Aufgeben war NIE mein Ding - July Paul - E-Book

Aufgeben war NIE mein Ding E-Book

July Paul

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Beschreibung

Lebe deinen Traum! Das ist die Quintessenz dieser Autobiografie. July Paul führt durch die bunte Gebirgslandschaft seines Lebenswegs von München nach Kärnten: Hinauf auf die Gipfel des Erfolgs, hinunter in die Schluchten des Scheiterns, über manchen Irrweg und manch sonnige Höhe bis ans Ufer des strahlend blauen Wörthersees - stets begleitet von seinen Liedern. Seine Erzählung vom ewigen Kampf zwischen künstlerischem Anspruch, materiellen Notwendigkeiten und Sehnsucht nach Familienglück gewährt tiefe Einblicke in die Seele eines Musikers.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 706

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Der Brief eines alten Freundes an meinen Vater, den ich zwanzig Jahre nach dessen Tod erhalten hatte, berührte mich tief. Ich las die Zeilen immer und immer wieder. Diese liebevoll beschriebenen Details erweckten in mir urplötzlich Erinnerungen und sentimentale Gefühle. Sie ließen ganze Bildbände durch meinen Kopf laufen. Bilder, die ich schon längst vergessen geglaubt hatte. Es war, als hätte ich auf dem Dachboden unter einem Haufen Staub und Dreck ein verschollenes Fotoalbum wiederentdeckt.

Von nun an wollte ich diese Erinnerungen nicht mehr verlieren, ich war fest entschlossen, sie festzuhalten. So begann ich, diese „Kopf-Bilder“ aufzuschreiben.

Nachdem die Zettelwirtschaft mit meinem wild dahingeschriebenen Gekritzel immer unübersichtlicher wurde, begann ich diese Notizen wie ein Puzzle zusammenzusetzen, um damit meine eigene Lebensgeschichte zu erzählen …

Aufgeben war NIE mein Ding

Die bewegende Lebensgeschichte eines Musikers

von July Paul

Persönliche Anmerkung des Autors:

Die Erzählung meiner Lebensgeschichte besteht aus wahren Begebenheiten. Ich habe versucht, in meinen Erinnerungen nichts zu verschönern oder anders dazustellen, als es sich tatsächlich ereignet hat. Sollte ich eventuell den Namen einer Person verwechselt haben, bitte ich dies zu entschuldigen. Ebenso entschuldige ich mich dafür, falls ich Personen zu erwähnen vergessen haben sollte oder sie nicht ausreichend dargestellt habe.

Auch falls ich mich bei einem Datum getäuscht oder ein Ereignis etwas anders gesehen haben sollte, als jemand anderer das in Erinnerung hat, bitte ich höflich, mir dies nachzusehen.

Alle abgedruckten Songtexte stammen von mir (ausgenommen: „Das hab‘ ich in Paris gelernt“)

1. Neuauflage

© 2019 July Paul

Umschlag, Illustration: Bettina Potokar

Foto Cover: Peter Just

Fotos innen: Privatarchiv July Paul

Lektorat: Renate Dienersberger, Sylvia Englert

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

978-3-7482-4993-1 (Hardcover)

978-3-7482-4994-8 (e-Book)

Printed in Germany

Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – Undosa-Bad

Kapitel 2 – Nomen est omen

Kapitel 3 – Untergiesing

Kapitel 4 – Das saublöde Fleischpflanzl

Kapitel 5 – Das hab‘ ich in Paris gelernt

Kapitel 6 – Schule! Nicht mein Ding

Kapitel 7 – Jetzt is’s wieder da

Kapitel 8 – Mein roter „Starfighter“

Kapitel 9 – Nie wieder Schule

Kapitel 10 – Möchten Sie Mosel oder lieber einen Rhein?

Kapitel 11 – Das Rinderfilet in der Schuhtasche

Kapitel 12 – Der „fliegende“ Fußballtrainer

Kapitel 13 – Bands, Bands, Bands

Kapitel 14 – Der Hippie-Bus

Kapitel 15 – Große Veränderungen

Kapitel 16 – Der abgeschleppte Kugelfisch

Kapitel 17 – Aufgeben war NIE mein Ding

Kapitel 18 – Das „wonder“-volle Autogramm

Kapitel 19 – Viva La Mamma

Kapitel 20 – Toupet or not Toupet

Kapitel 21 – Einen wunderschönen guten Abend

Kapitel 22 – We Are The Champions

Kapitel 23 – Und ewig winken die Leute

Kapitel 24 – Schrei wenn du kannst

Kapitel 25 – Liebe auf den zweiten Anruf

Kapitel 26 – Das konnte ich ja nicht ahnen

Kapitel 27 – Und nichts ist mehr so, wie es mal war

Kapitel 28 – Vom Regen in die Traufe 3

Kapitel 29 – Chronologie des Schreckens

Kapitel 30 – Der zerrissene Zehnmarkschein

Kapitel 31 – Das Sepp-Tember-Comeback

Kapitel 32 – Jedes Ende ist auch ein neuer Anfang

Kapitel 33 – Ich find’ dich scheiße

Kapitel 34 – The Show Must Go On

Kapitel 35 – Die Ratte, die aus dem Klo sprang

Kapitel 36 – Der Herrgott nahm‘s wörtlich

Kapitel 37 – Hüttenzauber

Kapitel 38 – Kaiserschmarrn goes Pop

Kapitel 39 – Wundersame Vermehrung

Kapitel 40 – Mögen sie in Frieden ruhen

Kapitel 41 – Süßer die Glocken nie schmerzen

Kapitel 42 – Es ist mein Sohn – es ist meine Tochter

Kapitel 43 – Wie eine Maus meinen Computer rettete

Kapitel 44 – Leichte Musik

Kapitel 45 – Völlig down in Down Under

Kapitel 46 – Gottvertrauen

Nachwort

July Paul Tonträger-Katalog

Ein herzliches Dankeschön

Vorwort

Mein Name ist Paul. July Paul. Keine Angst, ich bin weder Geheim- noch Musikagent oder sonst irgendein mysteriöser Typ. Ich bin Musiker und eher so etwas wie ein Chamäleon. Immer wieder musste ich mich im Laufe meines Lebens aufs Neue an veränderte Situationen und Umgebungen anpassen, und das meist musizierend. Man könnte also sagen, ich bin ein Chamäleon mit der Lizenz zum Singen. Na gut! Die Lizenz habe ich mir selbst verpasst, und zwar zu jenem Zeitpunkt, zu dem ich mich entschloss, Sänger zu werden – und da war ich gerade mal fünf Jahre alt.

Hätte mir später als Vierzehnjähriger – also im „Summer Of 69“ – irgendein Mensch gesagt,

… dass sich der Traum des fünfjährigen Jungen tatsächlich erfüllen würde – und durch welche Höhen und Tiefen ein solcher Traum führen kann,

… dass ich als waschechter heimatverbundener Bayer eines Tages nach Österreich auswandern würde,

… dass mir Menschen persönlich begegnen würden, deren Gesichter die Hochglanzmagazine und Fernsehbildschirme zierten,

… dass ich im Rampenlicht großer Bühnen vor Fernsehkameras für ein Millionenpublikum singen würde,

… dass mit dem Lebensrhythmus eines Musikers so leicht kein Privatleben Schritt hält, so sehr man es auch möchte,

… dass das Leben mich sogar zum Unternehmer in Sachen Mode befördern würde,

… dass musikalisches Talent nicht selten mit einer gewissen Leichtgläubigkeit in finanziellen Dingen einhergeht und ich das Märchen vom Tellerwäscher zum Millionär deshalb quasi in umgekehrter Form erleben würde,

… dass ich trotz ewiger Geldsorgen ein wirklich reicher Mann würde.

Hätte mir also irgendjemand all das vorhergesagt, hätte ich ihm geglaubt? Ich denke nicht. Aber da die Quintessenz dieser Prophezeiung Musik gewesen wäre, hätte ich mir zumindest gewünscht, dass es wahr werde.

Kapitel 1 – Undosa-Bad

Es war Montag, der 2. August 2010. Die Sonne brannte schon um halb zehn Uhr morgens gnadenlos herunter, ich genoss unter dem großen roten Sonnenschirm unserer kleinen Gartenterrasse ein ausführliches Frühstück und biss herzhaft in meinen mit Marillenmarmelade bestrichenen Kornspitz. Endlich war er da, dieser freie Tag, auf den ich mich schon sehnlichst gefreut hatte. Nachdem ich mir den Bauch so richtig schön mit allen möglichen Leckereien vollgeschlagen hatte, ging ich in mein kleines Büro und checkte am Laptop meinen virtuellen Posteingang.

Zu meiner Überraschung fand ich folgende E-Mail vor:

Lieber July Paul!

Mein Vater Hans-Jürgen, genannt „McCee“ wegen seines Bürstenhaarschnitts, Schlagzeuger, Jahrgang 1937, geboren in München, wohnhaft in Gauting und Starnberg, hat mir eine Geschichte erzählt; er sagte, er habe mal in der Band Ihres Vaters gespielt, und bat mich, das „July Paul Quartett“ zu googeln … Ja, dann bin ich auf Sie gestoßen …

Lebt Ihr Vater noch? Würde er sich erinnern? Gibt es vielleicht noch Fotos aus der Zeit in München? Vielleicht habe ich hier auch eine falsche Spur, aber Papa würde es freuen …

Mit freundlichen Grüßen – Katja aus Köln

Da die Tochter von Hans-Jürgen anscheinend über das Internet meine Adresse ausfindig gemacht hatte und mir diese Nachricht zukommen ließ, schrieb ich ihr unmittelbar zurück und führte kurz darauf auch ein längeres Telefonat mit ihr. In diesem Gespräch erzählte ich ihr, dass mein Vater, July Paul senior, am 16. April 1990 im bayerischen Kötzting verstorben war, also bereits vor 20 Jahren. Etwas mehr als vier Monate danach lag in meinem Briefkasten ein dicker, seitenlanger Brief.

