Angeleckt ist meins! - Ramona Icke-Röring - E-Book

Angeleckt ist meins! E-Book

Ramona Icke-Röring

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Beschreibung

Als gelernte Ossi komme ich überall klar, auch wenn es regelmäßig funkt. Aber das erhöht die Lebensfreude. Egal, ob im Land der drei Meere, der Uckermark, in der ich als Jugendliche mit meiner gelben Blümchencordhose auf dem Moped die Freiheit suchte, oder in Norwegen, wo ich mit allerlei Trollen und meinem Mann heute lebe. Als Unternehmerin in der DDR war ich ein Spezialfall. Führte meine Rumba auf allerlei Verwaltungsschreibtischen auf und kämpfte gegen Bauzäune. In Norwegen löste ich den Mord an Aurora. Und in Kenia lasse ich mich anhimmeln. Viel Freude bei meiner Geschichte.

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Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Linseneintopf

Toplader

Immer flüssig und mobil

Wer weiß, ob die Diebin die Pause überlebt hätte

Unbezahlte „Nebenjobs“

Das „beste Haus am Platze“

Post für Erich

„Staatsfeindliche Hetze“

Giftspinnen und Stasimänner

„Schwarz gegen Weiß“

Die „Kapitalistin“

Die Wende

Männer

„Mal Walter anrufen.“

Von Fjorden und Trollen

Der Mord an Aurora

Mit 55, mein Lieber, liegt hier keiner auf der faulen Haut

„Sagen Sie ihr, Mutti soll noch warten. Ich komme!“

Spontan verliebt

Bernie

Meine to-do-Liste

Linseneintopf

„Mittagsschlaf!“, bugsierte unsere Erzieherin die anderen Kinder in den Waschraum. Alle trippelten davon. Ein kurzer Seitenblick und ein knapper Befehl in meine Richtung: „Du, Ramona, bleibst sitzen, bis der Teller leer ist.“

Ich schaute in meinen Linseneintopf. Er war grau wie die Dienstuniform meines Vaters. Ich würde ihn nicht essen. Und wenn sie mich hier versauern ließen, die Erzieherinnen hatten keine Chance. Stumm hockte ich vor meinem Teller, rührte mit dem Löffel ein wenig in den Linsen herum und wartete.

Bis sie wieder kamen, Befehle erteilten, Warnungen und Drohungen in die Luft des Kindergartens zischten. Meiner Mutter, ja natürlich, sie würden es ihr sagen. Mich vor dem Teller hocken lassen, bis ich blau würde. Außerdem, plusterten die Erzieherinnen sich auf, ich würde ja schon sehen, was mein Gebocke mir einbrächte.

(Irgendwie verstand ich die Welt nicht mehr. Nur ein paar Tage vorher wurde ich von Herrn Schneider in seiner Eisproduktion mit Vanilleeis verwöhnt. An den Geruch und Geschmack erinnere ich mich noch heute. Ich wurde verwöhnt – nicht nur mit Eis, auch mit Essen und Freiheit. Aber das war vorbei. Meine Erziehung zu einem Mitglied der sozialistischen Gesellschaft hatte begonnen.)

Mir wars egal. Abrechnung war samstags, dabei kam es auf einen Schlag mehr oder weniger nicht an. Eher würde der Eintopf verdunsten, als dass ich auch nur einen Löffel davon äße. Sollte mir doch weiterhin „das Vaterunser durch die Rippen blasen“, wie die Erwachsenen manchmal sagten, weil ich als Kind dünn wie der Knochenmann war. Dabei war den meisten von ihnen das Vaterunser in den zwanzig Jahren seit Kriegsende aus den Gedächtnissen entschwunden. Wer ging in der DDR schon in die Kirche und setzte im Gottesdienst seine Systemtreue aufs Spiel?

Als die anderen Kinder nach dem Mittagsschlaf in unseren Gruppenraum schlurften, saß ich noch immer vor meinem Teller und starrte in die Linsen. Gezählt hatte ich sie längst, mir Geschichten ausgedacht, mit meinem Löffel hunderte Kreise durch den Eintopf gezogen und Bootstouren unternommen. Gegessen hatte ich keine einzige Linse. Eben so, wie ich es der Erzieherin Stunden zuvor verkündet hatte.

