Auch ich sollte sterben - Delia Balmer - E-Book
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Auch ich sollte sterben E-Book

Delia Balmer

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Beschreibung

Als Delia sich in John verliebt, ist sie einfach nur glücklich: Er ist charmant, hilfsbereit - und sie ist endlich nicht mehr so viel allein. Doch nach und nach verändert sich ihr Lebensgefährte, Delia findet verstörende Bilder in seinen Sachen, manchmal rastet John aus, wird gewalttätig, will sie komplett kontrollieren. Verzweifelt will Delia sich von ihm trennen - eine tiefe Kränkung für den narzisstisch gestörten Mann, der bald gefährlich für sie wird ...


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EPUB

Seitenzahl: 485

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumPrologKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41Kapitel 42Kapitel 43Kapitel 44Kapitel 45Kapitel 46Kapitel 47Kapitel 48Kapitel 49EpilogDanksagungen

Über dieses Buch

Als Delia sich in John verliebt, ist sie einfach nur glücklich: Er ist charmant, hilfsbereit – und sie ist endlich nicht mehr so viel allein. Doch nach und nach verändert sich ihr Lebensgefährte, Delia findet verstörende Bilder in seinen Sachen, manchmal rastet John aus, wird gewalttätig, will sie komplett kontrollieren. Verzweifelt will Delia sich von ihm trennen – eine tiefe Kränkung für den narzisstisch gestörten Mann, der bald gefährlich für sie wird …

Über die Autorin

Delia Balmer stammt aus den USA. Sie lebte in London und arbeitete als Krankenschwester, als sie 1991 zufällig John Sweeney in einem Pub kennenlernte. 1994 beendete sie die Beziehung, wurde in den folgenden Monaten mehrfach brutal von Sweeney attackiert und fast getötet. Erst 2001 wurde er gefasst, verurteilt und kam neun Jahre in Haft. Danach wurde er wegen weiterer Morde erneut verurteilt. Delia Balmer sagte zu beiden Gerichtsverhandlungen aus. Sie litt jahrelang an Posttraumatischer Belastungsstörung.

Delia Balmer

AUCH ICH SOLLTE

STERBEN

Meine Beziehung zu einemSadisten kostete michfast das Leben

Aus dem Englischen vonCarl Freytag

BASTEI ENTERTAINMENT

Dieses Buch beruht auf Tatsachen.

Zum Schutz der Rechte der Personen wurden einige

Namen, Orte und Details verändert.

»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © Delia Balmer 2017

First published as Living With A Serial Killer by Ebury Press.

Ebury Press is part of the Penguin Random House group of companies.

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Kerstin Ostendorf, Bonn

Titelillustration: © iStock/southerlycourse

Umschlaggestaltung: Thomas Krämer

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-4998-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Prolog

Schwesternwohnheim, North Middlesex Hospital, späte 1970er Jahre

Es war dieser Schrei, der mich aus dem Schlaf riss.

In der Stille der Nacht schreckte mich mein eigener schriller, unheimlicher Klageton auf, der durch den Raum hallte und mitten aus meiner Seele zu kommen schien.

Aber ich konnte keine Ursache erkennen.

Viele Jahre später erinnerte ich mich an diesen Aufschrei, der von nirgendwoher zu kommen schien, weder aus einem Traum noch aus einem Albtraum.

Ich fragte mich: War das eine Vorahnung all dessen, was kommen sollte?

Kapitel 1

Kentish Town, London, Frühjahr 1991

Der Schlüssel drehte sich nicht, als ich versuchte, die Haustür aufzuschließen. Meine Finger hielten das Metall fest umspannt, ich kämpfte schon einige Minuten mit ihm. Endlich hatte ich Erfolg, öffnete zögernd die Tür und trat in einen kleinen schäbigen Flur. Die Wände brauchten einen neuen Anstrich, und auf dem Boden lag ein fleckiger grauer Teppich.

Hier bin ich also schließlich gelandet.

Direkt vor mir verlief eine Treppe hinauf bis zu einem Fenster, wo sie umkehrte und weiter nach oben in den nächsten Flur führte. Das vierstöckige Haus in der Leighton Grove war in vier Wohnungen aufgeteilt worden, auf jedem Stockwerk lag eine. Meine befand sich im Erdgeschoss über einer Souterrainwohnung, die Wohnungstür war links. Ich schloss sie auf und ging leise hinein.

Als ich die Schwelle überschritt, überkam mich ein seltsames Gefühl. Ich dachte: Irgendetwas ist nicht in Ordnung, es ist nicht gut für mich, hier zu sein. Sofort hatte ich ein schlechtes Gewissen, denn es war eine Sozialwohnung, und ich wusste, dass ich froh sein musste, ein Dach über dem Kopf zu haben. Aber meine dunkle Vorahnung blieb. Ich spürte eine schlechte Aura um mich herum, ein Gefühl, hier nicht hinzugehören.

Durch die Wohnungstür kam man ins Hinterzimmer der Wohnung, von wo eine weitere Tür in den vorderen Raum ging. Ich trat nun vollends ein und schloss die Wohnungstür hinter mir. Dabei stellte ich fest, dass dahinter ein enger Korridor zu einer gelb gekachelten Küche und zum Bad führte. Was für ein verrückter Grundriss, dachte ich. Irgendwie verstärkte das mein Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war. Denn es konnte jemand in der Küche warten, ohne dass man es ahnen würde – bis zu dem Augenblick, in dem man die Wohnungstür hinter sich schloss.

Das machte mir aber nichts aus, denn ich hatte schon lange Zeit allein gelebt. Ich war immer eher eine Einzelgängerin gewesen, wenn auch nicht unbedingt freiwillig. Als Kind musste ich oft umziehen: Ich bin in Australien geboren. Bis ich dreizehn war, habe ich dann in Schottland, Kanada und den USA gelebt. Als Teenager wohnte ich in Detroit. Ich war schon sehr still und scheu, als wir dorthin zogen, und fügte mich nur schwer ein. Meine schottischen Eltern nahmen ihre Kultur überall mit hin. Gerard und Stewart – meine jüngeren Brüder – und ich wurden sehr zurückhaltend erzogen, eher britisch als amerikanisch. Gerard hat mich viele Jahre später darauf aufmerksam gemacht. Das verstärkte mein Gefühl, nirgends dazuzugehören. Ich war nicht so direkt und kontaktfreudig wie die amerikanischen Kinder und wurde immer schüchterner und introvertierter.

Erst nachdem ich von zu Hause ausgezogen war, fing ich an zu glauben, dass die britische Erziehung durch meine Eltern mit ihrem Anflug von viktorianischen oder zumindest konventionelleren und zurückhaltenderen Wertvorstellungen vielleicht zu meiner Sehnsucht nach Zuneigung geführt hatte. Dass sich das möglicherweise als mein Untergang erweisen sollte, wurde mir aber erst viel später klar. Es gab nur ein Minimum an körperlicher Zuneigung von meinen Eltern und zwischen ihnen. Zu schmusen oder sich zu küssen war in meiner Familie unüblich. Es schien uns eher Angst zu machen, und wir vermieden körperlichen Kontakt. Wenn meine Mum mich manchmal um einen Kuss bat, war das eher eine Forderung als ein spontanes Bedürfnis. Wie dem auch sei: Diese Sehnsucht hat mich in alle möglichen Schwierigkeiten gebracht.

Meine Eltern, die noch immer in den Staaten wohnen, waren enttäuscht, als ich ihnen mitteilte, ich werde in eine Sozialwohnung umziehen: Sie wird nie zurückkommen … Ich hatte selbst Bedenken: Ich hatte immer überlegt, ob ich zu meinen Eltern zurückgehen sollte, und nun verlor ich die Freiheit zu reisen. Als ich in die Leighton Grove zog, war ich fast einundvierzig und fragte mich, ob das der Punkt war, von dem es kein Zurück gab oder an dem ich nicht mehr frei wählen konnte.

Die Sozialwohnung bot mir aber ein Sicherheitsnetz, als ich es am meisten brauchte. Ich hatte die Beziehung mit einem Mann beendet, mit dem ich vier Jahre zusammen gewesen war, und war darüber noch nicht hinweggekommen. Eigentlich hatte ich geplant, nach Australien zu gehen, aber mit der Drohung, er wolle mich dann nie mehr wiedersehen, konnte er mich zum Bleiben überreden. Nur für ihn gab ich mit schwerem Herzen meinen Traum auf. Als ich ihn dann verließ, wusste ich nicht wohin.

