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In "Arzt und Advokat" von August Schrader vereinen sich die Welten der medizinischen und juristischen Praxis in einer fesselnden und vielschichtigen Erzählung. Der Autor beleuchtet die Herausforderungen und ethischen Dilemmata, die sich an der Schnittstelle von Medizin und Recht auftun, und lädt den Leser ein, die komplexen Interaktionen zwischen diesen beiden Disziplinen zu erkunden. Schrader verwendet einen präzisen und gleichzeitig poetischen Schreibstil, der es ihm gelingt, sowohl die Dramatik als auch die Subtilität der Charaktere und ihrer Konflikte zu erfassen, und schafft damit ein eindrucksvolles literarisches Werk im Kontext der frühen 20. Jahrhunderts, das von einem wachenden gesellschaftlichen Bewusstsein geprägt ist. August Schrader, selbst aus einer Familie von liberalen Geistern stammend und als Arzt und Jurist ausgebildet, bringt aus erster Hand Erfahrungen ein, die das Fundament seines Schreibens bilden. Seine umfassende Bildung und sein Engagement für soziale Gerechtigkeit spiegeln sich eindringlich in den Figuren und Handlungssträngen seines Buches wider. Die Auseinandersetzung mit den menschlichen und professionellen Herausforderungen, die sowohl Ärzte als auch Anwälte täglich bewältigen müssen, lässt sich als ein Reflex seiner eigenen inneren Konflikte verstehen. "Arzt und Advokat" ist nicht nur eine fesselnde Erzählung; es ist auch eine tiefgreifende Untersuchung der moralischen Fragestellungen, die in unserer modernen Gesellschaft von großer Relevanz sind. Leser, die an der Interaktion zwischen Ethik, Recht und Medizin interessiert sind, werden von diesen gewählten Themen und Schrader's meisterhaftem Erzählstil gefesselt sein. Dieses Buch ist ein unverzichtbares Werk für alle, die sich mit der Komplexität menschlicher Entscheidungen und den daraus resultierenden Konsequenzen auseinandersetzen wollen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Eine trübe, nebelige Nacht lag über die Häusermasse Hamburgs[1q]. Die feuchten Straßen waren wie ausgestorben, nur von Zeit zu Zeit hörte man die schweren Tritte der Wächter, die sich wie unheimliche Gestalten an den hohen Gebäuden hinbewegten. Die Glocken hatten die erste Stunde nach Mitternacht verkündet, als ein Mann, fest in einen Mantel gehüllt, den neuen Wall betrat, eine der schönsten Straßen, die nach dem verheerenden Brande im Jahre 1812[1] in der reichen Handelsstadt entstanden sind. Er ging so eilig über die breiten Trottoirs, daß ihm ein alter Diener, der ihn begleitete, kaum zu folgen vermochte[2q]. An einem der größten und prächtigsten Häuser blieb er stehen. Der Diener zog einen Schlüssel hervor, öffnete die schwere Thür, und ließ seinen Begleiter eine weite, matt erhellte Hausflur betreten.
„Wo ist Herr Raimund?“
Noch ehe der Diener diese an ihn gerichtete Frage beantworten konnte, öffnete sich eine Thür, und ein junger Mann, bleich und zitternd, trat hastig heraus.
„Doctor! Doctor!“ rief er leise, indem er sich ihm wie ein Verzweifelnder an die Brust warf, den Kopf auf seine Schulter senkte, und leise zu weinen begann.
„Muth, Muth, mein lieber Freund!“ sagte mit bewegter Stimme der Arzt[3q]. „Wir Alle stehen in Gottes Hand, und er hat schon oft geholfen, wenn menschliche Kunst und Hülfe vergebens waren. Sie sind meiner Aufforderung gefolgt und von der Reise zurückgekehrt – das ist mir lieb. Jetzt fassen Sie sich, und führen Sie mich zu der theuern Kranken.“
Raimund erhob sich und sah mit seinen thränenfeuchten Augen den Arzt schmerzlich an.
„Mir scheint“, flüsterte er, „der Zustand meiner guten Louise ist sehr bedenklich – sie erkannte mich nicht, als ich vor einer Stunde ankam – in meiner Todesangst ließ ich Sie rufen.“
„Sie haben recht gethan“, sagte der Arzt, und drückte dem betrübten Manne tröstend die Hand. Dann warf er seinen Mantel ab und ließ sich von Raimund in das Krankenzimmer führen, das mit großer Bequemlichkeit, selbst mit Luxus ausgestattet war.
Eine schon bejahrte Kammerfrau entfernte sich bei dem Eintritte der beiden Männer. Der Arzt trat zu dem Bette, dessen weiße Gardinen zurückgeschlagen waren, und betrachtete prüfend das bleiche Gesicht der Kranken, einer schönen jungen Frau von vielleicht drei- bis vierundzwanzig Jahren.
