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Mary Roos

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Beschreibung

Mary Roos ist die vielseitigste deutsche Sängerin, gelassen und humorvoll bewegt sie sich zwischen Schlager, Chanson und Pop. Als Kinderstar vor über 60 Jahren das erste Mal in der Öffentlichkeit, gefeiert im Pariser Olympia, immer wieder in den Charts: Mary Roos hat geschafft, was keiner anderen deutschen Künstlerin gelungen ist. Ein zweiter Karrierefrühling kam mit dem Bühnenprogramm «Nutten, Koks und frische Erdbeeren», und Marys Performance in «Sing meinen Song» begeisterte auch Jüngere. Nun veröffentlicht sie ihre Autobiografie. Neben Glamour gab es aber auch im Leben von Mary Roos Schattenseiten: Zwei gescheiterte Ehen, Schmerz und Niederlagen – auch davon ließ sie sich nicht den Mut nehmen. Heute ist Mary Roos eine starke Frau voller Neugier auf das, was noch kommt.

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Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Mary Roos

Aufrecht geh'n

Mein liederliches Leben

 

 

 

Über dieses Buch

Mary Roos ist die vielseitigste deutsche Sängerin, gelassen und humorvoll bewegt sie sich zwischen Schlager, Chanson und Pop. Als Kinderstar vor über 60 Jahren das erste Mal in der Öffentlichkeit, gefeiert im Pariser Olympia, immer wieder in den Charts: Mary Roos hat geschafft, was keiner anderen deutschen Künstlerin gelungen ist. Ein zweiter Karrierefrühling kam mit dem Bühnenprogramm «Nutten, Koks und frische Erdbeeren», und Marys Performance in «Sing meinen Song» begeisterte auch Jüngere. Neben Glamour gab es aber auch im Leben von Mary Roos Schattenseiten: Zwei gescheiterte Ehen, Schmerz und Niederlagen – auch davon ließ sie sich nicht den Mut nehmen. Heute ist Mary Roos eine starke Frau voller Neugier auf das, was noch kommt.

Vita

Geboren wird Mary Roos 1949 in Bingen am Rhein. Im Hotel der Eltern die ersten Auftritte, wo sie entdeckt wird und 1958 mit 9 Jahren ihre erste Single aufnimmt. In den nächsten Jahren folgen unzählige Plattenveröffentlichungen sowie verschiedene Filmrollen. 1970 der erste große Hit «Arizona Man». Mary wird zum Star, hat eine eigene Sendung im deutschen Fernsehen, zeitgleich beginnt ihre Karriere in Frankreich. 1972 der Auftritt beim Grand Prix Eurovision, anschließend spielt sie drei Wochen vor ausverkauftem Haus im Pariser Olympia. Auch in den kommenden Jahren singt Mary Chansons und Schlager mit Anspruch und gehört bis heute zu den renommiertesten Interpretinnen Deutschlands. Ihre zweite Karriere als Kabarettistin beginnt, als sie mit Wolfgang Trepper das Programm «Nutten, Koks und frische Erdbeeren» auf die Bühne bringt, und einem jüngeren Publikum wird sie durch die Teilnahme an «Sing meinen Song» bekannt. 

Pe Werner wurde 1960 in Heidelberg geboren. Ihr Debütalbum «Weibsbilder» (1989) findet große Anerkennung in der Musikbranche. Für das zweite Album «Kribbeln im Bauch» (1991) erhält sie eine Goldene Schallplatte. Der Textdicherpreis der GEMA, zwei ECHO-Auszeichnungen und weitere Preise folgen. Neben kabarettistischen Soloprogrammen veröffentlicht Pe Werner bis heute 17 Alben, textet und komponiert für andere Interpret:innen (Mary Roos, Katja Ebstein, Milva, Barbara Schöneberger, Stefan Gwildis, Mireille Mathieu u. v. a.), arbeitet als Schauspielerin in TV und Theater.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, November 2022

Copyright © 2022 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Covergestaltung Anzinger und Rasp, München

Coverabbildung GABO

ISBN 978-3-644-01185-4

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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Für Julian

Stein auf Stein

Ich hab’s nicht so mit der Zeit und dem, was wann wo genau war. Ich bin eine Momentaufnahme. Immer im Hier und Jetzt. Gestern war gestern. Angenommen, ein Kriminalbeamter fragte mich: Wo waren Sie letzten Dienstag um 20 Uhr 30?, könnte er mich gleich verhaften. Keine Ahnung – wahrscheinlich vorm Fernseher. Seit ich nämlich nicht mehr dauernd in der Weltgeschichte herumtoure, bin ich häufiger vor der Flimmerkiste in der Waagerechten zu finden, getreu dem Motto: Der beste vierbeinige Freund des Menschen ist das Sofa.

Trotzdem sehe ich natürlich ein, dass es Sinn macht, sich zu erinnern, wenn man aus dem Nähkästchen plaudern möchte, und das will ich gerne. Also sollten wir vorne anfangen, wie sich das gehört, auch wenn ich mir dafür den Kopf zerbrechen muss.

