Angst um Melanie - Raimund Eich - E-Book

Angst um Melanie E-Book

Raimund Eich

4,8

Beschreibung

Obwohl sie schon zwei eigene Kinder haben, entschließen sich Roswitha und Raimund, noch ein Adoptionskind in ihre Familie aufzunehmen. Schon wenige Wochen nach Abgabe des Adoptionsantrags wird ihnen Melanie, ein nur sechs Monate altes Mädchen, vermittelt. Ihr Glück scheint vollkommen, bis sich Melanies leibliche Mutter meldet und das Kind wieder zurückhaben möchte.

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Angst um Melanie

TitelseiteHinweis und WidmungVorwort zur überarbeiteten VersionVorwortKapitel 1: Der AnrufKapitel 2: Meine neue TochterKapitel 3: Kurzes GlückKapitel 4: Schlechte NachrichtenKapitel 5: Begegnung mit der leiblichen MutterKapitel 6: Zunehmende ProblemeKapitel 7: BehördenwillkürKapitel 8: Erste GegenmaßnahmenKapitel 9: Der Widerstand wächstKapitel 10: Kein VerständnisKapitel 11: WeihnachtenKapitel 12: VerzweiflungKapitel 13: Briefe aus der NotKapitel 14: NachforschungenKapitel 15: AttackenKapitel 16: RückschlägeKapitel 17: OsternKapitel 18: HilfeschreieKapitel 19: Lähmende AngstKapitel 20: Die WendeKapitel 21: AnnäherungKapitel 22: Endloses WartenKapitel 23: VerwirrungenKapitel 24: DurchbruchKapitel 25: LotharKapitel 26: Das Christkind und der OsterhaseNachwortNachwort zur überarbeiteten AuflageImpressum

Angst um Melanie

Raimund Eich

Hinweis und Widmung

Die im Buch verwendeten Bezeichnungen für Orte und Personen sind - abgesehen von den Namen meiner Familie - frei erfunden.

Jede Ähnlichkeit mit ansonsten lebenden oder toten Personen ist unbeabsichtigt und wäre rein zufällig.

für Melanie in Liebe

Vorwort zur überarbeiteten Version

Im Jahr 2004 ist das vorliegende Buch in einer reinen Print-Version erschienen. Mein erstes von bisher insgesamt siebzehn Büchern und damit der Auftakt zu einer „Karriere“ als Schriftsteller, wobei ich das Wort bewusst in Klammern setze, weil dies nicht gleichbedeutend mit einem entsprechenden kommerziellen Erfolg ist, zumindest bei mir nicht. Aber darum geht es mir auch nicht beim Schreiben. Mich motiviert vielmehr die Möglichkeit, unter anderem meine Lebenserfahrungen, soweit sie sich vom Alltag durch dramatische Erlebnisse deutlich abheben und daher auch für Dritte interessant erscheinen, in Form von spannenden Geschichten wiederzugeben, zu der insbesondere „Angst um Melanie“ gehört. Die Möglichkeit, diesen Tatsachenroman auch als E-Book zu veröffentlichen, bestand leider bei der Erstveröffentlichung noch nicht, und bisher hat mir auch die Zeit gefehlt, dies nachzuholen. In der vorliegenden E-Book Version ist eine auf ein Mindestmaß beschränkte redaktionelle Überarbeitung des ursprünglichen Textes erfolgt, der zudem um dieses Vorwort und ein entsprechendes Nachwort unter Beibehaltung der ursprünglichen Textbeiträge ergänzt wurde. Der besseren Lesbarkeit wegen wurde der Originaltext auch in übersichtliche Kapitel untergliedert. Die Print-Version entspricht dagegen unverändert der ursprünglichen Ausgabe. Dafür gibt es einen konkreten Grund, den ich Ihnen allerdings erst an einer anderen Stelle in diesem Buch verraten möchte.

Vorwort

„Warum hast du denn eigentlich dieses Buch geschrieben und ... warum erst nach so langer Zeit?" Derartigen Fragen muss ich mich zuweilen stellen.

