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In "Die schöne Kathi" entführt August Schrader die Leser in eine detaillierte, melancholische Welt, die von tiefgründigen Emotionen und sozialer Thematik geprägt ist. Der Roman behandelt das Schicksal von Kathi, einer jungen Frau, und beleuchtet die Herausforderungen und inneren Konflikte, mit denen sie konfrontiert wird. Schrader nutzt einen eindringlichen, aber dennoch poetischen Stil, der den emotionalen Gehalt der Charaktere verstärkt und den Leser dazu anregt, über die gesellschaftlichen Normen und Erwartungen der damaligen Zeit nachzudenken. Die Erzählweise ist stark durch den Realismus des 19. Jahrhunderts geprägt, was das Werk sowohl in literarischer als auch in sozialhistorischer Hinsicht bedeutend macht. August Schrader, ein aufstrebender Autor seiner Zeit, war tief in den gesellschaftlichen und kulturellen Strömungen seiner Epoche verwurzelt. Seine Erfahrungen als Lehrer und Beobachter des Alltagslebens fließen in die Schilderungen der Protagonisten ein. Schrader wollte mit "Die schöne Kathi" nicht nur das individuelle Schicksal seiner Figuren erfassen, sondern auch eine breitere Diskussion über die Rolle der Frau und die gesellschaftlichen Konventionen anstoßen, die in seiner Zeit herrschten. Dieses Werk ist ein Muss für Leser, die sich für gesellschaftliche Themen und die Rolle der Frau in der Literatur interessieren. Die tiefen Einblicke in Kathis Kämpfe und die brillante Sprache machen dieses Buch zu einer fesselnden Lektüre, die über ihre Zeit hinaus relevant bleibt. Lassen Sie sich von Schrader in eine Welt entführen, in der Schmerz, Hoffnung und die Suche nach Identität auf meisterhafte Weise miteinander verwoben sind. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
In einer der lebhaftesten Straßen Semlin[1]s prangte an einem freundlichen zweistöckigen Hause ein blaues Schild, auf dem mit großen goldenen Buchstaben die Worte standen: „Drachenapotheke[2].“ Neben der großen Glasthür, die in das Innere des Hauses führte, stand auf einem weißen Piedestale von Holz die Illustration zu dem Texte im blauen Schilde, ein gelber Drache nämlich, der seinen Schweif um eine Säule wand und den Rachen weit aufriß.
Das Erdgeschoß dieses Hauses enthielt außer dem Verkaufslokale und den Wohnzimmern des Besitzers noch die Küche und die Speisekammern. Die Haustür ging nach dem Hofe hinaus und in dem Hofe befand sich das Laboratorium.
Der erste Stock ward von einem jungen Advokaten bewohnt[3q]. Die Fenster desselben schmückten saubere Gardinen, und ein Flor ausgewählter Blumen prangte hinter zierlichen Eisengeländern auf den reinlichen Brüstungen.
Der Besitzer dieser Niederlage von Heilmitteln war ein Mann von fünfzig Jahren, er nannte sich Istvan Czabo[3][4q]. Sein Haupthaar war bereits ergraut, die Stirn war hoch und glänzend, und in dem feinen weißen Gesichte zeigten sich Furchen. Aber die Lebendigkeit seiner Bewegungen, das Feuer der großen schwarzen Augen und die mäßige Corpulenz seiner hochgewachsenen Gestalt schienen einem kräftigen Manne von vierzig Jahren anzugehören.
Um die Zeit, wo wir Herrn Czabo kennen lernen, pflegte er einen angehenden Schnurrbart, dem er durch eine selbst erfundene Tinktur die schönste schwarze Farbe zu geben wußte. Der Apotheker hatte dadurch ein martialisches Ansehen erhalten, das dazu beitrug, seine fünfzig Jahre zu verspotten. Dies war jedoch nicht der Grund dieses kriegerischen Gesichtsschmuckes, wir werden ihn bald erfahren.
Herr Czabo war seit sieben Jahren Wittwer[5q], seine Lebensgefährtin hatte die Cholera[4] hinweggerafft, obgleich er in seiner Apotheke ein bewährtes und untrügliches Mittel gegen diese gräßliche Seuche bereitete. Netti, seine einzige Tochter, zählte bei dem Tode der Mutter elf Jahre, so daß in ihr eine Stütze für die Wirthschaft nicht zu finden war; der betrübte Wittwer war daher gezwungen gewesen, eine Haushälterin zu nehmen, der er die Sorge für die Oekonomie unumschränkt übertrug. Die Wahl dieser Person war eine glückliche gewesen, denn Katharina, eine kinderlose Wittwe, ersetzte vollkommen die waltende Hand der geschiedenen Gattin, und half durch Sparsamkeit den Wohlstand ihres Herrn erhöhen, den man jetzt zu den begütertsten Einwohnern der Stadt zählte.
Netti reifte indeß zu einer blühenden, schönen Jungfrau heran, auf die mehr als ein Dutzend junger Leute aus dem mittlern und höhern Bürgerstande der Stadt sehnsüchtige Blicke warfen. Netti hatte auch bald gewählt: der Advokat Ferenz, der den ersten Stock des Hauses bewohnte, war der Auserkohrene. Beide liebten sich mit dem ersten Feuer der Jugend, und der Vater billigte diese Liebe, da Ferenz, obgleich er nur erst kurze Zeit prakticirte, einer der tüchtigsten und gesuchtesten Advokaten der Stadt war. Sein jährliches Einkommen erlaubte ihm, ein gutes Haus zu führen.
