Augen zu und durch - Peter Niemielcorz - E-Book

Augen zu und durch E-Book

Peter Niemielcorz

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Beschreibung

Peter Niemielcorz, Jahrgang 1963, erzählt aus seinem bewegten Leben. Schwerkrank wurde er als Baby in einem Weidenkorb vor dem Kinderkrankenhaus in Hamburg vor die Treppe gelegt. Dort hat man ihn gefunden und aufgepäppelt. Schon bald fand er liebevolle Adoptiv-Eltern. Er hatte eine sehr bewegte Kindheit. Sein gesamtes Leben war ein einziges Auf und Ab. Seinen Eltern ist er noch heute sehr dankbar, dass sie ihn aufgenommen und großgezogen habe. Mit seiner Geschichte als Findelkind war Peter bereits bei Günther Jauch in der Sendung Stern TV zu Gast.

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Seitenzahl: 233

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Ein Baby im Weidenkörbchen

Was man so aus Verliebtheit macht

Alle meine Unfälle

Zigarrendesaster

Und noch heute hab ich Angst vor Wegplatten

Einfach ein paar bunte Erinnerungen

Schulzeit

Achtes bis neuntes Schuljahr

Mein Praktikum beim Friseur

Die Abschlussfeier

Ein richtiger Rock n Roller

Meine Jugend, 14 – 18 Jahre

Spuren im Schnee verrieten den Täter

Millionenschwerer Juwelenraub im Einkaufszentrum

Echt Scheiße gelaufen

Von zu Hause abgehauen

Meine sportlichen Aktivitäten

Café Keese und Ballhaus Barmbek

Wieder mal zu Hause abgehauen

Zwischendurch ein Dank an meine Eltern

Knastgeburtstag

Waffengeschäfte

Jugendliebe und Neuanfang

Stuttgart

Ein ganz normales Leben?

Auf nach Frankreich

Baiersbronn

Motorradabenteuer

Wittmani Stuntmanshow

Auf nach Spanien!

Elvis-Imitator und Disko-Kontrolleur

Ein trauriges Ende

Unsere rollende Diskothek

Schwimmbadliebe

Vater werden ist nicht schwer

Hohenasperg

Mein ganz anderes Leben

Bittersüßes Ende

Danksagungen

Ein Baby im Weidenkörbchen

Am 22. April 1963 wurde ich in Hamburg geboren. Man hat mich als nacktes, kleines Baby in einem Körbchen, einem Weidenkorb vor dem damaligen Rothenburgsorter Kinderklinikum, vor die Treppe gelegt. Da hat man mich dann gefunden und erst mal behandeln müssen. Ich war schwer krank, hatte eine Lungenentzündung, ganz schlimm, eben auch Atembeschwerden. Und ich hatte eine Hühnerbrust.

So hat man mich im Kinderklinikum behandelt und irgendwie ist es dann dazu gekommen, dass man mich von dort aus gleich zur Adoption freigegeben hat. Und so schwer krank, wie ich damals war, kamen dann Werner Hermann und Ursula Annemarie Niemielcorz und haben mich ausgesucht.

Mein Adoptivvater, der ist aber hier für mich mein reeller Vater. Ich bitte, das auch zu vermeiden, zu sagen, das sind Adoptiveltern. Weil, ich war ein winziger, kleiner Furz, Hosenschisser und sie haben mich schon adoptiert. Also, das sind für mich meine Eltern.

Auf alle Fälle hat er mich dann auf den Arm genommen und was habe ich gemacht? Ich hab ihm dann in die Nase gebissen! Na, ohne Zähnchen halt! Auf alle Fälle stand der Entschluss von meinen Eltern dann fest: „Den nehmen wir! Der ist frech genug!“

Ja, und so bin ich dann bei den beiden gelandet. Eigentlich war meine Kindheit sehr behütet. Eher überbehütet. „Mach nicht dies! Tu nicht das! Pass auf! Vorsicht, mit wem du dich abgibst!“

Oh, und anziehen! Oh je, wenn ich nur daran denke! Das kommt aber später noch. Ja, wie gesagt bin ich aus dem Klinikum heraus – Rothenburgsorter Kinderkrankenhaus war das übrigens damals – zur Adoption freigegeben worden und die beiden haben mich direkt adoptiert.

