AugenblickeWortlos - Carsten Nichte - E-Book

AugenblickeWortlos E-Book

Carsten Nichte

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Beschreibung

Es ist unmöglich, das Leben und die Persönlichkeit eines Menschen in ihren unendlich vielen Facetten in einer Niederschrift festzuhalten. Warum ich es dennoch versuche? Weil mich meine Frau sehr beeindruckt hat und ich ihr damit vielleicht ein kleines, bescheidenes Denkmal setzen kann. Weil ich nicht will, dass sie vergessen wird. Ich habe es ihr versprochen. Es ist ein Stück Erinnerung für mich… Dieses Buch handelt von einer Reise in den Tod, und wieder zurück in das Leben. Es ist ein Stück vom Himmel, ein Tagebuch, ein Erfahrungsbericht über unseren Weg mit der Diagnose Darmkrebs, und eine Biografie, aber auch eine Liebeserklärung an einen Menschen der mir alles auf der Welt bedeutet.

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Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Augenblicke Wortlos

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Carsten Nichte

1. Auflage, 2020

Copyright © 2020 Carsten Nichte – alle Rechte vorbehalten.

//carsten-nichte.de/augenblicke-wortlos

Umschlaggestaltung: //carsten-nichte.deUmschlag- & Autorenfoto: //andrea-schwelle.deAlle anderen Bilder: Carsten Nichte

Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Erlaubnis des Autors in irgendeiner Form oder auf irgendeine elektronische oder mechanische Weise einschließlich Informationsspeicherungs- & -abrufsysteme vervielfältigt werden, mit Ausnahme der Verwendung kurzer Zitate in einer Buchbesprechung.

Carsten Nichte, Hebborner Feld 21, 51467 Bergisch Gladbach

„Es ist fast noch wichtiger, wie ein Mensch das Schicksal nimmt als wie sein Schicksal ist“

Wilhelm von Humboldt

Für Claudia, Maximilan, Philipp

Inhalt

Vorwort

I. Deine Geschichte

II. Gedankensplitter

III. Anhang

Über den Autor

Vorwort

Es ist unmöglich, das Leben und die Persönlichkeit eines Menschen in ihren unendlich vielen Facetten in einer Niederschrift festzuhalten. Warum ich es dennoch versuche? Weil mich meine Frau sehr beeindruckt hat, und ich ihr damit vielleicht ein kleines, bescheidenes Denkmal setzen kann. Ich will nicht, dass sie vergessen wird. Ich habe es ihr versprochen. Es ist ein Stück Erinnerung für mich.

Auf dieser Welt kommen gehen fortlaufend Menschen1. Das einzelne Sterben interessiert doch im Grunde niemanden außer die unmittelbaren Angehörigen und Freunde. Manch einer stirbt unbemerkt, einsam und verlassen. Vielleicht kann diese Niederschrift jemandem Mut machen, der einen ähnlichen Weg vor sich hat. Ich weiß es nicht. Nachdem wir unsere Diagnose hatten, habe ich im Internet recherchiert und bin dabei auf viele schreckliche Einzelschicksale und Statistiken gestoßen. Sie haben mich nicht getröstet, beruhigt und hilfreich waren sie auch nicht. Sie haben mich erschüttert. Jedes Schicksal ist individuell, nicht vergleichbar, einzigartig. Ich konnte daraus keinen Verhaltensleitfaden für uns ablesen. Das Einzige, was ich gelernt habe, ist, dass jeder seinen Weg letztlich selber finden und gehen muss, und das haben wir getan.

Dieses Buch enthält unter anderem Auszüge des von mir geführten Tagebuchs, und einige Abbildungen. Es skizziert die Vorgeschichte seit der Diagnose und beschreibt detailliert die letzten Tage. Das Kapitel Gedankensplitter enthält Einträge aus meinem Weblog, in dem ich etwas über mein Leben nach ihrem Tod schreibe. Der Anhang enthält Danksagungen, Kondolenzen, die offizielle Trauerrede, und verschiedene andere Dinge.

Im Kapitel Lebensspuren sammle ich Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit. Ich habe dir versprochen, dass unsere Kinder ein lebendiges Bild von dir bekommen sollen. Da ich nicht weiß, was die Zukunft bringt, schreibe ich lieber meine Erinnerungen auf. Es wäre schön, wenn ich hier einige deiner Erinnerungen notieren könnte. Leider habe ich erst nach deinem Tod mit dieser Arbeit begonnen. Du wolltest deinen Kindern gern eine Videobotschaft hinterlassen, aber das haben wir nicht mehr geschafft. Genauso wenig wie die Tonbandaufzeichnungen. Die Zeit ist uns am Ende einfach weggelaufen. Diese Vorhaben erschienen uns auch merkwürdig surreal, und du warst einfach nicht der Typ, der sich so präsentiert. Wenn man so etwas kurzfristig erzwingen will, fallen einem außerdem keine gescheiten Themen und Fragen ein. So etwas braucht Zeit und eine gute Vorbereitung, und die haben wir uns einfach nicht genommen. Erst nach deinem Tod, als ich begann, meine Erinnerungen aufzuschreiben, fielen mir 1.000 Fragen an dich ein. Deine Erinnerungen fehlen mir sehr. Du hast viele, die ich einfach nicht besitzen kann. Schließlich war ich tagsüber auf der Arbeit, und du hast zum Beispiel viele kleine Erlebnisse mit den Kindern gehabt. Außerdem scheinen sich Frauen generell mehr, und andere Dinge und Details zu merken als Männer. Das habe ich immer gemerkt, wenn wir gemeinsam in Fotoalben gestöbert, und Erinnerungen getauscht haben. Aber die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Jetzt krame ich in meinen Erinnerungen, und versuche möglichst objektiv ein realistisches Bild von dir zu zeichnen. Je mehr ich schreibe, desto mehr fällt mir ein. Das lässt hoffen, da ich zunächst nach deinem Tod überhaupt keine Erinnerungen an dich hatte. Mein Kopf war leer. Dieses Buch wird mit der Zeit inhaltlich wachsen, und durch deine Briefe und einige Fotos ergänzt werden. Es wird eine öffentliche und eine private Version geben, die dann das Kapitel Lebensspuren enthält. Wer weiß, vielleicht erwächst daraus ja mal was besonderes…

Carsten Nichte

Bergisch Gladbach, 31. August 2007

Ps. Einige Namen sind zum Schutzes der Privatsphäre geändert.

