Auf der Suche nach der Grünen Weide - Akoth Sewe - E-Book

Auf der Suche nach der Grünen Weide E-Book

Akoth Sewe

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Beschreibung

Ihre Geschichte basiert auf einier wahren Begebenheit. Eine Geschichte voller Emotionen, verbunden mit Liebe, Wut und immer wieder aufkommenden Ängsten. Die Verwaltungsfachwirtin und Autorin wurde 1980 in Kenia geboren. Sie lebte bis zur Beendigung ihrer Highschool bei ihren Eltern in Mnarani. Im Alter von zwanzig Jahren entschied sie sich nach Deutschland zu gehen, um dort ein neues Leben anzufangen. In ihrem Buch blickt Akoth Sewe zurück auf ihre Kindheit in einem afrikanischen Dorf - eine trotz aller Armut glückliche Zeit. Sie schildert die dramatische Wende, die ihr Leben nahm, als sie einen deutschen Mann heiratete und sich in einer Ehehölle wiederfand. Aber dann ...

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ausführliche Informationen über mich

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Prolog

Dass ich aus Afrika komme, muss ich in Deutschland keinem Menschen, dem ich begegne, sagen. Das glaubt jeder mit einem Blick erfasst zu haben, aber – wenn ich ihn dann anspreche – bemerke ich meistens wohlwollendes Erstaunen. Das war nicht immer so.

Als ich als unerfahrene Ausländerin zu meiner älteren Schwester nach Wiesbaden kam, war ich überrascht, mit wie vielen Menschen ich mich auf Englisch verständigen konnte. Die Antworten kamen zwar meist in gebrochenem Englisch, aber da war trotz allem in kaum einem Gesicht von Wohlwollen eine Spur. Oft überkam mich auch das Gefühl, dass ich wegen meiner Hautfarbe automatisch als weniger intelligent eingestuft wurde. Diese Unterschiede werden mir heute rückblickend überdeutlich. Aus dieser Erkenntnis heraus würde ich jedem Menschen, der in einem fremden Land leben will raten: Das Beste, was du für deine Zukunft und zunächst auch für ein Akzeptiertwerden machen kannst, ist erstens, deine Rechte zu kennen und zweitens, die Sprache der Einheimischen zu lernen. Du musst nicht deine Hautfarbe ändern, du musst die Menschen mit einer klaren, einwandfreien Sprache überraschen. Das hilft dir, ein richtig starkes Selbstbewusstsein aufzubauen und hoffentlich auf Augenhöhe behandelt zu werden. Meistens öffnet es auch ihre Herzen und später im Berufsleben öffnet es Türen.

1

Kenia – wenn ich an meine Heimat zurückdenke, dann erscheinen vor mir die Bilder von imposanten Baobabbäumen, schlanken Kokospalmen, kräftig grünen Jambulbäumen mit ihren weitverzweigten, ausladenden Kronen. Ich sehe das leuchtende Blau des Indischen Ozeans, das perfekte Weiß des Sandstrands, das Gelb der Savanne. Ich höre das Rascheln der sonnenverbrannten Gräser und weiß, wie der Wind sich anfühlt, wenn er die Regenzeit ankündigt. Und doch sollte ich all das später freiwillig zurücklassen, für eine vermeintlich bessere Zukunft?

Kenia ist ein mehrsprachiges Land in Ostafrika. Es besteht aus mehr als zweiundvierzig ethnischen Gruppen, von denen jede ihre eigenen einzigartigen Werte, Fähigkeiten, kulturellen Praktiken und ihre eigene Sprache hat. Die indigenen Stämme Kenias sind vielfältig, fleißig und warm. Die Kenianer achten nicht auf deine Hautfarbe und Herkunft, sie behandeln einander und Jeden mit Respekt.

