden die meisten Namen geändert.

Erstes Leben

Kindheit

Ich wurde 1959 in Rostock geboren. Mein Vater war Kapitänleutnant zur See auf einem Armeeschiff, meine Mutter arbeitete in einem Fischereibetrieb im Büro. Meine Schwester war damals fünf Jahre alt, mein Bruder drei Jahre.

Als ich vier Jahre alt war, reisten wir eines Nachts mit dem Doppelstockzug nach Kranichfeld in Thüringen. Dort lebten Vaters Eltern auf dem Gelände einer alten Ziegelei am Rande der Kleinstadt. Es war ein großes Haus mit einem riesigen Garten. Ich erinnere mich, wie Vater an einem Morgen in der Küche am Waschbecken stand und weinte. Erschrocken fragte ich meine Mutter: „Warum weint Vati?” „Der Opa ist diese Nacht gestorben.“ Ich hatte noch nie meinen Vati weinend gesehen. Er tat mir leid. Damals begriff ich nicht, warum wir so lange bei Oma Engela im Haus blieben und fragte: „Wann fahren wir wieder heim?“ Denn ich glaubte, wir seien nur auf Urlaub. Nun erfuhr ich, dass Vater das Haus übernehmen würde und wir für immer hierbleiben würden. Ich ging hinaus auf eine Anhöhe in Richtung Wald und ließ dort meine Blicke schweifen. „Schon komisch“, dachte ich, „hier stehen ja nur drei Häuser, nur Felder, Wiesen und ein kleiner Teich, auf dem Gänse schwimmen. Das ist bestimmt langweilig hier, diese Stille!“

Von nun an lebten wir in der alten Ziegelei. Unter uns wohnte noch Oma Engela, eine alte Bäuerin. Sie war eine sehr arme Frau, trug lange alte Röcke, oft drei Röcke übereinander. Ihre langen Haare waren immer zu einem Zopf geflochten, den sie wie eine Schnecke mit Nadeln am Hinterkopf zusammendrehte. Ich schaute ihr oft beim Frisieren zu, denn ich liebte lange Haare. Manchmal durfte ich sie auch kämmen. Oft kam es vor, dass ich in der Nacht nicht schlafen konnte. Klopfte ich bei meinen Eltern an die Schlafzimmertür und fragte, ob ich bei ihnen schlafen dürfte, schickten sie mich wieder lieblos in mein Bett. Ich huschte dann barfuß über die kalten Steinplatten die Treppen hinunter und klopfte bei meiner Oma an die Tür. Mit ihrem großen Schlüssel schloss sie mir dann auf. Ich wusste nie, weshalb sie immer alles abschloss und wovor sie Angst hatte. Sie ließ mich ins Zimmer und ich kletterte in ihr warmes Bett. Dieses Bett war eigentlich ein altes Kanapee mit vielen Decken und einer dicken Zudecke, auf der drei Katzen schliefen. Ich hatte immer das Gefühl, das meine Eltern sich nicht um die alte gebrechliche Oma kümmerten. Sie hatte sehr wenig Geld, kochte sich nur selten warmes Essen. In der Küche stand ein Kohleofen, der nie brannte. Sie tat mir oft leid und ich brachte ihr sonntags oft warmes Essen runter, wenn Mutti Klöße und Karnickel kochte.

Viele Jahre später erzählte mir unsere damalige Nachbarin einmal, dass die Oma mit ihrem Tragekorb auf dem Rücken in die Stadt zum Einkaufen ging. Sie trug fünfzig Brötchen und zwei Gläser Marmelade in ihrem Korb. Die Nachbarin fragte meine Oma: „Hallo Frau W., Sie haben aber viele Brötchen gekauft!“ Oma antwortete: „Ja, meine armen Enkel, die haben doch nichts zu essen und haben immer Hunger!“ So war es, denn da Mutter meist auf Arbeit war, wurde kaum Essen eingekauft. Wie oft hatten wir Hunger und im Kühlschrank war nur Speck und Margarine. Die Marmelade im Küchenschrank war oft verschimmelt, das Brot hart wie Stein. Oft schmierte ich mir Zuckerbrot am Nachmittag.

