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November 1994: Hanns und Marie Pörtner planen eine Reise nach Südafrika. Die Ständige Impfkommission empfiehlt hierfür eine Impfung gegen Kinderlähmung. Marie schluckt den Würfelzucker mit dem Impfstoff, ohne zu ahnen, dass dies ihr Leben vollkommen auf den Kopf stellen wird. Drei Tage später treten die ersten Symptome auf: Kribbeln unter den Füßen, Schwäche in den Beinen und Fehlempfindungen bis hinauf zur Brust. Zunächst findet sich keine Diagnose. Erst recht will niemand etwas von einem Impfschaden hören. Fünf zermürbende Jahre folgen, bis endlich akute Entzündungen und alte Narben im zentralen Nervensystem gefunden werden. Marie muss sich damit auseinandersetzen, dass sie ihr weiteres Leben im Rollstuhl verbringen wird. Als Arzthelferin kann Marie Pörtner nicht mehr arbeiten. Sie holt ihr Abitur nach und beginnt, Jura zu studieren. Dabei muss sie gegen alte Ängste kämpfen. Ihre erste schulische Laufbahn war von großen Misserfolgen geprägt, dazu kamen Probleme mit der selbstmordgefährdeten Mutter und der Verweigerungshaltung des Vaters, der die Familie verlassen hat. 2006 stellt Marie Pörtner einen Antrag auf Anerkennung eines Impfschadens. Die Behörde wehrt sich mit Händen und Füßen. Unzählige Begutachtungen folgen, in denen Marie sich in ihrer Menschenwürde verletzt fühlt, und die die Schwierigkeiten mit medizinischen Gutachten in sozialgerichtlichen Verfahren offenlegen. Doch sie nimmt den Kampf auf – für sich, aber auch für viele andere, die nicht die Möglichkeiten und den zähen Willen dieser Anwältin haben. "Die Lebensgeschichte von Marie Pörtner ist nicht nur spannend und mitreißend von der ersten bis zur letzten Seite. Sie ist auch ein Mutmacher und ein Wegweiser für alle, die glauben, vom Schicksal benachteiligt zu sein." (Aus dem Vorwort von Hera Lind)
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Seitenzahl: 483
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Für die vier wichtigsten Menschen in meinem Leben:meine Mutti, die mir das Leben und meinen tiefen Glauben an Gott schenkte,meinen Mann, der mich selbst in meinen dunkelsten Stunden zum Lachen bringt und mir immer, und ich meine wirklich immer, zur Seite stehtund unsere beiden Töchter, deren unerschütterliches Vertrauen in mich mir die Kraft gibt, nach jedem Rückschlag wieder aufzustehen.
Alle in dieser Autobiografie wiedergegebenen Ereignisse sind genau so geschehen. Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte sind die Namen aller Beteiligter verändert worden, ebenso wurden zum Teil die Geschlechter der Personen, ihre Berufsbezeichungen und örtliche Bezüge verändert. Ausnahmen bilden nur Eckart Witzigmann, Brian D. Weinshenker M.D. und Pit Schnitzler. Es liegt der Autorin fern, Personen zu diskreditieren, dennoch möchte sie über offensichtliche Missstände informieren.© 2022 Marie PörtnerISBN: 978-3-756552-19-1Lektorat, Satz und Gestaltung: Wort & Design Medienbüro Martina Jung, HamburgUmschlagmotiv: © Jens BiermannDruck und Distribution im Auftrag des Autors:epubli – ein Service der neopubli GmbH, BerlinDas Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die zitierten Bibelstellen sind zum überwiegenden Teil der Lutherbibel (revidiert 1984, © 1985 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart) entnommen. An einigen Stellen zitiert die Autorin frei aus der Erinnerung. Der Bibelvers Prediger 4,9-11 auf Seite 57 ist der Übersetzung Hoffnung für alle® entnommen, Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®.