Eine klare und eindeutige Antwort darauf zu geben fällt mir nicht leicht. Spontan fallen mir eher Gründe ein, warum ich es nicht geschrieben habe. Schriftstellerische Ambitionen haben mich jedenfalls nicht dazu getrieben.

Ein entscheidender Grund für die Entstehung dieses Buches mag gewesen sein, dass die hier geschilderten Ereignisse mein ganzes Leben nachhaltig beeinflusst und verändert haben. Ich habe gelernt, was Angst bedeutet und wie sie einen quälen kann. Ich habe gelernt, Wechselbäder von Gefühlen zu ertragen, angefangen von Freude, Zuversicht und Hoffnung bis hin zu Zweifeln, Kummer und seelischem Schmerz. Ich habe gelernt, dass Behörden und Institutionen, die doch von Menschen repräsentiert werden, zuweilen unmenschlich agieren. Ich habe gelernt, nicht aufgeben zu dürfen, wenn man für das Wohl anderer verantwortlich ist oder sich zumindest dafür verantwortlich fühlt.

Ich habe mich bemüht, meine Empfindungen möglichst anschaulich und objektiv darzustellen. Erst jetzt, nach langen Jahren und mit entsprechendem Abstand zu den damaligen Ereignissen, habe ich mich dazu in der Lage gesehen. Beim Schreiben dieses Buches habe ich festgestellt, dass Gefühle und Empfindungen in mir wesentlich intensiver abgespeichert waren als einzelne Fakten. Aber diesbezüglich waren mir die umfangreichen Aufzeichnungen meiner Frau in Tagebuchform eine sehr wertvolle Hilfe. Ich hoffe, dass es mir mit diesem Buch gelungen ist, mir über Jahre aufgestaute Emotionen endgültig von der Seele zu schreiben.

Entscheidend für die Entstehung des Buches war sicherlich auch, dass ich dem Menschen, um den es hier geht, der die hier geschilderten Ereignisse als kleines Kind erlebt und allenfalls in dunklen Fragmenten in Erinnerung hat, die Möglichkeit geben wollte, mit meinen Augen auf die wohl entscheidendsten Phasen seines bisherigen Lebens zurückzublicken. Und dieses Buch hat - nach einem ersten Anlauf vor vielen Jahren - letztlich doch noch Vollendung gefunden, weil mich die Hauptperson in dieser Geschichte immer wieder mit Nachdruck darum gebeten hat.

Kapitel 1: Der Anruf

Es war etwa Viertel nach neun, als mich Rosi im Büro anrief.

„Du, Frau Holzmann vom Jugendamt hat sich eben bei mir gemeldet“, sagte sie. „Sie haben ein Kind für uns.“

„Was, jetzt schon? So schnell, Rosi?“ Ich war ganz erstaunt. „So rasch hätte ich eigentlich noch nicht damit gerechnet. Wir haben doch erst vor ein paar Wochen den Antrag beim Jugendamt abgegeben.“

„Na ja, knapp zwei Monate ist das schon her, Raimund. Ich war aber genau so überrascht wie du“, pflichtete sie mir bei. „Du weißt ja, ich hatte ohnehin nicht damit gerechnet, dass sich das Jugendamt in diesem Jahr schon bei uns melden wird.“

„Was ist es denn?“ fragte ich. „Ich meine, ein Junge oder ein Mädchen?“

„Das weiß ich noch nicht. Sie hat nur gesagt, dass das Kind etwa ein halbes Jahr alt sei und gefragt, ob wir es aufnehmen wollen.“

„Ja, ... ab wann denn?“ fragte ich zurück.

„... gleich.“ Rosis Stimme klang auf einmal merkwürdig leise.

„Was heißt das, gleich?“

„Na, sofort eben. Ich meine, heute noch. Um es ganz genau zu sagen, noch heute Vormittag.“ Rosi ahnte wohl schon, wie ich darauf reagieren würde.

