ANGERO - Juergen von Rehberg - E-Book

ANGERO E-Book

Juergen von Rehberg

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Beschreibung

Ein 16-jähriger Junge verlässt - nach dem Tod seiner Mutter - den gewalttätigen Vater, um nach einem Meister Shiwon zu suchen, von dem er weder weiß, wie er aussieht, noch wo er ihn finden kann. Seine Suche bringt ihn zu einer Taekwondo-Schule, wo er beginnt diese Kampfkunst zu erlernen. Durch widrige Umstände landet er für viele Jahre unschuldig im Gefängnis. Dort vervollkommnet er seine Fertigkeiten. Aus der Bahn geworfen durch diese Erfahrung, tritt er auf Jahrmärkten gegen Bezahlung als Kämpfer auf, bis er eines Tages durch einen alten Freund wieder zurückfindet. In seiner alten Schule wird er mit einer Wahrheit konfrontiert, welche ihm sein ganzes bisheriges Leben verborgen geblieben war.

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Ich widme dieses Buch Angelika Rohrhofer, einer Schülerin der YOUNG-UNG Taekwondo - Schule in Krems, und meiner Muse bei der Erstellung dieses Buches.

Inhaltsverzeichnis

Erster Tag in der Taekwondo-Schule

Der erste Trainingstag

Blocks und Sogis

Hyongs

Chagi

Die Prüfung

„Wo sich Ungerechtigkeit zeigt, werde ich sie mit meinen Händen schlagen und mit meinen Füßen zertreten.“

Diesen Leitsatz hatte sich Angero auf sein Lebensbanner geschrieben. Er war viele Jahre ein Phantom, von dem niemand wusste, wie er aussah und woher er kam.

Angero hatte Taekwondo, diese alte Kampfsportart von einem koreanischen Meister gelernt. Es ist eine Kampftechnik, die sich aus Fußtechnik (tae), Handtechnik (kwon) und Weg (do) zusammensetzt.

Über viele Jahre hindurch hatte Angero sich dem Ziel genähert, seinen Kampfstil zu vervollkommnen, und darüber hinaus nie den Eid vergessen, welcher einst von General Choi Hong-hi, seinem Begründer, aufgestellt worden war:

Die Einhaltung der Grundsätze des Taekwondos

Ye-Ui,

die Höflichkeit

Yom-Chi,

die Integrität

In-Nae,

das Durchhaltevermögen, die Geduld

Guk-Gi,

die Selbstdisziplin

Beakjul-bool-gul,

die Unbezwingbarkeit

Den Trainer und alle Höhergestellten zu achten.

Taekwondo nie zu missbrauchen.

Einsetzen für Freiheit und Gerechtigkeit.

Mitarbeit bei der Schaffung einer friedlicheren Welt.

Was diesen Eid betraf, so konnte sich Angero mit dem härenen Ziel des Schaffens einer friedlicheren Welt nie wirklich identifizieren.

Er begnügte sich stattdessen damit, in sich selbst Frieden zu schaffen; denn gegen die Übermacht menschlicher Dummheit, komplexbeladener Politiker und deren Arroganz anzukämpfen, dazu hätten selbst alle Taekwondo-Kämpfer der Erde keine Chance gehabt.

Angero war 16 Jahre alt, als er von zuhause weglief. Sein Vater war ein Trinker und ein Raufbold. Er arbeitete als Knecht bei einem Bauern, und seinen kargen Lohn setzte er in Alkohol um.

Wenn er betrunken nach Hause kam, wurde er immer wieder handgreiflich. Sein menschliches Versagen, in Verbindung mit einer gewaltigen Portion Selbstmitleid, ließen ihn seine Hand wider Ehefrau und Sohn erheben.

Angero versuchte sich schützend vor seine Mutter zu stellen, war aber dem Vater körperlich unterlegen. Seine ohnmächtige Wut und der Hass auf seinen Vater ließen ihn viele Tränen vergießen.

Es war die Mutter, welche ihren kleinen Angero tröstend in die Arme nahm. Sie war es auch, die Angero davor bewahrte, einen Dolch in die Brust des Vaters zu stoßen, als dieser eingeschlafen war.

Angero sah seine Mutter niemals weinen. Sie trotzte den körperlichen und seelischen Schmerzen, indem sie ihre Gefühle und Gedanken ihrem Gott anvertraute.