Dann habe ich wohl eine schwere Kindheit gehabt, schon als Baby mit Asthma, dann diese Hühnerbrust, wo meine Mutter mich jeden Tag massiert hat, mit den Handballen auf der Brust. In der Hoffnung, dass die Hühnerbrust nicht immer weiter nach außen wächst. Und das hat auch geklappt. Durch die täglichen Massagen, über Jahre hinweg, ist der Brustkorb nicht nach außen gewachsen, sondern hat sich nach innen gewölbt. Ihr habe ich zu verdanken, dass ich heute mit einer normalen Brust lebe und nicht mit einer Hühnerbrust.

Na ja, die beiden haben mich halt behütet und bemuddelt, bis zum Geht-nicht-mehr. Ich war ja ein Wunschkind, ein Einzelkind. Ich glaube schon, das war ziemlich schwer, teilweise.

Ja, ich wurde eigentlich so richtig bemuddelt. Wenn ich mir so meine Kinderfotos angucke, da wurden Pullover und Mützchen gestrickt. Und ich wurde verpackt wie ein Weihnachtsmann. Ich hab ausgesehen! In den unmöglichsten Klamotten! Uiuiuiuiui!

Lederhose an, die dicke Windel drunter, dann schon so ein passendes Bayernhemd und ne Mütze dazu. Und das mit – keine Ahnung – vielleicht drei Jahren! Boah, haben die mich ausstaffiert, mit allem Scheiß.

Ich weiß noch, Weihnachten, ich hab nen Trecker bekommen. Ich hab ein Holzschaukelpferd bekommen. Also, ich wurde eigentlich schon bemuddelt von denen. Und die haben auch einen kleinen Hund gehabt. Pinzi hieß der. Eigentlich Prinzi, aber ich hab immer Pinzi gesagt. Der hat sich vor die Toilette gelegt, dann bin ich draufgestiegen und konnte dann pillern. Im Sitzen, ja, ja!

Und so war halt meine Kindheit. Schlittschuhlaufen, Rodeln fahren. Ja, was heißt fahren? Das konnten wir zu Fuß machen. Wir sind von zu Hause aus fünf Minuten zum Deich und am Deich waren alle Kinder Schlitten fahren.

Ich hab eigentlich, so gesehen, eine wirklich schöne Kindheit gehabt. Viel unterwegs gewesen, schon als kleines Kind, und so. Und wir waren in der ehemaligen DDR. Da kommen später auch noch einige Erinnerungen.

Ich als kleiner Steppke

Auf alle Fälle krustelte ich so vor mich hin, so Richtung Schule, Kindergarten gab es noch nicht. Und, wie gesagt, ich wurde verhätschelt und vertätschelt. Weiß nicht, ob das so richtig war. Denke mal, schon. Ich hab meine Tochter ja auch groß gekriegt.

Ich bin meinen Eltern ja sehr dankbar dafür, dass sie mir Gutes getan haben. Und jetzt mache ich mal einen großen Sprung zu meiner ersten Lüge, die schon ganz schön heftig war.

Was man so aus Verliebtheit macht

Ich bin schon zur Schule gegangen, das war in der ersten Klasse gewesen. Und da ging es schon relativ gut zur Sache. Ich hab sie halt da schon angefangen, aufzuziehen.

„Du bist ja gar kein richtiges Kind! Du hast ja gar keine Eltern!“ Ne, ne, ne, das war nicht der Fall. Da wusste ich nämlich noch gar nicht, dass ich Adoptivkind bin. Das habe ich erst viel, viel später in meinem Leben erfahren. Also gab es keine Vorurteile in meiner Kindheit. Aber ich war natürlich ein richtiger Rüpel schon gewesen. Nicht nur, dass ich andauernd vor die Tür musste und draußen stehen musste, bis zur Pause. Wer weiß, was ich da schon alles gemacht habe, in der ersten Klasse? Ich weiß es gar nicht mehr. Aber ich weiß noch, dass ich mich mit einem Mädchen gezankt habe. Und die hab ich SO LIEB gehabt! Oh verdammt, hab ich die lieb gehabt! Aber ich kam da irgendwie nicht ran. Dann bin ich auf die dumme Idee gekommen, jetzt beiße ich mir in den Arm und das hab ich dann auch gemacht. Ich hab mir so richtig kräftig in den Arm reingebissen. Oha, sah das aus! Bin dann nach Hause und hab meinen Eltern erzählt, das Mädchen hätte mich so gebissen.