Neugierig schauten die anderen Kinder zu mir herüber. „Ramona sitzt ja immer noch vor ihrem Teller“, hörte ich eines der Mädchen sagen und verstohlen in meine Richtung blicken.

„Selbstverständlich“, sie muss endlich lernen zu essen, unterstrich eine Erzieherin die Richtigkeit ihrer Maßnahme und würdigte mich keines weiteren Blickes.

(Die Zeiten ändern sich. Erst heulste, wenn du essen musst. Dann heulste, wenn es dir weggenommen wird.)

Am folgenden Samstag gab es daheim dann wirklich Dresche, weil ich den Linseneintopf nicht angerührt hatte, das Gesicht verzogen, für weitere Vergehen und unser Abendessen, das ich ebenfalls auf Abstand hielt. Während mein Vater die flache Hand benutzte, nahm meine Mutter auch gern mal den Ausklopfer für die Teppiche zur Hand.

„Das esse ich nicht“, sperrte ich mich dennoch wieder. Sollte mein dürrer Körper doch pfeifen, wenn ich draußen in der Karl-Marx-Strasse 1 auf dem Kasernengelände in Prenzlau spielte, das in jenem als „rote Kaserne“ bekannten Backsteingebäude auch unsere Zweizimmerwohnung beherbergte.

1959, ein Jahr vor meiner Geburt, war mein Vater Günther Galle in den Norden der DDR, oder wie hinter vorgehaltener Hand immer gesagt wurde, ins Land der drei Meere versetzt worden. Wald Meer, Land Meer nix Meer. Durch eine weitere Versetzung landeten wir dann in der Uckermark, in Prenzlau, einer Garnisonsstadt.

Anschwimmen sollte ich in der Uckermark gegen vieles. War der Linseneintopf doch erst der Anfang. Warum meine Mutter jedoch gegenüber unseren, wie ich fand, netten Nachbarn regelmäßig das Kriegsbeil ausgrub, war mir schleierhaft. Das Bad wurde gemeinschaftlich genutzt, da konnte Mutti noch so zetern. Erstritt dem System letzendlich aber doch einen Badeinbau mit Badeofen und Badewanne in der überdimensionalen Küche ab.

Nachdem wir Kinder zu viert waren, stiefelte Mutti mit ihrem ganzen Schwergewicht zu Frau Tomaschek und trotzte ihr eine größere Wohnung ab. Nicht nur aus Muttis Mund sollte jener, für die Wohnungszuweisungen verantwortlichen Genossin im Laufe ihrer Dienstjahre mehrmals ein kräftiger Sturm ins Gesicht blasen. Beengte Wohnverhältnisse passten nicht in ein sozialistisches Vorzeigeland, und das ließ meine Mutter das „Amt für Wohnungswirtschaft“ in Prenzlau deutlich wissen.

(Mit vier Kindern galt man als „kinderreich” und hatte Anspruch auf mehr Wohnraum.)

Mit neuer Anbauwand (Pöhl) aus landeseigener Produktion und ansonsten spärlichem Mobiliar wurde mit Hilfe der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) der Umzug in die grosse „dreieinhalb“ Zimmer-Wohnung gemeistert. Beisammen, und nun mit vier Kindern saß unsere Familie in der Wohnung am Igelpfuhl 6, dem neu erschlossenen DDR Vorzeigeprojekt mit eigentlich vier Zimmern, Balkon, Küche und Bad, zwar mit Ofenheizung und nicht besonders isoliert, dennoch perfekt für eine kinderreiche Familie. Auch in dieser Wohnung verbrannte mein Vater Pakete, die uns über seine Mutter aus Belgien erreichten. Regelmäßig schickte Vaters jüngerer Bruder Hubert diese an Oma Emma in Dahlen bei Leipzig, die wiederum den Inhalt wie Kakao und Schokolade an uns Kinder in Prenzlau weiterleitete. Vati bekam all dies in die Finger und wollte nichts davon wissen. Er hasste seinen Bruder Hubert. Sprach seit Jahren kein Wort mit ihm. War dessen Republikflucht aus der DDR es doch gewesen, die Vaters Höhenflug bei der Volksarmee den Garaus gemacht hatte. Ein Studium in Moskau, im Herzen des Großen Bruders, hatten die Obrigen meinem fanatisch systemtreuen Vater angedeihen lassen wollen – einem einfachen Arbeiter, einem geflüchteten Schorsteinfeger aus Priborn in Schlesien.