Vorwort
von Hera Lind
Auf einer Lesereise in Bielefeld von einer sehr temperamentvollen Veranstalterin abgeholt, saß ich hinten in ihrem Kleinwagen und war nicht nur ihrer völlig chaotischen Fahrweise völlig ausgeliefert, sondern auch ihrer Forderung, ich solle die etwa 10 Seiten einer Dame jetzt und sofort lesen, die gleich in meiner Lesung sein würde. Mit diesem Beitrag, so die hektische Fahrerin, habe die Autorin einen Preis gewonnen, allerdings nicht den ersten. Da gehe also noch was. Zwischen Gas und Bremse auf der Rückbank hin und her geschleudert, las ich sofort gehorsam den so angepriesenen Beitrag dieser mir bisher unbekannten Dame. Er handelte von einer seltsam liebevollen Beziehung einer rechtlichen Betreuerin zu ihrem geistig etwas retardierten Mündel, einem hilflosen alten Mann, der ohne die Betreuerin wohl unter der Brücke gelandet wäre. Als am Ende ihr Schützling stirbt, empfindet die Betreuerin echte, tiefe Trauer. Wäre an dieser Stelle nicht eine rote Ampel gewesen, die die Fahrerin versehentlich überfuhr, hätte ich wohl mitgeweint: So sensibel, feinfühlig und mit emotionaler Tiefe war dieses Gefühl des Verlustes beschrieben.
So im Schleuderprogramm der Empfindungen auf der Rückbank des Kleinwagens gefangen, zwischen tiefem Berührtsein und nackter Angst um mein Leben, betrat ich kurz darauf die Bühne. Da es sich um meine ehemalige Heimat handelte, suchte ich während meiner Vorstellung den Saal nach bekannten Gesichtern ab. Doch die einzige Zuhörerin, die ich auf Anhieb erkannte, war die Verfasserin des berührenden Beitrags. Die Autorin war durch die vorherige Beschreibung meiner Abholerin eindeutig zu erkennen: Sie saß im Rollstuhl.
In den wenigen Minuten, die wir nach der Lesung miteinander sprechen konnten, war die gegenseitige Sympathie so deutlich zu spüren, dass wir beide den Pulk der anderen Menschen wohl für ein paar Augenblicke ausblendeten. Ich lud sie spontan zu einem Schreibseminar ein, da ich große Schreibfreude ebenso wie ein wunderbares Gespür für die Vermittlung von Gefühlen wie Zuneigung, Respekt und Trauer in ihren Zeilen vermittelt bekommen hatte. Welch seltene, kostbare Mischung.
Selten hatte ich einen so angenehmen Gast in meinem Schreibseminar wie Marie Pörtner. Kurzentschlossen hatte sie ihren Plan bei der ersten Gelegenheit umgesetzt und war mit dem Auto die knapp 800 Kilometer in meine Romanwerkstatt nach Salzburg gekommen. In einer Runde mit acht Teilnehmer*innen spürte sie sofort die Bedürfnisse, Begabungen und Ängste der anderen auf, ging auf jeden Einzelnen immer wieder wertschätzend und humorvoll ein und bereicherte die Gruppe nicht nur durch ihre eigene Empathie, sondern auch durch ihr hervorragendes schriftstellerisches Können. Ihre am Ende vorgelesene Kurzgeschichte, ein Erlebnis aus ihrer Kindheit, brachte uns allen eine Gänsehaut ein, wenn nicht sogar feuchte Augen. Noch heute erzähle ich in jedem Schreibseminar die Geschichte von ihrem blinden Großvater, dem gütigen, weisen Mann, der sie wohl charakterlich nachhaltig geprägt hat. Eine kleine Lüge wird verziehen – und macht aus Marie eine große Verzeihende.
Als wir am Ende des Seminars gemeinsam einen Augenblick in der Küche weilten, fragte mich Marie Pörtner, ob ich bereit sei, ihren Lebensroman einmal zu lesen. Sie räumte dabei Gläser in die Spülmaschine, eine Idee, auf die kein anderer Teilnehmer gekommen war. So spürte sie auch meine Erschöpfung und das Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung. Mit ihrer energischen Art rollte sie einmal durch alle Räume und forderte die anderen Teilnehmer*innen, die es sich zum Teil auf recht private Weise in meinen vier Wänden gemütlich gemacht hatten, freundlich aber bestimmt zum Aufbrechen auf. So eine Traum-Teilnehmerin hätte ich gern bei jedem meiner Schreibseminare!
