Atlantis - Stephen King - E-Book

Atlantis E-Book

Stephen King

4,4
9,99 €

Beschreibung

Eine verlorene Generation zwischen Verrat, Krieg und Schrecken

Die mysteriösen Männer, die an Bobby Garfields elftem Geburtstag in seiner Heimatstadt auftauchen, sind gemeingefährlich. Das Grauen, das mit ihnen Einzug in Bobbys Welt hält, zwingt ihn dazu, sich von den Gewissheiten der Kindheit zu verabschieden – und das ist erst der Anfang.

Grundlage für die Verfilmung "Hearts of Atlantis" mit Oscar-Preisträger Anthony Hopkins.

»Stephen Kings vielschichtigstes und überzeugendstes Buch – sein persönliches Meisterwerk.« Kirkus Review

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Seitenzahl: 986

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Inhaltsverzeichnis
DAS BUCH
DER AUTOR
Widmung
Inschrift
NIEDERE MÄNNER IN GELBEN MÄNTELN – 1960
Kapitel eins
Kapitel zwei
Kapitel drei
Kapitel vier
Kapitel fünf
Kapitel sechs
Kapitel sieben
Kapitel acht
Kapitel neun
Kapitel zehn
Kapitel elf
HERZEN IN ATLANTIS – 1966
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
BLIND WILLIE – 1983
6:15 Uhr
8:15 Uhr
8:40 Uhr
9.05 Uhr
9:45 Uhr
10:00 Uhr
10:15 Uhr
10:45 Uhr
12:40 Uhr
16:25 Uhr
16:40 Uhr
17:15 Uhr
17:25 Uhr
Mitternacht
WARUM WIR IN VIETNAM SIND – 1999
HEAVENLY SHADES OF NIGHT ARE FALLING – 1999
NACHWORT
Copyright
DAS BUCH
Eine Kleinstadt im Nordosten der USA im Jahre 1960. An seinem elften Geburtstag bekommt der elfjährige Bobby zwar nicht das gewünschte Fahrrad, aber dafür zieht Ted Brautigan als Nachbar ein. Zum Missfallen seiner Mutter freundet sich Bobby schnell mit dem etwas skurrilen älteren Mann an, der sich von gemeingefährlichen Männern in gelben Mänteln verfolgt fühlt. Was Bobby anfangs als verrückte Marotte des alten Herrn abtut, wird bald bittere Realität. Die »gelben Männer« sind nicht nur auf der Jagd nach Ted, sondern auch Bobby selbst ist in Gefahr.
Die Geschichte des Jungen, in dessen Leben unvermittelt Gefahr und Gewalt einbrechen, und die Entwicklung in den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten, steht stellvertretend für eine Generation, der auch Stephen King selbst angehörte.
In den vier nachfolgenden Kurzromanen und Geschichten, die allesamt durch ihr Personal miteinander verbunden sind, verfolgen wir den Weg von Bobby und seinen Freunden über College und Kriegseinsätze, bis wir ihn schließlich 1999 als fünfzigjährigen Mann wiedertreffen. In allen Geschichten bricht die Gewalt in den Alltag der Personen – unerbittlich und häufig auf ganz subtile Weise, sodass man ihr nicht entrinnen kann.
DER AUTOR
Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, veröffentlichte schon als Student Kurzgeschichten. Sein erster Romanerfolg, Carrie, erlaubte ihm, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Seitdem hat er weltweit über 400 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen verkauft. Im November 2003 erhielt er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk. Die großen Werke des Autors erscheinen im Heyne Verlag.
Für Joseph und Leanora und Ethan:
Ich habe euch all das andere erzählt, um euch das hier zu erzählen.
Nummer 6: Was wollen Sie? Nummer 2: Informationen. Nummer 6: Auf wessen Seite sind Sie? Nummer 2: Wir sind auf der richtigen Seite. Wir wollen Informationen, Informationen, Informationen. Nummer 6: Ich sage nichts. Nummer 2: Sie werden sprechen. So oder so
Nummer 6
Simon blieb in seinem Versteck, ein kleiner brauner Fleck, hinter dem Laub verborgen. Selbst wenn er die Augen schloss, verfolgte ihn der Schweinskopf wie ein Nachbild. Sein verschleierter Blick sah Simon düster mit dem grenzenlosen Zynismus des Lebenserfahrenen an und versicherte ihm, dass alles schlecht war.
WILLIAM GOLDING, Herr der Fliegen
»Wir haben’s vermasselt.«
Easy Rider
NIEDERE MÄNNER IN GELBEN MÄNTELN
1960
Sie hatten einen Stock, der an beiden Enden angespitzt war.
Kapitel eins
Ein Junge und seine MutterBobbys GeburtstagDer neue MieterVon der Zeit und Fremdlingen
Bobby Garfields Vater hatte zu denen gehört, die schon mit zwanzig bis dreißig Jahren die Haare zu verlieren beginnen und so circa mit fünfundvierzig völlig kahl sind. Randall Garfield blieb dieses Endstadium erspart, weil er mit sechsunddreißig an einem Herzinfarkt starb. Er war Immobilienmakler und tat seinen letzten Atemzug auf dem Küchenboden irgendeines fremden Hauses. Der potenzielle Käufer war im Wohnzimmer und versuchte, über ein abgemeldetes Telefon einen Krankenwagen zu rufen, als Bobbys Dad sein Leben aushauchte. Zu diesem Zeitpunkt war Bobby drei Jahre alt. Er hatte verschwommene Erinnerungen an einen Mann, der ihn kitzelte und ihn dann auf Wangen und Stirn küsste. Er war sich ziemlich sicher, dass dieser Mann sein Vater gewesen war. SCHMERZLICH VERMISST stand auf Randall Garfields Grabstein, aber der Schmerz von Bobbys Mutter schien sich in Grenzen zu halten, und was Bobby selbst betraf … nun, wie konnte man jemand vermissen, an den man sich kaum erinnerte?
Acht Jahre nach dem Tod seines Vaters verliebte sich Bobby heftig in das sechsundzwanzigzöllige Schwinn im Schaufenster von Harwich Western Auto. Er machte seiner Mutter gegenüber auf jede erdenkliche Weise Andeutungen hinsichtlich des Schwinn und zeigte es ihr schließlich eines Abends auf dem Heimweg vom Kino (sie hatten sich Das Dunkel am Ende der Treppe angesehen, einen Film, den Bobby zwar nicht verstanden, aber trotzdem gut gefunden hatte, besonders den Teil, wo Dorothy McGuire sich auf ihrem Stuhl nach hinten fallen ließ und ihre langen Beine zeigte). Als sie an dem Eisenwarenladen vorbeikamen, erwähnte Bobby beiläufig, dass das Fahrrad im Schaufenster bestimmt ein tolles Geschenk zum elften Geburtstag wäre – für irgendeinen glücklichen Jungen.
»Denk nicht mal dran«, sagte sie. »Ich kann’s mir nicht leisten, dir ein Fahrrad zum Geburtstag zu schenken. Dein Vater hat uns nicht gerade ein Vermögen hinterlassen, weißt du.«
Obwohl Randall schon zur Zeit von Trumans Präsidentschaft gestorben war und Eisenhowers achtjähriger Törn sich auch bereits seinem Ende näherte, war Dein Vater hat uns nicht gerade ein Vermögen hinterlassen immer noch die häufigste Antwort seiner Mutter auf jeden Vorschlag von Bobby, der mit der Ausgabe von mehr als einem Dollar verbunden sein könnte. Normalerweise wurde die Bemerkung von einem tadelnden Blick begleitet, als wäre der Mann weggelaufen und nicht gestorben.
Kein Fahrrad zum Geburtstag. Bobby dachte auf dem Heimweg betrübt darüber nach. Seine Freude über den seltsamen, verworrenen Film, den sie gesehen hatten, war weitgehend verflogen. Er diskutierte nicht mit seiner Mutter und versuchte auch nicht, sie zu beschwatzen – das würde einen Gegenangriff auslösen, und wenn Liz Garfield zum Gegenangriff überging, dann machte sie keine Gefangenen -, aber er grübelte über dieses verlorene Fahrrad nach … und über den verlorenen Vater. Manchmal hasste er seinen Vater beinahe. Und das Einzige, was ihn davon abhielt, war das an nichts festzumachende, aber sehr starke Gefühl, dass seine Mutter sich wünschte, er täte es. Als sie den Commonwealth Park erreichten und daran entlanggingen – zwei Blocks weiter vorn würden sie links auf die Broad Street abbiegen, wo sie wohnten -, warf er seine üblichen Bedenken über Bord und stellte eine Frage nach Randall Garfield.
»Hat er nichts hinterlassen, Mama? Überhaupt nichts?« Eine oder zwei Wochen zuvor hatte er einen Nancy-Drew-Krimi gelesen, in dem das Erbe eines armen Kindes hinter einer alten Uhr in einem verlassenen Herrenhaus versteckt gewesen war. Bobby glaubte eigentlich nicht, dass sein Vater irgendwo Goldmünzen oder seltene Briefmarken gehortet hatte, aber wenn es überhaupt etwas gab, dann konnten sie es vielleicht in Bridgeport verkaufen. Möglicherweise in einem der Pfandhäuser. Bobby wusste nicht genau, wie das mit dem Verpfänden so ablief, aber er wusste, wie die Pfandhäuser aussahen – an der Fassade hingen drei goldene Kugeln. Und er war sich sicher, dass die Leute im Pfandhaus ihnen gern helfen würden. Natürlich war das nur ein Kindertraum, aber Carol Gerber ein Stück weiter oben in der Straße besaß einen ganzen Satz Puppen, den ihr Vater, der bei der Navy war, ihr aus Übersee geschickt hatte. Wenn Väter einem was schenkten – was sie taten -, stand zu erwarten, dass Väter manchmal auch was hinterließen.