Für diese Zeilen bin ich dem Absender heute noch sehr dankbar:

Lieber July Paul!

Ende der Vierziger Jahre setzten sich die bislang in Oberbayern, also auch die in Starnberg stationierten Besatzer nach und nach ab und hinterließen durch die mit dem Abzug verbundene Schließung des deutsch-amerikanischen Jugendclubs ein gewisses Vakuum hinsichtlich jugendlicher Freizeitgestaltung.

Weil einigermaßen erschwinglich und für die Eltern selbst attraktiv und überschaubar bzw. kontrollierbar, wurde in den folgenden Jahren das vorher von den Amis okkupierte und ziemlich heruntergekommene Undosa-Bad mit seinem angeschlossenen gastronomischen Betrieb der neu entdeckte sommerliche Mittelpunkt von Freizeit und Ferien im gutbürgerlichen Starnberg.

Dort setzten wir Jugendliche im Alter von 15 oder 16 Jahren alles daran, dass alle Spiele mit möglichst vielen Teilnehmern stattfanden, sodass keiner der damals noch mehrheitlich männlichen Teenager ausgeschlossen war. So gab es z.B. nur eine einzige Tischtennisplatte, für die das Netz und die Schläger jeweils für eine Stunde beim Bademeister Krupicka gegen Gebühr entliehen werden konnte. Gespielt wurde dann meistens „Rundlauf“, dabei liefen alle Mitspieler rechts um den Tisch herum. Jeder hatte einen Schlag, man spielte zu sechst, zu acht, mehr Platz gab es kaum, je zwei Leute bildeten ein Team.

Wer das Glück hatte, deinen Vater zum Partner zu haben, war immer auf der Gewinnerseite. July senior war seinerzeit so um die 22 oder 23 Jahre alt, im Gegensatz zu uns Grischperln äußerst kräftig, ja athletisch beieinander, überragte uns um Haupteslänge und übertönte uns alle mit seiner lauten Stimme und seinem schallenden Lachen.

Braungebrannt waren wir, die wir jeden Tag eines Sommers im Bad verbrachten, zwar allesamt, aber dein Vater war immer der am dunkelsten Gebräunte. Wir verehrten ihn wohl deshalb so sehr, weil er eigentlich noch genau so kindlich und albern war wie wir. Zudem genoss er das absolute Vertrauen unserer Mütter, für die er mit seinen Mitmusikern nachmittags zum Tanztee im Freien aufspielte.

Das war ein äußerst seriöses und swingendes Trio, gelegentlich kam July mit einer seiner hervorragenden Armstrong-Nummern als Solist zum Zuge. Solche Einlagen wurden dann besonders von uns Buben bejubelt, schließlich sang da ja „unser Freund“, wenn auch nicht in der braunen Badehose, sondern in sorgfältig gepflegtem Anzug und gestärktem Hemd.

Nach dem Tanztee hatte das Trio Pause. An den Abenden des Wochenendes folgten dann üblicherweise noch die Dienste in der Bar, zu der wir Minderjährige naturgemäß keinen Zutritt, geschweige denn die mütterliche Erlaubnis erhielten, ganz abgesehen von der finanziellen Unmöglichkeit.

War beim nachmittäglichen Tanztee im Undosa-Restaurant Schluss, dann kam July gleich wieder ins Bad; meistens war dann ein äußerst geräuschvolles „Turm-Fangsterl“ angesagt, allen voran der July als Leittier und Oberspaßmacher.

Er hatte erfunden und eingeführt, dass der Verlierer eines „Fangsterls“ vor versammeltem Publikum hoch oben vom Sprungbrett lauthals völlig verdrehte Sprüche rufen, ja schreien musste. „Die heiße Abendzeitung, neue Würstel“, „Steckerleis am Jopa“, „Sechz’ger vor, noch ein Tor“, „Mei’ Mama is’ von Yokohama“ usw. Dein Papa, der ja Lampenfieber nicht kannte, war selbst als Verlierer stets der Sieger!

Irgendwann machte July eine Andeutung, dass er sich vom ersparten Geld ein Schlagzeug kaufen wollte, denn dies und nicht der Kontrabass sei eigentlich das von ihm zukünftig angestrebte und bevorzugte Instrument.

Dann kam eines Tages der Zeitlmann – genannt „Brummer“, weil der Bursche einen Stimmbruch hatte, der gar nicht mehr aufhören wollte – und berichtete von einem Drum-Set, das sich im alten katholischen Pfarrhaus befinde.

Nach langem und gutem Zureden erklärte sich dein Vater bereit, sich das Instrument anzuschauen. Das war ein traurig dreinblickendes Vorkriegsgerät, noch mit den sogenannten Rumba-Nüssen und am Schnürl hängenden Becken bestückt, das bereits bessere Tage gesehen hatte.

Während sich die jugendliche „Blosn“ – heute würde man sagen Fangemeinde – um ihn scharte, ergriff der July zwei völlig unterschiedlich starke Stöcke, wurde im Nu – mit vorgeschobenem Kinn und halb geschlossenen Augen – zum Spiegelbild von Gene Krupa und drosch auf die Basstrommel, die Snare und die Becken mit einem rasanten Solo ein, welches uns zu Begeisterungsstürmen hinriss.

Ab und zu kam dann auch Julys jüngerer Bruder Josef Paul nach Starnberg, mit dem ich mich gleich gut verstand. Der von July liebevoll Peppi genannte Bruder lud mich sogar mal nach München ein, um mir sein Tenorsaxophon zu zeigen. Der Peppi, damals um die achtzehn Jahre alt, nahm in diesen frühen Fünfzigern wohl schon Unterricht und spielte mir das Erlernte vor, während ich ihn dezent mit einer Kleiderbürste begleitete, die ich rhythmisch über den Einband des Münchner Telefonbuchs streichen ließ. Welches Glücksgefühl!

In der letzten Undosa-Saison, ich denke, es war 1952, zeigte sich dann zum ersten Mal eine schlanke und blonde Schöne im Schlepptau deines Vaters, das war ganz offensichtlich deine spätere Frau Mutter. Ich meine mich zu erinnern, dass ihr Erscheinen der ganzen Undosa-Gemeinde damals mächtig auf die Nerven ging.

Die Starnberger Gesellschaft oder wer sich auch immer dazu zählte, war im Grunde noch sehr provinziell ausgerichtet, konservativ trotz der Nähe zu München – wenn man dorthin musste, fuhr man „in d’Stadt“. Als Treffpunkt für Kriegswitwen, deren heiratsfähige und-lustige Töchter, Junggesellen und Sugar-Daddies war das Undosa die ideale Stätte zum Anbandeln und Pläne schmieden, zumal es an weiteren Balzplätzen fehlte.

Dass nun der von allen Generationen angehimmelte Musiker mit einer derart unangreifbar schönen Fremden „fremdging“, wurde folgerichtig als Enttäuschung empfunden. Weil July nun nicht mehr everybody’s darling sein konnte oder durfte und er selbst keine Zeit mehr für seine meist weiblichen Fans, aber auch nicht für Albernheiten mit uns hatte, gingen alle Beteiligten – vor allem, wenn die Schönheitskönigin zugegen war – auf eine mehr oder weniger spürbare, schmollende Distanz. Unser aller July Paul war plötzlich erwachsen geworden – und das unwiderruflich!

In Starnberg gibt es das Undosa-Bad schon lange nicht mehr, Ende der 70-iger wurde es so baufällig, dass es abgerissen werden musste. Das einst so renommierte Restaurant am See ist heute bei Weitem nicht mehr das, was es mal war. Die Erinnerungen bleiben hingegen wach.

Soweit mein Gedächtnisprotokoll zur Person des Julius Paul.

Nun hoffe ich sehr, dass ich Dir mit meinen Erinnerungen an Deinen Vater einen kleinen Eindruck aus der Zeit vermitteln konnte, in der er sich noch jungendlich ungebunden auf den ersten Teil der Wegstrecke begab, deren Fortsetzung du aktiv weiterverfolgen konntest. Bestimmt macht es dir Freude zu wissen, dass es heute noch – vor allem in Starnberg – eine Anzahl Zeitzeugen gibt, die die Erinnerung an den July hochhalten. Ich selbst verdanke Deinem Vater und seinem Bruder Josef die ambitionierte Verbundenheit zur Musik und die spätere Wahl meines Instruments sowie die Erfolge damit … und dies nur, weil dein Vater mal einige Sommermonate beruflich den Kontrabass zupfte und in seiner Freizeit zum Idol der Teenager und deren Mütter in einem öffentlichen Schwimmbad wurde.

Außer seinem angeboren Charme verfügte er unbestreitbar über eine weitere natürliche Veranlagung: Der Mann hatte einfach ein gewisses Charisma …

Mit lieben Grüßen – Hans-Jürgen (McCee)

Kapitel 2 – Nomen est omen

1954. Es war nicht das Jahr, in dem der Reißverschluss erfunden wurde. Obwohl das für mich bezeichnend gewesen wäre, da es in meinem späteren Leben auch unentwegt rauf und runter gehen sollte. Nein! Der wurde nämlich bereits 1913 erfunden. Es war sinnigerweise das Jahr, in dem Texas Instruments am 18. Oktober das erste Transistorradio der Welt vorgestellt hatte, um es zu einem Renner im kommenden Weihnachtsgeschäft zu machen.

