Aus dem Off - Ruliac Ulterior - E-Book

Aus dem Off E-Book

Ruliac Ulterior

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Beschreibung

Schwere seelische oder körperliche Misshandlungen von Kindern durch deren eigene Eltern sind ein Phänomen, das in den Medien nur selten thematisiert wird. Meist gelangen allenfalls Fälle mit Todesfolge an das Licht der Öffentlichkeit. Noch weniger Aufmerksamkeit wird dem Schicksal der ehemaligen Opfer zuteil. Welches Leben führen die Überlebenden als Erwachsene? Welche Auswirkungen haben die erlittenen Traumata auf ihren Alltag, auf das Verhältnis zu ihren Mitmenschen? Dies ist der in Tagebuchform verfasste Erfahrungsbericht eines an Sozialphobie und Borderline-Syndrom leidenden Betroffenen.

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Seitenzahl: 651

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ruliac Ulterior

Aus dem Off

Bekenntnisse eines soziophoben Borderliners

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Einleitung

Rechtlicher Hinweis

Kapitel I - Sommerhalbjahr 2006

Kapitel II - Winterhalbjahr 2006/2007

Kapitel III - Sommerhalbjahr 2007

Kapitel IV - Winterhalbjahr 2007/2008

Kapitel V - Sommerhalbjahr 2008

Kapitel VI - Winterhalbjahr 2008/2009

Kapitel VII - Sommerhalbjahr 2009

Kapitel VIII - Winterhalbjahr 2009/2010

Kapitel IX - Sommerhalbjahr 2010

Kapitel X - Winterhalbjahr 2010/2011

Kapitel XI - Sommerhalbjahr 2011

Kapitel XII - Winterhalbjahr 2011/2012

Kapitel XIII - Sommerhalbjahr 2012

Kapitel XIV - Winterhalbjahr 2012/2013

Kapitel XV - Sommerhalbjahr 2013

Impressum neobooks

Einleitung

Dieses Buch wird Sie als Leser in eine Erfahrungswelt führen, welche den meisten zunächst fremd und unverständlich sein dürfte. Bereits der Titel wirft Fragen auf: Was bedeutet soziophob? Was ist ein Borderliner? Was versteht man unter dem Off?

Als Borderliner wird jemand bezeichnet, der an dem Borderline-Syndrom leidet, einer Persönlichkeitsstörung, welche unter anderem durch eine ausgeprägte emotionale Instabilität gekennzeichnet ist. Dem Kreis der hiervon Betroffenen gehöre auch ich an. Darüber hinaus bin ich soziophob, leide also an einer Sozialphobie, der pathologischen Angst vor sozialen Kontakten und insbesondere vor der damit verbundenen Bewertung durch andere Menschen. In meinem Fall geht diese Erkrankung einher mit einer Erythrophobie, dem häufigen Erröten aus Angst vor der Blamage des Errötens. Aufgrund dieser psychischen Probleme bin ich erwerbsunfähig.

Mit dem titelgebenden Ausdruck Aus dem Off wird in der Filmbranche eine außerhalb des Bildausschnittes angesiedelte akustische Quelle umschrieben. Aufgrund meiner psychischen Beeinträchtigungen spielt mein Leben sich größtenteils in sozialer Isolation und am Rande unserer Gesellschaft ab, also gewissermaßen ebenfalls jenseits des Sichtbaren. Mit dem vorliegenden Buch melde ich mich nun aus diesem Bereich heraus zu Wort.

Das Erscheinungsbild der Borderline-Störung stellt sich außerordentlich individuell dar. Es existiert eine Reihe teils sehr unterschiedlicher Symptome, die in verschiedener Intensität auftreten oder ganz ausbleiben können. Aus diesem Grund wird das Borderline-Syndrom oft auch als die Puzzle-Krankheit bezeichnet. Den einen Borderliner gibt es nicht. Borderliner an ihrem Verhalten zu erkennen, fällt daher besonders Laien schwer. Doch dies haben sie mit vielen Fachleuten gemeinsam, denn die meisten Borderliner sehen sich im Laufe ihrer Krankengeschichte einer Vielzahl von Fehldiagnosen und -behandlungen ausgesetzt. Auf der anderen Seite werden aber nicht wenige Patienten alleine deswegen mit dem Etikett des Borderline-Syndroms versehen, weil der behandelnde Therapeut überfordert ist damit, eine in sich stimmige Diagnose zu stellen.

Trotz der Vielfalt der Symptome und ihrer Ausprägungen sind allen Borderlinern bestimmte Grundzüge eigen. Sie verfügen kaum über innere Schranken, die ihr Ich vor übermäßigen äußeren oder inneren Reizen zu schützen vermögen. Sie sind der ungezügelten Macht ihrer eigenen Impulse und Ängste ebenso ausgesetzt wie den ungefiltert auf sie einströmenden Umgebungsreizen, werden von aggressiven, sexuellen, aber auch von selbstabwertenden Impulsen förmlich überschwemmt. Gleichzeitig fehlt den Betroffenen ein seelischer Gerinnungsstoff. Sie bluten daher emotional aus. Borderliner leiden unter schwerwiegenden Beziehungsproblemen, einem diffusen und negativen Selbstbild und sogenannten Flashbacks, der plötzlichen inneren Zurückversetzung in belastende oder gar traumatisierende Situationen aus ihrer Vergangenheit. Häufig auftretende Verhaltensauffälligkeiten sind ein ausgeprägtes Hochrisikoverhalten, zum Beispiel im Straßenverkehr, außerdem Selbstverletzungen, wie das wiederholte Schlagen mit dem Kopf gegen Wände oder das eigenhändige Zufügen von Schnittwunden. Borderlinern fällt es äußerst schwer, Entscheidungen zu treffen und einmal eingeschlagene Wege zu Ende zu gehen. Sie verfügen über kein stabiles Ich, an dem sie sich orientieren könnten. Ihre berufliche Selbstfindung ist meist gekennzeichnet durch viele Irrtümer und Umwege. Es besteht eine ausgeprägte Anfälligkeit für Süchte jeder Art und zudem ein hohes Suizidrisiko. In der Summe all dessen wird deutlich, warum im Zusammenhang mit dem Borderline-Syndrom des Öfteren von einem Leben auf der Achterbahn gesprochen wird.

Betroffene bemühen sich meist vergeblich darum, ihrem Umfeld das durch die Symptome ihrer Krankheit ausgelöste Leid zu vermitteln. Ihre Gefühle sind fünf Mal so stark wie die anderer Menschen, was sich auch anhand hirnorganischer Besonderheiten, die mit dieser Störung einhergehen, nachvollziehen lässt. Da eigene Emotionen zwar auch von Gesunden erfahren werden können, aber nicht in einer derart vernichtenden Intensität, werden Borderliner oft einfach als zickig, labil oder verweichlicht abgestempelt. Manchmal wird ihnen gar unterstellt, Aufmerksamkeit erheischen zu wollen oder sich ihre Erkrankung nur einzubilden. Doch Borderliner sind einer fortwährenden inneren Belastung ausgesetzt, unter der die meisten gesunden Menschen innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen würden.

Die Möglichkeit einer wirklichen Heilung besteht nicht. Zwar können viele Betroffene lernen, mit ihrer Störung umzugehen, vor allem mit zunehmendem Lebensalter. Letztlich lässt sich aber nur eine Linderung der Symptome erreichen. Auch therapeutische Maßnahmen orientieren sich an diesem Ziel.

Die Borderline-Problematik begleitet mich bereits mein gesamtes Leben hindurch, jedoch lange Zeit ohne dass ich die Symptome greifen oder mir die Ursache dafür erklären konnte. Ich spürte nur immer, dass ich irgendwie anders war. Die vorherrschenden Gefühle waren stets Scham, Selbstverachtung und Einsamkeit. Eines Tages stürzte schließlich alles über mir zusammen und ich begann eine ambulante Einzeltherapie. Im Laufe dieser Therapie fand ich heraus, worin die Ursache für all meine psychischen Probleme liegt. Mir wurde nicht nur bewusst, dass mein Elternhaus extrem kalt, kommunikationsarm und demütigend gewesen war, es kamen auch verdrängte Erinnerungen an meine ersten Lebensmonate an die Oberfläche, während deren ich körperlich schwer misshandelt wurde.

Und damit bin ich kein Einzelfall. Tagtäglich werden Kinder durch ihre Eltern auf unterschiedlichste und teils grausigste Weisen misshandelt, sowohl seelisch als auch körperlich. Und all dies geschieht mitten unter uns. Statistisch gesehen ist der gefährlichste Ort für ein Kind die eigene Familie. Oft war der Täter als Kind selbst ein Opfer seiner eigenen Eltern. Manchmal erstreckt sich ein solcher Teufelskreis aus psychischer oder physischer Gewalt über viele Generationen.

Bei diesem Buch handelt es sich um persönliche Aufzeichnungen, die sieben Jahre hindurch einen wesentlichen Teil meiner Erlebnisse und Gedanken widerspiegeln. Im Internet war ich auf Selbsthilfe-Foren für Borderliner gestoßen. In einigen dieser Foren bestand die Möglichkeit, online ein halböffentliches Tagebuch zu führen, welches von anderen registrierten Forenmitgliedern gelesen und kommentiert werden konnte. Schließlich begann auch ich mit einem solchen Tagebuch. Im Laufe der Zeit realisierte ich, dass das Verfassen und - wenn auch lediglich beschränkte - Veröffentlichen meiner Einträge mir nicht nur dabei half, meine soziale Isolation zu durchbrechen. Es war darüber hinaus eine wirksame Möglichkeit, die eigenen Gedanken zu reflektieren und zu ordnen. Die Arbeit an diesem Tagebuch wurde daher zu einem festen Bestandteil meines Alltags.

