Aufrecht - Lea Ypi - E-Book

Aufrecht E-Book

Lea Ypi

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Beschreibung

Was wissen wir wirklich über die Menschen, die uns am nächsten stehen?

Als Lea Ypi im Internet ein ihr unbekanntes Foto entdeckt, das ihre Großeltern 1941 beim Après-Ski in den italienischen Alpen zeigt, fragt sie sich, was sie wirklich über ihre Familie weiß. Warum hat ihre geliebte Großmutter Leman, genannt Nini, Französisch gesprochen, wenn sie doch in Saloniki aufgewachsen war, als Enkelin eines Würdenträgers? Was hatte sie bewogen, als junge Frau Griechenland zu verlassen und auf eigene Faust nach Tirana zu gehen? Wie war sie mit Asllan zusammengekommen, ihrem Mann, der bald für viele Jahre in einer »Universität« verschwand? Und warum lächelte sie im Schnee von Cortina und zu einer Zeit, in der es nichts zu lachen gab, weil in Europa ein grausamer Krieg tobte?

Lea reist an die Orte von Lemans Leben, um es Stück für Stück anhand von Archivalien, Akten und Anekdoten zu rekonstruieren. Gebannt folgt man ihr in die untergegangene Welt der osmanischen Aristokratie, an die Wiege der neuen Nationalstaaten auf dem Balkan und natürlich nach Albanien, erst unter faschistischer Besatzung, dann unter kommunistischer Herrschaft.

Fesselnd, empathisch und in ihrem unnachahmlichen Ton erzählt Lea Ypi in Aufrecht von den Wendepunkten eines Lebens in extremen Zeiten – von schicksalhaften Begegnungen, von Liebe und Verrat sowie von Entscheidungen gegen den Strom der Geschichte. Ihr neues Buch – der lang erwartete Prequel zum international gefeierten Bestseller Frei – ist atemberaubende Familiensaga und tiefgründige Reflexion über die Zerbrechlichkeit der Wahrheit. Mit der Kraft der Imagination setzt es Menschen ein Denkmal, die ihre Würde zu bewahren vermochten, als sie mit Stiefeln getreten wurde. Episch.

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Seitenzahl: 464

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Cover

Titel

Lea Ypi

Aufrecht

Überleben im Zeitalter der Extreme

Aus dem Englischen von Eva Bonné

Suhrkamp

Impressum

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Die Wiedergabe von Gestaltungselementen, Farbigkeit sowie von Trennungen und Seitenumbrüchen ist abhängig vom jeweiligen Lesegerät und kann vom Verlag nicht beeinflusst werden.

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Titel der Originalausgabe: Indignity. A Life ReimaginedNicht alle Figuren und Ereignisse in dieser Geschichte sind real, nicht alle Namen und Einzelheiten realer Personen undEreignisse sind unverändert.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2025

Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2025

© der deutschsprachigen Ausgabe Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2025© der Originalausgabe Copyright © Lea Ypi, 2025

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg, unter Verwendung des Originalumschlags von Penguin Press/Penguin Random House UK.Umschlagabbildungen: Ausschnitt aus Süßer William, Vergissmeinnicht, Convulvus und ein Kanarienvogel auf einem Sims von Johan Laurentz Jensen, Öl auf Holz, 1836 (Kanarienvogel), Foto: Christie's Images, London/Scala, Florenz; Alamy Stock Photos (runder Poststempel)

eISBN 978-3-518-78358-0

www.suhrkamp.de

Widmung

In Erinnerung an meinen Vater

Xhafer Ypi (Zafo), 1943-2005

Motto

»Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis, oder eine Würde.«

– Immanuel KantGrundlegung zur Metaphysik der Sitten

»Es ist also nicht bloß poetisch erlaubt, sondern auch philosophisch richtig, wenn man die Schönheit unsre zweite Schöpferin nennt.«

– Friedrich SchillerÜber die ästhetische Erziehung des Menschen

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Inhalt

Informationen zum Buch

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Motto

Inhalt

Die handelnden Personen

Zeittafel

Karten

ERSTER TEIL

Prolog: Das Foto

1. Der kranke Mann Europas

2. Die Entmischung der Völker

3. Alles hat einen Preis

4. Ein Risiko eingehen

5. Ein Raum voller Rauch

6. Nur zum Besten

7. Die Albanerin

ZWEITER TEIL

Prolog: Die Griechin

1. Die Hunde

Intermezzo. Asllans Biografie

2. Hausschuhe und der Gemeinwille

Intermezzo. Lehren aus der Geschichte

3. Zwiebeln und Lavendel

4. Ein Zeichen

Intermezzo. Informationen über Leman Ypi

5. Skanderbeg-Paare

Intermezzo. Telegramm

Intermezzo. Aus dem Protokoll der Konstituierenden Sitzung des albanischen Parlaments

6. Feuer löschen

7. Rote Sterne in der Morgendämmerung

8. Entscheide dich für eine Seite

9. Je m’appelle 10017

DRITTER TEIL

Prolog: Neulich in Thessaloniki

Intermezzo. Eine Frau aus Saloniki

Intermezzo. Überwachungsprotokolle

1. Eine weitere humanitäre Intervention

2. Lämmer und Adler

3. Die Zukunft der Demokratie

Intermezzo. Auszug aus einem Bericht über Albaniens amtierende Regierung

Intermezzo. Asllans Aussage

Intermezzo. Urteil

4. Der graue Mantel

Intermezzo. Abschiebung

5. Genossin Leman

6. Wir hatten nichts Falsches getan

7. Zu verstehen

Intermezzo. Eine Sterbeurkunde

Coda: Die andere Leman Ypi

Danksagung

Informationen zum Buch

Die handelnden Personen

Nach der Liste aller Hauptfiguren folgen Hinweise zur Bedeutung der Titel, die sie gegebenenfalls trugen, sowie zur Aussprache des Albanischen. 1930 nannte Konstantinopel sich offiziell in Istanbul um, die Namen Saloniki und Thessaloniki sind dagegen austauschbarer. Ich verwende die Bezeichnung Saloniki im Zusammenhang mit Geschehnissen aus der Zeit des Osmanischen Reiches und der Periode unmittelbar danach, Thessaloniki meint die Stadt von heute.

Die Familie Leskoviku und ihr gesellschaftlicher Kreis in Konstantinopel und Saloniki

Leman Ypi (geb. Leskoviku) – eine in Saloniki geborene Frau, Großmutter der Autorin

Avni Bey Leskoviku – Lemans Vater

Ismet Hanim – Lemans Mutter

Mediha Hanim – Lemans Großmutter väterlicherseits

Ibrahim Pascha – Lemans Großvater väterlicherseits

Selma Hanim – Lemans Tante, Avni Beys Schwester

Gustav Heym – ein deutscher Geschäftsmann

Cocotte – Lemans beste Freundin und Cousine väterlicherseits

Doktor Elias Levy – Hausarzt der Familie

Dafne – Hausangestellte, Lemans Kindermädchen

Die Familie Ypi und ihr gesellschaftlicher Kreis in Tirana

Asllan Ypi – Lemans Ehemann, Großvater der Autorin

Xhafer Bey Ypi – Asllans Vater, von 1922 bis 1923 zehnter Premierminister Albaniens, Vorsitzender und Generalbevollmächtigter der Vorläufigen Verwaltungskommission und damit Staatsoberhaupt (April 1939)

Zafo (Xhafer) Ypi – Sohn von Leman und Asllan, Vater der Autorin

Enver Hoxha – Asllans Schulfreund, Gründer der Kommunistischen Partei Albaniens (1941) und bis zu seinem Tod im Jahr 1985 Generalsekretär der Partei der Arbeit Albaniens (früher Kommunistische Partei)

Ahmet – Asllans Cousin, Freund von Enver Hoxha und Mitglied der Kommunistischen Partei Albaniens

Vandeleur Robinson – Asllans Freund, britischer Schriftsteller und Militärangehöriger mit Verbindung zu britischen Geheimdiensttätigkeiten in Albanien während des Zweiten Weltkriegs

Eliot Watrous – Asllans Freund, Major der britischen Armee und Leiter der albanischen Abteilung der Special Operations Executive (SOE, ein britischer Geheimdienst, der im Zweiten Weltkrieg auf dem Balkan aktiv war)

Brigadier Edward Hodgson – Asllans Freund, 1945 Leiter der britischen Militärmission in Albanien

Eine Anmerkung zu den Titeln

Im Osmanischen Reich war Pascha ein Titel für hohe Zivilbeamte und Militärs, oft verliehen an Generäle, Admirale, Gouverneure und andere wichtige Behördenvertreter. Bey bezeichnete ein Mitglied des niederen Adels oder einen Provinzführer. Der Ehrentitel Hanim kam Damen der Oberschicht zu und zeugte von Respekt, ähnlich wie das englische Lady.

Hinweise zur Aussprache des Albanischen

Ç (wie in Çim) klingt wie das tsch in »Klatsch«

Ë (wie in Shkëlqim) ist ein kurzer Vokal, wie das e in »gern«

J (wie in Sulejman) spricht sich wie das ay in »Mayday«

Xh (wie in Xhafer oder Hoxha) spricht sich wie das dsch in »Dschunke«

Y (wie in Ypi) klingt wie das lange ü in »über«

Zeittafel

1362Auf die Eroberung von Adrianopel (dem heutigen Edirne in der Türkei) folgt die osmanische Kolonisierung der Balkanhalbinsel, darunter auch von Gebieten auf dem griechischen Festland (1460) und in Albanien (1468).