Vorne, das heißt in meinem Fall 1949. Das war im letzten Jahrhundert, genau genommen im letzten Jahrtausend. Ja, ich bin schon so alt! Aber mit Zahlen hab ich’s auch nicht so. Wenn in den Hochglanzgazetten, in denen ich zuhauf die Ehre hatte, abgelichtet zu werden, steht: Mary Roos, Klammer auf 73 Klammer zu, juckt mich das wenig. Da bin ich absolut unfrankophil. Die Französin an sich verbittet sich nämlich Fragen nach dem Geburtsdatum. Mir ist das schnuppe. Im Gegenteil: Ich bin für «je oller, je doller» und wollte schon immer ’ne schrille Alte werden. Lieber schrill als langweilig; das schaff ich (hoffentlich). In Bezug aufs Älterwerden halte ich’s aber nicht mit Kalendersprüchen, sondern mit meiner vor Energie sprühenden Mutter, die im Brustton der Überzeugung zu sagen pflegte: «Das Leben beginnt ab 40.» Sie war die erste Emanze, die mir begegnete, lange bevor dieser Begriff überhaupt in den Sprachgebrauch aufgenommen wurde. Eine absolut selbstständige Frau, Chefsekretärin bei Mannesmann, mit exzellenten Führungskapazitäten und unschlagbarem Humor. Was nicht passte, wurde weggelacht. Die ungebremste Leichtigkeit des Seins habe ich von ihr.

Aber jetzt mal hübsch der Reihe nach:

Ich wurde am 9. Januar 1949 um 16 Uhr 15 ins Nachkriegsdeutschland geboren. Die genaue Uhrzeit wurde urkundlich protokolliert, ist mir persönlich ebenfalls schnurz, aber der guten Ordnung halber und für die Freunde der Horoskop-Erstellung sei es hiermit erwähnt.

Meine im Rheinland aufgewachsene Mutter Maria war 38, also für damalige Verhältnisse ziemlich spätgebärend, und mein groß gewachsener, hagerer Vater Karl 43. Ein Hesse, der mit Nachnamen Schwab hieß und den meine Mutter gerne lauthals Kareeel scholt (mit extralangem e), wenn sie in Rage war – und das war sie öfter.

Meine Mutter hatte Temperament, mein Vater die Ruhe weg. Er war ein stilles Wasser, eine grundehrliche Haut – Mutter Maria jedoch keine Heilige. Sie neigte leicht zum Kriminellen. Wozu die Wahrheit nicht ein kleines bisschen schönen, wenn nötig? Für meinen Vater wäre es nie in Frage gekommen, eigenmächtig am Glücksrad zu drehen. Apropos Rad. Einmal hatte mein Vater einen selbst verschuldeten Fahrradunfall, und meine Mutter schlug vor: «Sag doch einfach, die Sonne hat dich geblendet.» Ein Unding für meinen Vater. Für ihn galt: Lügen verboten. So, wie er zeitlebens keinen Tropfen Alkohol trank, was für einen Mann, der Wirt wird, schon absolut ungewöhnlich ist, war mein Vater in Sachen Lügen stets abstinent. Ich habe das Beste von beiden, und das trägt mich noch heute durchs Leben.

Ein Jahr vor meinem Erscheinen gaben sich meine Eltern das Ja-Wort. Meine Mutter ganz in Weiß, mit langem Schleier. Mein Vater chic in Frack und Fliege, mit Einstecktuch und Zylinder. Er hatte schon Anfang der Vierzigerjahre ein Auge auf meine Mutter geworfen. Vor dem Krieg waren es noch zwei – eine Kugel machte den Obergefreiten Karl Schwab zum Kriegsversehrten. Er kam als Spätheimkehrer nach Deutschland zurück, auf einem Auge blind. Die Kugel steckte ein Leben lang in seinem Kopf, als bleiernes Andenken an die dunkelbraune Hakenkreuzzeit, über die weder er noch meine Mutter je reden mochten. Sooft ich auch nachfragte, das Geschehene und Gesehene blieben unter Verschluss. Nur einmal öffnete mir meine Mutter kurz die Tür zu ihrem Inneren, in dem sie die Nahaufnahmen von Entbehrung, Hunger und Kälte aufbewahrte, von Nächten auf mit Kohle beladenen Güterzügen, Fliegeralarm und Hamsterfahrten aufs Land zum Bauern, wo sie sich Kartoffeln und Butter ertauschte. Danach schloss sich diese Tür wieder.

Meine Mutter gehörte zur Generation Trümmerfrau. Wie sie und all die anderen Mütter und Großmütter es schafften, die Stellung zu Hause an der sogenannten Heimatfront zu halten, und dann, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, im Mai 1945 anpackten, um das Land wieder aufzubauen, ist bewundernswert. Diese Frauen verdienen mehr Anerkennung, als ihnen bis heute zuteilgeworden ist. Ich hatte schon immer das Bedürfnis, dafür einmal Danke zu sagen. 2017 bekam ich die Gelegenheit, meiner Mutter dieses Lied zu widmen:

Heut spuckt der Fernseher Schwarz-Weiß-Bilder aus

in den Straßenzügen steht nicht ein Haus

nicht mal die Kirchen blieben verschont

ein Trümmerhaufen und doch bewohnt

in diese Zeiten bist du gebor’n

hast dich durch die Nächte im Bunker gefror’n

und als es vorbei war und das Land in Schutt

warst du dir sicher: alles wird gut

 