Als Bobby die Frage stellte, passierten sie gerade eine jener Straßenlaternen, die diese Seite des Commonwealth Park säumten, und Bobby sah, wie der Mund seiner Mutter sich veränderte, so wie jedes Mal, wenn er es wagte, eine Frage über seinen verstorbenen Vater zu stellen. Die Veränderung erinnerte ihn an eine ihrer Handtaschen: Wenn man an den Schnüren zog, wurde das Loch oben kleiner.
»Ich werde dir sagen, was er hinterlassen hat«, begann sie, als sie sich an den Aufstieg zum Broad Street Hill machten. Bobby wünschte bereits, er hätte nicht gefragt, aber jetzt war es natürlich zu spät. Wenn man sie erst mal in Gang gesetzt hatte, ließ sie sich nicht mehr stoppen, das war das Problem. »Er hat die Police einer Lebensversicherung hinterlassen, die in dem Jahr vor seinem Tod erloschen war. Ich wusste so gut wie nichts davon, ehe er fort war und jeder – einschließlich des Leichenbestatters – ein kleines Stück von dem haben wollte, was ich nicht hatte. Er hat auch einen großen Stapel unbezahlter Rechnungen hinterlassen, die ich inzwischen größtenteils abbezahlt habe – die Leute waren sehr verständnisvoll, was meine Situation betrifft, besonders Mr. Biderman, das kann man nicht anders sagen.«
Das waren alles alte Geschichten, ebenso langweilig wie von Bitterkeit durchsetzt, aber dann erzählte sie Bobby etwas Neues. »Dein Vater«, sagte sie, als sie sich dem großen Wohnhaus näherten, das auf halber Höhe des Broad Street Hill stand, »konnte nie an einem Inside Straight vorbeigehen.«
»Was ist ein Inside Straight, Mama?«
»Unwichtig. Aber eins sag ich dir, Bobby-O: Lass dich bloß nie von mir beim Kartenspielen um Geld erwischen! Davon hab ich für den Rest meines Lebens genug.«
Bobby wollte nachfragen, überlegte es sich aber anders; weitere Fragen hätten wahrscheinlich eine Schimpfkanonade ausgelöst. Ihm ging der Gedanke durch den Kopf, dass der Film, in dem es um unglückliche Ehemänner und Ehefrauen gegangen war, sie vielleicht auf eine Weise aufgeregt hatte, die er als Kind nicht verstehen konnte. Er würde seinen Freund John Sullivan am Montag in der Schule nach den Inside Straights fragen. Bobby glaubte, dass es dabei um Poker ging, aber er war sich da nicht ganz sicher.
»In Bridgeport gibt es Häuser, in denen Männer ihr Geld lassen«, sagte sie, während sie auf die Haustür zusteuerten. »Da gehen dumme Männer hin. Dumme Männer richten ein heilloses Schlamassel an, und für gewöhnlich sind’s die Frauen dieser Welt, die hinterher alles wieder in Ordnung bringen müssen. Tja …«
Bobby wusste, was als Nächstes kam; es war immer schon der Lieblingsspruch seiner Mutter gewesen.
»Das Leben ist nun mal nicht fair«, sagte Liz Garfield, als sie ihren Hausschlüssel herausholte und Anstalten machte, die Tür von 149 Broad Street in der Stadt Harwich, Connecticut, aufzuschließen. Es war April 1960, die Nacht atmete Frühlingsduft, und neben ihr stand ein magerer Junge mit den verwegenen roten Haaren seines toten Vaters. Sie strich ihm so gut wie nie durchs Haar; wenn sie einmal zärtlich zu ihm war, was selten genug vorkam, berührte sie ihn meistens am Arm oder an der Wange.
»Das Leben ist nicht fair«, wiederholte sie. Dann machte sie die Tür auf, und sie gingen hinein.
Es stimmte schon, dass seine Mutter nicht wie eine Prinzessin behandelt worden war, und es war sicher verdammt schade, dass ihr Mann sein Leben im Alter von sechsunddreißig Jahren auf dem Linoleumfußboden eines leeren Hauses beschlossen hatte, aber Bobby dachte manchmal, es hätte schlimmer kommen können. Sie hätte zum Beispiel zwei Kinder haben können statt eins. Oder drei. Ja sogar vier, zum Teufel.
Oder angenommen, sie hätte einen wirklich harten Job machen müssen, um sie beide zu ernähren? Sullys Mutter arbeitete in der Tip-Top Bakery in der Innenstadt, und in den Wochen, in denen sie die Backöfen anheizen musste, bekamen Sully-John und seine beiden älteren Brüder sie praktisch nicht zu Gesicht. Außerdem hatte Bobby die Frauen beobachtet, die aus der Peerless Shoe Company kamen, wenn um drei Uhr die Sirene heulte (er selber kam um halb drei aus der Schule), Frauen, die alle viel zu dünn oder viel zu dick zu sein schienen, Frauen mit bleichen Gesichtern und schrecklichen, wie altes Blut aussehenden Farbflecken an den Fingern, Frauen mit gesenktem Blick, die ihre Arbeitsschuhe und Arbeitshosen in Einkaufstüten von Total Grocery bei sich trugen. Als er im letzten Herbst mit Mrs. Gerber, Carol und dem kleinen Ian (den Carol immer Schnodder-Ian nannte) zu einer Kirchweih gefahren war, hatte er Männer und Frauen gesehen, die draußen auf dem Land Äpfel pflückten. Auf seine Frage nach diesen Leuten hatte Mrs. Gerber erklärt, das seien Migranten, so wie manche Vogelarten – immer unterwegs, immer dort in Scharen anzutreffen, wo gerade irgendwelche Früchte reif seien. Bobbys Mutter hätte eine von ihnen sein können, aber sie war es nicht.
Sie war jedoch Mr. Donald Bidermans Sekretärin bei Home Town Real Estate, der Firma, bei der Bobbys Dad gearbeitet hatte, als er seinen Herzinfarkt hatte. Bobby vermutete, dass sie den Job vor allem deshalb bekommen hatte, weil Donald Biderman Randall gemocht hatte und weil sie ihm leidtat – verwitwet, mit einem kleinen Sohn, der kaum den Windeln entwachsen war -, aber sie war gut in ihrem Job, und sie arbeitete hart. Sehr oft bis spät in die Nacht hinein. Bobby war ein paar Mal mit seiner Mutter und Mr. Biderman zusammen gewesen – am deutlichsten erinnerte er sich an das Betriebspicknick, aber auch daran, wie Mr. Biderman sie zum Zahnarzt in Bridgeport gefahren hatte, als Bobby beim Spielen in der Pause ein Zahn ausgeschlagen worden war -, und die beiden Erwachsenen hatten so eine gewisse Art gehabt, einander anzusehen. Manchmal rief Mr. Biderman seine Mutter abends an, und in diesen Gesprächen nannte sie ihn Don. Aber »Don« war alt, und Bobby dachte nicht viel über ihn nach.
Bobby wusste nicht so genau, was seine Mutter tagsüber (und abends) im Büro machte, aber er war sich sicher, dass es besser war, als Schuhe herzustellen oder Äpfel zu pflücken oder um halb fünf Uhr morgens die Backöfen der Tip-Top Bakery anzuheizen. Bobby war sich sicher, dass es all diese Jobs um Längen schlug. Außerdem handelte man sich bei seiner Mutter Ärger ein, wenn man sie bestimmte Sachen fragte. Zum Beispiel, wieso sie sich drei neue Kleider von Sears leisten konnte, eins davon aus Seide, aber keine drei Monatsraten von 11 Dollar 50 für das Schwinn im Schaufenster von Western Auto (es war rot und silbern, und Bobbys Eingeweide krampften sich schon vor Sehnsucht zusammen, wenn er es bloß ansah). Wenn man sie solche Sachen fragte, handelte man sich richtigen Ärger ein.
Das tat Bobby nicht. Er machte sich einfach daran, das Geld für das Fahrrad selbst zu verdienen. Dafür würde er bis zum Herbst brauchen, vielleicht sogar bis zum Winter, und dieses spezielle Modell würde bis dahin möglicherweise aus dem Schaufenster von Western Auto verschwunden sein, aber er würde nicht aufgeben. Man musste sich schon dahinterklemmen und sich ordentlich ins Zeug legen. Das Leben war nicht leicht, und fair war es auch nicht.
Als es am letzten Dienstag im April endlich so weit war und Bobby elf wurde, schenkte ihm seine Mutter ein kleines, flaches, in Silberpapier eingeschlagenes Päckchen. Es enthielt einen orangefarbenen Leserausweis für die Bücherei. Einen Leserausweis für Erwachsene. Adieu, Nancy Drew, Hardy Boys und Don Winslow von der Navy – jetzt kamen all die anderen dran, Geschichten voller geheimnisvoller, verworrener, leidenschaftlicher Gefühle wie Das Dunkel am Ende der Treppe. Ganz zu schweigen von blutigen Dolchen in Turmzimmern. (In den Geschichten mit Nancy Drew oder den Hardy Boys gab es auch Geheimnisse und Turmzimmer, aber nur sehr wenig Blut und überhaupt keine leidenschaftlichen Gefühle.)