Was ich damals damit ausgelöst habe, das hab ich nicht gewusst. Mein Vater ist dann natürlich aufgeschlagen, bei denen. Er hat so einen alten VW-Käfer gehabt. So einen, wo die Sitze sich noch nach vorne klappen. Nein, das kommt hinterher!

Mein Vater ist mit mir also dahingefahren, hat geklingelt und dann großes Palaver. Und der Familienvater ebenfalls. Dann riefen sie die Tochter dazu und die hat natürlich gesagt, was ich gemacht hab. Dass ich versucht hab, sie auf meine kindliche Art anzumachen. Und dass sie mich abgewiesen hat. Daraufhin bin ich rausgegangen und es wurde auch von anderen Kindern gesehen, sagte sie, und hab mir ganz kräftig in den Arm gebissen. Warum ich das gemacht hab, weiß ich bis heute nicht. Auf die Idee zu kommen, sich so voll in den Arm zu beißen und dann zu sagen: „Guck mal, Papa, das hat die gemacht!“

Versteh ich nicht, weiß ich nicht, finde ich auch keinen Grund für. Aber das war auch der erste Arsch voll, an den ich mich erinnert hab. Mein Vater ist mit mir nach Hause und dann gab es aber erst mal auf den Hintern! Das hab ich mir auch, wohl oder übel, schwerstens verdient. Was hab ich für eine Tracht gekriegt und musste danach auf mein Zimmer.

An der Stelle muss ich auch sagen, mein Vater war immer strikter Verweigerer von Gewalt in der Erziehung. Meine Mutter war immer die, die ihn angeschrien hat: „Antiautoritäre Erziehung, das ist dein Weg! Aber nicht meiner!“

Alle meine Unfälle

VW- Käfer war das Stichwort. Da muss ich jünger gewesen sein. Ich vermute mal, so vier bis fünf Jahre alt. Mein Vater hatte einen VW-Käfer und bei dem war das noch nicht so, dass die Rückenlehnen feststellbar waren. Die konnte man so lose hin und her bewegen. Ich saß hinten, wie sich das gehört, und wir fahren so. Es hat sich alles an einem Tag abgespielt, was ich jetzt erzähle. Mein Vater fährt an eine Kreuzung. Wir stehen an so einer Riesenkreuzung und sehen vor uns steht eine Ente und davor ein Porsche. Ich weiß es noch, links und rechts, vierspurig, so eine Mischung aus Schnellstraße und Stadtstraße, da waren 60 oder 70 erlaubt. Andreas-Meier-Straße hieß die, glaub ich. Eine Zufahrt, und von überall kommen LKW. Und der Porsche gibt Gas, zieht voll über diese Kreuzung. Und was macht diese blöde Ente? Die versucht, hinterher zu fahren! Der Porsche kommt natürlich durch, durch die ganzen LKW und heil raus, in seine Fahrtrichtung. Aber die Ente, die wurde voll erwischt. Das hab ich voll gesehen. Die hat nen Schlag von links gekriegt! Die hat nen Schlag von rechts gekriegt! Die wurde zwischen den LKW hin und her gerotzt. Das werde ich nie vergessen!

Mein Vater hat nur gesagt: „Mach die Augen zu!“ Aber da war es schon zu spät.

Unmittelbar kurz danach fahre ich mit meinem Vater – und zum Glück war das nur in der Stadt irgendwo – ich sitze hinten, wie immer. Und irgendwie musste mein Vater volle Kanne in die Eisen steigen, voll bremsen. Und ich von hinten, wie mit einem Katapult, über den Sitz, weil der Sitz hat sich ja nach vorne geklappt, durch die Scheibe durch – da gab es noch nicht so ein Verbundglas wie heute – da war das noch fast wie Fensterglas. Da bin ich so durchgeballert und mein Vater hat mich, aus einem Instinkt heraus, ZACK, am Fuß gepackt, dass ich also nicht unter den Käfer rutsche und hat mich wieder reingezogen. Alter Schwede!

Das muss man sich vorstellen! Du sitzt hinten, es gibt ne Vollbremsung, du fliegst durch das Auto, durch die Scheibe durch. Und im letzten Moment packt dich einer am Fuß und zieht dich zurück. Also, DA hab ich richtig heftig Glück gehabt. Ich hätte tot sein können.