„Die haben vielleicht Nerven“, stöhnte ich. „Man kann sich doch nicht von einer Minute auf die andere entscheiden, ob man so ein Kind bei sich aufnimmt. Die müssen uns doch wenigstens über die näheren Umstände informieren und uns schon etwas Zeit zum Nachdenken lassen, wenigstens ein paar Tage, meine ich."

„Es geht aber nur unter der Bedingung, dass wir uns sofort entscheiden, hat mir Frau Holzmann erklärt. Sie haben das Kind aus einer Wohnung herausholen müssen. Falls wir es nicht aufnehmen, müssen noch heute andere Pflegeeltern gefunden werden“, erwiderte Rosi. „Ich habe mit Frau Holzmann um zehn Uhr einen Termin im Jugendamt vereinbart. Kannst du dazukommen?“

„So ein Mist, das geht leider nicht. Ausgerechnet um diese Zeit habe ich einen Außentermin und heute Nachmittag noch einen.“

„Ja, aber was soll ich Frau Holzmann denn sagen? Sie erwartet doch eine Entscheidung von uns.“ Man merkte Rosi an, wie enttäuscht sie war, dass ich nicht mitkommen konnte. „Kannst du es nicht doch einrichten, es ist doch so wichtig für uns, Raimund?“

Ich überlegte kurz. „Es geht wirklich nicht", sagte ich dann. „Ich kann es leider nicht mehr ändern. Aber hör mir jetzt bitte mal zu. Wir beide haben uns doch oft genug über dieses Thema unterhalten. Du wirst die Sache wohl alleine in die Hand nehmen müssen. Lass dich zuerst vom Jugendamt genau über die näheren Umstände informieren. Lass dir das Kind zeigen und, ... falls du es für richtig halten solltest ...", dann sag dem Jugendamt meinetwegen zu und nimm das Kind mit nach Hause", beendete ich mein Gestammel. Ich spürte, wie mir auf einmal die Hände zitterten. Es kam mir so hässlich vor, in diesem Stil über die Annahme eines Kindes wie über den Erwerb einer Ware zu reden, aber etwas Gescheiteres fiel mir einfach nicht ein. Der Druck, der plötzlich auf mir lastete, war einfach zu groß.

„Wenn du meinst ..., dann machen wir es so", hörte ich Rosi schließlich sagen.

Ich spürte die Erleichterung in ihrer Stimme. Offenbar hatte sie der Gedanke, ich könnte vielleicht nein sagen, beunruhigt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie sich in ihrem Inneren schon für dieses unbekannte Kind entschieden hatte. Das machte mir einerseits zwar Angst, andererseits erging es mir aber genau so. Zu groß war diese Chance, die sich uns so schnell und unerwartet bot. Ein Kind unter einem Jahr war eigentlich der Idealfall, mit dem wir kaum zu hoffen gewagt hätten. Nein! Eine derartige Gelegenheit durften wir uns eigentlich nicht entgehen lassen. Es gelang mir nur mühsam, meine Gedanken zu ordnen. „Du, ich muss jetzt leider gleich weg. Wenn ich wieder zurückkomme, rufe ich dich sofort zu Hause an“, sagte ich. „Du brauchst keine Angst zu haben. Wie du dich auch immer entscheiden wirst, das geht von meiner Seite aus in Ordnung. Verlass dich einfach auf deine Gefühle, mein Schatz, ich vertraue dir.“

„Na ja, Raimund. Mir ist aber dabei schon ganz schön flau im Magen. Das ist eine sehr große Verantwortung, die du mir da überlässt. Aber jammern hilft uns jetzt auch nicht weiter. Ich gehe dann auch gleich los ins Jugendamt." Dann legte sie den Hörer auf.

Als ich nachmittags ins Büro zurückkam, rief ich sofort zu Hause an. Mama war am Apparat. „Ist Rosi da?" fragte ich.