»Aber denk dran, dass Mrs. Kelton an der Ausleihe eine Freundin von mir ist«, sagte seine Mutter in ihrem üblichen trockenen, warnenden Ton. Sie freute sich jedoch über seine Freude – sie sah sie ihm an. »Wenn du versuchst, irgendwas Schlüpfriges auszuleihen – Sachen wie Die Leute von Peyton Place oder King’s Row -, dann werd ich’s erfahren.«
Bobby lächelte. Das wusste er.
»Und wenn du an die andere gerätst, Miss Übereifrig, und sie dich fragt, was du mit einer orangefarbenen Karte machst, dann sag ihr, sie soll sie umdrehen. Da steht meine schriftliche Erlaubnis drauf, über meiner Unterschrift.«
»Danke, Mama. Das ist prima.«
Sie bückte sich lächelnd und gab ihm einen trockenen Lippenwischer auf die Wange, der fast schon vorbei war, ehe sie ihn überhaupt berührt hatte. »Freut mich, dass es das Richtige ist. Wenn ich früh genug nach Hause komme, gehen wir ins Colony und essen gebratene Muscheln und Eis. Mit deinem Kuchen musst du bis zum Wochenende warten; vorher hab ich keine Zeit zum Backen. Jetzt zieh deine Jacke an und dann los, Sohnemann. Sonst kommst du noch zu spät zur Schule.«
Sie gingen zusammen die Treppe hinunter und auf die Veranda hinaus. Am Straßenrand stand ein Wagen von Town Taxi. Ein Mann in einer Popelinejacke lehnte sich durch das Beifahrerfenster und bezahlte den Fahrer. Hinter ihm lag ein kleiner Haufen von Gepäckstücken und Papiertüten, solche mit Henkeln.
»Das muss der Mann sein, der gerade das Zimmer im zweiten Stock gemietet hat«, sagte Liz. Ihr Mund hatte wieder seinen Schrumpftrick vollführt. Sie stand auf der obersten Verandastufe und warf einen abschätzigen Blick auf den schmalen Po des Mannes, der sich ihnen entgegenstreckte, während der Mann den Taxifahrer bezahlte. »Ich trau Leuten nicht, die mit Papiertüten umziehen. Für mich sieht’s einfach schlampig aus, wenn jemand seine Sachen in eine Papiertüte packt.«
»Er hat ja auch Koffer«, sagte Bobby, aber seine Mutter brauchte ihn gar nicht erst darauf hinzuweisen, dass die drei kleinen Koffer des neuen Mieters auch nicht viel hermachten. Sie passten nicht zueinander und sahen alle so aus, als wären sie von jemandem, der schlechte Laune hatte, mit den Füßen von Kalifornien bis hierher befördert worden.
Bobby und seine Mutter gingen den Zementweg entlang. Das Taxi fuhr los. Der Mann in der Popelinejacke drehte sich um. Für Bobby gab es drei Kategorien von Menschen: Kinder, Erwachsene und alte Leute. Alte Leute waren Erwachsene mit weißen Haaren. Der neue Mieter gehörte in diese Kategorie. Sein Gesicht war schmal und müde, nicht runzlig (außer um die ausgebleichten blauen Augen herum), aber mit tiefen Furchen. Seine weißen Haare waren so fein wie die eines Babys, und er hatte eine leichte leberfleckige Stirnglatze. Mit seinem hochgewachsenen Körper und der leicht gebeugten Haltung erinnerte er Bobby irgendwie an Boris Karloff in den Filmen, die sie jeden Freitagabend in der Reihe Shock Theater um halb zwölf auf WPIX zeigten. Unter der Popelinejacke trug er billige Arbeitskleidung, die aussah, als wäre sie ihm zu groß. Seine Füßen steckten in ausgetretenen Korduanlederschuhen.
»Hallo, Leute«, sagte er mit einem etwas bemüht wirkenden Lächeln. »Mein Name ist Theodore Brautigan. Ich werde wohl für eine Weile hier wohnen.«
Er streckte Bobbys Mutter die Hand hin. Diese ergriff sie nur kurz. »Ich bin Elizabeth Garfield. Das ist mein Sohn, Robert. Sie müssen uns entschuldigen, Mr. Brattigan …«
»Brautigan, Ma’am, aber ich würde mich freuen, wenn Sie und Ihr Junge mich einfach Ted nennen würden.«
»Ja, also, Robert muss zur Schule und ich zur Arbeit, und wir sind beide spät dran. War nett, Sie kennenzulernen, Mr. Brattigan. Na los, beeil dich, Bobby. Tempus fugit.«
Sie setzte sich bergab in Richtung Stadt in Bewegung; Bobby begann, bergauf zur Harwich Elementary zu gehen, der Grundschule auf der Asher Avenue, und zwar in langsamerem Tempo. Nach drei oder vier Schritten blieb er stehen und blickte zurück. Er hatte den Eindruck, dass seine Mutter Mr. Brautigan gegenüber unhöflich und hochnäsig gewesen war. Hochnäsigkeit war die schlimmste Untugend in seinem kleinen Freundeskreis. Carol verabscheute hochnäsige Leute; Sully-John auch. Mr. Brautigan würde inzwischen wahrscheinlich schon halb bei der Veranda sein, aber wenn nicht, dann wollte Bobby ihm ein Lächeln schenken, damit er wusste, dass zumindest einer der Garfields nicht hochnäsig war.
Seine Mutter war ebenfalls stehen geblieben und blickte zurück. Nicht, weil sie Mr. Brautigan noch einmal ansehen wollte; auf die Idee kam Bobby erst gar nicht. Nein, ihr Blick galt ihrem Sohn. Sie hatte gewusst, dass er sich umdrehen würde, bevor Bobby es selbst gewusst hatte, und bei diesem Gedanken merkte er, wie sich sein normalerweise freundliches Naturell auf einmal verdunkelte. Sie sagte manchmal, dass es eher in Sarasota schneien würde, als dass Bobby ihr etwas vormachen könnte, und er glaubte, dass sie da recht hatte. Wie alt musste man eigentlich sein, um seiner Mutter etwas vorzumachen? Zwanzig? Dreißig? Oder musste man vielleicht warten, bis sie alt und ein bisschen matschig in der Birne war?
Mr. Brautigan hatte sich noch nicht in Bewegung gesetzt. Er stand am Kopfende des Weges, einen Koffer in jeder Hand und den dritten unter dem rechten Arm (die drei Papiertüten hatte er auf die Rasenfläche vor 149 Broad gestellt), tiefer gebeugt denn je unter diesem Gewicht. Er war genau zwischen ihnen, wie ein Schlagbaum oder so.
Liz Garfields Blick flog an ihm vorbei und begegnete dem ihres Sohnes. Geh, sagte der Blick. Sag kein Wort. Er ist neu, ein Mann aus Irgendwo oder Nirgendwo, und er kommt hierher und hat die Hälfte seiner Sachen in Einkaufstüten. Sag kein Wort, Bobby, geh einfach.
Aber das würde er nicht tun. Vielleicht, weil er einen Leserausweis statt eines Fahrrads zum Geburtstag bekommen hatte. »War nett, Sie kennenzulernen, Mr. Brautigan«, sagte Bobby. »Hoffentlich gefällt’s Ihnen hier. Wiedersehn.«
»Und dir einen schönen Tag in der Schule, mein Junge«, sagte Mr. Brautigan. »Lern ordentlich was. Deine Mutter hat recht – tempus fugit.«
Bobby sah seine Mutter an, um festzustellen, ob ihm seine kleine Rebellion angesichts dieser ebenso kleinen Schmeichelei vielleicht vergeben werden würde, aber Mutters Mund war unnachgiebig. Sie drehte sich wortlos um und ging weiter bergab. Bobby ging ebenfalls weiter, froh, dass er mit dem Fremden gesprochen hatte, selbst wenn seine Mutter später dafür sorgen würde, dass er es bereute.
Als er sich Carol Gerbers Haus näherte, holte er den orangefarbenen Leserausweis heraus und sah ihn sich an. Er war kein sechsundzwanzigzölliges Schwinn, aber trotzdem ziemlich gut. Sogar richtig toll. Eine ganze Welt von Büchern, die er erforschen konnte, und was war schon dabei, wenn er nur zwei oder drei Dollar gekostet hatte? Hieß es nicht immer, es käme nur auf die Idee an?
Na ja … das war es jedenfalls, was seine Mutter sagte.
Er drehte den Ausweis um. Auf der Rückseite stand in ihrer energischen Handschrift: »An die zuständige Bibliothekarin: Das ist der Leserausweis meines Sohnes. Er hat meine Erlaubnis, drei Bücher pro Woche aus der Erwachsenenabteilung der Harwich Public Library auszuleihen.« Die Unterschrift lautete Elizabeth Penrose Garfield.
Unter ihrem Namen hatte sie wie ein Postskriptum hinzugefügt: Für seine Mahngebühren ist Robert selbst zuständig.