* * *

Meine Eltern kommen beide ursprünglich aus der Provinz Nyanza, genauer gesagt aus Ugenya und Alego, in Siaya County. Sie gehören zum Stamm der Luos. Die Luos sind nach den Kikuyus, Luhyas und Kalenjin die viertgrößte ethnische Volksgruppe Kenias.

Als ich das Licht der Welt erblickte, gaben mir meine Eltern den Namen «Akoth». Akoth bedeutet, dass ich an einem Regentag geboren wurde. Für den Stamm der Luos symbolisiert der Regen «Segen». Ein Kind nach einem Naturereignis, nach seinen Vorfahren oder sogar nach einer Tageszeit zu benennen, ist in der Kultur der Luos nicht unüblich. Ich erinnere mich noch an Erzählungen meiner Mutter, in denen unsere Dorfältesten in Dürrephasen unter einen vermeintlich heiligen Baum gingen. Dort angekommen opferten sie Schafe an ihre Götter und beteten für den Regen. Wenn der Regen endlich kam, glaubten sie, dass ihre Gebete erhört wurden. Ansonsten galt Dürre in ihrem Glauben als Fluch.

* * *

Vater war ungefähr vierzehn Jahre alt, als seine Eltern starben. Von da an musste er allein zusehen, wie er sein Leben meistert und war für sich selbst verantwortlich. Er hatte zwar ältere Geschwister, aber keiner kümmerte sich wirklich um ihn. Irgendwann beschloss er von zu Hause wegzugehen, um sein Glück woanders zu finden. Das Schicksal brachte ihn in das achtzig Kilometer entfernte Kericho, eine Stadt südöstlich von Kisumu. Nur einen kleinen Teller und ein paar Pfennige, die seine Mutter ihm vor ihrem Tod übergeben hatte, nahm er mit. Das war sein einziges Erbe.

In den ländlichen Gebieten Kenias herrschte ganz früher noch der Tauschhandel als vertraute Form des Handels, und so konnten die Kenianer ziemlich lange ohne Geld auskommen. Nachdem Geld als Zahlungsmittel eingeführt wurde, wussten viele Analphabeten noch kaum, dass es auch Banken gibt. Auch meine Großmutter nicht. Sie hatte ihr eigenes Banksystem entwickelt.

In ihrem typisch traditionellen Luo-Lehmhaus, das sie selbst mit Kuhdung als Bodenbelag ausgestattet hatte, fand sie eine geheime Stelle unter ihrem Bett, grub dort ein Loch und versteckte hier die Ersparnisse für jedes ihrer Kinder. Jedes Mal, wenn sie das Loch öffnete, musste sie es danach erneut mit frischem Kuhdung pflastern.

* * *

Vater war in Kericho angekommen. Sofort ging er von einem Haus zum nächsten und begann um einen Job zu betteln. Ihm war es egal, ob er als «Ziegen- oder Kuhaufpasser» arbeiten sollte oder auch als Feldarbeiter. Irgendwann hörte er, dass Afrika-Missionare junge Leute suchen. Sie sollten den Menschen in Afrika die Botschaft Jesu überbringen und sie für Christus gewinnen. Vater war von dieser Idee begeistert und ging zur Missionsstation. Dazu muss man wissen, dass die Kolonialmächte seit 1878 auch Missionsstationen in Ostafrika errichtet hatten. Die Missionare wollten die Menschen Afrikas nicht dem Schicksal überlassen, Spielball von Politikern, Forschern, Geschäftsleuten und Soldaten zu sein oder zu werden. Vater ging also zur Missionsstation, lernte dort schreiben und lesen und erfüllte die ihm übertragenen Aufgaben.

* * *

Vater erfuhr zu dieser Zeit von seinem Onkel O-luoch, dass an der kenianischen Nordküste der Fischhandel boomt. Er beschloss, dorthin zu reisen. «Erst mal werde ich meinen Freund Owino fragen, ob er mir vorübergehend eine Übernachtungsmöglichkeit anbieten kann, und wenn alles gut läuft, werde ich mir mein eigenes Reich suchen», dachte sich Vater.