Nachdem die Texte des ersten Jahres durch die unerwartete Löschung des von mir favorisierten Forums verloren gegangen waren, begann ich damit, jeden von mir verfassten Eintrag zusätzlich auch auf dem eigenen Computer abzuspeichern. Im Laufe der Zeit wuchs der Textbestand unaufhörlich an und auch der Umfang der einzelnen Einträge nahm allmählich zu. Schließlich erkannte ich, dass ich im Begriff war, etwas Eigenständiges zu erschaffen, das womöglich einen gewissen Wert besitzen könnte. Psychisch Kranke verfügen in unserer Gesellschaft über keine Lobby. Doch mit meinen in Buchstaben gegossenen persönlichen Erfahrungen könnte ich diesem Umstand wenigstens das in meiner Kraft Stehende entgegensetzen, dachte ich mir. Von diesem Punkt aus war es dann nur noch ein kleiner Schritt bis zu dem ersten Gedanken an eine Buchveröffentlichung.

Obwohl meine Aufzeichnungen aufgrund ihres nicht-fiktionalen Charakters, ihrer Spontanität und Unmittelbarkeit dem Anspruch eines eingängigen Leseerlebnisses nicht in demselben Umfang genügen können wie ein konstruierter Text, habe ich mich schließlich tatsächlich für eine Veröffentlichung entschieden. In mancherlei Hinsicht mag dieses Buch sperrig, anstrengend und vielleicht sogar verstörend sein. Doch es ist auch unkonventionell, authentisch und erhellend. In seiner Form stellt es gewissermaßen eine Art von Experiment dar. Und hiermit lade ich Sie dazu ein, sich auf dieses Experiment einzulassen.

Rechtlicher Hinweis

Die Namen der in dem folgenden Text genannten Personen wurden durch den Autor geändert. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Kapitel I - Sommerhalbjahr 2006

Sonntag, 9. Juli 2006, 18 Uhr 21

Ein neuer Anfang.

Die gesamten Einträge meines Tagebuchs, das ich im Forum führte, sie sind unwiederbringlich verloren - ein ganzes Jahr meines Lebens! Alles nur wegen einer einzelnen, durchgeknallten Administratorin, die das Glück hatte, das bedeutendste Selbsthilfeforum für Borderliner von dessen Gründer übernehmen zu dürfen, und die dieses Forum nun in einer Eskalation ihres Narzissmus zerstört hat!

Das ist ein harter Schlag für mich, nicht nur wegen des gelöschten Tagebuchs. Das Forum war für mich so etwas wie eine virtuelle Heimat. Fast meine sämtlichen Sozialkontakte spielten sich dort ab. Mein fragiles Lebenskonstrukt ist zertrümmert worden.

Doch solche Situationen sind mir eigentlich vertraut. Sie sind ein Teil von mir, diese ständigen Zusammenbrüche, denen Wiedergeburt und Neubeginn folgen. Nicht ohne Grund bin ich im Netz unter dem Alias Phoenix unterwegs. In dem Phoenix sehe ich ein Symbol für das ewig wiederkehrende und schmerzhafte Sterben im Feuer der eigenen Seelenqualen, aber auch für die hierauf folgende Auferstehung und Erneuerung. Zudem steht er für fortwährenden Wandel. Nachdem ich in der Anfangsphase meiner Netzaktivitäten meinen Alias häufig gewechselt hatte, entschied ich mich schließlich für den Phoenix als einen Ausdruck dieses Wandels. Mit ihm, einem Symbol für Identitätslosigkeit, konnte ich mich endlich dauerhaft identifizieren.

Wieder einmal ist es an der Zeit für eine Auferstehung. Ich werde mich auf die Suche nach einem anderen Forum machen müssen. Leicht wird das nicht werden. Denn mein bisheriges war das größte und lebendigste Forum mit einem Bezug zum Thema Borderline-Syndrom im gesamten deutschsprachigen Netz. Doch wo immer ich am Ende landen werde, der Verlust von Tagebucheinträgen soll sich jedenfalls nirgendwo wiederholen können. Von nun an werde ich meine im Netz veröffentlichten Einträge zusätzlich auf meinem eigenen Computer abspeichern. Dadurch bin ich unabhängig von dem Fortbestand eines bestimmten Forums oder der Reflexionsfähigkeit eines Administrators.

Leider habe ich nicht ausschließlich in der virtuellen Welt mit Problemen zu kämpfen, sondern auch in der realen. Und hier sieht es weit weniger nach einer Wiedergeburt aus. Ich stecke in einem tiefen und dunklen Loch. Mit Ausnahme des Laufens bin ich zu keinem Sport mehr in der Lage. Es ist mir jede Energie abhanden gekommen. Kämpfen musste ich ja schon immer, aber nun hat die Situation sich zugespitzt. Ich bin nur noch ein depressives Häufchen Elend.

Ist mein Leben so unerträglich geworden, weil mein Dispokredit bis zum Anschlag überzogen ist und ich trotz aller Bemühungen bisher nicht einen einzigen Euro davon abzahlen konnte? Oder liegt es an den verdammten Dauerdurchfällen, die kein Ende nehmen wollen? Sind die Ursache stattdessen vielleicht die ganzen zusätzlichen Kilos, die ich mir in letzter Zeit erneut angefressen habe?

Letztlich ist wohl ausschlaggebend, dass ich nach all den Jahren des Strampelns immer noch keine echte Chance sehe, aus der Einsamkeit, der Erwerbsunfähigkeitsrente mit aufstockender Grundsicherung und dieser ganzen Scheiße mit dem Borderline-Syndrom inklusive einer Sozialphobie herauszukommen. Dieses verdammte ständige Rotwerden! Das ist wie ein bösartiges Tier, das hinter meiner Stirn lauert!

Wozu noch weiter kämpfen? Ich habe einfach keine Kraft mehr, keinen Anker, keine Ziele und keine Hoffnung. Ich finde, ich habe jetzt wirklich mal etwas Glück verdient! Ich will Geld, ich will ficken und ich will raus aus dieser verdammten Stadt!

Montag, 10. Juli 2006, 17 Uhr 25

Es hatte sich bereits etwas Staub auf den Hantelscheiben niedergelassen. Aber ich gehe es wieder an. Es ist wie mit dem Huhn und dem Ei: Treibe ich keinen Sport, weil es mir schlecht geht oder geht es mir schlecht, weil ich keinen Sport treibe?

Während des Hantelschwingens konnte ich wieder den wohnungseigenen Fernblick bis zum westlichen Horizont genießen, und das bei strahlendem Sonnenschein. Das hier ist eine echte Traumwohnung. Es hat mich viele Jahre gekostet, eine so schöne und vor allem auch ruhige Bleibe zu finden.

Mittwoch, 12. Juli 2006, 16 Uhr 39

Beim Laufen vorhin machte sich kurz vor Schluss schmerzhaft die Muskulatur auf der Rückseite des linken Beins bemerkbar. Wenn ich meine Strecke zu diesem Zeitpunkt nicht sowieso schon fast hinter mich gebracht hätte, dann hätte ich abbrechen müssen. Seit dem Frühjahr nehme ich über einen Gaststatus an einem Hochschulkurs für Savate teil, einer dem Kickboxen ähnelnden französischen Kampfsportart. Dort gehen wir in letzter Zeit oft in die Kniebeuge, um das Abtauchen vor gegnerischen Schlägen zu trainieren. Es ist wohl alles ein bisschen zu viel gerade. Dennoch hat mir das Laufen durchs Grüne wirklich gut getan, erst recht bei diesem herrlichen Wetter. Ich habe so ein Glück mit dieser Wohnung und dem näheren Umfeld!

Doch der Rest Aachens zieht mich einfach nur noch runter. Lieber heute als morgen würde ich von hier fortziehen. Ich habe zu viel Scheiße erlebt in dieser Stadt und ihre allgegenwärtige Vertrautheit erdrückt mich.

Mittwoch, 12. Juli 2006, 23 Uhr 30

Am heutigen Abend nahm ich zum dritten Mal an der Sitzung einer Selbsthilfegruppe für Borderliner teil. Sie war Anfang des vergangenen Monats gegründet worden und es ist die einzige Gruppe zum Thema hier in der Gegend. Die Treffen finden zwei Mal im Monat statt. Einschließlich mir selbst sind wir drei Mitglieder, heute kam eine vierte Betroffene dazu. Sie will wiederkommen und die Gruppe auch anderen Borderlinern empfehlen.

Freitag, 14. Juli 2006, 22 Uhr 6

Nach drei Stunden Schrägbanktraining habe ich nun wieder mit meiner sterblichen Hülle fusioniert. Ohne Sport müsste ich wahrscheinlich wirklich auf kurz oder lang Antidepressiva nehmen oder wieder kiffen. Zwar habe ich den Konsum von Haschisch und Gras nicht ohne Grund nun schon seit längerem auf besondere Anlässe beschränkt. Zudem habe ich alles aus meiner eigenen Wohnung verbannt, was mit dem Kiffen im Zusammenhang steht. Doch ich denke, im Zweifelsfall würde ich mich für den beruhigenden und entspannenden Rauch entscheiden. Er hat weniger Nebenwirkungen als das Schlucken von Pillen. Ich will ich nicht zu einem Pharmazombie verkommen.

Ohnehin musste ich meine Erfahrungen machen mit den Ärzten und dem, was sie als Behandlung bezeichnen. Seit man mich im zarten Alter von vierzehn Jahren aufgrund einer Fehldiagnose unnötig am rechten Oberschenkel operierte, das Bein anschließend sechs Wochen lang in Gips steckte und mich danach ohne Rehamaßnahme entließ, habe ich nun jahrzehntelang gehumpelt. Nach wie vor ist das rechte Bein deutlich dünner als das linke, vor allem direkt oberhalb des Knies. Nach einer endlosen Odyssee durch Orthopädiepraxen, die ich wegen meiner Kniebeschwerden auf mich genommen hatte, kam ich schließlich selbst darauf, dass ich nur die Beinmuskeln gezielt hätte aufbauen müssen und außerdem auf dem Sportplatz regelmäßig ein paar Runden hätte drehen müssen, um mir diesen Leidensweg zu ersparen. Keinem der zahlreichen Ärzte, die mich mit diversen Verfahren behandelt hatten, waren derartige Gedanken gekommen.