Es gelang mir, in einer Klinik, die uns auch Unterkünfte anbot, einen Job als »Agency Nurse« zu bekommen – als Schwester, die nicht fest angestellt war, sondern von einer Zeitarbeitsagentur vermittelt wurde. 1979, drei Jahre später, kam dann Margaret Thatcher an die Macht, und aus der Klinik wurde ein eigenständiges Unternehmen. Ich verlor meinen Job und musste aus dem Schwesternwohnheim ausziehen, denn es wurde nur noch fest angestelltes Personal benötigt. Deshalb brauchte ich die Sozialwohnung so dringend.

Nicht lange, nachdem ich zum ersten Mal in der Wohnung in der Leighton Grove war, zog ich richtig ein – mit meinem ganzen Besitz in nur zwei Koffern und einem Pappkarton. Ich hatte mich nie irgendwo längere Zeit niedergelassen und nie mehr angesammelt, als ich brauchte. Ich liebte meine Freiheit. Nun stand ich an der Ziegelmauer vor dem schmalen Reihenhaus, starrte hinauf und stieg dann langsam die sieben Betonstufen zur Haustür hoch. Wieder kämpfte ich mit dem schlecht passenden Schlüssel und konnte ihn nicht drehen. Ich hatte eine düstere Vorahnung.

Ist das ein Zeichen, dass ich hier nicht wirklich hingehöre?

Sechs Wochen lang putzte ich und strich die Decken und Wände meiner Wohnung. Ich hoffte, dass mir diese gründliche Runderneuerung ein behaglicheres Gefühl verschaffen würde und mir die Unsicherheit nehmen konnte, die ich dort spürte. Den hinteren Raum strich ich ganz nach meinem Wunsch in Weiß mit einem Hauch von Rosa, das Beige im Vorderraum war eher eine Enttäuschung.

Ich hatte den hinteren Raum zum Schlafzimmer gemacht, schlief auf meinem Schlafsack auf dem Boden und deckte mich mit bunten Decken aus Mexiko und Guatemala zu. Vor das Fenster hängte ich einen in zwei Teile geschnittenen blauen Baumwollsari, der mit kleinen purpurnen und gelben Blütenblättern bedruckt war. Die einzigen »Möbel« waren die Schmuckstücke und Bilder, die ich auf meinen Reisen gesammelt hatte.

Die Reisen waren mein Leben. Nachdem ich meine Ausbildung zur Krankenschwester abgeschlossen hatte, arbeitete ich mehr als ein Jahr in einer festen Anstellung, um danach zu meiner ersten großen Reise aufzubrechen, die ein Jahr dauerte. Ich hatte nicht vorgehabt, danach als »Agency Nurse« zu arbeiten, aber es ergab sich dann doch. Ohne eine feste Anstellung hatte ich viel Freiheit und das Geld, um zu reisen und auch meine Eltern länger zu besuchen. Ich machte kurze Ausflüge auf den Kontinent, meistens nach Griechenland. Auf meiner ersten ein Jahr dauernden großen Reise lebte ich drei Monate in Israel als Freiwillige in einem Kibbuz, dann reiste ich durch Indien und verbrachte sechs Wochen in Nepal. Später in meinen Dreißigern ging ich nach Mexiko und Mittelamerika. Die Dinge, die ich von meinen Erkundungsreisen mitbrachte, bereicherten mein Leben: Schals von mexikanischen Indios, einen Halter für Räucherstäbchen aus einer heiligen Hindustadt am Ganges, zwei kleine Töpfe und ein Om-Zeichen aus Speckstein, eine kleine Ebenholzdose aus Bombay und Muscheln aus Mexiko. Zwei gerahmte Bilder, die auf Banyanblätter gemalt waren, hängte ich an die Wand, dazu ein Schwarz-Weiß-Foto meiner schottischen Großmutter. Und trotzdem fühlte ich mich nicht zu Hause, ich war weit davon entfernt und blieb beunruhigt.

Das Leben im Schwesternwohnheim hatte mir das Gefühl gegeben, dazuzugehören. Obwohl ich eine Einzelgängerin war, blieb ich dort nicht allein, weil immer andere um mich herum waren, mit denen ich reden konnte, wenn ich es wollte. Ich hatte dort meine Tür immer offen stehen lassen, weil ich mich sonst eingesperrt gefühlt hätte. In der Leighton Grove war meine Tür dagegen immer zu, und mein einziger Kontakt zu anderen fand statt, wenn ich Essen einkaufen ging.

Keine feste Arbeit zu haben und an Berufserfahrung zu verlieren erfüllte mich mit Sorge und machte mir Angst. Meine Zuversicht war äußerst gering. Ratlos und allein wie ich war, schwand sie noch mehr, und meine Ängste wuchsen. Was immer ich an Arbeit fand, ich war nicht in der Lage, damit weiterzumachen. Ich bewarb mich mit Erfolg für einen Kurs in therapeutischer Massage, der aber erst im September anfangen würde. Ich kannte keine Nachbarn und hatte niemand zum Reden. Vielleicht würde ich in dem Kurs Bekanntschaften schließen.

An einem Tag Ende April 1991 ging ich zum Camden Lock Market und kaufte einen purpurnen Flickenteppich für mein Schlafzimmer. Zurück in der Wohnung legte ich ihn auf die Plastikplane, mit der ich den blanken Fußboden bedeckt hatte. Ich schaute mich um, und beim Anblick meiner Wohnung überfiel mich ein verzweifeltes Gefühl von Leere.

Diese alte Wohnung ist so sauber, wie ich sie nur machen kann, dachte ich, und alles ist dort, wo ich es haben will.

Genau das war aber das Problem.

Ich wünsche mir geradezu, dass es nicht so ist, dachte ich trostlos, ich will, dass die Dinge ein wenig anders liegen, sodass ich weiß, dass jemand da war.

Pass auf, was du dir wünschst …

Kapitel 2

Am Montag des ersten Bankfeiertags im Frühjahr 1991 war ich – wie immer – allein und wusste nicht, was ich mit mir anfangen sollte. Ich ging nach Camden und lief auf dem Markt herum. Inzwischen besuchte ich nicht mehr den Caernarvon Castle, einen Pub um die Ecke, in dem ich früher zur Livemusik getanzt hatte, weil sich dort die Atmosphäre verändert hatte. Bald nach dem Einzug in meine neue Wohnung fing ich an, öfter in den Hawley Arms zu gehen, der nicht weit weg war. Gewöhnlich verbrachte ich dort den Sonntag.

Ich weiß nicht, was ich sonst machen kann, dachte ich, deshalb gehe ich auf einen Drink hin.

Alle waren der Meinung, dass der Hawley Arms die beste Jukebox der Stadt hatte. Die Atmosphäre war mitreißend, die Wände waren mit alten Postkarten dekoriert, und es gab ein Bücherregal mit ausgefransten, verstaubten Büchern, die aber niemand zu lesen schien. Der altmodische Geldautomat schien aus dem Museum zu kommen.

Ich saß immer an einem Ende der langen Bar, hatte ein Glas Real Ale vor mir und verlor mich in der Musik. Statt zu tanzen, beobachtete ich die Leute. Aber an diesem freien Montag war der Pub fast leer, und die Jukebox spielte nur selten. Ich nippte an meinem Bier und hoffte, etwas Interessantes zu entdecken.

Die Leute hinter der Bar trugen mit ihrem hippieartigen Aufzug zur Buntheit bei und tanzten, während sie die Drinks servierten. Die Frau hatte lange blonde Haare und um den Kopf ein locker gewickeltes buntes Tuch. Ihr Bauch schaute unter einem kurzen ärmellosen Top heraus. Sie trug schwarze Jeans aus Leder und manchmal um die Taille auch einen Sarong mit einem purpurnen indischen Tuch mit herabhängenden Quasten, während ich selbst über meinem schulterlangen blonden Haar ein rotes und purpurnes Pillbox-Hütchen mit einer Krempe trug, das ich in Manali gekauft hatte. Dazu meine farbenprächtigen indischen Schals, meine Jeansjacke und Jeans in Pink.

Ganz am anderen Ende des Raums stand auf einem schmalen Wandbrett eine kleine beleuchtete Männerfigur mit einer Kappe auf dem Kopf, einem gemütlich lachenden Gesicht mit roten Wangen, einer roten Nase und einem Bierbauch. Die Figur hatte ein Bierglas in der Hand, das sie immer wieder zum Mund anhob und absetzte.