Teil I

Deine Geschichte

1

Rückblende

Unsere Reise beginnt mit einer kurzen Rückblende. Am 12. Februar 2005 ist Claudia mit einer Nierenbeckenentzündung krank. In der Nacht von Samstag dem 19. auf den 20. Februar feierten wir im Gemeindehaus Voiswinkel im Kirchweg 5 ausgelassen mit über 50 Gästen den vierzigsten Zwillingsgeburtstag von Claudia und Ella. Am Donnerstag, dem 31. März, ist ein Termin bei Dr. Anand im Kalender notiert.

Alle anderen Termine an diesem Tag sind abgesagt. Ein weiterer Termin steht am Dienstag, dem 19. April. Claudia klagte seit geraumer Zeit über Durchfall, der nicht in den Griff zu bekommen war. Zunächst waren die üblichen Verdächtigen im Visier: Darmgrippe, Magenverstimmung, irgendeine Infektion, und so weiter. Die Symptome verschwanden aber nicht, sondern wurden trotz verschiedener Medikamente unerträglicher. Wenn man wochenlang Durchfall hat, zehrt das an der Substanz. Irgendwann sollte eine Darmspiegelung durchgeführt werden. Es war nicht so einfach, schnell einen Termin für eine solche Untersuchung zu bekommen. Im evangelischen Krankenhaus klappte es aber dann doch kurzfristig.

Donnerstag, 21. April 2005

Unsere Stunde null beginnt am 21. April 2005 mit dem Tag der Darmspiegelung im EVK in Bergisch Gladbach, und der Diagnose durch Dr. Kaminski. FAP nennt sich der Hammer, der auf den Amboss haut, auf dem dein Leben liegt. Genauer gesagt: familiäre adenomatöse Polyposis, oder schlicht Darmkrebs im Stadium vier. »Bereiten sie sich darauf vor, sie werden sterben. Ohne Chemotherapie schon in ein paar Monaten«, sagt der Arzt ohne Umschweife. Das ist nicht, was wir erwartet haben. Es ist wie ein unvermittelter Schlag ins Gesicht, macht uns sprachlos, und fühlt sich an, als ob wir vor eine Wand laufen. Taubheit beginnt uns zu füllen. Erste Risse bilden sich in unserer Welt.

FAP ist eine vererbte Krankheit. Es beginnt mit einem Polypenrasen im Darm, der im Laufe des Lebens irgendwann, langsam aber unaufhaltsam zu Krebs mutiert. Bei Claudia nennt sich das »heterozygote Detetion von 2 Nukleotiden in Codon 1250 des APC-Gens«. Die Bezeichnung der Mutation lautet c.3749_3750delAA in Codon 1250. Sie führt zu einer Verschiebung des Leserasters. Nach 4 falschen Aminosäuren kommt es zu einem vorzeitigen Stop-Codon und somit zur Bildung eines verkürzten, nicht funktionsfähigen APC-Proteins. Eine kühle Beschreibung für einen todbringenden Zustand.

Die Polypen, und der irgendwann daraus resultierende Krebs, entwickeln sich extrem langsam, aber unaufhaltsam. Die einzige Rettung besteht derzeit in der frühzeitigen Entfernung des Dickdarms, was das Krebsrisiko nicht ausschließt, aber auf rund 50 % reduziert. Für Claudia kommt diese Erkenntnis zu spät, viel zu spät. Bei ist er irgendwann im Frühjahr/Sommer 2004 unbemerkt ausgebrochen.

Nach der Diagnose Darmkrebs wurden zusätzlich Lebermetastasen festgestellt. Kurze Zeit später kamen die Ärzte zu dem Schluss, es handelt sich doch nur um harmlose Blutschwämmchen. Tage später wurden die Lebermetastasen dann doch bestätigt. Das war eine Achterbahn der Gefühle. Am 11. Mai 2005 erfolgte eine Operation, in welcher der Dickdarm entfernt wurde. Es hieß »dauert die Operation nur kurz, ist das ein schlechtes Zeichen. Dauert sie lange, dann wird übergangsweise ein künstlicher Darmausgang gelegt, und das ist ein gutes Zeichen«.

Ich saß den ganzen Vormittag während der Operation im Warteraum, und zählte die Stunden. Nach rund sieben Stunden war das Warten vorbei: »Lange Operationsdauer, alles wird gut« dachte ich. Aber meine – unsere – Hoffnung wurde enttäuscht. Trotz der langen OP-Dauer hatte sie keinen künstlichen Darmausgang bekommen. Während der Operation wurde die Leber nochmals abgetastet und die Tumore bestätigt. Außerdem entfernten die Ärzte Krebsbefall im Lymphsystem des Bauchraums. Die Entlassung aus dem Krankenhaus erfolgte am Dienstag, den 24. Mai 2005, 33 Tage nach der Diagnose.

Die Lebenserwartung schätzen die Ärzte auf 12 bis 15 Monate, maximal drei Jahre, wobei sie sich mit solchen Festlegungen berechtigterweise schwertun. So ist das halt bei Metastasen. »Sag mir nix über meine Chancen!« – Wir ahnen beide, dass die Diagnose letztlich einem Todesurteil gleichkommt, sind aber fest entschlossen, uns nicht in Statistiken pressen zu lassen. Ich notiere in das Tagebuch: »Unsere Zukunft steht nicht geschrieben. Unsere Zukunft ist das, was wir daraus machen«. Jetzt lebe mal damit. Der Krebs frisst stetig an Claudias Leben, die Zellteilung stoppt nie.

Die Anzahl der Metastasen in der Leber schwankt, jeder erzählt etwas anderes. Fest steht, sie sind sauber über die ganze Leber verteilt. Dr. Kaminski schwärmt ausschweifend von einer fantastischen Leberschneidemaschine in der Uniklinik Bonn Venusberg. »Leber: kein Problem!« Wir bekommen eine Überweisung in Richtung Bonn. Claudia gibt sich kämpferisch. Sie will Philipps Einschulung noch erleben.