Jetzt wird zwar der Zustand des geschädigten Beins von Monat zu Monat besser. Aber dieses langjährige Humpeln, das mir schon so lange Zeit anhaftet, steckt mir im wahrsten Sinne des Wortes tief in den Knochen. Immer noch belaste ich das linke Bein stärker als das rechte, auch wenn ich schon seit längerem Lauftraining betreibe und viel mit dem Rad fahre.

Eigentlich lege ich alle meine alltäglichen Wege mit dem Fahrrad zurück, jetzt schon seit mittlerweile drei Jahren, im Sommer wie im Winter. Irgendetwas wird mir vermutlich auch das gebracht haben. Allerdings war ich ursprünglich nicht aus gesundheitlichen Gründen vom Bus auf das Fahrrad umgestiegen. Die Kosten für das Monatsticket sind selbst im Sozialtarif noch viel zu hoch, und zudem stellt es eine extreme psychische Belastung für mich dar, über einen längeren Zeitraum hinweg mit Menschen zusammengepfercht zu werden.

Die Folge solcher Situationen sind häufig innere Abstürze, die auch nicht mit der jeweiligen Busfahrt enden, sondern mich selbst nach meiner Heimkehr noch den Rest des Tages über verfolgen - in Form von Ich-Auflösung, Selbstabwertungen, höhnischen inneren Stimmen, Agonie und Chaos. Jedoch ist auch ein mit dem Fahrrad durchfahrener Winter eine ziemlich unangenehme Angelegenheit und mit dem Rad kommt man natürlich überall immer völlig verschwitzt an.

Heute habe ich schon wieder zu viel gefressen. In letzter Zeit habe ich erneut zugenommen. Aber immer schön ein Problem nach dem anderen. Zumindest habe ich wieder trainiert.

Montag, 17. Juli 2006, 23 Uhr 58

Es zieht mich einfach immer mehr runter, wie sehr ich durch meine finanzielle Situation und meine Erkrankung eingeschränkt bin. Alles, was über eine bloße Existenz hinausgeht, scheint unerreichbar zu sein für mich. Wenn man sich die Entstehungsgeschichte, das zugrunde liegende Trauma meiner Störung ansieht, ist es ein Wunder, dass ich überhaupt noch irgendwas kann, was über ein sediertes In-der-Ecke-Liegen hinausgeht. Schön, das legitimiert zwar meine psychischen und sozialen Defizite, spricht mich mir selbst gegenüber frei vom Vorwurf des Versagens. Aber was nützt mir das letztendlich?

Soll ich weiter auf ein Wunder hoffen? Oder aber resignieren und meine Situation hinnehmen? Wenn ich Letzteres nur könnte, das würde so vieles einfacher machen! Aber ich kann und will dieses beschissene Leben nicht akzeptieren! Weil es mich zerstört! Ich fühle mich wie ein eingesperrtes Tier!

Mittwoch, 19. Juli 2006, 23 Uhr 28

Auf kurz oder lang muss ich weg hier aus Aachen, wo mich alles an meine Vergangenheit erinnert. Seit meiner Geburt lebe ich hier. Ich brauche einfach endlich etwas Neues! Berlin wäre vielleicht ganz gut. Ich glaube, dort könnte es mir gefallen.

Und dort bräuchte ich mir zumindest nicht mehr den Kopf über einen vernünftigen und bezahlbaren Kampfsportverein zu zerbrechen. Die Auswahl diesbezüglich ist in Berlin deutlich größer. Das Savate-Training an der Hochschule ist zwar besser als nichts, und vor allem ist es äußerst preisgünstig. Doch das Kickboxen liegt mir irgendwie mehr. Zudem ist Savate in Deutschland eine ziemlich exotische Sportart, die nur an ganz wenigen Standorten angeboten wird. Leider hielt ich es in meinem alten Kampfsportverein, in dem auch Kickboxen gelehrt wurde, insgesamt nur etwas mehr als ein halbes Jahr lang aus, bis mich meine psychosozialen Probleme die Flucht antreten ließen. Als ich einige Zeit später wegen eines möglichen Wiedereinstiegs anfragte, wurde das nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen. Die unglückliche Form meines Austritts hatte Anlass zu Fehlinterpretationen geboten.

Es ist nicht absehbar, wie ich jemals einen Umzug in eine andere Stadt finanzieren können sollte. Wenn kein Wunder geschieht, dann werde ich noch eine ganze Weile hierbleiben müssen. Der Verfügungsrahmen für mein Bankkonto ist mit sechzehnhundert Euro bereits um hundert Euro überzogen. An der Abbezahlung dieser Summe werde ich noch lange zu knabbern haben. Aber falls es mein Schicksal ist, aus Aachen wegzuziehen, dann wird halt tatsächlich irgendein Wunder geschehen.

Samstag, 22. Juli 2006, 22 Uhr 7

Derzeit träume ich nachts wieder schlecht. Aber das ist ja in Abstufungen eigentlich fast immer so.

Mein Leben ist ein Herumtreten in tiefem Morast. Irgendwann ist man außer Atem und sieht Sternchen, aber man ist noch keinen Schritt vorwärts gekommen auf dem Weg zu seinen Zielen. Sind meine Ziele zu hoch gesteckt? Ist ein Scheitern zwangsläufig? Oder ist mein Problem mein Zeitplan, das Ignorieren der Tatsache, wie schwer das psychische Päckchen ist, dass ich mit mir herumtrage? Ich finde, im Vergleich zu einigen anderen, die mein Schicksal teilen, funktioniere ich noch ganz gut. Ich sollte endlich aufhören, mich an den sogenannten Gesunden zu messen und mir mehr Freiräume zugestehen. Es ist an der Zeit, meine Belastung zumindest ein wenig zurückzufahren.

Wohl bedingt durch meine Durchfälle, habe ich immer öfter mit Muskelkrämpfen zu tun, vor allem während des Savate-Trainings. Nach einer jahrelangen Ärzte-Odyssee wegen meiner Verdauungsstörungen wurde mir kürzlich vom Internisten eine Unverträglichkeit gegenüber Fruchtzucker diagnostiziert. Wie ich im Netz recherchierte, können in solchen Fällen die Moleküle dieser Zuckerart nicht die Wand des Dünndarms passieren, weil ein dafür notwendiges Transportprotein nicht vorhanden ist. Und dieser nicht aufgenommene Fruchtzucker führt im weiteren Verlauf des Verdauungsvorgangs zu einer ganzen Reihe von Problemen.

Nach all den Jahren, in denen mir kein Arzt helfen konnte bezüglich der Ursache meiner Durchfälle, habe ich irgendwann begonnen, ein Ernährungstagebuch zu führen. In dieses trage ich ein, was ich zu mir nehme und was am Ende dabei herauskommt. Meine Absicht war, durch Auslassen bestimmter Lebensmittel herauszufinden, welche mir Probleme bereiten und welche nicht. Den Faktor Fruchtzucker hatte ich dabei allerdings leider nie auf dem Schirm.

Bis ich durch das Meiden von fruchtzuckerhaltigen Nahrungsmitteln symptomfrei bin, werde ich jetzt erst einmal eine Weile aussetzen mit dem Kampfsport. Der nächste Savate-Kurs an der Hochschule beginnt im Oktober, nahezu zeitgleich mit dem Wintersemester. Die Zeit bis dahin ist lang genug, um ein oder zwei Dinge in Ordnung zu bringen. Ich sehe das bisherige Training als einen Probelauf. Im Oktober kann ich dann mit einer gewissen Erfahrung wieder loslegen.

Vorläufig ziehe ich nur mein Grundprogramm durch, bestehend aus Lauf- und Schrägbanktraining. Bereits früher machte ich gute Erfahrungen mit einer Auszeit vom Kampfsport, als ich nach einem Schlaganfall für ein halbes Jahr mit dem Kickboxen aufhörte und während dieser Zeit ins Lauftraining einstieg, um meinen erhöhten Blutdruck zu senken. Und es ist mir im Moment auch einfach alles zu viel.

Den Gedanken an einen Wegzug aus Aachen schiebe ich vorläufig weit weg. Ich weiß, dass es irgendwann dazu kommen wird, aber jetzt muss ich erst einmal hier mit allem besser klar kommen. Und ich sollte versuchen, das zu genießen, was ich habe. Die Sonnenuntergänge, die ich hier von meinem Balkon mit dieser wundervollen Aussicht erleben darf, die sind fantastisch!

Donnerstag, 27. Juli 2006, 23 Uhr 57

Nach langem inneren Ringen begann ich mit dem Hanteltraining zwar, schaffte aber aufgrund des schwülen Wetters nur eine Art Minimalprogramm mit den allerwichtigsten Übungen. Früher oder später werde ich wohl doch wieder in einem Studio trainieren müssen. Das mit der Schrägbank hier zu Hause ist letztlich nur eine Notlösung. Zwar habe ich noch bis zum April des nächsten Jahres bei einer bestimmten Filialkette von Fitness-Studios einen Vertrag laufen, für den ich natürlich monatlich Geld bezahlen muss. Aber ich schaffe es im Moment einfach nicht, dort hinzugehen. Ich breche innerlich regelrecht zusammen, sobald ich einen dieser Läden betrete.

Jahrelang trainierte ich in solchen Studios. Beim letzten Mal ging es dann schief, als ich über meine Erwerbsunfähigkeit und die Gründe dafür sprach. Vielleicht habe ich deswegen gerade so einen Horror davor, es wieder anzugehen? Aber ich will mir diese Terrain wieder zurückerobern! Vielleicht im Oktober, wenn ich auch wieder mit dem Kampfsport weitermache? Eines nach dem anderen.