Du setztest Stein auf Stein auf Stein

wo nahmst du die Kraft her

Stein auf Stein auf Stein

dein Glas war nie halb leer

du bautest auf Stein

Stein auf Stein auf Stein

du setztest immer

Stein auf Stein jeder Stein

ein Hoffnungsschimmer

und stürzte der Himmel über dir ein

setztest du Stein auf Stein

 

Ich seh’ dich vor mir im zerbombten Grau

mit Schaufel und Besen, eine Steh-auf-Frau

Kriegshelden kriegen Orden verliehen

wer gab den Frauen was sie verdienen

du bist bis heute ein Vorbild für mich

ein Fels in der Brandung war nichts gegen dich

du hast schwarz gehandelt und unverhohl’n

nachts von den Zügen Kohlen gestohl’n

 

Stein auf Stein auf Stein

wo nahmst du die Kraft her

Stein auf Stein auf Stein

dein Glas war nie halb leer

du bautest auf Stein

Stein auf Stein auf Stein

du setztest immer

Stein auf Stein jeder Stein

ein Hoffnungsschimmer

und stürzte der Himmel über mir ein

setztest du Stein auf Stein

Stein auf Stein

Für meine Mutter war das Glas tatsächlich immer halb voll. «Geht nicht gibt’s nicht», war ihr Credo. Nichts war unmöglich. Sie hatte die Gabe, andere mit ihrem sonnigen Wesen für sich einzunehmen, und ich vermute, dass mein Vater deshalb die Angel nach ihr auswarf. Ob sie miteinander immer glücklich gewesen sind, kann ich nicht sagen – es waren andere Zeiten. Da war Frau erst mal froh, wenn der Mann überhaupt aus dem Krieg zurückkam.

Meine Eltern waren, wie sich herausstellen sollte, ein gutes, alltagstaugliches Gespann und zudem wohl auch körperlich nicht uninteressiert aneinander. Sie neigten ganz offensichtlich zur Vielkinderei, denn ich bin der erste Streich von vieren. Nach mir kamen Franz, dann Tina und schließlich Marion. War meine Mutter bei ihrer Heirat noch ein schmales Persönchen gewesen, so rutschte ihre Figur mit jeder Geburt mehr auseinander. Man kann sagen, sie ist mit der Zeit optisch über sich hinausgewachsen. Genau wie ich. Ich sammle neuerdings auch kiloweise Hüftgold an und runde zusehends vor mich hin. Von den paar nächtlichen Kühlschrank-Gängen kann das nicht kommen! Wie auch immer, 1949 hatte ich mit meinen rund 3200 Gramm jedenfalls noch Idealgewicht.

Die Bundesrepublik Deutschland erblickte wenige Monate nach mir das Licht der Welt, mit dem Segen der Alliierten. Ihre Schwester DDR folgte im Herbst desselben Jahres. Die Siegermächte hatten gleich nach Kriegsende die NSDAP verboten und zur Entnazifizierung geblasen. Jetzt swingte es aus deutschen Volksempfängern und klang nach Zukunftsmusik. Alle Uhren auf Neuanfang.

Die Liebesgeschichte von Maria und Karl spielte im Westen, im amerikanischen Besatzungsgebiet, und wild war sie auch. Die Reichsmark schwächelte, der Schwarzmarkt blühte. Auf den Straßen summte man den Kippensammler-Blues. US-amerikanische Zigaretten waren die gängige Undercover-Währung, und die GIs punkteten bei den deutschen Fräuleins mit Nylonstrümpfen, Kaugummi und Schokolade.

Nun wich Ersatz-Kaffee aus Getreide echtem Bohnenkaffee, und in der neu geborenen BRD proklamierte Ludwig Erhard, pausbäckig dicke Zigarren rauchend, als Bundesminister für Wirtschaft «Wohlstand für alle». Konrad Adenauer nuschelte sich durchs Bundeskanzleramt, die D-Mark kam, die Bäuche wuchsen, und meine Eltern waren mittendrin im deutschen Wirtschaftswunderland: in Bingen am Rhein im Hotel Rolandseck.

Mein Vater hatte das Hotel von seinem Vater Franz-Josef geschenkt bekommen und im Laufe der Jahre noch einen Weinberg und eine Metzgerei dazuerworben. Einmal in der Woche war Schlachttag bei Schwabs, und der Geruch von Metzelsuppe machte sich im ganzen Haus breit. Ein Duft, der sich mir ganz tief eingeprägt hat wie das Parfüm meiner Mutter, das alle Räume unserer Wohnung beheimatete. Meine Kindheit roch nach Metzelbrühe, 4711 und Apfelkuchen.

Jodel-Rosemarie

Vor den Fenstern unseres Hotels glitten unablässig Schiffe vorbei, denn das Rolandseck hatte 1-a-Rheinblick. Dadurch lockte es zum einen Touristen an, aber auch alle Jahre wieder jede Menge Hochwasser, das je nach Höhe den Keller oder das erste Stockwerk flutete. Ich möchte deshalb die Geruchsskala meiner Kindheit um die Duftnote Moder erweitern. Die hielt sich ähnlich hartnäckig wie das Kölnisch Wasser meiner Mutter. Auch wenn der Keller längst ausgepumpt und trockengelegt war – es müffelte. Ich habe mich immer gefragt, warum Menschen ihre Häuser in den hochwassergefährdeten Gebieten nicht verlassen wollen? Du stehst doch wieder und wieder in Gummistiefeln im braunen Flussschlamm und bangst um dein Hab und Gut, dann zahlt die Versicherung nicht, und alles, was dir bleibt, ist der Mief. Es kann nur Heimatverbundenheit sein, die einen bleiben und singen lässt: «Darum ist es am Rhein so schön.»