Wohl zehn Minuten verflossen unter tiefem Schweigen. Dann trat der Arzt zurück und flüsterte:
„Es ist eine Krisis eingetreten. Wir können nichts thun, als uns in Geduld fassen[4q].“
„Doctor“, flüsterte Raimund dringend, „verbergen Sie mir nichts, sagen Sie mir die reine Wahrheit, ich habe die Kraft, sie zu hören! Sehen Sie doch – ich bin völlig ruhig – ich beklage mich nicht – was halten Sie von dieser Krisis?“
Trotz der Anstrengung, mit der Raimund seine Bewegung zu verbergen suchte, verriethen dennoch die Blässe des Gesichts die mit Thränen gefüllten Augen, und das leise Beben der Stimme die ungeheure Angst, die sein Herz zusammenpreßte.
Der Arzt begriff nur zu gut die schreckliche Verzweiflung, die sich unter dieser scheinbaren Ruhe verbarg. Er erfaßte die brennende Hand Joseph Raimund’s, drückte sie sanft und sagte in einem schmerzlich milden Tone, mit dem man Unglückliche zu trösten sucht: „Raimund, mein lieber, lieber Freund, ich hoffe zu Gott, daß diese Krisis heilbringend sein wird; aber ich verhehle auch nicht, daß sie die schlimmsten Folgen haben kann. Jetzt entfernen Sie sich, ich beschwöre Sie – Ihre Gegenwart ist mir lästig, sie stört mich in meinen Beobachtungen. Glauben Sie mir, ich bedarf meiner ganzen Ruhe und Kaltblütigkeit. Die geringste Bewegung übt einen unheilvollen Einfluß auf die Kranke aus[5q]. Ein Wort, ein Seufzer kann die Hoffnung vernichten, die ich noch hege. Darum entfernen Sie sich, mein Freund – ich bitte Sie!“
„Nein, Doctor, nein!“ antwortete der junge Mann in verzweifelnder Beharrlichkeit – „ich kann dieses Zimmer nicht verlassen. Dort, dort, am Fußende ihres Bettes ist mein Platz. Tragen Sie keine Sorge, ich werde still und stumm sein, denn ich weiß ja, daß von meiner ruhigen Ergebung das Wohl meiner geliebten Louise abhängt.“
„Nun, so bleiben Sie denn, da Sie es wollen; aber ich empfehle Vorsicht, die größte Vorsicht!“
Der Arzt schwieg und setzte sich leise auf einen Stuhl neben dem Bette[6q]. Wie überwältigt von seinen Gefühlen, versank Raimund in eine schmerzliche Regungslosigkeit. Eine wahre Grabesstille folgte dem leise geflüsterten Gespräche der beiden Männer. Man hörte nichts mehr als die gleichförmigen Schläge einer Pendeluhr[7] und das schwere Athmen der Kranken[7q]. Draußen hörte man die Stimme des Wächters zwei Uhr rufen.
Benutzen wir die eingetretene Pause, um den Lesern etwas Näheres über die drei Personen zu sagen, die sich in dem Zimmer befinden. Der angehende Greis ist der Doctor Friedland, einer der angesehendsten Aerzte Hamburgs. Der jüngere Mann ist der Großhändler Joseph Raimund, der Besitzer eines der größten Handlungshäuser der Stadt. Die Kranke ist Louise Raimund, die innig geliebte Gattin des jungen Kaufherrn.
Joseph Raimund stammte aus einer unbemittelten Familie;[8q] aber seine redlichen und großmüthigen Gesinnungen, seine Liebe zu allem Großen und Erhabenen und seine rastlose Thätigkeit wiesen ihm einen Platz in jener kleinen Zahl von arbeitsamen und intelligenten Menschen an, die sich künftig eine Bahn durch die Wogen des Lebens brechen. Joseph hatte früh schon seine Mutter verloren, und sein Vater, ein achtbarer aber armer Maler, hatte ihm jene schlecht geleitete und ungenügende Halbbildung geben lassen, die in unserer Zeit für das praktische Leben so wenig taugt. So hatte er bis zu seinem fünfzehnten Jahre das Gymnasium besucht. Um diese Zeit verfiel der Maler in eine langwierige Krankheit, an Erwerb war nicht mehr zu denken, und Joseph, den Kopf voll Griechisch und Latein, voll heroischer Erinnerungen und glorreicher Traditionen, mußte in dem väterlichen Hause bleiben, um den Kranken zu pflegen und mit Mangel und Elend zu kämpfen. Die Krankheit des Vaters endigte nach einigen Wochen mit dem Tode, und der arme Joseph war älternlos.