Donnerstag, 26. Mai 2005

Ich vermerke im Tagebuch: »Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe Angst vor einem Leben ohne dich«.

Freitag, 3. Juni 2005

An diesem Tag bekommt Claudia im EVK an der rechten Schulter einen Port implantiert. Seitdem erhält sie jeden Mittwoch Chemotherapie in Bonn Venusberg. Das bedeutet drei Tage mies fühlen, Übelkeit, Bauchweh, Darmkrämpfe, schlafen, kotzen. Bekämpft wird das mit Vomex, Sofran, Buscopan und Morphin. Freitag dreht sie schon wieder voll auf, obwohl es gerade so »lala« geht. Samstag bis Dienstag genießt sie das Leben. Immer wieder heißt es »Durchfall bekämpfen«, der Dickdarm fehlt. So geht das jetzt Woche für Woche.

Freitag, 10. Juni 2005

Tag 50: Die Haare werden dünner und weniger. Keine Perücke, sondern Kurzhaarschnitt und Selbstbewusstsein sind angesagt! Die Haare wachsen auch wieder.

Montag, 13. Juni 2005

Erster Termin in der Uniklinik Bonn Venusberg. Immer wieder Röntgen, die Dosis reicht mittlerweile für drei Leben. CTs werden gemacht. Die Kontrastmittel verursachen allergische Reaktionen.

Samstag, 18 Juni 2005

Claudia liegt auf dem Sofa und schläft. Sie hat Magenkrämpfe und Durchfall. Zum Frühstück gibt es Zwieback. Horst kommt, wir trainieren etwas Wing Tsun. Zunächst sitzt Claudia auf der Terrasse, dann liegt sie wieder auf dem Sofa. Gegen halb eins geht Horst. Zum Mittag gibt es Spagetti. Nach dem Mittagessen liegt Claudia wieder. Gegen drei fahre ich mit den Kindern in die Stadt. Max kauft Lego, Philipp zwei Autos vom Taschengeld. Gegen vier sind wir wieder zu Hause. Claudia sieht elend aus. Oma und Opa kommen. Ich fahre mit Claudia ins Krankenhaus. Infusionen. Erklärungen, was, wann, wo. Immer dasselbe. Habe Routine. Chemo-Begleiterscheinungen. Claudia bleibt, bekommt chemoverträgliche Mittel gegen Magenkrämpfe und Übelkeit. Gegen 19:00 Uhr bin ich zu Hause. 21:00 Uhr, die Kinder sind etwas enttäuscht. Sie erreichen Mami nicht. Später, über die Zentrale, geht Claudia dran. Ihre Stimme klingt dünn und sie wirkt müde. Sie meldet sich morgen, ob und wann sie angerufen werden will.

Sonntag, 19. Juni 2005

Tag 59. Vormittags bekommt Claudia Infusionen. Sie will nach Hause. Der Arzt hat sich was in den Bart gemurmelt. Wir warten ab. Zum Mittagessen bin ich mit den Kindern bei Oma und Opa. Claudia ruft an. Sie ist noch nicht so weit, also erst fahren wir erstmal nach Hause und warten. Nachmittags so zwischen 15:00 Uhr und 16:00 Uhr holen wir sie ab. Große Freude. Abends schauen wir den Anfang des Films Steamboy. Danach stöbern wir in Fotoalben und tauschen Erinnerungen.

Montag, 20. Juni 2005

Heute sind wir auf dem Venusberg zum CT. Wir warten auf die Blutabnahme. Es gibt zu wenig Stühle, also stehen wir ziemlich lange. Die Zeit dehnt sich wie Kaugummi. Dann geht es endlich zum CT. Im Wartezimmer soll sie das Kontrastmittel trinken, aber sie bekommt es nicht runter. Wir dürfen uns drinnen hinlegen, und im Liegen beruhigt sich der Magen langsam. Im Sitzen versuchen wir dann nochmal, das Zeug zu trinken. Claudia muss immer wieder würgen. Nach fast der halben Flasche geben wir auf. Jetzt erfahren wir: »Es kann auch intravenös zugeführt werden«. Gott sei Dank hat sie die Nadel von gestern im Arm, was zweimal piksen erspart. Irgendwann um 10:00 Uhr werden dann die Bilder gemacht. Ich muss solange im Vorraum warten. Dann geht es zurück zur onkologischen Ambulanz, und wieder heißt es »Bitte im Wartezimmer warten«. Irgendwann kommt Dr. May. Heute gibt es keine Chemo, aber neue Medikamente. Vielleicht geht es damit besser. Er blättert im Bericht vom Marien-Krankenhaus und sagt etwas von 10 auffälligen Leberobjekten.

Abends klingelt permanent das Telefon. Ella, Kathi, Geli, meine Eltern. Ich reagiere etwas genervt. Kaum liegt der Hörer auf der Gabel, klingelt es schon wieder, und jedes Mal muss Claudia denselben Mist erzählen.

Freitag, 24. Juni 2005

Die Ergebnisse vom CT haben wir auch letzte Woche erhalten: Ein Objekt 1,8 cm groß, ein anderes 3 cm, verteilt in der Leber.

Mittwoch, 6. Juli 2005

Tag 75. Gegen 14:00 Uhr ruft mich Claudia auf der Arbeit an. Sie hat schlimme Krämpfe, muss sich Erbrechen. Ich fahre nachhause und dann mit Claudia ins Krankenhaus. Ihre Temperatur ist 37,5 °C.

Donnerstag, 7. Juli 2005

Tag 76. Bin früh bei ihr. Es geht ihr schlecht. Sie erbricht grüne Galle, hat Durchfall wie Wasser, Übelkeit. Ich rufe in Bonn an und sage den Termin für die nächste Chemo ab.

Freitag, 8. Juli 2005

Tag 77. Es wird nicht besser. Schmerztherapie mit Vomex, Buscopan, Morphin, Sofran gegen Durchfall.

