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Aufgeschrieben wurde die Geschichte eines Lebens. Es begann kurz vor dem Ausbruch des 2. Weltkrieges. Kindheitserinnerungen - als Halbwaise - an die Zeit, als der Krieg an seinen Ursprungsort zurückkehrt. Der Schulbesuch während der Zeit des Dritten Reichs und in der Nachkriegszeit im Ostteil Deutschlands. Ein Leben als gelernter DDR-Bürger. Die Anpassung an die Lebensverhältnisse und das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern zieht sich als roter Faden durch die Schilderung. Das Leben als Jungerwachsener bringt neue Herausforderungen und das Ende der familiären Geborgenheit.
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Prolog
1 Ein Blick zurück in die Kindheit
- Das Jahr 1937
- Die Familie wächst
- Bevor es richtig beginnt – ist es schon vorbei
- Der Umzug
- Lernen, lernen, und nochmals lernen...
- Kaputte Kindheit
2 Der Lauf des Lebens
-Die Lehrjahre sind keine Herrenjahre
- Erste Liebe
– Aeroclub- oder ein scharfer Schnitt
Anhang: *Begriffserläuterungen
In Arbeit befinden sich:
In Fortsetzung von >Angepasst< Erstes Buch.
Zweites Buch
Prolog
1 Der Bürger in Uniform
- Soldat mit Familie
- Schlussstrich und Neuanfang
2 Zöllner
Anhang: * Begriffserläuterungen
In Fortsetzung von >Angepasst< Zweites Buch
Drittes Buch
Prolog
1 Die Wendezeit
2 Im Unruhestand
Anhang: *Begriffserläuterungen
>Die Erinnerung ist das einzige Paradies,
woraus wir nicht vertrieben werden können. <
-Jean Paul-
Heute ist der letzte Schultag. Ich habe mein Abschlusszeugnis bekommen. Für mich ist es wie erwartet ausgefallen. Ich bin laut Zeugnis guter Durchschnitt. Die Noten entsprechen nicht meinem Leistungsvermögen und spiegeln auch nicht meinen konkreten Bildungsstand wider. Dass das so ist, dafür bin ich ganz allein verantwortlich und stehe auch dazu.
Unser Klassenlehrer verabschiedet uns in ein neues Leben. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt jetzt für uns, sagte er. Von Erwartungen, Aufgaben und Verantwortung, die auf uns warten ist die Rede. Mag ja alles richtig sein, ich bin erst einmal froh, die ungeliebte Schule verlassen zu dürfen. Eigentlich ist es ein Tag wie jeder andere vor den großen Ferien in all den Jahren. Aber neugierig bin ich schon auf das neue Leben als nicht mehr Schulkind.
Ab Herbst werde ich das Maurerhandwerk erlernen. Bis dahin sind es noch circa zehn Wochen. Jetzt wird es erst einmal wie alle Jahre in den Sommerferien sein, ich werde die meiste Zeit in der Landwirtschaft meines Großvaters helfen. Und doch ist etwas anders, ich werde nach dieser Zeit nicht wieder täglich zur Schule gehen müssen. Ein neues mir noch unbekanntes Leben als Lehrling erwartet mich. Soll ich mich nun darüber freuen? Ich weiß es nicht. Und so genau weiß ich ja auch nicht was mich erwartet. Was bedeutet es, ein neue Lebensabschnitt steht dir bevor?
- Wie wird er werden, dieser neue Lebensabschnitt?
- Wenn es einen neuen Lebensabschnitt gibt, dann gibt es auch einen alten Lebensabschnitt.
- Wie war dieses alte Leben? Ob es sich lohnt mal darüber nachzudenken?
Ich will es tun. Ich wage einen Blick zurück in die Vergangenheit. Doch, hierzu merke ich noch an, nicht alle Erinnerungen beruhen auf bewusst erlebte Ereignisse. Einiges habe ich von meiner Mutter und in Gesprächen mit meinen Geschwistern erfahren.