An einem Tisch unter der kleinen Figur saß ein Mann und trank sein Bier. Er starrte mich aufmerksam an. Sein Kinn war mit einem rotbraunen Bart bedeckt, die braunen Haare waren im Nacken zu einem kleinen Pferdeschwanz gebunden, während sein Kopf kahl zu werden begann. Er hatte ein längliches Gesicht mit einer markanten Stirn und bemerkenswert geschwungenen Augenbrauen, die seine großen Augen so ausgeprägt umrahmten, dass sie fast wie gemalt aussahen. Das Weiß seiner Augen blitzte deutlich in zwei horizontalen Halbmonden unter der grünen Iris auf.

Ich vermied es, ihn anzuschauen, und tat mein Bestes, um jeden Augenkontakt zu vermeiden. Ich wollte in nichts verwickelt werden und nicht schon wieder ein Desaster erleben. Er starrte mich aber weiter unverwandt an.

Gleich darauf ging er raus, und ich hatte ihn schon vergessen, als er kurze Zeit später zurückkam, auf meine Seite der Bar ging und sich neben mich stellte, um einen Drink zu bestellen. Er war über einen Meter achtzig groß und sehr schlank. Selbst von meinem Barhocker aus konnte ich unseren Größenunterschied feststellen: Ich bin nur ein Meter fünfzig groß. Er trug Jeans und eine bestickte Weste in Gelb und Grün über einem T-Shirt, auf das eine Brosche in Form eines Marihuanablatts gesteckt war. An seinem linken Ohrläppchen hing ein goldener Ring. Obwohl er so nah neben mir stand, ließ ich mir nicht anmerken, dass ich ihn wahrgenommen hatte.

Auch er sagte nichts zu mir, nahm sein Glas und setzte sich an einen Tisch nahe beim Eingang. Ich merkte aber, dass er mich immer noch ständig anstarrte. Er beobachtete mich sogar, als er aufstand und zu einem Münztelefon ging, das ganz in meiner Nähe an der Wand hing. Während er in den Hörer sprach, schaute er zu mir. Er ließ mich nie aus den Augen.

Dann setzte er sich wieder hin, trank sein Glas aus und stellte sich wieder an meine rechte Seite, um ein neues Bier zu bestellen. Aber diesmal siegte meine Neugier, ich schaute zu ihm hoch, und sofort traf mich sein Blick.

»Möchtest du mit mir zusammen etwas trinken?«, fragte er mich mit einer tiefen Stimme und starkem Liverpool-Akzent.

Mich durchlief ein nervöses Flattern, aber ich dachte: Ein Drink mit ihm kann nicht schaden, einfach, um jemand zu haben, mit dem ich eine Zeit lang reden kann. Ich muss mich ja in nichts verwickeln lassen.

Wir setzten uns mit unserem Bier an den Platz, von dem aus er mich beobachtet hatte.

»Ich heiße John«, sagte er. »Ich bin Zimmermann und arbeite hier in London auf verschiedenen Baustellen, aber auch manchmal in Deutschland.«

Mein Interesse wuchs. Er arbeitet in anderen Ländern, dachte ich und war ein wenig aufgeregt. Er muss viel reisen, gerade so jemand, den ich gern kennenlernen würde. Ich fand das sehr anziehend: den Hauch von unbürgerlichem Leben und Freiheit und dass er die Möglichkeit hatte, zu kommen und zu gehen, ohne irgendwo angebunden zu sein.

»Ich reise auch gern«, erzählte ich ihm. »Ich war in Nepal, einige Male in Indien und in Mexiko und Mittelamerika.«

Wir tranken unser Bier und redeten. John schien ruhig und bescheiden zu sein. Dass er manchmal stotterte, hielt ich für ein Zeichen seiner Nervosität. Er scheint sehr schüchtern zu sein, überlegte ich, vielleicht stolpert er deshalb über seine eigenen Worte.

Er rauchte Selbstgedrehte und hatte seinen Tabak in einer ungewöhnlichen handgefertigten Holzdose dabei, die achteckig war und ganz aus Zündhölzern bestand. Auf dem Deckel war sie mit einem Totenschädel und gekreuzten Knochen verziert.

Wir tranken aus, aber ich wollte noch länger mit ihm reden. Mein Leben war in letzter Zeit so eintönig geworden, dass ich verzweifelt auf irgendetwas aus war, was es ändern würde. Und jetzt war da John. Ich war gespannt.

»Willst du mit zu mir kommen?«, fragte ich zögernd. »Wenn du magst, kannst du einen Tee bekommen.«

Ich war überrascht, als er ja sagte, weil ich dachte, er hätte Besseres zu tun. Zusammen verließen wir den Hawley und gingen zur Leighton Grove.

»Ich bin erst vor Kurzem eingezogen«, erklärte ich, als wir in der Wohnung ankamen. »Deshalb gibt es noch keine Möbel.«

Wie der Grundriss der Wohnung vorgab, kamen wir zuerst in das hintere Zimmer, mein Schlafzimmer. Ich zeigte auf den Boden:

»Du kannst dich auf den purpurnen Teppich setzen.«

Während John es sich bequem machte und seine langen Beine faltete, setzte ich in der gelben Küche Tee auf. Ich kam mit der verzierten chinesischen Teekanne und den japanischen Teetassen zurück, die ich vor Kurzem gekauft hatte. Jede der Tassen war ein wenig anders. Sie waren mit Bäumen und Vögeln bemalt, und einige Details waren mit Blattgold hervorgehoben. Die weinrote Kanne hatte eine elegante länglich-eckige Form und war mit chinesischen Symbolen und am unteren Rand mit einer blauen Borte bemalt. Ich ließ den Tee ziehen und goss uns zwei Tassen ein, bevor ich mich ihm gegenüber auf meinen Schlafsack setzte.

Mir fiel mein grüner Koffer ins Auge, und ich machte ihn ungeduldig auf, um meine Reisemitbringsel zu zeigen: Schals von mexikanischen Indios, die in einer kleinen Kolonialstadt auf dem Platz im Zentrum saßen, Sarongs aus Indien und meinen Räucherstäbchenhalter aus Haridwar am Ganges.

John drehte sich einen Joint.

»Ja, du hast da ein paar Dinge …« Das war alles, was er sagte.

Er hatte überhaupt wenig zu sagen. Stattdessen kämpfte er sich damit ab, die Lider über seinen übernächtigten, blutunterlaufenen Augen offen zu halten. Selbst wenn ich hinsah, fiel sein Kopf auf die Brust, und er döste ein. Er fuhr dann zwar aus dem Schlaf, sackte aber bald wieder weg.

Warum pennt er immer ein?, fragte ich mich entnervt. Auch ich verstummte, als er wieder einnickte. Ich hatte gedacht, dass wir uns viel zu sagen hatten, und wollte jemand, mit dem ich reden konnte.

Dann hob er den Kopf, und seine grünen Augen öffneten sich.

»Ich war gestern Abend auf einem Rockkonzert in Brixton«, erklärte er, »die ganze Nacht, ich hab kein Auge zugemacht und bin von dort direkt in den Pub gekommen.«

Es überraschte mich, dass er in einen Pub ging, um zu trinken, nachdem er die ganze Nacht auf gewesen war. Er scheint in gewisser Hinsicht brav zu sein, dann aber doch auch ziemlich unbesonnen.

Ich wünschte mir, auch dort gewesen zu sein, aber ich hätte nicht allein hingewollt. Johns Bericht von Rockkonzerten, die die ganze Nacht dauerten, schien so aufregend und so voller Freiheit. Ich wollte nicht, dass er mitbekam, wie langweilig mein Leben war, denn ich nahm an, dass er dann nicht mehr mit mir reden wollte.

Nicht dass er jetzt mit mir redete: Er kippte wieder weg – diesmal auf seine Teetasse. Der Tee ergoss sich über den ganzen Teppich.

»Oh nein!«, schrie ich bestürzt auf. »Du hast den Tee über meinen neuen Teppich geschüttet, und ich wollte, dass er schön bleibt.«

Er stotterte eine Entschuldigung und fügte hinzu: »Ich denke, es ist besser, wenn ich jetzt gehe und ein wenig Schlaf nachhole.«

Es schien ihm peinlich, und er igelte sich ein. Ich hielt meinen Ärger zurück, damit es mir nicht noch schlechter ging.

Bevor er aufstand, fragte er: »Willst du bald einmal mit mir ausgehen? Ich möchte dich gern wiedersehen.«

Ich war überrascht. Nachdem er fast den ganzen Besuch verschlafen hatte, konnte ich kaum annehmen, dass er Zeit mit mir verbringen wollte, um etwas zusammen zu machen. Daher kam ich zu dem Schluss, dass es keine gute Idee war, ihn wiederzusehen. Der verschüttete Tee hatte einen nicht zu übersehenden Fleck auf dem Teppich hinterlassen: ein Zeichen, dass ich nicht zu viel mit ihm zu tun haben und ihn schon gar nicht wieder einladen sollte.

