Animateur inklusive - Sven Kudszus - E-Book

Animateur inklusive E-Book

Sven Kudszus

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Beschreibung

Urlaub ist die schönste Zeit des Jahres, dank Strand, Sonne und leicht verdaulicher Unterhaltung. Wie sich Urlauber diese Unterhaltung genau vorstellen, davon weiß Sven Kudszus zu berichten. Er ist Animateur und seit mehr als zehn Jahren in Ferienclubs von Malle bis Antalya unterwegs, um Menschen zu bespaßen. Wie verrückt und aufregend, aber auch grotesk und witzig dieser Beruf sein kann, zeigen seine Geschichten rund um halsbrecherische Clubtänze, unterirdische Unterkünfte und Touristinnen, die zu Sex-Erpresserinnen wurden. Ein Buch für alle, die niemals eine Pauschalreise buchen würden!

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EPUB
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Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Sven Kudszus

Animateur inklusive

Ein Bericht von der Urlaubsfront

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Urlaub ist die schönste Zeit des Jahres, dank Strand, Sonne und leicht verdaulicher Unterhaltung. Wie sich Urlauber diese Unterhaltung genau vorstellen, davon weiß Sven Kudszus zu berichten. Er ist Animateur und seit mehr als zehn Jahren in großen Ferienhotels von Spanien bis in die Türkei unterwegs, um Menschen zu bespaßen. Wie verrückt und aufregend, aber auch grotesk und witzig dieser Beruf sein kann, zeigen seine Geschichten rund um halsbrecherische Clubtänze, unterirdische Unterkünfte und Touristinnen, die zu Sex-Erpresserinnen wurden. Ein Buch für alle, die niemals eine Pauschalreise buchen würden!

Inhaltsübersicht

Diddeldaddeldudeldong!

Teil 1 Anreise

Das Leben davor

Daylight in your eyes

Castings und andere Katastrophen

Die Reise zum Olymp

Willkommen im Club

Gästegucken I: Die Hotelgast-Prototypen

Spießer

Stille Wasser

Ballermänner

Meckerpötte

Sonnengötter

Teilzeitschlampen

Fickrige Familienväter

Die Romanze mit den Stacheln

Kudszus fliegt

Bienvenido, amigo!

Das Feuer des Vulkans

Teil 2 Im Flow

Das Leben mittendrin

Die Animateursfamilie

Die Miniclub-Tante

Die Dampfblasen

Die Aerobic-Grazie

Der Alt-Animateur

Der Sportlertyp

Die Partybitch

Der Boss

Showtime!: Bühne der Peinlichkeiten I

Labern, bis der Arzt kommt

Applaus, Applaus!: Bühne der Peinlichkeiten II

Die hüpfenden Eier

Der Saturday-Night-Durchbruch

Der fallende Hut

Kleine Leute, große Wirkung

Fliegender Wechsel

Ein Arbeitsplatz, zwei Welten

Ägyptische Sicherheit

Griechischer Verkehrsunfall

Der Löwe von Lanzarote

Das Beduinen-Sandwich

Gästegucken II: Der Blick in den Abgrund

Das hinterhältige Quartett

Das Große Kribbeln

Durch den Monsun

Schleudertrauma

Who the fuck is Hugo?

Erwarten Sie nix!: Die Top Ten der Schattenseiten

Platz zehn: Pussy Riot

Platz neun: Der Schlüssel zum Unglück

Platz acht: Natur gegen Tourismus

Platz sieben: Das bodenlose Beschwerdefass

Platz sechs: Das stille Örtchen

Platz fünf: Wasser, marsch!

Platz vier: Guten Appetit!

Platz drei: Welcome to the Pleasuredome!

Platz zwei: Der Kostenregulator

Platz eins: Das Unterdeck

Gastbetreuung ohne Hose

Four on the floor

Das Melanie-Komplott

Sackratten-Sven

Die Sexshow

Das Geheimnis des Flows

Teil 3 Abreise

Der geilste Job der Welt

That’s what friends are for

Der Bann ist gebrochen

Kudszus auf Kreuzfahrt

Das Leben danach

Diddeldaddeldudel-Dank

Diddeldaddeldudeldong!

Bescheuerte Überschrift, oder? Aber ich kann sie erklären. Mit dem Aufschlagen dieses Buches hast du den Alltag hinter dir gelassen, Sonne, Hitze und Meeresrauschen angeknipst und nebenbei einen Rundumunterhaltungsclown aus der Flasche gezaubert. Mich. Sven. Deinen Animateur.

Lassen wir das erst mal sacken. Mir ist völlig klar, dass jetzt ohne Ende Mundwinkel verzogen, Augen gerollt und Ach-du-Scheißes geflüstert werden. Das ist am Pool so, warum sollte es hier anders sein? Vielleicht liegst du ja sogar gerade auf deiner Sonnenliege und versuchst genau das zu tun, was die meisten Hotelgäste machen, wenn ein Animateur um die Ecke poltert: Du versuchst, dich hinter deinem Buch zu verstecken und vorzugeben, dass du die Ankunft des Spaßmachers nicht bemerkt hast. Doch dann dröhnt plötzlich dieses unüberhörbare »Diddeldaddeldudeldong«, auch Jingle genannt, durch die Lautsprecher. Damit ist Weggucken zwecklos und die nächste Aktion eingeläutet. Das kann ein Clubtanz sein oder Wasser-Aerobic oder auch nur eine Einladung zum Volleyball. Ein paar Gäste um dich herum werden aufspringen und mitmachen. Wenn es dir in den Beinen kribbelt, bist du hiermit entlassen und kannst das Weiterlesen auf später verschieben. Andernfalls betrachte dieses Buch als offiziellen Freispruch vom Aktionismus meiner Kollegen. Wer Animation in Buchform über sich ergehen lässt, kann es nicht gleichzeitig in der Realität tun. Wobei ich dazu sagen muss, dass es mir weniger um die Übertragung von Unterhaltungsritualen ins Schriftliche geht als um die Beleuchtung eines Berufs, von dem alle denken, dass er nur Spielerei ist. Was verständlich ist, aber die interessanten Aspekte ausblendet. Neben dem Herumalbern, dem Flirten und den verschiedenen Sportarten lernt man in dem Job nämlich vor allem, Menschen zu studieren. Sowohl körperlich als auch geistig. Wo dreißig Grad im Schatten herrschen, ist die Kleidung nun einmal knapp, und wo Menschen miteinander in Kontakt treten, tanzt die Psyche permanent Samba.