Samstag, 9. Juli 2005

Über Nacht bekommt Claudia Fieber. Die Suche nach einem Erreger dauert mehrere Tage. Zwei Röntgenbilder, CT, und ein Ultraschall werden gemacht. Claudias Blase ist voll. Sie kann kein Wasser lassen. Ein Katheter bringt ein wenig Entlastung. Der Verdacht auf Darmverschluss/-verschlingung bestätigt sich nicht. Die Diagnose nach einer kleiner Darmspiegelung lautet: Der Dünndarm ist entzündet. Der Arzt sagt nichts, wir denken, dass der Darm durch die ganzen Verstopfungsmittel steht, und daraus Entzündung und Darmkrämpfe folgen. Die Schmerzen werden durch eine Spinaltherapie (Pipeline im Rückenmark) bekämpft. Nach 11 Tagen, am 20. Juli, wird sie endlich entlassen.

Nach Dr. Anand bestand erheblich mehr Gefahr, als gedacht. Die Nierenwerte waren extrem. Es drohte Nierenversagen. Es bestand das Risiko, dass sich der Dünndarm verknotet. Er kann in Folge dessen platzen, wenn er sich stark verkrampft. Die weiteren Chemotherapien gleichen einem Eiertanz, der Darm ist vermutlich innen wund.

Freitag, 15. Juli 2005

Claudia ruft mich früh an. Trotz einer schlechten Nacht, das Infusionsgerät piepste, klingt sie frisch und lebenslustig wie eh und je. Sie will ihr Parfum.

Donnerstag, 20. Oktober 2005

Das Ergebnis des Gentests ist da. Der Tumormarker geht merklich runter von ca. 400 auf 250 … 25 … 12. Die Zielmarke ist 0. Das sind frohe Botschaften.

Freitag, 4. November 2005

Claudia geht es echt mies. Sie behält kein Essen bei sich. Am Samstag habe ich die Faxen dick. Ich fahre sie kurzentschlossen ins Krankenhaus, obwohl sie nicht recht begeistert ist. In der Notaufnahme bekommt sie Schüttelfrost und Fieber. Es sieht nach einer Infektion aus. Das Fieber kommt ständig wieder, zusätzlich hat sie Durchfall und Erbrechen. Am 14. November wird sie trotzdem entlassen. Sie hat keine Lust mehr, hier zu liegen. Kaum ist sie raus, hat sie ihren alten Elan wieder. Trägt immer öfter das blaue Käppchen, weil ihre Haare dünn geworden sind.

Freitag, 2. Dezember 2005

Der Tumormarker ist von 12 auf 2 runter, trotz der Unterbrechung durch den Krankenhausaufenthalt. Das lässt hoffen. Wir sind auf das CT im Januar gespannt. Claudia ist heute super drauf, es ist Chemo-Pause.

Donnerstag, 26. Januar 2006

Es werden neue CT-Aufnahmen gemacht.

Sonntag, 26. Februar 2006

Ab heute sind vier Wochen Chemo-Pause. Danach werden Bilder und Tumormarker verglichen. Bleibt der Marker, wo er ist, und es ergeben sich keine Veränderungen in den Bildern, dann ist das evtl. ein positives Signal. Wenn nicht ...

Donnerstag, 30. März 2006

Es werden neue CT-Aufnahmen gemacht. Abends schicke ich Claudia um 20:00 Uhr ins Bett. Sie ist total fertig.

Dienstag, 11. April 2006

Ernüchterndes Ergebnis: Das es keine neuen Metastasen in anderen Organen gibt, wird uns als Erfolg verkauft. Die Lebermetastasen haben sich vergrößert. Eine hat sich von 2 cm auf 4 cm verdoppelt. Der Tumormarker ist auf 36 gestiegen. Beklemmende Gefühle, Niedergeschlagenheit. Wir unterhalten uns im Restaurant des Krankenhauses bei einem Brötchen über die Bedeutung der Ergebnisse.

Es ist ein elendes Sterben auf Raten, ein langer Abschied. Gut, das ist das normale Leben im Grunde genommen auch, aber der Zeithorizont ist größer. Mit Anfang 40 ist das Ende zu weit weg, um sich darüber Gedanken zu machen. Wir retten uns von Chemo zu Chemo in der Hoffnung auf neue, wirkungsvollere Medikamente, und dass die Krankenkasse diese bezahlt. Wir können nicht einmal aus unserem Korsett ausbrechen und die Dinge tun, die wir „schon immer mal“ tun wollten. Wir neigen dazu, Dinge zu verschieben. Die Normalität hatte uns schon wieder eingeholt. Ich würde es akzeptieren und unterstützen, wenn Claudia uns verlässt, um sich einen letzten Traum zu erfüllen.

Claudia will nicht, dass wir sie vergessen, falls es soweit ist. Das wäre das Schlimmste für sie. Ihr Vater ist für sie eine leere Hülle. Über ihn wurden in der Familie nie viele Worte verloren. Claudia möchte nicht, dass ihr dasselbe passiert. Ich soll glücklich sein, in Zukunft. Ich will nicht, dass sie mich, bzw. uns verlässt. Egoistisch, nicht? Die nächste psychologische Verwerfung. Ich weine im Auto. Wir verlassen Bonn Venusberg mit einem Empfehlungsschreiben von Dr. May an Dr. med. Farroch in Leverkusen.

Mittwoch, 31. Mai 2006

Mittlerweile erhält sie in Leverkusen die 5. Chemotherapie. Abends messen wir 36,9 °C Fieber. Um 22:00 Uhr ist es wieder etwas runter. Morgen muss sie damit zum Arzt. Ihr Arm ist außerdem dick, und schmerzt. Gibts Probleme mit dem Port? Ein Spezialist für Venen führt eine Ultraschall-Untersuchung durch. Claudia hat stetig steigende Nebenwirkungen in Form von Durchfall.

Dienstag, 27. Juni 2006

Claudia schenkt mir diese mit einem Glitzerstift geschriebene Karte und ihrem Kussmund drauf. Ich bin hin und weg.

27. Juni 2006

Samstag, 1. - 8. Juli 2006

Wir reisen noch einmal alle zusammen nach Dänemark. Das war unser letzter Urlaub.

Dienstag, 25. Juli 2006

Der Tumormarker ist von 60 wieder auf 4 heruntergegangen. Unsere Freude hält sich in Grenzen nach den letzten Erfahrungen. Die momentane Hitze macht allen zu schaffen. Für Claudia ist es an den Chemo-Tagen besonders ätzend. Sie hält sich wie immer tapfer.