Was immer sich damals meine Eltern vorgestellt hatten, als sie mich in Produktion gaben, weiß ich natürlich leider nicht. Allerdings wurde ich, im Gegensatz zum neu erfundenen Transistorradio, noch kein Renner im kommenden Weihnachtsgeschäft. Zum einen kam ich ja erst im darauffolgenden Jahr, am 6. März 1955 zur Welt, zum anderen dauerte es dann doch noch ein bisschen, bis ich rennen bzw. laufen konnte.

Es war ein Sonntag, an dem ich als Julius Michael Paul das Licht der Welt bzw. die OP-Lampen des Krankenhauses Dritter Orden im Münchner Stadtteil Nymphenburg erblickte. Später wurde ich allerdings das Gefühl nicht los, ich sei das einzige Montagskind, das je an einem Sonntag geboren wurde.

Mein Vater Julius Josef Paul, ebenfalls in München geboren, war zur Zeit meiner Geburt gerade mal 24 Jahre älter als ich. Er war Musiker, genauer gesagt Schlagzeuger, Sänger und Bandleader und „erstaunlicherweise“ hatte er, wie eben gerade erwähnt, den gleichen Vornamen wie ich – Julius.

Julius Senior war ein verdammt gutaussehender Sunnyboy. Einen Meter fünfundachtzig groß, breite Schultern, dunkle Haare, meist braungebrannt, mit durchtrainierter Six-Pack-Figur. Er hatte das Aussehen und das gewinnende Lächeln eines Hollywood-Schauspielers. Wo immer er auftauchte, schlugen ganze Horden blutjunger Frauenherzen schneller.

Julius verdiente schon als Kind und als Jugendlicher mit dem Akkordeonspiel sein erstes Geld, später lernte er Kontrabass. Seine Passion wurde dann aber einige Jahre später das Schlagzeug. Als singender Schlagzeuger spielte er bald schon bei den angesagtesten Jazzbands und trat mit ihnen des Öfteren auch in amerikanischen Clubs auf.

Zu dieser Zeit waren in vielen Teilen Deutschlands – und natürlich auch in Bayern – amerikanische Soldaten in riesigen US-Kasernen stationiert. Die Soldaten hörten gerne gute Musik und hatten dazu ihre eigenen Clubs. Die aufkommende Erfolgswelle von Swing und Rock’n‘Roll aus den USA war nicht mehr aufzuhalten und löste auch in den sogenannten Ami-Clubs einen Hype aus. In einem dieser besagten amerikanischen Clubs ereignete es sich dann, dass ein G.I. meinen Vater plötzlich mit der englisch ausgesprochenen Variante von Julius, Tschuli-us ansprach. Der Sound, wie dieser amerikanische Soldat das Wort Julius aussprach, gefiel meinem Vater dermaßen gut, dass er kurzerhand auf die Endung von Tschuli-us verzichtete und sich von da an einfach July, sprich Tschuli nannte. Diesen eigenwilligen Namen schrieb er mit einem Ypsilon am Ende, was eigentlich das englische Wort für den Monat Juli bedeutet.

Die Band, die er kurz danach gründete, nannte er „July Paul Quartett“, in Anlehnung an seine musikalischen Idole „The Four Freshman“. Von da an war sein Vorname Julius Vergangenheit, und der Musiker July war geboren.

July zog in den Jahren darauf mit seiner Band durch halb Europa und wurde, wo immer er musikalisch Station machte, von der Frauenwelt geradezu vergöttert.

Zu dieser Zeit kam es schon mal vor, dass er gleichzeitig zwei oder sogar drei Freundinnen hatte, und das manchmal an einem Tag. Junge hübsche Damen und vor allen Dingen „Blondes Gift“ waren sein Lebenselixier. So sammelte er bei seinen Musik-Engagements vom Wörthersee bis zur Ostsee, vom Bodensee bis Schweden, von Tirol bis Helgoland und weiß-der-Kuckuck wo noch überall unzählige amouröse Abenteuer, Fotos und Liebesbriefe. Andere Männer sammelten zu dieser Zeit vielleicht Briefmarken, Streichholzschachteln oder Bierdeckel, bei meinem Vater waren es eher Widmungen seiner weiblichen Fans, mit und ohne Lippenstift-Kussmund, auf dem Fell seiner Schlagzeug-Bassdrum.

Meine Mutter Elisabeth, mit dem Mädchennamen Stöckl, war knapp drei Jahre jünger als mein Vater. Sie wurde am 28. Dezember 1933 in Wiesbaden geboren. Ihre Kindheit verlief weiß Gott nicht gerade fröhlich, denn bereits mit drei oder vier Jahren schickte ihre Mutter sie nach Ostpreußen, wo sie auf einem Landgut ausharren musste, ehe sie nach ein oder zwei Jahren aus ihrem verhassten Exil wieder zurückkehren durfte – und zwar nach Regensburg, wo die Eltern mittlerweile wohnten. Eugen, ihr Vater war zwar ein echter Choleriker, aber auch Sozi. Das macht ihn im Nachhinein sogar wieder sympathisch und bewundernswert, denn er war ein aktiver Hitler-Hasser. Mit Zettel-Aktionen gegen den Führer brachte er sich oft in riskante Situationen.

Als Neunjährige zog meine Mutter mit ihren Eltern in das Münchner Stadtviertel Alte Heide, ganz in der Nähe von Schwabing. Im ersten Stock eines mehrstöckigen Wohnhauses mit dem Charme eines Kasernengebäudes – es hatte zahlreiche Wohnungen auf jeder Etage – fanden sie ihr neues Zuhause.

Wenn die dürre und groß gewachsene Elisabeth einmal in der Schule nicht richtig aufpasste und einen Satz falsch schrieb, musste sie diesen Satz für ihren lieben Papa einhundert Mal richtig aufschreiben – mit dem Kommentar von ihm, dass dies eine wichtige Lehrmaßnahme für sie sei, damit sie später nicht als „Straßenbahnritzenreinigerin“ arbeiten müsse. Eine zusätzliche beliebte Strafe war es auch, auf Holzscheiten zu knien, bis ihre schmalen und dünnen Knie voller Blutergüsse waren. Wenn sie keine Hausaufgaben machen musste, durfte sie „zur Belohnung“ auch schon mal Holz hacken, die Wohnung oder Papas Schuhe putzen und stets auf ihre beiden jüngeren Brüder Peter und Eugen aufpassen oder sie auf dem Fahrrad herumkutschieren.

Eugen? Schon wieder ein Eugen! Dieser Name muss damals ganz schön hip gewesen sein. Peter war der Jüngere und Eugen der Längere; genauer gesagt war Eugen als Erwachsener mehr als zweihundert Zentimeter groß.

Elisabeth, die Schlanke, war bereits als Achtzehnjährige eine bildschöne Frau. Blond, blaue Augen, einssiebenundsiebzig groß und ein begehrtes Fotomodell für zahlreiche Besitzer professioneller Fotokameras. Schon bald verdiente sie das erste Geld als Mannequin und war für internationale Modedesigner bei Modenschauen, Foto-Shootings und für unzählige Modeprospekte in ganz Europa unterwegs.

Auch bei allen möglichen Misswahlen sah man die schöne Münchnerin immer öfter; meist landete sie bei diesen Wettbewerben auf den vorderen Plätzen, und sie sammelte sogar jede Menge Schönheitstitel. Endlich verdiente sie ihr eigenes Geld und zog von Zuhause aus. Miss Mannequin, Miss Franken und sogar Miss Marilyn Monroe wurde sie, da sie auch der Hollywood-Ikone ein kleines bisschen ähnlichsah. All diese wohlklingenden Titel zierten Schärpen, die sich um ihre kurvenreiche Figur schmiegten. Bei der Wahl zur „Miss Bayern“ wurde sie Zweite, und sogar bei der „Miss-Germany“-Endausscheidung 1955, die in Baden Baden stattfand.

Bei sämtlichen Medien zählte Elisabeth im Vorfeld zu den Favoritinnen, und sie landete auch tatsächlich immer wieder ganz weit vorne. Und das Beste: Sogar mit mir im Bauch! Unzählige Schwarzweiß-Fotos und Zeitungsausschnitte aus dieser Zeit befinden sich heute noch bei mir zu Hause in zahlreichen Schachteln, Kuverts und Fotoalben oder zieren Wände unseres Hauses.

Bei einer dieser Modenschauen waren eines Tages gleich zwei Mannequins mit dem Vornamen Elisabeth vertreten. Dem Conférencier der Show gefiel das nicht, und so suchte er kurzerhand für meine Mutter einfach einen anderen Namen aus. Er nannte sie Iris. Der Name Iris gefiel meiner Mutter anschließend so gut, dass sie fortan diesen Namen behielt; ihr Vorname Elisabeth war somit Vergangenheit und später nur noch in behördlichen Dokumenten zu finden.

Zwei Monate nach meiner Geburt, genauer gesagt am 15. Mai 1955, wurde im Schloss Belvedere in Wien von den Außenministern der alliierten Mächte sowie von Österreich der Staatsvertrag unterschrieben. Einer unabhängigen Demokratie in der Alpenrepublik stand somit nichts mehr im Wege.

Irgendwann in dieser Zeit muss es gewesen sein, da verpasste mir meine Mutter den Kosenamen Bizi. Der Name kam deswegen zustande, weil ich ebenso klein war wie der berühmte Bikini in dem damals angesagten Hit „Itsy Bitsy Teenie Weenie Yellow Polka Dot Bikini“. Die deutsche Version hieß übrigens „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strand-Bikini“.

Der Entschluss, mir diesen Namen zu verpassen, war zwar nicht demokratisch abgestimmt und bescherte mir auch keine Unabhängigkeit, sollte mich innerhalb meiner Familie aber ein Leben lang begleiten, auch nach dem Zeitpunkt, ab dem ich mich selbst ebenfalls July nannte, wie schon zuvor mein Vater es getan hatte.