Wenn mich jemand fragt, wie Animation funktioniert, benutze ich als Beispiel gerne den überfüllten Fahrstuhl. Jeder kennt die Situation, dass er in einen vollgestopften Fahrstuhl einsteigt, die Tür sich hinter ihm schließt und die unangenehme Stille einsetzt, in der jeder versucht am anderen vorbeizugucken – was aufgrund der Enge gar nicht möglich ist. Je voller also der Fahrstuhl, umso bedrückender die Situation und desto beklommener die Mitfahrer. Wenn dann nur einer der Anwesenden einen lockeren Spruch macht oder irgendeinen Müll labert, hat das etwas total Befreiendes. Auf einmal haben die Leute die Möglichkeit zu lachen und aufeinander zu reagieren. Dabei lösen sich Peinlichkeit und Sprachlosigkeit nebenbei auf. Genau so funktioniert Animation. Clubhotels sind im Prinzip nichts anderes als vollgestopfte Fahrstühle. Auch hier müssen Menschen auf relativ engem Raum miteinander klarkommen. Und auch hier besteht das Problem der Ladehemmung bei der Kontaktaufnahme. An dieser Stelle kommen Animateure ins Spiel. Sie nehmen den Gästen den ersten Schritt ab, indem sie Witze machen, Unterhaltungen beginnen oder zu Spielen einladen. Alles Weitere ergibt sich von selbst. Ein Spruch führt zum nächsten, eine Meinung findet die andere, und schon bilden sich Gruppen. Denn eigentlich wollen die Leute sich ja austauschen. Weil sie Gemeinschaftstiere sind. Und sollte es innerhalb der Gemeinschaft zu Spannungen kommen, können sie sich immer noch auf denjenigen berufen, der sie zusammengebracht hat: den Animateur. Damit sind wir Initiatoren, Moderatoren und Blitzableiter.

Nebenbei sind wir aber auch selber Menschen – und damit eine Art personifizierter Fettnapf. Nach über zehn Jahren im Geschäft sage ich mittlerweile, dass mir eigentlich nichts mehr peinlich ist. Dass das nicht ganz stimmt, habe ich bei der Arbeit an diesem Buch gemerkt. Beim Gedanken an einige meiner Fehltritte aus der Vergangenheit schießt mir bis heute die Schamesröte ins Gesicht. Viele Pannen hab ich trotzdem aufgeschrieben. Weil sie nicht nur peinlich, sondern auch ziemlich lustig sind. Vor allem, wenn man nur über sie lesen und sie nicht selbst erleben muss. Übrigens auch so eine Grundregel in der Animation: Jeder Scherz auf Kosten eines anderen bedarf eines noch derberen Scherzes auf die eigenen Kosten. Es ist mir nicht schwergefallen, mich beim Schreiben an diese Regel zu halten. Stürzen wir uns also ins Vergnügen. Den Jingle hatten wir ja schon, die Action beginnt auf der nächsten Seite.

 

Einen schönen Urlaub wünscht

Sven Kudszus

Teil 1 Anreise

Das Leben davor

Eine der Fragen, die mir am häufigsten gestellt werden, lautet: »Wie wird man eigentlich Animateur?«

Darauf antwortet man entweder »Einfach machen« und wechselt das Thema, oder aber man rollt die eigene Berufsbiographie auf und offenbart damit das Nichtvorhandensein eines einheitlichen Karriereschemas. Ich würde sagen: Einerseits kann jeder Animateur werden, andererseits muss man dafür geboren sein. Der Widerspruch dieser Aussage löst sich am Beispiel meiner eigenen Geschichte auf.

Ich habe 21 Jahre meines Lebens zugebracht, ohne zu wissen, was ein Animateur überhaupt ist. Das ging. Manchmal zugegebenermaßen eher schlecht als recht, aber ohne dass mir wirklich etwas gefehlt hätte. Meine Kindheit war ganz okay, meine Jugend ein ziemliches Chaos, meine ersten Jahre als Volljähriger … vergessen wir’s. Ich hab eine Ausbildung zum Koch gemacht, in der mein Chef mich geschlagen hat. In meiner Freizeit hab ich geprügelt, gepöbelt und Handys verscherbelt, die ich nicht bezahlt hatte. Durch meine erste Führerscheinprüfung bin ich durchgerasselt, und kurz bevor ich sie wiederholen sollte, starb meine Mutter an Krebs. Klingt nicht nach Sonne, Hitze und Meeresrauschen, oder? War es auch nicht. Vielmehr bin ich nach dem Tod meiner Mutter in ein tiefes Loch gefallen und hatte den totalen Durchhänger. Den Führerschein hab ich sausenlassen, den Kontakt zu meiner Familie mehr oder weniger abgebrochen, und weil ich zu der Zeit sowieso keinen Job hatte, gammelte ich den ganzen Tag in einem Internetcafé meiner Heimatstadt Neumünster rum und daddelte. Klingt retro, ich weiß. Aber im Jahr 2001 hatten noch nicht alle einen Computer mit Onlineverbindung zu Hause. Kleine Prolls wie ich schon gar nicht. Für mich war das wahrscheinlich ganz gut so. Auf diese Weise war ich gezwungen, mal aus meiner Bude rauszukommen, und konnte mir obendrein einreden, dass ich etwas Sinnvolles tat. Offiziell waren meine stundenlangen Internetsitzungen ja für Jobsuche und Bewerbungen gedacht. Es musste ja niemand wissen, dass ich sie in Wirklichkeit vor allem zum Musikhören und Flipperspielen nutzte. Und zum Leutegucken. Es war ein skurriles Figurenarsenal, das in dem Schuppen ein und aus ging. Es gab den Holsteiner Opa, der jeden Tag um 12 Uhr den Laden betrat, sich eine Flasche Korn kaufte, um sie dann vor Computer Nummer 10 zu leeren. Wenn er wieder ging, bezahlte er die Internetgebühr, obwohl er die ganze Zeit nur auf den blau schimmernden Monitor starrte. Ich glaube, der wusste gar nicht, wozu die Tastatur da war. Ein anderer Stammgast war eine Frau mit Schäferhund, die gegenüber wohnte und sich beim Gassigehen regelmäßig mit dem Verkäufer verquatschte. Und dann gab es noch einen kettenrauchenden Macker in meinem Alter, der »Geschäfte« machte, sein ständig klingelndes Handy aber nur für Privatgespräche nutzte, die er ohne jede Rücksicht im Brülltonfall absolvierte. Hinzu kam Laufkundschaft, die sich je nach Tageszeit aus verpeilten Jugendlichen, Nachbarn oder besoffenen Freaks zusammensetzte. Tja, und dann stand er eines trüben Aprilmorgens am Tresen: ein kleiner, untersetzter Angeber mit roter Nase und zerzausten Haaren, der in einer Lautstärke, die sogar die Telefonate des Geschäftsmackers übertönte, zum Besten gab, dass er nur auf der Durchreise und eigentlich »Animateur« sei. Wie gesagt: Mir war das Wort bis dahin nie untergekommen. Da der Kerl so halbseiden wirkte, dachte ich zunächst, es müsse sich um eine Form von Geisteskrankheit oder um eine Zirkusdisziplin handeln. Sein großspuriges Gequatsche über »Palmen« und »Traumstrände« hab ich ihm eh nicht abgekauft. Allerdings sagte er einen Satz, der mich hellhörig machte. Er lautete: »Und die Flüge bezahlt der Arbeitgeber!«