Doch zurück zu ihrer Geschichte, die sie mir wenige Wochen später zuschickte. Natürlich war ich dazu bereit, sie zu lesen! Mehr noch, ich bot ihr sogar an, mit ihr gemeinsam einen Tatsachenroman daraus zu machen. In dieser Geschichte sah ich sofort ein großes Potenzial. Denn der Stoff handelt von ihrem eigenen Schicksalsmoment, der ihr Leben für immer verändern sollte: einer mal eben so eingenommenen Schluckimpfung auf Anraten einer Ärztin, die auf jegliche Aufklärung verzichtete, im Vorfeld einer Afrika-Reise zum Hochzeitstag. Diese Reise fand nie statt. Denn die Protagonistin fühlte bald darauf merkwürdige Lähmungserscheinungen, die kamen und gingen wie das launische Wetter im April – und die so recht niemand ernst nehmen wollte. Aufgefangen in der Liebe ihrer Familie, aber nicht ernst genommen von den Ärzten, die sie untersuchten, fiel sie in den Monaten und Jahren darauf immer wieder in unerklärliche Erschöpfungszustände, die in wochenlange, quälende Krankenhausaufenthalte mündeten. Diagnose? Fehldiagnose. Verantwortung? Fehlanzeige. Ein Zusammenhang mit der zurückliegenden, mal eben im Vorbeigehen eingenommenen Schluckimpfung auf einem Stückchen Zucker? Nicht doch. Einbildung. Hysterische Arztfrau. Nehmen Sie sich nicht so wichtig.
Die zweifache Mutter, die sich beruflich eisern im medizinischen Bereich heraufgearbeitet hatte, selbst also nicht nur Ahnung hatte, sondern Wissen, die gemeinsam mit ihrem Mann, einem Arzt, eine der erfolgreichsten Praxen des Umfeldes aufgebaut hatte, war nun zum Dulden verurteilt. Zum Schweigen, zum Abwarten. Zum Füße-Stillhalten. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Die ehemalige Leistungssportlerin, die Titel im Delphinschwimmen errungen hatte, die aktive Läuferin, die für den Bielefelder Hermannslauf trainiert hatte, die Tennisspielerin, die in diesen Kreisen auch ihre Freunde hatte, sollte nun einfach Ruhe geben. Und niemanden zur Verantwortung ziehen. Und sich damit abfinden. Shit happens. Die Geschichte las sich wie ein großer Schicksalsroman, ich blätterte atemlos Seite für Seite um, und mitten im Lesen wurde mir klar, dass es mich gar nicht brauchte, um dieses Buch zu schreiben. Marie Pörtner kann das viel besser, viel authentischer, viel glaubhafter. Sie steckt drin, nicht ich.
Wäre sie ein verbitterter, gefühlsmäßig starrer Mensch, hätte ich mich wohl kaum getraut, ihr meine Einschätzung irgendwann vorzutragen. Und wie es bei zwei Menschen so ist, deren Chemie auf Anhieb stimmt: Auch sie wollte ihr Buch eigentlich selber schreiben und war wohl nur zu höflich, mein spontanes Angebot, gemeinsam einen Tatsachenroman daraus zu machen, abzulehnen. Beidseitige Erleichterung am Telefon ließ wohl ganze Felsbrocken zwischen meiner alten und neuen Heimat vom Herzen fallen und war der Lohn für das gegenseitige Vertrauen. Du kannst es, Marie, du hast ein mitreißendes Schreibtalent, verfügst über tiefes Einfühlungsvermögen, beherrschst das Handwerk, temporeich, farbenreich, lebendig zu schreiben. Fernab von jedem Selbstmitleid, wie es leider allzu oft in Einsendungen anderer Schreiberinnen hervortrieft, fernab von Verhärtung, Verbitterung oder dem Wunsch nach Rache, beschreibst du deinen Weg von der körperlich außergewöhnlich aktiven jungen Frau und fürsorglichen Mutter zu der Rollstuhlfahrerin, die heute mit aufblasbaren Reifen, das Enkelkind auf dem Schoß, über den Strand von Sylt düst.
Dich beim Lesen dabei zu begleiten, zieht einen nicht herunter, wie es mir oft beim Lesen ähnlicher Schicksale geht. Nein, es richtet einen auf. Wie du in den dunkelsten Momenten deine innere Stärke abrufst und findest, wie du mit Gottvertrauen und Dankbarkeit die inneren Quellen des Glücks findest, wenn du, im Krankenhaus liegend, im Fernsehen noch schlimmere Schicksale erfährst. Wie du getragen wirst von der Liebe deiner Familie. Das alles gibt einem beim Lesen unheimlich viel Kraft und Mut. An deiner Seite immer dein Mann, den ich inzwischen auch kennenlernen durfte.