1821-32Die griechische Revolution und der Unabhängigkeitskrieg gegen das Osmanische Reich gipfeln im Vertrag von Konstantinopel und in der Anerkennung des griechischen Königreichs.

1839-76Mit dem Edikt von Gülhane (1839) beginnen die Tanzimat (»Neuordnung«) genannten Reformen zur Modernisierung des Osmanischen Reichs.

1876Erste osmanische Verfassung und Gründung eines Parlaments.

1877-78Russisch-türkischer Krieg.

1878Ende der sog. ersten osmanischen Verfassungsperiode.

1908Jungtürkische Revolution.

1909Sultan Abdul Hamid II. wird entthront und nach Saloniki verbannt.

1912-13Balkankriege: Das Osmanische Reich verliert die Kontrolle über seine europäischen Gebiete.

1912Albanische Unabhängigkeitserklärung.

Das Osmanische Reich verliert die Kontrolle über Saloniki, die Stadt wird vom Königreich Griechenland annektiert.

1913Bei der Londoner Konferenz erkennen die Großmächte Albaniens Unabhängigkeit an.

1914-18Erster Weltkrieg.

1917Großer Brand von Saloniki.

1920Albanien tritt dem Völkerbund bei.

1922Untergang des Osmanischen Reichs und Gründung der türkischen Republik mit Mustafa Kemal Atatürk als erstem Präsidenten (ab 1923).

Xhafer Ypi wird zum zehnten Premierminister von Albanien gewählt, Innenminister wird Ahmet Bey Zogolli (auch bekannt als Ahmet Zogu, später Zogu I.).

Noch im selben Jahr ersetzt Zogu Ypi als Premier.

1923Der Vertrag von Lausanne, der letzte unter den Verträgen zur Beendigung des Ersten Weltkriegs, erkennt die bestehenden Grenzen der Türkei an und schreibt einen Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei vor, in dessen Zuge orthodoxe Griechen von der Türkei nach Griechenland und Muslime von Griechenland in die Türkei umzusiedeln haben. Spezielle Rechtsklauseln sollen die sich daraus ergebenden Eigentumsfragen regeln.

1924Sturz der griechischen Monarchie und Ausrufung der Zweiten Hellenischen Republik.

Die Frist für den Abschluss des Bevölkerungsaustauschs endet.

Die demokratische Revolution (»Junirevolution«) in Albanien zwingt Ahmet Zogu ins Exil.

Im Dezember scheitert die Revolution, Ahmet Zogu kehrt als Premierminister zurück.

1927Das Genfer Freihandelsabkommen unter der Federführung des Völkerbundes baut Zölle und internationale Handelsbarrieren ab.

1928Der albanische Präsident Ahmet Zogu krönt sich zum König der Albaner und nennt sich fortan Zogu I.

1929Der Börsencrash in den USA führt zur Großen Depression.

1935-36Wiedereinsetzung der Monarchie in Griechenland, Ioannis Metaxas wird zum Premierminister ernannt.

1936-39Spanischer Bürgerkrieg.

1936In Frankreich siegt die Volksfront, Wahl von Léon Blum zum Premierminister.

1938Hitler marschiert in Österreich ein.

König Zogu heiratet Géraldine Apponyi de Nagy-Appony.

1939-45Zweiter Weltkrieg.

1939Italienische Truppen besetzen Albanien.

Xhafer Ypi wird Vorsitzender der albanischen Nationalversammlung, die Viktor Emanuel von Savoyen als König von Italien und Albanien ausruft.

1940Italienische Invasion in Griechenland.

Großbritannien gründet die Special Operations Executive (SOE) und unterstützt den Widerstand in den von Nazi-Deutschland besetzten Gebieten.

1941-43Unter der deutschen Besatzung entsteht in Saloniki ein jüdisches Ghetto. Die jüdische Stadtbevölkerung wird in die Konzentrationslager Bergen-Belsen und Auschwitz deportiert.

1941Gründung der Kommunistischen Partei Albaniens unter der Führung von Enver Hoxha.

1943Invasion der Alliierten in Sizilien.

Nach Mussolinis Sturz unterzeichnet Marschall Badoglio Italiens Waffenstillstandsabkommen mit den Alliierten.

Die Einflussnahme Italiens in Albanien endet, die Nazis übernehmen die Kontrolle.

Bei einem von Kräften des britischen Geheimdienstes unterstützten Treffen in Mukja schließen sich albanische Nationalisten, Progressive und Kommunisten zu einem Befreiungskomitee zusammen, das den Widerstand gegen die Achsenmächte organisieren soll.

Die Konferenz der albanischen Kommunisten in Labinot markiert das endgültige Scheitern des Abkommens von Mukja.

1944Die Nazis ziehen sich vom Balkan zurück, Albanien wird befreit.

1945Auf der Konferenz von Jalta verständigen sich Roosevelt, Stalin und Churchill über die Zukunft Nachkriegseuropas.

1946Ausrufung der Volksrepublik Albanien. Die Kommunisten eliminieren Gegner, kollektivieren Eigentum und leiten eine Bodenreform ein.

Karten

ERSTER TEIL

Prolog: Das Foto

»Ich suche das Geheimdienstarchiv«, sage ich zum erstbesten Taxifahrer auf der Straße der Pariser Kommune, einem belebten Verkehrsweg in Tirana, der das Stadtzentrum mit dem äußeren Ring verbindet. Obwohl ich sie seit über zwanzig Jahren als meine albanische Adresse angebe, zögere ich, sie meine Straße zu nennen. Schon damals, nach unserem Umzug in die Hauptstadt in den 1990ern, kam bei Plaudereien mit Fremden in schönster Regelmäßigkeit immer dieselbe Frage auf: »Du bist nicht von hier, oder?« Und was so harmlos begonnen hatte, kippte bald ins Unangenehme.

Die meisten Leute, die sich längere Zeit woanders aufgehalten haben, nehmen bei ihrer Rückkehr nach Tirana große Veränderungen wahr. Sie stellen fest, dass es inzwischen mehr Hochhäuser, geteerte Straßen, Cafés, Bars und Fahrradwege gibt als früher. Doch für mich ist die Stadt ein Ort der Trauer, der Schuldgefühle und des endlosen Was-wäre-wenn geblieben. Ich habe an sie keine glücklichen Erinnerungen, bestenfalls neutrale Assoziationen mit Pressemeldungen, Filmen aus der kommunistischen Ära und neuerdings auch Verkehrsstaus. Am längsten hielt ich es hier aus, als meine Großmutter gestorben war und ich mein Studium in Italien unterbrach, um zurückzukommen und die Beerdigung zu organisieren. Während der obligatorischen vierzig Trauertage saß ich allein in der Küche und konnte nicht fassen, dass meine Großmutter, die mir jahrzehntelang die Bedeutung von Benimmregeln eingeschärft hatte, ohne jede Vorankündigung aus meinem Leben verschwunden war. Ich hatte ihr versprochen, irgendwann wiederzukommen und mich um sie zu kümmern, wie sie sich in meiner Kindheit um mich gekümmert hatte. Aber nun war es zu spät – ich konnte mein Versprechen nicht mehr einlösen. Für mich wurde Tirana zu einem Ort der Reue, und um meine Schuldgefühle zu lindern, schob ich es auf die Stadt. Sie war mit einem Bann belegt, mit einem kapitalistischen Fluch, der direkt auf den kommunistischen gefolgt war. Meine Großmutter hätte niemals nach Tirana zurückgehen dürfen, nicht nachdem das kommunistische Albanien sie fünfzig Jahre zuvor als Staatsfeindin aufs Land verbannt hatte …

»Ich suche das Amt für Auskünfte zu den Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes«, wiederhole ich die offizielle Bezeichnung, mit der die Behörde sich in der E-Mail vorgestellt und mich zu dem Termin eingeladen hatte.

Der Taxifahrer, ein grauhaariger Mann jenseits der siebzig mit hagerem Gesicht, dunkler Sonnenbrille, kurzärmeligem Karohemd und roter »Make America Great Again«-Kappe, hat mich anscheinend nicht gehört. Aus dem Autoradio plärrt laute Musik, es läuft der Oldie-Sender Top Gold. Ich stehe neben dem gelben Mercedes und warte auf eine Reaktion, während »Only You« versucht, Lady Gagas »Just Dance« aus dem Taxi dahinter zu übertönen. Der Fahrer achtet nicht auf die Musik, die er offensichtlich nur ausgewählt hat, um ein bestimmtes Klientel anzulocken; stattdessen ist er rauchend in seine aufgeschlagene Zeitung vertieft, die das komplette Lenkrad bedeckt.

»Verzeihung, ich suche das Amt für Auskünfte zu den Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes«, sage ich noch einmal.

Anscheinend klinge ich aufgebracht oder wenigstens besorgt, denn mein Tonfall veranlasst den Fahrer, endlich den Kopf zu heben, das Radio auszuschalten, die brennende Zigarette aus dem Fenster zu schnippen und mich ein bisschen mitleidig anzusehen.