Als er bei seinem Freund Owino in Mnarani ankam, konnte dieser ihm tatsächlich ein Dach über dem Kopf anbieten. Aber Vaters Traum vom schnellen Handel mit Fisch ging auch nach den ersten Monaten nicht in Erfüllung. Von seinem ersparten Geld blieb nicht mehr viel übrig. So beschloss er, sich einen neuen Job zu suchen und arbeitete bald als Feldarbeiter auf einer Sisalplantage eines englischen Farmers namens Walson. Je mehr Flächen man dort abgearbeitet hatte, desto höher war der Lohn, aber es blieb ein Hungerlohn – für eine harte Arbeit unter der heißen Sonne.

Irgendwann lernte er Mutter kennen und es dauerte nicht lange, bis sie heirateten. Sie waren das erste Paar, das in der St. Patricks Catholic Church Kilifi geheiratet hat. Wie alt meine Eltern genau sind, wissen wir gar nicht, aber Mutter kann höchstens siebzehn Jahre alt gewesen sein, als meine älteste Schwester Masai zur Welt kam.

Ihre Ausweispapiere hatte man im kenianischen Standesamt Ihrem Wunsch nach erstellt.

«Wieviel willst du?», fragte damals der Standesbeamte Mutter.

«Ach, schreiben Sie 1946 drauf», entschied sie.

«Tag?», wollte er noch wissen

«Suchen Sie sich irgendeinen aus», antwortete Mutter, und er tat es.

2

Ich hatte eine glückliche Kindheit! Obwohl sie aus heutiger Sicht und insbesondere im Vergleich mit der meiner eigenen Kinder nicht leicht war. Als Sechste von neun, eigentlich Achte von elf Geschwistern – zwei Schwestern sind schon vor meiner Geburt gestorben – bin ich an der Ostküste Kenias, in Mnarani, einem kleinen Dorf im Landkreis Kilifi, aufgewachsen.

In meinen Augen war Mnarani eines der schönsten Dörfer Kenias, vielleicht sogar das allerschönste. Ich konnte mich nicht satt sehen, wenn bei Sonnenauf- oder -untergang die Strahlen durch die hohen Wipfel der Kokospalmen, durch die riesigen Kronen der Baobab Bäume, durch die immergrünen Blätter der Cashewbäume schienen, das Laub der Jambulbäume glitzerte und Landschaft und Dorf in ein ganz besonderes Licht tauchten. Und dazu das vielfältige Vogelgezwitscher rund um den Mnarani Creek. Meine Eltern, die sehr gläubig waren, erinnerten uns oft daran, dass wir dankbar für das Leben sein sollten, das Gott uns geschenkt hat und für all das, was wir hier erleben dürfen. Mnarani war auch noch aus anderen Gründen für mich das schönste Dorf: Da ist der weiße Strand des Indischen Ozeans, da sind die historischen Mnarani Ruins und dann gab es damals noch eine Fähre als einzige Verbindung zwischen Kilifi Town und Mnarani.

Es war ständig heiß in Mnarani. An manchen Tagen herrschten Temperaturen bis zu vierzig Grad Celsius, aber die erfrischende Brise vom Indischen Ozean machte die Hitze nicht nur erträglich, sondern durchaus angenehm. Ich kann mich noch gut erinnern, dass wir Kinder uns an Wochenenden von zu Hause wegschlichen, zum Strand liefen und ins kühle Wasser sprangen.

Manchmal haben wir es sogar gewagt, den ganzen Tag dort zu bleiben, obwohl wir wussten, dass es Ärger mit unseren Eltern geben würde, sobald wir zurückkamen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass sie uns zur Warnung, die Geschichte von der «wunderschönen Mammy Water» erzählten, die im Meer lebe. Von Zeit zu Zeit komme sie aus dem tiefen Meer an den Strand, sei wunderschön gekleidet und sehr lieb zu den Kindern.