Ich habe den Rhein in allen Facetten gesehen und geliebt und wäre sicher Wettkönigin bei Thomas Gottschalk geworden, wenn es darum gegangen wäre, Flüsse am Geruch zu erkennen. Der Rhein ist mein Sehnsuchtsort. 1956 war er so dick zugefroren, dass man darauf Schlittschuh laufen konnte. Hier in Hamburg kann ich die Elbe besuchen, wann immer mir danach ist, aber manchmal fehlt mir Vater Rhein, denn er riecht nach Zuhause.

 

Neben den Rhein-Touristen, die sich nur mit Frühstück oder Vollpension bei uns einbuchten, kamen auch Gäste der besonderen Art. Regelmäßig fuhren Dutzende Reisebusse vor und spuckten Unmengen von Tagesausflüglern aus. Am schlimmsten war es, wenn die Busse orangefarbene Nummernschilder hatten – denn dann kamen sie aus den Niederlanden. Ich höre meine Mutter noch heute rufen: «Zu Hilfe, die Holländer kommen!» Wenn Holländer-Tag war, wurde nämlich prinzipiell nur heißes Wasser bestellt, in das die holländischen Gäste ihre eigens mitgebrachten Teebeutel versenkten und dazu ihre selbst geschmierten Stullen auspackten. An Holländer-Tagen war meine Mutter auf 180 und unsere Kasse leer.

Mein Vater war ein eher in sich gekehrter Mensch, einer, der nicht viele Worte machte. Ein Gentleman, der vor jeder Frau den Hut zum Gruß zog und stets den Eindruck erweckte, er sei die Ruhe selbst. Das änderte sich aber schlagartig, wenn das Essen nicht pünktlich auf den Tisch kam; da wurde er fuchsig. Es war also penibel darauf zu achten, dass das kulinarische Zeitmanagement stimmte. Er war ein strenger Vater und verlangte tadelloses Benehmen, denn er kam selbst aus einem Haus, in dem man sehr viel Wert auf gute Erziehung gelegt hatte. Wir mussten beim Essen immer eine Hand auf den Tisch legen. Benimmverstöße waren tabu. Angst hatten wir nicht vor ihm, aber er flößte uns schon ordentlich Respekt ein. Im Alter wurde er sehr lustig; nur in Bezug aufs pünktliche Essen verstand er bis zuletzt keinen Spaß.

 

Wir frühstückten im Hotel immer im gleichen Raum, bevor die Gäste kamen, in einer Art Jagdzimmer. Mein Vater saß direkt unter einem riesigen, ausgestopften Adler mit scharfem Schnabel. Jedes Mal, wenn er aufstand, stieß er sich den Kopf an diesem Vieh. Wir warteten schon immer auf diesen Moment – doch noch bevor wir «Achtung! Vorsicht!» rufen konnten, war’s wieder passiert. Man sollte doch annehmen, dass der Adler nach den ersten Attacken den Horst hätte wechseln müssen – besonders, nachdem mein Vater eine richtige Delle am Kopf hatte. Aber nein: Der Adler blieb, und das Schauspiel wiederholte sich täglich. Diese Duldsamkeit hätte ich nicht gehabt, ganz abgesehen davon, dass ich nie auf die Idee käme, mir ein ausgestopftes Tier an die Esszimmerwand zu nageln. Wenn doch, würde ich kurzen Prozess machen: Einmal den Kopf gestoßen, und das Vieh landete in den ewigen Jagdgründen meiner Restmülltonne.

Wir waren eine recht feierwütige Familie; es wurde gefeiert, was das Zeug hielt. Karneval, Ostern, Weihnachten, Gedenk-, Geburts- und sogar Namenstage, kein Festtag war vor uns sicher. Die Feierei in meiner Jugend hat mir fürs ganze Leben gereicht. Mit meinem Dreißigsten habe ich aufgehört, meinen Geburtstag zu feiern. ich mache das erst wieder, wenn ich 80 werde, und dann lade ich alle meine Freunde und Feinde ein.

Einmal bekam ich zu Weihnachten einen Spielzeugherd geschenkt; wir saßen gemütlich beim Gänseschmaus, als meine Mutter bemerkte: «Hier riecht’s verbrannt.» Mein Herd hatte Feuer gefangen und setzte unser Wohnzimmer in Brand. Das sollte nicht der einzige Feuerwehreinsatz im Hause Schwab bleiben: Im Jagdzimmer gab es einen Zigarrenschrank, der mich geradezu magisch anzog. Eines Nachmittags stiftete ich meinen kleinen Bruder Franz dazu an, daraus Zigarren zu stibitzen und mir auf den Dachboden zu folgen. Dort zündeten wir die dicken Dinger an, nahmen einen Zug, mussten fürchterlich husten und warfen sie weg. Kurze Zeit später brannte die Hütte.

Tja, was soll ich sagen? Ich war schon immer leicht entflammbar, vor allem für alles, was mit Musik und Unterhaltung zu tun hatte. Im Alter von vier Jahren erklärte ich meinen Eltern: «Ich werde Theaterin.» Für ein schüchternes, zierliches Ding mit dünnen Storchenbeinchen, Zöpfen und Schleifchen im Haar war das geradezu tollkühn, aber ich wusste eben genau, was ich wollte – nur nicht, wie das heißt.