Montag, 9 - 16. Oktober 2006

Ihr letzter Urlaub mit Ella und Geli auf den Balearen. Claudias allererster Flug in ihrem Leben. Er hat die Nummer 9649. Ich kann nachempfinden, wie sie sich gefühlt hat, als sich die Maschine vom Köln Bonner Flugplatz mit einer engen Kurve steil in die Luft schraubte. Claudia hat den Fensterplatz und schaut ausgiebig hinaus. Sie war hellauf begeistert, und möchte unbedingt auch mal mit uns zusammen fliegen. Auf Mallorca verbringt sie eine tolle, ausgelassene Woche mit ihren Schwestern. Die Drei sind im 'Blau Mediterraner Club', Ses Savines s/n, 07680 Sa Coma einquartiert. Claudia wirkt entspannt und lebenslustig. Es wird gefilmt und fotografiert. Am Montag, den 16. Oktober gegen 16:35 Uhr hole ich sie wieder auf dem Flugplatz Köln Bonn ab. Ich schneide später das Video. Ich war ja leider nicht mit, aber Geli hat ihre Erinnerungen an diese Tage aufgeschrieben, und ich hab es in den Lebensspuren zum Nachlesen festgehalten.

Januar 2007

Nebenwirkungen wie aufquellende, rissig werdende, schmerzende Hände und Füße. Die Haut ist wie Horn, sodass die Finger bei jeder Bewegung schmerzen. Claudia ignoriert das, so weit es geht. Sie reibt die Hände und Füße mit Melkfett ein. Stoische Ruhe, es geht schon.

Dienstag, 30. Januar 2007

Claudia hat Probleme beim atmen. Im Liegen geht es gar nicht. Sie hat starke Schmerzen in Brusthöhe, von der Wirbelsäule her rechts um den Brustkorb herum. Wir tippen auf muskuläre Verspannung, eine Blockade. Nach 22:00 Uhr fahre ich sie ins Marien-Krankenhaus. Opa passt auf die Kids auf. In der Ambulanz erfolgt eine Blutabnahme über den Port, und nach einigen missglückten Versuchen, über den Arm. Ein Röntgenbild wird angefertigt. Sie erhält eine Schmerztherapie, und schläft sitzend im Bett. Am 20. Februar 2007 feiern wir Claudias zweiundvierzigsten Geburtstag. Wir besuchen den Karnevalszug in Bergisch Gladbach.

Dienstag, 3. April 2007

Wir wollen heute wegen der Rita-Therapie in die Uniklinik nach Essen. Claudia hat Montagabend Fieber bekommen, deshalb sagen wir für heute alle Termine ab. Der neue Termin ist am 19. April.

Donnerstag, 19. April 2007

Das Fieber kommt und geht. Gestern Abend hat sie wieder Fieber bekommen. Wir fahren trotzdem mit ihrem gerade neu gekauften Auto nach Essen. Dort dürfen wir erst mal wieder ewig lange warten.

Das Gespräch fällt dagegen recht kurz aus. Fakt ist: Die Rita-Therapie kann nicht helfen. Sie spricht generell nicht gut auf Metastasen an. Außerdem sind die Tumore zu groß. Prof. Dr. Niebel will den Krankheitsverlauf und aktuelle Fotos auf CD. Die mitgebrachten Fotos waren nicht gut genug. Eventuell kann man die Leber operieren. Er würde den großen Leberlappen heraus operieren. Die Leber wächst in bestimmtem Umfang nach. Über die Risiken sagt er nichts. Wir sollen wiederkommen.

Donnerstag, 26. April 2007

Claudia ist bei Dr. Anand. Das Fieber ist nicht weg. Nachmittags sind wir zum Röntgen im Marien-Krankenhaus. Ich bringe Claudia mit den Kindern hin und fahre danach wieder nachhause. Claudia ruft an, sie klingt besorgt, ich soll sie abholen. Als ich Fragen stellen will, reagiert sie ungehalten, verzweifelt. »Komm einfach!« Ich ahne Schlimmes, rase zum Krankenhaus. Sie hat keine Lungen- oder Rippenfellentzündung, sondern Metastasen in der Lunge.

Dr. Quack hat ein CT ohne Kontrastmittel gemacht – das verträgt Claudia nicht. Ihm ist im Röntgenbild ein winziger, unscheinbarer Schatten aufgefallen ist, den ein weniger sorgfältiger Kollege bestimmt übersehen hätte. Auf dem CT wurden 8 Metastasen mit einer Größe von circa 0,5 mm sichtbar. Sehr klein, aber da. Wir sind geschockt. Mit der Leberoperation wird es wohl nichts mehr. Jetzt muss schnellstens das Fieber weg. Morgen entscheiden Dr. Anand und Dr. Farroch, wie es weitergeht. Vermutlich mit Krankenhaus und Antibiotika.

Das Leben ist scheiße. Warum werden wir so bestraft? Claudia ist deprimiert aber kampfeswillig. Nur das Fieber zermürbt sie. Sie sagt, das sei schlimmer als die Nebenwirkungen der Chemotherapien. Sie hat noch nie in ihrem Leben hohes Fieber gehabt.

Verzweiflung! Claudia, du bist der beste Beweis, dass es Gott nicht geben kann, oder dass er sich einen Dreck für uns interessiert. Das Universum ist leidenschaftslos. Das Leben ist ihm egal.

Freitag, 27. April 2007

Ich rase zur Apotheke, und danach zu Dr. Anand. Claudia bekommt dort über den Port Antibiotika verabreicht, und reagiert allergisch. Ich habe über 20 € umsonst ausgegeben. Sie nimmt stattdessen die breitbandigste Tablette mit dem Namen Clacid Uno 500 zu sich. Oma und Opa passen derweil auf die Kinder auf.