Das alles sei nur eine List, um die Kinder ins tiefe Meer zu locken und für immer mitzunehmen. Wenn wir hörten, dass ein Kind im Meer ertrunken war, was gar nicht selten vorkam, waren wir sicher, dass «Mammy Water» dieses Kind geholt hatte. Wir bekamen mächtig Angst. Trotzdem gingen wir immer wieder zum Strand, auch wenn wir wussten, dass Mutter nicht amüsiert sein würde. Oft prüfte sie unsere Haut auf den Geschmack von Meeressalz, nachdem wir nach Hause kamen. Wenn Ihre Vermutung zutraf, gab es mächtigen Ärger.

* * *

Früher war Mnarani ein richtiges Buschdorf und wurde überwiegend von den «The Mijikenda Tribes of Kenya» bewohnt. «Mijikenda» bedeutet «Neun Volksgruppen». Diese Stämme sprachen zwar fast dieselbe Sprache, hatten aber unterschiedliche Dialekte. Sie waren meist mit Lendenschurzen bekleidet, ernährten sich von der kargen Landwirtschaft, der Fischerei und der Jagd. Für andere Völkergruppen Kenias, wie zum Beispiel die Luos, Kikuyus, Kambas und Maasais, war Mnarani damals noch uninteressant. Das änderte sich erst, als die britische Familie Walson während der Kolonialzeit Mnarani für sich entdeckte.

Die Familie besaß viel Land und gründete dort die Firma Kilifi Plantations Ltd.

Neben etlichen Sisalplantagen betrieb sie auch die Milchwirtschaft und schaffte somit viele Arbeitsplätze. Nicht nur die meisten Dorfbewohner arbeiteten für Kilifi Plantations, die Firma zog auch Angehörige anderer Volksgruppen – so wie meine Eltern – zum Arbeiten nach Mnarani. Zu meiner Jugendzeit herrschte ein harmonisches Miteinander, trotz der unterschiedlichen Religionen und Kulturen, und das war durchaus bereichernd für das Zusammenleben.

* * *

In meiner Familie wurden die Hausarbeiten auf alle Familienmitglieder aufgeteilt. Jedes Kind musste zusehen, dass es seine Haushaltspflichten zeitnah erledigte. Es konnte passieren, dass Mutter mir irgendeinen Auftrag gab, ich nicht richtig hinhörte und einfach wegrannte, um mit Nachbarskindern zu spielen. Den Auftrag hatte ich dabei natürlich komplett vergessen und er fiel mir erst wieder ein, nachdem ich vom Spielen zurückkam. Ich bekam den Hintern versohlt. Sobald ich aber den Auftrag mit schmerzendem Hintern erledigt hatte, war alles wieder gut. Mutter war nie nachtragend. Das machte sie für mich zur besten Mutter der Welt.

* * *

Einmal erhielt ich die Aufgabe das Kunststoffgeschirr abzuspülen. Ohne Spülmittel und heißes Wasser war das schwierig. Eine langwierige Arbeit, wenn man bedenkt, dass man erst noch Feuer machen musste. Ich hatte darauf keine Lust und flüchtete durchs Gebüsch zu meiner Freundin. Allerdings hatte ich nicht mit der im Gestrüpp versteckten Schlange gerechnet und erschrak fast zu Tode, als ich auf sie trat. Ich rannte um mein Leben zurück zu Mutter, fiel ihr in die Arme und entschuldigte mich, dass ich weggelaufen war. Von der Schlange habe ich ihr bis heute nicht erzählt. Das Gefühl von der Schlange unter meinem nackten Fuß werde ich nie vergessen.

* * *

Eines Nachmittags schickte mich meine Mutter los, um Feuerholz zu sammeln. Ziellos lief ich durch die Gegend: kein trockenes Holz auf dem Boden weit und breit. Ab und zu schaute ich auch in die Bäume hinauf und entdeckte tatsächlich an einem Niembaum einige trockene Äste. Die Freude war groß und ich entschloss mich, auf den Baum zu klettern.