Ich erlebte meine Kindheit mit meinen drei Geschwistern in der damaligen DDR, meine Eltern gehörten der Partei an. Vater studierte von 1964 bis 1968 in Erfurt und wurde Lehrer. Als später der alte Schuldirektor in Rente ging, wurde Vater 1973 als neuer Schuldirektor von Kranichfeld eingesetzt. Meine Mutter arbeitete erst als Chefsekretärin im Kabelwerk Oberspree in Kranichfeld. Als sie durch ihre Einsätze für den Frauenbund im Betrieb auffiel, wurde sie als neue Bürgermeisterin von Kranichfeld vorgeschlagen. Am 1. August 1964 wurde sie gewählt. Kurze Zeit später wurde sie noch einmal schwanger und ich bekam 1965 noch ein Brüderchen, Peter. Nach nur fünf Monaten arbeitete Mutter wieder im Rathaus. Eigentlich hatte sie nur ein Kind haben wollen, aber Vater sagte bei jeder Schwangerschaft, dass er sich die Kinder wünschte.

Meine Eltern hatten sehr wenig Zeit für uns, oft gingen sie abends noch zu Parteiversammlungen. Ich sah sie morgens beim Frühstück und abends oft gar nicht, da sie wegen der Versammlungen gleich in der Stadt blieben. Wie sehr vermisste ich Zuwendung und Umarmungen wie bei anderen Kindern! Die Kleidung wurde lieblos herangeholt, es waren immer getragene Sachen. Da die bereits getragenen Schuhe oft zu groß waren, fiel ich oft hin. Mein Knie war noch gar nicht verheilt, da fiel ich wieder auf die selbe Stelle. Es entstand eine große Narbe. Unsere frühere Nachbarin konnte sich noch gut erinnern, welche Kleidung ich damals trug: „Du hast mir immer leidgetan. Im Winter trugst du Rock und Strümpfe, die an einem Leibchen mit Strumpfhaltern befestigt waren. Deine Oberschenkel waren nackt und knallrot vor Kälte.“ Meine Mutter trug selbst schöne Kleider, elegante Kostüme und Schuhe mit hohen Absätzen. War ich allein zu Hause, stolzierte ich oft im Flur mit Mutters Stöckelschuhen herum, ich fühlte mich schön und ansehenswert wie das verwandelte Aschenputtel im Märchen.

Meine Geschwister und ich hatten zu Hause feste Aufgaben: saugen, Holz und Kohle holen für die Kachelöfen, Feuer anzünden in drei Kachelöfen, Aufwaschen und natürlich noch Hausaufgaben machen, die jedoch nie kontrolliert wurden. Hatten die Eltern an den Wochenenden endlich einmal Zeit, beschäftigten sie sich trotzdem nicht mit uns Kindern. Von Schulkameraden wusste ich, dass sie mit ihren Eltern oft am Wochenende Ausflüge machten. Ich nahm allen Mut zusammen und bat die Eltern: „Wir könnten doch auch einmal einen Ausflug machen wie andere Kinder mit ihren Familien.“ Wie immer erhielt ich eine Absage: „Wir sind froh, einmal zu Hause zu sein,“ antwortete Mutter und ich ging traurig in mein Zimmer. Die Wochenenden waren für mich sehr langweilig, keine schönen Momente, an die man sich gerne erinnern würde. Mutter sagte immer nur: „Wenn du dich langweilst, lies doch ein Buch.“ Ich besaß kaum Spielzeug, nur Malstifte, Pinsel und Malkasten, ein Xylophon und eine alte Puppe, die ich immer kämmte. Sie hatte braunes, grobes langes Haar.

Da wir viele Apfelbäume im Garten hatten und Vater auch noch eine Apfelplantage gehörte, mussten wir Kinder immer helfen, den schweren Holzkarren mit Apfelstiegen nach Hause zu fahren. Das war gar nicht so einfach, denn es ging Bergabwärts und der Wagen war voller Äpfel. Wir mussten uns dagegenstemmen, damit er nicht davon rollte. Dann ging es zurück auf den Berg.