***
Chronisten ist es zu verdanken, dass ich heute weiß, was in der Welt geschah, als ich noch nicht lebte oder noch zu jung war, die Ereignisse bewusst zu erfassen. Deshalb lasse ich einen Chronisten zu Worte kommen, und einen Blick auf den Monat Juni des Jahres 1937 werfen, in dem ich das Licht der Welt erblickte.
>>> Der Juni 1937 war ein warmer und trockener Monat. Die durchschnittliche Temperatur betrug 18, 1° Grad und die Niederschlagsmenge nur 46 mm. Die westeuropäische Öffentlichkeit reagierte mit Bestürzung auf die unerwarteten Maßnahmen von KPdSU-Chef Josef W. Stalin gegen hochrangige Angehörige des sowjetischen Militärs. In einer blutigen Säuberungsaktion ging Stalin gegen führende Armeeangehörige und Kritiker vor. Auf die Entwicklung in Deutschland reagierte die westliche Öffentlichkeit weniger kritisch. Deutschland betrieb unverhohlen seine Kriegsvorbereitungen. Die Kritiker des Kriegskurses wurden ausgeschaltet. Das Propagieren einer primitiven Rassentheorie, wonach der Arier der Idealtyp sei, war die Grundlage für die Verfolgung, Vertreibung und Ermordung von politischen Gegnern, Juden, Sinti, Roma und andere, aus Sicht der Nationalsozialisten, nicht lebenswerten Menschen. In Deutschland betrug der Stundenlohn eines Arbeitnehmers im Durchschnitt 0,78 Reichsmark*. Die Preise für die Grundnahrungsmittel waren wie folgt: 1 kg Butter kostete 2,96, 1 kg Mehl 0,47, 1 kg Fleisch 1,60, 1 Liter Vollmilch 1,23, 1 Ei 0,10, 10 kg Kartoffeln 0,90, und 1 kg Kaffee 5,33 Reichsmark. <<<
So oder ähnlich ist es in Geschichtsbüchern oder Chroniken nachzulesen. Die folgende Geschichte nicht. Deshalb habe ich sie aufgeschrieben.
Alles im Leben hat ja seine Vorgeschichte. Was meiner Geburt voraus ging erzählte mir meine Mutter. Sie und mein Vater kannten sich von Kindheit an.
Während der gemeinsamen Schuljahre wurden aus Freundschaft Jugendliebe und im Laufe der Zeit tiefe Zuneigung. Es vergingen immerhin noch neun Jahre bis zu ihrer Heirat. Das war dann auch der Maßstab, den Mutter später anlegte, wenn es um die Beziehungen ihrer Kinder zum anderen Geschlecht ging.
Seine Eltern kann sich bekanntlich keiner aussuchen. Das war schon immer so. Meine Eltern kamen aus einfachen Verhältnissen - wie es landläufig hieß. Von ihren Elternhäusern war deshalb eine materielle oder gar finanzielle Unterstützung bei der Familien- und Haushaltsgründung nicht zu erwarten. Ihre Aussteuer mussten sie sich selbst erarbeiten. Ich wurde folglich nicht mit einem >goldenen Löffel im Mund<* geboren. Darüber war und bin ich nicht traurig. Denn, was viel wichtiger war, meine Eltern waren verantwortungsbewusste und kluge Menschen, die sich stets um das Wohl und Wehe ihrer Kinder sorgten.
Vater arbeitete als Maurer auf dem Bau. Mutter war bis zu meiner Geburt auch berufstätig. Unter anderem arbeitete sie als Haushaltshilfe im Forsthaus beim Oberforstmeister. Sie war in >Stellung<. So nannte man es zu dieser Zeit, wenn junge Mädchen im Haushalt besser gestellter Familien arbeiteten und dabei fürs Leben lernten. Für ein Mädchen, das nicht aus begüterten oder privilegierten Verhältnissen kam, war es schon ein Glück, so eine Stelle zu bekommen.