»Avash, avash. Immer mit der Ruhe. Steigen Sie ein. Sie suchen was?«

»Oh«, murmele ich. Dass er mit dem Ziel nichts anfangen kann, ist eine Überraschung. »Die Behörde mit den vielen Akten. Sie wissen schon, das ehemalige Sigurimi-Archiv.«

»Sie sind nicht von hier, oder?«, fragt er und lässt den Motor aufheulen. Kurz darauf fädeln wir uns in den morgendlichen Berufsverkehr ein.

Ich lächle und versuche, mir meine Gereiztheit nicht anmerken zu lassen. Ich wünschte, ich wäre nicht auf ein Taxi angewiesen. Ich wünschte, ich könnte zu dem Archiv laufen, ganz ohne mich in den schmalen Gassen zu verirren, die Tirana durchziehen wie feinst verästelte Adern. Doch ich finde mich ja kaum in dem Wohnviertel zurecht, das angeblich mein eigenes ist, Pariser Kommune. Vielleicht will ein unbewusster Teil von mir orientierungslos bleiben und mich stets daran erinnern, dass ich niemals wirklich an diesen Ort gehört habe und es nun zu spät ist, etwas daran zu ändern.

»Ich frage mich, wie Sie das erraten haben …«

»Sie sprachen vom ehemaligen Sigurimi-Archiv. So reden nur Ausländer. Hier ist nichts ehemalig. Alles ist so, wie es immer war, selbst die Menschen. Meine Tochter lebt jetzt in Florida und kommt jedes Jahr zu Besuch. Sie findet auch, dass sich alles verändert hat.«

Ich möchte ihm erklären, dass es anders gemeint war, aber sein Redefluss kennt keine Pausen.

»Ich bin alt. Früher war ich LKW-Fahrer für eine Import-Export-Firma, ich habe die Welt noch vor allen anderen kennengelernt. Ich war in Polen, in Krakau – Sie haben ja keine Ahnung, wie oft …«

Er stößt einen langgezogenen Pfiff aus, als könnte der Laut einmal von Tirana nach Krakau fliegen und wieder zurück.

»Meine Sonnenbrille ist dieselbe wie damals. Ich mag sie, alles sieht dunkler und ein bisschen rotstichig aus. Glauben Sie mir, nichts hat sich verändert, alles ist wie immer.«

»Aber das ist neu, oder?«, frage ich und zeige auf den endlos langen Stau an der roten Ampel, hinter der die Straße der Vier Helden kreuzt.

»Die können alle nicht Auto fahren«, antwortet er mit der Selbstzufriedenheit eines Menschen, der solche oberflächlichen Einwände routiniert beiseitewischt. »Ich bringe mich jeden Tag in Lebensgefahr! Wäre es nicht besser, sie würden einfach zu Fuß gehen? Haben wir früher alle so gemacht. Heute atmen die Leute morgens das Gift ein, und abends bezahlen sie dann für Yoga und fürs Fitnessstudio.«

»Aber es hat sich noch mehr verändert«, sage ich, nur um zu sehen, wie er reagiert. »Schauen Sie sich die vielen neuen Bäume an, die der Bürgermeister gepflanzt hat.«

»Ha, Sie klingen genau wie meine Tochter!«, ruft er. »Sie kommt immer nur zu Silvester, da gibt es irgendeinen Weihnachtsdeal mit der Fluggesellschaft. Total verliebt ist sie in die Lichter in den Bäumen. Wissen Sie, was im Winter hier los ist? So viele Lichter, dass man glaubt, es wäre Krieg, dabei ist es nur die Weihnachtsdeko. Aber zu jeder anderen Zeit würden Sie es merken – nichts hat sich verändert, alles ist wie früher. Das wissen sogar die Bäume.«

Während ich noch über die liebste Freizeitbeschäftigung meiner Landsleute nachdenke – »Ist es gleich geblieben oder ist es anders?« –, tritt er plötzlich auf die Bremse und beschimpft durch das offene Fenster die anderen Autofahrer, die ihn bei seinem Wendemanöver behindern. Wir haben die Et’hem-Bey-Moschee passiert und sind an der George-W.-Bush-Straße links abgebogen, aber nun, auf dem Boulevard Johanna von Orléans, ändert er plötzlich seine Meinung und entscheidet sich für eine neue Route.

»Mir ist gerade etwas eingefallen«, sagt er nach der gelungenen Kehrtwende. »Sie wollen bestimmt in den Neubau, oder? Die sind vor einer Weile umgezogen.«

Ich zucke die Achseln. »Keine Ahnung«, antworte ich und hole mein Handy heraus, um die Adresse zu überprüfen.

Sehr geehrte Frau Dr. Ypi,

ich schreibe Ihnen bezüglich Ihrer am 10.05.2022 gestellten Anfrage Nr. 736. Sie möchten im Rahmen Ihrer Forschungsarbeit Einsicht in die bei der früheren Staatssicherheitsbehörde geführten Akten von Leman Ypi (Leskoviku), Asllan Ypi und Xhafer Ypi nehmen.

Gemäß Artikel 36 der Neufassung des Gesetzes 45/2015 »Über das Informationsrecht bezüglich der Akten der ehemaligen Staatssicherheitsbehörden der Sozialistischen Volksrepublik Albanien«, der Neufassung des Gesetzes 988/2008 über den Schutz persönlicher Daten sowie eines gerichtlichen Entscheids vom 24.09.2020 über »Richtlinien für Medien und Forschung« hat unsere Behörde entschieden, Ihnen Einsicht in die nachfolgenden Akten zu gewähren.

a)Dokumente aus Akte 531 zur Person Leman Ypi, 34 Seiten

b)Dokumente aus Fundus 1, Ermittlungsakte 1355 zum Fall Asllan Ypi, 666 Seiten

c)Dokumente aus Fundus 1, Ermittlungsakte 1384 zum Fall Xhafer Ypi, 138 Seiten

Die Sicherheitsbestimmungen des neuen Behördenstandorts am Militärstützpunkt Skanderbeg sehen vor, dass Sie sich ausweisen.

Unterzeichnet: Eva D.

Fachkraft im Amt für Auskünfte zu den Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes, Abteilung Forschung und Medien

Ich blicke auf. Als ich die Mail zum ersten Mal las, überkam mich ein Schaudern. Heute finde ich den förmlichen Ton beruhigend, ebenso die Tatsache, dass der Inhalt unverändert bleibt, egal wie oft ich ihn lese. Erscheinen Sie am Dienstag vor Ort, bringen Sie einen Ausweis mit, beachten Sie die Sicherheitsbestimmungen. Zufrieden überfliege ich die Namensliste meiner Verwandten – meine Großmutter Leman, mein Großvater Asllan, mein Vater Xhafer, genannt Zafo –, die mir hier angeboten wird wie eine Speisekarte, aus einem nüchternen Abstand heraus. Es ist genau das, was ich jetzt brauche. Kein Grund, emotional zu werden, bloß ein paar Informationen über eine Gruppe von Menschen, die mir bei meiner Geburt zugeteilt wurden wie Lebensmittel im Sonderangebot, wenn die Feiertage um sind.

Ich wende mich an den Fahrer: »Hier steht: Abteilung 4, Skanderbeg-Militärgarnison.«

Er nickt zufrieden. »Ja, genau, die meinte ich. Sie sind vor kurzem umgezogen. Mit Geld von der schwedischen Botschaft oder der schwedischen Regierung. Oder waren es die Dänen? Von einer Großmacht jedenfalls. Ja, jetzt fällt es mir wieder ein, es waren die Schweden. Ist es zu glauben?«

Er zieht die Augenbrauen hoch, und dann kommt ihm anscheinend ein neuer Gedanke, denn sein Tonfall ändert sich abrupt.

»Diese Arschlöcher haben sich fünfundzwanzig Jahre Zeit gelassen, die Akten zugänglich zu machen. Die Schweden trifft natürlich keine Schuld, die hatten ja keine Ahnung, die haben nur das Geld bereitgestellt und ein paar Zettel unterschrieben und fertig. Ich meine uns, die albanische Seite. Fünfundzwanzig Jahre seit dem Sturz des Kommunismus«, sagt er und stößt wieder einen langgezogenen Pfiff aus, »da haben sie natürlich erst mal abgewartet, bis alle Informanten gestorben sind und sie niemanden mehr bestrafen mussten. Ich sage es Ihnen ja, hier hat sich gar nichts verändert.«

Er hält inne, um sich eine weitere Zigarette anzuzünden. »Wollen Sie da zum Arbeiten hin oder nur zum Vergnügen?«

Um meine Großmutter vor den Trollen zu retten, denke ich. Um mit ihr zu reden. Um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Um herauszufinden, warum sie auf dem Foto – dem vom Winter 1941, mitten im Krieg – lächelt und ob dieses Lächeln echt war. Um die Wahrheit zu erfahren oder sie mir wenigstens vorstellen zu können. Um herauszufinden, wer sie verraten hat. Um die Fotos aus ihren Flitterwochen zu finden. Um ein Buch zu schreiben. Um zu ergründen, ob die Vergangenheit längst Geschichte ist oder etwa doch nicht. Ob nichts sich geändert hat oder alles. Oder einfach, weil ich hingehen muss, ohne zu wissen, warum. Um mich besser zu fühlen. Oder schlechter. Oder unverändert.