Dienstag, 1. August 2006, 19 Uhr 56

Eben habe ich wieder die Schrägbank abgebaut, sie sorgfältig verpackt und dann vier Etagen hinunter in den Keller getragen, ebenso wie die Hantelstangen und die dazugehörigen Gewichtscheiben.

Das Gleiche machte ich bereits Anfang April, als ich den Vertrag für das Training im Fitness-Studio unterschrieb. Aber zwei Monate später schleppte ich alles wieder hinauf in die Wohnung, weil ich mich wegen meiner soziophobischen Attacken dazu entschlossen hatte, doch wieder zu Hause zu trainieren. Und nun habe ich mich für einen weiteren Anlauf im Fitness-Studio entschieden. Vermutlich werde ich übermorgen dorthin gehen.

Runterschleppen, raufschleppen, runterschleppen. Borderline halt.

Donnerstag, 3. August 2006, 18 Uhr 53

Ich war im Studio und zog mein Training durch. Die Entscheidung für das Studio ist richtig gewesen. Doch ich werde darauf achtgeben müssen, meine Aufenthalte unter Menschen zu dosieren, sonst wird der Schuss wieder nach hinten losgehen. Das eigentliche Training tat mir aber unglaublich gut. Als ich aus der Filiale herauskam, brannte mein gesamter Körper wieder auf diese unvergleichlich angenehme Weise. Und die Geräte dort im Studio sind eben wirklich kein Vergleich zu einer einfachen Schrägbank.

Für heute habe ich genug getan.

Freitag, 11. August 2006, 15 Uhr 14

Es sieht so aus, als hätte ich so etwas wie eine neue virtuelle Heimat gefunden. Nach dem Niedergang meines Selbsthilfe-Forums fühlte ich mich lange heimatlos. Meine Gegenstrategie bestand darin, mich in jedem Borderline-Forum anzumelden, dessen ich habhaft werden konnte. Wirklich heimisch wurde ich aber leider nirgends. Zum Glück hat sich dann jedoch der größte Teil der Truppe aus dem alten, zerstörten Forum in einem neu gegründeten zusammengefunden, und dort halte ich mich jetzt auch bevorzugt auf. Doch werde ich in Zukunft nicht mehr nur in einem einzigen Forum aktiv sein, sondern versuchen, mir mehrere Standbeine aufbauen.

Sonntag, 20. August 2006, 20 Uhr 7

Heute ist mir wieder bewusst geworden, wie erdrückend im Grunde meine gesamte Situation ist. Meine Ziele sind Herausforderungen, über die andere nur lachen können. Ja, natürlich, wären die in meiner Situation, die würden sich das Höschen einnässen, aber was bringt mir dieses Wissen? Stolz darauf, bis hierhin gekommen zu sein? Das verschafft mir auch keine wirkliche Erleichterung.

Lebend von einer Erwerbsunfähigkeitsrente, die durch das Sozialamt auf das Existenzminimum aufgestockt wird. Durch die Sozialphobie überwiegend auf die eigenen vier Wände beschränkt. So gut wie keine menschlichen Kontakte. Depressionen, und dabei gleichzeitig vor Energie fast platzend. Selbstabwertende Persönlichkeitsanteile, deren höhnisches Lachen mir durch den Schädel hallt. Jeden Tag. Jahr für Jahr. Eine Existenz ohne Leben.

Es stellt sich die grundsätzliche Frage, warum ich weiter derart viel Energie in die Verbesserung meiner Lebensumstände stecken soll, wenn dies aufgrund der harten Fakten nicht nachhaltig zu erreichen ist. Mittlerweile wünsche ich mir, mit dem Kämpfen aufhören zu können, wieder im süßlich sedierenden Kiffersumpf zu versinken. Aber ich kann nicht anders, als zu kämpfen. Und das Kiffen ist auch einfach zu teuer.

Dienstag, 5. September 2006, 23 Uhr 25

Während der vergangenen Tage habe ich das Betriebssystem meines Laptops neu installiert. Im Vorfeld dessen musste ich die Festplatte aufräumen und Backups machen. Eine solche Grundinstallation eines Computers einschließlich aller Nachwehen nimmt jedes Mal mehrere Tage in Anspruch. Eine unproduktive und ermüdende Tätigkeit. Manchmal frage ich mich, ob der Computer mir wirklich als Werkzeug und Arbeitshilfe dient oder ob es stattdessen Sinn meiner eigenen Existenz ist, ihn wieder und wieder zum Laufen zu bringen und ihn zu pflegen.

Seit einigen Monaten schwanke ich nun zwischen zwei beruflichen Identitäten. Da wäre zum einen das Schreiben eines Drehbuches, zum anderen das Programmieren. Und wie üblich, kann ich es mit dem Bauch nicht entscheiden, drehe mich im Kreise. Fest steht, dass ich mich zwar mein ganzes Leben schon mit dem Gedanken trage, etwas zu schreiben, aber faktisch über lange Zeiträume hinweg nahezu täglich bis zu zwölf Stunden am Rechner hockte und programmierte - in meiner Freizeit! Wäre ich nicht an die Computer geraten, wäre ich vielleicht Autor geworden. Aber wäre die Katze ein Pferd, dann könnte man damit die Bäume hinaufreiten.

Als Programmierer kann man direkt sehen und objektiv beurteilen, ob man eine Aufgabe erfolgreich bewältigt hat. Syntaktische Programmfehler zeigt einem der Computer an und logische Fehler machen sich durch ein nicht wunschgemäß arbeitendes Programm bemerkbar. Beim Verfassen einer Filmszene erfolgt keine derartige Rückmeldung. Hier bin ich alleine auf meine eigene Urteilskraft angewiesen.

Meine bisherigen Ansätze, ein Drehbuch zu schreiben, kommen mir unbeholfen, hölzern und klischeebeladen vor. Manchmal denke ich, hierbei wieder das Opfer meiner Minderwertigkeitsgefühle zu werden, manchmal aber glaube ich, diesbezüglich einfach eine gesunde Selbsteinschätzung zu haben. Schließlich tippte ich während all der vergangenen Jahre keine Drehbücher, sondern Programme, auch wenn ich im Geiste immer mal wieder an einem bestimmten Plot spann, der mich schon seit meiner Kindheit begleitet. Zudem sind zum Entwickeln von Dialogen soziale Kompetenzen und Erfahrungen erforderlich, sogar in einem besonders hohen Maß. Ich befürchte, damit kann ich als isolierter Sozialphobiker nicht dienen.

Dies alles sind sowieso wohl eher hypothetische Überlegungen, angesichts meiner Erwerbsunfähigkeit. Augenblicklich kann es bei beiden Alternativen sowieso nur darum gehen, mir eine sinnvolle Beschäftigung zu verschaffen, damit ich geistig nicht total versumpfe. Langfristig könnte man natürlich die Hoffnung haben, das Drehbuch an einen Produzenten zu verkaufen oder stattdessen mittels autodidaktischen Lernens Anschluss an die technische Entwicklung im Bereich der Programmierung zu finden, um dann eventuell über ein Praktikum wieder ins Berufsleben zu gelangen. Welches dieser beiden Szenarien ist das realistischere? Wahrscheinlich kann ich beide vergessen. Zunächst einmal müsste sich meine psychische Situation verbessern.

Vorläufig werde ich es dabei belassen, weiter meinen Sport durchzuziehen und viel zu lesen.

Mittwoch, 6. September 2006, 23 Uhr 26

Wie immer kostete es mich auch heute viel Überwindung, an der Selbsthilfegruppe teilzunehmen. Aber wie fast immer ging ich dann schließlich doch wieder hin. Das Treffen hat mir gut getan, auch wenn ich jetzt hier zu Hause wieder meine üblichen postsozialen Selbstentwertungen durchlaufe.

Auf der Rückfahrt hatte ich ausreichend Gelegenheit, meine überflüssigen Pfunde in der reflektierenden Scheibe des Busses zu begutachten. Je mehr Pölsterchen ich an mir sehe, desto weniger kann ich mich mit dieser Person im Spiegel identifizieren. Das ist alles überflüssig und gehört nicht zu mir! Ich war so froh gewesen, endlich schlank zu sein und mein Gewicht so lange gehalten zu haben. Ab morgen ziehe ich endlich meine Diät wieder durch. Ich habe das schon einmal geschafft, ich schaffe das auch wieder. Und noch ist es ja nicht so viel wie damals, was ich abnehmen muss um mich wenigstens körperlich wieder als mich selbst zu fühlen.

Freitag, 8. September 2006, 19 Uhr 31

Sportlich läuft es derzeit ganz gut. Den gesamten vergangenen Monat über zog ich mein Sportprogramm durch. Acht Mal war ich für jeweils drei Stunden im Studio, sieben Mal lief ich meine viereinhalb Kilometer lange Standardstrecke, so wie auch heute.

Der Wendepunkt meiner Laufstrecke ist ein Wäldchen, in dem sieben Quellen entspringen, folgerichtig ist dieses Wäldchen unter dem Namen Siebenquellen bekannt. Einer dort aufgestellten Schautafel entnahm ich letztens, dass dieser Ort den keltischen Druiden heilig gewesen sei. Kraft geben mir die Läufe dorthin und zurück auf jeden Fall.

Eigentlich würde ich gerne mal wieder Obst und Gemüse essen, und den Ketchup vermisse ich sowieso. Man glaubt gar nicht, worin überall Fruchtzucker steckt! Doch aufgrund meiner Enthaltsamkeit habe ich neuerdings keine Blähungen, keine Pickel, keinen Nachtschweiß und keine Kopfhautreizungen mehr. Laut meiner Aufzeichnungen habe ich zudem seit immerhin fünf Tagen keine Durchfälle gehabt und vor allem auch kein unverdautes Fett im Stuhl. Endlich, nach all den Jahren! Die verdammten schmierigen Fettstühle, wegen derer ich mir ständig den Arsch blutig wischte, waren besonders belastend. Und diese offenen Stellen waren dann auch oft genug noch nicht verheilt bis zum nächsten Stuhlgang. Eigentlich ein Wunder, dass sich das nie entzündete hat. Gut, dass das nun endlich vorbei ist. Meinem Internisten zufolge, hätte ich sogar die Chance, nach einem Jahr des vollständigen Meidens von Fruchtzucker wieder normal essen zu können.