»Das Geburtstagskind!«, rief Carol Gerber – und erschreckte ihn damit gründlich – und kam hinter einem Baum hervorgestürmt, wo sie auf der Lauer gelegen hatte. Sie schlang ihm die Arme um den Hals und gab ihm einen kräftigen Schmatz auf die Wange. Bobby errötete, schaute sich um, ob jemand zusah – herrje, es war auch ohne Überraschungsküsse schon schwer genug, mit einem Mädchen befreundet zu sein -, aber es war alles in Ordnung. Der übliche morgendliche Strom von Schülern zog auf der Asher Avenue oben über die Hügelkuppe in Richtung Schule, aber hier unten waren sie allein.
Bobby rieb sich die Wange.
»Ach komm, du fandest es doch schön«, sagte sie lachend.
»Fand ich nicht«, sagte Bobby, obwohl sie recht hatte.
»Was hast du zum Geburtstag gekriegt?«
»Einen Leserausweis für die Bücherei«, sagte Bobby und zeigte ihn ihr. »Einen Leserausweis für Erwachsene.«
»Cool!« War das Mitleid, was er da in ihren Augen sah? Wahrscheinlich nicht. Und selbst wenn, was war schon dabei? »Hier. Für dich.« Sie gab ihm einen Hallmark-Umschlag, auf dem sein Name stand. Sie hatte auch ein paar Herzen und Teddybären dazugeklebt.
Bobby öffnete den Umschlag ein wenig beklommen und rief sich ins Gedächtnis, dass er die Karte in den Tiefen der Gesäßtasche seiner khakibraunen Hose verschwinden lassen konnte, falls sie schmalzig war.
Das war sie aber nicht. Vielleicht ein bisschen babyhaft (ein Junge mit einem Stetson-Hut auf einem Pferd, drinnen HAPPY BIRTHDAY COWBOY in Lettern, die wie aus Holz gemacht wirken sollten), aber nicht schmalzig. In Liebe, Carol war ein bisschen schmalzig, aber sie war ja auch ein Mädchen, was konnte man da machen?
»Danke.«
»Ist’n bisschen’ne Babykarte, ich weiß, aber die anderen waren noch schlimmer«, sagte Carol nüchtern. Ein Stück weiter hügelaufwärts wartete Sully-John auf sie. Er war wild mit seinem Bolo-Bouncer zugange, ließ ihn unter dem rechten Arm, unter dem linken Arm und hinter dem Rücken herumwandern. Er versuchte nicht mehr, ihn auch zwischen den Beinen durchwandern zu lassen; das hatte er einmal auf dem Schulhof probiert und sich dabei einen satten Schlag in die Eier eingehandelt. Sully hatte aufgeschrien. Bobby und ein paar andere Kinder hatten gelacht, bis ihnen die Tränen kamen. Carol und drei ihrer Freundinnen waren herübergelaufen gekommen, um sich zu erkundigen, was los war, und die Jungs hatten alle »Nichts« gesagt – Sully-John auch, obwohl er blass und den Tränen nahe gewesen war. Jungs sind blöd, hatte Carol damals gesagt, aber Bobby glaubte nicht, dass sie das ernst meinte. Sonst wäre sie nicht herausgesprungen und hätte ihm diesen Kuss gegeben, und es war ein guter Kuss gewesen, ein richtiger Schmatz. Besser als der, den seine Mutter ihm gegeben hatte, jetzt wo er darüber nachdachte.
»Ist keine Babykarte«, sagte er.
»Nein, aber fast«, sagte sie. »Ich hab überlegt, ob ich dir eine Karte für Erwachsene besorgen sollte, aber Mann, die sind vielleicht schmalzig.«
»Ich weiß«, sagte Bobby.
»Wirst du als Erwachsener mal’ne Schmalzbacke werden, Bobby?«
»Hoffentlich nicht«, sagte er. »Und du?«
»Nein. Ich werde so wie Rionda, die Freundin meiner Mutter.«
»Rionda ist ziemlich fett«, sagte Bobby zweifelnd.
»Ja, aber sie ist cool. Ich werde auch cool sein, aber nicht fett.«
»In unser Haus zieht gerade ein Neuer ein. In das Zimmer im zweiten Stock. Meine Mutter sagt, es ist ziemlich heiß da oben.«
»So? Und wie ist er?« Sie kicherte. »’ne richtige Schmalzbacke?«
»Er ist alt«, sagte Bobby und dachte kurz nach. »Aber er hat ein interessantes Gesicht. Meine Mutter hat ihn gleich zu Anfang nicht gemocht, weil er einen Teil seiner Sachen in Einkaufstüten hatte.«
Sully-John gesellte sich zu ihnen. »Glückwunsch zum Geburtstag, du Saftsack«, sagte er und klopfte Bobby auf den Rücken. Saftsack war Sully-Johns derzeitiges Lieblingswort; das von Carol war cool; Bobby hatte momentan kein Lieblingswort, obwohl er fand, dass galaktisch gar nicht schlecht klang.
»Wenn du fluchst, geh ich nicht mit dir«, sagte Carol.
»Schon gut«, erwiderte Sully-John freundlich. Carol war ein flauschiger Blondschopf und sah aus wie ein etwas älter gewordener Bobbsey Twin aus den Kinderbüchern von Laura Lee Hope; John Sullivan war hochgewachsen und hatte schwarze Haare und grüne Augen. Er hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Joe Hardy. Bobby Garfield ging zwischen ihnen. Sein kurzes Stimmungstief war vergessen. Er hatte heute Geburtstag, er war mit seinen Freunden zusammen, und das Leben war schön. Er steckte Carols Geburtstagskarte in seine Gesäßtasche und seinen neuen Leserausweis tief in die Vordertasche, wo er nicht herausfallen oder gestohlen werden konnte. Carol fing an zu hüpfen. Sully-John sagte, sie solle damit aufzuhören.
»Warum?«, sagte Carol. »Ich hüpfe gern.«
»Ich sage gern Saftsack, aber wenn du mich drum bittest, lass ich’s bleiben«, entgegnete Sully-John, was einleuchtend war.
Carol sah Bobby an.
»Hüpfen – zumindest ohne Seil – ist ein bisschen babyhaft, Carol«, sagte Bobby entschuldigend, dann zuckte er die Achseln. »Aber wenn du unbedingt willst, kannst du’s tun. Wir haben nichts dagegen, oder, S-J?«
»Nee«, sagte Sully-John und fing wieder mit dem Bolo-Bouncer an. Von hinten nach vorn, von oben nach unten, wap-wap-wap.
Carol hüpfte nicht. Sie ging zwischen ihnen und tat so, als wäre sie Bobby Garfields Freundin, als hätte Bobby einen Führerschein und einen Buick und sie würden nach Bridgeport fahren, um sich die WKBW Rock and Roll Extravaganza anzusehen. Sie fand Bobby wahnsinnig cool. Und noch cooler war, dass er nicht wusste, wie cool er war.
Bobby kam um drei Uhr von der Schule nach Hause. Er hätte eher da sein können, aber das Einsammeln von Pfandflaschen gehörte zu seinem Fahrrad-bis-Thanksgiving-Plan, und er machte einen Umweg durchs Buschwerk gleich bei der Asher Avenue und suchte welche. Er fand drei Rheingolds und eine Nehi. Nicht viel, aber he, acht Cent waren acht Cent. »Kleinvieh macht auch Mist«, war noch so ein Spruch seiner Mutter.
Bobby wusch sich die Hände (zwei von den Flaschen waren ziemlich dreckig gewesen), holte sich eine Kleinigkeit aus dem Kühlschrank, las ein paar alte Superman-Comics, holte sich noch eine Kleinigkeit aus dem Kühlschrank und sah sich dann American Bandstand an. Er rief Carol an, um ihr zu sagen, dass Bobby Darin diesmal dabei sein würde – sie fand Bobby Darin unheimlich cool, besonders die Art, wie er mit den Fingern schnippte, wenn er »Queen of the Hop« sang -, aber sie wusste es schon. Sie schaute sich die Sendung mit drei oder vier ihrer schafsköpfigen Freundinnen an, die alle praktisch unaufhörlich im Hintergrund kicherten. Das Geräusch erinnerte Bobby an Vögel in einer Tierhandlung. Im Fernsehen zeigte Dick Clark gerade, wie viel Pickelfett schon ein Wattebausch von Stri-Dex aufsaugen konnte.
Seine Mutter rief um vier Uhr an. Mr. Biderman brauche sie heute Abend, erklärte sie. Es tue ihr leid, aber das Geburtstagsessen im Colony müsse ausfallen. Im Kühlschrank sei noch ein Rest Rindfleischeintopf; den könne er essen, und sie werde bis acht zu Hause sein, um ihn ins Bett zu bringen. Und um Himmels willen, Bobby, denk dran, das Gas abzudrehen, wenn du den Eintopf aufgewärmt hast.
Bobby setzte sich wieder vor den Fernseher. Er war enttäuscht, aber eigentlich nicht überrascht. In Bandstand sagte Dick jetzt das Team an, das eine Platte bewerten sollte. Der Kerl in der Mitte sah nach Bobbys Meinung so aus, als hätte er einen lebenslangen Vorrat von Stri-Dex-Wattebäuschen nötig.