„Nein! Sie ist in die Stadt gegangen, um ein paar Sachen für das Kind zu kaufen. Ihr habt ja gar nichts für so ein kleines Kind zu Hause. Ein Mädchen ist es“, sagte sie und nahm mir die Frage aus dem Mund. Sie lachte kurz und schob ein: „Ihr seid vielleicht verrückt!“ hinterher.

Wie recht sie doch hat, dachte ich mir im gleichen Moment. Die Situation kam mir irgendwie unwirklich vor. Ich war auch nicht in der Lage, mich jetzt mit ihr weiter zu unterhalten.

„Sag Rosi bitte, dass ich versuche, so bald wie möglich nach Hause zu kommen“, sagte ich noch und hängte ein. Als ich nachmittags endlich nach Hause fahren konnte, fiel es mir nicht leicht, mich auf den Verkehr zu konzentrieren. Ich fuhr daher viel langsamer als sonst. Ich brauchte einfach etwas Zeit, um mich auf die neue Situation einzustellen. Tausend Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Der Mut schien mich auch verlassen zu haben. Warum zum Teufel tust du dir das eigentlich an, fragte ich mich selbst. Du hast doch alles, um mit deinem Leben glücklich und zufrieden zu sein. Eine attraktive Frau, die dich liebt, zwei liebe Kinder, sogar ein Pärchen, einen sicheren und interessanten Job, keine finanziellen Sorgen, Haus und Grund ... Warum gibst du dich damit nicht einfach zufrieden? Andere würden dich darum beneiden. Und wieder tauchte die Kernfrage in meinem Kopf auf, die wir uns wohl schon hundert Mal gestellt hatten, bevor wir den Adoptionsantrag beim Jugendamt stellten. Warum eigentlich ein fremdes Kind annehmen? Es gibt hierfür mehr als nur einen Grund. Wir beide lieben nun mal kleine Kinder, vielleicht deshalb, weil man ihnen seine Zuneigung und Liebe offen zeigen kann und sie diese auch uneingeschränkt erwidern. Beim Umgang mit Erwachsenen macht man leider oft andere Erfahrungen. Viele Menschen strahlen unserer Meinung nach mehr Kälte als Wärme aus. Darum bemühen wir uns, unseren Kindern wenigstens innerhalb unserer Familie so etwas wie eine „heile Welt“ zu bieten. Wir wissen natürlich, dass wir damit an der Realität letztlich nicht viel ändern können. Aber wenigstens noch ein Kind hätten wir schon gerne in „unser Nest“ aufgenommen und ihm neben unserer Liebe auch Chancen im Leben gegeben, die es sonst vielleicht nie bekommen würde. Gerade Rosi ist hierfür ein gutes Beispiel. Als kleines Kind wurde sie ihrer allein stehenden Mutter weggenommen, von ihren Geschwistern getrennt und musste über zwei Jahre im Waisenhaus verbringen. Zum Glück wurde sie dann von einem kinderlosen Ehepaar aufgenommen und adoptiert. Und dann war da auch noch die Sache mit Roland. Wegen einer Glutenunverträglichkeit kann er normales Brot oder Back- und Teigwaren nicht essen. Als kleines Kind hatten wir deshalb sehr große Sorgen und Ängste um ihn, bis seine Krankheit im Alter von etwa eineinhalb Jahren endlich von den Ärzten diagnostiziert wurde. Bis dahin wuchs er kaum, hatte dünne Arme und Beine und einen dicken Bauch. Er war kreidebleich und knickte beim Laufen oft ein, weil er einfach keine Kraft in den Gelenken hatte. Man hätte ihn von den Symptomen und dem Aussehen her durchaus mit unterernährten Kindern aus der Dritten Welt vergleichen können. Zum Glück hat er sich dann dank einer Spezialdiät, die er strikt einhalten muss, völlig normal entwickelt. Wir hatten bis dahin allerdings so viel mitgemacht, dass wir einfach nicht mehr den Mut zu einem dritten eigenen Kind hatten, obwohl wir uns beide eigentlich noch eines gewünscht hätten. So war dann allmählich in uns der Entschluss gereift, statt dessen ein Kind anzunehmen, das mit unseren beiden eigenen Kindern zusammen aufwachsen sollte. Rebecca mit ihren sieben und Roland mit seinen fünf Jahren sollten also ihr heiß ersehntes Brüderchen oder Schwesterchen bekommen. Nun war es viel schneller als erwartet da.

