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In "Ein Familiengeheimniß" schafft August Schrader ein fesselndes Panorama der menschlichen Beziehungen, angereichert mit psychologischer Tiefe und emotionalen Konflikten. Der Roman entfaltet sich um die secrets einer Familie, deren scheinbar harmonisches Leben durch die Enthüllung längst verdrängter Wahrheiten erschüttert wird, was zu einem spannungsgeladenen, aber auch nachdenklich stimmenden Leseerlebnis führt. Schrader nutzt einen klaren, präzisen Stil, der auf poetische Bildsprache setzt und den Leser sowohl zum Schmunzeln als auch zum Nachdenken anregt. Die Handlung ist in der Zeit der Jahrhundertwende verankert und reflektiert die sozialen Umbrüche dieser Epoche, was dem Werk einen historischen Kontext verleiht, der den gesellschaftlichen Wandel thematisiert. August Schrader, ein wegweisender deutscher Schriftsteller, bekannt für seine kritischen und zugleich einfühlsamen Erzählungen, wurde in eine Zeit hineingeboren, in der persönliche und gesellschaftliche Identitäten stark im Wandel waren. Sein eigenes Leben war geprägt von familiären Spannungen und der Suche nach Identität, Elemente, die sich eindringlich in diesem Buch widerspiegeln. Schrader hat sich zeitlebens intensiv mit den Grenzen von Wissen und Unwissenheit, sowie den dadurch verursachten Konflikten auseinandergesetzt. "Ein Familiengeheimniß" ist nicht nur ein hochspannender Roman über familiäre Beziehungen, sondern auch eine tiefgründige Reflexion über die Last der Vergangenheit und deren Einfluss auf gegenwärtige und zukünftige Generationen. Leser, die an psychologischen Dramen, Familiengeschichten und dem Einfluss von Geheimnissen auf soziale Strukturen interessiert sind, werden von diesem Buch begeistert sein und es als einen wertvollen Beitrag zur deutschsprachigen Literatur schätzen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Zu Anfang des Sommers im Jahre 1850 sah man an einem Hause in der W.straße zu Hamburg ein neues Schild mit der Inschrift: „Wechsel[5]-Comptoir[1] von Franz Soltau.“ Das Haus war von alter Bauart, der Giebel ging nach der Straße hinaus, die Menge kleiner Fenster desselben war vergittert, und die Thür bestand aus einem einzigen großen Flügel von schwerem Eichenholze. Trotzdem aber hatte dieses Haus ein freundliches, fast elegantes Ansehen, denn der ganze Giebel war von der Firste bis zur Schwelle mit dunkelgrüner Oelfarbe angestrichen, die Fensterscheiben erglänzten wie Krystall, und die große Thür mit dem schwarz lackirten Schlosse schien so eben erst verfertigt zu sein. Das große Schild mit den goldenen Buchstaben vollendete die Stattlichkeit des restaurirten alten Gebäudes.
Das Innere entsprach dem Aeußern: die Tünche der Neuzeit überzog das solide Alterthum. Ueberschritt man die weite Hausflur, welche die ganze Breite des Hauses einnahm, so trat man durch eine kleine gewölbte Thür in das Comptoir. Es war dies ein eben nicht großer gewölbter Raum, dessen drei Fenster nach einem Kanale hinausgingen. An jedem der Fenster befand sich ein vergittertes Bureau, vor dem ein Commis[3] arbeitete. Vor dem Bureau stand ein langer, schmaler Tisch. Durch eine Glasthür rechts sah man in das Kabinet des Chefs dieses jungen Bankhauses.
Es war im Juni, Morgens halb zehn Uhr[4q]. Der Comptoirbote trat ein und legte die Briefe auf den Tisch, die er von der Post geholt hatte. Einer der Commis, ein blonder junger Mann in eleganten Kleidern, nahm die Briefe und trug sie in das Kabinet des Chefs
Franz Soltau war ein Mann von achtundzwanzig Jahren[6q]. Seine stets heitere und ruhige Stirn, der Schnitt seines einfachen, aber ausdrucksvollen Gesichts und seine ungekünstelten Bewegungen offenbarten ein arbeitsames, entsagendes Leben; zugleich aber auch lag in seinem ganzen Wesen eine hohe, imponirende Würde, aus der jener geheime Adel des Herzens spricht, der allen Lagen des Lebens Trotz bietet.
Der Commis überlieferte die Papiere und zog sich zurück[5q]. Der Banquier[4] prüfte die mit der Post angekommenen Neuigkeiten. Er erbrach und las einen Brief nach dem andern, ohne daß sich seine Mienen veränderten. Der letzte indeß schien nicht nur seine Aufmerksamkeit, sondern auch seine Verwunderung zu erregen; er enthielt folgende Zeilen:
„Mein Herr!
„Der Unterzeichnete ersucht Sie, beifolgenden Wechsel von hunderttausend Mark[6] auf das Haus Salomon Heine zu realisiren und die Summe in Ihrem Bankhause zu deponiren. Bei einer solchen Caution werden Sie sicher keinen Anstand nehmen, einem jungen Mädchen, das sich Ihnen unter dem Namen Sophie Saller vorstellen wird, vierteljährlich eine Rente[7] von tausend Mark zu zahlen. Die Empfängerin legitimirt sich durch ein Creditiv, das von derselben Hand, wie dieser Brief, geschrieben ist und dieselbe Unterschrift trägt. Die Quittung[8]en Fräulein Saller’s erkenne ich im Voraus an und werde sie bei der Abrechnung, deren Zeit ich jedoch nicht bestimmen kann, als geleistete Zahlungen übernehmen. Im Uebrigen füge ich mich den in Ihrem Bankhause üblichen Zinsrechnungen.