Er griff in seine vordere Hosentasche und holte den neuen orangefarbenen Leserausweis heraus. Seine Stimmung begann sich wieder aufzuhellen. Er brauchte nicht mit einem Stapel alter Comic-Hefte hier vor dem Fernseher zu hocken, wenn er nicht wollte. Er konnte in die Bücherei gehen und seinen neuen Ausweis einweihen – seinen neuen Ausweis für Erwachsene. Miss Übereifrig würde an der Ausleihe sein, aber eigentlich hieß sie Miss Harrington, und Bobby fand sie hübsch. Sie benutzte Parfüm. Er konnte es immer an ihrer Haut und in ihren Haaren riechen, leicht und süß, wie eine schöne Erinnerung. Und obwohl Sully-John jetzt gerade Posaunenunterricht hatte, konnte Bobby nach der Bücherei zu ihm gehen und vielleicht ein bisschen Werfen üben.
Außerdem, dachte er, kann ich die Flaschen zu Spicer’s bringen – schließlich muss ich mir in diesem Sommer ein Fahrrad verdienen.
Auf einmal schien das Leben voller Möglichkeiten zu sein.
Sullys Mutter lud Bobby zum Abendessen ein, aber er lehnte dankend ab und erklärte, er wolle lieber nach Hause. Er hätte Mrs. Sullivans Schmorfleisch mit knusprigen Ofenkartoffeln bei Weitem dem vorgezogen, was daheim in der Wohnung auf ihn wartete, aber er wusste, dass seine Mutter nach ihrer Rückkehr aus dem Büro so ziemlich als Erstes im Kühlschrank nachschauen würde, ob die Tupper-Dose mit dem Rest Eintopf weg war. Wenn nicht, würde sie Bobby fragen, was er zu Abend gegessen habe. Sie würde ihm diese Frage ruhig, ja sogar lässig stellen. Wenn er ihr erzählte, dass er bei Sully-John gegessen hatte, würde sie nicken, ihn fragen, was es gegeben habe – auch Nachtisch? – und ob er sich bei Mrs. Sullivan bedankt habe; sie würde sich vielleicht sogar zu ihm aufs Sofa setzen und eine Schüssel Eis mit ihm essen, während sie sich im Fernsehen Sugarfoot ansahen. Alles würde in Ordnung sein … nur dass es eben doch nicht in Ordnung war. Irgendwann würde er es heimgezahlt kriegen. Es konnte ein oder zwei Tage dauern, sogar eine Woche, bis es passierte – aber es würde passieren. Bobby wusste das, fast ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass er es wusste. Sie musste zweifelsohne wirklich so lange arbeiten, aber dass er an seinem Geburtstag ganz allein einen Rest Eintopf essen musste, war auch eine Strafe dafür, dass er gegen ihren Willen mit dem neuen Mieter gesprochen hatte. Wenn er versuchte, dieser Strafe zu entgehen, würde sie sich summieren wie Geld auf einem Sparkonto.
Als Bobby von Sully-John zurückkam, war es Viertel nach sechs, und es wurde allmählich dunkel. Er hatte zwei neue Bücher dabei, einen Krimi mit dem Titel Perry Mason und der Engel mit Krallen und einen Science-Fiction-Roman von Clifford Simak mit dem Titel Ring um die Sonne. Beide sahen total galaktisch aus, und Miss Harrington hatte ihm überhaupt keine Schwierigkeiten gemacht. Ganz im Gegenteil: Sie hatte ihm erklärt, mit seiner Lektüre sei er seiner Altersstufe voraus und er solle so weitermachen.
Auf dem Heimweg von S-J dachte sich Bobby eine Geschichte aus, in der er und Miss Harrington auf einem sinkenden Vergnügungsdampfer waren. Sie überlebten als Einzige, weil sie einen Rettungsring mit der Aufschrift S. S. LUSITANIC fanden, der sie vor dem Ertrinken bewahrte. Sie wurden auf einer kleinen Insel mit Palmen und Dschungel und einem Vulkan an Land gespült, und als sie am Strand lagen, zitterte Miss Harrington und sagte, ihr sei kalt, so kalt, ob er sie nicht bitte in die Arme nehmen und aufwärmen könne, was er natürlich konnte und tat, mit Vergnügen, Miss Harrington, und dann kamen die Eingeborenen aus dem Dschungel, und zuerst schienen sie freundlich zu sein, aber dann stellte sich raus, dass sie Kannibalen waren, die an den Hängen des Vulkans lebten und ihre Opfer auf einer Lichtung mit lauter Schädeln drum herum töteten, daher sah es gar nicht gut aus für Miss Harrington und ihn, aber gerade, als sie zum Kochtopf geschleift wurden, begann der Vulkan zu grollen, und …
»Hallo, Robert.«
Bobby blickte noch überraschter auf als am Morgen, als Carol Gerber hinter dem Baum hervorgelaufen gekommen war, um ihm einen Geburtstagsschmatz auf die Wange zu drücken. Es war der neue Mieter. Er saß auf der obersten Verandastufe und rauchte eine Zigarette. Er hatte seine alten, abgetragenen Schuhe gegen ein paar alte, abgetragene Pantoffeln eingetauscht und seine Popelinejacke ausgezogen – der Abend war warm. Er schien sich schon richtig zu Hause zu fühlen, dachte Bobby.
»Oh, Mr. Brautigan. Hi.«
»Ich wollte dich nicht erschrecken.«
»Sie haben mich nicht …«
»Ich glaube schon. Du warst tausend Meilen weit weg. Und ich heiße Ted. Bitte.«
»Okay.« Aber Bobby wusste nicht, ob er bei Ted bleiben konnte. Einen Erwachsenen (und erst recht einen alten Erwachsenen) beim Vornamen zu nennen, widersprach nicht nur den Anweisungen seiner Mutter, sondern auch seinem eigenen Gefühl.
»War’s gut in der Schule? Hast du was Neues gelernt?«
»Ja, prima.« Bobby trat von einem Bein aufs andere, ließ seine neuen Bücher in den Händen hin und her wandern.
»Willst du dich nicht eine Minute zu mir setzen?«
»Klar, aber ich kann nicht lange bleiben. Ich hab einiges zu tun, wissen Sie.« Vor allem Abendessen machen – der Rest Eintopf erschien ihm mittlerweile sehr attraktiv.
»Na sicher. Du hast einiges zu tun, und tempus fugit.«
Als Bobby neben Mr. Brautigan – Ted – auf der breiten Verandastufe Platz nahm und ihm der Geruch von dessen Chesterfield in die Nase stieg, glaubte er, noch nie einen Mann gesehen zu haben, der so müde wirkte wie dieser hier. Das konnte doch nicht an dem Umzug liegen, oder? Wie erschöpft konnte man sein, wenn man nur mit drei kleinen Koffern und drei Einkaufstüten mit Henkeln dran umzog? Bobby überlegte, ob später vielleicht noch Männer mit Sachen in einem Laster kommen würden, aber eigentlich glaubte er nicht daran. Es war nur ein Zimmer – zwar ein großes, aber trotzdem nur ein einzelnes Zimmer mit einer Küche an der einen und allem anderen an der gegenüberliegenden Seite. Er und Sully-John waren raufgegangen und hatten sich dort umgesehen, nachdem die alte Miss Sidley einen Schlaganfall bekommen hatte und zu ihrer Tochter gezogen war.
»Tempus fugit heißt: Die Zeit vergeht wie im Flug«, sagte Bobby. »Meine Mutter sagt das andauernd. Sie sagt auch, das Rad der Zeit hält niemand auf, und: Die Zeit heilt alle Wunden.«
»Deine Mutter hat viele Redensarten auf Lager, stimmt’s?«
»Ja«, sagte Bobby, und der Gedanke an all diese Redensarten machte ihn auf einmal müde. »Viele Redensarten.«
»Ben Jonson hat die Zeit die alte, kahlköpfige Betrügerin genannt«, sagte Ted Brautigan, nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und stieß dann zwei Ströme durch die Nase aus. »Und Boris Pasternak hat gesagt, wir sind die Gefangenen der Zeit, die Geiseln der Ewigkeit.«
Bobby sah ihn fasziniert an. Seinen leeren Magen hatte er fürs Erste vergessen. Ihm gefiel die Vorstellung, dass die Zeit eine alte, kahlköpfige Betrügerin war – es war absolut und völlig richtig, obwohl er nicht hätte sagen können, warum … und machte diese Unfähigkeit, den Grund dafür zu benennen, die Sache nicht noch viel interessanter? Es war wie etwas in einem Ei oder wie ein Schatten hinter satiniertem Glas.
»Wer ist Ben Jonson?«
»Ein Engländer, der schon vor einer Ewigkeit gestorben ist«, sagte Mr. Brautigan. »Ein Egozentriker, der nicht mit Geld umgehen konnte, soweit man weiß. Und der eine Neigung zur Flatulenz hatte. Aber …«
»Was ist das? Flatulenz?«
Ted steckte die Zunge zwischen die Lippen und machte ein kurzes, aber sehr realistisches Furzgeräusch. Bobby schlug die Hände vor den Mund und kicherte in seine gekrümmten Finger.
»Kinder finden Fürze komisch.« Ted Brautigan nickte. »Ja. Für einen Mann in meinem Alter gehören sie aber einfach zu dem zunehmend seltsamen Geschäft des Lebens. Ben Jonson hat zwischen seinen Fürzen übrigens eine ganze Menge kluger Dinge gesagt. Nicht so viele wie Dr. Johnson – das heißt, Samuel Johnson -, aber trotzdem noch ziemlich viele.«
»Und Boris …«
»Pasternak. Ein Russe«, sagte Mr. Brautigan abschätzig. »Über den braucht man nichts weiter zu wissen, denke ich. Darf ich mir mal deine Bücher ansehen?«
Bobby gab sie ihm. Mr. Brautigan (Ted, rief er sich ins Gedächtnis, du sollst Ted zu ihm sagen) gab ihm den Perry Mason nach einem flüchtigen Blick auf den Titel zurück. Den Roman von Clifford Simak behielt er länger in der Hand. Durch die Rauchwölkchen der Zigarette hindurch, die an seinem Gesicht vorbei hochstiegen, betrachtete er mit zusammengekniffenen Augen zuerst den Umschlag, dann blätterte er in dem Buch. Dabei nickte er.