Ich war bis dahin noch nie in meinem Leben geflogen, und meine Auslandserfahrung belief sich auf ein paar Abstecher über die dänische Grenze, die von Neumünster dann auch nicht so wahnsinnig weit entfernt liegt. Einen eigenen Urlaubsflug zu buchen wäre mir nie in den Sinn gekommen. Aber das Ganze vom Arbeitgeber bezahlt zu bekommen … Ich war angefixt. Während der Angeber weiterquasselte, gab ich das Wort »Animatör« bei Google ein und stieß erst mal auf eine türkischsprachige Jobbeschreibung des Trickfilmzeichners. Nicht dass ich Türkisch könnte, aber aus englischsprachigen Textelementen wie »Layout« oder »Movie« reimte ich mir das Nötige zusammen. Schließlich fiel mir aber auch die automatisch angebotene Alternativschreibweise »Animateur« auf. Ein Klick, und plötzlich las ich tatsächlich Sehnsuchtsbegriffe wie »Tourismus«, »Hotelbranche« und »Spaßfaktor«. Die Eingabe des zusätzlichen Suchworts »Jobangebot« lag nahe. Von dort aus war der Weg zum Online-bewerbungsformular eines großen Reiseveranstalters nicht mehr weit.

Als ich das fertig ausgefüllte Dokument abschickte, war der Typ mit den zerzausten Haaren verschwunden, ohne dass ich seinen Abgang mitgekriegt hatte. Stattdessen stand schon wieder die Frau mit dem Schäferhund am Tresen und laberte. Hinter mir trompetete der Geschäftsmacker »Ey, wenn du Schluss machst, leg isch auf« in sein Handy. Vor Computer Nummer 10 trank der Holsteiner Opa den letzten Schluck aus seiner Kornbuddel. Rückblickend kommt mir das Auftauchen des Angebers mit der roten Nase vor wie eine Fata Morgana. Schicksal war es in jedem Fall. Nur zwei Tage später hatte ich eine Antwortmail des Reiseveranstalters im Postfach. Mit einer Einladung zum Vorstellungsgespräch nach Kleve im Ruhrgebiet. Noch immer wusste ich nicht mehr über den Job, für den ich mich beworben hatte, als dass er mit »Tourismus«, »Hotelbranche« und »Spaßfaktor« zu tun hatte. War mir egal. Ich rief meinen besten Kumpel an, um das Erfolgserlebnis mit ihm zu feiern. Außerdem musste er mir für den Tag des Vorstellungsgesprächs sein Auto leihen. Und einen Anzug. Beides tat er anstandslos. Zwei Wochen später rollte ein kleiner Proll aus Neumünster ohne Peilung und ohne Führerschein ins Ruhrgebiet, um die Show seines Lebens abzuziehen.

Daylight in your eyes

Ich weiß noch, dass auf der Fahrt mindestens viermal »Daylight in your eyes« von den No Angels im Radio lief. Für alle, die sich nicht mehr erinnern: Das war die erste deutsche »Popstars«-Band. Fünf überdrehte Nervensägen, in deren TV-Wettstreit ich in den letzten Wochen ein paarmal zu oft reingezappt hatte. Mit dem Erfolg, dass ich irgendwann beschloss, Castings nervig und blöde zu finden. Man kann sich also denken, wie begeistert ich war, als die erste Frage, die mir nach meiner Ankunft von einer biederen Frau mit Pottschnitt gestellt wurde, lautete: »Und Sie? Wollen Sie auch zum Casting?«

»Nö«, antwortete ich im Brustton der Überzeugung. »Ich hab einen Termin zum Bewerbungsgespräch.«

Der Pottschnitt lächelte amüsiert und zwinkerte mir zu. »So kann man es natürlich auch nennen. Folgen Sie mir bitte unauffällig.«

Ich dachte, ich bin im falschen Film. Es war mir gleich komisch vorgekommen, dass das Bewerbungsgespräch nicht in der Stadt, sondern in einem Industriegebiet stattfand. Und es kam mir noch komischer vor, dass ich jetzt in einer Art Turnhalle abgeliefert wurde, in der eine Reihe von Stühlen stand, auf denen wie die Hühner auf der Stange zehn Mädchen hockten, die teilweise Gymnastikanzüge trugen.

»Viel Erfolg.« Erneut zwinkerte mir der Pottschnitt zu. Ich wollte gerade protestieren und anmerken, dass das wohl ein Missverständnis sein musste, da kam ein smarter Schnösel mit Hemd und Seitenscheitel auf mich zu und fragte: »Sind Sie Herr Kudszus?«

Ein Teil von mir war drauf und dran »Nein« zu schreien und aus der Halle zu rennen, aber der überrumpelte Rest nickte stumm und ließ sich von dem Schnösel die Hand schütteln.

»Wir warten noch auf einen weiteren Bewerber, dann sind wir vollzählig«, meinte er. »Sie wollen sich sicher noch umziehen, oder?«

Wieder dachte ich, ich höre nicht richtig: »Umziehen?«

»Oder ist es das, was Sie unter ›sportlicher Kleidung‹ verstehen?«, fragte der Scheitel und deutete auf meinen Anzug. Sportliche Kleidung? Was wollte der denn von mir? Und was sollte überhaupt dieser Blick von oben herab? Mein Unverständnis muss sich dem Typen auch ohne Worte mitgeteilt haben, jedenfalls zog er die Augenbrauen hoch und sagte mit einem schnippischen Unterton: »Die Anmerkung zur Kleiderempfehlung haben Sie vermutlich überlesen. Kein Problem. Wir können Ihnen gerne etwas Legereres zur Verfügung stellen.«

»Das geht schon so«, brummelte ich, ging schnurstracks zu einem der zwei übrigen freien Stühle und setzte mich. Hatte ich vorhin von der Stille im Fahrstuhl gesprochen? Seit diesem Tag weiß ich, dass es sie auch in Turnhallen gibt. Ich war froh, dass ich mich mit dem Ausfüllen eines Zettels beschäftigen konnte, auf dem noch mal die Personalien und der angestrebte Arbeitsbereich abgefragt wurden: »Kinderanimation«, »Allrounder« oder »Aerobic«? Damit erklärten sich wenigstens die Gymnastikanzüge. Ich kreuzte »Allrounder« an und zog mein Jackett aus. Da nahm plötzlich ein kaugummikauender Typ in Trainingshosen und T-Shirt neben mir Platz.