(Nach dem Mauerfall war Onkel Hubert einmal da. Ein „herzlicher Umgang” sieht anders aus. Mein Vater konnte und wollte nicht verzeihen.)

Der Kommunismus war Vaters Religion. Zu 120%. Da gab es nichts. Meine Mutti und mein zwei Jahre älterer Bruder Michael begleiteten Vati also zum Flughafen, küssten ihn zum Abschied, sahen meinen Vater die Kontrollen passieren und in Richtung Gate verschwinden, als draußen eine Limousine hielt. Zwei Männer stiegen aus, durchquerten das Terminal, hakten meinen Vater auf dem Flugsteig unter und bogen kurz vor dem Start der Moskauer Maschine mit ihm ab.

„Genosse Günter Galle“, klärten die Stasi-Männer meinen Vater auf. „Wussten Sie, dass Ihr Bruder Hubert Republikflüchtling ist? Er konnte aufgegriffen werden. Allerdings hat Ihre Mutter, da Ihr Bruder erst siebzehn ist, einer Rückführung nicht zugestimmt. Das war uns bisher entgangen. Sie werden sicher verstehen, dass Ihr Studium in Moskau unter diesen Umständen nicht wie geplant stattfinden kann.“

Mein Vater nahm es hin. Etliche Verhöre folgten, er ballte die Faust in der Tasche. Konnte die Begründung dank seiner närrischen Systemtreue tatsächlich akzeptieren und hasste meinen Onkel, der in Belgien blieb und der Fremdenlegion beitrat, umso mehr.

Wieder rupfte Vati vor unserem Ofen einige Quadratzentimeter aus dessen Päckchen, knüllte alles zusammen und warf es ins Feuer. Nicht nur wollte er von seinem Bruder nichts wissen. Auch die vor unseren Augen verglühenden, im ausbeuterischen Kapitalismus produzierten Geschenke wollte er nicht in der Wohnung haben. Die Flammen loderten, „die DDR“, so Vati, „lebe hoch!“ Welch Genugtuung für seine Seele.

(Mein Vater war mit seiner Mutter Emma und den Geschwistern nach Kriegsende aus Prieborn in Schlesien vertrieben worden. Sein Vater galt als im Krieg verschollen, so dass wiederum mein damals fünfzehnjähriger Vater gezwungen war, die Familie mit zu ernähren. Diese landete damals in Dahlen in Sachsen. Es muss, nachdem Generationen in Schlesien gelebt hatten, sehr schwer gewesen sein, alles hinter sich zu lassen, nur mit dem Nötigsten zu flüchten. Womöglich erklärt das auch, dass mein Vater für Heimatgefühle absolut kein Verständnis aufbringen konnte. Ich denke, dass meine Mutter sehr darunter gelitten hat, ihr geliebtes Dresden später kaum noch besuchen zu können.)

Andere Verwandte im Westen hatten wir nicht. Waren auf die DDR-Warenwelt angewiesen, in der unsere Mutter ein erstaunliches, mir ganz und gar zum Vorbild gereichendes Netzwerk unterhielt. Wollte ich spæter für meine eigenen Kinder Bananen haben, gab es auch Bananen. Und gleich eine ganze Kiste. Ebenso verhielt es sich mit den heißgeliebten „Negerküssen“, nicht zehn Stück, nein, ein Karton mit sechzig Küssen musste es sein.

„Iss endlich, Ramona“, drängelte Mutti mich als Kind erfolglos selbst mit Köstlichkeiten und machte sich offenbar Sorgen. Denn schon als eineinhalbjähriges Mädchen hatte ich mich beinahe für alle Zeiten aus unserem sozialistischen Dasein verabschiedet. War es doch ein Teekännchen gewesen, das ich mit größtem Interesse vom Kohleherd gezogen hatte, um im nächsten Moment meinen halben Oberkörper unter dem kochenden Wasser verbrennen zu sehen.