Ich muss ungefähr sechseinhalb gewesen sein, da malte ich mit Franz Einladungen für unsere Hotelgäste, die wir dann im Restaurant verteilten oder sie unter den Hotelzimmertüren der Gäste durchschoben. Unsere geplante Theateraufführung hieß «Der jodelnde Kasper», und der Eintritt betrug 10 Pfennige. Eltern und Hotelgäste waren amüsiert, kamen, sahen und zahlten. Das war nur recht und billig, denn wir waren jung und brauchten das Geld für die Eisdiele vor unserem Hotel oder den nahen Kiosk am Bahnübergang, wo es Brausestäbchen für 2 Pfennige das Stück gab. Unser Schulweg zog sich nämlich: eine Dreiviertelstunde hin und wieder zurück, also anderthalb Stunden laufen. Das wäre ohne Brausepulver gar nicht zu schaffen gewesen.

Ab Mitte der fünfziger Jahre spielte an den Wochenenden bei uns im Hotel eine Band zum Tanztee. Das faszinierte mich ungeheuer; ich wollte unbedingt mitmachen und durfte es auch. Wenn ich sang, war meine Schüchternheit verflogen. Ich stand also regelmäßig vor der Combo und sang die zu der Zeit angesagten Schlager, in adretten, von meiner Mutter genähten Kleidchen. Die Zöpfe waren einer Kurzhaarfrisur zum Opfer gefallen, und ich sang mit Inbrunst und riesiger Zahnlücke Schlager von Conny Froboess wie «Pack die Badehose ein» oder von Caterina Valente «Wo meine Sonne scheint» (die deutsche Cover-Version von Harry Belafontes «Island In The Sun»). Freudestrahlend und ausgiebig lispelnd gab ich sämtliche Fünfzigerjahre-Hits zum Besten.

Als Siebenjährige hatte ich bereits den Sprung geschafft: vom heimischen Hotel-Hinterzimmer in die Stadthalle Bingen, begleitet von Herrn Dahn am Akkordeon. Als Gage gab’s eine Tafel Schokolade. Damit kriegt man mich immer. Das muss jetzt aber unter uns bleiben, das dürfen meine bezaubernden Fans bitte nicht erfahren. Sobald Fans mitkriegen, dass du etwas gerne magst, wirst du fortan nach Auftritten damit überschüttet. Ich weiß, wovon ich rede, ich hatte das schon mal. Wenn sich das wiederholt, explodiert meine Waage. Dann lieber ein kleiner Geschenkgutschein von der Parfümerie, die lange Zeit damit warb, dass man rein- und auch wieder rausfinden muss. Dort findet man sicher auch Speckwegrubbelcremes für den kleinen Geldbeutel, also für maximal zehn Euro. Ach, ich rede mich hier um Kopf und Kragen. Manchmal geht der Gaul mit mir durch, das habe ich von meiner Mutter.

 

Sorry, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, bei meinen ersten Schritten im Showgeschäft. Ich firmierte zunächst unter meinem Taufnamen Rosemarie, Vorname «die Kleine». Mit Namen kann ich strunzen, da waren unsere Eltern nicht geizig. Wir haben alle Doppelnamen, also zwei Vornamen. Die Mädchen alle mit M beginnend, dem M von Mutter Maria folgend. Nur mein Bruder Franz tanzte mit seinem F aus der Reihe; er hieß nach meinem Großvater väterlicherseits, hätte aber, wenn man’s genau nimmt, eigentlich auch ein M vorm Komma haben, also mindestens ein Martin, Manfred oder Mathias werden müssen. Aber Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel, und ich finde, mein Bruder hat’s letztlich gut getroffen. Andere heißen wie IKEA-Regale, und es gibt sehr leckere Brötchen, die Franz heißen.

Ich wurde auf Marianne-Rosemarie getauft, Tina hat noch eine Monika im Pass stehen, und unsere jüngste Schwester heißt Marion. Marianne hat mich nie jemand genannt. Ich war «die kleine Rosemarie», sollte aber 1958 groß rauskommen. Immerhin hatte ich inzwischen schon beim Karnevalsverein im Nachbarort Weiler auftreten dürfen. Vor achthundert Jecken. Helau und Alaaf!

Eines Tages bekamen wir berühmten Besuch zur Tanzteestunde: Der Komponist Karl Götz lauschte meiner dreikäsehohen, fröhlich rausposaunten Schlager-Lispelei und schlug meinen Eltern begeistert vor, eine Schallplatte mit mir zu produzieren. Mein Wunsch, Theaterin zu werden, sollte tatsächlich in Erfüllung gehen. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, hätten meine Eltern befunden, dass die brotlose Kunst nix für ihre Erstgeborene ist? Aber meine Mutter war abenteuerlustig und von Anfang an auf meiner Seite. Außerdem: Warum Brot, wenn man Schokolade haben kann?