»Tach, ich bin Timo«, sagte er.

»Sven«, antwortete ich, und wir gaben uns die Hand.

»Hast dich ja richtig schick gemacht für die Mädels.«

»Mädels?«

Timo nickte bedeutungsvoll und machte eine Kopfbewegung in Richtung Hühnerstange. Dann beugte er sich vor und flüsterte mir ins Ohr: »Aber Finger weg von der Blonden mit dem pinken Top. Die gehört mir.« Ich sah nach rechts und erkannte in der langen Reihe aus Glanzleggings, Sportoberteilen und Pferdeschwänzen eine strohblonde Sexbombe, die mit durchgedrücktem Hohlkreuz und hoch erhobenen Hauptes ihre Brüste in den Raum streckte, über deren üppigen Rundungen sich ein signalfarbenes Neontop spannte. Sexy, ohne Frage. Aber irgendwie auch schamlos.

»Ich dachte immer, solche Frauen schlafen sich hoch«, raunte ich Timo zu.

»Tun wir das nicht alle?«, zwinkerte er zurück.

Bevor ich weiter über diese Aussage nachdenken konnte, trat der Schnösel mit dem Seitenscheitel vor, erklärte die Runde für vollzählig und das »Casting« für eröffnet. Eine Frau aus der Personalabteilung und eine Expertin für den Fachbereich Animation assistierten ihm. Die Zettel wurden eingesammelt, Namensschilder verteilt und eine kurze Begrüßungsansprache verlesen, an die ich mich genauso wenig erinnere wie an die Vorstellungsrunde, den Auflockerungstanz und die Einzelgespräche. Ich weiß nur, dass ich mich sauunwohl fühlte. Und dass das Mädchen mit den pinken Brüsten Caro hieß. Und dass Timo beim Auflockerungstanz direkt zu ihr rüberschunkelte, während ich mit gesenktem Blick und meinen viel zu rutschigen Lederhalbschuhen ausschließlich damit beschäftigt war, mich auf dem glatten Turnhallenboden nicht auf den Hintern zu setzen.

Wahrscheinlich war es die pure Verzweiflung, die mich bei der letzten Aufgabe nicht nur meine Schuhe, sondern auch jegliche Hemmungen ablegen ließ. Wir bekamen zehn Minuten Zeit, um uns eine Strandolympiade mit drei Stationen zu überlegen. Als Hilfsmittel standen Volleybälle, Hula-Hoop-Reifen, Badmintonschläger, Plastikkegel und diverse weitere Spielzeuge zur Verfügung. Auch biegsame Schaumstoffstangen waren dabei, deren Zweck sich mir nicht erschloss, die ich aber ein paar Wochen später als »Poolnudeln« zu schätzen lernte. Doch eins nach dem anderen: Bei meiner Strandolympiade kamen erst mal nur Reifen, Bälle und Kegel zum Einsatz – und sechs meiner Mitbewerber, die ich in einem Anfall von Respektlosigkeit als Testkaninchen einspannte. Die Aufgaben waren simpel: Kegelweitwurf, Prellen, Hula-Hoop. Die Schwierigkeit bestand allerdings darin, dass die Teilnehmer bei alldem aneinandergekettet waren. Am Start hatte ich fünf Hula-Hoop-Reifen in Form der olympischen Ringe auf den Boden gelegt. Timo musste in den Ring links außen steigen, Caro in den Ring rechts außen, die weiteren vier in die Hohlräume der sich jeweils überschneidenden Kreise. Beim Startsignal wurden die Reifen zur Hüfte hochgezogen, so dass sich eine Kette bildete. Bei den weiteren Stationen war die Herausforderung für alle sechs, die Aufgaben zu meistern, ohne dass die Kette durch einen herunterfallenden Ring unterbrochen wurde – was spätestens beim Hula-Hoop ein Ding der Unmöglichkeit war und zu einem chaotischen Gekreische und Gejuchze führte. Ich stand auf Socken mit hochgekrempelten Hosenbeinen daneben und versuchte, ernst zu bleiben. Auch die Juroren schienen sich das Lachen verkneifen zu müssen. Ich war nicht sicher, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen war. In Ermangelung einer Trillerpfeife beendete ich das Spiel mit einem lauten Pfiff auf den Fingern. Schlagartig war wieder Ruhe in der Turnhalle. Die Ringe, Kegel und Bälle wurden eingesammelt, und die nächste Bewerberin kam an die Reihe. Das war’s. Einen Kommentar gab es nicht. Zehn mehr oder weniger amüsante Strandolympiaden später sprach der Scheitel ein paar verabschiedende Worte und kündigte an, dass man sich in den nächsten Tagen melden würde. Damit war das »Casting« nach einer guten Stunde vorbei. Ganz schön kurz für die lange Anreise. Ich weiß noch, dass ich zu Timo gesagt habe: »Wie, das war’s schon?«

»›Schon‹ ist gut«, grinste er und geiferte zu Caro rüber. »Es wird höchste Zeit, dass ich das Projekt Pink-Top in Angriff nehme.«

Der Typ war unglaublich. Es schien ihn überhaupt nicht zu interessieren, ob er den Job bekam. Das Einzige, was ihn umtrieb, waren die Möpse der Sexbombe. Ein bisschen bewunderte ich ihn für seine Kaltschnäuzigkeit. So klang es vermutlich mehr anerkennend als tadelnd, als ich zu ihm sagte: »Du denkst auch nur ans Vögeln, oder?«

Seine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: »Na, was meinst du, warum ich hier bin?«