Das mit dem Lernen fürs Leben war wohl auch tatsächlich so. Oft fügte Mutter ihren haushaltstechnischen Erläuterungen ein: so habe ich es bei Frau Oberforstmeister gelernt, an. Die Jahre im Haushalt des Oberforstmeisters zählten wohl zu den glücklicheren in ihrem Leben. Trotzdem beendete sie diese Tätigkeit früher als geplant und nahm eine Anstellung im ortsansässigen Wellpappenwerk an. Sie fühlte sich in ihrem Selbstgefühl verletzt, weil Frau Oberforstmeister partout die Hochzeit der jungen Leute ausrichten wollte. Fleißig hatte das Paar für die Aussteuer gearbeitet. Jeder Pfennig, der sich erübrigen ließ, kam auf die hohe Kante - wurde gespart. Und die beiden waren sehr fleißig. Unter anderem ging Mutter heimlich, denn Vater war dagegen, Spargelstechen und anderen Nebenbeschäftigungen nach. Da kam noch so manche Sparmark hinzu. Ein komplett eingerichteter und gut ausgestatteter Haushalt war das Ergebnis ihrer Bemühungen. Zu Recht waren beide darauf sehr stolz.
Denn, so selbstverständlich war dies zu damaliger Zeit nicht.
Als das Nest gebaut war, wurde schnell geheiratet. Nachwuchs hatte sich angekündigt. Das Kind sollte nicht in Schande geboren werden. Ja, so war das damals. Unehelich geboren war so viel wie asozial.
Heute schert sich kaum noch jemand darum, wenn ein Kind vor der Hochzeit geboren wird. Manche Eltern heiraten erst viel später oder nie. Sie lassen sich von praktischen Dingen leiten und nicht von der öffentlichen Meinung. Aber, in manchen Dingen dachte man auch schon damals praktisch. Und so wurde im November 1936 eine Doppelhochzeit gefeiert. Mutters Schwester Käthe und ihr Schatz gaben den anderen Part. Das war zwar praktisch, aber führte leider zu einem folgenschweren Zeitverzug. Wegen Mutters Schwangerschaft sollte eigentlich viel früher geheiratet werden. Der Zeitverzug rächte sich dann auch. Und es kam, wie es kommen musste. Dem Pfarrer war es nicht verborgen geblieben, dass die Braut schon neues Leben unter dem Herzen trug. Für ihn lag hier ein Sündenfall vor. Ein Sündenfall, der durch ihn, den Stellvertreter Gottes auf Erden, geahndet werden musste. Die Strafe war für diesen Fall exemplarisch festgelegt. Die sündige Braut durfte nicht, wie traditionell üblich, im weißen Brautkleid und mit geschlossenem Brautkranz vor den Altar treten. Also wurde im schwarzen Brautkleid und mit offenem Brautkranz geheiratet. Für den Bräutigam war seltsamerweise keine derartige Sanktion vorgesehen. Er durfte sich bei der kirchlichen Trauung in der üblichen Kleidung schämen.
Mit einem Augenzwinkern möchte ich hier anmerken:
Vielleicht liegt ja in meiner von Gott nicht abgesegneten Zeugung auch der Grund dafür, dass ich mit der Kirche und allem Religiösem schon frühzeitig meine Probleme hatte.
Dann war es so weit. Ich wurde als Sohn eines Maurers und einer Hausfrau geboren. Mein Geburtshaus steht in einem Ort mit über tausend Einwohnern, an der Bahnstrecke Berlin – Jüterbog und der Fernverkehrsstraße von Berlin nach Dresden. Die Eltern bewohnten im Dachgeschoss des Hauses, Feldstrasse 6 in Woltersdorf eine kleine Einliegerwohnung.
Die Geburt eines Kindes erfolgte damals in der Regel zu Hause. Die Hebamme wurde gerufen, wenn die Geburtswehen einsetzten. Sie stand der werdenden Mutter zur Seite und versorgte das Neugeborene. Auch ich kam auf diese natürliche und traditionelle Art und Weise, der sogenannten Hausgeburt, auf die Welt. Sie nannten mich Otto, Franz, Ernst. Otto, nach Vaters jüngerem Bruder. Ihn hatte während der Arbeit im Gewitterregen ein Blitz erschlagen. Was mich, als ich es später erfuhr, etwas skeptisch in die Zukunft blicken ließ. Franz, der Großvater mütterlicherseits und Ernst, ein Onkel väterlicherseits, waren meine Taufpaten. Sie, die Paten, sollten meinen Eltern bei meiner christlichen Erziehung zur Seite stehen. Was, wie ich bereits angemerkt habe, gründlich danebenging.