Besagter VW-Käfer

Obwohl, tot, da hab ich noch einmal riesiges Glück gehabt. Da war ich schon ein bisschen älter. Ich musste so knapp um die 10 Jahre rum alt gewesen sein. Ich hab mein Fahrrad gehabt und mein Vater hat immer gesagt: „Mach die Bremsen heil! Reparier das Fahrrad. Bring es her, dann reparier ich das.“

Aber ich bin halt immer einfach gefahren. Wie ein Bekloppter, immer ohne vernünftige Bremsen, ohne Licht und haste nicht gesehen. Den einen Tag bin ich hoch zum Deich, hab mich da mit anderen Kindern getroffen, die auch mit Fahrrad auf dem Deich längs gefahren sind. Dann haben wir auf einmal angefangen, so Rennen zu fahren. Das war ja auch alles okay, auf dem Deich so hoch und runter, auf der Innenseite vom Deich, da ist es mir gar nicht so aufgefallen, dass meine Bremsen gar nicht richtig funktioniert haben. Und dann so im Spiel, Attacke! Immer Gas, du wolltest ja immer Erster sein. Und dann kam einer von den Jungs auf die Idee, man fährt die eine Seite vom Deich runter, über die Straße, auf der anderen Seite zum Deich wieder hoch und da ist das Ziel. Tolle Idee, nicht? Man kann sich das so optisch vorstellen, der Deich, Berg runter, Straße, bergauf, Deich.

Aber wir waren natürlich noch nicht so intelligent, dass wir dran gedacht haben, an den ganzen Verkehr, alles, was so dazugehört. Auf alle Fälle, die ersten Attacken, Berg runter, ZACK, über die Straße, Berg drüben wieder hoch. Oh, das fand ich ja auch richtig toll. Und dann war ich dran. Ich Berg runter, über die Straße, PENG! Und dann hab ich heute nur noch vor Augen, wie der Fahrer des Autos beide Hände über kreuz vorm Gesicht zusammengeschlagen hat. Ich bin dem voll auf die Windschutzscheibe geklatscht und hab auch noch reingeguckt. Dann erinnere ich mich erst wieder, dass ich aufgewacht bin und ich hatte mir in die Hose gemacht, hatte ich das Gefühl, und da hab ich Stimmen gehört. Das waren die Sanitäter gewesen. Dann die mich ins Krankenhaus gebracht haben. Da war ich ziemlich benebelt, da weiß ich gar nichts mehr von. Im Krankenhaus bin ich langsam wieder zu mir gekommen. Meine Eltern waren natürlich auch da. Da haben sie eine richtige Untersuchung gemacht, röntgen, alles, was dazugehört. Ich hab nix gehabt. Ich hab allerhöchstens eine kleine Gehirnerschütterung gehabt. Ich hab richtig Glück gehabt, keine Brüche, keine inneren Verletzungen. Ich bin da frontal den Deich runter, das Auto hat mich volle Kanne mitgenommen, dass ich auf der Windschutzscheibe geklebt hab. Ich hatte nichts! Ich hatte so ein Schwein gehabt, ich hatte null Verletzungen. Boah, das war auch der Burner! Aber da hab ich keinen Arsch voll zu Hause gekriegt. Da waren meine Eltern froh, dass ich das überlebt hab. Aber von dem Tag an hab ich immer Bremsen am Fahrrad gehabt.