Nachtrag

Claudia und mir als Techniker ist eins immer klar gewesen: Nur weil man auf einer bildgebenden Maschine nichts sieht, bedeutet das nicht, dass da nichts ist. Diese Geräte haben auch nur eine bestimmte Auflösung. Alles, was unterhalb dieser Auflösung, also zu klein ist, wird nicht dargestellt. Wer weiß schon, wo sich noch Metastasen in ihr tummeln. Ist aber eigentlich egal, eine Chemo macht sowieso alles platt. Dr. Anand will uns am Sonntag besuchen. Ein mittleres Beben hat unsere kleine Welt an diesem Tag erschüttert.

Samstag, 28. April 2007

Früh morgens geht es nach Leverkusen zum CT. Ich lade sie ab, fahre mit den Kindern Einkaufen ins Bergisch Gladbacher Stadtzentrum, und hole sie direkt danach wieder ab. Claudias Fieber steigt am Abend auf 39 °C. Es gibt Wadenwickel und ein kaltes Handtuch auf der Stirn. Claudia ist genervt von dem Auf und Ab.

Sonntag, 29. April 2007

Dr. Anand kommt abends zu Besuch, und wir verlieren wieder die Bodenhaftung. Er erzählt uns, dass es Zeit ist, Abschied zu nehmen, und nennt uns einen Zeithorizont von zwei Wochen bis zu drei Monaten. Er schwächt ab: »Das sind nur Statistiken«. Ich akzeptiere das nicht! Claudia weiß, dass sie sterben muss. Aber so bald? Klar, die Metastasen in der Lunge verbessern nicht gerade die Prognose, das kann ich auch im Internet nachlesen. Aber Claudia ist eine Kämpferin. Sobald sie eine Spur Energie in sich trägt, sprühen die Funken aus ihren Augen, und sie strahlt wie eine Sonne. Ich jammere wie ein Schlosshund. Wir wollen den Kindern die neue Sachlage schildern, damit sie in Ruhe Abschied nehmen oder noch offene Dinge mit Mami klären können. Ich lasse mich überzeugen. Wir beschließen, dass Claudia ins Krankenhaus geht. Dr. Anand hätte sie lieber zu Hause gepflegt, damit wir möglichst lange etwas von ihr haben, und sie von uns. Ich finde aber, dass es nur im Krankenhaus eine optimale Versorgung gibt. Ich will nicht an ein Ende in drei Monaten glauben!

Dr. Anand geht, als es dunkel ist, und wir bleiben mit unserem Schicksal zurück. Er lässt uns ein Buch über sanftes Sterben da und geht mit der Erkenntnis, dass wir derzeit unsere Probleme mit „dem da oben“ haben. Ich bin für die kommende Woche krankgeschrieben.

Wir reden. Claudia stellt sich vor, auf einem Stern zu wohnen und auf uns herabzuschauen, wenn sie tot ist. Das ist romantisch. Ich könnte mir vorstellen, dass ihre Seele als Energiestrom das Universum durchstreift. Ich wünsche mir, dass sie mir eine Spur legt, sodass ich ihr irgendwann folgen kann und sie wiederfinde. Wir heulen. Ich möchte, dass sie Erinnerungen für die Kinder aufschreibt. Sie weint. Sie hat es mehrfach versucht, seit ich ihr damals beim ersten Krankenhausaufenthalt die Kladde mitgebracht habe. Im letzten Urlaub hat sie eine einzige Sache notiert: Einen Streit zwischen Max und mir. Das hat sie tief getroffen, und sie hat nie mehr geschrieben. Wenn, soll ich es auf Video aufnehmen. Wir reden über den Tod und das Leben danach. Das Leben der Überlebenden. Sie macht sich Sorgen um mich, wenn sie mich leiden sieht.

Sie meint, ob eine Verbrennung in Ordnung wäre. Ich entgegne ihr, dass es das für mich nicht ist. Asche ist tote Materie. Ein toter Körper wird wieder dem Erdkreislauf zugeführt und existiert in anderer Form weiter. Ich will keine Verbrennung mit Miniaturgrab, sie will einen schönen Grabstein, der eine Geschichte erzählt. Mit ganzem Namen, Geburts- und Todesdatum. Ich möchte ein Foto und noch viel von ihr lernen. Wir regeln als Nächstes den Nachlass. Zwischen uns gibt es ein unsichtbares Band, wir sind Seelenverwandt. Wir kuscheln im Bett, so gut wie es geht. Ich kann nicht schlafen, und Claudia auch nicht.

Montag, 30. April 2007

Dr. Farroch erdet mich wieder. Er gibt keine Prognose ab, sondern schaut nach vorne. Die Lungenmetastasen verschlechtern die Prognose nicht. Die werden mit der Chemotherapie ja mitbehandelt. Ich nehme ihm das Versprechen ab, mir mitzuteilen, wenn es so weit ist, dass nichts mehr geht. Ich fühle mich damit ein wenig besser, und Rede mit Claudia darüber. Sie lacht schon wieder. In mir wird es warm.

Auf der Arbeit rede ich mit Thais. Ich schildere ihr den den Stand der Dinge, und muss weinen. Sie versucht mich zu trösten. Will den Freitag als weiteren Heimarbeitstag, und bekomme Verständnis von allen Seiten.

Ich rede mit Sifu David. Sage bis auf Weiteres alle Übungsleiter-Aktivitäten in Overath und Rösrath ab. Wenn er etwas für mich tun kann … ich bin fix und fertig. Meine Stimme zittert.

Im Marien-Krankenhaus dauert alles länger. Erst begeben wir uns ins Foyer. Wir wissen nicht, auf welche Station wir sollen. Dr. Anand hat ja alles geregelt. Der Empfang schickt uns zur Annahme, die schicken uns in die Innere Ambulanz. Während ich mit Aufnahmepapieren in die Aufnahme flitze, wird Claudia durchgecheckt. Die Blutabnahme über die Arme schlägt wieder einmal fehl – aua, zerstochene Arme. Der Port ist störrisch, aber letztlich bekommen Ärzte ihr Blut. Claudia lässt wie immer alles geduldig über sich ergehen. Um 11:15 Uhr muss ich gehen. Philipp kommt um 11:30 Uhr aus der Schule.