Die ersten beiden Äste hatte ich schon abgebrochen und drehte mich zum dritten um, als ich mich Auge in Auge einer langen grünen Schlange gegenübersah, die zwischen Blättern auf einem Ast lag. Bewegungslos starrte sie mich an, und ich war für einen Moment wie gelähmt. Regungslos stand ich im Baum. Die Schlange und ich blickten uns an. Ihr Hals war etwas geschwollen, vermutlich hatte ich sie beim Fressen gestört. Plötzlich spürte ich einen Schubs von hinten, und ich fiel vom Baum und zu Boden. So schnell ich konnte, sprang ich auf, griff nach meinen beiden Ästen und lief eilig nach Hause. Wieder hatte ich einen Schutzengel bei mir.

* * *

Der Fernseher ist heute für viele Menschen so alltäglich wie Essen und Trinken und als gebräuchliches Informationsmedium kaum noch wegzudenken. In den Neunzigern diente die kleine Schwarz-Weiß-Kiste in meinem Dorf als Statussymbol. Wer sie besaß, durfte sie auch seinen Besuchern stolz präsentieren. Im Dorf gab es einige Fernsehbesitzer, deren Kinder mir von interessanten Sendungen erzählten. Ebenfalls in den Neunzigern wurde die kenianische Serie «Tausi» «Pfau» über den kenianischen Sender KBC TV zum ersten Mal ausgestrahlt. Es war eine Geschichte über das Leben und die Liebe, ein Drama, das die Fernsehzuschauer völlig in den Bann zog.

Als Teenager hätte ich vor Neid platzen können, wann immer mir «die Kinder der Reichen» von den Staffeln dieser Serie erzählten. Einmal bekam ich Lust, einem der Fernsehzuschauer einen unerwarteten Besuch abzustatten. Also, an einem späten Nachmittag ignorierte ich mal wieder meine Pflichten daheim und machte mich heimlich auf den Weg dorthin. Für etwa fünf Minuten wurde ich in dem Haus willkommen geheißen. Ich fühlte mich wohl und war sehr gespannt auf den Beginn der Sendung, aber ich wusste nicht, dass meine Freude nur von kurzer Dauer sein würde. Kurz vor Sendungsbeginn wurde ich von den Erwachsenen rausgeschickt. Dann schlossen sie die Tür hinter sich. Noch stand ich enttäuscht vor dem Haus, als mir das Fenster zum Wohnzimmer auffiel.

«Etwas Hoffnung gibt es doch noch», dachte ich mir. Ich lief zum Fenster und positionierte mich so, dass ich alles mitverfolgen konnte. Aber es gelang mir nur bis zur Mitte der Serie, dann hat mich der Hausbesitzer entdeckt. Er war ein kleiner Araber mit kräftiger Statur. Ich spürte plötzlich einen schmerzhaften Schlag auf meinen Rücken. Ich erschrak so sehr, dass ich nicht mal weinen konnte.

«Nie wieder darfst du dich hier hinstellen, kapiert?», sagte er wütend, während er einen Stock in der Hand schwang.

Ich bekam keinen Ton mehr raus und fühlte, wie große Tränen mir über das Gesicht rollten. Ich entfernte mich mit langsamen Schritten. Wieder traute ich mich nicht, Mutter davon zu erzählen, denn die Antwort kannte ich schon: «Selbst schuld!»

* * *

Ein gebranntes Kind scheut normalerweise das Feuer, aber bei mir schien es so, als hätte ich meine Lektion mit Feuerholzsuchen auf Bäumen und in Gebüschen nicht gelernt.