Kapitel 2: Meine neue Tochter

Rosi stand mit dem Kinderwagen auf dem Bürgersteig und unterhielt sich mit einer Nachbarin, als ich zu Hause ankam. Dort im Kinderwagen liegt sie also, deine neue Tochter, dachte ich, als ich den Motor abstellte und ausstieg. Ich hoffte, dass Rosi die Unterhaltung beenden und sich verabschieden würde, damit ich mich mit dem neuen Familienmitglied wenigstens ungestört bekannt machen konnte. Aber sie war zu sehr ins Gespräch vertieft und machte keine Anstalten, sich von der Nachbarin zu verabschieden. So ging ich schließlich auf die beiden zu. Ich war irgendwie verlegen und wusste eigentlich gar nicht so recht, wie ich mich verhalten sollte.

„Hallo, guten Tag", sagte ich und auf den Kinderwagen deutend: „Das ist sie wohl, die Kleine?"

„Ja!“ erwiderte Rosi. Ihre Augen strahlten dabei. „Das ist sie.“ Und fügte hinzu: „Sie heißt Melanie." Ich spürte die neugierigen Blicke der Nachbarin, als ich mich über den Kinderwagen beugte. Das Kind blickte mich mit seltsam ernsten Augen an. Sie schien mir zwar etwas blass zu sein, aber ihr fehlte ansonsten offensichtlich nichts. Nur, dass sie so still und reglos dalag, kam mir etwas ungewöhnlich vor.

„Aha, Melanie also!" Diese geistreiche Bemerkung war das Einzige, was mir schließlich über die Lippen kam. Ich verglich sie in Gedanken mit Rebecca und Roland, als die beiden im gleichen Alter waren. Im Gegensatz zu ihnen hatte unsere neue Tochter kaum Haare auf dem Kopf und einen ernsten Gesichtsausdruck. Rebecca und Roland hatten einen immer angelacht und mit Armen und Beinen gestrampelt, wenn man sie anschaute und sich mit ihnen beschäftigte. Aber dieses Kind verzog keine Miene. Sie wirkt irgendwie unfreundlich und abweisend, dachte ich einen Moment lang, um dann selbst über derart dumme Gedanken zu erschrecken. Rosi war da viel unkomplizierter als ich. Man spürte es und man sah es ihr auch an, dass sie ihre neue Mutterrolle bereits mit Leib und Seele angenommen hatte. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass sie mir immerhin einige Stunden voraushatte. Wie groß ihr Vorsprung tatsächlich war, wurde mir erst so richtig bewusst, als Rosis Schwester Maria mit ein paar dringend benötigten Sachen für das Kind erschien und Rosi beiläufig erwähnte, dass ihre Freundin Gabi auch schon ein paar Gemüse- und Obstgläschen für die Kleine besorgt hätte. Sie hat sicher bereits die ganze Verwandtschaft und Bekanntschaft informiert und für alles Notwendige gesorgt, dachte ich mir, während du dich mit philosophischen Gedanken beschäftigt hast. Ich ärgerte mich ein wenig über mich selbst, ohne es mir anmerken zu lassen. „Ist denn sonst noch etwas zu erledigen?" fragte ich.

„Ja sicher, was glaubst du denn?“ Rosi schaute mich kopfschüttelnd an. „Du musst zuerst das alte Kinderbett in der Dachkammer holen und bei uns im Schlafzimmer aufstellen. Zum Glück haben wir das Bett und den Hochstuhl von den Kindern noch nicht hergegeben.“

Und so bekam ich schließlich die Gelegenheit, Rosis Vorsprung etwas aufzuholen. Erst am Abend, als die Kinder endlich im Bett lagen, fanden wir etwas Zeit, uns in Ruhe zu unterhalten.