Freitag, 15. September 2006, 18 Uhr 4

Nachdem sich jetzt meine Verdauung endlich zu stabilisieren scheint, werde ich kurz nach dem Beginn des kommenden Wintersemesters im Oktober wohl tatsächlich wieder an dem Savate-Training an der Hochschule teilnehmen können. Zudem habe ich inzwischen zu meiner Überraschung vom Internisten erfahren, dass ich trotz meiner Unverträglichkeit gegenüber Fruchtzucker Gemüse essen darf! Allerdings nichts in Essig Eingelegtes und auch kein Sauerkraut.

Mein Eisentraining schwänzte ich heute. Es wäre mir diesmal zu viel gewesen, mich mehrere Stunden lang unter Menschen aufzuhalten. Man muss auch mal Rücksicht auf sich selbst nehmen können. Dann war ich halt in dieser Woche nur ein einziges Mal dort. Aber laufen ging ich, und das sogar bereits zum dritten Mal in diesem Zeitraum.

Samstag, 23. September 2006, 21 Uhr 59

Gerade habe ich mir im Netz mal Anzeigen von Berliner Wohnungen angesehen. Auf kurz oder lang will ich ja aus Aachen weg. Und Berlin hat mich irgendwie schon immer gereizt.

Im Herbst des kommenden Jahres werde ich hoffentlich meinen Dispokredit abbezahlt haben. Mit diesem Dispokredit könnte ich dann den Mietlaster für meinen Umzug finanzieren. Was die Kaution betrifft, so habe ich heute viele Anzeigen von Wohnungen gesehen, für die man die Kaution ausdrücklich in Raten zahlen kann. Vom Amt werde ich ja keinen Cent sehen für einen Umzug in eine andere Stadt.

Bis dahin werde ich mich weiter auf meinen Alltag und meine nächsten Ziele konzentrieren, nämlich abzuspecken und den Wiedereinstieg in das Kampfsporttraining zu bewältigen. Und natürlich weiter meine Traumwohnung zu genießen. Es wird wohl meine erste Wohnung werden, der ich wirklich nachtrauere. Aus allen anderen davor flüchtete ich jedes Mal irgendwann verzweifelt und hasserfüllt, meist wegen deren Hellhörigkeit. Doch ich will endlich irgendwo hin, wo mich meine Vergangenheit nicht überall anspringt. Ich brauche einfach mal etwas völlig Neues, sozusagen einen Druck auf die Reset-Taste. Ich werde keine einzige Träne vergießen, wenn ich Aachen im Rückspiegel eines mit meinen Habseligkeiten beladenen Transporters verschwinden sehen werde.

Kapitel II - Winterhalbjahr 2006/2007

Donnerstag, 5. Oktober 2006, 9 Uhr 38

Eigentlich müsste ich mich mal eine Zeitlang komplett aus den Borderline-Foren heraushalten. Die tun mir im Moment nicht gut. Es zieht mich zwar immer wieder zu ihnen hin, weil ich so gut wie keine realen Sozialkontakte habe. Aber einiges dort nehme ich mittlerweile als bizarr, belastend und höchst überflüssig wahr. Immer öfter stoßen mich viele Verhaltensweisen nur noch ab. Und auch die Geschehnisse rund um den Zusammenbruch des alten Forums sind nicht spurlos an mir vorüber gegangen.

In der Selbsthilfegruppe gestern Abend merkte ich jedenfalls wieder, wie gut ein realer und persönlicher menschlicher Kontakt tun kann. Doch wenn ich nach Hause komme und als Erstes den Rechner hochfahre, um einen Blick in die Foren zu werfen, dann fühlt sich das so an, als hätte jemand auf meine Heimkehr gewartet. Ich habe schließlich sonst niemanden.

Donnerstag, 12. Oktober 2006, 22 Uhr 14

In letzter Zeit tun mir die Knie verdammt weh. Hoffentlich ist das nur ein vorläufiges Phänomen, bis sich die Beine an die Belastung angepasst haben, die ich ihnen zumute. Nach zwanzigjährigem Humpeln braucht ein degenerierter Bewegungsapparat wohl eine ganze Weile, um wieder klarzukommen. Etwas anderes möchte ich mir gar nicht ausmalen. Der Sport ist das Einzige, das mich aus meiner grenzsuizidalen Grundstimmung herausreißt.

Einen Neuanfang beim Savate möchte ich derzeit lieber noch nicht wagen. Zwar begann ich endlich, bezüglich der Verdauungsprobleme ein wenig Hoffnung zu schöpfen, aber dafür haben sich ja jetzt die Knieprobleme verschlimmert.

Außer meinem aktuellen Sportprogramm und den Alltagsnotwendigkeiten möchte ich in nächster Zeit keine Anforderungen an mich stellen. Es ist mir einfach alles zu viel. Mehr schlafen sollte ich stattdessen. Abends komme ich trotz Müdigkeit nicht ins Bett und morgens kann ich nicht weiterschlafen, obwohl ich dann immer noch total fertig bin.

Dienstag, 17. Oktober 2006, 19 Uhr 59

Ursprünglich hatte ich erst im nächsten Monat zum Arzt gehen wollen wegen meiner Kniegelenke. Aber das Ganze beunruhigte mich doch zu sehr. Hinter der rechten Kniescheibe stimmt etwas nicht, und zwar ganz gewaltig. Ich kann nicht mehr in die Hocke gehen, noch nicht einmal mehr in die Beuge. Das Bein gegen die Schwerkraft zu strecken, ist auch nur unter Schmerzen möglich. Das rechte Knie war ja schon immer ein Problem, nun jedoch ist es schlimmer geworden als jemals zuvor. Außerdem ist während der letzten Monate an beiden Knien ein Schmerz auf der Beininnenseite hinzugekommen, an dem Spalt zwischen dem Ober- und dem Unterschenkelknochen. Dieser Schmerz tritt vor allem beim Hinsetzen, Aufstehen und Treppensteigen auf.

Heute fuhr ich also zum Hausarzt und ließ mir eine Überweisung zum Orthopäden ausstellen. Dort kam ich ohne Termin direkt dran, weil wenig los war. Bei diesem Arzt war ich zum ersten Mal. Ich hatte mal ein kurzes Interview mit ihm im Regionalfernsehen gesehen und dabei einen positiven Eindruck erhalten. Mit so ziemlich allen anderen Orthopäden in Aachen habe ich ja bereits schlechte Erfahrungen gemacht, gerade bezüglich des Knies.

Das rechte Kniegelenk ist leicht geschwollen und hat zu viel Flüssigkeit hinter der Kniescheibe. Die Ursache hierfür war durch äußere Begutachtung nicht herauszufinden. Deshalb hat der Orthopäde mir eine Überweisung zum MRT gegeben. Eine solche Untersuchung ist bisher noch nie veranlasst worden, in all den Jahren nicht. Ich hoffe, dass ich auf diesem Weg nun endlich eine größere Klarheit erhalten werde. Leider werde ich allerdings bis kurz vor Weihnachten auf diese Klarheit warten müssen, also mehr als zwei Monate. Ein früherer Termin war nämlich nirgendwo zu bekommen.

Das Maschinentraining für die Beine werde ich vorläufig aus meinem Trainingsprogramm streichen. Das Knie schmerzt dabei zu sehr, vor allem am Beinstrecker-Gerät. Und vom Kampfsport werde ich mich vielleicht endgültig verabschieden müssen. Daran, dass ich möglicherweise sogar mit dem Lauftraining aufhören muss, will ich überhaupt nicht denken. Ich muss so schnell wie möglich Gewissheit über die Diagnose und meine Prognose haben. In meinem jetzigen Zustand kann ich jedenfalls ganz sicher an keinem Kampftraining teilnehmen. Und auch bezüglich des Laufens habe ich eigentlich kein gutes Gefühl mehr. Ich werde es wohl auf ein Mal pro Woche reduzieren. Aber ich werde so lange weiter laufen gehen, wie mir das möglich ist. Ich brauche es einfach.

Zu guter Letzt möchte ich nun aber doch noch einem Gedanken Ausdruck verleihen, der mich bei dem Verfassen dieses Textes ständig begleitet hat wie ein alter Freund, der einen nie im Stich lässt. Er besteht aus einem einzigen Wort: Scheiße!

Montag, 30. Oktober 2006, 21 Uhr 45

Entgegen meiner Vorsätze brachte ich es nicht über mich, mich beim Laufen auf ein einziges Mal pro Woche zu beschränken. Gestern ging es einfach nicht mehr anders. So bin ich nun also in diesem Monat neun Mal jeweils eine halbe Stunde lang gelaufen.

Nach den ersten zehn Minuten sind dabei meine Kniegelenkspalten immer schmerzfrei, so auch gestern. Und auch nach dem Laufen fühlte sich das Knie für den Rest des Tags etwas besser an als davor. Aber heute musste ich mich dann wieder bei jedem Aufstehen aus einer sitzenden Position heraus mit den Armen auf etwas abstützen. Und auch das Treppensteigen bereitet mir erneut stärkere Schmerzen. Das macht mir Angst. Ich erlebe doch ständig, was aus mir wird an den Tagen ohne Sport. Das ist wie eine völlig andere Person.

Es ist noch nicht lange her, dass ich nur in den Supermarkt gehen konnte, wenn ich davor Sport getrieben hatte. Der Sport stabilisiert mich, macht mir den Kopf frei, lässt mich mich selbst spüren. Organisatorisch ist ein Lauftraining vor jedem Einkauf auf Dauer aber schwer umzusetzen. Doch irgendwann stellte ich fest, dass regelmäßiger Sport meine psychische Verfassung nicht nur kurz- sondern auch mittelfristig verbessert, wenn auch auf einem geringeren Niveau.