Zigarrendesaster

Da fällt mir ein Megahammer ein, den ich da mal gehabt hab. Ich muss so fünf Jahr alt gewesen sein, ich bin noch nicht zur Schule gegangen. Mein Vater hat ab und zu zwischendurch Zigarren geraucht. Wir hatten, ich erinnere mich, damals schon im Erdgeschoss einen Wintergarten dran. Also ein extra Gebäude mit Glaseingang und so. Dann ein großes Wohnzimmer, ein kleines Wohnzimmer und die Küche. Und da ging es so eine ganz steile, schmale Holztreppe hoch und rechts unten war so ein eingebauter Wandschrank und dann ging es die Treppe hoch und oben waren noch mal zwei Schlafzimmer. Und in diesem Wandschrank, da war damals so eine Schiebetür drin. Ich war neugierig. Meine Eltern sind schlafen gewesen und ich bin dann runtergegangen ins Wohnzimmer und hab mir so einen Zigarrenstumpen genommen, den er schon mal geraucht hat und das Feuer und hab mich dann in diesem Flur im Kleiderschrank versteckt. Bisschen Schuhe beiseitegeschoben, Tür auf, Tür zu und hinein. Damals habe ich das nicht gewusst, dass ich mich da drin bewusstlos nebele. Ich hab jedenfalls diesen Stumpen angemacht. Ich hab’s ja gesehen, bei meinem Vater, wie man daran pafft. Hab dann, wie es sich gehört, aus Versehen Luft geholt und dann muss ich natürlich gehustet haben wie sonst was. Hab mich dann vom Husten erholt, wieder so zwei bis drei Paffzüge gemacht und dann ging der Kleiderschrank schon auf und mein Vadder stand davor. Stumpen raus aus meinen Fingern, einmal umdrehen, zwei mit der flachen Hand auf den Arsch und ein riesen Anbrüller: „Du gehst sofort in dein Bett und wagst es nicht, rauszukommen!“

Mir hat der Hintern gebrannt. Ich hochgerannt in mein Zimmer, Tür zu. Ja, alles gut. Das Problem war, lass es fünf Minuten später gewesen sein, hab ich schon um Hilfe gerufen, nach meinem Vater. Ich musste so doll auf Toilette. Hat mein Vater gesagt: „Okay, komm, dann geh auf Toilette!“

Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich da verbracht habe, aber ich hab Bauchweh gehabt, mir war grün und blau und schlecht. Ich hab richtig Durchfall gehabt und bin dann die halbe Nacht nicht von der Toilette runtergekommen.

Und noch heute hab ich Angst vor Wegplatten

Da fällt mir wieder eine Geschichte ein. Ich bin noch nicht zur Schule gegangen. Es muss kurz vor der Schule gewesen sein, ich muss also um die fünf Jahre alt gewesen sein. Und das war immer so ein heißes Thema, im Garten. Meine Mutter hat rumgebölkt: „Raus, in den Garten! Arbeiten!“ Machen und tun! Öhhhh, ich hab nie Lust gehabt. Ich könnte kotzen, tja, ich wollte das einfach nicht! Das war nichts für mich. Aber den einen Tag, weiß ich nicht, wie sie mich erwischt hat, ich Gummistiefel angezogen und raus, zu meinem Vater in den Garten und gefragt: „Papa, was kann ich dir denn helfen?“

Papa und ich im Garten

Er dann: „Ja, da und da kannst du Unkraut zupfen.“

Und ich denk mir so: „Boah, Scheiß Unkraut zupfen!“

Ich mir nen Eimer genommen, zwei Minuten Unkraut gezupft. Ihhhh, da waren so Würmer drin! Bäh, hab ich schon gar keinen Bock mehr zu gehabt. Überhaupt keine Lust mehr zu gehabt. Also hab ich’s gelassen. Ich sag: „Papa, neeee, das ist nix für mich.“

Sagt Papa: „Okay, dann pflück mal ein paar Erdbeeren. Aber pass auf, dass du sie heil abkriegst.“

Okay, gut, ich rein zu Mama: „Mama, gib mir mal ein Eimerchen, ich soll Erdbeeren pflücken.“

Sie mir den Eimer gegeben. „Juchhu, endlich machst du was im Garten. Wurd auch mal Zeit!“

Ich bin ganz schnell raus, dass ich mir das gar nicht anhören musste. Aber sie kam noch ein Stück hinterher und sagte: „Mach das ja ordentlich!“

Ich dann hin, zu den Erdbeeren, mich hingekniet und hab dann schwuppdiwupp die Erdbeeren gezupft und gar nicht gemerkt, dass ich eigentlich mehr esse als ich zupfe. Auf alle Fälle war ich dann irgendwann fertig, hab meinem Vaddi die Schale gezeigt, Der guckt mich nur an und fragt: „Na, hat’s dir geschmeckt?“

Ich sag: „Ja, war lecker.“

Er: „Dann guck noch mal richtig, ob du noch ein paar findest, ohne dass du sie isst und dann bringst du sie zu Mama rein.“

Ich noch mal runter, auf allen Vieren da rumgekrabbelt, hab natürlich noch Erdbeeren gefunden und hab die reingemacht und sie dann zu meiner Mutter gebracht. Meine Mutter guckt mich natürlich auch gleich mit großen Augen an und sagt: „Na, mehr war nicht?“

Ich nur: „Mhmh!“

„Oder hast du so viel gegessen?“

„N…Nöööö, nur ein paar.“ Und hab zugesehen, dass ich ganz schnell wieder das Weite suche. Ich wieder hin zu meinem Vater, der war da so am Arbeiten. Nimmt so Wegplatten und legt die aus.