Ich spiele Fußball mit ihm. Dann gehen wir rein. Ich kläre ihn über die neue Situation auf. Er heult und stellt viele Fragen zur Krankheit. Als er einmal in der Schule erzählt hat, dass Mami Krebs hat, haben die anderen gelacht und »Gute Besserung« gesagt. Er heult, er weiß, dass Mami nie wieder gesund wird und sogar stirbt - irgendwann. Eine alte Mutter wird er nie erleben. Ich tröste ihn. Mami kämpft, Mami liebt ihn, Mami ist stolz auf ihn, ist immer bei ihm. In seinem Herzen und in seinem Kopf. Ich bin nervlich am Ende. Max kommt nachhause, gegen Viertel nach 12. Ich kläre ihn auch auf, erzähle alles noch einmal. Wir heulen zu dritt. Um 14:15 Uhr sitzen wir bei Oma und Opa. Die Kinder sind schon wieder ganz locker. Ich nicht. Gegen 15:15 Uhr geht es ab ins Krankenhaus.

Philipp witzelt herum, rechnet aus, dass Mama noch drei Jahre leben muss, um seinen Schulwechsel zu erleben. Er scheint die Tragweite der ganzen Geschichte nicht wirklich zu verstehen. Claudia strahlt wieder. Hat nur leichte Temperatur. Es werden Blutkulturen angelegt. Es gibt drei Möglichkeiten:

Der Port ist entzündet und muss verlegt werdenVirus im Blut, was eine Woche Behandlung mit Antibiotika bedeutetFieber aufgrund der Tumore in der Lunge, was auch eine Woche lang mit Antibiotika behandelt wird

Die Ergebnisse der Blutkulturen gibt es spätestens Donnerstag oder Freitag. Wir rechnen mit zwei Wochen Krankenhausaufenthalt. Claudia hat lediglich circa 1 kg abgenommen, mir kommt es aber mehr vor. Ich habe Angst. Die Lunge ist empfindlicher als die Leber. Jede Woche zählt, die Tumore in der Lunge wachsen. Claudia hustet. Ist das schon ein Signal der Lungentumore? Die Ärzte sagen nein, ich habe trotzdem ein ungutes Gefühl. Claudia regt an, dass ich Philipps Klassenlehrerin über die veränderte Situation informieren sollte. Am Bett sage ich Max und Philipp nochmal, dass dies alles ziemlich privat ist, und an die Adresse von Philipp, dass keine Scherze damit gemacht werden. Philipp schaut ernst, und wirkt betroffen. Das macht mich wiederum betroffen, denn ich weiß das er das nicht so meint.

Dienstag, 1. Mai 2007

Bin um 15:30 bei Claudia. Sie hängt am Tropf! Die Ärzte haben ihr eine Kochsalz-Infusion und Antibiotika verpasst. Ich denke, sie wollen Zeit sparen. Ich hole ihr ein Eis – Magnum White … »das nächste Mal bitte ein Bottermelk fresh mit Zitrone«. Imodium akut, Zahnpasta und ein Nintendo DS werden auch überreicht. Claudia übt etwas Kirby und Mario Kart unter fachkundiger Anleitung. Ihr Fernseher geht nicht. Morgen kommt der Servicetechniker. Claudia wirkt etwas müde. Antibiotika eben.

Tomas ruft an. Er will vielleicht unser altes Auto kaufen. Ich rufe Horst an, und erzähle ihm alles. Er ist betroffen. Verabreden uns für Donnerstag 8:00 bis 9:00 Uhr wegen seiner Computerprobleme.

Abends: Philipp hat Angst, in der Schule etwas über Mamas Zustand zu erzählen. Ich mache ihm Mut, und erkläre ihm, warum er davor keine Angst zu haben braucht.

Mittwoch, 2. Mai 2007

Ich koche mittags. 17:15 Uhr. Die Kinder zocken auf ihren Nintendo Geräten herum. Claudia sieht fertig aus. Sie hatte kein Frühstück wegen der Ultraschall-Untersuchung. Die Gallenblase ist leicht vergrößert. Sind das Nebenwirkung der Chemo, oder eine Entzündung? Wir hoffen, dass es nichts schlimmes ist.

Donnerstag, 3. Mai 2007

Claudia bekommt Medikamente für die Gallenblase und Schmerzmittel. Sie ist fieberfrei.

Montag, 7. Mai 2007

Die Schmerzmittel werden abgesetzt. Ebenso das fiebersenkende Mittel, von dem ich gar nichts wusste.

Dienstag, 8. Mai 2007

Das Fieber ist wieder da. Claudia ist total frustriert. Wir. haben nur telefoniert. Ich war heute auf Monikas Geburtstag. Ich verkaufe unser altes Auto für 450 € an Thomas.

Mittwoch, 9. Mai 2007

Ich besuche Claudia am Morgen. Sie hat diese Nacht geweint. Sie findet, dass sie alt geworden ist. Sie glaubt, dass ihr Körper das nicht mitmacht. Sie will leben, sie will raus aus dem Krankenhaus. Ich mache ihr Mut, sage ihr, dass sie nicht alt aussieht. Sie hat Angst, dass ich mit dem Haushalt überfordert bin, weil ich immer so deprimiert klinge, wenn wir darüber reden. Ich will nur nicht, dass sie das Gefühl hat, entbehrlich zu sein. Wir brauchen sie! Ist zwar schwer, aber ich schaffe den Haushalt schon. Brauche halt noch ein wenig Zeit, bis ich im Tritt bin. Heute Nachmittag hat sie Schüttelfrost und Fieber. Eine Frau von der Kirchengemeinde kommt vorbei. Claudia schickt sie weg. Sie kann damit nichts anfangen, beredet solche Sachen nicht mit fremden Menschen.

Donnerstag, 10. Mai 2007

Oma und Opa kommen kurz vor 20:00 Uhr. Sie haben ihren Urlaub bis auf Weiteres abgesagt. Ich kann also am Montag arbeiten gehen. Ich erzähle, dass ich Claudia gerne mit einem renovierten Flur überraschen würde. Das Material dazu hatte sie schon letztes Jahr besorgt: Farbe, Pinselset, Klebeband und so weiter. Opa beginnt den Flur abzukleben.

Rufe Claudia an, wegen eines Tipps fürs Kochen. Sie ist kurz angebunden, muss aufs Klo. Es wurde eine Darmspiegelung gemacht, aber nichts gefunden.