»Nein, ich kann nicht«, sagte ich fast entschuldigend. »Ich hab viel zu tun, und ich werde keine Zeit dafür haben.«

John drängte nicht und sagte nur: »Okay, vielleicht sehen wir uns wieder.«

Wieder allein und ohne jemand, mit dem ich reden konnte, war ich enttäuscht – und mein purpurner Teppich hatte einen großen Teefleck.

Der Fleck zeigte unbestreitbar, dass John Sweeney hier gewesen war. Er hatte seine Spur hinterlassen, und weder ich noch mein Teppich würden je wieder dieselben sein wie zuvor.

Kapitel 3

Es vergingen ein, zwei Monate. In die Souterrainwohnung zog ein neuer Mieter ein: Tyler, ein Nigerianer. Ich stellte mich vor, sagte ihm, dass ich über ihm wohne. Er war freundlich und erzählte mir, dass er unter Schizophrenie leide. Meine Reaktion war offen und unvoreingenommen, und ich dachte, dass er einigermaßen harmlos war.

Tylers Anwesenheit in dem Haus führte aber zu einer Reihe von Ereignissen, die Angst in mir auslösten, mich schutzloser machten und mich verzweifeln ließen. Er ließ von zehn Uhr abends bis drei Uhr in der Nacht laute Musik von zwei Radiostationen gleichzeitig laufen. Zur gleichen Zeit brüllte auch noch sein Fernseher. Seine schweren Schritte konnte man in der ganzen Wohnung hören, dazu knallte er mit den Türen, wenn er durchging.

Ich beschwerte mich einige Male bei der Wohnungsverwaltung, erhielt aber nur lahme Entschuldigungen und wurde nie ernst genommen. Niemand half mir.

Mit der Zeit wurde Tylers Verhalten immer schrecklicher, und er rückte mir immer mehr auf den Leib. Da er unter mir wohnte, konnte er über meine Bewegungen herausfinden, wo und wann ich schlief. Wie ein Raubtier beobachtete er meine Gewohnheiten und merkte sich alles, sodass er entscheiden konnte, wann er seine Schritte unternahm. Immer wenn ich jetzt nachts auf meinem Schlafsack unter den bunten Decken lag, sorgte er dafür, dass er in seiner Wohnung direkt unter mir war. Dann lachte er laut und rief: »Delia, Delia, … ich will dich ficken. Ich liebe dich, Delia, ich will dich ficken.«

Ich fühlte mich bedroht, angespannt und nackt und hatte den Eindruck, unter Beobachtung zu stehen, weil er offensichtlich meinen gesamten Alltag wahrnahm. Da niemand kam, um mir zu helfen, hatte ich in diesem Sommer das Gefühl, einsamer zu sein als je zuvor.

1991 habe ich das »Jahr des Regens« genannt: Es regnete regelmäßig jeden Tag. Und jeden Tag trug ich meinen purpurnen Regenumhang. Ich hatte für die Sommertage lila Leinenschuhe gekauft und trug sie nun trotz des Wetters.

Als ich mal wieder im Platzregen die Kentish Town High Street hinunterbummelte, sah ich John Sweeney kommen. Ich dachte, dass ich ihn nach dem ersten Mal, als wir uns getroffen hatten, nie wiedersehen würde oder dass er zumindest nicht mehr mit mir reden würde. Aber er begrüßte mich ganz warm.

»Es ist so regnerisch, nicht wahr?«, bemerkte er. »Es scheint gar nicht mehr aufhören zu wollen.«

Er sah auf meine Füße und bemerkte meine völlig ungeeigneten Schuhe.

»Schau!«, rief er aus. »Deine Schuhe werden ganz nass!«

Mit seinen schweren Arbeitsschuhen tippte er leicht auf die Spitze eines Schuhs.

»Oh, stell nicht deinen Schuh drauf, sonst werden sie auch noch schmutzig«, schrie ich.

Auf meine Bitte hin nahm er sofort seinen Fuß weg, um dann zu fragen: »Möchtest du irgendwann mit mir auf einen Drink ausgehen?«

Er war so nett zu mir. Es schien, als habe er wirklich Interesse. Ich hatte daher Gewissensbisse, als ich traurig antwortete: »Ich kann nicht, ich hab andere Dinge zu tun.«

Wie zuvor schien es ihm nichts auszumachen, dass ich ihm einen Korb gab. »Gut, falls du deine Meinung änderst, lass es mich wissen, wenn du mich siehst.«

»Okay«, stimmte ich zu. Da es nichts mehr zu sagen gab, verabschiedeten wir uns.

Dass ich ihn schon wieder abgewiesen hatte, machte mir aber doch Kopfzerbrechen. Er hatte zwar Tee auf meinen Teppich gegossen und war immer wieder eingedöst, aber er war wirklich ganz nett, und ich hatte ein schlechtes Gewissen, vielleicht seine Gefühle verletzt zu haben. Tage und Wochen fragte ich mich besorgt, was ich tun konnte.

Geht es ihm nicht gut, weil ich ihn abgespeist habe?Findet er mich schrecklich? Er schien so nett – verpasse ich etwas, weil ich nein zu ihm gesagt habe? Oder soll ich es bleiben lassen und alles vergessen?

Ich machte mir weiter meine Gedanken. Ich kann mich nicht überwinden, mit ihm zu reden. Er könnte mich auslachen, wenn ich ihm sage, wie mies ich mich fühle. Oder er könnte verärgert weggehen. So oder so hätte ich mich blamiert und würde mir dumm vorkommen.

Schließlich fasste ich einen Entschluss: Ich schreibe ihm einen Brief. Schreiben fiel mir leicht, und einen Brief zu schreiben hieß, dass ich Abstand halten konnte. Es würde nicht so aussehen, als wolle ich mich auf ihn einlassen. Ich kritzelte auf, was ich ihm sagen wollte. Das meiste habe ich inzwischen vergessen, ich erinnere mich aber, ihm geschrieben zu haben, dass ich mich schlecht fühlte, weil ich ihn abgewiesen hatte.

Mir kam es vor, als ob ich diesen Brief wochenlang mit mir herumtrug. Jeden Sonntag nahm ich ihn mit, wenn ich in den Hawley Arms ging und nach John Ausschau hielt. Ich wollte das Ganze vergessen und wollte, dass Gras darüber wuchs. Wie immer saß ich an der Bar und hielt in der Menge der Gäste nach ihm Ausschau. Als Wochen ohne ein Zeichen von ihm vergingen, dachte ich, dass ich ihn nie wiedersehen würde.

Und dann kam er zur Tür herein. Obwohl das der Moment war, auf den ich gewartet hatte, war ich ängstlich und fragte mich, was in aller Welt ich tat, als ich mich in seine Richtung durch das Gedränge schob. Der Weg war nur kurz, schien aber ewig zu dauern.

Danach sollte nichts mehr so sein wie zuvor.

Ich gab ihm den Brief, ohne ein Wort zu sagen, und verschwand in der Menge der Trinker, um zurück zu meinem Barhocker zu gehen. Dann machte ich mir Gedanken, weil ich ihm den Brief gegeben hatte und fragte mich, was nun passieren würde. Es schien, als hätte ich dafür gesorgt, dass sein Interesse erlosch – was mir tief in meinem Inneren als genau das Richtige erschien. Und jetzt hatte ich vielleicht etwas gestartet. Also zerbrach ich mir den Kopf und wartete.

Am nächsten Sonntag tauchte er nicht auf und auch nicht am übernächsten. Ich vermutete so langsam, dass er den Pub mied, um mich nicht zu sehen. Ach je, er denkt wahrscheinlich, ich bin blöd. Warum habe ich ihm bloß diesen Brief gegeben? Warum sorge ich selbst für so viel Scherereien? Was ist nur mit mir los?

Erst Mitte August sah ich ihn wieder. An einem Sonntag tauchte er im Hawley auf. Ich war verlegen und nervös, als er auf mich zukam und mich mit seinen grünen Augen anblickte.

»Als du mir diesen Brief gegeben hast, habe ich mich gefragt, was drinsteht und was er mir sagen will«, sagte er lachend. »Ich hatte Angst, ihn aufzumachen!« Er gluckste und sah ein wenig erleichtert aus.