»Zum Vergnügen«, sage ich.

Das Foto, eine alte Schwarz-Weiß-Aufnahme, wurde von einem gewissen Çim – vermutlich die Abkürzung eines Namens aus der kommunistischen Zeit, Çlirim (Befreiung) oder Shkëlqim (Pracht) oder schlicht Ndriçim (Erleuchtung) – auf Social Media gepostet. Ich hatte noch nie von dem Mann gehört, geschweige ihn getroffen. Kurz nach der Veröffentlichung ging das Bild in Albanien viral. Es zeigt ein junges, glamouröses Paar, das direkt in die Kamera blickt, während es sich auf Sonnenliegen vor einem Luxushotel entspannt. Im Hintergrund ist ein Säulengang erkennbar, an der Mauer lehnen Skier. Die Frau trägt einen langen, weißen Pelzmantel, hat die Hände tief in die Taschen geschoben und balanciert eine kleine Handtasche auf den Knien. Ihr breites, leicht geistesabwesendes Lächeln bildet einen starken Kontrast zu dem ernsten, fast bohrenden Blick des Mannes an ihrer Seite. Schwer zu sagen, ob er ihretwegen die Augen verengt oder aufgrund der Sonne. Vielleicht ist er unzufrieden mit dem Fotografen, dem er womöglich mit Blicken etwas mitteilen will. Auf einem niedrigen Tischchen liegt eine Zigarettenschachtel, darunter steht eine Papiertüte mit so elegantem wie dezentem Logo. Der Name ist gerade noch lesbar: »Hotel Vittoria«.

Ich erkannte meine Großeltern Leman und Asllan wieder, noch bevor ich die Bildunterschrift gelesen hatte. Ihre winterliche Kleidung, der Hotelname und die Skier verrieten mir, dass das Foto 1941 entstanden war, während ihrer Flitterwochen in Cortina d’Ampezzo in den italienischen Alpen. Meine Großmutter hatte oft wehmütig über jene zehn Tage gesprochen, als sie in den Dolomiten Skifahren gelernt hatte. »Ich war der glücklichste Mensch auf der Welt«, erzählte sie, »und Cortina war der glücklichste Ort auf Erden.« Ja doch, beharrte sie, obwohl sie in Italien gewesen war, Italien im Winter des Jahres 1941, als der Krieg in Europa wütete wie nie zuvor.

Erst Jahre später, als sie schon längst nicht mehr lebte – oder vielleicht genau deswegen –, fragte ich mich, wie man im Winter 1941 der glücklichste Mensch auf der Welt sein konnte. Ein Teil von mir wunderte sich, ob ihre Schilderungen tatsächlich ihre damalige Gefühlslage wiedergaben und, falls es so war, was das über ihren Charakter aussagte. Es fiel mir schwer, ihre persönliche Sicht auf diese Wochen mit meinem Wissen über die historischen Ereignisse in Albanien und anderswo in Einklang zu bringen. Die Operation Barbarossa in der Sowjetunion, der Angriff auf Pearl Harbour, die fortgesetzten Kämpfe in Jugoslawien – während sie Skifahren lernte und die frische Winterluft genoss, hatte all das doch sicherlich die Schlagzeilen bestimmt? Waren ihr die brutalen Schlachten des brutalsten Krieges der Menschheitsgeschichte egal? Ich hatte Probleme damit, diese Möglichkeit mit ihrer Person und ihren Ansichten zu verbinden. Sie war keine Apologetin des Faschismus, davon war ich überzeugt. Was um sie herum passierte, konnte ihr nicht egal gewesen sein. Vielleicht hatte sie auch nur versucht, das Beste aus der Situation zu machen, wie schon ihr ganzes Leben lang, weil sie gespürt hatte, dass das Schlimmste noch bevorstand und dass ihre Tage der Unschuld gezählt waren. Und doch kreisten ihre ausführlichen Schilderungen der Reise – vormittags Ski, nachmittags Bridge, abends Tanz – so sehr um Fakten, statt um subjektive Eindrücke, dass ich mir wirklich Sorgen machte. Eine solche Gesinnung hätte zu ihrem Charakter ebenso wenig gepasst wie zur Entwicklung der damaligen Weltlage.

Wenn ich heute an ihren Tod im Jahr 2006 zurückdenke, bedauere ich, dass ich keine Gelegenheit hatte, das alles klar zu formulieren. Ich meine damit nicht nur meine Fragen, sondern vor allem die Verstörung, die ihre Erzählungen aus jener Zeit in mir auslösten. Ihre Erinnerungen an Cortina widersprachen meinem Bild von ihr als einer Heiligen. Sie war pflichtergeben und mitfühlend, und immer stellte sie die Bedürfnisse der anderen über ihre eigenen. Nicht dass ich von ihr erwartet hätte, auf Flitterwochen zu verzichten – das Leben geht weiter, selbst im Jahr 1941, selbst im Krieg, vielleicht sogar umso intensiver, weil man sich dem Ende näher fühlt.

»Vom Schenken-Tor, im Zwielicht noch versenkt / Rief’s eines Tages: ›Den Schritt zu mir gelenkt! / Kommt, junge Zecher! Narren, füllt den Becher / Eh’ voll den Becher euch das Schicksal schenkt!‹«, lauteten ihre Lieblingsverse aus den Rubaijat des Omar Khayam. Und 1941 hatte das Schicksal ihr tatsächlich noch nicht voll eingeschenkt; die wahre Tragödie würde sie erst Jahre später ereilen. Sie hätte darauf beharren können, dass es immerhin ihre Hochzeitsreise war, wenn auch in Kriegszeiten, und dass sich unter ungewöhnlichen Umständen womöglich alle Gefühle einen ungewöhnlichen Ausdruck suchen. Doch wenn sie über ihre Vergangenheit sprach, schien sie die weltgeschichtlichen Ereignisse früherer Jahre völlig auszublenden. Nie fühlte sie sich bemüßigt, sich oder etwas zu erklären, genauso wenig suchte sie nach Ausreden. Handelte es sich um einen jener Tricks, die die Erinnerung den Menschen spielt und bei denen die Rekonstruktion vergangener Stimmungslagen weniger vom Erlebten selbst abhängt als von einem neuen, erst viel später gewonnenen Wissen?

Nach dem Tod meiner Großmutter wünschte ich mir, ich hätte wenigstens ein Foto von ihr im Hochzeitskleid oder eines, das Braut und Bräutigam bei der Abreise zeigt; einen verwackelten Schwarz-Weiß-Film oder ein Bild meiner Großeltern als Paar – irgendetwas, auf das ich mich stützen könnte, um das, was meine Vorstellungskraft hervorbrachte, mit aus der Zeit überlieferten Fakten abzugleichen. Nach meinem Kenntnisstand waren aber aus den Familienalben, von denen es mehrere gegeben hatte, nur zwei Einzelporträts erhalten geblieben. Sie zeigten die beiden auf Skiern, fast so, als hätten sie getrennt denselben Ort besucht. Laut meiner Großmutter verschwanden alle anderen Familienandenken 1946, als mein Großvater wegen politischer Agitation, Propaganda und Kollaboration mit dem britischen Geheimdienst von den Kommunisten verhaftet wurde, »als die Polizei kam und alles mitnahm«. Die Absolutheit ihrer Aussage war eine Enttäuschung, erwies sich am Ende aber als tröstlich. Sie bedeutete, dass es niemanden mehr zu befragen und nichts zu entdecken gab.

Nichts – bis auf eine Aufnahme der beiden als Paar in Cortina, die ich nie zuvor gesehen und die ein Fremder auf Social Media gepostet hatte. Im ersten Moment fand ich es weder bizarr noch unpassend, das Bild im Internet zu sehen, denn ich war zu abgelenkt von meiner Enttäuschung. Der Kontrast zwischen den Szenen im Hotel Vittoria, wie ich sie mir immer ausgemalt hatte, und dem, was das bislang unbekannte Foto mir zeigte, war einfach zu groß. Das waren keine glücklichen Menschen, schon gar nicht die »glücklichsten Menschen auf der Welt«. Ja, Leman lächelte, und ihre Körperhaltung war auch recht entspannt – und doch wirkte das Ganze irgendwie unnatürlich. Meine Großmutter hatte den Gesichtsausdruck einer Person aufgesetzt, die weiß, dass ein wichtiger Moment ihres Lebens nun aufgenommen und sie für immer überdauern wird; sie möchte nicht nur das Gefühl des Augenblicks festgehalten wissen, sondern auch ein gewisses Bewusstsein zweiter Ordnung von ihrer eigenen Wichtigkeit. Mein Großvater Asllan war ein paar Monate nach meiner Geburt gestorben und ich kannte so wenige Fotos von ihm, dass es mir nicht gelang, seine Miene zu deuten oder daraus Rückschlüsse auf seinen Charakter zu ziehen. Beispielsweise konnte ich nicht sagen, ob die gerunzelte Stirn und die verengten Augen eine typische Skepsis zum Ausdruck brachten oder ob ihn etwas anderes belastete, von dem vielleicht nicht einmal meine Großmutter etwas ahnte. Hatte da jemand zu früh auf den Auslöser gedrückt? War ihm keine Zeit geblieben, sich zu überlegen, wie er sich der Nachwelt präsentieren wollte? Oder hatten andere Gedanken ihn abgelenkt?