 

Karl Götz schrieb drei Jahre später mit «Tanze mit mir in den Morgen» einen Riesenhit. Gerhard Wendland sang den Titel, der sich eine Million mal verkaufen sollte. Ich hatte bis dato nur Lieder von anderen Interpretinnen zum Besten gegeben, aber nun sollte ich eigens für mich geschriebene Stücke singen dürfen. Was für eine Chance! Karl Götz komponierte mein erstes Lied, einen Gute-Laune-Schlager, mit nach Augsburger Puppenkiste anmutendem Arrangement. Darin fand ich «ja, die dicken Dicken sind ja so gemütlich, so friedlich und so niedlich» und beschloss, «wenn ich groß bin, will ich auch so einen Mann». Geklappt hat das dann nicht wirklich. Die Lieben meines Lebens waren keine dicken Fische, sondern schmalbrüstig, was den Kontostand betraf, aber was kümmert einen, wenn man verknallt ist, das eigene Geschwätz von gestern?

Mein erstes eigenes Lied über die gemütlichen Dicken war die A-Seite meiner Single. Für die B-Seite besang ich in der «Ferien-Polka» meine Freude darüber, nicht zur Schule gehen zu müssen, und glänzte mit der Weisheit: «Wer verreisen tut, der hat es ganz besonders gut. Tralalalala …»

Von nun an ging’s steil bergauf, und zwar im Tour-Bus. Der Schulwegmarathon war gestern. In Begleitung von Mutter und Privatlehrerin fuhren wir landauf, landab inmitten einer Horde musizierender Kettenraucher. Die Stimmung ausgelassen, die Luft zum Schneiden von Roth-Händle, Overstolz und Peter Stuyvesant. Eins, zwei, drei vier Eckstein, alles muss verqualmt sein. Wenn wir aus dem Bus stiegen, glichen wir frisch geräucherten Forellen. Das war er also, der berühmte Duft der großen weiten Welt. Ich war neun Jahre alt, Passivraucherin und auf Tournee mit Max Greger und seinem Orchester. Der Saxophonist hatte schon damals einen guten Namen. Ich war zweimal im Jahr für mehrere Wochen mit ihm und seiner Band unterwegs und fühlte mich pudelwohl mit den Musikern. Auf Tournee sein war keine Arbeit für mich, sondern fühlte sich an wie eine Klassenfahrt.

Neben den damaligen Stars Peter Kraus und Ted Herold war auf dieser Tournee auch die Sängerin Melitta Berg mit von der Partie. Sie hatte mit «Nur du, du, du allein» (der Cover-Version von «To Know Him Is To Love Him» der Teddy Bears) gerade einen Hit und saß im Bus immer ganz vorne in der ersten Reihe. Von dort zwang sie den Busfahrer, an jeder Kirche haltzumachen, dann stieg sie aus und erstand Dutzende Heiligenbildchen, die sie anschließend im Bus verteilte. Die Herren hätten dem Geist des Weines lieber zugesprochen, aber Melitta hatte es nun mal mit dem Heiligen. Wenn ich’s recht bedenke, waren wir somit eher auf Wallfahrt. Auch Peter Kraus und Ted Herold konnten Melittas Kirchen-Stop-and-Gos nicht entkommen. Die beiden waren Rivalen und wurden von kreischenden Teenagern heiß umschwärmt, die sich bei den Konzerten erbitterte Konkurrenzkämpfe im Saal lieferten. Mein Höhepunkt war, wenn sich die Fans der Schmalztollen-Träger allabendlich mit Eiern und Tomaten bewarfen. Leider sah das Jugendschutzgesetz vor, dass ich dem Spektakel nur bis maximal 21 Uhr beiwohnen durfte; dann hatte ich schleunigst vom Veranstaltungsort zu verschwinden. Schade, gerne hätte ich weiter Mäuschen gespielt und den rock ’n’ rolligen Halbstarken-Schlachten zugeschaut. Meinen Spaß hatte ich trotzdem, und diesmal gab’s sogar Geld dafür! 80 Mark pro Tag für zwei Vorstellungen. Ich hätte in Brausepulver baden können.

Untergebracht waren wir auf den Tourneen meist in Hotels, die eher Wohnklos ähnelten und direkt am Bahnhof lagen. Auf die Frage, wo mein Zimmer denn läge, antwortete ich oft: «Auf Gleis drei.»

1958 bekam ich das Angebot, im Film «Die Straße» mitzuwirken, den ich selbst leider nicht anschauen durfte. Das Sittenfilm-Gucken war erst ab 18 erlaubt. Es ging um gefallene Mädchen, auch Bordsteinschwalben genannt, die in die Prostitution abgerutscht waren, ein deutsches Filmdrama mit Heinz Drache und Martha Wallner in den Hauptrollen. Erst 30 Jahre später konnte ich mir dabei zusehen, wie ich als Rosemarie den «Little Teenager Song» trällere. Im Fernsehen war die Welt damals noch schwarz-weiß, aber im richtigen Leben strotzten Tapeten, Vorhänge und Teppiche plötzlich nur so vor Farbe. Kunststoff ersetzte den ollen Schleiflack. Es war die Zeit von Käse-Igel und Toast Hawaii, von Pomade, Milchbars und Nierentischen. Conny Froboess wuchs langsam zum Teenager heran, und die Musikproduzenten feilten an Nachfolge-Kinderstar-Karrieren. Ich hatte in der Sängerin Gabriele eine starke Konkurrentin. Sie war schon zwölf und ich zugegebenermaßen ein bisschen neidisch auf ihr Duett mit dem Jazztrompeter und Sänger Louis Armstrong. Das englisch-deutsch gesungene Schlaflied «Uncle Satchmo’s Lullaby» hätte ich zu gerne mit ihm gesungen. Aber mer muss och jünne könne, sagt der Rheinländer.