„Wie ist es denn heute Morgen eigentlich gelaufen?", fragte ich.

„Na ja, Frau Holzmann hat mich zuerst über die näheren Umstände im Fall Melanie informiert", begann Rosi zu erzählen. „Melanies Mutter ist wohl heute Morgen im Jugendamt erschienen und hat denen ihren Wohnungsschlüssel in die Hand gedrückt. Sie hat gesagt, sie sei momentan nicht in der Verfassung, ihr Kind zu versorgen und sie sollten sich um Melanie kümmern."

„Das gibt’s doch gar nicht“, unterbrach ich sie. „Was ist das denn für eine Frau? Ist sie verheiratet und in welchen Verhältnissen lebt sie eigentlich?“

„Nein, verheiratet ist sie nicht. Sie war wohl verheiratet, aber das Kind ist nicht von ihrem geschiedenen Mann, obwohl es seinen Nachnamen trägt. Sie lebt mit dem Vater von Melanie zusammen, aber Frau Holzmann war mit Informationen hierüber sehr zurückhaltend. Ich musste ihr einige Antworten regelrecht aus der Nase ziehen“, erklärte mir Rosi.

„Ja, aber warum gibt sie denn einfach ihr Kind ab? Dafür muss es doch einen Grund geben.“

„Frau Holzmann hat angedeutet, dass die Frau ein sehr labiler Typ sei und Probleme mit sich und ihrem Partner habe. Es geht wohl um Alkohol und möglicherweise auch noch um mehr ... Drogen nehme ich mal an. Jedenfalls habe ich so etwas zwischen den Zeilen heraushören können“, meinte sie.

Ich schüttelte den Kopf. „Warum machen die bloß so ein Geheimnis aus dieser Sache? Wir müssen doch wissen, woran wir sind und ob wir das Kind auch für immer behalten dürfen. Du weißt, dass wir nur unter dieser Voraussetzung überhaupt ein Kind annehmen wollten.“

„Ja, aber du erinnerst dich sicher auch noch, was Frau Holzmann gesagt hatte, als wir den Adoptionsantrag stellten. Eine sofortige Adoption, wie wir es uns wünschen würden, ist grundsätzlich nicht möglich. Es läuft immer nur zunächst über ein Pflegeverhältnis, sozusagen auf Probe für Eltern und Kind.“

„Ja, ich weiß, leider“, seufzte ich. „Gerade das macht mir jetzt Sorgen. Hast du Frau Holzmann gefragt, wie groß unsere Chancen denn sind, das Kind zu behalten?“

„Frau Holzmann hat mir versichert, dass wir sehr große Aussichten hätten, das Kind für immer behalten zu können. Sicher aufgrund der Probleme, die die leibliche Mutter schon seit längerer Zeit hat. Sie ist dem Jugendamt offenbar schon seit Jahren bekannt und hat bereits zwei Kinder vor Melanie weggegeben oder hergeben müssen. Frau Holzmann glaubt jedenfalls nicht, dass sie es schafft, sich und ihre Verhältnisse so zu ändern, dass man ihr Melanie eines Tages wieder anvertrauen kann.“

„Na ja, so wie du das geschildert hast, scheinen unsere Chancen doch ganz gut zu sein“, erwiderte ich. „Das beruhigt mich. Ich glaube, es würde uns sicherlich schwer fallen, wenn wir so ein kleines Kind vielleicht irgendwann wieder hergeben müssten.“

„Ganz bestimmt, aber ich glaube, du brauchst dir da keine Sorgen zu machen“, erwiderte Rosi, begleitet von einem Schmunzeln, weil sie wohl gemerkt hatte, dass auch ich allmählich in meine neue Vaterrolle zu schlüpfen begann.

Kapitel 3: Kurzes Glück