Dass ich ein Foto von einem Großelternpaar auf der Social-Media-Seite eines Fremden betrachtete, wurde mir erst wieder bewusst, als ich sah, in welchem Tempo Userkommentare, Likes, Shares und Herzchen aufploppten.

Ist die Leman Ypi auf dem Foto mit der Philosophieprofessorin Lea Ypi verwandt? Sie war eine echte Dame und stammte aus einer der besten Familien Albaniens. Sie strahlte eine solche Würde aus, aber dann haben die kommunistischen Monster sie ihr genommen.

»Nein, nein«, begann ich zu tippen, »meine Großmutter hat immer betont, das Einzige, was sie niemals verloren habe, nicht einmal, als ihr alles andere entglitt, sei ihre …«, aber da trudelt schon der nächste Kommentar ein:

Die Albaner werden niemals aus der Geschichte lernen – Ypi hält auf der ganzen Welt Vorträge darüber, dass der Kapitalismus falsch ist und aus allem eine Ware macht. Das schließt wohl ihre Kritik mit ein, für die sie sich ordentlich bezahlen lässt. Passenderweise vergisst sie dabei ihren Großvater, der jahrzehntelang in einem kommunistischen Gefängnis dahinvegetierte …

Ich halte inne und verspüre leichte Gewissensbisse, lese weiter und entdecke einen neuen Verwandten namens Sami, der behauptet, in regem Austausch mit mir zu stehen.

Ich versuche, Ypi auf die ethischen Lücken in ihrer Argumentation hinzuweisen. Wir sind über Lemans Großeltern miteinander verwandt: Ibrahim Pascha, Beylerbey von Rumelien, und seine Frau Mediha Hanim aus Konstantinopel beziehungsweise Saloniki.

Jemand sieht sich zu dieser Anmerkung veranlasst:

Auf dem Foto ist definitiv die aufgeklärte, säkulare, europäische Elite zu sehen. Im Koran lässt Gott uns wissen, dass die moralische Verkommenheit der Eliten der Grund für die Bestrafung der Völker war – wie bei unserer Elite von dem Zweiten Weltkrieg. Die Bestrafung wirkt bis heute fort, weil unsere Eliten immer noch moralisch bankrott sind.

Weitere Kommentare kommen hinzu, versehen mit einer Warnung: »Dieser Beitrag enthält möglicherweise verletzende Inhalte. Möchtest du ihn wirklich sehen?« Ich atme tief durch und lese:

Du hast nicht nur deine Großmutter entehrt, sondern alle Opfer des Kommunismus, du kommunistische Schlampe.

Dann der nächste:

Die Großmutter war auch eine Schlampe.

Und noch einer:

Vielleicht keine Schlampe, aber eine kommunistische Agentin und davor eine faschistische Kollaborateurin.

Ich lese nicht weiter und schließe die App, kehre aber in den darauffolgenden Tagen immer wieder zwanghaft zu dem Post zurück. Die Beleidigungen machen mir nichts aus – immer schon habe ich mir gesagt, dass fragwürdige Ansichten zu noch fragwürdigeren werden, wenn ihre Vertreter sich zensiert fühlen. Für meine Großmutter sähe die Sache anders aus. Hätte sie die Kommentare lesen können, wäre sie zutiefst verletzt gewesen, egal, wie man die Sache interpretierte. Denn lagen ihre Verfasser richtig, wäre sie getroffen gewesen, eben weil sie richtiglagen (und ich sie tatsächlich entehrt hatte); lagen sie hingegen falsch, dann wäre meine Großmutter verletzt gewesen, eben weil sie falschlagen, und sie hätte diese Leute wegen ihrer Lügen zur Rede stellen wollen. Mein Wunsch war, sie von der Last der Vorwürfe zu befreien, die sie nicht zurückweisen konnte, von Gedanken, die sie nicht fassen, von Ideen, die sie nicht artikulieren konnte. Warum sollten diese Menschen – die sie und uns nicht kannten – darüber bestimmen, was meine Großmutter wollte, wer sie war und was dieses Foto zu bedeuten hatte? Woher nahmen sie das Recht, das Bild zu teilen, über das Leben meiner Großmutter zu urteilen und es zu verhöhnen?

Etwas in der menschlichen Seele, hätte meine Großmutter gesagt, widersteht allen Versuchen von Kränkung, Verletzung und Erniedrigung – anders als bei den Tieren, die ihr Denken nicht von ihrem unmittelbaren Sein trennen können. Wir nennen es Würde. Damals konnte meine Großmutter für sich selbst sprechen, aber im Tod ist sie ohnmächtig und kann ihr Vermächtnis weder gestalten noch verteidigen. Und doch existiert eine Version von ihr neben diesen Kommentaren weiter, wie das Foto auf einem geschändeten Grab weiterhin neben den in der Erde vergrabenen Knochen existiert. Setzt Würde die fortgesetzte Existenz eines Menschen voraus, seine Fähigkeit, diese Würde aktiv zu verteidigen, sie vor Angriffen zu schützen und für sie einzutreten? Hängt das Verhältnis von externer Anerkennung ab, von der Erfüllung gewisser Pflichten – von einer Art, in der Welt zu sein, sowohl als Einzelne als auch zusammen mit anderen, in Gesellschaft? Oder ist Würde eine Wesenseigenschaft, die wir aufgrund dessen besitzen, was wir sind – geformt durch unseren freien Willen und daher anfällig für Irrtümer? Und wenn ihre Erhaltung daran geknüpft ist, dass man lebt, ist sie dann vielleicht gar nicht so immateriell wie angenommen? Bedeutet es, dass ein toter Mensch keine Würde haben kann, ja, dass Würde zu der Art von Eigenschaft einer Person gehört, die – wie ihre Haare, ihre Haut und ihre Fingernägel – irgendwann zu Staub zerfällt?

Ich kann die Kommentare lesen und mich entscheiden, sie entweder zu beantworten oder zu ignorieren. Ich kann mich mit den Inhalten auseinandersetzen oder sie melden. Ich kann die User blockieren oder wegschauen. Ich kann mich sogar für striktere Regulierungen starkmachen. Es steht mir frei, mich zu wehren, wann immer ich Desinformation vermute, doch meine Großmutter ist zum Schweigen verdammt. Vor meinen Augen entsteht eine Karikatur von ihr, bar jeden Inhalts, ganz ohne Kontext, Erinnerung, Beweise oder auch nur jenes Mindestmaß an Empathie, das wir vollkommen Fremden entgegenbringen, denen wir im realen Leben begegnen. Ich fühle mich veranlasst, etwas richtigzustellen, die Geschichten, die sie mir anvertraut hat, weiterzugeben, die Wahrheit über ihr Leben auszusprechen. Aber kenne ich diese Wahrheit überhaupt? Bin ich in der Lage, ihr Leben zu erzählen, wie sie es erzählt hätte? Kann ich die Karikatur in eine lebensechte Figur verwandeln, in einen Menschen, den es wirklich einmal gab?

Schwer zu sagen, wie mir das gelingen soll. Das Foto ist neu für mich, der Kontext verstörend. Meine Gedanken und mein Versuch, ihre Würde zu verteidigen, sind wie Licht, das auf einen zerbrochenen Spiegel trifft, auf unzusammenhängende Fragmente aus einer anderen Zeit. Meine Großmutter trug ihre Vergangenheit wie eine Schildkröte ihren Panzer; unmöglich, ihn von innen zu betrachten. Natürlich war mir dieser Abschnitt ihres Lebens immer ein Rätsel. Aber jetzt vermischen sich meine Spekulationen, die herbeifantasierten Szenen und die rekonstruierten Dialoge – alles, was ich wusste und was wir gemeinsam hatten – mit einer alternativen Wirklichkeit, generiert durch den Social-Media-Feed eines Fremden. Warum hatte sie immer darauf beharrt, die Tage in Cortina seien die glücklichsten ihres Lebens gewesen? Je länger ich darüber nachdenke, desto extremer erscheint mir diese Haltung. Doch es wäre seltsam, sich in ihrem Namen zu erklären oder zu entschuldigen, ihr also einen Fehler zuzuschreiben, dessen sie sich bewusst war oder auch nicht. Wie kann ich Autorität über ein bereits gelebtes Leben beanspruchen, selbst wenn es mit meinem eng verbunden war? Wie kann ich die Autorin einer Geschichte sein, die längst zu Ende ist?

Und dann kommt mir ein letzter, beunruhigender Gedanke. Was, wenn die anonymen Kommentatoren etwas wissen, das mir verborgen blieb? Vielleicht habe ich nie erfahren, aus welchem Grund sie tatsächlich verfolgt wurde. Die Unterstellung, meine Großmutter könnte eine Kollaborateurin gewesen sein – kommunistisch, faschistisch oder, schlimmer noch, beides –, verfolgt mich wie ein Schatten. Womöglich war es falsch von mir, sie als Inbegriff von Tugendhaftigkeit zu verehren. Könnte es sein, dass diese Fremden mehr wissen als ich, unabhängig von der Krassheit ihrer Vorwürfe? Vielleicht sind sie die Einzigen, die der ohrenbetäubenden Stille eine Stimme geben. Vielleicht liegt die Autorität bei der sprichwörtlichen Schwarmintelligenz.