Unsere Wohnung hatte nur eine schlauchförmige Küche. Es gab keinen Küchentisch, an dem wir alle Platz zum Essen gehabt hätten. An der rechten Wand befand sich ein Kohlenherd mit einer Holzkiste, in der die Kohlen lagerten. Vorn an der Tür war ein Gasherd, Aufwaschbecken links neben dem Ofen und ganz hinten ein Waschbecken, an dem sich Vater immer rasierte. Auf der linken Seite neben einem Hängeschrank befand sich ein Fenster, unter dem ein Küchenschrank stand und rechts und links davon jeweils ein Stuhl. Neben dem rechten Stuhl stand der Kühlschrank und der Wäschekorb. Wenn wir morgens frühstückten, saßen meine Eltern, Vati links und Mutti rechts auf ihren Stühlen. Wir Kinder standen vor dem Schrank und frühstückten im Stehen, einer saß auf der Holzkiste neben dem Kohlenherd. Eines Tages, ich war etwa acht Jahre alt, hockte ich gerade auf der Holzkiste und Mutter kochte mit dem Tauchsieder Wasser für einen Kaffee. Ich stieß mit meinem Ellbogen an den Tauchsieder, das kochende Wasser ergoss sich über meinen linken Arm. Ich schrie auf vor Schmerz. Eilig streute Mutter Mehl über meinen Arm, was damals als Hausmittel gegen Brandwunden galt. Ich musste in diesem Moment an das Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“ denken, wo der Wolf sich seine Pfote mit Mehl bestäubt hatte. Wir fuhren sofort ins Krankenhaus, wo ich medizinisch versorgt wurde. Zum Glück durfte ich wieder nach Hause und am nächsten Tag wieder in die Schule.

Unser Kinderzimmer befand sich neben der Küche. Ich teilte es mit meiner großen Schwester. Zwischen mir und ihr bestand nie ein gutes Miteinander, wie man sich das als kleine Schwester vielleicht wünschen würde. Sie interessierte sich nicht für mich und spielte nicht mit mir, denn sie war fünf Jahre älter. Ich schlief erst auf einem Sofa, bei dem beide Lehnen abgerundet waren. Später bekam ich ein Klappbett. In der Mitte des Zimmers stand ein großer ausziehbarer Esstisch mit vier Stühlen. Am Wochenende aßen wir dort Mittag und Abendbrot. Oft spielte ich mit meinem Bruder Max Tischtennis auf diesem Esstisch. An der Wand stand noch ein großer gelber Kleiderschrank. Wenn ich abends im Bett lag, stellte ich mir oft vor, wie er wohl aussehen würde, wenn ich ihn anmalen würde. Eines Tages fragte ich einfach Mutter: „Darf ich den Schrank in meinem Zimmer anmalen? Er ist eh schon alt und leicht defekt.“ Sie erlaubte es. Ich hatte ein Hobby entdeckt. Von nun an malte ich auch Porzellanteller an und verkaufte sie in der Nachbarschaft, immer drei Teller, diese konnten in der Küche aufgehängt werden. Mein Bruder musste sich ein sehr kleines Zimmer mit meinem kleinen Bruder teilen, es war gerade mal zwei mal vier Meter groß. Es passten nur zwei Betten rein und ein Schränkchen unter dem Fenster. 1965 hatte Vater einige Räume anbauen lassen. Es waren lauter Durchgangszimmer: Ein Dunkelzimmer ohne Fenster, ein Arbeitszimmer, das nie genutzt wurde, dann die Stube und zuletzt das Elternschlafzimmer.

Die alte Ziegelei 1962

Klein-Anja

Die Ziegelei 1993

Die Ziegelei 2016

Mit Michi, dem Nachbarsjungen, hatte ich einen neuen Spielfreund gewonnen. Am liebsten kletterten wir auf hohe Kiefernbäume. Wenn wir ganz oben angekommen waren, ließen wir uns vom Wind hin und her schaukeln. Im Sommer badeten wir oft in dem Teich, der sich auf der Nachbarswiese befand. Dieser Teich war nicht groß, das Wasser war graugrün und der Boden schlammig. Das Waldbad in Kranichfeld war eine Fußstrecke von dreißig Minuten entfernt. Also badeten wir im Teich, auch wenn wir noch nicht schwimmen konnten, egal, Hauptsache ins Wasser! Es war schon sehr eklig, in den warmen tiefsinkenden Schlamm zu treten. Kamen wir aus dem Wasser, waren wir nicht etwa sauber, sondern voller Schlamm.

Jedes Jahr im Sommer waren auf den Wiesenblumen viele Marienkäfer zu sehen, ich zählte immer die Punkte und ließ sie über meine Finger krabbeln, bis sie zum Flug ansetzten. In den nächsten Jahren fiel mir auf, dass es immer weniger Marienkäfer gab. Nun musste man wirklich Glück haben einen zu finden.