Sie verdiente sich ein bisschen Geld mit kleineren Näharbeiten, um damit Nahrung beschaffen zu können; denn das Wenige, das der Vater manchmal nach Hause brachte, reichte hinten und vorne nicht.

Als sie im Sterben lag, gab sie Angero ein kleines Amulett. Es war kreisrund, aus Elfenbein geschnitzt, und stellte die „Blume des Lebens“ dar.

Die „Blume des Lebens“ ist ein uraltes Symbol der heiligen Geometrie und ist Sinnbild für Unendlichkeit und vollkommene Harmonie.

Angero hatte dieses Amulett noch nie zuvor bei seiner Mutter gesehen. Als sie ihm dieses kostbare Geschenk übergab, sagte sie ihm folgende Worte:

„Mein über alles geliebter Sohn. Ich muss dich jetzt allein lassen, weil mein Lebensweg hier und jetzt zu Ende geht. Er war oft hart und beschwerlich; aber ich bin ihn gern gegangen, weil du da warst.

Sei nicht traurig und hadere nicht mit dem Schicksal. So wahr, wie mein Weg jetzt endet, so wahr beginnt für dich ein neuer Weg. Gehe ihn erhobenen Hauptes und schau nicht zurück.

Und sei frei von Zorn. Er ist dir kein guter Freund. Er ist ein listiger Fuchs, der dich ins Verderben führt. Sei voller Mitleid und Barmherzigkeit, und helfe den Armen und Schwachen.

Ich werde dich auf deinem Weg begleiten, denn ich wohne in deinem Herzen, und ich werde über dich wachen.

Suche nach einem Meister Shiwon, er wird dich in der Kunst des Taekwondo unterrichten. Sei ihm ein gehorsamer und aufmerksamer Schüler.

Zeige ihm das Amulett, dann wird er dich, als seinen Schüler aufnehmen. Und jetzt geh, ohne zu fragen; denn das Leben hat immer mehr Fragen als Antworten.“

Die Mutter von Angero strich ihrem Sohn ein letztes Mal über das Haar und schloss dann mit einem sanften Lächeln ihre Augen.

*****

Als Angero mit seinem neuen Lebensweg begann, empfand er mit jedem Schritt, der ihn immer weiter von zuhause wegführte, eine gewisse Erleichterung in seiner Seele.

Wo bisher ohnmächtige Wut wider den Vater seine Seele vereinnahmt hatte, war jetzt Zuversicht an deren Stelle gerückt. Er wollte das geistige Vermächtnis seiner Mutter in die Tat umsetzen.

Die Suche nach Meister Shiwon sollte sein vordringlichstes Ziel sein. Angero wusste nur, dass er in der Provinz Jeollabuk-do zu finden sei; aber nicht an welchem Ort genau.

Angeros Reise ins Unbekannte begann in einem kleinen Dorf in der Provinz Gyeongsangbuk-do, am Fluss Nakdonggang.

Ein kleiner Rucksack, in welchen er ein paar Kleider, etwas getrockneten Fisch und ein Stück Brot gepackt hatte, war alles, was er bei sich trug.

In seinem Herzen jedoch trug er noch das Bildnis seiner Mutter, und um den Hals das Amulett, das sie ihm gegeben hatte.

Von seinem Vater verabschiedete er sich nicht.

Es war Sommer, und wie immer, um diese Jahreszeit, war es besonders heiß. Gyeongsangbuk-do ist bekannterweise die Heißeste der 8 Provinzen.

Sie grenzt im Osten an das Japanische Meer, und wird größtenteils vom Taebaek-Gebirge im Osten und vom Sobaek-Gebirge im Norden und Westen umgeben.

Angero wäre gern am Naktonggang-Fluss entlanggewandert, aber dieser teilt die Provinz in Nord-Süd-Richtung, und Angeros Zielrichtung wies in den Westen.

Die Hitze um die Mittagszeit war unerträglich, und so beschloss Angero, die Morgen- und Abendstunden zu nützen.

Nach nur wenigen Tagen war sein Essensvorrat aufgebraucht. Er wünschte sich, es wäre schon Herbst, dann könnte er sich an den köstlichen Äpfeln delektieren, einer Spezialität in der Provinz.

Geld hatte Angero keines; aber zwei gesunde Arme und Hände. Es war nicht besonders schwierig, sich für Kost und Logie bei einem Bauern zu verdingen.