Gerade begann ich, endlich Hoffnung zu schöpfen, auf diese Weise an meiner Situation zwar langsam aber dennoch nachhaltig etwas verändern zu können. Und jetzt spielt plötzlich dieser Körper nicht mehr mit!

Freitag, 3. November 2006, 21 Uhr 56

Als ich heute mein Rad aus dem Keller holte, um damit ins Fitness-Studio zu fahren, traf ich eine Nachbarin und geriet mir ihr in ein Gespräch. Sie ist Medizinstudentin und bestätigte meine Vermutung, dass das Fahrradfahren positive Auswirkungen auf meine Knie haben könne. Das Gelenk werde durch diese Bewegung besonders gut geschmiert. Sie meinte außerdem, sie könne meine Abneigung gegen Ärzte verstehen, nach meinem jahrzehntelangen Gehumpel. Die Orthopäden seien alles «Pappnasen», die «nur röntgen und irgendwelche tollen Operationen am Rücken machen» könnten. Ich vermochte ihr nicht zu widersprechen.

Samstag, 11. November 2006, 21 Uhr 35

Ich bin dabei, mich auf die naheliegenden Ziele zu konzentrieren. Bevor ich nicht meinen Körper in Ordnung gebracht habe, brauche ich mir kaum etwas anderes vorzunehmen. Meine Knieprobleme sind der größte Knackpunkt. Ich werde weiterhin mit dem Fahrrad dagegen anfahren müssen. Doch das mit der Kniescheibe ist nur die eine Sache. Was mit dem Schmerz an den Gelenkspalten los ist, das weiß ich ja noch gar nicht. Jedenfalls kann es nicht falsch sein, mein überflüssiges Körperfett gänzlich loszuwerden. Jedes Kilo, das nicht auf den Gelenken lastet, kann mir nur helfen.

Wenn ich im Herbst des nächsten Jahres auf Wohnungssuche gehe, dann will ich fit, gesund und schuldenfrei sein. Ich hoffe, dass das Schicksal mitspielt. Und ich will ihm dabei nicht durch Missachtung meiner Grenzen einerseits oder mangelnde Disziplin andererseits im Wege stehen.

Verdammt, ich brauche wieder meine Sparringskämpfe! Da habe ich endlich meine Affinität zum Kampfsport als einen wesentlichen Persönlichkeitsanteil von mir freigeschaufelt, und jetzt kann ich das nicht verwirklichen!

Sonntag, 19. November 2006, 14 Uhr 25

Mein Hausarzt meinte letztens, es könne sein, dass mein aus Kniescheibe und Knorpel bestehendes System sich einfach an die neuen Gegebenheiten anpassen müsse, die ich durch mein regelmäßiges und gezieltes Training geschaffen habe. Er hat mir da etwas von Druckpunkten und Verlagerungen erzählt, ganz kriege ich das nicht mehr zusammen. Jedenfalls könne das mein Orthopäde erkennen, wenn er das MRT auswerten wird.

Radfahren ist auch weiterhin angesagt. Der Knorpel hinter der Kniescheibe wird nicht über Blutbahnen mit Nährstoffen versorgt, sondern durch die Gelenkflüssigkeit. Allerdings ist dazu Bewegung erforderlich, am besten eine mit möglichst wenig Druck.

Inzwischen bin ich guter Dinge, dass sich das alles letztlich als ein temporäres Problem erweisen wird. Wenn jemand mich fragt, ob ich ein Optimist oder ein Pessimist sei, dann gebe ich gerne zu Antwort, dass ich ein Zweckoptimist bin. Ein Zweckoptimist ist ein Pessimist, der den nützlichen Einfluss einer positiven Geisteshaltung erkannt hat.

Montag, 20. November 2006, 15 Uhr 47

Gestern Abend erfuhr ich, dass Michaela, eine Teilnehmerin unserer Selbsthilfegruppe, sich vor eineinhalb Wochen mit einer Überdosis Tabletten umgebracht hat. Ein weiteres Opfer, gefallen im Kampf gegen das Borderline-Syndrom.

Ganz so, als ob uns unser Schicksal noch einen kleinen Abschied zugebilligt hätte, traf ich Michaela eine gute Woche vorher zufällig im Bus, wo wir uns kurz miteinander unterhielten. Auf mich machte sie dabei keinen besonders deprimierten Eindruck. Entweder sie verbarg ihre Absichten tief in sich oder aber irgendwann später geschah etwas, das sie seelisch aus der Bahn warf.

Ich bin ziemlich benommen durch diese Geschichte. Das ist der dritte Selbstmord, den ich seit meinem Eintritt in die Psychoszene mitbekommen habe, und dieser Einschlag war am nahesten von allen. Mir schwirren ständig die Bilder von unseren Gruppentreffen und von dem Gespräch im Bus durch den Kopf. Außerdem unterlaufen mir mehr Rechtschreibfehler als sonst und ich bin etwas tollpatschig bei alltäglichen Handlungen. Irgendwie stehe ich ein bisschen neben mir.

Als ich gestern Abend die Balkontüre zum Lüften öffnete und den unangenehm kalten Wind im Gesicht spürte, da dachte ich, dass ich so etwas immerhin noch fühlen kann, Michaela nicht mehr. Ich lebe, wenn auch immer noch nicht wirklich. Machs gut, Michaela! Ich wünsche Dir für Dein nächstes Leben bessere Bedingungen als die, die Dir in diesem vergönnt waren!

Montag, 27. November 2006, 13 Uhr 52

Meine Schlafträume verändern sich derzeit wieder. Nach einer Zeit der Träume mit Riesenspinnen, gefolgt von Opfer- und Fluchtträumen kam ich in eine Phase in der ich Leute bis zur Heiserkeit anschrie oder mich endlos mit ihnen prügelte. Nun scheint eine Periode des Ausgleichs angebrochen zu sein.

In dem Traum der heutigen Nacht schlug mir in einer Kneipe ein äußerst unangenehmer junger Mann mit der Faust ins Gesicht, worauf ich ihm eine zurückgab. Mein Gegner befand sich innerhalb einer Gruppe weiterer, offensichtlich gewaltbereiter junger Männer, unter denen nun eine gewisse Unruhe entstand. Ich sagte meinem Kontrahenten, dass er mich geschlagen habe und ich ihn, dass wir nun quitt seien. Er stimmte mir zu, womit die Angelegenheit schließlich erledigt war. Ähnliches geschieht in meinen Nachtträumen neuerdings öfter.

Vor kurzem hatte ich einen Traum, der sich in einem höchst eigenartigen Urlaubscamp in Afrika abspielte, gelegen an einem Ort, den ich mir zuvor auf einer an einer Wand hängenden, großen Landkarte ausgesucht hatte. Das Absonderlichste an diesem Camp war der Pool, über dem eine bodenlose Pyramide schwebte, deren unterstes Viertel sich zwar im Wasser befand, ohne jedoch den Grund des Pools zu berühren. Nachdem ich in das Innere der Pyramide hineingetaucht war, sank ich plötzlich hinab, bis ich total schwerelos im Wasser schwebte und mich vollkommen glücklich und aufgehoben fühlte. Vielleicht wäre es einen Versuch Wert, irgendwann einmal nach Afrika zu reisen?

Mittwoch, 13. Dezember 2006, 23 Uhr 27

Heute bin ich gut drauf. Nein, natürlich nicht den ganzen Tag, aber immerhin jetzt gerade. Ich machte die bewusste Erfahrung, dass mir Sozialkontakte auch gut tun können. Das Treffen der Selbsthilfegruppe hat wieder ein oder zwei Knoten in mir gelöst. Diese Gruppe beginnt mittlerweile, so etwas wie ein Therapeutenersatz für mich zu werden.

Am Wochenende wird mich Selina besuchen. Sie ist Tirolerin und wir haben uns in einem Borderline-Forum kennengelernt. Wir hatten schon länger vor, uns irgendwann persönlich zu begegnen, und jetzt ist es endlich so weit. Ich beginne, mich den Menschen wieder zu öffnen.

Ja, heute bin ich gut drauf.

Donnerstag, 21. Dezember 2006, 10 Uhr 24

Das Wochenende mit Selina war sehr schön. Wir verbrachten eine gute Zeit miteinander. Wir aßen gut und rauchten auch einige Joints, aber vor allem redeten wir viel. Ich glaube, da habe ich nach langer Zeit endlich mal wieder eine richtige Freundschaft geschlossen. Schade, dass Selina in Tirol und damit so weit weg wohnt. Aber ich hoffe, ihr möglichst bald einen Gegenbesuch abstatten zu können. Auf dieses nächste Treffen freue ich mich bereits jetzt.

Weniger erfreulich als das vergangene Wochenende ist allerdings das Ergebnis der MRT-Untersuchungen meiner Kniegelenke, welche gestern und heute durchgeführt wurden. Den nächsten Termin bei meinem Orthopäden habe ich zwar erst morgen. Doch den großen, an ihn adressierten Briefumschlag, der mir im MRT-Labor ausgehändigt wurde, öffnete ich natürlich sofort.

In beiden Kniegelenken ist der Knorpel hinter der Kniescheibe geschädigt, auf der Rückseite der rechten Kniescheibe habe ich zudem ein ausgedehntes Knochenmarködem. Vorgestern machte ich mir noch Gedanken darüber, ob und wann ich wieder mit dem Kampfsport weitermachen kann. Heute hoffe ich nur noch, wenigstens um eine Operation herumzukommen. Ich darf darüber gar nicht mehr weiter nachdenken.

Donnerstag, 22. Dezember 2006, 14 Uhr 13

«Sie haben verschlissene Kniescheiben, auf beiden Seiten. Da müssen wir was dran machen», lautete heute die Diagnose des Orthopäden. Ich konnte gerade noch fragen, ob er damit eine Operation meine. Nein, aber ich würde Spritzen zwischen Kniescheibe und Kniegelenk gesetzt bekommen. Da er selbst altersbedingt in den Ruhestand gehen werde, empfahl er mir für diese Behandlungen einen seiner Kollegen.