Dann stand er neben mir und erklärte, warum er weg gewesen war: »In den letzten paar Wochen war ich zum Arbeiten in Deutschland. Als Zimmermann kann ich dort gutes Geld verdienen. Ich bin gerade zurückgekommen.«

Meine Gefühle wallten auf. Er kann einfach in völliger Freiheit locker nach Deutschland reisen und zurückkommen. Das ist wirklich großartig. Er ist so interessant.

So begann langsam und fast unmerklich unsere Beziehung.

Kapitel 4

John fing an, mich nach der Arbeit in meiner Wohnung zu besuchen. Ich machte Tee, und wir saßen und redeten. Er erzählte, dass er mit weiteren sechs Squattern aus Liverpool in einer besetzten Wohnung in der Peckwater-Siedlung lebte, die jenseits der Leighton Road lag, kaum fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt. Was für ein Zufall, dachte ich, als ob es so sein sollte.

Er sagte mir, er sei nur ein Jahr jünger als ich, das war so weit ganz in Ordnung. Ich hatte immer ein Problem mit meinem Alter. Mir schien, als wenn alles, was man beim Älterwerden macht, nur daraus besteht, sich zu sorgen und sich zu langweilen. Als ich ein Teenager war, war es für mich ein Schock, zu begreifen, dass ich älter werden musste. Und dann diese körperlichen Veränderungen! Diese purpurroten Pusteln im Gesicht und auf der Brust, die mich plagten. Und dass es so aussah, als müsse man sich in einer bestimmten Weise verhalten. Lange Zeit war es so, dass ich bei einem Mann, den ich mochte, der aber auch nur ein Jahr jünger war, das Alter nicht wissen wollte, weil ich mir im Vergleich alt vorkam. Aber bei John mochte es hingehen. Es fühlte sich an, als ob es meine letzte Chance war, mit jemand zusammen zu sein, der jung aussah und mit dem ich mich daher nicht alt fühlte.

Beim zweiten Mal, als er mich in jenem August besuchte, erwähnte ich ein Problem, das ich mit dem vorderen Erkerfenster hatte. Er betrachtete den Schaden und bot ohne zu zögern an, das Fenster für mich zu reparieren – etwas, was ich nicht erwartet hatte. Sonst stand ich immer ohne Hilfe da, wenn in meinem Leben etwas schieflief. Es war eine schöne Wendung, jemand zu haben, der bereit war, mir zu helfen.

»Wenn ich morgen mit der Arbeit fertig bin«, sagte mir John, »komme ich mit meinen Werkzeugen direkt zu dir und bring das Fenster für dich in Ordnung. Es dauert nicht lang.«

Am nächsten Abend kam er mit den nötigen Schreinerwerkzeugen. Ich war überrascht, dass er wirklich sein Wort hielt. John stellte seine Tasche unter dem Fenster ab und holte heraus, was er brauchte. Dann zog er sein Jeanshemd aus und fing an.

Während er auf meine kleine Leiter stieg, beobachtete ich ihn. Er war hager, fast zu hager, was ihm einen knabenhaften Anstrich gab. Seine Bewegungen waren flink, und er reparierte das Fenster mit Geschick. Ich war beeindruckt.

Bald besuchte mich John fast jeden Abend. Ich hatte das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Es schien, als würde er sich wirklich für mich interessieren. Noch nie zuvor hatte ich von einem Mann so viel Aufmerksamkeit bekommen – jedenfalls nicht auf diese Weise. Ich erzählte ihm auch von dem Ärger mit Tyler.

Eines Abends lud er mich in die besetzte Wohnung zum Essen ein. Er machte für uns ein Brathähnchen. Ich vermute, dass ich geschmeichelt war – und nicht nur, weil er für mich gekocht hatte. John sagte, es sei selten, dass eine Frau in die Wohnung kam, in der sechs oder mehr andere Männer lebten. Ich fühlte mich wichtig. Mein Ego hatte die Herrschaft übernommen, und jede Vernunft war abgemeldet.

Die besetzte Wohnung war ein Ort der völligen Regellosigkeit. Alles war möglich, und alles war ganz und gar unzivilisiert. Ich schaute mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Schock auf den Kühlschrank. Die Tür war weit offen, weil ein großer Eisblock herausragte. Er war noch nie abgetaut worden, daher ging die Tür nicht mehr zu. Ins Innere des Kühlschranks war Essen gestopft, das sich teils in bedenklichem Zustand befand. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Für mich war diese völlige Ungezwungenheit unfassbar.

Und dann die Toilette. Ich war schon von John gewarnt worden, der sich über den Zustand des Kühlschranks lustig gemacht hatte. Deshalb war ich auf die Toilette vorbereitet und erwartete, Zeuge von etwas absolut Ekelhaftem zu werden. Ich wurde nicht enttäuscht. Das Klo war in den Monaten der Hausbesetzung nie geputzt, aber ständig benutzt worden und voll verkrusteter Exkremente. Laut John wurde hin und wieder eine Flasche Chlorbleiche hineingekippt, um es irgendwie zu säubern.

Obwohl ich großen Wert auf Sauberkeit legte, drückte ich beide Augen zu. Ich war so bedürftig, mit jemand zu reden. Ich wollte anerkannt werden und ein wenig Befreiung aus meinem banalen Alltagsleben finden. So schwer das für mich war, verdrängte ich also alle Gefühle von Ekel und Empörung, weil meine emotionalen Bedürfnisse so groß waren.

Im Wohnzimmer standen ein altes Sofa und ein Sessel, auf dem Boden lag eine Matratze, auf der einer der sechs Squatter schlief. Weitere Matratzen lagen nebeneinander im Schlafzimmer. Niemand kümmerte sich in der Wohnung um irgendetwas, sie lebten einfach in ihr und benutzten die Dinge, wie und wann sie sie gerade brauchten. Irgendwie schien diese totale Unbekümmertheit aufregend. Sie hatte etwas Wildes, das mich faszinierte. Ich war nie an einem Ort gewesen, an dem es keine Regeln gab und wo man tun und lassen konnte, was man wollte, ohne dass irgendwer etwas dazu sagte. Und alle schienen auch ganz locker damit umzugehen, dass alles egal war. Es gefiel mir sehr, dass sie offenbar keinen Stress untereinander hatten.

Zu Johns Hähnchen teilten wir eine Flasche blutroten Wein. Wir verbrachten Zeit mit den anderen, von denen einer Gitarre spielte. An diesem Abend waren nicht alle sechs Bewohner da. »Dad«, wie sie ihn nannten, arbeitete als Türsteher in einem Sexklub in Soho. Er war klein und stämmig und trug über seinem schütteren Haar eine wollene Schirmmütze. Obwohl er nicht viel älter als die anderen war, hatte er Eigenheiten, die diesen Eindruck erweckten. Normalerweise teilten John und er das Schlafzimmer mit einem anderen Squatter namens Tony, aber Tony war auch unterwegs und hielt sich in Bangkok auf.

»Wir haben das Schlafzimmer für uns allein«, ließ mich John wissen.

Nach dem Essen und dem Wein und nachdem wir einige Zeit mit den anderen verbracht hatten, fühlte ich mich ganz entspannt. Zusammen mit John ging ich ins Schlafzimmer, in dem drei nackte Matratzen nebeneinanderlagen, in der Mitte die von John. Ich legte mich zu ihm.

In dieser Nacht strahlte John, den ich ziemlich sicher als schüchtern und bescheiden eingeordnet hatte, etwas Geheimnisvolles und Weltoffenes aus und schien sich mit einem Flair von Kultiviertheit zu umgeben. Das merkte ich an seiner Körpersprache, an der Art, wie er redete, und an seiner Stimme, die tief, ruhig und bedeutungsvoll klang. Ich wurde immer neugieriger und wollte mehr wissen. In mir war das Interesse geweckt.

Als wir nebeneinander im Dunkeln lagen, begann John ein Gespräch, das intensiv und nachdenklich wirkte: »Im Laufe der Jahre habe ich eine gewisse Denkweise und meine eigenen Ideen entwickelt. Aber nachdem so viel Zeit vergangen ist, sehe ich die Dinge anders, und meine Werte haben sich geändert.«

Er klingt so ernsthaft und als ob er wirklich viel über solche Dinge nachgedacht hat. Er wirkt, als hätte er so viel verstanden. Und er scheint weltoffen zu sein und viel zu wissen, dachte ich. Irgendwie fühle ich mich in seiner Gesellschaft wie jemand ganz Besonderes.

Während ich zuvor Mitgefühl für seine Schüchternheit empfunden hatte, fand ich ihn nun einfach toll.