Man muss mir meine Naivität regelrecht angesehen haben. Ich kann es rückblickend kaum noch nachvollziehen, aber ich verstand seine Worte nicht. Ich hatte ja immer noch keine Ahnung von der Animation, geschweige denn vom Berufsimage. Ich wusste nicht, dass sich neunzig Prozent der männlichen Bewerber in erster Linie für diesen Job interessieren, weil sie gehört haben, dass man als Animateur viele Frauen ins Bett kriegt. Wahrscheinlich war meine Unwissenheit ein Segen. Hätte ich Bescheid gewusst, hätte ich mich wohl nicht beworben. Ich war bis dahin nie ein großer Aufreißer gewesen und hab mich von superselbstbewussten Typen wie Timo eher eingeschüchtert als verstanden gefühlt. Sie schienen in einer anderen Liga zu spielen. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich nur ein Jahr später exakt den gleichen Du-denkst-auch-nur-ans-Vögeln-Dialog noch mal führen würde. Nur mit vertauschten Rollen. Aber auch dazu komme ich später. Meine letzte Erinnerung aus der Turnhalle sind jedenfalls der ungläubige Blick von Timo und seine väterlichen Worte: »Kennst du den Spruch ›Wer ficken will, muss freundlich sein‹?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Okay, dann merk ihn dir. Um nichts anderes geht’s bei diesem Job.«

Damit ließ er mich stehen und eilte dem Projekt Pink-Top hinterher.

Als ich eine Stunde später im Auto saß und zum fünften Mal an diesem Tag »Daylight in your eyes« über mich ergehen ließ, hatte der Song seine Ohrwurmautorität verloren. In meinem Hirn drehte sich ein anderes Mantra in der Endlosschleife: »Wer ficken will, muss freundlich sein.«

Castings und andere Katastrophen

Da wir gerade das Casting beendet haben, will ich dem Thema noch ein paar übergeordnete Worte hinterherschicken. Ich habe seit diesem denkwürdigen Tag im Ruhrgebiet diverse weitere Vorsprechen erlebt. Sowohl aus Bewerber- als auch aus Entscheiderperspektive. Deshalb weiß ich, dass der exemplarische Fall meines ersten Castings einige Rückschlüsse auf die Tugenden eines Animateurs als auch auf Bewerbungssituationen im Allgemeinen zulässt. Das will ich nämlich schon mal verraten: Ich wurde genommen. So eine Überraschung aber auch. Ich höre förmlich das erstaunte Raunen in den Reihen der Leser. Und den Applaus. Und die Glückwünsche. Und dann den kleinen Spielverderber, der missmutig fragt: »Wieso das denn?«

Ich muss zugeben, diese Frage hat angesichts der fast schon unverschämten Nichtexistenz meiner Vorbereitung ihre Berechtigung. Die kurze Antwort lautet: mehr Glück als Verstand. Die lange Antwort: Ich habe bei diesem Casting, wenn auch unbewusst, vieles richtig hingekriegt. Ich kann das im Nachhinein an drei Punkten festmachen.

Erstens: der verpatzte Dresscode. Natürlich hatte ich in der Einladung den Punkt mit der »sportlichen Kleidung« überlesen. Eigentlich ein unmögliches Verhalten. Aber durch meinen Umgang mit der Situation konnte ich wieder punkten. Ich hab zum richtigen Zeitpunkt die Schuhe ausgezogen und die Hosenbeine hochgekrempelt. Reine Improvisation. Da Improvisieren aber ein wichtiger Bestandteil des Jobs ist, war es gar nicht blöd. Dass es außerdem ziemlich uneitel wirkt, dürfte ein weiterer Pluspunkt gewesen sein. Eitelkeit ist in der Animation fehl am Platz.

Zweitens: Die »Respektlosigkeit«, meine Mitbewerber in die Strandolympiade zu integrieren, war zwar eine Notlösung – ich wusste schlicht nicht, wie ich die Idee mit der Reifenkette alleine hätte demonstrieren sollen –, aber sie war Gold wert. Als Animateur darf man keine Angst haben, Leute auch mal gegen ihren Willen in Spiele einzubeziehen. Deshalb leitet sich die Berufsbezeichnung ja von dem Wort »animieren« ab, was auf gut Deutsch nichts anderes heißt als Aufscheuchen oder In-den-Arsch-Treten. Ähnlich verhält es sich mit dem chaotischen Gekreische und dem Versuch der Juroren, sich das Lachen zu verkneifen. Eine bessere Bestätigung gibt’s nicht. Wenn Mitspieler in der Selbstvergessenheit des Spiels die Hemmung verlieren, laut zu werden, und die Zuschauer über das, was sie sehen, lachen müssen, weißt du, dass du einen guten Job gemacht hast. Es ist im Arbeitsalltag oft gar nicht so einfach, dieses Ziel zu erreichen. In Bewerbungssituationen erst recht nicht. Dass ich es aus völliger Unbedarftheit heraus schon beim ersten Casting geschafft habe, nötigt mir im Nachhinein fast schon Respekt vor mir selber ab.

Drittens: der Schlusspfiff auf den Fingern. Auch der war eine Notlösung, weil ich vergessen hatte, mir eine Trillerpfeife geben zu lassen. Und weil es mir peinlich gewesen wäre, laut rumzuschreien – oder aber nicht laut genug zu schreien und von den Leuten überhört zu werden. Eine erneute Improvisation also. Aber mit exakt dem richtigen Effekt. Alle haben’s gehört, alle haben’s kapiert, alle haben reagiert. Ich vermute, dadurch ist bei den Juroren der Eindruck entstanden, ich hätte Übung darin, mich durchzusetzen. Inzwischen stimmt das, damals war es ein totales Missverständnis. Mehr Glück als Verstand halt.