An einem warmen Samstagnachmittag passierte etwas Schreckliches. Ich war zwölf Jahre alt. Meine zwei Jahre ältere Schwester LaWino, zwei Freundinnen - Akinyi und Medi - und ich waren zum Feuerholzholen verabredet. Also verließen wir im Licht der Morgensonne unser Zuhause, um das ungefähr acht Kilometer entfernte Gebüsch vor zwölf Uhr Mittag zu erreichen. Auf der Forststraße, die uns zu unserem Ziel führte, sangen wir freudig und tanzten miteinander.

Es wurde dabei geblödelt, geschubst und einfach so zum Spaß gerannt. Als wir endlich unser Ziel erreichten, ging es sofort los mit der Holzsucherei, und die Freude war groß, als wir nach nur wenigen Minuten genügend Brennholz gesammelt hatten. Wir bündelten das Holz in vier Portionen, trugen es mithilfe eines auf dem Kopf gewickelten Tuchs und machten uns wieder auf den Weg nach

Hause.

«Ich brauche eine klitzekleine Pause. Das Holz wird immer schwerer und mein Kopf tut langsam weh», hörten wir Medi sagen.

«Ich brauche auch eine kleine Pause. Es ist wirklich sehr anstrengend», fügte ich hinzu.

«An der Kreuzung gibt es den schönen Niembaum. Könnt ihr noch ungefähr dreihundert Meter durchhalten? Der Baum wirft einen großen Schatten. Es wäre schön, wenn wir dort Pause machen würden», erwiderte Akinyi.

«Ja, einverstanden», antworteten LaWino, Medi und ich wie in einem Chor.

Medi war ein wunderhübsches Mädchen und mit ihren zehn Jahren war sie die Jüngste von uns allen. Sie hatte eine schöne hellbraune, geschmeidige Haut, um die sie alle Kinder beneideten.

Wäre da nicht das krause Haar gewesen, hätte man sie mit einer Araberin verwechseln können.

* * *

Mittlerweile hatten wir unseren lang ersehnten Pausenplatz erreicht und saßen gemütlich unter dem Baum. Alle waren müde, genossen die einzigartige Ruhe und redeten dabei kaum etwas miteinander. Ich legte mich mit dem Rücken auf den Boden und verwendete dabei mein Feuerholz als Kissen. Meine Beine waren übereinandergeschlagen. Ich schaute in den Himmel und fragte mich, ob ich diese Art von Arbeit mein Leben lang machen müsse und was aus meinem Leben werden würde. Ich bekam keine Antwort und vertrieb den Gedanken schleunigst aus dem Kopf. Dann schloss ich meine Augen und versuchte den Augenblick zu genießen, machte sie aber Sekunden später aus irgendeinem unerklärlichen Grund wieder auf. Ich drehte meinen Kopf zu Medi, die friedlich rechts neben mir lag. Ich war irgendwie sehr zufrieden, als ich feststellte, dass sie eingeschlafen war. Akinyi, LaWino und ich waren uns einig, dass der Schlaf unserem Küken absolut guttue. Die Welt stand für einen Moment still, dann brach LaWino das Schweigen:

«Ich bin froh, wenn wir wieder zu Hause bei unseren Eltern sind».

«Ja, ich auch. Ich denke, unsere Eltern werden sich freuen, wenn sie das Feuerholz sehen», antwortete Akinyi, und ich konnte vor Müdigkeit nur noch nicken. Plötzlich hörten wir einen lauten Schrei. Wir erschraken und drehten uns in Medis Richtung um.

«Was hast du, was ist los? », fragte LaWino.

«Etwas hat mich am Bein gebissen und es fühlt sich sehr schmerzhaft an. Bitte helft mir!»

Wie aus dem Nichts sprangen wir auf der Stelle auf und eilten zu Medi. Akinyi ging in die Knie und schaute sich Medis rechtes Bein genauer an. Wir konnten ihr den Schock anmerken.

«Oh mein Gott. Ich glaube, sie ist von einer Schlange gebissen worden». Für einen Augenblick wurde es still und wir schauten uns alle an.