Einziger Wermutstropfen dabei war, dass er sich in Geduld üben musste, denn er brannte schon sehr darauf, Meister Shiwon aufzuspüren, um ihm endlich das Amulett zeigen zu können und zu erfahren, was es damit auf sich hatte.

Die Arbeit auf dem Feld war schwer und die Tage waren lang. Am Abend bekam er seine Schale mit Reis, den er gierig verschlang und ein, zwei Äpfel.

Wasser konnte er aus dem Brunnen schöpfen, an dem er sich auch wusch. Seine Bettstatt war ein Lager aus Stroh in einem scheunenartigen Nebengebäude.

Angero blieb zwei Wochen. Danach verabschiedete er sich, um seine Reise zu Meister Shiwon fortzusetzen. In seinem Rucksack hatte er jetzt wieder Lebensmittel für einige Tage.

Schwere Gewitter zwangen ihn immer wieder, Unterschlupf zu suchen. Sie kamen meist über das Sobaek-Gebirge, verbunden mit heftigen Regenfällen.

Es gelang Angero nicht immer rechtzeitig, einen geeigneten Unterschlupf zu finden. So passierte es schon einmal, dass er bis auf die Haut nass wurde.

Das führte dazu, dass er sich eine böse Erkältung zuzog, verbunden mit Schüttelfrost und Fieber. Er erreichte mit letzter Kraft einen Bauernhof und bat um Hilfe.

Der Herr auf dem Hof wollte ihn zunächst verjagen, wurde aber von einer alten Frau daran gehindert. Es war die Mutter des Bauern.

Mit funkelnden Augen und einem Stock, der sie stützte, den sie aber jetzt bedrohlich in die Höhe hielt, wies sie ihren Sohn zurecht, und hieß ihn den Fremden aufzunehmen.

Angero, der schlotternd vor dem herrischen Bauern stand, beteuerte diesem, er würde die gute Tat, sobald er genesen wäre, mit großem Eifer abarbeiten.

Dieses Versprechen und die bedrohliche Geste der alten Frau ließen den Bauern schlussendlich zustimmen. Angero wurde in ein Bett gepackt, und die alte Frau begann sofort die nötigen Maßnahmen einzuleiten, welche für eine rasche Genesung Sorge tragen sollten.

Eine heiße Suppe, Tee aus Heilkräutern, kühle Stirnwickel und die liebvolle Art einer fremden, alten Frau, welche Angero behandelte, als wäre er ihr eigener Sohn.

Angeros Zustand wurde immer bedenklicher. Er fieberte und redete manchmal im Schlaf, und die alte Frau, welche Tag und Nacht an seinem Bett saß, hörte ihm zu.

Als er eines Morgens seine Augen öffnete, sah er in das Gesicht der alten Frau. Ein wunderbares Gefühl von Wärme und Geborgenheit durchströmte seinen Körper.

„Du hast im Schlaf viel geredet“, sagte die alte Frau mit ihren lächelnden Augen, „deine arme Seele muss gerade sehr leiden.“

Angero wusste nicht, ob und vor allem, wie er auf die Bemerkung der alten Frau reagieren sollte. Er beließ es dabei, zu schweigen.

„Hast du auch einen Namen, cheongsonyeon1?“, fragte die alte Frau, und Angero antwortete:

„Ich heiße Kwon Lee.“

„So, so“, erwiderte die alte Frau, „du heißt also Kwon Lee.“

Angero verstand nicht, warum die alte Frau diese Worte mit einem gewissen Unterton zu ihm gesagt hatte. Zur Bekräftigung nickte er vorsorglich noch heftig mit dem Kopf.

Mit dem Namen „Angero“, den ihm seine Mutter als zweiten Vornamen gegeben hatte, hätte die alte Frau ganz sicher nichts anzufangen gewusst.

„Angero“ kommt aus der Sprache der Maori und bedeutet „Wut“.

Vielleicht wollte Angeros Mutter seinem oft überschäumenden Temperament, und der manchmal mit einhergehender Wut, Ausdruck damit verleihen, wenn er vergeblich versuchte, sich dem Vater entgegenzustellen.

Seine Mutter hatte Angero erzählt, dass ihre Großmutter eine Maori gewesen sei, und dass sie eine ganz besondere Frau gewesen wäre.