Ich hatte außerdem genug zu tun. 1959 nahm ich weitere Singles auf: «In Musik hab’ ich ’ne Eins», «Ich möcht’ schon sechzehn Jahre sein», «Wir fahren mit der Choo-Choo-Choo», «Dann wär’ was los». Ich sang und sang, auf Platten und Bühnen, unbekümmert wie eh und je, und durfte wenig später auch mein ungeahntes Talent als Jodel-Rosemarie zur Schau stellen mit dem Kracher «Ich bin die kleine Jodel-Rosmarie, ich jodel abends und auch in der Früh …» Loriot hätte seine wahre Freude an mir gehabt. Leider warte ich bis heute vergebens auf das mir zustehende Jodel-Diplom.

Ich bin Mary und nicht Jane

Ein Jahr später hatte es sich ausgejodelt, namenstechnisch. Ein Künstlername sollte her, einer, der international klang, am liebsten Englisch. Das war groß in Mode. Andere hatten es vorgemacht, und es leuchtete mir auch ein. Namen wie Gerhard Höllerich oder Ludwig Franz Hirtreiter klingen nun mal weniger sexy als Roy Black und Rex Gildo. Ich wollte aber keinen Phantasienamen; ich wollte ich bleiben. Jürgen Bockelmann nannte sich Udo Jürgens und hatte damit etwas von sich behalten können. Das wollte ich auch – also teilte ich Rosemarie durch zwei, tauschte die Namen um und drehte noch ein bisschen an der Schreibweise. Ich fand, das klang dynamisch, praktisch, gut: Mary Roos. Das mit dem Doppel-O im Nachnamen war wichtig: Roos, wie famos. Hat aber wenig genützt. Ich weiß nicht, wie oft ich im Laufe meiner Karriere als «Ross» angekündigt wurde. Da half nur durchlächeln und Schwamm drüber. Pferde sind im Übrigen sehr intelligente Wesen, und vielleicht hatten meine Auftritte nach einer solchen Anmoderation auch mehr PS. Wer weiß? Meine Schwester Tina hatte das Problem nicht. Tina York, das hat Swing und Klasse, ist kurz und prägnant, und man denkt bei York sofort an Stars und Broadway. Da sieht man mal, wie wichtig ein kleiner Buchstabe ist. Ohne zweites O werde ich zum Pferd, und ohne T ist die deutsche Sprache ohne Saf und Kraf.

 

Meine ersten Gehversuche auf Schallplatte fanden unter der Regie von Schlagerkomponist Horst Heinz Henning statt. Er war Plattenproduzent und später auch Textdichter vieler meiner Lieder und hatte mich musikalisch unter seine Fittiche genommen. Zwischen 1958 und 1969 wurden mit seinem Dazutun rund 100 Titel veröffentlicht, meist ohne mein Wissen. Viele Aufnahmen entstanden unter Pseudonymen und in aberwitzig vielen Formationen. Ich sang als Topsi, Rosi und Gitty, Mary und Perry, mit den Urbanos, Vocalos oder Sixtones. Jahre später kursierten einige dieser Jugendsünden auf CD und erinnerten mich damit an die umtriebigen Zeiten meiner frühesten Jugend, in der ich sie schon alle gehabt hatte: Erwin Lehn und sein Tanzorchester, Willy Berkings Big Band, das Gerd Schmidt Ensemble, das Orchester Paul Lemberg und und und … Ich sang immer nach Leibeskräften nach dem Motto «All you can sing» und bekam dafür Taschengeld. So konnte ich spielerisch das Handwerk der Studio-Sängerin erlernen und übernahm auch alle Chorgesänge. Obgleich ich nie gelernt hatte, Noten zu lesen, fielen mir die passenden Melodien und Chorsätze zu wie reifes Fallobst. Ich machte den Mund auf, und die richtigen Töne purzelten heraus. Ein Talent, das mich noch immer begleitet. In der Regel treffe ich jederzeit den guten Ton, doch auch ich kenne natürlich diesen Moment, in dem man unverhofft von der Tonleiter fällt. Saublöd, aber selbst Madonna lag mal ziemlich daneben.

Ich bin von Natur aus mit einem inneren Tonhöhe-Seismografen ausgestattet. Das heißt, ich weiß im Ernstfall schon, bevor der Ton meinen Mund verlässt, dass er schief ist. Dann gibt’s nur leider kein Zurück mehr. Das Ding ist raus. Der schiefe Ton-Turm steht. Meist ist zum Glück kein weiteres Nachbeben zu erwarten. Es kommt aber auch vor, dass ich mitten im Konzert denke: «Was hat denn die in der zweiten Reihe für ein komisches Kleid an?», und zack, ist der Text weg. Das muss man sich mal vorstellen: Da stehe ich vor vollen Zuschauerrängen, singe ein Lied, das ich schon hundertausendmal gesungen habe, unter Umständen mit sehr ergreifendem Text, und mein Geist geht unterdessen spazieren. Bitte nicht falsch verstehen: Ich finde es himmlisch, wenn der Geist spazieren geht. Wenn mir dabei allerdings 1500 Augenpaare folgen, wird’s leicht nervenkitzelig.