Fassen wir also kurz zusammen: Improvisationskunst, Durchsetzungsvermögen und eine gewisse Respektlosigkeit sind die Tugenden eines Animateurs. Menschenscheu, Unsicherheit und Eitelkeit sind es nicht. Und bevor ich jetzt allzu selbstverliebt rüberkomme: Mir ist schon klar, dass ich den Job auch bekommen habe, weil aller glücklichen Fügung zum Trotz in der Animation jeder Mitarbeiter gebraucht wird. Es ist nicht so, dass die Bewerber den Reiseveranstaltern die Bude einrennen. Vielleicht trägt der angstbehaftete Ruf der Castings sogar zu diesem Mangel bei. Besonders die berüchtigten Drei-Minuten-Freistil-Shows, die einige Veranstalter einfordern, sind gefürchtet. Es gibt Internetforen, in denen Bewerber nichts anderes tun, als Tipps und Geschichten zu dieser verhassten Form der Selbstpräsentation auszutauschen, es aber trotzdem nicht schaffen, ihr den Schrecken zu nehmen. Die Herausforderung dieser Form des Castings besteht darin, dass die Bewerber die Jury drei Minuten lang mit einer Aktion ihrer Wahl unterhalten müssen. Jeder, der schon mal ein Referat oder eine freie Rede auf Zeit halten musste, weiß, dass drei Minuten ewig dauern oder auch viel zu kurz sein können. So ist das auch beim Freistilcasting. Außerdem führt die selbständige Entscheidung über die Art des Vortrags zu den kuriosesten Darbietungen. Es gibt Leute, die sich Choreographien überlegen, die sie dann so hektisch runterturnen, dass sie schon nach einer Minute total aus der Puste sind und für den Rest der Zeit ihr Pulver verschossen haben. Es gibt auch Leute, die Spiele erklären wollen, sich beim Aufbau aber so viel Zeit lassen, dass die drei Minuten schon um sind, bevor der Sinn des Spiels überhaupt zur Sprache kam. Einmal hab ich eine Frau erlebt, die – ohne Witz – mit ihrer Handtasche vor die Jury hintrat, ein Buch und eine Stoppuhr rausholte und dann seelenruhig drei Minuten aus »Friedhof der Kuscheltiere« von Stephen King vorlas. Nachdem sie mit dem Satz »Aus der geschwollenen, verzerrten rechten Schulter ragte ein Schlüsselbein heraus« geendet hatte, wurde sie von der Jury gefragt: »Vorlesen – eine ungewöhnliche Idee für ein Animateurcasting, meinen Sie nicht?«

»Ungewöhnlich sollte Animation doch sein, oder?«, lautete die schlagfertige Antwort.

»Aber finden Sie, dass ein Horrorroman das richtige Programm für einen Ferienclub ist?«

»Fürs Kinderprogramm sicher nicht. Ansonsten ist ›Friedhof der Kuscheltiere‹, meinen Recherchen zufolge, eine der meistgelesenen Urlaubslektüren der Deutschen. Im Zeitalter des Hörbuchs kann man diesem Phänomen ruhig mal mit einer Lesung Rechnung tragen.«

Die Juroren saßen mit offenem Mund da und wussten nicht, was sie sagen sollten. Als dem altklugen Fräulein die Standardfrage »Und in welcher Animationsform sehen Sie ihren Fokus?« gestellt wurde und sie »Kinderanimation« antwortete, dachte ich, das Bewerbungsgespräch sei für sie gelaufen. So kann man sich irren. Sie hat den Job bekommen. Ich hab das zunächst überhaupt nicht kapiert, mich sogar ein bisschen drüber geärgert. Inzwischen verstehe ich es. Sie ist mit der richtigen Selbsteinschätzung, mit Mut zur Provokation und ausreichend vorbereitet zum Gespräch gekommen. Die Formulierung »Meinen Recherchen zufolge …« sollte man sich für Bewerbungsgespräche warm halten. Lässt man ihr eine wie auch immer geartete Insiderkenntnis folgen, gaukelt sie eine so streberhafte Auseinandersetzung mit dem beruflichen Umfeld vor, dass kaum ein Personalerherz davon ungerührt bleibt. Das ist zumindest meine Erfahrung.

Zu meinem eigenen Debüt im Drei-Minuten-Freistil-Karussell: Es fand vier Jahre nach dem Ruhrpott-Casting in Bayern statt und zählt nicht so richtig, weil ich zu diesem Zeitpunkt bereits wusste, was ich tat. Lustig war’s trotzdem, weil es den Arschtrittaspekt auf die Spitze trieb. Ich hab mir ganz bewusst die Königsdisziplin der Animationsformen vorgenommen: die Minidisco. Vor dem Casting hab ich eine Drei-Minuten-Collage mit Ausschnitten aus beliebten Kinderliedern auf eine CD gebrannt. Los ging’s mit »Ich war vor langer Zeit mal in Amerika«, weiter mit »Veo veo«, zum Schluss kam »If you’re happy and you know it, clap your hands«. Insgesamt kamen sechs verschiedene Lieder vor, also auch sechs verschiedene Choreographien. Diesmal habe ich nicht meine Mitbewerber, sondern die Juroren mitmachen lassen. Ich habe eine ganze Weile darüber nachgegrübelt, ob man das bringen kann, aber irgendwann dachte ich: Diese Leute sitzen den ganzen Tag auf ihrem Hintern und gucken zu, wie sich die Bewerber vor ihnen zum Affen machen. Warum also nicht mal den Spieß umdrehen? Hätte ordentlich in die Hose gehen können, hat aber geklappt. Ich hab mich insgeheim totgelacht. Den Juroren war es natürlich total unangenehm, hinter der Verschanzung ihres Pultes hervorzukommen und bei Nonsenschoreographien mitzumachen, bei denen auch die honorigste Respektsperson lächerlich aussieht. Hände hoch und Arme im Wind wiegen, Füße aufstampfen und Fäuste in die Hüften stemmen, Hintern raus und Schwänzchen in die Höh. Sogar der dicke Schlipsträger aus der Personalabteilung hat sich drei Minuten lang diesen Klassikern aus der Minidisco-Move-Palette hingegeben. Vermutlich zum ersten und letzten Mal in seinem Leben. Übrigens ein Punkt, den ich mittlerweile kritisch sehe. Viel zu oft sitzen in den Jurys Leute, die von der Animation keine Ahnung haben. Sie können gar nicht richtig beurteilen, ob der Bewerber sich für den Job eignet oder nicht. Da wird dann nach Aussehen oder Zeugnissen oder persönlicher Sympathie ausgewählt. Ein Typ, der einen Abi-Durchschnitt von eins Komma null hat, eignet sich aber nicht zwangsläufig für die Animation. Auch eine Katalogschönheit mit Modelmaßen ist den Anforderungen des Jobs nicht unbedingt gewachsen. Und der wohlerzogene Bursche, den die Frau aus der Buchhaltung gerne zum Schwiegersohn hätte, kann seine Qualitäten an der Urlaubsfront vielleicht nicht wirklich zur Geltung bringen. So was bedeutet für die Teamleiter vor Ort dann meist Ärger und zusätzliche Arbeit. Beides kann man sich sparen, wenn man von vornherein Leute mit der Stellenvergabe betraut, die den Job schon mal gemacht haben. Hinzu kommt, dass in den vergangenen Jahren immer öfter Leute aufgrund eingeschickter Filmchen eingestellt werden, oder Bewerbungsgespräche nur noch online, also via Skype stattfinden. Auch so was trägt nicht zur Qualitätssteigerung bei. In der Animation geht es schließlich mehr als irgendwo sonst um persönliche zwischenmenschliche Interaktion. Die Grundlage für eine solche Tätigkeit sollte demnach eine persönliche Begegnung sein. So rede ich heute. Vor 13 Jahren hätte ich vermutlich gesagt: »Ja, ja, laber ruhig.« Bevor mir also irgendein missmutiger kleiner Spielverderber Fachsimpelei vorwirft, reisen wir noch einmal in der Zeit zurück, um zu erfahren, wie es nach meinem Ausflug in den Ruhrpott weiterging.