Seine Lage war die bejammernswertheste von der Welt, und ein weniger stolzer Geist als der seine würde dieser trostlosen Wirklichkeit, die alle seine Illusionen und Hoffnungen mit einem Schlage vernichtete, erlegen sein; aber Joseph ließ sich nicht entmuthigen. Wie er früher von Ehre, Glück und Vermögen geträumt, so fügte er sich jetzt der Armuth und der Arbeit.
Joseph hatte auf dem Gymnasium mit Julius Morel eine jener so ergebenen, so uneigennützigen Freundschaftsverbindungen unterhalten, die den Anschein haben, als ob sie ewig dauern müßten, aber wie alle Ideen und Ansichten in diesem Lebensalter durch den Druck der socialen Verhältnisse einer Wandelung unterliegen.
Der Vater des jungen Morel war ein reicher und vielgesuchter Advocat. Er hatte Joseph’s Ordnungsliebe, seine Intelligenz, seine Lebhaftigkeit und seine beharrliche Willenskraft kennen gelernt. Als Herr Morel von dem Unglücke hörte, das den Freund seines Sohnes betroffen, fühlte er das lebhafteste Mitleid, er nahm sich des Verwaisten thätig an, und bald gelang es seinen Empfehlungen, ihm eine Stelle bei einem Negocianten[3] zu verschaffen. Joseph gab sich nun der Arbeit mit einem brennenden Eifer hin[9q]. Noch waren nicht zehn Jahre verflossen, und aus dem armen Commis war ein erster Buchhalter geworden. Nach kurzer Zeit ward der Buchhalter Cassirer, und der Cassirer schwang sich zum Compagnon des Handlungshauses empor, in das ihm die liebevolle Fürsorge des Herrn Morel Zutritt verschafft hatte.
Zeit und Unglück hatten das Freundschaftsband, das Joseph und Julius umschlang, nicht gelockert; die beiden jungen Leute liebten sich, und keiner hatte vor dem Andern ein Geheimniß. Joseph sprach von seinen Arbeiten, von seinen Mühseligkeiten und seinen Hoffnungen – Julius ermuthigte ihn, und hatte seine Freude daran, wenn er ihm die Zukunft mit lebhaften und glänzenden Farben schildern konnte. Solche Unterredungen fanden in der Regel Sonntags statt, wenn die beiden Freunde an den Ufern der Elbe weite Spaziergänge unternahmen, sich am Fuße eines Baumes niederließen, und mit jugendlicher Schwärmerei den Ergießungen des Herzens folgten.
In einer dieser traulichen Unterhaltungen gestand Joseph seinem Freunde, daß er die Tochter seines Prinzipals liebe.
Louise Cordes war ein reizendes Mädchen von achtzehn Jahren. Sie hatte ein volles blondes Haar, einen schneeweißen Teint, himmlisch blaue Augen, sanft geröthete Wangen, und schön geschweifte rosige Lippen, die, wenn sie sich öffneten, blendend weiße Perlenzähne zeigten. Oft artete ihre kindliche Fröhlichkeit in Uebermuth aus, aber sie verstand es, zu rechter Zeit den Zügel anzulegen, und dann zeigte sie einen guten, großmüthigen Charakter. Seit ihrer Rückkehr aus dem Pensionate einer benachbarten Residenz wohnte sie bei dem Vater. Joseph, der sie nun täglich sah, liebte sie bald mit der ersten Glut der Jugend, und nach zwei Jahren ungewissen Harrens und Hoffens glaubte er die Gewißheit zu haben, daß Louise ihn wiederliebe.
Sechs Monate später ward Louise Cordes die Gattin Raimund’s, und der junge Mann, der einst als armer Waisenknabe in das Haus gekommen, befand sich auf dem Gipfel irdischen Glückes.
Seit dieser Heirath hatte Louisen’s Vater dem Schwiegersohne das Geschäft übergeben, und sich auf ein Landgut zurückgezogen, was er auf den fruchtbaren Fluren Holsteins besaß. Joseph arbeitete mit verdoppeltem Eifer, er erweiterte den Kreis seiner Operationen, und in wenig Jahren hatte er das Vermögen seiner Frau um das Zwiefache vermehrt. Als Vater eines reizenden Kindes, das er mit Liebe erzog; als Gatte einer schönen, zärtlich geliebten Frau, die ihn wiederliebte; reich, geachtet und geehrt war Joseph Raimund der glücklichste der Menschen. Um diese Zeit kam auch Julius Morel von einer großen Reise zurück, die er nach glänzend bestandenem Examen angetreten; er übernahm die ausgebreitete juristische Praxis seines Vaters, und ward Advokat.
Joseph Raimund feierte einen hohen Festtag, als er Julius, den Freund und Bruder, seiner geliebten Louise vorstellen konnte[10q]. Das Haus Joseph’s ward auch das Julius Morel’s, und die Freundschaft erhöhte das Glück der Liebe.