Es gibt in meinen Augen nur einen Weg. Ich muss das Foto finden. Zum Ursprung zurückkehren.

»Ich weiß nicht mehr, wo ich es gefunden habe … auf dem Boden vielleicht oder in einer Kiste … ich weiß es wirklich nicht mehr«, lautet Çims wenig hilfreiche Antwort, als ich ihn endlich erreicht und nach der Herkunft des Fotos gefragt habe. »Das liegt alles bei der Unterlagenbehörde. Ich war zu Recherchen in eigener Sache dort.«

»Aber warum haben Sie ein Foto meiner Familie ins Netz gestellt?«

»Die Verbindung ist so schlecht«, sagt er, »ich kann Sie nicht hören … Alles liegt im Archiv. Ich muss jetzt Schluss machen.«

»Kommen Sie allein zurecht?«, fragt der Taxifahrer, nachdem er vor der militärischen Anlage geparkt hat. Die Soldaten, die den Eingang bewachen, deuten auf das Halteverbotsschild.

»Warten Sie«, sage ich, »ich frage kurz.« Ich wende mich an die Soldaten, sehe die Gewehre auf ihrem Rücken und denke mir, dass es sich um Attrappen handeln muss.

»Ist das hier der Eingang zum Amt für Auskünfte zu den Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes?«, rufe ich aus dem offenen Fenster.

»Sie sind nicht von hier, oder?«, antwortet der eine und fängt an zu lachen, und ich bekomme sofort Angst, das Gewehr auf seinem Rücken könnte losgehen. Was, wenn es sich nicht um eine Attrappe handelt?

»Nein«, sage ich.

»Was ist der Grund Ihres heutigen Besuchs?«, fragt er.

»Ich will mir nur mal das Archiv ansehen, rein zum Vergnügen.« Wenn man es mit einem bewaffneten Mann zu tun hat, muss man freundlich bleiben.

Auf einmal wird er ernst.

»Tut mir leid«, sage ich schnell, »es geht um meine Großmutter und meinen Großvater, also, um ihre Akten. Ich hoffe, Informationen über das Leben meiner Großmutter zu finden. Sie wurde 1918 geboren, ihr Vater war ein osmanischer Beamter in Konstantinopel, aber sie hat in Saloniki gelebt, und von dort ist sie nach Albanien gezogen, angeblich gibt es hier Fotos von ihr als junger Frau, die 1941 in Italien aufgenommen wurden und die mir vielleicht helfen können, ihre Lebensgeschichte zu rekonstruieren, wir haben die Fotos nie gesehen und sie …«

»Ja, schon gut«, unterbricht er mich. »Ich muss das alles nicht wissen. Haben Sie einen Termin?«

Ich zeige ihm die E-Mail. Er fährt die Schranke hoch und ich fühle mich, als hätten die Tore der Geschichte sich geöffnet.

»Die Dokumente sind im JPEG-Format abgespeichert«, erklärt mir eine Mitarbeiterin, die sich als »die Eva aus der E-Mail« vorgestellt hat. Sie zeigt auf einen schwarzen, feierlich auf einem Tisch in der Mitte des Raumes positionierten Laptop. Er wirkt veraltet. Ich frage mich, ob auch er ein Geschenk der Schweden war. Angeblich arbeiten in diesem Raum die »Forscher«, obwohl ich keine sehe, nur drei Mitarbeiterinnen, die Kaffee trinkend an ihren um den Tisch in der Mitte herumgruppierten Schreibtischen sitzen. Eine bietet mir einen Kaffee an. Ich lehne dankend ab, worüber sie sich offenbar ärgert, bis Eva sagt, ich sei die marxistische Autorin eines Buches über Freiheit, woraufhin die Kollegin lächelt und höflich nickt, als erkläre das alles.

»Hier ist die Gebührenliste. Falls Sie etwas ausdrucken oder als PDF mitnehmen möchten.«

Ich nicke geistesabwesend, ganz vertieft in eine Frage, von der ich nicht weiß, ob ich sie stellen darf. Am Ende nehme ich all meinen Mut zusammen und sage: »Gibt es keine physischen Akten?«

Die Mitarbeiterin, die mir einen Kaffee holen wollte, sieht mich verwirrt an und scheint zu überlegen, ob sie meine Frage als Provokation auffassen oder einfach überhören soll.

»Wussten Sie, dass wir in den ersten Monaten Angst vor einem gewaltsamen Überfall hatten?«, fragt Eva, aber die Frage ist eindeutig rhetorisch. Sie wühlt in der Schublade eines Metallschränkchens unter ihrem Tisch und holt eine mintgrüne Broschüre heraus: Neufassung des Gesetzes 45/2015 »Über das Informationsrecht bezüglich der Akten der ehemaligen Staatssicherheitsbehörden der Sozialistischen Volksrepublik Albanien«.

»Da steht alles drin, alle Dos and Don’ts. Den Umgang mit den Akten zu regeln, hat fünfundzwanzig Jahre gedauert. Fünfundzwanzig Jahre! Trotzdem sind noch nicht alle Informanten tot. Alles ist wie früher –«

Sie unterbricht sich, spitzt die Lippen, zieht eine Augenbraue hoch und zeigt auf den leeren Stuhl am »Forschertisch«.

»Vorsicht beim Hinsetzen«, sagt sie. »Er wackelt. Und der Computer ist ziemlich langsam. Bloß nicht immer wieder auf dieselbe Taste drücken – geben Sie ihm einfach Zeit.«

Während ich darauf warte, dass die Seite lädt, blättere ich in der grünen Broschüre. Sie erklärt den rechtlichen Rahmen, der für den Zugang zu den von mir angefragten Dokumenten festgelegt wurde. Auf Seite 3 werden in Artikel 4 die Leitlinien dargelegt:

Die Sammlung, Verwaltung, Verarbeitung, Nutzung und Weitergabe von Daten aus dem Archiv des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes unterliegt den folgenden Prinzipien: Legalität; Schutz des öffentlichen Interesses; Schutz der nationalen Sicherheit; Versöhnung und nationale Einheit; öffentlicher Zugang zu amtlichen Informationen; Schutz der Privatsphäre und der persönlichen Daten; Schutz von als geheim klassifizierten Informationen; Transparenz; Kooperation staatlicher Stellen; Effizienz und Effektivität.

»Von der Wahrheit kein Wort«, denke ich laut und in Evas Richtung, die mich aber nicht zu hören scheint. »Nicht mal von Wahrheiten …«

Letzteres überbetone ich in der Hoffnung, dem Plural – »Wahrheiten« – würde der Respekt entgegengebracht, den der Singular hier offenbar nicht erfährt.

»Waaahrheiten?«, fragt sie mit gerümpfter Nase, als hätte ich sie auf einen stinkenden Müllberg hingewiesen.

»Nun ja, da steht: ›Versöhnung und nationale Einheit‹, aber basierend worauf? Braucht es für Versöhnung nicht erst die Wahrheit? Und das Wort ›Opfer‹ taucht an keiner einzigen Stelle auf.«

»Vielleicht lesen Sie sich noch mal den Abschnitt mit den Definitionen durch?«, schlägt sie vor.

Ich blättere weiter und lese laut vor:

Artikel 2. Definitionen. Für den gegenwärtigen Zweck ist die Definition von »Archiv« dieselbe wie in der geltenden Gesetzgebung bezüglich aller betreffenden Archive.

»Da haben Sie’s«, sagt sie.

Offenbar wirke ich verwirrt.

»Haben Sie den Antrag als Wissenschaftlerin oder als Angehörige gestellt?«

Die Frage, in welche Kategorie ich falle, quält mich seit Wochen. Ich habe mehrere Artikel und Dokus über Menschen gelesen und gesehen, die sich auf der Suche nach der Wahrheit an die großen Archive gewendet haben und erfahren mussten, dass sie in einer Familie von Kollaborateuren aufgewachsen sind. Als mir dämmerte, dass ich in dem Archiv möglicherweise nicht nur die vermeintlich vernichteten Fotos finden würde, sondern auch alles andere – Behördenformulare, Vorwürfe, polizeiliche Ermittlungen, Prozessprotokolle und weitere Unterlagen, die erklärten, warum meine Familie zur Zielscheibe geworden war, wer sonst noch damit zu tun hatte und wie man das Ganze, wenn überhaupt, hätte verhindern können –, siegte die Angst vor dem Archiv, dem großen Unbekannten, am Ende über die Loyalität, die ich meiner Familie gegenüber empfand. Was würde ich tun, falls meine Großmutter sich als weniger unschuldig erwies, als ich immer geglaubt hatte?