Der Tag meiner Geburt war ein Montag. Ein Sonntagskind bin ich also nicht. Es soll gegen vier Uhr in der Frühe gewesen sein, als ich das Licht der Welt oder es mich erblickte. Ob dieser Umstand Einfluss auf meinen späteren Tagesrhythmus gehabt hat? Ich weiß es nicht. Jedenfalls bin ich noch heute ein Frühaufsteher. Eine Lerche – wie ein Frühaufsteher landläufig bezeichnet wird. Den Lerchen sagt man ja nach, sie seien wahre Glücksbringer. Denn, wer sie in der Frühe singen hört, dessen Tagwerk ist bald vollbracht. Sagt der Volksmund. Meinen Eltern hat meine Geburt bestimmt Glück bedeutet. In meinem späteren Leben bin ich dem Anspruch als Glücksbringer wohl nur unvollkommen gerecht geworden.
***
Nach dem im Herbst 1938 mein Bruder Richard geboren wurde, widmete sich Mutter ganz der Pflege und Erziehung ihrer Söhne. Vater ging weiter auf den Bau, um die finanzielle Grundlage für den Unterhalt der Familie zu sichern. Er musste aber bald erfahren, dass dies auf dem Bau damals nicht so einfach war. Das Baugewerbe war ein Saisongeschäft. Im Winter war kaum Arbeit vorhanden. Da in dieser Jahreszeit aus technologischen Gründen der Baubetrieb ruhte, reagierte der Bauunternehmer auf seine Weise. Zum Winterbeginn wurden die nicht benötigten Arbeiter entlassen und ihm Frühjahr, entsprechend des Bedarfes, wieder eingestellt. Das war zu dieser Zeit üblich und rechtens. Vater traf es besonders hart. Er hatte sich, wohl in seinem jugendlichen Übermut und auf Grund eines bei ihm stark ausgeprägten Gefühls für Gerechtigkeit, bei der Gewerkschaft wegen nicht gezahlter weniger Pfennige Lohn beschwert. Fortan war er einer der ersten Maurer, die im Herbst entlassen und einer der letzten die im Frühjahr wieder eingestellt wurden. Das passte nun so gar nicht in die Pläne des jungen Paares. Guter Rat war teuer. Doch wie so oft im Leben, wenn die Not am größten ist, findet sich eine Lösung des Problems. Deutschland steckte tief in den Kriegsvorbereitungen und so bot sich eine Arbeit auf dem Schießplatz der Wehrmacht. Sie war zwar auch vom Wetter abhängig, doch anders als auf dem Bau hatte sie hier immer Saison. Wetter ist ja immer. Und so begann Vater eine Tätigkeit beim Wetterdienst auf dem Schießplatz-Kummersdorf. Das hatte noch einen angenehmen Nebeneffekt. Er reiste durch halb Europa und lernte so die Nordsee mit ihren Ost- und Nordfriesischen Inseln, die Ostseeküste, die Alpen, die Schweiz und viele andere Orte kennen. Im Freundeskreis fand er dankbare Zuhörer für seine, mit großer Begeisterung vorgetragenen, Erlebnisberichte. Und es war beschlossene Sache, er würde die schönsten Orte einmal mit der Familie bereisen.
Einiges von seinen Reiseandenken treibt sich noch heute in der Verwandtschaft herum. In einer mit Muscheln besetzten Schatulle bewahre ich meine Krawattennadeln, Manschettenknöpfe und anderen Kleinkram auf.