Die Reise zum Olymp

Von meiner Rückkehr nach Neumünster bis zur Abreise zu meinem ersten Job nach Griechenland lagen nicht mal anderthalb Wochen. Das ging ratzfatz. Einen Tag nach dem Casting bekam ich einen Anruf. Der Schnösel teilte mir mit, dass ich »dabei« sei. Er sagte das, als ob er erwartete, dass ich spontane Freudenschreie ausstoßen würde. Aber da kannte er mich schlecht. Mehr als ein sprödes »Cool« kam mir damals nicht über meine Lippen. Wann ich denn anfangen könne, wollte er wissen. Ein knappes »Von mir aus sofort« war die Antwort.

»Ich hätte da eine Stelle in Griechenland. Würde das passen?«

»Klar.«

»Olympische Riviera?«

»Was ist damit?«

»Äh … Da ist das Hotel.«

»Also doch nicht Griechenland?«

»Doch, doch.«

»Okay.«

So in der Art verlief dieses Telefonat. Es war mir auf gut Deutsch gesagt scheißegal, wo ich hinkam. Das Einzige, was mich interessierte, war der Flug. Ich weiß noch, wie der letzte Satz in meinen Ohren klingelte: »Gut, dann kümmere ich mich um das Ticket, das wir Ihnen dann per Post zuschicken.« An dieser Stelle wäre vielleicht wirklich ein Freudenschrei fällig gewesen, aber die Blöße gab ich mir nicht. Nach fünf Minuten war alles erledigt. Der Schnösel beteuerte noch mal seine Freude darüber, dass ich »dabei« sei, dann legten wir beide auf. Und dann? Tränen? Fanfaren? Glücksgeheul? Ich muss euch enttäuschen, Leute. Wir sind hier nicht in einer Dokusoap. Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, hab ich ihn sofort wieder abgenommen, um meinen Vermieter anzurufen und die Wohnung zu kündigen, schließlich sollte der erste Vertrag mich gleich für ein halbes Jahr ins Ausland führen. Das wurde mit einer ähnlich stoischen Gelassenheit zur Kenntnis genommen, wie ich sie der Jobzusage entgegengebracht hatte. Danach hieß es: Ausmisten. Nicht dass ich so wahnsinnig viel Zeug gehabt hätte, aber bei einer Haushaltsauflösung fällt auch in einem schlecht sortierten Jungshaushalt eine Menge Krempel an. Als meine damalige Freundin am Abend zu Besuch kam, musste sie sich im Flur erst mal an einem großen Haufen Möbelmüll vorbeiquetschen.

»Was is ’n hier los?«, fragte sie entgeistert.

»Ich wandere aus«, antwortete ich.

»Wie, du wanderst aus?«

»Griechenland. Olympisches Revier oder so ähnlich.«

»Hast du den Job echt gekriegt, oder was?«

Ich nickte. Und dann waren sie auf einmal doch da, die Tränen. Nicht bei mir, aber bei meiner Freundin. Das war das erste Mal, dass mir in den Sinn kam, dass mich Leute vermissen könnten. Gefühlsmäßig muss ich damals wirklich abgestumpft gewesen sein. Ich weiß noch, dass ich meine Freundin mit den Worten tröstete: »Brauchst nicht traurig sein. Du kriegst auch die Katze.«

Daraufhin heulte sie noch mehr. Wegen der Katze oder meinetwegen? Im Nachhinein bin ich nicht ganz sicher. Ich weiß nur, dass die beiden es nach meiner Abreise nur drei Wochen miteinander ausgehalten haben. Danach war meine Freundin überfordert vom Eigensinn des Tieres und ließ es einschläfern. Blöde Kuh. Wäre die Beziehung zu ihr für mich emotional nicht ohnehin mit der Entscheidung, den Job anzunehmen, beendet gewesen, hätte ich spätestens nach dem Katzenmord Schluss gemacht. Aber Schwamm drüber und weiter im Text.

Als ein paar Tage später das Flugticket nach Thessaloniki im Briefkasten lag, war meine Wohnung mehr oder weniger leer geräumt. Wohnzimmertisch und Fernseher hatte ich an den Freund mit dem Anzug verscherbelt, Besteck und Geschirr meinem Vater zurückgegeben, von dem ich sie auch bekommen hatte, ein paar Stofftiere, Pflanzen und die Katze bekam meine Freundin. Der Rest wanderte in den Sperrmüll und die Altkleidersammlung. Beziehungsweise in den einzigen Koffer, den ich mitnahm. Es war ein radikaler Fall von Zelte-Abbrechen und Nach-mir-die-Sintflut, auch wenn ich das gar nicht so empfunden habe. Mich hielt nach dem Tod meiner Mutter einfach nichts mehr in meiner Heimat. Das Verlassen der vertrauten Umgebung bedeutete auch die Flucht vor Gefühlen, die ich sowieso verdrängte. Vielleicht fiel der Aufbruch deshalb so leicht. Ich habe nie richtig darüber nachgedacht, was mich in Griechenland erwartete. Oder dass ich da gerade etwas tat, von dem viele Leute träumen. Einfach abhauen und neu anfangen. Im Ungewissen. Im Süden. In der Sonne. Während in Deutschland der kalte Aprilwind blies und es alle paar Stunden regnete.

Als mein Vater mich zum Flughafen brachte, trug ich eine dicke Jacke und eine Mütze, die ich vor Aufregung den ganzen Flug über anbehielt. Ich war super aufgeregt. Als der Flieger vom Boden abhob, hab ich mich selbst dabei ertappt, wie ich mir in den Arm kniff und immer wieder »Wie geil, wie geil« vor mich hin murmelte. Zum Glück war noch keine Hochsaison, das Flugzeug nur halb voll und der Platz neben mir frei. Sonst hätten meine Sitznachbarn wahrscheinlich einen Psychiater gerufen für den aufgekratzten Typen mit der Mütze und der Winterjacke, der die ganze Zeit wie ein Irrer fotografierte. In die Wolken. In den Himmel. Wer wissen will, wie die Fotos geworden sind, stelle sich einfach blaue oder weiße Farbflächen vor, auf denen zwischendurch ein Fensterrahmen ins Bild ragt. So sieht Euphorie knipsed by Sven Kudszus aus. Oder sie tat es zumindest damals.