»Den habe ich gelesen«, sagte er. »Ich hatte viel Zeit zum Lesen, bevor ich hierhergekommen bin.«
»Ja?« Bobby fing Feuer. »Ist er gut?«
»Einer seiner besten«, antwortete Mr. Brautigan – Ted. Er sah Bobby von der Seite an, ein Auge offen, das andere immer noch gegen den Rauch zusammengekniffen. Dadurch wirkte er zugleich klug und geheimnisvoll, wie eine etwas halbseidene Figur in einem Kriminalfilm. »Aber bist du dir sicher, dass du den lesen kannst? Du bist doch bestimmt nicht viel älter als zwölf.«
»Ich bin elf«, sagte Bobby. Er war entzückt, dass Ted ihn sogar für zwölf hielt. »Gerade heute geworden. Ich kann ihn lesen. Wahrscheinlich werd ich nicht alles verstehen, aber wenn es eine gute Geschichte ist, wird er mir gefallen.«
»Dann hast du heute Geburtstag!« Ted schien beeindruckt zu sein. Er nahm einen letzten Zug von seiner Zigarette und schnipste sie dann weg. Sie prallte gegen die Zementmauer, und Funken stoben auf. »Happy birthday, lieber Robert, happy birthday to you!«
»Danke. Aber Bobby gefällt mir besser.«
»Okay. Bobby. Gehst du feiern?«
»Nee. Meine Mutter muss Überstunden machen.«
»Willst du mit in meine kleine Wohnung raufkommen? Ich habe nicht viel, aber eine Dose kann ich schon aufmachen. Und vielleicht hab ich auch ein Stück Kuchen …«
»Danke, aber meine Mutter hat mir was zurechtgemacht. Das soll ich essen.«
»Ich verstehe.« Und, Wunder über Wunder, er sah aus, als verstünde er es wirklich. Ted gab Bobby sein Exemplar von Ring um die Sonne zurück. »In diesem Buch«, sagte er, »vertritt Simak die These, dass es eine ganze Reihe von Welten wie die unsere gibt. Nicht bloß andere Planeten, sondern andere Erden, Parallelerden, die eine Art Ring um die Sonne bilden. Eine faszinierende Idee.«
»Ja«, sagte Bobby. Er kannte Parallelwelten aus anderen Büchern. Auch aus den Comics.
Ted Brautigan sah ihn jetzt nachdenklich und versonnen an.
»Was ist?«, fragte Bobby. Er war auf einmal befangen. Hab ich was an der Nase?, hätte seine Mutter vielleicht gesagt.
Einen Moment lang dachte er, Ted würde nicht antworten – er schien tief in Gedanken zu sein, fast wie betäubt. Dann gab er sich einen kleinen Ruck und setzte sich aufrechter hin. »Nichts«, sagte er. »Ich hab eine kleine Idee. Möchtest du dir ein bisschen was dazuverdienen? Nicht dass ich viel habe, aber …«
»Ja! Herrgott, ja!« Da gibt’s so ein Fahrrad, hätte er beinahe hinzugefügt, aber dann bremste er sich. Am besten, man lässt sich nicht in die Karten schauen, war eine weitere Redensart seiner Mutter. »Ich würde fast alles tun, was Sie wollen!«
Ted Brautigan sah gleichzeitig erschrocken und belustigt aus. Es schien irgendwie eine Tür zu einem anderen Gesicht zu öffnen, und ja – Bobby sah, dass der alte Mann einmal ein junger Kerl gewesen war. Einer von der etwas frecheren Sorte vielleicht. »Es ist gar nicht gut, einem Fremden so was zu sagen«, erklärte er, »und obwohl wir ja nun schon bei Bobby und Ted angelangt sind – ein guter Anfang -, sind wir im Grunde immer noch Fremde füreinander.«
»Hat einer von diesen Johnsons was über Fremde gesagt?«
»Nicht dass ich wüsste, aber hier ist was aus der Bibel zu dem Thema: ›Denn ich bin ein Gast bei dir, ein Fremdling. Lass ab von mir, dass ich mich erquicke, ehe ich dahinfahre …‹« Teds Stimme verlor sich für einen Moment. Der belustigte Ausdruck war aus seinem Gesicht verschwunden, und er sah wieder alt aus. Dann wurde seine Stimme wieder fester, und er schloss: »›… ehe ich dahinfahre und nicht mehr bin.‹ Die Psalmen. Ich weiß nicht mehr, welcher.«
»Na ja«, sagte Bobby, »ich würde niemand töten oder ausrauben, keine Angst, aber ich würde mir jedenfalls gern was verdienen.«
»Lass mich überlegen«, sagte Ted. »Lass mich ein bisschen nachdenken.«
»Klar. Aber wenn Sie irgendwelche unangenehmen Arbeiten oder so zu erledigen haben, bin ich Ihr Mann. Das sag ich Ihnen gleich.«
»Unangenehme Arbeiten? Vielleicht. Obwohl ich es nicht so formuliert hätte.« Ted schlang die knochigen Arme um die noch knochigeren Knie und schaute über den Rasen zur Broad Street hinüber. Es wurde jetzt dunkel; für Bobby war der schönste Teil des Abends gekommen. Die vorbeifahrenden Autos hatten das Standlicht eingeschaltet, und irgendwo auf der Asher Avenue rief Mrs. Sigsby ihre Zwillinge zum Abendessen herein. Zu dieser Tageszeit – und am frühen Morgen, wenn er im Badezimmer stand und in die Kloschüssel pinkelte, während der Sonnenschein durch das kleine Fenster in seine halb offenen Augen fiel – kam Bobby sich wie ein Traum im Kopf von jemand anders vor.
»Wo haben Sie gelebt, bevor Sie hierhergekommen sind, Mr. … Ted?«
»An einem weniger schönen Ort«, sagte er. »Einem weitaus weniger schönen. Wie lange wohnst du schon hier, Bobby?«
»So lange ich zurückdenken kann. Seit mein Dad gestorben ist. Da war ich drei.«
»Und du kennst alle hier in der Straße? Oder zumindest in diesem Block?«
»So ziemlich, ja.«
»Dann würdest du Fremdlinge erkennen. Gäste. Die Gesichter von Unbekannten.«
Bobby lächelte und nickte. »Mhm, ich glaub schon.«
Er wartete darauf, wohin das als Nächstes führen würde – es war interessant -, aber anscheinend war’s das gewesen. Ted stand langsam und vorsichtig auf. Bobby konnte kleine Knöchelchen in seinem Rücken knirschen hören, als er die Hände ins Kreuz legte, das Gesicht verzog und sich reckte.
»Komm«, sagte er. »Es wird kühl. Ich gehe mit dir rein. Dein Schlüssel oder meiner?«
Bobby lächelte. »Sie sollten lieber Ihren eigenen einweihen, finden Sie nicht?«
Ted – es fiel Bobby immer leichter, ihn innerlich Ted zu nennen – holte einen Schlüsselring aus der Tasche. Es waren nur zwei Schlüssel dran: der für die Haustür und der zu seinem Zimmer. Beide waren neu und glänzten in der Farbe von Katzengold. Bobbys eigene zwei Schlüssel waren zerkratzt und stumpf. Er fragte sich erneut, wie alt Ted sein mochte. Mindestens sechzig. Ein sechzigjähriger Mann mit nur zwei Schlüsseln in der Tasche. Das war merkwürdig.
Ted öffnete die Haustür und ging dann in die große, dunkle Eingangshalle mit dem Schirmständer und dem alten Gemälde hinein, auf dem Lewis und Clark ihren Blick über den amerikanischen Westen schweifen ließen. Bobby ging zur Wohnungstür der Garfields hinüber, Ted zur Treppe. Dort blieb er einen Moment stehen, die Hand am Geländer. »Die Geschichte von Simak ist großartig«, sagte er. »Der Stil weniger. Nicht schlecht, das will ich damit nicht sagen, aber glaub mir, es gibt Besseres.«
Bobby wartete.
»Es gibt auch hervorragend geschriebene Bücher, die keine sehr guten Geschichten erzählen. Manche Bücher solltest du wegen der Geschichte lesen, Bobby. Sei nicht wie die Büchersnobs, die das nie tun. Andere solltest du wegen der Worte lesen – der Sprache. Sei keiner von denjenigen, die immer nur auf Nummer sicher gehen wollen und das nie tun. Aber wenn du ein Buch findest, das sowohl eine gute Geschichte als auch gute Worte zu bieten hat, dann solltest du es wie einen Schatz betrachten.«
»Gibt es viele davon, was meinen Sie?«, fragte Bobby.