Aber es kam anders als gedacht. Aus den Reisen mit der Familie wurde dann doch nichts. Die Reiseziele für deutsche Männer hatten sich von Staats wegen geändert. Aber im Frühjahr 1939 war die Welt für unsere kleine Familie noch in bester Ordnung. Im Zusammenhang mit Vaters Arbeit auf dem Schießplatz bekamen wir eine Wohnung an seinem Arbeitsort. Gut so, denn die bisherige Wohnung war nun für die Familie mit zwei heranwachsenden Kindern viel zu klein. Wir bezogen die Hälfte eines Zweifamilienhauses, in einer neu erbauten Arbeitersiedlung am Rande des militärischen Versuchsgeländes >Schießplatz-Kummersdorf<*.
Inmitten der märkischen Heide auf märkischem Sand standen die Häuser. Solide gebaut, mit Keller, zwei Zimmern und großer Wohnküche im Erdgeschoss, sowie zwei Zimmern im Dachgeschoss. Das war genügend Wohnraum, wenn auch bescheiden in der Ausstattung. Immerhin gab es fließend Kaltwasser und eine Waschküche mit Waschkessel und eingebauter Toilette in Form eines Torfklossetts -umgangssprachlich auch >Plumpsklo<* genannt. Ein kleiner Anbau als Abstellraum vervollständigte das Ganze. Hinter dem Haus befand sich ein Garten für den Gemüseanbau und die Kleintierhaltung. Vor dem Haus war Platz für einen Vorgarten. Das Ganze war mit einem Holzzaun umgeben, damit kein ungebetener Gast den Frieden stört. Direkt am Waldrand gelegen, waren wir eins mit der Natur. Nette Nachbarn hatten wir auch, wie sich bald zeigte. Zu den linken Nachbarn, Familie Tininus, entwickelte sich eine herzliche Freundschaft, dessen Wert sich in den noch bevorstehenden schweren Zeiten ein um das andere Mal beweisen sollte.
Nachdem die Reste des früheren Waldes entfernt waren, wurde mit dem Anlegen eines Hausgartens begonnen. Hier hatte ich meine erste Begegnung mit einer Schlange. Es soll eine Kreuzotter gewesen sein. Von Vater und Nachbar Tinius als giftig und damit gefährlich eingestuft, wurde sie vorsorglich mit einem Spaten erschlagen. Frösche, Eidechsen und Blindschleichen gab es auch. Sie wurden als für Menschen ungefährlich eingestuft und durften als Nützlinge im Garten bleiben. Auf dem kargen Sand gediehen im ersten Jahr nur mäßig Gemüse und Blumen. Doch der durch die Kaninchen- und Hühnerhaltung anfallende Dung führte mit der Zeit zur Bodenverbesserung und somit zu besserem Wachstum bei den Pflanzen. Auch der Vorgarten wurde, wie wir fanden, zu einem der schönsten in der Siedlung. Die Kleintierhaltung spielte eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Lösung der Ernährungsfrage. Sie sicherte uns so manchen Sonntagsbraten. Auch von den Regierenden war sie als sinnvoller Beitrag zur Sicherung der Volksernährung erkannt worden. Wir lagen also voll im Trend, würde man heute sagen. Der sichtbare Erfolg führte dann fast zum Übermut. Es wurde der Versuch unternommen, ein Schaf zu halten. Zum Glück verlief dieses Experiment aber nicht zufriedenstellend. Wer weiß, wo das Ganze sonst noch hingeführt hätte. Da es für das in größeren Mengen anfallende Kaninchenfleisch, noch keine Möglichkeit zum Einfrieren gab, wurde Wurst gemacht und eingeweckt.
Oft gab es sonntags Kaninchenbraten. Durchaus ein Luxus, den sich nicht viele Familien in unserer Nachbarschaft leisten konnten. Mutter nutzte die Gelegenheit, ihren Söhnen so genannte gute Manieren beizubringen. Das hieß für uns, mit Messer und Gabel essen, gerade sitzen, Serviette anlegen und die Ellenbogen am Körper halten. Uns Knirpsen viel das nicht leicht. Bruder Richard würzte sein Essen oft mit Tränen nach. Da uns das mit den Ellenbogen schwergefallen ist, wurden uns Zeitungen unter die Arme geklemmt. Die Zeitungen fielen zu seinem Kummer aber immer wieder herunter. Irgendwann hat er es dann aber doch noch geschafft. Die Grundlagen für ein rundum glückliches Familienleben, so schien es, waren gegeben. Die Eltern fanden, dass es ihnen gut ging, und waren sich einig, ein Mädchen wäre schön für die Familie. Eigentlich sollte Bruder Siegfried schon ein Mädchen werden. Dass er diese Erwartung nicht erfüllte, wurde nicht als Unglück angesehen. Sie waren trotzdem glücklich und bald war ein weiteres Kind unterwegs. Vielleicht wird es ja diesmal ein Mädchen.