In den Sommerferien war es meinem Bruder Max und mir oft langweilig. Da wir wussten, wo Vater sein Luftgewehr aufbewahrte, kamen wir auf die Idee, uns mit Schießübungen die Zeit zu vertreiben. Wir hängten die Zielscheiben an einen Baum und schossen abwechselnd mit Schrotkugeln auf die Scheibe. Ich war schon eine ganz gute Schützin. Ich schaute durch den V-förmigen Schlitz bis zum Rohranfang, an dem sich eine Spitze befand. Passte sie genau in den Schlitz, hatte man die besten Schießergebnisse. Doch vor allem durfte man nicht wackeln.

Später ging ich auch oft den weiten Weg ins Freibad, wo ich meine Schulfreunde traf. Ich hatte nun schon meine zweite Stufe im Schwimmpass stehen und wollte in diesem Sommer meine dritte und höchste Stufe machen. Die Voraussetzungen für diese Stufe waren: fünfzehn Minuten schwimmen, eine Bahn kraulen, einen Gegenstand vom Grund des Beckens heraufholen und vom Fünf-Meter-Turm springen. An einem heißen Sommertag meldete ich mich bei der Bademeisterin zur Prüfung an. Ich hatte alles schon mit Bravour geschafft, jetzt musste ich noch springen. Während ich langsam die Treppen zum Fünf-Meter-Turm hochstieg, kroch die Angst in mir hoch. Als ich oben stand, schaute ich mir erst das ganze Freibadgelände an und die vielen Menschen. Einige Mitschüler hatten mitbekommen, dass ich gerade meine Prüfung machte und beobachteten mich. Ich ging langsam auf das Brett bis vorn hin und schaute immer auf das Wasser, es vergingen Minuten und ich stand immer noch auf dem Brett und traute mich nicht. Frau K. wurde ungeduldig und rief ständig: „Spring doch, spring endlich!“ Ich traute mich immer noch nicht und wollte am liebsten wieder hinuntersteigen. Durch das Geschrei von Frau K. schauten alle zu mir hoch und feuerten mich an. Nichts half, ich hatte große Angst. Frau K. hatte jetzt die Faxen dicke und brüllte zu mir hoch: „Wenn du jetzt nicht springst, komm ich zu dir hoch!“ ich wollte ja, aber... Sie lief zum Sprungturm und wollte gerade hochkommen, da sprang ich. Meine Angst vor ihr war größer als die Angst vor dem Sprung. Als ich wiederauftauchte, klatschten alle Zuschauer. Ich war so glücklich, dass ich gleich noch einmal auf den Sprungturm kletterte und noch mehrmals gesprungen bin.

Im Herbst ging ich sehr gern mit meinem Bruder Max Pilze suchen. Da wir immer hungrig waren, freuten wir uns, wenn wir mit einem Beutel Pilze nach Hause kamen. Onkel Horst, der Schwager meines Vaters, war leidenschaftlicher Pilzsucher. Er hatte uns eingeschärft, nur die Pilze zu suchen, die wir kannten. Wir putzten Rotkappen, Maronen, Birkenpilze, Kremplinge und Pfifferlinge und brieten sie. Anfangs war der Topf bis zum Rand voll, doch während des Bratens schrumpften die Pilze immer mehr, bis am Ende gerade ein kleines Tellerchen für jeden übrigblieb. Doch wir genossen jeden Happen mit einer Scheibe Trockenbrot.

Häufig musste ich auf meinen jüngeren Bruder aufpassen und mit ihm spielen. Eines Nachmittags im Herbst ging ich mit ihm durch den Wald spazieren. Er suchte sich einen langen Stock und lief hinter mir her, während ich Pilze suchte. Als wir schon eine größere Strecke zurückgelegt hatten, begann er plötzlich zu schreien. Ich drehte mich um und sah, was passiert war. Er hatte mit seinem Stock in Erdlöchern herumgestochert und ein Schwarm Erdbienen griffen meinen vierjährigen Bruder an. Die Bienen verhakten sich in seinen Haaren und konnten nicht mehr davonfliegen. Selbst in den Ohren befanden sich Bienen und sein ganzes Gesicht wurde zerstochen. Ich schrie „Peter lauf, lauf! Wir müssen schnell nach Hause.” Doch er konnte nicht so schnell laufen. Ich nahm ihn mit meinen zehn Jahren auf meinem Rücken Huckepack und rannte so schnell ich konnte. Mein kleiner Bruder war unter Schock und schrie immerzu panisch „schneller, schneller! Sie fliegen hinter uns her!” Bald war ich mit meinen Kräften am Ende, denn er war schwer und es war noch weit bis nach Hause. Ich war fix und fertig, als wir endlich ankamen. Meine Mutter kämmte die Bienen aus seinen Haaren und er bekam kalte Umschläge auf die Nase, denn er war auch auf die Nasenspitze gestochen worden.