Somit haben weder mein Vater noch meine Mutter noch ich im späteren Leben den Vornamen verwendet, der uns bei der Taufe jeweils zugedacht worden war …

Kapitel 3 – Untergiesing

Schauplatz meiner Kindheit war einer der ältesten Stadtteile im Osten Münchens: Giesing – Giasing, wie der echte Münchner zu sagen pflegt. Genauer gesagt in Untagiasing. Man könnte sagen, ich wuchs in einfachen Verhältnissen auf, aber was heißt schon einfach? So einfach war das nämlich gar nicht für mich.

Mein Vater war ja wie gesagt Musiker, Marke Frauenschwarm und beruflich viel unterwegs mit seinem July Paul Quartett. Meine Mutter war, wie ebenfalls bereits erwähnt, Fotomodell und Mannequin, Marke Männerschwarm und in Sachen Mode auch beruflich viel unterwegs. Wie sollte unter solchen Voraussetzungen eine Ehe auf Dauer gut gehen?

Tja! Leider ging es auch nicht gut, zumindest nicht lange: Bereits nach einem Jahr waren die beiden schon wieder geschieden, und so kam ich, der kleine Bizi, zu meinen Großeltern väterlicherseits, und zwar zu Katharina Paul – zur Putzi-Oma, wie ich sie wegen Putzi, ihres damaligen weißen Spitzes nannte – und zu meinem Opa Julius Paul, in ihre kleine, aber urgemütliche Zwei-Zimmer-Erdgeschoss-Wohnung in der Krumpterstraße 21 im Münchner Arbeiterviertel Untergiesing. Oma und Opa hatten Gott sei Dank wesentlich mehr Zeit für mich als meine Eltern, die ewig in der Weltgeschichte herumreisten.

Meine Oma hatte nicht nur bravourös ihre drei Kinder aufgezogen, sie war auch eine perfekte Hausfrau und eine exzellente Köchin. Außerdem war sie gelernte Schneiderin und nähte nebenbei in der kleinen Wohnung auch noch für die halbe Nachbarschaft. Natürlich auch für jeden in der Familie, bei dem irgendetwas kaputtgegangen war oder der irgendwelche diesbezüglichen Wünsche hatte: Hosenbeine und Ärmel kürzen, Bandsakkos enger nähen, kaputte Reißverschlüsse erneuern – alles kein Problem für die Putzi-Oma. Mein Opa war wegen eines schweren Berufsunfalls, den er als Autoschlosser bei den Münchner Stadtwerken erlitten hatte, schon in Pension. Und aus dem Spruch meines Vaters: „Könnt’s bitte vielleicht mal ein paar Tage auf’n Bizi aufpassen?“ wurden dann sage und schreibe achtzehn ganze Jahre. So lange lebte ich bei meinen Großeltern.

Obwohl mein Vater oft nicht da war, war er in jeder Hinsicht mein großes Idol, sowohl sportlich als auch musikalisch. Vor allen Dingen aber empfand ich ihn als meinen besten Freund. Dass allerdings alle möglichen Weiber um ihn herumschwirrten wie die Fliegen, störte mich arg, und ich hasste sie alle miteinander, denn meine Mutter war doch eine Superfrau! Bei ihr hätte er bleiben sollen! Das ging mir als Kind immer und immer wieder durch den Kopf.

Die kleine Zweizimmerwohnung meiner Großeltern hatte keine Heizung. So etwas hatte der Durchschnittsbürger damals nicht. In der kleinen Küche stand dafür ein echter Wamsler, also ein Ofen zum Einheizen mit Holz und Kohle, und links daneben stand ein Gasherd. Im Wohnzimmer nebenan gab es einen etwas eleganteren schwarzen Ofen, von dem ein großes, mit silberner Farbe bestrichenes Ofenrohr in die Wand führte. Dieser Ofen wurde allerdings nur immer im Winter mit Kohle oder Briketts beheizt; deswegen war es in diesem Zimmer mindestens neun Monate lang saukalt. Zum Anschüren hackte mein Opa mit einem stets frisch geschärften Beil im Keller Späne, die alle so akkurat gleichmäßig hauchdünn gespalten waren, dass man meinen konnte, sie seien maschinell hergestellt.

Im Haus hatte jede Wohnpartei ein eigenes Kellerabteil. Das meiner Großeltern wurde unter anderem als Vorratskammer für Holzbretter, Kohle, Briketts und Getränke genutzt. Außerdem waren viele der Werkzeuge meines Opas sowie Drähte, Schnüre und andere praktische Dinge dort untergebracht. Es gab kein Licht dort, es war ein düsterer, fast unheimlicher Raum. Im Keller gab es zusätzlich noch zwei Fahrrad-Stellplätze und ein gemeinsames Waschhaus mit einer Waschmaschine, für die man spezielle Münzen benötigte.

Das vierstöckige Mietshaus hatte zwei separate Eingänge für je fünfzehn Parteien, einen links, einen rechts, pro Eingang gab es in jedem Stockwerk einschließlich des Erdgeschosses drei Wohnungen. Vier solcher Doppelhaus-Blocks mit also je dreißig Wohnungen, standen hintereinander, dazwischen waren jeweils eine Wiese mit ein paar Bäumen, ein Sandkasten zum Spielen sowie ein Platz zum Wäschetrocknen mit mehreren Metall-Wäschestangen hintereinander angelegt.

Ganz oben im Haus, also über dem vierten Stock, ging es über eine versperrte Tür zu einem gemeinsamen Dachboden, in dem jede der Mietparteien zusätzlich einen kleinen separaten Speicherraum hatte. Dort oben stand alles Mögliche herum, unter anderem auch eine handgeschnitzte Holzburg, die mein Opa irgendwann mal für seine Buben selbst gefertigt hatte und die ich heute noch besitze.

Für mich war der Eintritt sowohl in den Keller als auch in den Dachbodenspeicher immer ein kleines Abenteuer, zu dem sich stets ängstliches Herzklopfen gesellte, denn natürlich hatte ich als kleines Kind mit großer Fantasie immer ein bisschen Angst, in die düsteren, schummrigen Gewölbe hineinzugehen. Man brauchte schon eine Taschenlampe, um dort überhaupt etwas zu sehen bzw. finden zu können, denn Licht gab es zwar im Vorraum, aber nicht in den jeweiligen Abteilen.

Meine beiden besten Freunde Toni Urban und Peter Huber wohnten gleich in den Nachbarhäusern, Peter im Haus direkt hinter unserem und Toni schräg gegenüber in der sogenannten „Postlersiedlung“, die so hieß, weil dort überwiegend Beamte wohnten.

Zurück zu unserer Wohnung: Im winzigen Badezimmer gab es einen großen weißen Wasserboiler, eine Badewanne, ein WC und ein kleines Handwaschbecken, aus dem natürlich nur kaltes Wasser kam. Wenn man einmal in der Woche baden wollte – meistens am Freitag –, „durfte“ man erst mal den Boiler mit Kohle oder Briketts beheizen. Einen weiteren Ofen oder eine Heizung gab es nicht. Das Bad war in Apfelgrün gestrichen und im Winter war es dort so was von saukalt – da warst du ruckzuck wach, wenn du in der Früh barfuß zum Bieseln gingst und vergessen hattest, die Hausschuhe anzuziehen, und musstest echt aufpassen, dass dir die Füße nicht am schwarzen Linoleum anfroren. Holey Moley, war das kalt!

Im Schlafzimmer wurde natürlich generell nicht eingeheizt, denn da existierte überhaupt nichts zum Heizen. Zum Wärmen im Winter gab’s lediglich eine extra Wolldecke.

Aber ich fühlte mich von Anfang an sauwohl bei meinen Großeltern, und ich wurde so liebevoll aufgezogen wie ein Nachzögling, also wie ihr eigenes viertes Kind. So wurde bald aus der Putzi-Oma die Mama und aus Opa bald der Papa, was die Liebe zu meinen Eltern übrigens in keiner Weise schmälerte. Meine Mutter nannte ich Iris-Mama und mein Vater war eben der July-Papa.

Wenn ich mal nicht zur Schule musste – am Wochenende, wenn Ferien waren oder wenn ich krank war – dann liebte ich es, es mir hinter dem Esstisch auf der kleinen Küchenbank gemütlich zu machen und der „Mama“ beim Kochen zuzuschauen. Dabei bekam ich aber auch immer mächtig Appetit, denn die Düfte, die aus den Töpfen hochstiegen, waren phänomenal, und einen guten Appetit hatte ich immer schon. Dabei hatte ich meist aus der Bank meine Spielsachen herausgeholt, die unter der aufklappbaren Sitzfläche in Kisten untergebracht waren.

Meine Oma war eine wirklich fantastische Köchin und oft gab es meine Leibspeisen wie Reiberdatschi, Zwetschgenknödel, Bauchstecherl, Rinderbraten mit selbst gemachten breiten Nudeln oder ihren berühmten Schweinsbraten mit selbst gemachten Kartoffelknödeln. Mmmhh! Weitere Favoriten waren auch Dampfnudeln mit warmer Vanillesauce, Rohrnudeln und und und …

Ach ja! Da könnt’ ich gar nicht mehr aufhören mit dem Aufzählen! Sie kochte so unglaublich gut, dass einfach alles unvergleichlich lecker schmeckte. Der unwiderstehliche Duft nach in Butter angerösteten Zwetschgenknödeln oder selbstgemachten Reiberdatschi, zu denen es frisch gekochtes Sauerkraut und a ’kocht’s Wammerl gab, zog einem oft schon an der Eingangstür in die Nase. Dieser Duft leitete mich dann umgehend an den Esstisch, wo meist „Papa“ – also mein Opa – schon an der Stirnseite saß.