Berlin, den 15. Mai 1850.Alles prüfte den Wechsel, der in dem Briefe lag; er war von einem bekannten Banquier in Berlin auf das Haus Heine in Hamburg ausgestellt. Kolbert, ein Name, den Soltau nie gehört, mußte demnach die Summe dort eingezahlt haben. Der Wechsel war augenscheinlich richtig.
„Wie aber kommt es,“ fragte sich Soltau, „daß man mir dieses Geschäft überträgt, mir, der ich erst seit einigen Jahren mein Bankhaus eröffnet habe? Ich erinnere mich nicht, je mit einem Kolbert in Berührung gekommen zu sein. Warum läßt man das Haus Heine die Rente nicht zahlen, auf das der Wechsel ausgestellt ist?“
Der junge Banquier hatte kein Risico bei dem Geschäft, wenn er das Einlagekapital erhielt; seine Betriebssumme ward im Gegentheil um hunderttausend Mark vermehrt, und außerdem war der Antrag ein Beweis des Vertrauens, das man ihm schenkte. Er nahm keinen Anstand, darauf einzugehen.
„Herr Lambert!“ rief er in das Comptoir.
Der junge Commis trat ein.
„Realisiren Sie diesen Wechsel bei Heine. Ich erwarte Sie so bald als möglich zurück!“
Lambert nahm den Wechsel, sah nach dem Betrage, rief den Comptoirdiener und entfernte sich. Nachdem Soltau noch einmal den Brief gelesen, legte er ihn in ein besonderes Fach, um ihn von den gewöhnlichen Geschäftspapieren zu trennen. Der gewöhnliche Geschäftsverkehr dauerte nun ununterbrochen eine Stunde fort, es kamen und gingen Leute, die Gelder brachten und holten. Das Bankhaus Soltau war zwar ein sehr junges, aber es erfreute sich bereits eines ehrenvollen Vertrauens und regen Zuspruchs. Soltau hatte sich zum Gesetze gemacht, jede gewagte Speculation zu vermeiden, er wollte sich mit kleinen, aber sichern Gewinnen begnügen. An der Börse kannte man ihn als einen vorsichtigen, redlichen Mann, und schätzte sein Vermögen auf achthunderttausend Mark. Ein nicht unbeträchtlicher Theil des kleinen Wechselhandels lag bereits in seinen Händen, und für mehrere amerikanische und englische Häuser besorgte er das Incassogeschäft
Um elf Uhr brachte Lambert die Summe von hunderttausend Mark. Die Empfängerin der Rente hatte also einen fruchtlosen Besuch nicht zu fürchten. Soltau war zwar seit zwei Jahren mit einer jungen, liebenswürdigen Frau verheirathet, und war seine Ehe auch bis jetzt kinderlos, so fand er doch das größte Glück in dem Besitze seiner Gattin — aber er mußte doch über seine Neugierde lächeln, die ihn in Bezug auf die empfohlene Dame anwandelte.
„Ob sie jung und schön ist?“ fragte er sich[7q]. „Ob sie bald kommen und Zahlung fordern wird?“
Auf beide Fragen sollte er um zwölf Uhr Antwort erhalten[8q].
Zur größten Ueberraschung der beiden jüngern Commis — der dritte Arbeiter war der Kassirer[10] Lorenz, ein Mann von fünfzig Jahren — trat ein reizendes junges Mädchen in das Comptoir, und fragte schüchtern nach Herrn Soltau. Man zeigte ihr das Kabinet. Gleich darauf stand sie dem Banquier gegenüber. Nachdem sie bescheiden gegrüßt, flüsterte sie mit zitternder Stimme:
„Ich habe Herrn Soltau eine Anweisung von Herrn Kolbert zu übergeben.“
Ihre kleine, mit schwarzen verschossenen Handschuhen bekleidete Hand überreichte dem Banquier ein Papier. Erröthend schlug sie die Augen nieder, als ihre Blicke denen des jungen Mannes begegneten. Dann trat sie, vor Angst zitternd, einen Schritt zurück.
Soltau fühlte sich von Mitleiden ergriffen; ohne das Papier zu lesen, antwortete er:
„In diesem Falle habe ich das Vergnügen, Fräulein Sophie Saller zu empfangen?“
Das reizende Gesicht Sophie’s ward plötzlich von einem Freudenstrahle verklärt, und die leichte Röthe ihrer Wangen verwandelte sich in Purpur. Nachdem sie sich zum zweiten Male verneigt hatte, athmete sie hoch auf; daß der Banquier ihren Namen kannte, schien ihr die Bürgschaft für ein bevorstehendes Glück zu sein.
„So sind Sie auf meinen Besuch vorbereitet?“ fragte sie kaum hörbar.
Soltau nickte bejahend mit dem Kopfe, während er das Papier las. Es enthielt nur die Zeilen:
„Ueberbringerin ist Sophie Saller. E. Kolbert.“
Der vorsichtige Geschäftsmann legte das Blatt zu dem Briefe; bei dieser Gelegenheit vergewisserte er sich, daß beide Documente von einer Hand geschrieben waren. Dann wandte er sich zurück und bot dem jungen Mädchen einen Stuhl an.