Im Winter fuhren wir oft Ski. Die Kinder aus der Stadt kamen in die Ziegelei, da es hier schöne Anhöhen gab und Langlaufstrecken. Wir bauten eine Schanze und sprangen so lange darüber, bis wir es schafften, nicht mehr nach dem Sprung zu stürzen. Ich war das einzige Mädchen, das mit den Jungs über die selbstgebaute Schanze sprang. Ich wollte zeigen, dass ich mutig bin und mich traute. Natürlich suchte ich auch Anerkennung und Lob, denn zu Hause hörte ich davon sehr wenig.

Eines Tages brachten meine Eltern einen kleinen Hund mit, ein Mischlingsrüde mit schwarzem lockigen Fell. Er hieß Maik und war so klein, dass er es nicht schaffte in mein Bett zu springen. Jeden Abend jaulte er, bis ich ihn hochnahm und an mein Fußende legte. Drei Tage später musste ich zum Arzt, ich hatte am ganzen Körper Hundeflöhe. Seitdem durfte der kleine Maik nicht mehr im Kinderzimmer übernachten. Er wurde mein allerbester Spielfreund, bis ich eines Tages aus der Schule kam und der Hund verschwunden war. Am Abend konnte ich nicht einschlafen und wartete ungeduldig, bis meine Eltern wieder spät von einer Versammlung heimkamen und fragte: „Wo ist mein Maik?” Die Antwort war erschütternd: „Die Nachbarn haben sich aufgeregt, dass er tagsüber so viel heult und bellt. Da haben wir ihn in ein Hundeheim gegeben.” Für mich brach eine Welt zusammen. Ich trauerte lange und schwor mir, wenn ich mal eigene Kinder bekomme würde und es wird ein Junge, soll er Maik heißen.

Schulzeit

Meine Schule war ein Gebäude aus den 1940-iger Jahren. Sie bestand aus einem Haupthaus und vier grünen Baracken hinter dem Schulhof. Diese Baracken sahen aus wie die Baracken in Buchenwald im damaligen KZ-Lager. Innen waren sie aber sehr schön eingerichtet. Unsere Klasse zählte 20 Schüler. Ich kann mich noch an eine Lehrerin erinnern, die immer einen Schlüsselbund nach dem Kind warf, das gerade nicht im Unterricht aufpasste. Oft tippte sie mit ihrem Zeigefinger so heftig auf die Köpfe der Schüler, dass es schmerzte. Nachdem solche rüden Erziehungsmethoden bekannt geworden waren, wurden sie abgeschafft und wir mussten keine Angst mehr haben.

Mein Schulbrot wurde von meiner Mutter lieblos in Zeitungspapier eingewickelt. Meist war hartes Brot mit Mettwurst darin. In der Schule schämte ich mich, denn alle Kinder kamen mit Brotbüchsen und leckerem Essen. Der Schulweg war für mich eine Stunde Fußweg. Erst musste ich meinen kleinen Bruder zum Kindergarten am anderen Ende der Kleinstadt bringen. Die Schule war im Stadtzentrum. Nach der Schule lief ich mit dem kleinen Bruder an der Hand wieder bummelnd nach Hause.