Und damit beendete der Arzt das Gespräch, das im Stehen stattgefunden hatte. Ehe ich mich versah, fand ich mich auf dem Gehweg vor seiner Praxis wieder. Wie gut, dass ich mir vorher den MRT-Befund selbst angesehen hatte. Auf diese Weise hatte ich wenigstens von dem Knochenmarködem und dem Riss im Knorpel erfahren. In dem Fernsehinterview hatte der Mann menschlicher auf mich gewirkt. Aber vielleicht ist er einfach nur fotogen.

Frohe Weihnachten! Spritzen zwischen Kniescheibe und Kniegelenk? Damit hat die ganze Scheiße doch damals überhaupt erst angefangen! Ein ganzes Jahr lang wurde mir ein Mal wöchentlich eine Injektionsnadel in das rechte Kniegelenk geschoben, die letzten Monate sogar zusätzlich noch ins linke. Diese quälende Behandlung fand erst ein Ende, als auf einer Röntgenaufnahme etwas am Oberschenkelknochen entdeckt wurde, das man als Zyste bezeichnete.

Im Universitätsklinikum wurde mir diese Zyste operativ entfernt und das Bein kam in Gips. Weder die Ärzte noch meine Eltern hatten es für angebracht gehalten, mich darüber zu informieren, dass ein Verdacht auf Knochenkrebs bestand. Am Morgen nach der Operation öffnete der Herr Professor kurz die Türe meines Krankenzimmers und informierte mich vom Türrahmen aus mit einem einzigen, dürren Satz darüber, dass ich mein Bein behalten könne. Meine Freude über diese Nachricht hielt sich in Grenzen.

Als der Gips entfernt worden war, war das Bein aufgrund der Muskelrückbildung nur noch so dick wie mein Oberarm. Es war ein Anblick, auf den mich niemand vorbereitet hatte. Doch auch das Ärzteteam bekam etwas zu sehen, mit dem es nicht gerechnet hatte. Das Mittel, das mir so lange Zeit gespritzt worden war, hatte nämlich das ursprüngliche Röntgenbild verschleiert. Die neue Aufnahme, die nach Abnahme des Gipses erstellt wurde, offenbarte einen Haarrissbruch just an jener Stelle, an der sich der mutmaßliche Tumor befunden hatte. Dieser Haarrissbruch hatte sich einfach nur entzündet. Eine Operation wäre gar nicht notwendig gewesen. Ich saß neben meinem Vater, als dieser den Herrn Professor in dessen Büro fragte, ob eine solche Fehldiagnose nicht zu verhindern gewesen sei. Die Antwort lautete, dass wir uns darüber freuen könnten, dass das bevorstehende Weihnachtsfest nicht durch eine Krebsdiagnose getrübt werde.

Rehamaßnahmen wegen der atrophierten Oberschenkelmuskulatur waren irgendwie kein Thema. Es wurde mir der Eindruck vermittelt, dass sich das von selbst wieder in Ordnung bringen würde. Ich glaubte das und humpelte von dannen. Ich war halt erst vierzehn Jahre alt.

Die Spritzen hatte ich übrigens gesetzt bekommen, weil ich wegen leichter Beschwerden am rechten Knie zu einem Orthopäden gegangen war und dieser eine lokal begrenzte Ernährungsstörung am Knorpel ausgemacht hatte. Die Fragen, ob sich der Patient vielleicht nur zu wenig bewegte oder ob sich eine solche Ernährungsstörung bei einem Vierzehnjährigen mit der Zeit auswachsen würde, hatten bei der Wahl der Behandlungsmethode offenbar keine Rolle gespielt. Von meinem Vater erfuhr ich später, dass dieser Arzt unter dem Spitznamen «Spritzen-Müller» bekannt war. Nach der Aussage einer Physiotherapeutin, der ich diese Geschichte viel später erzählte, habe sich der gute Mann an meinen Knien wohl «einen Porsche zusammengespritzt». Manchmal wird eben aus einem hippokratischen Eid irgendwann ein hypothetischer.

Und nun kündigte ein anderer Quacksalber allen Ernstes an, mir Spritzen in die Kniegelenke zu jagen! Warum hatte ich dem überhaupt meine ganze Vorgeschichte erzählt? Als ich die Praxis verließ, war ich regelrecht benommen. Keine Operation - gut, das war etwas, an dem ich mich erst einmal festhalten konnte. Und: Hier gehst Du nicht mehr hin, auch zu keinem anderen Orthopäden. Ich lasse mich nicht noch weiter kaputt machen durch diese verdammten Metzger!

Sofort fuhr ich zu meinem Hausarzt. Den MRT-Befund samt Bildern hatte ich ja noch bei mir. Wir sprachen eine Viertelstunde lang miteinander, und das sogar im Sitzen. Dieser Mann ist einer der ganz wenigen Lichtblicke, was meine Erfahrungen mit Ärzten angeht. Nicht ohne Grund bin ich bereits so viele Jahre lang bei ihm als Patient.

Er bestätigte mich in meiner ablehnenden Haltung bezüglich weiterer Spritzen. Die Verschlimmerung meiner Symptome in der letzten Zeit sei vermutlich darauf zurückzuführen, dass ich im Fitness-Studio an den Beinmaschinen trainierte. Das habe zu einem zu hohen Druck auf Knorpel und Kniescheiben geführt. Sein Rat lautete, mich vom Beintraining an Maschinen zu verabschieden.

Oh, mein Gott! Seit jeher habe ich versucht, meinem vorgeschädigten rechten Knie ein stützendes Muskelkorsett zu verpassen - mit den Maschinen in den Fitness-Studios! Doch in Wirklichkeit habe ich ihm dadurch wohl erst recht den Rest gegeben, und offenbar sogar auch dem linken! All die Jahre hindurch habe ich mir selbst die Knie zermahlen! Und die Ursache für die aktuelle Verschlimmerung meiner Symptome ist mein Wiedereinstieg in das Studio- und damit auch in das Gerätetraining gewesen! Die verschissenen Beinmaschinen, nie wieder werde ich diese Mistdinger anrühren! Und was ich jetzt definitiv nicht noch einmal brauche, das sind irgendwelche verfluchten Spritzen!

Aber nun kümmere ich mich um die Tüte mit Gummibärchen, die ich mir eben geholt habe. Zu denen riet mir nämlich mein Hausarzt, wegen der darin enthaltenen Gelatine. Und was einem der Arzt sagt, das soll man ja immer beherzigen. Außerdem brauche ich gerade ein wenig Trost. Vielleicht sogar ein bisschen mehr.

Montag, 25. Dezember 2006, 20 Uhr 30

Auf dem Weg zum Studiotraining flog ich mit dem Fahrrad auf einer heimtückischen hölzernen Bachbrücke auf die Fresse. Unglaublich! Diese verdammte Brücke war glatt wie Seife! Ich landete mit voller Wucht auf der rechten Hüfte. Die wird gerade dick. Dieser Winter wird der letzte sein, in dem ich mir das mit dem Rad noch antue. Zum Training fuhr ich aber trotz allem noch. Vernunft sieht wohl anders aus, mangelnde Einsatzbereitschaft allerdings auch.

Sonntag, 31. Dezember 2006, 17 Uhr 21

Wenn ich mir vergegenwärtige, wie meine Pläne am letzten Jahreswechsel aussahen und wie das vergangene Jahr letztlich verlaufen ist, dann frage ich mich allen Ernstes, ob das Schmieden von Plänen überhaupt irgendeinen Sinn hat. Aber es ist wohl menschlich, dem Chaos des Lebens eine gedankliche Struktur entgegenzusetzen. Und Ziele braucht man einfach. Jedenfalls ich. Sie geben mir Orientierung.

Wie sehen meine Wünsche und Ziele für 2007 aus? Als Erstes will ich einfach nur gesunde Kniegelenke kriegen. Keine wie immer geartete Wankelmütigkeit darf mich von der Verfolgung dieses Zieles abbringen. Das nächste große Thema für 2007 ist mein Exodus aus diesem verfluchten Kaff, in dem es so häufig regnet. Es ist jedoch wahrlich nicht vor allem das Wetter, das mich zu einem Wohnsitzwechsel treibt, sondern meine hier erlebte Vergangenheit sowie diese klebrige, unerwünschte Art von Vertrautheit, die mir meine Geburtsstadt vermittelt. Wenn ich alte Verhaltensmuster weiter überwinden will, muss ich hier einfach endlich weg. Ein neuer Anfang in einem neuen Umfeld. Keine Personen aus früheren Tagen mehr, keine negativen Assoziationen mehr an jeder Häuserecke. Neue Menschen, eine neue Umgebung. Als zukünftigen Wohnort habe ich Berlin anvisiert. Im Herbst werde ich dort hoffentlich mit der Wohnungssuche beginnen können.

Das liest sich hier alles immer so kontrolliert und rational! Dabei sieht es in meinem Inneren eigentlich völlig anders aus. Ich bin verzweifelt und ein Stück weit auch verbittert. Die Rationalität ist wohl meine Zuflucht. Vielleicht hat mich vor allem dieser mentale Reflex vor noch Schlimmerem im Leben bewahrt. Meine Pläne und Vorsätze sind mein roter Faden. Ohne sie wäre ich rettungslos verloren.

Freitag, 12. Januar 2007, 11 Uhr 25

Ich bin nur noch von Mauern umgeben und sie rücken immer näher. Es schnürt mir förmlich alles die Luft ab: meine Psyche, meine Einsamkeit, meine finanzielle Situation und nun auch noch meine körperliche Verfassung. Seit ich mit dem Kampfsport aufhören musste, geht es psychisch stetig bergab mit mir. Ich hatte mich ein Stück weit selbst gefunden und gerade etwas Hoffnung geschöpft, meine Isolation mit Hilfe eines durch den Sport stabilisierten Ichs durchbrechen zu können. Stattdessen werde ich - zusätzlich zu meiner desolaten seelischen Verfassung - nun auch noch körperlich zum Wrack. Alles, wofür ich in den letzten Jahren gekämpft habe, zerbröselt mir in den Händen.