»Mehr, als die Büchersnobs und die Auf-Nummer-sicher-Geher glauben. Viel mehr. Vielleicht gebe ich dir eins. Ein verspätetes Geburtstagsgeschenk.«
»Das brauchen Sie nicht.«
»Nein, aber vielleicht tu ich’s trotzdem. Ich wünsch dir noch einen schönen Geburtstag.«
»Danke. Er war schon toll.« Dann betrat Bobby die Wohnung, machte sich den Eintopf warm (und dachte daran, das Gas abzudrehen, nachdem dieser zu blubbern begonnen hatte, und den Topf hinterher in der Spüle einzuweichen), aß ganz allein zu Abend und las Ring um die Sonne, wobei ihm der laufende Fernseher Gesellschaft leistete. Er hörte kaum zu, als Chet Huntley und David Brinkley die Abendnachrichten herunterrasselten. Ted hatte recht mit dem Buch; es war einsame Spitze. Die Worte fand er ebenfalls in Ordnung, aber vermutlich hatte er da noch nicht viel Erfahrung.
So eine Geschichte würde ich auch gern schreiben, dachte er, als er das Buch schließlich zuklappte und sich aufs Sofa fläzte, um sich Sugarfoot anzusehen. Ob ich das wohl könnte?
Vielleicht. Ja, vielleicht. Irgendjemand musste ja schließlich Geschichten schreiben, genauso wie jemand die eingefrorenen Rohrleitungen reparieren oder die ausgebrannten Glühbirnen in den Straßenlaternen am Commonwealth Park auswechseln musste.
Etwa eine Stunde später, nachdem Bobby Ring um die Sonne wieder zur Hand genommen und darin zu lesen begonnen hatte, kam seine Mutter heim. Ihr Lippenstift war in einem Mundwinkel ein bisschen verschmiert, und ihr Unterrock lugte hervor. Bobby überlegte, ob er sie darauf aufmerksam machen sollte, dann fiel ihm ein, wie sehr sie es hasste, wenn ihr jemand erzählte, dass es »im Süden schneite«. Außerdem, was machte es schon? Ihr Arbeitstag war vorbei, und, wie sie manchmal sagte, es war niemand anders da als wir zwei Küken.
Sie schaute in den Kühlschrank, um sich zu vergewissern, dass der Eintopf weg war, schaute auf den Herd, um sich zu vergewissern, dass das Gas aus war, und schaute in die Spüle, um sich zu vergewissern, dass der Topf und die Tupper-Dose in Seifenwasser einweichten. Dann küsste sie ihn auf die Schläfe – ihre Lippen streiften ihn flüchtig im Vorbeigehen – und begab sich ins Schlafzimmer, um sich die Bürokleidung und die Strümpfe auszuziehen. Sie wirkte distanziert und geistesabwesend. Sie fragte ihn nicht, ob er einen schönen Geburtstag gehabt habe.
Später zeigte er ihr Carols Karte. Seine Mutter warf einen kurzen Blick darauf, ohne sie sich richtig anzusehen, bezeichnete sie als »süß« und gab sie ihm zurück. Dann sagte sie ihm, er solle sich waschen, sich die Zähne putzen und ins Bett gehen. Bobby gehorchte, ohne sein interessantes Gespräch mit Ted zu erwähnen. In ihrer gegenwärtigen Laune würde sie das wahrscheinlich nur wütend machen. Das Beste war, Distanz zu wahren, sie so lange wie nötig in Ruhe zu lassen, ihr Zeit zu geben, sich ihm allmählich wieder anzunähern. Dennoch fühlte er, wie sich diese Traurigkeit wieder auf ihn herabsenkte, als er mit dem Zähneputzen fertig war und ins Bett stieg. Manchmal hungerte er geradezu nach ihr, und sie merkte es nicht einmal.
Im Bett streckte er die Hand aus und schloss die Tür, damit er den Ton von irgendeinem alten Film nicht mehr hören konnte. Er knipste das Licht aus. Und dann, als er gerade wegzudämmern begann, kam sie herein, setzte sich auf den Bettrand und sagte, es tue ihr leid, dass sie heute Abend so abweisend gewesen sei, aber im Büro sei eine Menge los gewesen, und sie sei müde. Manchmal sei es ein Irrenhaus, meinte sie. Sie strich ihm mit einem Finger über die Stirn und gab ihm dann einen Kuss dorthin, der ihn erschauern ließ. Er setzte sich auf und umarmte sie. Bei seiner Berührung versteifte sie sich für einen Moment, dann gab sie nach. Sie erwiderte seine Umarmung sogar kurz. Er dachte, dass es jetzt vielleicht in Ordnung wäre, ihr von Ted zu erzählen. Ein bisschen was wenigstens.
»Ich hab mit Mr. Brautigan gesprochen, als ich aus der Bücherei nach Hause gekommen bin«, sagte er.
»Mit wem?«
»Dem neuen Mann aus dem zweiten Stock. Er hat mich gebeten, ihn Ted zu nennen.«
»Das sollst du nicht tun – also wirklich, ich muss schon sagen! Du kennst ihn doch überhaupt nicht!«
»Er hat gesagt, so ein Leserausweis für Erwachsene sei ein tolles Geschenk für einen Jungen.« Ted hatte nichts dergleichen verlauten lassen, aber Bobby lebte schon lange genug mit seiner Mutter zusammen, um zu wissen, was funktionierte und was nicht.
Sie entspannte sich ein bisschen. »Hat er erzählt, woher er kommt?«
»Von einem weniger schönen Ort als dem hier, glaube ich.«
»Na, das sagt uns ja nicht viel, oder?« Bobby hatte immer noch die Arme um sie geschlungen. Er hätte sie problemlos noch eine Stunde länger umarmen und ihr White Rain-Shampoo, den Aqua Net-Haarfestiger und den angenehmen Tabakduft in ihrem Atem riechen können, aber sie löste sich von ihm und drückte ihn wieder aufs Bett. »Also, wenn er dein Freund werden soll – dein erwachsener Freund -, dann muss ich ihn ja wohl kennenlernen, wie? Wenigstens ein bisschen.«
»Na ja …«
»Vielleicht gefällt er mir besser, wenn ich seine Einkaufstüten nicht auf dem Rasen rumliegen sehe.« Für Liz Garfield war das geradezu versöhnlich, und Bobby war zufrieden. Der Tag hatte nun doch noch ein sehr erfreuliches Ende gefunden. »Gute Nacht, Geburtstagskind.«
»Gute Nacht, Mama.«
Sie ging hinaus und schloss die Tür. Später in dieser Nacht – viel später – glaubte er, sie in ihrem Zimmer weinen zu hören, aber das war vielleicht nur ein Traum.
Kapitel zwei
Zweifel an TedBücher sind wie PumpenDenk nicht mal dranSully gewinnt einen PreisBobby bekommt einen JobDie niederen Männer
Während der nächsten paar Wochen, als die Temperaturen allmählich sommerlich wurden, saß Ted meistens auf der Veranda und rauchte, wenn Liz von der Arbeit nach Hause kam. Manchmal war er allein, und manchmal saß Bobby bei ihm, und sie unterhielten sich über Bücher. Manchmal waren auch Carol und Sully-John da; die drei Kinder übten Werfen auf dem Rasen, während Ted rauchte und ihnen zusah. Manchmal kamen andere Kinder vorbei – Denny Rivers, der ein mit Klebstreifen verstärktes Segelflugzeug aus Balsaholz mitbrachte, das sie fliegen lassen konnten; der unterbelichtete Francis Utterson, der immer auf seinem Tretroller durch die Gegend fuhr und sich dabei mit einem überentwickelten Bein abstieß; Angela Avery und Yvonne Loving, die Carol fragten, ob sie mit zu Yvonne kommen und mit Puppen spielen oder bei einem Spiel namens Hospital Nurse mitmachen wolle -, aber meistens waren bloß S-J und Carol da, Bobbys spezielle Freunde. Alle Kinder nannten Mr. Brautigan Ted, aber als Bobby erklärte, warum es besser sei, wenn sie in Gegenwart seiner Mutter Mr. Brautigan zu ihm sagten, stimmte Ted ihm sofort zu.
Was seine Mutter betraf, so schien sie Brautigan nicht über die Lippen zu bringen. Es kam immer als Brattigan heraus. Das war jedoch vielleicht keine Absicht; Bobby empfand allmählich eine vorsichtige Erleichterung, was die Einstellung seiner Mutter zu Ted betraf. Er hatte befürchtet, dass sie Ted die gleichen Gefühle entgegenbringen könnte wie Mrs. Evers, seiner Lehrerin in der zweiten Klasse. Seine Mutter hatte Mrs. Evers auf Anhieb nicht ausstehen können, und zwar auf den Tod nicht, ohne dass Bobby irgendeinen Grund dafür sah, und sie hatte das ganze Jahr über kein gutes Wort über sie zu sagen gehabt – Mrs. Evers ziehe sich an wie eine Vogelscheuche, Mrs. Evers färbe sich die Haare, Mrs. Evers sei zu stark geschminkt, Bobby solle es seiner Mutter bloß sofort sagen, wenn Mrs. Evers auch nur einen Finger an ihn lege, sie sehe nämlich wie eine dieser Frauen aus, die einen gern zwickten und knufften. All das nach einem einzigen Elternabend, bei dem Mrs. Evers Liz erklärt hatte, dass Bobby in allen Fächern gut mitkam. In jenem Jahr hatte es noch vier weitere Elternabende gegeben, und Bobbys Mutter hatte jedes Mal einen Grund gefunden, sich zu drücken.