1968 gingen einige meiner Schulkameraden nachmittags zur Christenlehre ins Pfarrhaus bei der Kirche. Meine Eltern verboten mir in die Kirche zu gehen. Mutti sagte immer: „Wir gehören der Partei an und nicht der Kirche. Da hast du nichts zu suchen.” Natürlich war ich neugierig und schlich mich einmal heimlich in die K.er Kirche, weil ich wissen wollte, wie sie innen aussah. An einem Nachmittag ging ich gemeinsam mit meinen Schulkameraden in die Christenlehre. Der Pfarrer fragte mich, wie ich heiße. Ich antwortete: „Anja.” Den Nachnamen verschwieg ich, weil ich Angst hatte, dass ich nicht mit hineindürfte, wenn er meinen Nachnamen gehört hätte. Es war ein sehr gemütlicher warmer Raum, in den uns der Pfarrer führte. Er war so freundlich zu uns allen, es war ganz anders als in der Schule. Er erzählte uns von Jesus und dann lernten wir gemeinsam ein Lied. Als ich in der nächsten Woche wieder mit in die Christenlehre kam, fragte mich der Pfarrer schließlich nach meinem Nachnamen. „Wissen deine Eltern, dass du in die Christenlehre gehst?” Ich schüttelte den Kopf und schaute ihn traurig an, denn ich wusste, dass es jetzt meine Eltern erfahren würden und ich nicht wieder hindurfte. Genau so kam es auch. Dabei hatte ich mich dort so wohl gefühlt, trotzdem wurde es mir wieder verboten. Ich war erst acht Jahre und verstand das Ganze noch nicht so recht, diese ständigen Verbote.

Da ich sehr gut im Sport war, wurde ich 1970 von der Schule für die Kreismeisterschaften in Weimar ausgewählt. Ich trat für Kranichfeld in der Disziplin Hürdenlauf an. Ich absolvierte einen guten Lauf, war nach Dreiviertel der Strecke an dritter Stelle und glaubte schon an einen dritten Platz. Doch eine Konkurrentin kam immer näher. Für einen Moment war ich nicht konzentriert und stolperte kurz vor dem Ziel über die letzte Hürde. Ganz traurig und enttäuscht kehrte ich ohne Medaille nach Hause zurück.

In meiner Nachbarschaft wohnte ein älterer Mann, er war früher als Zimmermann tätig. Als er Rentner wurde, machte er seinen Beruf zum Hobby. Er fertigte Schwibbögen (Lichterbögen) für die Weihnachtszeit an, Windmühlen aus abgebrannten Streichhölzern, Lampen und vieles mehr. Wenn ich mich zu Hause langweilte und das Wetter war so schlecht, dass ich nicht draußen spielen konnte, besuchte ich ihn in seiner Werkstatt und schaute zu, wie er arbeitete. Er hatte keine Kinder. Seine Frau brachte ihm immer pünktlich um zwölf und um fünfzehn Uhr das Essen in die Werkstatt, die sich in einem langen Bungalow vor dem Teich in seinem Garten befand. In der Werkstatt war es immer gemütlich war und es roch so angenehm nach Kleber und warmem hellen Sperrholz. Ich besuchte den alten Zimmermann bald zwei Jahre, bis ich ihn eines Tages fragte: „Können Sie mir zeigen, wie Sie die Schwibbögen anfertigen? Ich würde das auch so gerne machen.“ Er gab mir Vorlagen für die Muster, eine Laubsäge und Sperrholz und brachte es mir bei. So habe ich ein zweites Hobby für mich entdeckt: Erst Bauernmalerei und nun aus Sperrholz Lichterbögen anfertigen.

Als ich etwa elf Jahre alt war, wurde 1971 in Kranichfeld eine Schalmeiengruppe gebildet. Viele Kinder meldeten sich an, auch mein Bruder Max und ich. Er spielte eine Trommel mit zwei Stöcken und ich bekam eine Schalmei mit einem Knopf. Ich war etwas traurig, denn ich wollte eine Schalmei mit drei Knöpfen wie eine Trompete. Wir Kinder spielten Marsch- und Kampflieder nicht etwa nach Noten, die kannte eh niemand, sondern nach Zahlen 1,2,3 .... also gar nicht so schwer. Die Auftritte waren meistens am 1. Mai, denn da fanden immer Umzüge statt und die ganze Stadt war auf den Beinen. Erst in Kranichfeld um acht Uhr und dann ging es mit dem Bus auf die Dörfer. Am Vorabend des 1. Mai war Fackelumzug. Auch da führte die Schalmeiengruppe den Zug an. Später blies ich auch die Schalmei mit drei Knöpfen und als ich 1974 in die 10. Klasse ging, wurde ich sogar Tambourmajor. Dies war der Anführer der Kapelle, der mit einem Stab den Takt angab. Das machte mir viel Spaß. Es war ein gutes Gefühl, dazuzugehören und Anerkennung und Lob zu erhalten. In der Ziegelei dagegen fühlte ich mich allein, vergessen und ausgegrenzt.

Feste und Feiern