«Bitte tut etwas, irgendetwas, ich will nicht sterben», flehte uns Medi an und legte sich langsam flach auf den Boden.

«Scheiße, was machen wir jetzt?», fragte ich panisch.

LaWino und Akinyi standen auf. Sie liefen verzweifelt hin und her. Bei mir saß der Schock so tief, dass ich meinen Körper nicht mehr bewegen konnte. Nur mit den Augen konnte ich das Geschehen um mich herum wahrnehmen. Von uns dreien schien Akinyi die Einzige zu sein, die noch handlungsfähig war. Sie stand auf und suchte hektisch mit einem Stock in der Hand nach der Schlange, aber sie war bereits spurlos verschwunden. Dann rannte sie zurück zu Medi, die inzwischen die ersten Lähmungserscheinungen hatte. Sie setzte sich zu ihr und hielt hilflos ihren Kopf in ihrem Schoss.

Erst als sie «Tüte!» schrie, erschrak ich und erwachte aus meinem Trancezustand.

LaWino eilte hastig zu einer Plastiktüte, die im Gras lag und brachte sie Akinyi. Blitzartig riss Akinyi die Tüte auf und gab sie LaWino zurück.

«Schnell, binde sie so fest wie du kannst um Medis Wade», kommandierte sie, drehte sich zu Medi und versuchte, sie zu beruhigen:

«Damit sich das Gift nicht so schnell in deinem Körper verbreiten kann. Du wirst sehen, alles wird gut». Dann ließ sie Medis Kopf langsam auf den Boden sinken und stand auf.

«Medi, hör mal, ich werde dich jetzt langsam auf dem Rücken tragen und bringe dich nach Hause zu deiner Mama, okay?» und Medi blinzelte ihr zu. Wir ließen das Brennholz liegen und machten uns auf den Weg zu Medis Haus. Kurz bevor wir ankamen, übernahm LaWino das Tragen. Akinyi und ich liefen hinterher. Als wir Medis Haus erreichten, waren wir sehr enttäuscht. Medis Mutter war nicht zu Hause.

«Sie ist nicht da. Sie wollte heute zwar nicht arbeiten gehen, aber sie entschied sich, doch hinzugehen», berichtete uns ein Nachbar.

Wir erzählten, was geschehen war. Er übernahm Medis Fall und wir mussten, ohne helfen zu können, zuschauen, wie Medi gegen sechszehn Uhr immer schwächer wurde.

«Akinyi, bitte leg mich in mein Bett. Ich bin müde», bat Medi. Akinyi tat dies vorsichtig und Medi bedankte sich mit einem Lächeln. Dann schaute sie uns an und machte die Augen zu. Sie ist nie wieder aufgewacht.

Die Qualen der Schuldgefühle und Selbstvorwürfe überfielen uns. Schrecklich fühlten wir uns, auch weil wir wussten, dass Medis Mutter nun jede Minute von der Arbeit nach Hause kommen könnte. «Wie sollen wir jetzt Medis Mutter erklären, dass ihr einziges, geliebtes Kind nicht mehr lebt?», stellte uns LaWino die Frage, auf die wir keine Antwort hatten. Plötzlich hörten wir die Schreie einer Frau. Als die Stimme immer näherkam, zuckten wir zusammen. Es war Medis Mutter. Irgendjemand musste ihr bereits von der Tragödie berichtet haben. Als sie den leblosen Körper ihrer Tochter sah, ist sie auf der Stelle zusammengebrochen. Medi wurde ein paar Tage später beerdigt. Uns hat dieses schreckliche Erlebnis nie wieder losgelassen.

3

Wir wohnten in einer Lehmhütte. Lehmhütten wurden selbst gebaut. Im Laufe der Zeit haben wir mehrere auf unserem Grundstück errichtet. Das war sehr anstrengend. Wir Kinder hatten keineswegs immer Spaß am Hausbau, aber wenn die Lehmhütte stand, waren wir doch sehr stolz auf das Ergebnis.