An Heilig Abend war Papa schon immer am Vormittag im verschlossenen Wohnzimmer mit dem Putzen des Christbaumes zugange, was ich natürlich nicht wusste und auch nicht wissen durfte.

Bevor es so gegen neunzehn Uhr mit der Bescherung losging, holte mich meist Iris-Mama am frühen Nachmittag ab, falls sie gerade mal im Lande war und nicht auf irgendwelchen Laufstegen irgendwo in der Welt Haute Couture präsentierte.

Zuerst ging es meist in ihre Wohnung bzw. in das Haus, in dem sie gerade lebte. Meine Mutter wechselte nämlich ihr Zuhause wie andere Leute ihre Unterwäsche. Sie war wirklich unermüdlich dabei, sich immer wieder ein neues Wohnrefugium zu schaffen. Diese Eigenschaft sollte sie übrigens ihr ganzes Leben behalten; die Anzahl ihrer Wohnsitze dürfte guinnessbuchrekordverdächtig sein. Allein in München und Umgebung kann ich mich bestimmt an über zehn verschiedene Wohnungen oder Häuser meiner Mutter erinnern. Ich glaube, sie war eine Nomadin.

Doch wo immer gerade ihr Zuhause war, waren alle Räume mit einzigartigem Geschmacksinn für alles Schöne und Edle eingerichtet und dekoriert, der sich vom Null-Acht-Fünfzehn-Geschmack der meisten Leute, die ich kannte, deutlich abhob. Auch diese Gabe behielt sie ein Leben lang.

Wunderschöne eingepackte Päckchen lagen dann später unter einem immer mit sehr viel Eleganz und Pomp geschmückten Christbaum, und nach der Bescherung ging’s dann am Nachmittag zu den Eltern meiner Mutter, also zu meinen anderen Großeltern. Die lebten ebenfalls in einem großen Mehrfamilien-Wohnhaus, wie schon gesagt im Norden Münchens. Die Fahrt mit dem Auto von meinen Großeltern in Giesing zu den anderen Großeltern in die Alte Heide dauerte meist eine gute halbe Stunde, damals gab’s ja noch nicht so viel Verkehr.

Ehrlich gesagt, bin ich nie besonders gern dort hingefahren, denn das Haus und die ganze Gegend mochte ich überhaupt nicht. Ich kann mich noch recht gut an den penetranten Bohnerwachs-Geruch im stets halbdunklen Treppenhaus erinnern. Ich weiß noch, es waren unzählige flache, dunkelbraune Holzstufen, die bei jedem Tritt lautstark knarrend durchs riesige Treppenhaus hallten und mir stets das „kuschelige“ Gefühl eines Hitchcock-Klassikers vermittelten.

Der Vater meiner Mutter, also mein anderer Opa, Eugen Stöckl, Gott hab‘ ihn selig, war ein strenger, unerbittlicher Pedant. Ein Beamter mit Prinzipien und noch dazu ein echter Choleriker, wie ich öfters ganz speziell am Heiligen Abend miterleben „durfte“ – zum Beispiel, wenn er sich über eine nicht passende Strickjacke als Weihnachtsgeschenk meiner Mutter mit hochrotem Gesicht so aufregte, dass man das Gefühl hatte, gleich würde sein Kopf wie bei einem Teekocher zu pfeifen beginnen und sein siedendes Hirnkastl explodieren.

Apropos Choleriker: Da gab’s noch einen „Spezialisten“ in unserer Familie, im Stammbaum allerdings ein bisschen weiter zurück angesiedelt und aus der väterlichen Linie. Die Schwester meines Opas hieß Tilde, und auch sie war mit einem Eugen verheiratet. Ich kann mich an ihn überhaupt nicht mehr erinnern, aber den Erzählungen nach dürfte er wirklich ein ganz besonders „liebevoller“ Zeitgenosse gewesen sein. Als ihm nämlich meine Großtante eines Tages ein für seinen Geschmack zu zähes Schnitzel vorsetzte, ging er in den Keller, holte einen Hammer und ein paar Nägel und nagelte den „Bröselteppich“ gut sichtbar für alle im Wohnzimmer mitten an die Wand. Wenn ich so nachdenke: „Eugentlich“ eine recht witzige Deko-Idee!

Zurück zum anderen Eugen und zurück zum Heiligen Abend bei meinen Großeltern mütterlicherseits: Irgendeinen entsetzlichen, alten, gebrauchten Plunder aus dem Inventar ihres Wohnungs-Panoptikums durfte ich am Weihnachtsabend meist als „großzügiges“ Weihnachtsgeschenk mit nach Hause nehmen – Dinge, die die Welt nicht braucht, und ich als Kind damals schon zweimal nicht. Wenn’s wenigstens ein Fußball, ein Fotoapparat, oder zumindest ein Fix und Foxi-Heft gewesen wäre (Anmerkung für jüngere Leser: Fix und Foxi-Hefte waren die gängigsten Comics der Sechziger- und Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland, noch vor Micky Maus und Donald Duck, wir lernten damals Lesen mit ihnen). Aber nein! Nix da! Meist waren es uralte Atlanten, in der die Erde wahrscheinlich noch als Scheibe dargestellt war, oder abgegriffene Lexika und andere Bücher, die mich ungefähr so sehr interessierten wie einen Veganer ein Kochbuch mit Schweinsbraten-Rezepten, das man ihm schenkt, damit er lernt, wie man a krachade Krust’n hinbekommt. Jeder Flohmarkt-Verkäufer auf der Auer Dult hätte sich bestimmt über diese Werke gefreut, denn damit hätte er wunderbar das Wackeln seines Verkaufstisches ausgleichen können.

Die Mutter meiner Mutter – die Stöckl-Oma – trug eine ganz dunkle Brille mit stark getönten Gläsern in ihrer halbdunklen Wohnung. Die Brillengläser mussten unglaublich stark gewesen sein, denn sie erinnerten mich irgendwie an zwei Bullaugen. Diese Brille hatte echt etwas Unheimliches und trug auch nicht gerade dazu bei, dass ich mich in diesen vier Wänden wohler fühlte … Kurz und gut, ich „liebte“ also diese Besuche bei meinen Großeltern zur Weihnachtszeit „sehr“. Na ja. So oft war ich ja nicht bei ihnen. Halt an Weihnachten und dann … wohl erst wieder nächstes Weihnachten.

Für mich gab’s wirklich nichts Schöneres, als aus den Klauen dieses Hauses in der Alten Heide wieder herauszukommen, indem ich zunächst vom ersten Stock seitlich sitzend auf dem dunkelbraunen, stets gut eingewachsten Holztreppengeländer ins Erdgeschoss herunterrutschte und wir dann endlich schnellstmöglich wieder nach Giasing heimfahren konnten. Erst dort kam für mich dann die richtige Weihnachtsstimmung auf, wenn wir am frühen Abend dort angekommen waren und ich endlich mit den Geschenken spielen durfte, die ich nach der heimatlichen Bescherung erst mal hatte liegenlassen müssen, um in den „feindlichen Norden“ zu fahren.

Untergiesing liegt ja logischerweise unten, wie der Name schon sagt, und auch unterhalb des berühmten Fußballstadions an der Grünwalderstraße, auch bekannt als „Sechzgerstadion“. Wie Viele vielleicht wissen, ist in Giesing auch die Lichtgestalt schlechthin groß geworden. Ja! Unser „Kaiser“ Franz Beckenbauer! Genau wie für dieses mein Kindheits-Idol war Fußballspielen eine meiner Leidenschaften. Sobald die Schulglocke läutete und der Unterricht zuende war, lief ich im Eiltempo von der nahegelegenen Agilolfinger-Volksschule nach Hause, um mich erst mal mit Omas Köstlichkeiten aus der Küche zu stärken und danach in Windeseile mit meiner geliebten Lederkugel abdüsen zu können, und zwar zur zehn Minuten entfernten Birkenwiese ganz in der Nähe der Isarauen, um dort mit Freunden dem Ball nachjagen zu können.

In den Isarauen war ich aber auch oft auf einem meiner Lieblingsbäume als „bayerischer Winnetou“ mit Kunstoff-Silberbüchse – die meine „Eltern“ mir in meinem Lieblings-Spielzeugladen in der Pilgersheimerstraße gekauft hatten – anzutreffen. Der zur Vervollkommnung des Bildes unabdingbare Indianer-Federschmuck wurde mir später leider auch mal zum Verhängnis, als ich nämlich im Fasching als Winnetou verkleidet mit meinem Tretroller – heute würde man Scooter sagen – auf dem Gehsteig um die Häuser fetzte. Durch die Federn übersah ich leider, dass gerade ein Auto rückwärts aus einer Garage herausfuhr, und ich flog mit dem Kopf voraus in das Auto. Danach stand ich unter Schock, ließ den Roller am Boden liegen und lief stark blutend zu meiner Oma zurück. Kurz darauf wurde ich vom Krankenwagen abgeholt und ins Krankenhaus gebracht. Ich musste sofort operiert werden, denn ich hatte einen schwierigen Schädelbruch, und ein Stahlsplitter steckte in meinem Schädel. Wie ich später erfuhr, hatte ich riesengroßes Glück im Unglück gehabt: Nur wenige Millimeter von meinem Gehirn entfernt war der Stahlsplitter steckengeblieben. So ging der Unfall noch einigermaßen glimpflich aus. Nur eine gut sichtbare Delle in meinem Kopf sollte mich ab diesem Tag lebenslang begleiten.

Giasing. Dieser charmante Stadtteil, der auch den unrühmlichen Titel „Glasscherbenviertel“ innehatte, war der Inbegriff eines liebenswerten Arbeiterviertels mit hohem Freizeitwert dank der nah vorbeifließenden grünen Isar mit den wunderbaren Isarauen.