»Es wurde sehr wohl an die Opfer gedacht«, fährt Eva fort, als ärgere sie mein Schweigen. »Wenn Sie sich als Verwandte angemeldet haben, werden keine Gebühren erhoben, dann ist alles kostenlos.«

Kostenlos in welcher Hinsicht? Wenn sich herausstellt, dass meine Großmutter Teil eines Überwachungsapparates war, der Hunderttausende Menschenleben ruinierte, wird die Freude über die gesparten Gebühren im Vergleich zu der Last, die ich als ihre Nachfahrin tragen muss, nicht weiter ins Gewicht fallen. Ein besonderes Verwandtschaftsverhältnis bringt eine besondere Verantwortung mit sich. Womöglich ist mir die Wahrheit zu wichtig; eine Wahrheit, die mir fragil erscheint, schmerzlich, lückenhaft und nur durch eine interpretatorische Kraftanstrengung zugänglich. Da möchte ich doch lieber eine unvoreingenommene Zuschauerin sein, eine Archäologin im Tempel der verstümmelten Wahrheit, eine Schamanin, die sich über die verwesende Leiche beugt. Ich möchte mich in diesem Archiv vorsichtig bewegen. Ich möchte mich den Akten mit Umsicht nähern, sozusagen philosophisch, ja auf eine ästhetische Weise, die sich ganz bewusst vom »gesetzlichen Rahmen« löst. Ich hasse die Regeln, denen wir uns nur unterwerfen, weil wir keine Wahl haben – ich bevorzuge den Gebrauch der Urteilskraft, das freie Spiel von Gefühl und Vernunft, die allmähliche Befreiung aus den geerbten Banden von Familie, Nation und instinktiver Zugehörigkeit. Ich nehme mich selbst zu ernst, könnte man an dieser Stelle einwenden. Dennoch – um klar zu sehen, müssen wir uns unserer Vorstellungskraft bedienen.

»Ich habe den Antrag als Wissenschaftlerin gestellt«, sage ich.

Der Computermonitor ist dunkelblau, auf der Oberfläche ist nichts zu sehen als die Icons der von mir angeforderten Akten. Ich bewege die Maus, klicke das erste Dokument an und warte eine gefühlte Ewigkeit lang. Weil nichts passiert, gehe ich zum zweiten Icon weiter und dann zum dritten. Ich tippe immer fester auf die Tastatur, wie ein Kleinkind, das Klavier spielen will und enttäuscht darüber staunt, dass es das Instrument zwar bedienen kann, die erzeugten Laute sich aber ganz anders anhören als gewünscht. Irgendwann gebe ich es auf, so zu tun, als liefe alles nach Plan, und werfe Eva einen hilflosen Blick zu, die gerade den Kaffeesatz am Boden ihrer Tasse betrachtet. Ich warte kurz und drücke dann Strg+Alt+Entf, um das Programm neu zu starten.

»Avash, avash«, sagt Eva, als sie das bemerkt, und bedeutet mir mit einer Geste, beiseitezurücken.

»Was wollen Sie zuerst sehen?«, fragt sie, während das Programm wieder anläuft.

Ich zucke die Achseln. »Was immer Sie öffnen können.«

Sie nickt sichtlich zufrieden und tippt kompetent auf der Tastatur herum, bis eine gelbe Seite erscheint. Mitten darauf erkenne ich den mit Bleistift handgeschriebenen Namen meiner Großmutter. Ich bin leicht irritiert vom Knarzen des hölzernen Stuhls, bis ich wenige Sekunden später merke, dass ich selbst dafür verantwortlich bin. Ich zittere so heftig, als stünde ich nackt in der Kälte, anscheinend habe ich keine Kontrolle darüber, genauso wenig kann ich mich auf die Sätze konzentrieren, die, während ich die Maus bewege und im Dokument scrolle, einer nach dem anderen erscheinen.

Oben links auf der Seite steht: »Innenministerium, Direktion Staatssicherheit und Volkspolizei, Abteilung für innere Angelegenheiten.« Oben rechts und fast bis zur Unleserlichkeit verblasst: »HÖCHSTE GEHEIMHALTUNG«. Weiter unten findet sich ein neuerer Zusatz: »Vollständig freigegeben laut Entschluss Nr. 15 des Amtes für Auskünfte zu den Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes.« Daneben wieder unleserliches Bleistiftgekritzel, die Worte »Archiv Nr. 531« sind rot umkreist. Eine Zeile mit allgemeinen Angaben, »Vorname / Familienname: Leman Ypi«, weiter darunter: »Pseudonym«.

Diese Zeile ist leer, und obwohl ich nicht genau weiß, was das bedeutet, kommt mein Körper zur Ruhe und ich höre mich selbst erleichtert ausatmen.

Ich sehe eine Zeichnung in der Mitte, eine saubere Raute voller konzentrischer Kreise, die anscheinend das Wort »Konfession« umschließen und die römische Ziffer »VII«. Anscheinend war da jemand bei der Arbeit gelangweilt. Wer weiß, vielleicht hat auch diese Person nebenbei Kaffee getrunken. Ich bleibe bei einem Wort hängen, das dreimal unterstrichen wurde: »Griechisch«. Es ergibt keinen Sinn. Ich scrolle weiter, bis ich auf der nächsten Seite auf dasselbe Wort stoße, diesmal begleitet von weiteren allgemeinen Angaben.

Staatsangehörigkeit: Griechisch

Vorname / Familienname: Leman Ypi

Geburtsort: Saloniki

Volkszugehörigkeit: Albanisch

Beruf: Angestellte im Bildungsministerium

Religion: Muslimisch

Aktenkundig seit: 29.12.1952

Akte angelegt durch: Major H.Q.

Grund: Verdacht auf Agententätigkeit

»Agententätigkeit!«, rufe ich unwillkürlich.

Eva stößt sich von ihrem Schreibtisch ab und rollt im Rückwärtsgang herüber.

»Brauchen Sie wieder Hilfe?«, fragt sie, und ich stutze – es klingt aufrichtig gemeint.

»Agententätigkeit …«, wiederhole ich. »Das ist so eigenartig. Jetzt bin ich total verwirrt.«

»Besser eine ausländische Agentin als eine der Sigurimi«, sagt Eva, als wäre es ein Trost. »Obwohl manche Auslandsagenten damals natürlich von der Sigurimi angeheuert wurden.«

Ich denke an das strahlende Lächeln meiner Großmutter, die sich im Winter 1941 auf einer Sonnenliege in Cortina d’Ampezzo ausstreckt. Auf dem Foto sieht sie nicht gerade wie eine zukünftige Sigurimi-Agentin aus, und auch nicht wie eine ausländische Spionin. Gut, das ist vielleicht auch der springende Punkt bei Agenten: dass sie nicht wie welche aussehen. Aber warum griechisch?

Ich schüttele weiter den Kopf. »Meine Großmutter wurde nur in Griechenland geboren«, sage ich und sehe Eva so eindringlich an, als könnte sie es bestätigen. »Damals gab es noch das Osmanische Reich … Ich glaube nicht, dass sie sich jemals politisch engagiert hat. Sie ist mit achtzehn nach Albanien gegangen.«

»Sie wurde in der Türkei geboren?«, fragt Eva verwirrt. »Im Osmanischen Reich?«

»Nein, nein, aber ihre Großeltern lebten in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul«, sage ich. »Sie kam in Griechenland zur Welt, das zu dem Zeitpunkt aber schon unabhängig war. Ich weiß das nur, weil sie mir von den Umständen ihrer Geburt berichtet hat.«

Lächelnd erzähle ich Eva eine meiner Lieblingsgeschichten. Meine Großmutter gab sie an jedem Silvester zum Besten, während wir die Feier zum Jahreswechsel vorbereiteten. Das Mittagessen wurde ausnahmsweise übersprungen, die Speisen und den Appetit sollten wir uns für den Abend aufsparen. Nach einem langen Tag des Grillens, Bratens und Backens wurden die köstlichen Gerichte auf dem Tisch arrangiert wie Trophäen in Erwartung derjenigen, die sich eine besondere Belohnung verdient hatten. Während ich in die Küche rannte und wieder hinaus und vorgab, helfen zu wollen, konnte ich dem Duft der glänzenden Baklava-Karrees nicht widerstehen. »Das muss wohl der Geist des alten Pascha gewesen sein«, kicherte meine Großmutter, wenn sie mich beim Naschen erwischte. Um sie von dem Proviant abzulenken, den ich mir in die Tasche gesteckt hatte, bat ich sie, mir eine Geschichte zu erzählen, die ich längst auswendig kannte: die Geschichte davon, wie ihr Großvater, der geschätzte Ibrahim Pascha, nur wenige Tage nach ihrer Geburt in Saloniki sein Ende in Konstantinopel fand, weil er zu viel Baklava gegessen hatte. »Ist es zu glauben«, rief sie und riss dabei die Augen auf, »Ibrahim Pascha – ein Mann so tapfer, dass er die armenische Revolte unterdrückt hatte, und so schlau, dass er einmal heimlich ein Geschäft auf einem Donaudampfer einfädelte, der unter britischer Flagge fuhr – musste sterben, weil er zu viel von genau dieser Süßigkeit gegessen hatte! Ibrahim Pascha, ein Löwe und ein Fuchs, gefallen nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in der Küche!« Sein Tod war so lächerlich, dass seine Frau Mediha vor lauter Scham nicht wagte, ihn öffentlich zu machen. »Obacht vor dem Baklava«, warnte mich meine Großmutter. »Baklava ist hinterlistig, Baklava wird dich entehren, und anders als du hatte der arme Ibrahim Pascha es nicht einmal heimlich gegessen. Es war extra zur Feier meiner Geburt zubereitet worden!«

»Ich habe ihre Geschichten aus dieser Zeit geliebt«, sage ich. Eva und ich lachen. »Einige waren lustig, andere tragisch, manche waren beides. Ich bezweifle, dass ich in den durchnummerierten Dokumenten, die Sie mir herausgesucht haben, etwas davon finden werde.«

»Man kann nie wissen«, entgegnet sie und richtet den Blick auf eine große Wanduhr mit silbrigem Rahmen.