„Papa, kann ich dir irgendwas helfen?“

„Nö, nö, mir fällt jetzt nichts mehr ein. Kannst ein bisschen spielen.“

Ich denk: „Na ja, dann werd ich jetzt mal zeigen, was ich drauf hab!“

Geh an diesen Stapel. Die waren so hoch gestapelt, die Wegplatten. Und einer dieser Stapel war eben gerade nur noch so hoch, dass er bei mir so bis zum Bauch ging. Ich packte dann links und rechts diese Platte an, war ja auch alles schön und gut, ich konnte die Platte so rüber ziehen und zog und zog. Ich musste sie ja noch nicht anheben. Ich hab sie dann rüber gezogen und irgendwann hatte die Platte natürlich Übergewicht, fiel runter und mir volle Kanne auf den Fuß. Jo, hat das geschmerzt! Bloß nicht schreien! Bloß nix machen! Das ja nix der Vaddi mitkriegt, dass mir da ein Stein runtergefallen ist!

Mit Hängen und Würgen hab ich da den Fuß drunter raus gekriegt. Und dann bin ich durch den Garten gehüpft! Regelrecht gehüpft. Mein Vadder hat das natürlich gemerkt und sagt zu mir: „Was ist denn los, min Jung? Was haste denn?“

Und ich: „Jo, nix, Papa. Nix, Papa! Ich … mach hier Schuhplatteln. Ich üb so’n bisschen. Jodel. Jodel.“

Und ich hüpfte und hüpfte und hüpfte und hüpfte durch den Garten wie ein Geisteskranker. Irgendwie ließ der Schmerz dann nach, ich hab das auch einigermaßen überwunden, das Ding. Hab an nichts Böses mehr gedacht. Dachte gar nicht mehr an meinen Fuß. Der war zwar warm und hat so ein bisschen gebubbert, aber da hab ich mir damals nichts bei gedacht.

Und dann hieß es, reinkommen, Abendbrot essen. Tja, ich bin dann auch rein, Abendbrot essen. Neeee, ich bin nicht rein, Abendbrot essen. Ich konnte meinen Stiefel nicht ausziehen. Mein Vadder sagt: „Mensch, nun komm doch endlich rein. Zieh die Schuhe aus!“

Ich sag: „Du, Papa, ich krieg den Stiefel nicht aus.“

Mein Vadder guckte mich an und sagte: „Wie?“

Er packte dann den Stiefel an, mein Bein und merkte schon beim Anfassen, da stimmt was nicht. Also nahm er dann, wie so eine Rosenschere sah das aus, ne dicke, fette Schere und schnitt den Stiefel einfach so innen an der Seite auf bis runter zum Knöchel und dann ZACK, hat er meinen Fuß da rausgekriegt! Und als ich das gesehen hab, war mir schon klar, weiße Tennissocken waren da nicht mehr. Das waren knallrote Tennissocken. Oh je! Er gleich, ab, mich auf den Arm genommen und dann ab ins Krankenhaus.

„Na“, sagt er, „Ist dir ne Wegplatte auf den Fuß gefallen? Oder ein Stein?“

Ich sag: „Ja“, und dann konnte ich ENDLICH heulen vor Schmerzen! Oh je! Und er ist mit mir ins Krankenhaus gefahren. Da sind wir damals in das Rothenburgsorter Kinderklinikum gefahren – damals gab es das noch – wo ich auch damals als Findelkind geboren wurde. Die haben dann den Socken aufgeschnitten, meinen Fuß versorgt. Der Große Onkel war natürlich gebrochen gewesen und platt wie ne Flunder. Seitdem habe ich irgendwie Respekt vor Platten. Aber ich hab das nie wieder gemacht. Nen Hintern voll hab ich auch nicht gekriegt. Mein Vater hat gesagt, das waren schon Schmerzen genug für den Blödsinn.