15:00 Uhr. Ich baue den Flur ab. Danach fahre ich zu Claudia. Sie sieht nicht gut aus. Die Farbe des Gesichts ist in Ordnung, aber ihre Wangen sind eingefallen. Sie trägt Windeln und muss sich oft übergeben. Sie bekommt Aufbaupräparate. Das Antibiotikum wurde vorerst abgesetzt. Die Dosis seit letztem Freitag hätte einen Elefanten kurieren müssen, bei Claudia hat es fast nichts bewirkt. Operieren wollen die Ärzte die Galle nicht, bei der Vorgeschichte.

Ed gibt noch ein Mittel, das sie probieren wollen. Und dann? Ich weiß es nicht. Morgen zieht sie erst einmal auf Station 11 um. Sie kann den Baulärm nicht mehr ab, und der Service durch die Schwestern lässt im Moment dezent zu wünschen übrig. Die Station ist voll im Umzugsstress. Als ich gehe, bin ich traurig und geknickt.

Freitag, 11. Mai 2007

Claudia ruft gegen Mittag an. Morgen soll doch operiert werden. Sie liegt mittlerweile auf der Station 11. Also nichts wie hin, in die 11te Etage. Da wird aber fleißig gebaut: Baustelle. Also fahre ich runter auf die 10. Etage. Dort heißt es Warten, bis die Übergabe abgeschlossen ist. Dann kann ich endlich nachfragen. Claudia liegt auf Zimmer 11. Als ich ankomme, ist der Chirurg schon weg. Es wird noch einmal ein anderes Medikament probiert, keine Ahnung welches, vielleicht Antibiotika. Das muss bis morgen anschlagen, sonst wird operiert.

Samstag, 12. Mai 2007

Wir renovieren mit Opa den Flur.

Sonntag, 13. Mai 2007 – Muttertag

Claudia freut sich über die Mitbringsel. Max ist traurig, weil er nichts vorbereitet hatte. Er durfte die Blumen übergeben. Philipp hatte etwas im Schulunterricht gebastelt: einen Blumentopf mit Steinen und Herzchen drin, dazu eine Karte.

Montag, 14. Mai 2007

Bin heute arbeiten, und rufe mittags bei Claudia an. Sie klingt super, alles im Lot.

Kurz nach 18:00 Uhr stehe ich an ihrem Krankenbett. Sie weint bitterlich an meiner Schulter. Das Fieber ist wieder da. Wir hoffen, dass morgen die Entscheidung für eine Operation fällt, und dass dadurch das Fieber verschwindet. Der schlimmste Fall wäre, wenn das nicht eintreten würde. Wenn die entzündete Gallenblase nur ein Symptom für irgendetwas anderes wäre … ihr tut heute auch die rechte Seite weh! Später witzeln wir etwas herum, knutschen und knuddeln. Zu Hause viel Haushalt. Ehe ich das Licht ausmache, ist es Mitternacht.

Dienstag, 15. Mai 2007

Ich telefoniere morgens mit Claudia, alles okay. Ich beginne mit der Haushaltsarbeit. Irgendwann ruft Claudia an. Um 15:30 Uhr wird operiert. Sie zieht auf Station 5, Chirurgie, um. Ich verspreche pünktlich da zu sein. Gegen 12:00 Uhr fange ich mit dem Mittagessen an. Claudia ruft an. Gegen 14:00 Uhr bekommt sie das Beruhigungszäpfchen. Ich soll zum Packen kommen. Ich esse schnell ein Müsli, übergebe die Kocherei an Oma und mache mich gegen halb zwei auf die Socken.

Claudia ist schon etwas tüdelig. Ich packe die Sachen und lasse sie erst einmal in Ruhe. Während Claudia in den Operationssaal geschoben wird, frage ich auf Station 5 nach, wo sie danach einquartiert wird. Die wissen von nichts, kümmern sich aber. Also deponiere ich die Sachen erst einmal in Zimmer 7 und warte dann im Aufenthaltsraum.

Um 15:00 Uhr kommt die Schwester. Die Operation dauert bis 17.00 Uhr. Das sei normal, weil sehr sorgfältig präpariert werden muss. Ich fahre kurz nach Hause.

Kurz nach halb fünf fahre ich wieder ins Krankenhaus und begebe mich auf Station 5. Claudia wird immer noch operiert. Ich warte. Gegen 17:00 Uhr kommt sie auf die Intensivstation. Rund zwanzig Minuten später darf ich runter auf Station 3 – und nehme zwei Flaschen Antibiotika mit.

Claudia ist wach und hat Schmerzen. Sie beschwert sich lieb. Wir halten Händchen. Sie glaubt, dass sie im Aufwachraum wäre. Ich erkläre ihr, dass sie auf der Intensivstation ist. Ein Arzt kommt. Ich höre die Schwester murmeln: »Keine Entzündung … Gallenblase entfernt … verkapselt«. War da etwa ein Tumor drin? Ich hoffe, das Fieber geht weg. Ich organisiere einen Klingeldrücker für Claudia und spreche die Pflegerin wegen der Schmerzen an. Claudia bekommt Mittelchen, und es scheint etwas besser zu gehen. Sie schläft. Kurz nach halb sieben gehe ich, befreie aber vorher noch die Blumen aus dem Schrank.

Montag, 21. Mai 2007

Seit Dienstag ist jetzt fast eine Woche vergangen. Claudia ist am nächsten Tag von der Intensivstation runter. Sie hat starke Wundschmerzen, Übelkeit, und musste sich übergeben. Das starke Fieber ist weg, aber Temperatur hat sie auch heute noch. Nach und nach ist sie von den Flaschen abgeklemmt worden. Sie hatte eine Schmerzpumpe, die sie selbst dosieren konnte. Der Katheter aus der Blase ist raus. Heute war ich Claudia nach der Arbeit besuchen. Ich war eigentlich ganz gut gelaunt. Als ich in das Zimmer kam, stand der Arzt von Station 10 am Bett.

Das Fieber geht wohl nicht mehr weg.Die Schmerzen und die Gallenentzündung kommen von der Leber.In dieser Situation wird man keine Chemotherapie mehr machen.