Schon seit einem halben Jahre hätte Herr Czabo die Verlobung seiner Tochter mit dem jungen Advokaten festgesetzt; aber die unglückliche Revolution der Ungarn, die auch Semlin, die äußerste Grenzstadt, in steter Gährung erhielt, war dem sorglichen Vater ein Stein des Anstoßes gewesen, und die Liebenden mußten sich in Geduld fügen, das Ende der Volkserhebung abzuwarten.
Ferenz liebte aus voller Seele seine junge Braut, aber er billigte die Verzögerung seiner Verbindung, da er die Absichten einiger der Anführer für eigennützig und ihre Handlungsweise für nicht zweckdienlich hielt. Er war ein Freund der Freiheit, aber der ordnungsmäßigen, auf verständige Gesetze gegründeten. Von der Revolutionsparthei hoffte er wenig Gutes, und da er außerdem die Abneigung seines künftigen Schwiegervaters gegen den Umsturz des Bestehenden kannte, sprach auch er nicht selten seinen Unmuth über die Zerrüttung aus, welche über das unglückliche Vaterland gebracht worden war. Er hatte sich mit Herrn Czabo dahin geeinigt, daß die Verheirathung stattfinden sollte, sobald Ruhe und Ordnung zurückgekehrt seien.
Oesterreich hatte die Erhebung unterdrückt, in allen Städten flatterten die kaiserlichen Fahnen von den Thürmen, und die Führer der Insurrectionspartei wurden verfolgt, und, im Falle man ihrer habhaft ward, vor ein Kriegsgericht gestellt.
Mit der Uebergabe des Görgey’schen Corps[5] fiel eine Anzahl junger ungarischer Edelleute in die Hände der Sieger, und viele, die als höhere Offiziere in dem Heere der Ungarn gekämpft, wurden als gemeine Soldaten in die Reihen der österreichischen Armee gestellt, um sie für ihre Tollkühnheit zu bestrafen und ihren Uebermuth zu zügeln.
Aber nicht allein den Männern der Revolution galt diese Strenge, sondern auch den Frauen, die durch anfeuernde Worte und Geldsummen die Revolution befördert hatten. Zu diesen Frauen gehörte vorzüglich die junge Gräfin Thekla Andrasy[6], die als Herrin eines großen Vermögens die hervorragendste Rolle gespielt hatte. Man hatte einen Preis auf ihre Gefangennehmung gesetzt, da sie sich durch die Flucht dem Schicksale ihrer Gesinnungsgenossen entzogen hatte. Ihre beträchtlichen Güter waren confiscirt.
In dem Hause des Apothekers ward nur oberflächlich über alle diese Dinge gesprochen, man konnte sich selbst der Freude über die endliche Unterdrückung der Revolution nicht so recht hingeben, da ein Zufall eine Störung des Hauswesens herbeigeführt, dessen regelmässigen Gang dem Apotheker nicht minder am Herzen lag, als die Regelmäßigkeit der Staatsmaschine.
Die alte Katharina, seine Haushälterin, die schon längere Zeit an einem Augenübel litt, war plötzlich blind geworden und der Arzt, der einer Augenheilanstalt vorstand, hatte erklärt, daß die Sehkraft der treuen Dienerin noch zu retten sei, wenn sie unverweilt sich einer Kur in der Anstalt unterzöge, die freilich einige Monate dauern könne.
Katharina mußte also das Haus verlassen und ein Stübchen in der Anstalt beziehen, die auf einer freundlichen Wiese vor der Stadt lag.
Ein alter Fischer der Save[7], Namens Lajos, erschien an diesem Tage in der Apotheke. Da er seine Fische an Frau Katharina nicht abliefern konnte, wandte er sich an Herrn Czabo, der ihm das Unglück der Alten mittheilte.
„Ich bin in großer Verlegenheit," schloß er. „Meine Netti kann den Dienst in der Küche nicht allein versehen – woher nehme ich nur eine zuverlässige Magd?“
Der alte Fischer sah den Apotheker mitleidig an.
„Sie haben Recht, Herr Czabo,“ sagte er, „ihre Verlegenheit ist wirklich groß. Eine Magd brauchen Sie, und heute noch, wenn die Wirthschaft nicht leiden soll. Aber woher nehmen? Bei den jetzigen Zeiten muß man in der Wahl der Personen, die man in sein Haus nimmt, vorsichtig sein. Hm, Hm,“ brummte er, indem er sein bärtiges Kinn in die rauhe Hand legte, „könnte ich Ihnen nur helfen!“
„Lajos, Ihr seid ein redlicher Mann, ein wackerer Bürger – Ihr kommt mit Dienstleuten mehr in Berührung als ich – schafft mir eine gute, zuverlässige Magd, und ich gestatte Euch, daß Ihr vier Wochen in dem Theile der Save fischen könnt, der hinter meinem Garten fließt, und mein Eigenthum ist. Ihr habt Euch ja lange darnach gesehnt.“
Das Gesicht des alten Fischers verzog sich zu einem freundlichen Lächeln.
„Ach, Herr Czabo,“ rief er, „der Preis ist köstlich.“
„Nun, so sucht ihn zu verdienen.“