Zur damaligen Zeit gab es links und rechts der Isar noch eine völlig wilde Vegetation, und der schmale Weg durch dieses Unterholz lud zu abenteuerlichen Fahrradtouren ein. Dieses Isar-Outback war auch ein beliebter Treffpunkt für Liebespaare zu jeder Tages- und Nachtzeit, was für uns Jungs natürlich eine ziemlich spannende Sache war – wir kannten durchaus den einen oder anderen günstigen Beobachtungsposten. Außerdem konnte ich mit dem Radl in wenigen Minuten beim Tierpark Hellabrunn, im Flaucher Biergarten, auf der Schinderbrücke oder am Hinterbrühler See sein – all das begehrte Ziele.

Ich hatte also wirklich eine grandiose Kindheit in Sachen Freiheit und Abenteuer – heutzutage kaum mehr vorstellbar in einer Großstadt wie München. Auch von Seiten meiner Großeltern fehlte es mir an so gut wie nichts; allerdings ging es in ihrer klitzekleinen Zwei-Zimmer-Wohnung manchmal zu wie seinerzeit im Hippodrom auf dem Oktoberfest. Wenn nämlich der Putzi – seines Zeichens Spitz und rassetypisch mit einem gewaltigen Stimmvolumen ausgestattet – minutenlang vor sich hinbellte, weil jemand an der Tür geläutet hatte, und gleichzeitig das wegen der Schwerhörigkeit meines Opas extrem laut eingestellte Telefon – bei dessen Klingeln man ohnehin immer zusammenzuckte – minutenlang läutete. Manchmal kam dann passenderweise gerade mein Vater zu Besuch, hektisch, wie immer unter Zeitdruck, und oft in Begleitung einer seiner neuesten weiblichen Eroberungen, um mit der großartigen bayerischen Kochkunst seiner Mama angeben zu können. Hinzu kam auch noch, dass die „Mama“ extrem laut mit jedem sprach, da Opa ja seit Jahren schwerhörig war, aber meist keine Batterien in seinem Hörgerät hatte. Dies wiederum war der Grund, weshalb der Fernseher im Wohnzimmer – der oft auch noch mit dem Radiogerät in der Küche um die Wette lief – genauso laut war wie mein Opa, wenn er gerade vor Wut explodierte, weil zum Beispiel genau in jenem Moment, in dem Gerd Müller sich anschickte, für die Bayern ein Tor zu schießen , meine Oma mit dem Staubsauber vor seiner Nase herumfuhrwerkte.

Heinz Müller Trio mit meinem Vater am Bass, Starnberg 1952

July sen. als 21-Jähriger im Starnberger Undosa Bad, 1952

Ein echtes Traumpaar, meine Eltern! 1954

Mum als gut gebuchtes Modell 1954

Ich, neugierig und erwartungsvoll, 1955

Mum bei einem ihrer vielen gewonnenen Schönheitswettbewerbe 1954

Was für eine wunderschöne Frau – meine Mum! 1954

Wasser war schon immer mein Element! 1957

Zwickerbussi mit Papa 1957

Aus Julius Paul wurde July Paul (senior), 1954

Mein Vater am Schlagzeug in einem U.S. Club in Kitzingen, November 1952

July Paul Quartett in Regensburg, 1958

Ich als echter Strahlemann 1958

So viele Weihnachtsgeschenke von Mum! 1959

Kapitel 4 – Das saublöde Fleischpflanzl

Der liebe Gott hatte mir wirklich eine extragroße Portion Fantasie verpasst, und langweilig wurde es mir als Kind deswegen nie. Einfälle und Ideen hatte ich immer schon jede Menge, und die brauchte ich auch, um meinen Großeltern immer wieder aufs Neue erklären zu können, warum ich heute wieder mal keine Hausaufgaben aufbekommen hätte, was natürlich nicht immer unbedingt stimmte.

Auch was das Schönreden meiner schlechten Noten anbelangte, war mein Erfinderreichtum nicht zu überbieten; ich konnte schon damals meinen Großeltern einen glatten Fünfer in Erdkunde für einen „ganz schlechten Dreier“ verkaufen, weil ich halt sooooooo viel Pech bei der Schularbeit gehabt hatte.

Statt auf die leidigen Pflichten konzentrierte ich mich mit voller Hingabe auf alles, was Spaß machte – und dazu gehörte definitiv nicht die Schule, sondern vielmehr Fußballspielen, Baumkraxeln, Fahrradfahren, das Schwimmen in der Isar, Cowboy- und Indianer-Spielen, Singen, das Ausdenken von Abenteuer- und Piratengeschichten und das Nachspielen meiner Lieblings-Filmszenen. Aber auch Doktorspiele haben schon sehr früh meine Fantasie beflügelt, denn schließlich wollte ich den Unterschied zwischen Bub und Mädchen selbst herausfinden, zunächst nach dem Motto: „Wissen ist Macht“– diesbezügliche Inspiration gab es wie gesagt ja jeden Sommer in den Isarauen – und möglichst bald natürlich durch „learning by doing“.

Ganz besonders gern ging ich auch Rudi auf die Nerven – oft hing ich wie eine Klette an seinen Fersen. Rudi war zwar mein Onkel, aber eigentlich wie ein großer Bruder für mich. Er war der jüngste Bruder meines Vaters und nur acht Jahre älter als ich.

July-Papa – also mein Vater – hatte noch einen zweiten Bruder, den Peppi; er war der Mittlere der drei Söhne und spielte Saxophon und Klarinette im July Paul Quartett. Schon früh hatte er es zu großer Virtuosität auf seinen Instrumenten gebracht; die Töne, die er dem Saxophon entlockte, waren von außergewöhnlicher Klarheit, seine Soli trugen ihm im Kollegenkreis große Bewunderung ein. Er übte dafür aber auch viele Stunden täglich.

Rudi, der jüngste der drei Brüder, hatte es nicht so mit der Musik. Er kam eher dem Papa nach, der ein fantastischer Handwerker war. Rudi hatte sich schon als Kind eher für Metallbaukästen und Märklin-Eisenbahnen als für Musikinstrumente interessiert. Dafür konnte er aber perfekt „Radio spielen“.

Papa – also mein Opa – war ein handwerklicher Tausendsassa. Er konnte zum Beispiel Schuhe doppeln. Tja, das hat man früher noch gemacht, anstatt gleich die Schuhe wegzuwerfen, wenn mal die Sohle abgelatscht war. Er konnte aber auch Leder nähen und alles reparieren was so kaputtging, ob Fahrräder, Mofas, Autos, Küchengeräte, ganz egal. Er konnte einfach alles.

Ich kann mich noch gut an die Geschichte erinnern, als Rudi bei seinem ersten Auto – ein kleiner Vespa – eines Tages den Auspuff kontrollieren und sich dazu unter das Auto legen wollte. Sein Papa kam genau in dem Moment hinzu und meinte nur trocken: „Kumm Bua, plog di ned. Brauchst di ned owileg’n.“

Kurz entschlossen hob er mit seinen beiden Händen – die fast so groß wie Klodeckel waren – das komplette Auto in einem Satz hinten hoch, so dass Rudi bequem nach dem Auspuff schauen konnte. Mann oh Mann – er hatte Kraft ohne Ende. Der Vespa war übrigens tatsächlich ein Auto und kein Motorroller, denn Vespa stellte früher auch Autos her. Das Fahrzeug war ungefähr in der Liga eines Fiat 500 oder des damals ebenfalls populären Goggomobils. Trotzdem muss man es erst mal schaffen, auch so ein Auto nur mit den Händen hochzuheben.

Papa konnte aber auch großartig zeichnen; er hat das eine oder andere Mal bei meinen Hausaufgaben mein mangelndes Zeichentalent zur Überraschung all meiner gutgläubigen Lehrer grandios wettgemacht.

Rudi wohnte in der Anfangszeit, in der ich zu meinen Großeltern kam, ebenfalls in der kleinen Untergiesinger Wohnung. Wir waren damals quasi eine echte „WG“ – heute würde man es „Mehrgenerationenhaus“ nennen, wenn es denn ein ganzes Haus gewesen wäre. WG stand bei uns aber eher für: „Wenig geräumig.“ Es war ja nur eine kleine Zweizimmerwohnung. Und trotzdem hielt sich zusätzlich oft die halbe Nachbarschaft bei uns auf. Es ging regelmäßig zu wie in einem Taubenschlag.

Am liebsten war ich draußen, entweder im Hof, auf meiner geliebten Birkenwiese, in den Isarauen oder wie gesagt auf irgendeinem Baum. Bäume hatten es mir nämlich schon als Kind angetan. Sie waren für mich wie richtige Freunde, und ich hatte überall meine Lieblingsbäume, auf die ich gern kraxelte.

Ich erinnere mich heute noch mit Wehmut daran, als meine Lieblings-Trauerweide, auf der ich unzählige Male meinen Abenteuern und melancholischen Gedanken nachgehangen war, wegen Baumaßnahmen für eine Fußgängerbrücke über die Brudermühlstraße für den immer stärker aufkommenden Straßenverkehr zum Opfer fiel. Das war für mich eine echte Tragödie. Ich weinte tagelang und konnte es gar nicht fassen. ‚Sie haben meinen Freund getötet. Ich werde ihn nie wiedersehen‘, ging es mir durch den Kopf. ‚Nie wieder!‘ Es war schrecklich.