Als ich aus dem Flieger stieg, schlug mir trockene, flimmernde Hitze entgegen. Wie eine Wand stand sie vor der Flugzeugtür und nötigte mir ein weiteres »Wie geil! Wie geil!« ab. Ich hab Jacke und Mütze später einfach am Gepäckband liegen lassen. Mein Opfer an die Urlaubsgötter. Die Jacke hätte ich vielleicht besser behalten sollen. Auf der Busfahrt von Thessaloniki nach Leptokaria hätte ich sie als Dämpfmaterial für meinen Hintern gebrauchen können. Zwei Stunden lang rumpelte der Bus von einem Schlagloch zum nächsten, während die Welt draußen vor den Fenstern in felsig staubigem Wüstengrau vorbeizog, das auch das rote Licht der untergehenden Sonne nur bedingt seiner Tristesse beraubte. Müll, Kakteen, wilde Hunde … Von dieser Fahrt gibt es bezeichnenderweise keine Fotos. Als die Fahrt zu »Triton’s Castle Resort«, meinem zukünftigen Arbeitsplatz, endlich vorbei war, hatten sich in den Rissen meiner angeknacksten Euphorie erste Bedenken gesammelt. War es wirklich eine gute Idee gewesen, mein vertrautes Umfeld für ein ausgedorrtes Land aufzugeben, in dem die Busfahrer fuhren wie die Henker und ihre Fahrzeuge bei jeder Erschütterung auseinanderzufallen drohten? Diese Frage geisterte mir durch den Kopf, als ich meinen Koffer die Rampe zum Hoteleingang hochhievte. In der Lobby jedoch waren alle Zweifel wie weggeblasen. Stattdessen schlich sich das liebliche Klimpern leiser Klaviermusik in meine Gehörgänge. Die Bodenfliesen waren so blank gebohnert, dass die Deckenleuchten sich in ihnen spiegelten. Es roch nach Essen und Putzmitteln. Das Personal an der Rezeption trug elegante Uniformen. Schlagartig war die Zuversicht zurück. Eine blonde Sportskanone mit Polohemd, kurzen Hosen und Käppi, auf denen das Hotellogo prangte, kam auf mich zu: »Du musst Sven sein, richtig?«

»Ja, stimmt.«

»Herzlich willkommen im ›Triton’s Castle‹«, lächelte sie. »Ich bin Sonja, deine Teamleiterin. Komm, ich bring dich zu deinem Zimmer und zeig dir den Club. Ich hoffe, du hattest eine gute Fahrt. Es gab vor ein paar Wochen Probleme mit den Verkehrswegen, weil an der Küstenstraße eine Gerölllawine runtergekommen war. Ein Glück, dass das nicht in der Hauptsaison passiert ist …«

Damit setzte Sonja sich in Bewegung und redete fortan ohne Punkt und Komma wie ein Wasserfall auf mich ein. Über das Klima und das Land. Über den Club und die Gäste. Über das Essen und die Kollegen. Die Frau verstand ihren Job. Hätte ich ihr auch nur ansatzweise zugehört, hätte ich mir viele ihrer Konversationsfloskeln abgucken können. Aber ich hörte nicht zu. Ich guckte nur. Überall standen angestrahlte Palmen, der Pool leuchtete hellblau, vor behaglichen Bungalows saßen Leute und tranken Wein, an der Bar wurde gelacht und gefeiert, im Hintergrund rauschte das Meer. Wie auf Wolken schwebte ich durch diesen Club und dachte mir: »Du verdammter Glückspilz. Noch gestern hätte dir in Neumünster jeder prophezeit, dass du vom Trecker überfahren oder von der Dorfpolizei eingelocht wirst, sobald du zwanzig Meter übers Ortsschild hinausgehst, und jetzt bist du hier. Im Paradies.«

Ich wusste noch nicht, dass es ein Paradies voller Fallen und Gefahren war. Und dass ich schon am nächsten Morgen seine Krallen zu spüren bekommen würde. Vermutlich hätte ich gar nicht hingehört, wenn mich jemand gewarnt hätte. Dieser Augenblick war über die Realität erhaben. Er fühlte sich an wie Weihnachten und zehn Orgasmen zusammen. Für eine Nacht war ich der glücklichste Mensch der Welt.

Willkommen im Club

Viel geschlafen habe ich in der ersten Nacht in »Triton’s Castle« nicht. Obwohl ich todmüde war und sogar ein Zimmer für mich alleine hatte. Durchaus kein Normalfall, wie ich später herausfinden sollte. Auf die abenteuerlichen Unterkünfte, die Animateuren in Kellerabteilen, Abstellkammern und ausrangierten Gästezimmern zur Verfügung gestellt werden, gehe ich später noch ein. Diese hier war vergleichsweise komfortabel. Es gab ein kleines Bad, ein Fenster, ein großes Bett und einen Schrank, in den ich meinen gesamten Kofferinhalt entleerte. Im Licht der flackernden Deckenleuchte sah der Raum ganz behaglich aus. Das relativierte sich bei Tageslicht ein wenig. Da kamen dann doch Risse in Wänden, abblätternde Tapeten und staubige Ecken zum Vorschein. Das unablässige Tropfen des Wasserhahns hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits als festen Bestandteil der Geräuschkulisse verbucht. Die fremdartigen Laute und Düfte hatten mich noch viel zu lange wach liegen lassen, als dass ich am Morgen frisch und ausgeschlafen gewesen wäre. Ob genug Schlaf allerdings etwas an den Schrecken dieses Tages geändert hätte? Ich befürchte: nein.

Es fing damit an, dass ich das Frühstück verpennte und im Eiltempo duschen und in die frisch gewaschene »Arbeitsuniform« (kurze Hose, Polohemd und Käppi mit Hotellogo) springen musste, die mir Sonja am Vorabend überreicht hatte – in zweifacher Ausführung und mit den Worten: »Deine Dienstkleidung. Oder wie ich es nenne: das Narrenkostüm. Wenn du das trägst, erkennen die Gäste, dass du zum Team gehörst. Sonst nicht. Deshalb Privatklamotten bitte nur an freien Tagen anziehen.«