Wir sind dann nach Hause gefahren und auch meine Mutter war glücklich, dass mir da nicht mehr passiert ist.

Einfach ein paar bunte Erinnerungen

Ich muss so sieben bis acht Jahre rum alt gewesen sein, da hat mein Vati mir zwischen drei Birken, ungefähr so in drei, vier Metern Höhe, hat er mir ein Baumhaus gebaut. Und – ob man es glaubt oder nicht – diese Straße, wo wir gewohnt haben, die ist damals dioxinverseucht gewesen. Meine Eltern haben Abfindung bekommen und man musste dort wegziehen. Heutzutage ist da ein Golfplatz. Aber der Witz an der Sache ist, ich war da gewesen, hab mir das angeguckt, diese Birke mit den drei Baumstämmen ist immer noch da. Ich bin vor einigen Jahren dagewesen, wir sind den Baum so ein bisschen hochgekrabbelt. Und tatsächlich, die ganzen Nägel, das war alles noch drinne, was mein Vater mir als Kind da reingenagelt hat für das Baumhaus. Da hab ich auch sehr viel Zeit verbracht, in diesem Baumhaus. Immer wenn’s Stress zu Hause gab, hab ich mich da hoch verzogen, hab mich da verkrochen. Obwohl man natürlich wusste, da wirst du gefunden. Aber damals wusste ich das nicht, hab mich da halt versteckt.

Oder, gegenüber von unserem Haus ging ein Fußweg rein – damals war das ein Fußweg – der war so 200-300 Meter lang. Links und rechts ganz hohe Hecken. Und dann kam man auf einen Spielplatz. Wo ich klein war, war das noch ein richtiger Spielplatz, mit allem, was man sich so vorstellen kann. Schaukeln, Rutschen, Karussell, Baumhäuschen, Häuschen. Keine Ahnung, alles Mögliche, Bolzplatz. Da war auch immer ein Gebüsch gewesen, wenn’s zu Hause Stunk gab, hab ich mich da gerne versteckt. Da habe ich dann gewartet, bis mein Vater nach mir gerufen hat. Der wusste schon, wo ich mich versteckt hab. Wenn er nach mir gepfiffen hat, wir hatten da so einen speziellen Pfeifton, konnte ich weit, weit hören. Dann wusste ich, ah, jetzt muss ich nach Hause.

Aber auf diesem Spielplatz habe ich mein kleines Versteck gehabt, wo ich mich immer zurückziehen konnte, wenn was zu Hause nicht so gestimmt hat, wie’s sein sollte.

Und eine Erdhöhle, die haben wir auch gehabt! Wie sich das gehört, auch auf dem Spielplatz. Gebuddelt, gebuddelt, tagelang. Dann Holzbretter drüber und Steine und dann wieder Erde. Ne richtige Höhle. Da haben wir auch viel, viel Zeit verbracht. Und auch viel Zeit, wenn man zu Hause Ärger hatte. Schwupp, hab ich mich dahin verzogen, wenn ich konnte. Ich war schon so einige Male da, in meinen Verstecken. Zu Hause hat’s dann gescheppert im Karton. Das war immer so ein heißes Eisen. Mein Vaddi war gegen harte Erziehung, meine Muddi war für harte Erziehung.

Da gab es auch mal einen Unfall, einen ganz schweren. Meine Mutter hatte sowieso ein Bein gebrochen, saß im Rollstuhl. Dann gab’s eine Auseinandersetzung zwischen meiner Mutti und mir. Irgendwie hab ich dann den Rollstuhl weggestoßen, jedenfalls ist der Rollstuhl umgekippt. Dann war das andere Bein auch noch gebrochen. Ach, du Scheiße! Ja, da hab ich natürlich ne Tracht Prügel gekriegt, von meinem Vater. Das war ja keine Absicht gewesen.

Wir haben einen Kriechkeller gehabt, das weiß ich auch noch. Der war so 80cm hoch. Unterm Haus halt und in der Küche war eine Klappe gewesen. Und wenn ich so richtig dolle Scheiße gebaut hab, Ärger gemacht hab, dann ging’s auch schon mal in diesen Keller für ein paar Stunden. Ja, ich wurde noch nach der alten Art und Weise erzogen. Aber, man sieht ja, jetzt bin ich so ein alter Opa geworden, große Tochter schon. Geschadet hat das alles nicht. So halbwegs normal verlief mein Leben dann ja doch noch. Irgendwie.