Oft kam ich auch erst heim, wenn es draußen schon ein bisschen dunkel wurde, denn die Dämmerung zog mich magisch an. Diese ganz besondere Stimmung, diese Stunde, in der sich der Tag langsam schleicht, weil die Nacht halt jetzt mit ihrer Schicht drankommt, genoss ich immer ganz besonders intensiv. Wenn vielleicht dann noch zusätzlich ein starker Wind durch die Straßen, Bäume und über Wiesen blies, löste dies in mir wahre Abenteuerlust aus. Ich war dann in Gedanken irgendwo auf stürmischer See, wie in einem der Kinofilme meiner Filmhelden, breitete die Arme aus und wollte gar nicht mehr nach Hause, um dieses Gefühl auch wirklich bis zuletzt auskosten zu können. Wenn mir dann dabei auch noch der Regen ins Gesicht prasselte, dann war es total perfekt, und ich fühlte mich leibhaftig wie Errol Flynn in „Herr der Sieben Meere“ oder wie Huckleberry Finn am Mississippi. Also, wie gesagt, an Fantasie mangelte es mir wirklich nicht.

Leider bekam ich aber oft dann auch die Leviten gelesen, weil ich wieder mal nicht rechtzeitig zum Abendessen heimgekommen war, und bekam prompt Fernsehverbot. Das Verbot hielten meine Großeltern bestimmt eine ganze Stunde lang durch, aber dann hatte ich es mit allen möglichen Tricks und sprühendem Charme wieder geschafft und durfte mich doch wieder zum Fernsehen auf meine geliebte dunkelgrüne Wohnzimmer-Stoffcouch kuscheln.

Wenn ich Glück hatte, konnte ich sogar vom Viertelnachacht-Film noch einen kleinen Teil mit ansehen. Wenn’s allerdings ein Krimi war, musste ich meistens immer genau dann, wenn es spannend wurde oder bevor etwas Schlimmes passiert wäre, ins Bett. Dort spielte ich in Gedanken den Film einfach weiter, hatte aber mit einem Auge immer die Türklinke im Blick, denn es hätte ja, wie im Krimi zuvor, plötzlich die Tür aufgehen und der Mörder hereinkommen können. Ja! Abenteuer hin oder her – ich war trotz aller Fantasie schon immer ein großer Angsthase. Oder vielleicht gerade deswegen?

Sobald ich mittags von der Schule heimkam, gab’s Essen, und bei Mama (also meiner Oma) war das Essen ja fast immer Weltklasse. Allerdings gab es auch Ausnahmen, wie zum Beispiel Blaukraut, Wirsing, Milzwurst oder Fleischpflanzln.

„Ihhhhh! Fleischpflanzln! Pfui Deife!“ Ich hasste als Kind diese Dinger – Frikadellen, Buletten, faschierte Laibchen, Burger oder wie sie sonst noch überall genannt werden. Mama mischte nämlich aus Spargründen immer viel Semmelteig unter das Hackfleisch, und ich weiß nicht warum, aber ich brachte diese Objekte meiner Abscheu einfach nicht hinunter.

Nur ein einziges Mal lobte mich die Mama: „Ja, Bizi! Heid host aber schee aufgessn!“, sagte sie. Hier die Erklärung:

Wir aßen in der Küche, ein Esszimmer hatten wir ja nicht. Die Küche unserer „WG“ hatte satte neun Quadratmeter und d’ Mama kochte auf dem Gasherd gegenüber vom Esstisch. Eines Tages bekam ich mal wieder Fleischpflanzln vorgesetzt, und als Beilage gab es – Blaukraut. Hui! Was für eine absolute Horrorkombination!

Da die Mama schon gegessen hatte und der Papa gar nicht mehr da war, stocherte ich also so ganz alleine lustlos am Küchentisch sitzend und schaudernd vor Ekel in meinem Teller herum. Mama stand mit dem Rücken zu mir und spülte im Waschbecken, das gerade mal einen Meter von meinem Essplatz entfernt war und sich links neben dem Herd befand, das Geschirr. Einen Geschirrspüler hatte man damals ja auch noch nicht. Am Tisch stand dann noch ein zweiter Teller, der zuvor vom Papa fein säuberlich leergegessen worden war. Das war meine große Chance. Ich nahm ruckzuck das Fleischpflanzl von meinem Teller, legte es turboschnell auf den anderen leeren Teller, stellte in Rekordgeschwindigkeit meinen – jetzt leeren – Teller auf den anderen drauf, drückte ihn ein bißchen an und stöhnte: „Puh! Ich hab’s geschafft! Ich geh jetzt raus, Mama.“

Die Mama war begeistert, dass ich so schön aufgegessen hatte. Ihre „Begeisterung“ bekam ich aber am Abend noch in etwas unangenehmer Form zu spüren. Sie hatte nämlich vor Empörung gekocht, als plötzlich beim Abspülen der Teller an der Oberfläche des Spülwassers einsam und verlassen ein ganzes Fleischpflanzl aufgetaucht war. Natürlich hatte sie sofort gemerkt, was los war und war auch dementsprechend sauer. Als ich am Abend dann vom Fußballspielen heimkam, gab’s vom Papa eine saftige Watschn, und ich hatte im ersten Moment gar keine Ahnung, wofür ich die eigentlich bekommen hatte.

Super! Und alles nur wegen so einem saublöden Ding. Wochenlang, ach was, jahrelang musste ich mir diese Geschichte anhören.

Wenn ich heute an diese Anekdote denke, wird mir klar, wie hoch der Wert des Essens für die Generation meiner Großeltern war, wie wenig ich als Kind das verstehen konnte – und andererseits, wie selbstverständlich mir das Kassieren einer Ohrfeige erschien, wenn ich es gewagt hatte, etwas klar Verbotenes zu tun. Wie sehr sich die Zeiten geändert haben – heute käme man wahrscheinlich in den Knast wegen Mißhandlung Schutzbefohlener. Und doch empfand ich meine Kindheit als sehr glücklich, mit diesen klaren Regeln, deren Übertretung oftmals soviel Spaß machte, dass man die manchmal unausweichlichen Konsequenzen als vernachlässigbar erachtete.

Apropos Watschn! Obwohl ich in einem wirklich sehr liebevollen und fürsorglichen Großelternhaus aufgewachsen bin, kann ich mich doch auch noch an eine zweite schallende Ohrfeige erinnern, die mir mein Opa eines Tages „mit auf den Weg gegeben“ hat.

Ich dürfte etwa fünfzehn oder sechzehn Jahre alt gewesen sein und spielte seit geraumer Zeit Fußball im Untergiesinger Club SC München, nachdem ich ja bereits schon als Zehn- bis Zwölfjähriger beim großen FC Bayern in der Schülerliga gespielt hatte. Allerdings ging mir dort der große Konkurrenzdruck gehörig auf die Nerven, den dort sogar schon die kleinen Kinder hatten.

Deswegen wechselte ich zu einem kleineren Verein, bei dem ich nicht überwiegend auf der Ersatzbank versauern musste. Trainiert wurde beim SC München jeweils einmal wöchentlich, und zwar am Agilolfingerplatz. Und das natürlich bei jedem Wetter. Selbstverständlich auch, wenn es dem Volksmund nach Hunde und Katzen regnete. Unserem Trainer machte es dann offenbar besonders viel Spaß, uns durch den schlammigen Acker zu jagen. Wir sahen hinterher oft aus, als hätten wir uns im Dreck mit Wildschweinen um die Wette gesuhlt.

Nachdem wir dann im Anschluss an das Training damit beschäftigt waren, uns und unsere Fußballschuhe gründlich zu reinigen, ging es hinterher meist gemeinsam mit dem Trainer in eine nahe gelegene Wirtschaft, die nur wenige Straßen vom Trainingsgelände und von meinem Zuhause entfernt war. Normalweise tranken wir Grünschnäbel dort lediglich einen großen Spezi (auch dieses Getränk ist im Bayerischen sächlichen Geschlechts, genau wie das Limo). Wenn allerdings unser Trainer besonders gute Laune hatte, dann schlug er gelegentlich vor, gemeinsam einen sogenannten „Turm“ auszuspielen. Dieser wurde beim Wirt gemeinsam mit einem Würfelbecher und einem Würfel bestellt. Der Wirt brachte dann eine Halbe Bier, auf die von uns vorsichtig ein Bierdeckel gelegt wurde. Auf diesem wurde ein volles Schnapsglas mit 2cl Jägermeister gestellt, den ebenfalls der Wirt an den Tisch gebracht hatte. Auch auf dieses Getränk wurde ein Bierdeckel gelegt, und auf diesen kamen zwei Zigaretten. Auf die beiden Zigaretten kam wieder ein Bierdeckel und darauf dieses Mal eine einzelne Zigarette. Last but not least kam wieder ein Bierdeckel darauf und oben, sozusagen als krönender Abschluss, eine fette Zigarre. Jetzt konnte das Spiel beginnen, und der Würfelbecher mit einem einzigen Würfel wurde ins Spiel gebracht. Er ging daraufhin reihum. Jeder, der drankam, schüttelte den Würfelbecher fest, kippte ihn und offenbarte so die Zahl, die er gewürfelt hatte. Hatte einer der Jungs einen Sechser, musste bzw. durfte er die Zigarre herunternehmen, sie genüsslich anzünden und rauchen. Dem einen oder anderen wurde es allerdings davon auch schon mal kotzübel. Danach nahm man den ersten Bierdeckel weg. Jetzt lag eine Zigarette obenauf, und wer eine Fünf würfelte, durfte sie rauchen. So ging es weiter. Bierdeckel weg – wer nun eine Vier würfelte, durfte die zwei Zigaretten wegnehmen. Wer dann eine Drei würfelte, war fein heraus, er schied nämlich aus. Er durfte zwar nicht mehr weiterspielen, konnte aber somit auch nicht verlieren, was bedeutet hätte, den ganzen „Turm“ bezahlen zu müssen. Jetzt wurde es langsam brenzlig. Wer das Pech hatte, eine Zwei zu würfeln, der musste den Schnaps auf ex trinken. Und ich darf es schon vorwegnehmen: Meist haben wir fünf bis zehn Türme ausgespielt.