Wir schweigen. Ich frage mich, ob ihre Antwort als Ermunterung gemeint war. Was, wenn sich die Erzählungen meiner Großmutter als Märchen aus Tausendundeiner Nacht erweisen, gesponnen aus Hoffnung und Verrat, Macht und Intrigen, Bindung und Verlust, und sie selbst als eine Scheherazade, die erfindet, um zu überleben? Ist die junge Frau auf den Fotos, die ich in den Akten zu finden hoffe, derselbe Mensch, den ich gekannt und geliebt habe? Was ist mit dem Baby, das in Saloniki zur Welt kam, und mit dem Mädchen, das sich alles von seiner jungen Tante abschaute? Plötzlich bin ich wie gelähmt, bedroht nicht nur von den Fakten, die mir hier möglicherweise begegnen, sondern von den Konsequenzen, die sie für mich haben könnten. Ich hatte immer angenommen, dass unser Leben ein Kontinuum ist und dass ihre Vergangenheit meine Gegenwart prägt. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Ich frage mich, ob die Welten, die ihr Leben umspannte, überhaupt miteinander vereinbar sind. Wie passen die alten Geschichten, die sie an mich weitergab, mit den neuen zusammen, die ich hier vielleicht finde?

»Albanien … Sigurimi … griechische Agentin … Saloniki … Konstantinopel … Osmanisches Reich«, murmelt Eva und zieht einen Finger über die Tischplatte wie ein Kind, das ein Bild malt, indem es Punkte mit einer Linie verbindet. »Alles geht zurück auf das Osmanische Reich, nicht wahr? Manchmal frage ich mich: Ist es je untergegangen?«

1. Der kranke Mann Europas

»Nicht der Magen … das ist unmöglich. Es kann auf keinen Fall sein Magen gewesen sein …!«, rief meine verzweifelte Urgroßmutter Mediha Hanim an einem Augustnachmittag des Jahres 1918 und wischte sich dabei die Tränen von den Wangen.

»Doktor Elias, bitte, schließen Sie seine Augen, je vous en prie, ich kann den Anblick nicht ertragen. Er sieht so wütend aus.«

Der Arzt nickte bedächtig, trat an den Leichnam heran und rückte ihm den Fez zurecht.

»Pourtant, ma chère Mediha Hanim«, sagte er, »aber so war es. Es gab keine andere Ursache.«

»Aber er hatte wochenlang nichts gegessen. Ich habe ihn angefleht, etwas zu sich zu nehmen. Dafne, du hast es doch auch gehört …« Hilfesuchend drehte sie sich zu ihrer Hausangestellten um.

»Selbst dem Großwesir war es aufgefallen, als die beiden sich vor zehn Tagen getroffen haben«, fuhr sie schluchzend fort. »›Lieber Ibrahim Pascha‹, sagte er, ›Sie sehen aus wie die hungernden albanischen Jungen, die wir damals als Janitscharen rekrutiert haben! Sie müssen besser auf sich achtgeben. Wie sollen wir dem kranken Mann Europas helfen, wenn wir selbst krank sind …‹«

Der Arzt musste sich ein bitteres Lächeln verkneifen. Früher haben sie immer nur die Russen so genannt, dachte er bei sich, aber nun bezeichnet die Regierung, die Hohe Pforte, sich selbst so. Und alle sprechen darüber, als gäbe es ein Heilmittel. Bevor sie die Niederlage akzeptieren, müssen sie anscheinend gedemütigt werden.

»Er sieht immer noch wütend aus, selbst mit geschlossenen Augen«, unterbrach Mediha Hanim seine Gedanken mit schwacher, müder Stimme. »Dass Sie so etwas sagen, hätte er sicher nicht gewollt. Außerdem hatte er seit Wochen nichts gegessen …«

Der Arzt holte tief Luft, beugte sich abermals vor und zog ein Laken über Ibrahim Paschas Leichnam.

»Mais voilà, c’est bien ça, Madame. Tagelang nichts, und dann fünf große Baklavastücke auf einmal. Wie soll der Magen damit zurechtkommen …«

»Doktor Elias, sprechen Sie dieses furchtbare Wort nicht noch einmal aus, ich bitte Sie. Natürlich habe ich ihm gesagt, er soll vorsichtig sein, aber Ibrahim Pascha … Sie wissen doch, wie mein Mann ist … war.« Mediha Hanim verstummte und sah sich um. »Woher kommt dieser Geruch?«

»Dafne, bitte …« Der Arzt bedeutete der jungen Magd mit einer Geste, sie solle Waschwasser holen.

»Oh non, nicht doch, nicht das …« Mediha Hanim drückte sich ein seidenes Taschentuch an die Nase, dann faltete sie es auf und legte es sich übers Gesicht, wie um sich dahinter zu verstecken. »Mon cher Ibrahim Pascha, es wäre ihm ja so unangenehm … Eau de Cologne, Dafne, hol das Eau de Cologne!«, rief sie dem Mädchen nach, das losgelaufen war, um Wasser zu holen.

Sie wollte das Fenster öffnen und frische Luft hereinlassen, aber als sie die Teşvikiye-Moschee sah und die majestätische Kuppel ihr plötzlich erschien wie ein riesiger, abstoßender Bauch, brach sie abermals in Tränen aus.

»So hatte er sich sein Ende nicht vorgestellt«, sagte sie sichtlich erschüttert, und dann verließ sie das Schlafzimmer. Doktor Elias folgte ihr. »Er wollte in Würde von uns gehen.«

Mediha Hanims Worte waren tief empfunden. Sie hatte Ibrahim Pascha seit ihrer Kindheit gekannt, seit dem Alter, in dem die ersten Erinnerungen sich einprägen, als die beiden in den Fluren ihres Zuhauses in Leskovik, damals Hauptstadt der Verwaltungseinheit Ioannina im Osmanischen Reich an der heutigen Grenze zwischen Albanien und Griechenland, Verstecken spielten. Sie waren Cousin und Cousine, ungefähr gleich alt, nur dass sie größer war als er, dazu dünn und mit dunklen Locken und lebhaften Augen, wie sie typisch sind für die für ihre Schönheit bekannten Tscherkessinnen. Als Kind war sie ihm ständig hinterhergelaufen und hatte sich über sein leichtes Hinken lustig gemacht, Folge eines Geburtsfehlers. Später würden die Leute es fälschlicherweise für eine Kriegsverletzung halten, und er tat nichts, um den Irrtum aufzuklären. Sie hatte ihn ihren cher mari genannt, als hätte sie damals schon gewusst, dass sie eines Tages heiraten, ihre Flitterwochen in Paris verbringen und zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, bekommen würden, Vorahnungen, deren Genauigkeit sie selbst überraschte, vor allem, nachdem der Pascha eine zweite Frau wählte. Mediha Hanim regte sich natürlich auf, gab aber niemals zu, dass sie der anderen den Tod im Kindbett wünschte, was fast genau neun Monate nach der Hochzeit dann auch geschah. Ab dem Moment gehörte Ibrahim Pascha zu ihr, wie das kostbare, während der Flitterwochen in Paris gebraucht gekaufte Porzellan zu den von ihr veranstalteten Soiréen gehörte: wertgeschätzt für die Aufmerksamkeit, die es ihr einbrachte, begehrt wegen bestimmter Eigenschaften, doch geliebt vor allem als Sinnbild der Mühen, die es sie gekostet hatte, es während der vielen Umzüge innerhalb des Reichs vor dem Zerbrechen zu bewahren.

Und doch konnte Mediha Hanim nicht behaupten, sie hätte ihren cher mari wirklich gekannt. Sie wusste so einiges über ihn: dass er gefüllte Auberginen ohne Tomaten bevorzugte und am Nachmittag, anders als am Morgen, Zucker in den Kaffee nahm. Sie wusste, wie sie nach dem Aufstehen die Vorhänge zu öffnen hatte, ohne dass er sie anschrie, wann sie ihm den Gehstock für den Abendspaziergang reichen musste, wann er nicht auf seine Migräne angesprochen werden wollte und welcher Moment günstig war, um ihm die neuesten Nachrichten aus Saloniki zu überbringen, wo ihr Sohn Avni Bey inzwischen lebte – beispielsweise, dass auf ihren Ländereien ein Bauer bei der Arbeit gestorben oder ein Kind zur Welt gekommen war. Sie sprach in einem dem Pascha genehmen Ton, weder hektisch noch überschwänglich. Doch so etwas konnte sich kaum Wissen nennen, wenn man unter Wissen nicht bloß jene Vertrautheit versteht, die beim täglichen Miteinander für einen reibungslosen Ablauf sorgt, sondern ein tieferes Verständnis für die Beweggründe und Ziele eines Menschen, etwas, das man benötigt, um ein Urteil über seine Würde auszusprechen.