Mutti eilte herbei, riss mir den Wollpulli vom Leib und große Hautfetzen gleich mit. „Mehr als dreißig Prozent“,die Ärzte im Pasewalker Krankenhaus waren voller Sorge, ein so großer Anteil meiner Haut war von den Verbrennungen zerstört.

Ihre Stimmen klangen für mich wie ein Todesurteil. „Die kleine Ramona wird das wohl nicht überleben“, wurde geflüstert. Aber ich widersetzte mich dem Tod da schon ebenso erfolgreich wie später dem Linseneintopf!

Fragte aber gerne manchmal nach, wie es zu meinem Unfall überhaupt habe kommen können.

„Da warst eben zu neugierig“, sollte ich lernen, dass alles sei meine eigene Schuld.

Vertuschung, im Großen oder Kleinen, beherrschten fast alle in der DDR.

„Iss endlich“, ließ Mutti nicht locker und schob mir ein hübsch mit Petersilie bestreutes Butterbrot unter die Nase. Ich betrachtete es und erträumte mir in diesem Moment, was ich so oft dachte.

„Wenn ich groß bin“, lag das gewaltige Brot vor mir, „möchte ich einen Mund wie die Erwachsenen haben und ‘ne Stulle mit drei Hapsen essen können.“

Darauf freute ich mich, während der klebrige Brotteig in meinen Wangen immer mehr wurde. War mir doch das Essen einer solchen Brotscheibe als Kind einfach zu langwierig und anstrengend. Lieber ließ ich mir den Wind der Uckermark oder die DDR-Hymne durchs Gerippe wehen. Oder hängte mir, wie später im Schulhort, ein Schild um den Hals, das nach langem Gezeter endgültig klarstellen sollte, was ich niemals anrühren würde:

„Ich esse keinen Milchreis!“

(Selbst bei meinen zahlreichen Besuchen in Dresden bei meiner „blonden Oma”, der Mutter meiner Mutter, und meiner Lieblingstante Rosi stemmte ich mich gegen Mahlzeiten, die ich nicht mochte oder kannte. Was sich damals für mich als Strafe anfühlte, dieses ewige Essen, ist heute für mich Genuss. Was mir nicht schmeckt, fliegt kommentarlos in die Tonne.)

Alle Welt konnte das lesen und die Erwachsenen werden gewusst haben: Ramona & die DDR, das ist eine heiße Mischung. Schauen wir also, wie alles von statten ging.

Mit dem Fahrrad am Uckersee. Ich habe das gehasst

Mit meinem Bruder Michael

Meine Oma, meine Großtante und mein Bruder Michael, 1959

Mein Bruder Michael und ich

Toplader

Ein herrlicher Morgen am Uckersee. Mutti holte Schwung, platzierte ihre stolzen 150 Kilogramm auf dem Fahrradsattel und gondelte mit dem aufjaulenden Gefährt tatsächlich recht sportlich die vier Kilometer zur Arbeit.

(Meine Mutter brachte ein für Ostzeiten beachtliches Gewicht auf die Waage. Trotzdem war sie beweglich wie ein Wiesel. Das habe ich immer bewundert.)

Als Küchenchefin im „Schuppen“, dem Hotspot für Disko, Tanz und Feierlichkeiten bis 500 Personen, war sie eine Wucht, hielt Kontakte bis ins „Weiße Haus“ und konnte schlichtweg alles organisieren. Vati, ging er nicht seiner Arbeit bei der paramilitärischen Gesellschaft für Sport und Technik (GST) nach, richtete wöchentlich die Speichen von Muttis Drahtesel.

(Zu DDR Zeiten war es eher ungewöhnlich, Menschen mit derart viel Übergewicht zu begegnen. Aber schließlich wurde meine Mutter mit Kindermädchen-Spargelköpfchen großgezogen – die Zeiten hatten sich geändert.)

Ein tolles Zusammenspiel waren Mutti und mein Vater.

Ohne mich indes wäre alles auseinandergeflogen. Nicht nur hingen mir meine drei und fünf Jahre jüngeren Geschwister Karsten und Birgit nach der Schule immerzu auf der Pelle, sie mussten morgens gebracht und nachmittags von den Einrichtungen abgeholt werden.