Aber «Peinlich is nich’» ist meine Devise, und im Falle dieses Falles gehe ich ab wie Schmitz’ Katze. Stoppe die Band mit einer Handbewegung und sage in die plötzliche Stille des Saales: «Ich hab’ den Text vergessen. Ham Se auch gemerkt, ne? Am besten, ich geh noch ma’ hintern Vorhang, komme wieder raus, und Sie tun bitte so, als hätten Sie mich noch nicht gesehen.»

Ich weiß, es gibt Kollegen, die fangen bei Textleerstellen an, mit den Armen zu rudern, Englisch zu kauderwelschen oder der Band Drohblicke zuzuwerfen. Ich nicht. Wenn der Wurm drin is’, isser drin. Dann gilt es, Flagge zu zeigen und ehrlich zu sagen, was Sache ist. Damit bin ich immer gut gefahren. Das habe ich wohl von meinem Vater.

Während meine Mutter mit mir auf Achse war, ließ sie meine jüngeren Geschwister in der Obhut meines Vaters, und er schmiss den Laden in Bingen eine Zeit lang mit seiner Mutter, unserer Großmutter, die im Hotel Rolandseck das Küchenregiment innehatte und froh war, ihren Sohn wieder für sich alleine zu haben. Sie ließ keine Gelegenheit aus, meine Mutter zu piesacken, und behauptete häufig: «Maria, das Personal klaut!» Dadurch versuchte sie Zwietracht zu säen, aber meine Mutter durchschaute Omas Strategien und hatte den besten Stand beim Personal. Sie war eine verantwortungsbewusste, gute Chefin, und die Angestellten vertrauten ihr. Nach dem Tod meiner Großmutter fanden sich die vermeintlich entwendeten Gegenstände wie Besteck und Silberschalen plötzlich alle in ihren Schränken und Kommoden wieder. Auch tafelweise Schokolade, die im Laufe der Jahre schon weiß angelaufen war. Meine Oma selbst war die diebische Elster gewesen! Ich liebte sie sehr, und zu uns Kindern war sie zeitlebens zuckersüß, nur mit ihrer Schwiegertochter bot sie sich permanent die klassischen Du-hast-mir-meinen-Sohn-weggenommen-Kämpfe.

 

Die anbrechenden Sechziger sollten Schwab’sche Wanderjahre werden. Wir checkten aus dem Hotel aus und zogen fortan ständig um. Das Nomadenleben endete erst im Schwarzwald, wo die Familie beschloss, in Villingen-Schwenningen sesshaft zu werden. Während meine Geschwister zu Hause wohnen blieben, fand ich mich in Bayern wieder, im Töchterinternat Schloss Seeleiten. Das Anwesen lag direkt am Staffelsee, war um die Jahrhundertwende erbaut worden und hatte der Trappfamilie als Filmkulisse gedient, bevor es zum Internat wurde. Ich war nicht besonders groß gewachsen, aber von nun an auf Augenhöhe mit höheren Töchtern. Sie kamen aus der ganzen Welt, aus besten Häusern und fuhren mit Chauffeur vor. Als Sprösslinge wohlhabender Industrieller, Adliger und Diplomaten drückten sie auf Schloss Seeleiten die Schulbank mit dem Ausbildungsziel: Gattin des Generaldirektors. Meine Eltern hätten sich das nie leisten können, aber Herr Henning hatte angeregt, mich dort einzuschulen. Die Kosten würden von ihm übernommen werden. Dort sollte aus dem singenden Entlein ein Schwan werden, der weiß, wie man sich auf internationalem Parkett bewegt, Fremdsprachen spricht und, jetzt kommt’s – faltenfrei bügelt. Ja, Bügeln war ein Hauptfach. Nie werde ich das «Mahnmal» an der Wand vergessen, auf dem in großen Lettern zu lesen stand: VOM WEITEN INS ENGE BÜGELN. Heute weiß ich: kann man machen, muss man aber nicht. Damals war es Paragraf 1 des geltenden Töchterinternat-Grundgesetzes. Wenn also eine weiß, wie man fachgerecht glattbügelt, dann ich.

Ich war inzwischen dreizehn Jahre alt und teilte mit Maria Berlinger das Zweibettzimmer. Maria war Bauunternehmerstochter, handfest, fröhlich und nicht die Bohne überkandidelt. Das passte und half auch über das blöde Heimweh hinweg, das mich immer wieder heftig überflutete, denn die Familie sah ich jetzt nur ein- bis zweimal im Jahr. Ich lernte Hauswirtschaften, Tippen und Tanzen, Englisch und Russisch und wie man sich die Beine rasiert. Vor allem, wie man die strenge Nachtruhe mit Taschenlampe unter der Bettdecke heimlich lesend hinauszögern kann und dass Endlosschleifen der Musik von Frank Sinatra innerlich vom Engen ins Weite beflügeln.

Auf Schloss Seeleiten lernte ich auch, wie man sich hochschlafen kann; vom ersten Stock ins Turmzimmer. Man musste nur älter werden. Je älter, umso größer die Chance, die Treppe hochzufallen, ein Einzelzimmer zu ergattern und zum Rapunzel aufsteigen zu dürfen. Am Ende meiner Internatszeit 1966 hatte ich es geschafft.