Und an einem dieser Abende hatte ich permanent diesen blöden Zweier gewürfelt. Somit musste ich einen Schnaps nach dem anderen herunterschütten; solche Getränke war ich in dem Alter definitiv nicht gewohnt. Wer dann am Schluss dann die „Eins“ gewürfelt hatte, der musste versuchen, den halben Liter Bier so schnell wie möglich auszutrinken, während der Nachbarspieler versuchen musste, so schnell wie möglich eine „Sechs“ zu würfeln. Wer von den beiden langsamer war, hatte verloren und musste auf seine Kosten beim Wirt einen neuen „Turm“ bestellen.

Dank der vielen Zweier – die ich lieber in der Schule als beim Würfeln gehabt hätte – trug ich einen fürchterlichen Rausch davon, der mir mein Leben lang in Erinnerung geblieben ist. Ich kann mich zwar nicht mehr an die Einzelheiten erinnern, weiß aber noch eins: Ich war so betrunken, dass ich weder stehen noch gehen konnte, weshalb mich zwei Spielerkollegen nach Hause bringen mussten. Sie klingelten an unserer Wohnung und lehnten mich einfach an die Eingangstür, die kurz daraufhin der Papa – also mein Opa – öffnete, woraufhin ich im wahrsten Sinne des Wortes in die Wohnung flog. Als „Begrüßung“ gab es dann vom Papa eine echt saftige Watschn, da er sofort bemerkte, dass ich voll einen in der Krone hatte. Allerdings spürte ich kaum Schmerz, ganz im Gegenteil, ich musste hellauf lachen. Die Moral von der Geschicht‘: „Alea iacta est“ – sowohl beim Turmspiel als auch bei dessen Folgen. Bis zum heutigen Tag habe ich nie mehr Jägermeister getrunken.

Kapitel 5 – Das hab‘ ich in Paris gelernt

Natürlich war ich bereits als kleines Kind mit der Musik meines Vaters konfrontiert. Mein Vater hatte ja in unmittelbarer Nachbarschaft meiner Großeltern eine eigene Dreizimmerwohnung, ebenfalls im Erdgeschoss. Wenn er mal Spielpause mit seinem Quartett hatte und gerade in München war, besuchte ich ihn täglich in seiner Wohnung, die ja nur einen Steinwurf entfernt war. Außerdem kam er sowieso täglich zu uns zum Essen herüber.

Wenn er in München war, dann nahm er mich auch oft zum Schwimmen ins Dantebad, zum Tennisspielen oder zum Schlittschuhlaufen ins Prinzregentenstadion mit, denn Sport war für meinen Vater – nach Mädels-Aufreißen – der wichtigste Zeitvertreib. Diese Plätze waren auch ideal, um Mädels kennenzulernen, und dass ich mit dabei war, hielt ihn von seiner Lieblingsbeschäftigung nicht ab.

Manchmal nahm er mich auch zu seinen Bandproben mit, die in München stattfanden, und später, als ich zur Schule ging, durfte ich fast immer einen Teil meiner Ferien in den Orten verbringen, wo er gerade mit seiner Band ein Engagement hatte. Für Kapellen oder Bands war das damals vielleicht die beste Zeit überhaupt, denn Musiker hatten noch einen wesentlich höheren Stellenwert als heute, und sie wurden in den Hotels, in denen sie auftraten, wie Fürsten behandelt. Zu dieser Zeit gab es auch noch Monats- oder sogar Saison-Engagements. Das bedeutete, dass die Tanzkapellen im selben Hotel einen oder sogar mehrere Monate Abend für Abend spielten, manchmal sogar noch zusätzlich an den Nachmittagen, zum Beispiel am Wochenende zum Fünf-Uhr-Tee. Das mag für meinen Vater bestimmt auch anstrengend gewesen sein, für mich allerdings war es einfach nur toll und aufregend.

Erstens bekam ich in den Hotels, in denen er spielte, oft ein ganz feines Essen vorgesetzt, und zweitens konnte ich ab und zu, wenn ich mal mitgehen durfte, meinem July-Papa bei der Arbeit zuhören und mit großen Augen mit ansehen, wie das Publikum ihm begeistert applaudierte und wie sehr er von unzähligen Damen – je nach Jahreszeit in engen Kleidern oder Skipullovern – angehimmelt wurde. In dieser Zeit wurde er sicherlich zu meinem Idol. Allerdings konnte ich diese weiblichen Wesen, die immer wieder um ihn herumschwirrten, allesamt nicht ausstehen. Schließlich war das ja mein July-Papa.

Kurz vor Weihnachten 1960 startete für die Band meines Vaters die neue Wintersaison in Seefeld in Tirol; dort gastierte sie bereits seit vielen Wintern. Die Vier-Mann-Band spielte in dem legendären Café Corso, einem angesagten Tanzcafe im Nobel-Skiort. Die Damen flanierten mit engen Keilhosen, geschnürten Winterstiefeln und teuren Pelzen durch die kleinen Gassen des Ortes und zeigten gerne, was sie hatten. Die Ladies genossen es sichtlich, sich in Szene zu setzen, um aufzufallen, ganz nach dem Motto: „Wer hat, der hat!“

Am Abend trat das July Paul Quartett stets mit einheitlichen weißen oder hellblauen Anzügen auf; an den Nachmittagen spielten sie zum Tanztee in ihren feschen schwarz-weißen White-Star-Pullovern, die sie von der Skifirma Kneissl als Werbegeschenk erhalten hatten. Ich kann es selbst nicht glauben, aber diese auffälligen Pullover haben sogar bis zum heutigen Tag überlebt und werden von mir, auch 50 Jahre später, immer noch getragen.

Viele der damals aktuellen Hits und Schlager, die die Band spielte, konnte ich mitsingen, obwohl ich gerade mal fünf Jahre alt war. Mein Lieblingssong zur damaligen Zeit war „Tom Dooley“, denn dieses Lied versetzte mich in meine geliebten Cowboyfilme, die ich damals ja so unglaublich gern sah. Von dem Schlager „Das hab‘ ich in Paris gelernt“ konnte ich natürlich auch den gesamten Text auswendig. Dieses Lied war gerade ein großer Hit, hatte einen eingängigen Refrain und war somit ein „Muss“ für jede Tanzkapelle.

Mein Vater fragte mich dort eines Tages, ob ich es mir zutrauen würde, auf die Bühne zu kommen und das Lied übers Mikrofon zu singen. Ich hatte zwar schon ein bisschen Angst davor, machte aber meinem Vater sofort klar, dass ich mir das zutraute. Iris-Mama hatte mir zuvor einen ganz feinen, eleganten Anzug mit passender Weste geschenkt, den mir meine Oma auch mit eingepackt hatte.

An einem der nächsten Tage war’s dann soweit: Ich durfte in dem schönen Anzug zu einem Nachmittagsauftritt mitgehen und das Lied vor Publikum im Lokal singen. Von der Band bekam ich zuvor noch einen schwarzen Hut und einen weißen Seidenschal; ich sah damit ein bisschen wie die Bonsai-Ausgabe von Johannes Heesters aus. Auf alle Fälle war ich an diesem Abend ein kleiner Star, denn das Publikum war total begeistert, dass ein Fünfjähriger folgende Liedzeilen mit der Ohrwurm-Melodie zum Besten gab:

Das hab‘ ich in Paris gelernt

und zwar im Handumdrehen

Das lernt man sonst in keiner Stadt

So gut, so schnell und schön

Und wenn Sie noch was lernen soll’n

Dann kommen Sie hierher

Hier zeigt man Ihnen, was Sie woll’n

Und noch ein bisschen mehr

Hier zeigt man Ihnen, was Sie woll’n

Und noch ein bisschen mehr

Mein Auftritt war ein voller Erfolg, und mein Vater war unglaublich stolz auf mich. Wie’s aussah, hatte ich doch das musikalische Talent von ihm geerbt. Ob es später allerdings zu einer Karriere als Musiker reichen würde, darüber machte ich mir natürlich keine Gedanken. Eines war mir allerdings ab diesem Tag klar: Den Musik-Virus würde ich nie mehr aus mir herausbekommen.

Ich durfte noch oft meine Weihnachtsferien in Seefeld verbringen und lernte dort auch das Skifahren, denn ich hatte ja schließlich meinen eigenen Skilehrer: Mein Vater fuhr sehr gut Ski, wenn auch nicht ganz so elegant wie sein Bruder Peppi, der nicht nur als Saxophonist, sondern auch auf den Brettl’n sehr ehrgeizig war und schon damals von allen die engsten Schwünge zog. Er meisterte auch das berühmt-berüchtigte „Kanonenrohr“ auf dem Härmele-Kopf in Seefeld, einen ultrasteilen Tiefschnee-Hang, der eigentlich gar nicht als Piste freigegeben war. Nur die Wagemutigsten – oder anders gesagt völlig Bekloppte – stürzten sich die fast senkrechte Tiefschnee-Schneise hinunter. Peppi war allerdings ein verdammt guter Skifahrer, der auf sein Können auf dieser gefährlichen Abfahrt voll und ganz vertraute.

Vom Tal aus beobachteten viele Schaulustige mit Ferngläsern oder mit dem bloßen Auge die tollkühnen Abfahrer, denen eine gefährlich wirkende staubende Schneewolke folgte. Wer dort zu Sturz kam, war nicht mehr aufzuhalten und kam erst nach hunderten von Metern und zahlreichen ungewollten Saltos wieder zum Stehen bzw. Liegen.

Gelegentlich war den einsamen Tiefschnee-Liebhabern dort auch mal ein Schneebrett oder eine Lawine auf den Fersen. Einige Unfälle endeten mit Knochenbrüchen, manche sogar tödlich.