Bis zur Wohnungssuche im Herbst muss ich den Dispokredit abbezahlt haben. Und das nur, um diesen Verfügungsrahmen dann für den Umzug erneut ausschöpfen zu können. Ich werde also auch in der nächsten Stadt auf Jahre hinaus gefesselt sein. Denn auch diesen Schuldenberg werde ich dann wieder abhungern müssen. Und danach werde ich zwei weitere Jahre älter sein und einfach nur woanders wohnen, sonst nichts.

Seit zwei Tagen kann ich endlich wieder auf der rechten Hüfte liegen. Das ist immerhin etwas.

Samstag, 13. Januar 2007, 12 Uhr 15

Durch das Niederschreiben von dem allem hier und durch Rückmeldungen darauf aus meinem Hauptforum löste sich in mir ein Knoten. Ich habe einige Entscheidungen getroffen.

Auf Anraten meines Hausarztes habe ich mir von ihm wegen des Knies Entzündungshemmer verschreiben lassen. Außerdem muss ich meinem Knie mehr Bewegung verschaffen, und zwar schonende. Die Schmerzen, die ich in der Anfangsphase meines Lauftrainings habe, lassen mich nichts Gutes erahnen. Doch seit dem Sturz auf der Brücke im letzten Monat steht für mich fest, dass dieser Winter mein letzter auf dem Rad ist. Als Alternative dazu fällt mir nur das Schwimmen ein.

Zur nächstgelegenen Schwimmhalle ist es von meiner Wohnung aus nur ein etwa zwanzigminütiger Fußweg. Zudem ist es diejenige Halle, in der ich mich am wohlsten fühle, zumindest im Vergleich zu den anderen in Aachen. Denn ich schwimme in Hallen nicht gerne. Es ekelt mich dort. Außerdem kann ich nicht besonders gut schwimmen. Als Kind war ich zwar eine Weile in einem Schwimmverein, habe daran aber nur unangenehme Erinnerungen. Ich war der Dicke, der stets als Letzter den erlösenden Beckenrand erreichte. Aber vielleicht finde ich doch mit der Zeit noch Geschmack am Schwimmen und werde auch besser darin.

Meine Pläne für den Umzug nach Berlin werde ich vorläufig auf Eis legen müssen. Mein Einkommen langt einfach nicht für so etwas. Das muss ich endlich akzeptieren.

Donnerstag, 18. Januar 2007, 19 Uhr 49

Im Anschluss an mein heutiges Training im Fitness-Studio fuhr ich zur Schwimmhalle, seit Ewigkeiten zum ersten Mal. Eine halbe Stunde lang war ich im Wasser. Nach jeder geschwommenen Bahn sah ich mich genötigt, eine kleine Pause einzulegen - und das, obwohl es in ganz Aachen bloß Bahnen mit einer Länge von nur fünfundzwanzig Metern gibt. Eigentlich hatte ich mich für relativ fit gehalten. Vielleicht waren es die ungewohnten Bewegungsabläufe, die ihren Tribut forderten. Letztlich hat mir das Schwimmen aber gut getan. Ich denke, das ist ein bedeutsamer und richtiger Schritt für mich gewesen.

Montag, 5. Februar 2007, 22 Uhr 32

Meine Prioritäten liegen von jetzt an vorläufig auf der Erlangung körperlicher Gesundheit und innerer Ausgeglichenheit.

Nach meinem Eindruck werde ich allmählich erfolgreicher darin, die quälenden Flashbacks sozialer Peinlichkeiten und ehemaliger eigener Charaktereigenschaften abzublocken. Ich bin der, der ich jetzt bin. Mein Weg liegt vor mir und ich forme mich nun selbst. Lernen kann ich aus dem Blick zurück über meine Schulter nichts mehr. Er ist nur noch destruktiv. Irgendwann muss man ein Tuch über all dieses Elend legen und sich nach vorne wenden. Sonst endet man wie Lots Frau, die zur Salzsäule erstarrt, als sie auf die untergehende Stadt Sodom zurücksieht.

Doch ganz so einfach ist die Sache leider nicht. Immer wieder tauchen vor meinem inneren Auge und vor allem Ohr all jene auf, denen ich in meinem Leben begegnet bin und bemühen sich darum, mir ihre Sicht der Dinge aufzudrängen oder mir meine angeblichen Schwächen und Fehler vorzuhalten. Und man kann nicht behaupten, dass sie sich dabei respektvoll verhalten würden. Zudem gibt es andere, nicht weniger unangenehme Entitäten, die ich keiner mir bekannten Person zuzuordnen vermag. Glücklicherweise existieren zwar auch positive innere Anteile, die mich stützen und mir positive Rückmeldungen geben. Doch aufgrund der Eindringlichkeit auch ihrer Präsenz beunruhigen diese mich ebenfalls.

Eine solche Ansammlung von Pseudo-Persönlichkeiten wird oft als das innere Parlament bezeichnet. Ein solches existiert auch innerhalb gesunder Menschen, wenn auch in einer kaum wahrnehmbaren Variante. In meinem Fall gesellen sich zu den bereits genannten Störenfrieden diverse primitive Impulse sowie das sogenannte Über-Ich, dessen gesunde Variante vielleicht auch als das Gewissen bezeichnet werden könnte. In seiner verzerrten, übersteigerten Form stellt es einen feindlichen inneren Pol dar, dessen fortgesetzten Attacken ich täglich ausgesetzt bin. Diese Angriffe können eine seelische Pein auslösen, deren Ausmaß bis an die Grenze zu körperlichem Schmerz heranreicht.

Auch wegen all dem versuche ich so verzweifelt, wenigstens körperlich gesund zu werden. Denn während des Sports und für eine Weile danach herrscht in meinem Inneren Ruhe.

Freitag, 16. Februar 2007, 23 Uhr 30

Soeben habe ich das Kündigungsschreiben für das Fitness-Studio geschrieben und versandfertig gemacht. Es geht nicht mehr. Die einjährige Mindestlaufzeit für den Vertrag ist in sechs Wochen vorüber, und ich kann und will nicht mehr diese ständigen inneren Widerstände überwinden. Jedes Mal, wenn ich wieder in das Studiotraining einsteige, geht es zwar eine Zeitlang gut, aber schließlich werden die psychischen Symptome von Mal zu Mal schlimmer. Und irgendwann kostet es zu viel Kraft. Ich war wohl einfach noch nicht so weit.

Der Weg sei da, wo die Angst ist, heißt es oft. In seiner Pauschalisierung ist das jedoch ein ziemlich dummer Spruch. Belastende Situationen können ebenso auch retraumatisieren. Ein stabileres Ich kann man unter solchen Bedingungen jedenfalls nicht aufbauen. Mein Problem ist auch nicht mangelnder Mut, sondern dass ich mir immer wieder zu viel aufbürde. Auf diese Weise erhält man vom Leben keine positive Rückmeldung.

Ich brauche mein Eisentraining. Aber ich habe alles dafür unbedingt Notwendige im Keller stehen.

Dienstag, 20. Februar 2007, 21 Uhr 45

Das Schwimmen hat mir wieder gut getan. Und das Wetter war auch über jede Kritik erhaben. Der Fußweg zur Schwimmhalle war richtig angenehm. Meine Bewegungen im Wasser werden allmählich flüssiger und effizienter. Das Knie ist noch weit von einer Heilung entfernt, aber es fühlt sich nach dem Schwimmen jedes Mal für eine ganze Weile besser an als davor.

Laufen, schwimmen, einkaufen, das alles spielt sich für mich nun in einer Art Schutzblase am westlichen Rand der Stadt ab. Alle meine regelmäßigen Ziele könnte ich zu Fuß erreichen, mit Ausnahme nur der Selbsthilfegruppe. Ich webe mich in meinem Kokon ein. Es wird sich zeigen, wer oder was am Ende daraus schlüpfen wird. Eigentlich habe ich darüber ziemlich genaue Vorstellungen, aber mein altes Leben ist so verdammt klebrig! Und auch dieser Entwicklungsschritt ist bloß eine weitere Zwischenstufe.

Freitag, 9. März 2007, 18 Uhr 41

Endlich habe ich mich dazu überwunden, die Schrägbank aus dem Keller heraufzuholen und zusammenzubauen. Wann ich sie benutzen werde, das weiß ich allerdings noch nicht. Das Training mit ihr ist eben doch nicht das Gleiche wie mit den Geräten im Studio. Aber solange ich weiter laufe und schwimme, werde ich mich bezüglich des Hanteltrainings nicht unter Druck setzen müssen, denke ich.

Sonntag, 18. März 2007, 13 Uhr 39

Ich befürchte, wohl doch akzeptieren zu müssen, kein Gemüse essen zu können. Der Internist meinte damals zwar, ich könnte, doch in den Selbsthilfeforen zum Thema wird einem das glatte Gegenteil vermittelt. Und mein wundes Hinterteil spricht für sich selbst. Es mutet schon seltsam an, dass ein Internist und Gastroenterologe in Personalunion nicht um die Risiken von Gemüse bei einer Fruchtzuckerunverträglichkeit weiß. Zugegeben, auch die im Netz erhältlichen Informationen bezüglich einzelner Gemüsesorten sind keineswegs einheitlich, weswegen ich nun lieber gleich auf sämtliches Gemüse verzichten werde. Aber diese absolute Sicherheit, mit der mir mein Arzt die frohe Kunde überbrachte, Gemüse essen zu können, die irritiert mich im Nachhinein sehr. Vor allem, weil er damals einen sehr kompetenten Eindruck auf mich machte, nachdem ich bei ihm endlich einmal eine saubere Diagnose und auch ein ausführliches Gespräch erhalten hatte.

Dienstag, 20. März 2007, 23 Uhr 24