Wenn nicht auch nicht tragisch. Die kleine Familie hätte glücklich in die Zukunft blicken können. Doch seit 1939 führte Deutschland Krieg gegen seine Nachbarn. Noch, bevor der neue Erdenbürger, es war tatsächlich ein Mädchen im Frühjahr 1942 das Licht der Welt erblickte, musste Vater >für Führer, Volk und Vaterland< in den Krieg. Wie schon erwähnt, die Reiseziele für deutsche Männer hatten sich geändert.
Mutter hatte uns Jungen erzählt, dass wir bald ein Geschwisterchen bekommen würden. Noch sei es in ihrem Bauch. Das war für mich eine aufregende Sache. Auch zeigt es deutlich, wie modern unsere Mutter bereits damals dachte, denn eigentlich war die Schwangerschaft für Kinder noch ein Tabu. Ich jedenfalls war sehr gespannt, wie es weiter gehen würde.
Als es dann so weit war, kam es doch sehr überraschend für mich. Schon wie wir beiden Jungs, sollte auch der neue Erdenbürger per Hausgeburt geboren werden. Da wir dabei ohnehin nicht helfen konnten, nahm uns unsere Nachbarin, Frau Linus, in Obhut. Sie erzählte uns vom Storch, der das Baby gebracht und unserer Mutter ins Bein gebissen habe. Ich verstand die Zusammenhänge nicht. Was sollte denn auf einmal der Storch bei der Geburt? Mutter hatte uns doch etwas ganz anderes erzählt. So sorgten Mutters zaghafter Aufklärungsversuch und die Erklärung der Nachbarin für Verwirrung bei mir.
Unbedingt wollte ich dann auch den Storchenbiss sehen. Zum Glück kam >Große Oma<, die Mutter unseres Vaters, zur Betreuung von Mutter und Kind. Das setzte der Fragerei vorerst ein Ende. Zur Erklärung sei noch angefügt, neben der Großen Oma gab es noch die >Kleine Oma< mütterlicherseits. Kleine Oma spielte in meinem weiteren Leben die größere Rolle, wie noch zu lesen sein wird.
Im Zusammenhang mit der Geburt gab es noch andere Aufreger. Als wir beim Windelwechsel zusehen durften, war ich über den Windelinhalt ganz schön erstaunt.
Sah der nicht aus wie Mostrich? Nur, er roch ganz anders. Ein schlimmer Verdacht beschlich mich trotzdem. Einen Namen für den Nachwuchs, wenn es denn ein Mädchen werden sollte, hatten die Eltern schon ausgesucht. Man hatte sich auf Käthe geeinigt. Im Juli 1942 bekam Vater den lange ersehnten Urlaub und konnte seine Tochter in den Arm nehmen. Die Familie war für kurze Zeit wieder vereint.
Die Erinnerungen an meinen Vater sind zwar nur bruchstückhaft, aber sehr bildhaft. Mutter wunderte sich ein um das andere Mal darüber, wie weit meine Erinnerungen reichten. Gut erinnere ich mich an Fahrten, die Vater auf seinem Fahrrad mit mir unternahm. Da war ich wohl so zwei bis drei Jahre alt, sagte Mutter. Ich saß immer auf einem Kindersitz in Fahrtrichtung vor meinem Vater. Wir waren zu unserem Geburtsort geradelt, um die Großeltern und Freunde der Eltern zu besuchen. Auf der Rückfahrt machte Vater in Luckenwalde einen Halt. Wir besuchten >Bouletten-Schulze<, eine Gaststätte am Markt und aßen eine Spezialität des Hauses, Pferdebouletten.