Schulzeit

Ich war es ja schon gewöhnt, als kleines Kind, in die unmöglichsten Klamotten gestopft zu werden. Was ich mir natürlich nicht gedacht habe, dass das in der Schule auch so weitergeht. Da läufst du in Lederhosen rum! Da läufst du im Hemdchen mit Pullunder rum! Da haste den nächsten Tag ne Schlaghose an, mit Hemd, vielleicht sogar noch ne Krawatte! Oh je! Und dann gab’s die klassische Cordhose mit Rollkragenpullover. Ich hab ja manchmal ausgesehen!

Viel, viel später kam dann die Hose. Ich hatte auch ne 80ziger Veddelhose, 40cm Schlag, das ist schon Hardcore. Aber bis dahin hab ich teilweise ausgesehen! Oh Gott! Also, heute würde man mich fragen: „Aus welchem Land kommen Sie denn?“ So zusammengeschustert, die Klamotten, so sah das teilweise aus. Wie aus der Altkleidersammlung, oder so. Vielleicht mag das ja damals modern gewesen sein, aber ich hab unmöglich ausgesehen. Und in dieser Zeit wurde ich auch nicht schlecht gehänselt in der Schule. Ich weiß nicht, das war nicht einfach, so das Ganze.

Ich erinnere mich noch, wir haben ja unwahrscheinlich viel geschummelt, damals schon, in der Grundschule. Und dann war ich auch nicht der Artigste.

Genauso mein Pausenbrot. Jeden Tag das Gleiche. Ich wollte doch gar nicht so viel Brot. Ich wollte lieber ein Negerkussbrötchen. Also, was hab ich gemacht? Auf zum Bus. Am Bus, das Erstes – na, damals hat man sich als Kind keinen Kopf drüber gemacht – wurde erst mal das Brot entsorgt. Das wollte ich ja sowieso nicht essen. Ich hätt’s auch verschenken können. Aber das habe ich damals, als Kind, nicht berücksichtigt. Heute als Erwachsener ja, heute würde ich zu irgendeinem Obdachlosen, einem, der da bettelt, sagen: „Möchtest du mein Brot?“ Würde ich nicht einfach wegschmeißen. Aber damals hab ich nicht drüber nachgedacht. Dann, Attacke, der nächste Laden war meiner und hab dann von meinem gesparten Geld erst mal ein Negerkussbrötchen geholt. Und das Ganze in Klamotten, UNMÖGLICH!

So viel Aufregendes ist in dieser Zeit eigentlich gar nicht wirklich passiert.

Ich wurde halt unheimlich betüddelt und verhätschelt. Pünktlich zur Schule, pünktlich nach Hause, Hausaufgaben machen. Da blieb nicht viel über für Freunde oder so. Bis auf nachmittags mal draußen auf der Straße mit den Nachbarsjungs zu spielen. Was nie eine richtige Freundschaft war. Die haben sie immer nur vorgetäuscht. Wenn ich irgendwas Cooles hatte, dann waren die Nachbarsjungs immer bei mir. Über Jahre ging das hin, als ich klein gewesen war, bis ich dann die ersten Bonbons verschenkt habe, irgendwann. Ich denke, mal so bis zu meinem 15. Lebensjahr rum. Bonbons hab ich gehabt, dann waren sie da. Was zu Naschen, irgendwas anderes, Chips, oder was ich von Papa gekriegt hab. Sei es nur ein Brötchen, dann waren sie da! So sahen sie übrigens auch aus. Nicht wie Dick und Doof. Neee, zweimal doof-doof. Neee, auch nicht! Zweimal dick-dick. Die haben gestopft und gefuttert, was das Zeug hergab. Ich mit meinen 1,60m, die mit ihren 1,85m und 180 Kilo und immer hinein mit mir. Beziehungsweise mit dem, was von mir kam. So manchen Unfug habe ich mit denen auch gemacht. Aber Freunde waren das nie. Die haben sich immer nur durchgefressen bei mir oder mir Geld abgeschnackt. Und als ich dann groß war, hab ich das so langsammal kapiert, dass das keine Freunde sind.