Liz bildete sich schnell eine feste Meinung über Menschen; wenn sie SCHLECHT unter ihr inneres Bild von jemandem schrieb, dann fast immer mit Tinte. Selbst wenn Mrs. Evers sechs Kinder aus einem brennenden Schulbus gerettet hätte, wäre Liz Garfield durchaus der naserümpfende Kommentar zuzutrauen gewesen, die Kleinen schuldeten der glubschäugigen alten Kuh wahrscheinlich noch das Milchgeld für zwei Wochen.
Ted gab sich alle Mühe, nett zu sein, ohne sich bei ihr einzuschleimen (und es gab Leute, die sich wirklich bei ihr einschleimten, das wusste Bobby; zum Teufel, manchmal tat er es ja selbst), und es funktionierte … aber nur bis zu einem gewissen Grad. Einmal hatten Ted und Bobbys Mutter sich fast zehn Minuten lang darüber unterhalten, wie schrecklich es sei, dass die Dodgers von der Ost- an die Westküste umgezogen seien, ohne auch nur auf Wiedersehen zu sagen. Aber nicht mal die Tatsache, dass sie beide gute alte Dodger-Fans aus den Zeiten waren, als diese noch im Ebbets-Field-Stadion in New York beheimatet gewesen waren, brach das Eis zwischen ihnen. Sie würden nie Freunde werden. Seine Mutter brachte Ted Brautigan keine solche Abneigung entgegen wie Mrs. Evers, aber irgendetwas stimmte trotzdem nicht. Bobby glaubte zu wissen, was es war; er hatte es an dem Morgen, als der neue Mieter eingezogen war, in ihren Augen gesehen. Liz traute ihm nicht.
Und Carol Gerber tat das auch nicht, wie sich herausstellte. »Manchmal frage ich mich, ob er vor irgendwas auf der Flucht ist«, sagte sie eines Abends, als sie mit Bobby und S-J hügelaufwärts zur Asher Avenue ging.
Sie hatten etwa eine Stunde lang Werfen geübt, dabei hin und wieder mit Ted geredet, und waren jetzt auf dem Weg zum Moon’s Roadside Happiness, um sich Eis zu kaufen. S-J besaß dreißig Cent und hatte sie eingeladen. Er hatte auch seinen Bolo-Bouncer dabei, den er jetzt aus seiner Gesäßtasche holte. Ziemlich bald wanderte das Ding nach oben und unten und um ihn herum, wap-wap-wap.
»Auf der Flucht? Machst du Witze?« Der Gedanke erschreckte Bobby. Doch Carol hatte ein gutes Auge für Menschen; selbst seine Mutter hatte das schon bemerkt. Die Kleine ist keine Schönheit, aber ihr entgeht nicht viel, hatte sie eines Abends gesagt.
»›Hände hoch, McGarrigle!‹«, rief Sully-John. Er klemmte sich den Bolo-Bouncer unter den Arm, ging in die Hocke und feuerte mit einer unsichtbaren Maschinenpistole, wobei er die rechte Seite des Mundes nach unten zog, damit er das passende Geräusch dazu machen konnte, eine Art äh-äh-äh tief aus der Kehle. »Lebend kriegst du mich nicht, Bulle! Mach sie fertig, Muggsy! Niemand lässt Rico im Stich! Ah, verdammt, mich hat’s erwischt!« S-J krallte die Hand in die Brust, wirbelte herum und fiel tot auf Mrs. Conlans Rasen.
Diese wiederum, eine bärbeißige alte Hexe von etwa fünfundsiebzig Jahren, rief: »He, du da! Ja, dich meine ich! Runter da! Du machst mir die Blumen kaputt!«
Dort, wo Sully-John hingefallen war, gab es in drei Meter Umkreis kein einziges Blumenbeet, aber er sprang sofort auf. »’tschuldigung, Mrs. Conlan.«
Sie tat seine Entschuldigung wortlos ab, scheuchte ihn mit einer Handbewegung weg und ließ die Kinder nicht aus den Augen, als diese weitergingen.
»Das ist nicht dein Ernst, oder?«, erkundigte sich Bobby bei Carol. »Das mit Ted?«
»Nein«, sagte sie. »Ich glaub nicht. Aber … hast du schon mal gesehen, wie er die Straße beobachtet?«
»Ja. Als ob er jemand suchen würde, stimmt’s?«
»Oder nach jemand Ausschau halten würde«, erwiderte Carol.
Sully-John fing wieder mit dem Bolo-Bouncer an. Ziemlich bald schwirrte die rote Gummikugel wieder hin und her. Sully hielt erst inne, als sie am Asher Empire vorbeikamen, wo zwei Brigitte-Bardot-Streifen liefen – freigegeben ab 18, nur mit Führerschein oder Geburtsurkunde, keine Ausnahmen. Einer der Filme war neu; der andere war der altbewährte Und immer lockt das Weib, der wie ein böser Husten immer wieder ins Empire zurückkam. Auf den Plakaten trug Brigitte nicht mehr als ein Handtuch und ein Lächeln.
»Meine Mutter sagt, die ist billig«, sagte Carol.
»Wenn die billig ist, dann würd ich sie gern kaufen«, sagte S-J und wackelte wie Groucho mit den Augenbrauen.
»Findest du, dass sie billig ist?«, wollte Bobby von Carol wissen.
»Ich weiß nicht mal genau, was das heißen soll.«
Als sie unter dem Vordach durchgingen (aus ihrem verglasten Kabäuschen neben den Türen beäugte Mrs. Godlow – von den Kindern in der Umgebung Mrs. Godzilla genannt – sie misstrauisch), schaute Carol zu Brigitte Bardot mit ihrem Handtuch zurück. Ihre Miene war schwer zu deuten. Neugier? Bobby wusste es nicht genau. »Aber sie ist hübsch, oder?«
»Ja, glaub schon.«
»Und man muss ganz schön mutig sein, wenn man sich nur mit einem Handtuch um den Leib von den Leuten anstarren lässt. Finde ich jedenfalls.«
Sully-John interessierte sich nicht mehr für la femme Brigitte, nachdem sie nun hinter ihnen lag. »Wo kommt Ted her, Bobby?«
»Keine Ahnung. Er spricht nie darüber.«
Sully-John nickte, als hätte er diese Antwort erwartet, und setzte seinen Bolo-Bouncer wieder in Gang. Aufwärts und abwärts, um den Körper herum, wap-wap-wap.
Im Mai begannen sich Bobbys Gedanken den Sommerferien zuzuwenden. Es gab wirklich nichts Schöneres auf der Welt als »die großen F«, wie Sully sie nannte. Er würde lange Stunden mit seinen Freunden herumhängen, auf der Broad Street und im Sterling House, dem Jugendzentrum auf der gegenüberliegenden Seite des Parks – im Sterling House gab es im Sommer jede Menge tolle Angebote, darunter auch Baseballspielen und wöchentliche Ausflüge nach Patagonia Beach in West Haven -, und überdies würde er massenhaft Zeit für sich selbst haben. Zeit zum Lesen natürlich, aber eigentlich hatte er vor, sich in diesen Wochen einen Teilzeitjob zu suchen. Er hatte etwas über sieben Dollar in einem Glas mit der Aufschrift FAHRRADGELD, und sieben Dollar waren immerhin schon ein Anfang … wenn auch nicht gerade ein toller Anfang. Wenn er in diesem Tempo weitermachte, wäre Nixon schon zwei Jahre Präsident, bevor er mit dem Rad zur Schule fuhr.
An einem dieser Tage kurz vor den Sommerferien gab Ted ihm ein Taschenbuch. »Weißt du noch, dass ich dir mal erzählt habe, es gäbe Bücher mit einer guten Geschichte und einer guten Sprache?«, fragte er. »Das ist eins von dieser Sorte. Ein verspätetes Geburtstagsgeschenk von einem neuen Freund. Ich hoffe zumindest, dass ich dein Freund bin.«
»Das sind Sie. Vielen Dank!« Trotz der Begeisterung in seiner Stimme nahm Bobby das Buch ein wenig skeptisch entgegen. Er war Taschenbücher mit bunten, reißerischen Titelbildern und anzüglichen Sprüchen gewohnt (»Sie landete in der Gosse … und sank noch tiefer!«); dies hier hatte keines von beiden. Das Titelbild war überwiegend weiß. In einer Ecke stand eine nur grob skizzierte Gruppe von Jungen, die im Kreis standen. Der Titel des Buchs lautete Herr der Fliegen. Über dem Titel stand kein Anreißerspruch, nicht mal ein dezenter wie »Eine Geschichte, die Sie nie vergessen werden«. Alles in allem wirkte es abweisend und unfreundlich und gab zu erkennen, dass die Geschichte zwischen den Buchdeckeln schwierig sein würde. Bobby hatte eigentlich nichts gegen schwierige Bücher, solange sie in der Schule durchgenommen wurden. Aber wenn man zum Vergnügen las, dann sollten die Geschichten einfach sein, fand er – und der Autor sollte alles tun, außer einem die Augen hin und her zu bewegen. Wie viel Spaß konnte es sonst schon machen?
Als er das Buch umdrehen wollte, legte Ted ihm sanft die Hand auf den Arm und hinderte ihn daran. »Nein«, sagte er. »Tu mir einen persönlichen Gefallen und lass das bleiben.«
Bobby sah ihn verständnislos an.
»Geh an dieses Buch so heran wie an ein unerforschtes Land. Ohne eine Karte. Erforsche es, und zeichne deine eigene Karte.«
»Aber wenn es mir nicht gefällt?«