Das zog mich sogar noch mehr an.

Kapitel 5

In den letzten Sommertagen in jenem August 1991 verbrachten John und ich viel Zeit miteinander. Er brachte mir oft Blumen oder Schokolade mit. Auch früher hatten mir Freunde manchmal Blumen geschenkt, aber so aufmerksam war ich noch nie behandelt worden. Als ich ihm drei farbig gestreifte Tücher zeigte, die ich auf einem Markt in Guatemala gekauft hatte, baute er mir einen niedrigen, quadratischen Tisch, auf den sie genau passten.

Wir verbrachten die Wochenenden mit Drinks im Hawley Arms oder vor dem Stag, das an der anderen Seite des kleinen Parks lag. Dort war ich zuvor noch nie gewesen, aber sie hatten auch gute Musik mit irischen Livebands. Drinnen fanden ein, zwei Leute auf einer kleinen freien Fläche bei den Musikern Platz zum Tanzen. Ich hätte auch gern getanzt, und normalerweise hätte ich auch nicht gezögert, aber irgendwie tat ich es an diesem Tag nicht.

Endlich hatte es zu regnen aufgehört, die Sonne schien, und es war warm. Wir saßen immer draußen: in der frischen Luft an den kleinen Tischchen, meist nicht weit vom Eingang des Pubs entfernt. John drehte dauernd Joints, die er unter dem Tisch versteckte, wenn der Manager des Pubs oder ein Angestellter rauskam.

Ich ging nur in den Pub hinein, um die Toilette zu benutzen, und schaute dabei immer sehnsuchtsvoll auf die paar Leute, die tanzten. Doch dann redete ich mir ein, dass ich nur nichts von dem Rauchgeruch abbekommen wollte. Das hatte mich nie gestört, aber jetzt wartete John draußen.

Wir saßen immer mit dem Rücken zur Wand und blickten auf den Park gegenüber und auf die Leute, die vorbeigingen. Meistens saßen Johns Squatterfreunde und ein paar Jungs, die auch auf den Baustellen arbeiteten, mit uns zusammen. Sie waren meine einzigen Bekannten. John hatte seinen Spaß mit ihnen, die Jungs redeten, ich hörte zu und machte manchmal eine Bemerkung. Einmal, als John reingegangen war, um Bier zu holen, bemerkte einer von ihnen: »Er ist so ein netter Kerl, so aufmerksam.« Die anderen stimmten zu.

Nachdem wir vor dem Stag getrunken hatten, saßen wir tagsüber im Park, bis der Pub am späten Nachmittag wieder aufmachte. Wir bildeten eine kleine Gruppe. Die anderen schienen sich alle zu kennen. Mir erschien es ganz abenteuerlich, dass sie aussahen wie Hippies. Wir saßen und rauchten Joints, was ich für ziemlich gewagt hielt. Früher war ich für gewöhnlich allein, jetzt hatte ich das Gefühl dazuzugehören und wirklich akzeptiert zu werden.

Eines Nachts gingen wir zum Park hinüber, nachdem der Pub zugemacht hatte. Einige Leute saßen auf dem Rasen, einer spielte Gitarre, und ein anderer improvisierte auf seinen Drums. Diese kleine spontane Party und der Anflug von Musik machten mir Mut, aufzustehen und zu tanzen zu beginnen.

Ich hatte den Ehrgeiz gehabt, Balletttänzerin zu werden, seit mich meine Mum zum ersten Mal zu einer Aufführung mitgenommen hatte, als ich zehn oder elf war. Die Ballerinas zierten die Bühne in ihren Tüll-Tutus und rosa gepunkteten Schuhen. Es sah aus wie etwas aus einer anderen Welt, einem Technicolor-Land, und ich dachte: Das ist es, was ich machen will. Ich erhielt aber zu wenig Unterricht und konnte meinen Traum nicht verwirklichen.

Tanzen und reisen: Dafür lebte ich. Der Rhythmus und der Takt von bestimmter Musik brachten mich zum Tanzen.

Ich neige immer noch dazu, mich manchmal schüchtern zu verhalten und gern für mich zu sein. Wenn ich mit einer Gruppe zusammen bin, die sich unterhält, dringe ich mit meiner Stimme manchmal nicht durch. Aber als Tänzerin nehmen mich die Leute wahr. Während meiner Reisen habe ich einmal ein Schiff von Piräus nach Israel genommen. Auf der Bühne des Speisesaals spielte eine Band, und ich tanzte nach der traditionellen griechischen Musik. Im Raum waren an die hundert Leute, und alle klatschten mir Beifall. Man hatte mich wahrgenommen, und das fühlte sich gut an.

In dieser Nacht im Park wollte ich mich zur Musik bewegen und stand auf, aber bevor irgendjemand etwas bemerkte, blickte mich John scharf an.

»Setz dich hin, Delia«, forderte er leise.

Enttäuscht gehorchte ich ihm – wie ein kleines Mädchen, das zu aufgeregt war, weil es sich überanstrengt hatte. Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen, dass ich nach einer Vaterfigur suchte, und selbst als ich mir damals dessen bewusst geworden war, folgte ich diesem Wunsch noch. Ich glaube, ich habe meinen Dad vermisst und wollte diese Lücke schließen.

Trotzdem war ich verärgert und sprachlos. Warum muss ich mich wieder setzen?, fragte ich mich. Warum kann ich nicht tanzen? Ich hatte gedacht, er würde es schön finden und mir gern dabei zusehen. Er rauchte aber weiter und redete mit den Jungs, und ich fragte mich, warum er nicht wollte, dass ich tanze – aber ich fragte nicht ihn.

Wir verbrachten die zweite Augusthälfte zusammen. Als der Monat zu Ende ging, besuchte mich John an einem Donnerstagabend wie üblich nach der Arbeit. Ich hatte auf dem Camden Lock Market zwei große gemusterte Kissen gekauft, und wir saßen auf ihnen in der Mitte des Zimmers an dem niedrigen Tisch, den mir John gebaut hatte, sahen auf das reparierte Erkerfenster und tranken Tee.

An diesem Abend wirkte John sehr ernst. Er hatte Neuigkeiten zu verkünden.

»Ich werde bis Dezember zwei oder drei Monate nach Deutschland gehen, um zu arbeiten«, sagte er. »Dort kann ich mit meiner Arbeit weit mehr Geld verdienen als hier in London.«

Mir kam es vor, als würde er beim Sprechen würgen und als würde es ihm schwerfallen, mich zu verlassen.

»Ich fahre morgen Abend«, verriet er. »Es ist das Beste so: Das Geld ist gut, und wenn ich zurück bin, werden wir’s uns schön machen.«

Ich fühlte mich geschmeichelt, als ich das hörte. Obwohl wir seit einem Monat kaum miteinander ausgegangen waren, wollte er mehr Geld verdienen und dachte daran, es sich mit mir schön zu machen, wenn er zurück wäre – wie immer das aussehen mochte. Er tat das für mich, das sagte mir die Bestimmtheit, mit der er redete. John macht sich so viele Gedanken über mich und zeigt so viel Rücksicht, obwohl es ihm offensichtlich sehr schwerfällt, zu gehen.

Damals setzte sich ein Gedanke in meinem Kopf fest – ohne Vorbedacht, ohne gründliche Überlegung und ohne, dass ich an die möglichen Folgen dachte. Mein Bauchgefühl wollte mir sagen, dass ich einen schwerwiegenden Schritt vorhatte, aber ich ignorierte es. Die Rechtfertigung für mich war, dass er mir so viel Trost gespendet hatte, für mich da war und Zuneigung für mich empfand. Während ich zuvor niemand gehabt hatte, an den ich mich wenden konnte, hatte ich nun ihn und fühlte mich weniger unsicher. Ich hatte jemand, mit dem ich reden konnte und der mich beschützte – so ungefähr waren meine Gedanken.

Und da wollte ich ihm etwas zurückgeben.

Ich hielt den Atem an und machte den verhängnisvollen Schritt, der mich in eine extreme Erfahrung führen sollte, die man sich nur in den wüstesten Fantasien vorstellen kann – oder als Stoff für Bücher und Filme.

»John«, murmelte ich, »willst du hierbleiben und mit mir zusammenleben, wenn du aus Deutschland zurück bist?«

Es folgte ein Augenblick des Zögerns und der Stille.