Der Bau eines neuen Hauses begann mit der Suche nach geeignetem Baumaterial. Bereits im Morgengrauen brachen wir mit den Eltern auf in den Busch, «bewaffnet» mit Macheten und Messern. Dort suchten wir nach geeigneten Pfosten für die Eckpfeiler des geplanten Hauses, die dann mit Lianen zusammengebündelt und nach Hause geschleppt wurden.

Am nächsten Tag ging es mit den Bauarbeiten los. Wir gruben Löcher in den Boden – dreißig Zentimeter tief mit etwa zwanzig Zentimeter Durchmesser –, in denen Eckpfeiler versenkt und stabilisiert wurden. Diese Eckpfeiler wurden mit dünnen Ästen verbunden und mit Blättern der Sisal-Agave fixiert. Die Pfeiler bildeten das Gerüst für die Wände. Zuletzt wurde das Dach mit Palmblättern gedeckt. Am darauffolgenden Tag mussten wir auf unserem Grundstück Lehm ausbuddeln. Wir gruben ein Riesenloch, um genügend Lehm zu bekommen, vermischten diesen mit Regenwasser und befüllten damit die «Wände» unseres Hauses. Wenn die Arbeit nach wenigen Tagen abgeschlossen war und das Haus stand, waren wir glücklich und zufrieden. Nun dauerte es noch ein paar Tage, bis der Lehm getrocknet war, und wir konnten in unser neues Zuhause einziehen.

Gekocht wurde vor dem Haus am offenen Feuer. Im Haus gab es weder fließendes Wasser noch Strom. Für die Nacht hatten wir zwei aus Konservendosen gebastelte Kerosinlampen. Um immer genügend Wasser im Haus zu haben, mussten meine Eltern oft viele Kilometer zur nächsten Wasserstelle gehen und dann das lebenswichtige Nass in Plastikkanistern auf dem Kopf zurücktragen. Später wurden auch wir Kinder gelegentlich auf «Wassertour» geschickt und waren total stolz, wenn wir mit dem kostbaren Wasser wieder heil daheim angekommen waren. Manchmal war dann schon am anderen Morgen alles Wasser verbraucht, dann ging es noch vor der Schule hinaus aufs Feld, und Gesicht und Füße wurden mit Morgentau gewaschen.

* * *

Unsere Lehmhütten standen auf einem sehr großen Grundstück, auf dem wir Kinder herrlich spielen und abends beim Mondlicht mit Nachbarskindern trommeln und singen konnten. Das Grundstück bot auch noch viel Platz für unsere zwanzig Ziegen. Neben einem Fahrrad und einem Radio waren die Ziegen Vaters Heiligtum. Mittlerweile arbeitete Vater als Postbote bei der Kreisverwaltung in Kilifi. Wenn er abends nach Hause kam, ging er direkt zu seinen Ziegen, um sich zu überzeugen, dass auch ja keine fehlte. Danach ließ er sich von einem seiner Kinder eine mittelgroße Plastikwanne mit Wasser in das Badezimmer tragen, ehe er sich waschen ging. Das Badezimmer war eine kleine kreisförmige Waschstelle, die nur mit Palmenblättern als Sichtschutz bedeckt war. Das Zimmer war für unsere Gäste etwas abenteuerlich. Es hatte kein Dach und irgendwie machte es uns Kindern einen riesen Spaß, sich «unter freiem Himmel» zu waschen. Je nach Jahreszeit, zum Beispiel in der Regenzeit, lauerten Igel, Frösche oder Tausendfüßer ums Bad herum. Nicht selten kam es vor, dass ein Badender vor Schreck mit geseiftem Körper schreiend aus dem Badezimmer rannte, weil ihm ein Insekt oder ein anderes Tier über die Füße gekrabbelt war.

* * *