Und daran musste Angero gerade denken, als er in das Gesicht der alten Frau sah. Um der Situation zu entfliehen, fragte er sie:

„Warum sind Sie so gut zu mir? Warum helfen Sie mir?“

Die alte Frau sagte lange Zeit nichts. Als die fragenden Augen von Angero nicht von ihr abließen, antwortete sie schließlich:

„Warum geht die Sonne jeden Morgen auf?“

Bevor Angero darauf antworten konnte, erhob sich die alte Frau, und mit den Worten „schlaf noch ein wenig“ verließ sie den Raum.

Es dauerte noch gut eine Woche, bis Angero wieder so weit genesen war, dass er sein Versprechen einhalten konnte.

Er führte das Ochsengespann beim Pflügen, half bei der Bohnen- und Kartoffelernte, und obwohl das alles schwere Arbeit war, fühlte er, wie an jedem neuen Tag die Kräfte in seinen Körper zurückkehrten.

Der mürrische Bauer, der ihm anfänglich nicht gesonnen war, hatte sogar begonnen, Gefallen an dem jungen Mann zu finden.

Das führt sogar dazu, dass er Angero anbot, für immer bei ihm zu bleiben, was Angero dankend, aber bestimmt ablehnte.

Nach weiteren Wochen war es dann so weit. Angero nahm Abschied. Besonders schwer fiel ihm der Abschied von der alten Frau. Es fühlte sich an für ihn, als würde er das schützende Dach verlassen, das ihm all die letzten Wochen die Widrigkeiten des Lebens ferngehalten hatte.

„Dann pass gut auf dich auf, Kwon Lee, und erfreue dich an jedem neuen Tag, an dem die Sonne aufgeht.“

Da war er wieder, jener Unterton, der bei der Nennung seines Namens mitschwang, und von dem Angero zu gern gewusst hätte, warum das so war.

Mit seinem voll bepackten Rucksack und dem Gefühl der Zuversicht machte sich Angero auf den Weg in die Provinz Jeollabuk-do, welche durch das Noryong-Gebirge in zwei Hälften geteilt wird.

Die östliche Hälfte ist ein Hochplateau, auf welchem Viehzucht betrieben wird. Der westliche Teil wird durch die Flüsse Somjin, Mankyong, Tongjin und Kum durchzogen.

Die Provinz grenzt im Westen an das Gelbe Meer und in der Küstenebene werden Reis und Baumwolle angebaut.

Eine Frage, welche Angero immer wieder quälte, war das „Warum“ und das „Wo“.

Warum schickte ihn seine Mutter ausgerechnet in diese Provinz, und wo sollte er den Meister Shiwon suchen, von dem Angero ja noch nicht einmal wusste, wie er aussah.

Als er an einem buddhistischen Tempel vorbeikam, ging er hinein, zündete eine Kerze an, und bat um Erleuchtung. Aber so sehr er auch darauf hoffte, dieser Weg führte ins Nichts.

Vielleicht lag es aber daran, dass Angero nie den Zugang zum Buddhismus gefunden hatte. Da liebäugelte er schon eher mit Konfuzius, mit dessen Sprüchen ihn die Mutter immer wieder konfrontierte.

Als hätte Konfuzius, der vielleicht gerade in der Nähe weilte, seine Gedanken vernommen, richtete er den Blick von Angero auf ein Plakat in der Nähe des Tempels, auf welchem für „Gwanghallu““ geworben wurde.

Gwanghallu ist eine wunderschöne Gartenanlage, mit uralten Bäumen, Teichen, Brücken und Pavillons, in der Nähe von der kleinen Stadt Namwon gelegen.

Namwon hat eine bewegte Vergangenheit. Während des Imjin-Krieges, einer siebenjährigen Belagerung durch japanische Streitkräfte, standen 3.300 koreanische und chinesische Soldaten sowie Frauen und Kinder als Verteidiger der 56.000 Mann starken japanischen Armee gegenüber.

Am Ende fanden die Japaner einen Weg, um in die Stadt zu gelangen, und töteten dort alle Soldaten und Zivilisten.

Mit Namwon verbindet man aber auch eine wunderschöne Liebesgeschichte.

Sie handelt von Seong Chun-hyang, einem Mädchen aus einfachen Verhältnissen stammend, und einem Jungen adliger Abstammung, namens Yi Mongnjong. Sie heirateten heimlich. Der Jüngling musste aber schon bald seinem Vater nach Seoul folgen und seine große Liebe zurücklassen.