Die Sekunden verflogen, und es kam keine Antwort. Instinktiv fühlte ich mich so töricht, wie ich mich immer fühlte. Ich hatte nicht geplant, ihn zu fragen, und es sah so aus, als ob auch John meine Frage nicht erwartet hatte. Er hatte nie vorgeschlagen, bei mir zu wohnen, und auch nie angedeutet, dass das sein Wunsch war. Jetzt schien er über meinen Vorschlag völlig überrascht.

Weil er zögerte, glaubte ich, ihm etwas aufgedrängt zu haben. Ich hätte dieses Angebot nicht machen sollen. Jetzt fühle ich mich dumm und bloßgestellt. Vielleicht mag er mich nicht so sehr, wie ich gedacht habe.

Aber anscheinend war sein Schweigen nur ein weiteres Anzeichen dafür, wie gründlich er nachdachte. Er hatte offensichtlich die Zeit genutzt, um die Idee zu überdenken, und platzte nun förmlich heraus: »Ja, ich will zu dir ziehen. Und keine Sorge: Ich verspreche dir, keine Scherereien zu machen. Tagsüber arbeite ich, und ich greif dir unter die Arme, wenn es nötig ist.«

Dabei klang er so warm, so dankbar – und er antwortete so leidenschaftlich. Er nahm mein Angebot so begeistert an, dass mich ein Gefühl der Erleichterung durchströmte. Ich habe das Richtige gemacht, dachte ich und war mir nun sicher: Er interessiert sich wirklich für mich.

John besuchte mich noch einmal vor der Abreise. Er hatte einen großen grünen Leinensack mit seinem Hab und Gut und die Schreinerwerkzeuge dabei, die er auf einem stabilen roten Trolley transportierte. Von der Station Victoria aus wollte er mit Zug und Fähre nach Deutschland fahren.

Er stellte seine Sachen an der Tür ab und schaute mich an.

»Kommst du gut zurecht, während ich nicht da bin?«, fragte er. Seine Stimme war ruhig und ernst, mit einem Schuss Leidenschaft. »Ich werde mich um dich sorgen und dich zweimal die Woche von drüben anrufen«, versprach er. »Zuerst nächsten Dienstag um acht Uhr abends, und dann sag ich dir, wann ich wieder anrufe.«

Bevor er ging, umarmte er mich und hielt mich ganz fest. Er gab mir das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Seine Gesten wirkten so aufrichtig, dass ich keine Zweifel, ja, überhaupt keine Zweifel an seiner Zuneigung zu mir hatte.

Kapitel 6

Tyler, der Nachbar unter mir, fing an, alle unbändigen Kinder aus der Nachbarschaft anzuziehen. Sie grölten herum, fluchten und leerten vor dem Haus und in Tylers Wohnung ihre Bierdosen.

Als ich einmal nach Hause kam, knallte der Chef der Gang das Gartentor zu, als ich gerade hineinwollte. Das war meine erste Begegnung mit ihm, aber jetzt hatten sie mich wahrgenommen, und ich wurde zum Ziel ihrer Krakeelereien.

Ich stieß das Tor auf.

»Mach das Tor zu!«, befahl mir der Boss aggressiv.

»Ich wohne hier!«, schrie ich.

Sie pöbelten mich an, schrien und kommandierten mich herum. Ich stürmte ins Haus und in meine Wohnung und war froh, dieser bedrohlichen Bande entkommen zu sein, aber mein Herz hämmerte. Es sollten noch viele nervenaufreibende Szenen kommen.

Als ich einmal mit dem Rad nach Hause kam, stand ich einer noch aufsässigeren Horde Kids gegenüber, von denen einige wie die Gassenjungen in einem Roman von Charles Dickens aussahen. Als ich mir meinen Weg zur Haustür freikämpfen wollte, beschimpften sie mich als Flittchen und überschütteten mich mit ähnlichen Ausdrücken. Obwohl ich mich zur Wehr setzte, versuchten sie weiterhin, mich zu terrorisieren. Sie schubsten mich zum Beispiel zusammen mit meinem goldfarbenen Claud-Butler-Tourenrad durch das Tor, knallten es dann von außen zu und versuchten, es zu demolieren.

Von der Polizei bekam ich nie Unterstützung. Wenn sie überhaupt kam, war die »Party« für gewöhnlich schon vorbei. Auch die Hausverwaltung unternahm wie üblich nichts. Nur John schien sich darum kümmern zu wollen. Sein Motiv, das zu tun, habe ich damals nie in Frage gestellt. Er rief wie versprochen regelmäßig an und wirkte immer erfreut, meine Stimme zu hören.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte er stets besorgt. »Hast du noch immer viel Ärger mit dem Nachbarn unter dir?«

John wusste zwar, dass ich Ärger mit Tyler hatte, hatte das aber nie direkt mitbekommen. Er wurde ganz ernst, als ich ihm die Lage schilderte. »Mach dir keine Sorgen«, sagte er mit fester Stimme. »Ich kümmere mich um ihn, wenn ich zurück bin. Ich sorge dafür, dass er aufhört, dich zu belästigen.«

Zwar hatte ich keine Ahnung, wie er das anstellen wollte, aber dennoch gaben mir seine Worte Sicherheit. Ich war nicht länger nur auf mich gestellt. Es gab jemand, der bereit war, mir zu helfen, wenn mich etwas ärgerte. Ich war allerdings neugierig und hätte gern gewusst, was er vorhatte.

An einem Nachmittag war eine Riesenparty in vollem Gang. Brüllende, fluchende und lärmende Kids mit Bierdosen in der Hand schwirrten wie die Fliegen aus Tylers Wohnung und wieder hinein. Ich blieb in meiner Wohnung, hatte Angst rauszugehen und fragte mich, was sie unten alles zertrümmerten. Der Lärm war so schlimm, dass ich das Gefühl hatte, in einem Abbruchhaus zu wohnen oder mich in einem Bombenhagel zu befinden. Ich fragte mich, wie viele Löcher sie in die Wände geschlagen hatten.

Ich kauerte mich in meinem Schlafzimmer zusammen. Manchmal krabbelte ich geduckt, um nicht gesehen zu werden, auf Händen und Knien zum Wohnzimmerfenster, um herauszufinden, wie die Lage war. Der Lärm von Zerstörung und zerbrechendem Glas ging den ganzen Nachmittag weiter. Ich war in meiner eigenen Wohnung gefangen und nutzte die Zeit, um an die Hausverwaltung zu schreiben.

Als der Mob verschwunden war, verließ ich das Haus und sah, dass Tylers Fenster zur Straße zerbrochen war. Das große Loch war der Beweis für die Verwüstungen. Ich kam gerade im Büro der Hausverwaltung an, als sie zumachen wollten, und steckte meinen Umschlag mit der Aufschrift »Dringend« in den Briefkasten – in der Hoffnung, sie würden den Brief noch am selben Tag bemerken und irgendetwas unternehmen.

Am nächsten Morgen hörte ich Stimmen. Ich spähte zum Fenster hinaus und sah, wie Tyler von zwei Männern abgeführt wurde.

Nun musste ich mir nicht mehr ausmalen, was John mit ihm vorhatte.

In den folgenden Tagen kamen Arbeiter in weißen Overalls in die Wohnung unter mir. Sie hatten große Behälter mit Putzmitteln und alle möglichen Werkzeuge und Reinigungsgeräte dabei.

Ich fragte mich, in welchem Zustand die Wohnung war. »Wie viele Löcher sind in den Wänden?«, wollte ich wissen.

»Wände, welche Wände?«, antwortete einer der Männer lachend. »Es gibt keine Wände mehr.«

Während John weg war, rief er wie versprochen jeden Montag- und Donnerstagabend an. Am Telefon lag immer eine Spur von Erregung in der Luft. Er erzählte mir alles über das Dorf in Deutschland, in dem er arbeitete, und beschrieb sein Hotel und das gute Essen.

»Dir würde es hier gefallen«, schwärmte er mir vor. »Es ist ein Ort, den du gernhaben würdest, eine schöne Landschaft und altmodische Häuser.«

Er sagte, wie sehr er mich vermisste und dass er es gar nicht erwarten könne, zurückzukommen und mich zu sehen. Und er fragte immer, wie es mir ging und ob alles okay sei. Ich hatte das Gefühl, wichtig zu sein.

Ganz nach seinem Wunsch gab ich mir Mühe, immer da zu sein, wenn er anrief. Es schien für ihn wirklich entscheidend zu sein, mich zu hören und mit mir zu sprechen.

»Es ist, weil ich dich so gernhabe«, ließ er mich wissen und fügte noch hinzu: »Du musst da sein, wenn ich anrufe, sonst bin ich böse auf dich.«

Ich hatte das Gefühl, wirklich wichtig zu sein.

An einem Donnerstag im Oktober, nur ein paar Wochen, nachdem John abgereist war, wurde ich von seiner Nachricht überrascht, er werde am folgenden Abend wieder in London sein. Ich fand diese plötzliche Rückkehr etwas seltsam, denn er war ja entschlossen gewesen, bis Dezember in Deutschland zu arbeiten. Er sagte nur, dass die Arbeit aus irgendeinem Grund unbefriedigend sei und dass er genug habe.

Und er sagte, er könne die Rückkehr gar nicht erwarten. Ich freute mich auch, ihn zu sehen. Damit würde die Zeit beginnen, in der wir wirklich zusammen waren und ich nicht länger allein sein musste.

Ich erwartete seine Ankunft am Freitag um acht oder neun Uhr abends und bereitete sorgfältig unser Abendessen vor: ein chinesisches Rezept mit Gemüse, das in passende Stücke geschnitten war, dazu eine Sauce. Ich hatte ein wunderbares Set von Küchenmessern mit hellen hölzernen Griffen und langen Silberklingen, die so groß wie meine Hand waren. Ich benutzte an diesem Abend die Messer, um das Gemüse so in Stücke zu schneiden, dass man alles gut mit Stäbchen essen konnte.

John rief am Nachmittag um sechs Uhr an und sagte, er sei in Dover angekommen und werde nun den Zug nehmen. Ich sorgte für das perfekte Timing unseres Essens, damit es bei seiner Ankunft noch frisch sein würde. Vielleicht wollte ich ihn mit meinen Kochkünsten beeindrucken – und ich freute mich, mit jemand zusammen zu essen statt allein.

Die Zeit verging, und ich wartete … und wartete … und wartete. Als es später und später wurde, warf ich einen Blick auf die Uhr. Ich kann das nicht verstehen. Er war so darauf aus, zurückzukommen und mich zu sehen. Was ist mit ihm passiert? Ich war beunruhigt.

Die Stunden vergingen – bis die Uhr halb zwölf zeigte. Er hatte mich im Stich gelassen, und ich war nun das Warten leid. Unser chinesisches Gericht, das ich zusammen mit John essen wollte, blieb unberührt. Es erschien mir albern, dass ich mir so viel Mühe gegeben hatte, um uns etwas Besonderes zu machen.

Enttäuscht gab ich schließlich die Warterei auf und ging ins Bett. Vielleicht würde er am Ende doch nicht kommen.

Aber schon kurz nachdem ich mich auf meinen Schlafsack gelegt hatte, klingelte es. Eher mit einem Gefühl von Ungewissheit als mit Begeisterung ging ich zur Tür und wusste nicht, wie ich ihn begrüßen sollte. Ich lächelte nicht und zeigte keine Freude, ihn zu sehen, denn ich war wirklich verärgert.

John stiefelte mit seinem großen grünen Leinensack in die Wohnung. Ganz lässig teilte er mir mit, er habe mit Alex, einem der anderen Arbeiter, der auch zurückgekommen war, noch etwas getrunken. Ich war verstört, nachdem ich den Eindruck gehabt hatte, dass er begierig war, mich zu sehen. Jetzt schien das doch nicht so wichtig gewesen zu sein. So gut es ging, hielt ich meinen Ärger und meine Irritation zurück, war aber immer noch ratlos und verwirrt.

Er war an dem chinesischen Essen, das ich jetzt anbot, nicht interessiert. Ich fühlte mich verletzt.

»Ja, so sieht’s nämlich aus«, schimpfte ich. »Du gehst in den Pub und betrinkst dich, nimmst irgendwo einen chinesischen Snack mit, wirfst ihn dann weg, weil du zu betrunken bist und es zu spät ist, ihn zu essen. Mit meinem Essen ist es wie mit dem Snack: Es war frisch, als ich es für dich gemacht habe, aber jetzt ist es nicht mehr gut.«

Ich nahm es und warf es in den Müll. Nun hatte ich auch selbst keine Lust mehr, das zu essen, was ich so sorgfältig zubereitet hatte. Ich kam mir bescheuert vor, fühlte mich immer noch verletzt und war nicht in der Lage, das alles zu begreifen.

Als er sich zum Schlafen auszog, war ich sprachlos: Ich sah, dass seine Unterhose in Fetzen war. Es sind mehr Löcher als Stoff, dachte ich, warum trägt er überhaupt eine? Er könnte stattdessen auch ohne sie rumlaufen.

John störte sich überhaupt nicht an der ungewöhnlichen Art, wie er sich anzog. Als ob er jedes Recht hatte, hier zu sein, hob er den Zipfel meiner bunten Decke an und legte sich neben mich.

Ich habe jemand in meinem Zuhause, den ich eingeladen habe, hier zu wohnen, dachte ich. Da ist er nun. Ich habe ihn hergebracht, und so führt er sich auf.

Bestürzung und Ungewissheit legten sich schwer auf meine Seele. Mich quälte die Vermutung, dass möglicherweise etwas nicht in Ordnung war. Es war aber zu viel, um mich dem zu stellen, also sagte ich nichts, sondern verhielt mich ruhig, schob die quälenden Zweifel beiseite und schirmte mich gegen sie ab.

Kapitel 7

Ich gab John einen Satz Schlüssel an einem Metallring, ganz normale Schlüssel: einen für die Wohnung, einen für die Haustür. Eine ganz alltägliche Geste – aber eine Geste, die für mich der Anfang eines ganz und gar nicht alltäglichen Lebens war, das in weit ungewöhnlicheren Bahnen verlief, als ich mir je vorstellen konnte.

Wir richteten uns für das Zusammenleben ein. John schlug vor, dass ich die Miete und die Rechnungen bezahlte, während er für Essen und Trinken sorgen wollte. Manchmal kochte er für mich und benutzte dabei meine scharfen Küchenmesser, um zu schnippeln, zu schneiden und zu tranchieren. Ich hatte keine Möbel, also war klar, dass er seine paar Sachen in dem großen grünen Leinensack ließ. Er warf aber eine massive schwarze Bratpfanne weg, auf deren Unterseite »Made in Austria« stand – was mir damals nicht besonders auffiel.

Als wir uns am zweiten Sonntag nach seinem Einzug fertig machten, um in den Pub zu gehen, lachte er und zog mich auf: »Das sind meine Sonntagsjeans. Ich trage sie zu besonderen Anlässen.«

Auf die Jeans waren viele Flicken in den unterschiedlichsten Farben und Größen genäht, die ein Netzwerk für eine Hose darstellten, die selbst gar nicht mehr existierte. Ich fand das auf seltsame Weise lustig, dachte aber daran, wie enttäuscht meine Eltern wären, wenn sie mich in Begleitung eines Mannes sehen würden, der so angezogen war.

Mir fiel auf, dass John nie etwas Neues zum Anziehen kaufte, sondern einfach seine alten Sachen flickte, wenn es nötig war. Das schien Teil seines ungewöhnlichen Verhaltens zu sein, sich um nichts und niemand zu scheren.

Wir gingen zusammen zum Pub. Es war schön, mit einem Freund auszugehen, mit jemand zusammenzusitzen und etwas zu trinken. Ich fühlte mich weniger einsam und verschloss meine Augen vor jenem Abend, an dem John aus Deutschland zurückgekommen war.

Eines Morgens, als John bei der Arbeit war, klingelte es. Es war ein Geistlicher, der einen langen schwarzen Talar mit einem weißen Beffchen trug. An einen solchen Besuch war ich nicht gewöhnt, ich war keine praktizierende Katholikin. Unbekümmert bat ich ihn herein, aus Spaß, um zu sehen, was er zu sagen hatte. Ich hatte wenig Bekannte, und so konnte ich wenigstens eine Weile mit jemand reden.

»Ich komme zu Besuch, weil Sie neu in meiner Gemeinde sind. Leben Sie allein?«

»Nein, mein Freund lebt auch hier«, sagte ich lächelnd.

Er stand neben dem niedrigen Tisch in der Mitte des Zimmers und schaute sich um. Sein Gesicht zeigte Zeichen von Bestürzung. Er schien beunruhigt zu sein. Als wäre er an einem Ort der Gefahr und des Bösen?

Eilig entschuldigte er sich, sagte Auf Wiedersehen und zog ab.

Zuerst war das Ganze für mich eher zum Lachen, aber dann fühlte ich mich enttäuscht und hing irgendwie verunsichert in der Luft.

Was hat er denn gesehen?, fragte ich mich. Was hat ihn so beunruhigt?

Was hat er gesehen, das ich nicht sehen kann?