Marie Pörtner verfällt nicht in Lethargie. Nachdem der Rollstuhl ihr ständiger Begleiter geworden ist und ihre Töchter kurz vor dem Abitur stehen, beschließt sie, trotz immer wieder auftretender Konzentrationsstörungen und dem mittlerweile durch Corona-Spätfolgen bekannten Fatigue-Syndrom, auf der Abendschule ihr Abitur nachzuholen. Jahrelang sitzt die damals knapp Fünfzigjährige zwischen jungen Leuten und büffelt gemeinsam mit ihnen dem kostbaren Ziel entgegen. Macht ihnen Mut, motiviert sie, wird die Mutterfigur der Klasse. Das Abitur schließlich in der Tasche, studiert sie nichts Geringeres als Jura und erlangt nach bestandenem Zweiten Staatsexamen die Befähigung zum Richteramt. Sie könnte urteilen. Verurteilen. Macht ausüben. Doch das tut sie nicht. Nicht Marie Pörtner.
Und da schließt sich der Kreis zu den ersten zehn Seiten, die ich damals im Auto auf der Rückbank von ihr gelesen habe: Sie verurteilt nicht, sie bestraft nicht, sie richtet nicht. Nein, sie kümmert sich um Bedürftige, geistig retardierte oder verwahrloste Menschen, die ihre eigenen Angelegenheiten nicht mehr regeln können. Sie vertritt diese Menschen vor Behörden und Gerichten, sie kämpft für deren Menschenwürde, und manchmal nimmt sie die Mutterstelle für sie an. Sie hat so viel Energie und Kraft in sich. Nicht nur für sich selbst. Sondern für andere.
Marie Pörtner hat ein so großes Herz, dass man beim Lesen ihres Buches nur Wärme empfindet. Wärme, Dankbarkeit und die Gewissheit: Alles ist zu schaffen. Wenn man nur liebt und geliebt wird. Wenn man an das Gute im Menschen glaubt. Und an die eigene innere Kraft, die ganz tief in einem leuchtet, auch wenn man sie manchmal nicht sieht.
Von daher ist dieses Buch, diese Lebensgeschichte von Marie Pörtner, nicht nur spannend und mitreißend von der ersten bis zur letzten Seite. Es ist auch ein Mutmacher und ein Wegweiser für alle, die glauben, vom Schicksal benachteiligt zu sein. Es reicht einem die Hand, wenn man denkt, in ein tiefes Loch gefallen zu sein. Es zeigt einem die Spur nach dem Weg zurück ins Licht, ins Gottvertrauen, in die Liebe zu den Menschen, mit all ihren Schwächen. Und es lehrt einen zu verzeihen. Die Gegebenheiten hinzunehmen, die man nicht ändern kann. Zu kämpfen, worum es sich zu kämpfen lohnt. Und was war noch mal mit der Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden? Marie hat sie, die Weisheit. Und gibt sie weiter.
Ein Wort noch zur Brisanz des Themas, das uns allen wohl unter den Nägeln brennt. Wenn nicht jetzt, wann denn dann wäre wohl ein kritischer Blick hinter die Impfdebatten und deren Konsequenzen von höchster Aktualität? Marie ist ebenso wenig Impfgegnerin wie ich. Wir sind dreimal gegen Corona geimpft. Aber dennoch und gerade deswegen gehört dieser Lebensroman in diese Zeit. Mutig, konsequent und als Grundlage für spannende Debatten.
„Aus dem Schatten getreten“ ist ein großartiges Buch, das ich nur von Herzen empfehlen kann.
Hera Lind
„Bei Impfschäden kommt bei der Frage,wem das Opfer des Geschädigten zugutegekommen ist,ein anderer als der Staat (Land) als Träger der allgemeinen Gesundheitsfürsorge nicht in Betracht.“BGH, Urteil vom 19.02.1953 (BGHZ 9, 83)Zum Aufopferungsgedanken eines Impfgeschädigten
18. November 1994
„Genauso machen wir das!“
Letzten Endes geht es nur um ein kleines Stückchen Würfelzucker mit diesem leicht bitter schmeckenden Impfstoff, schießt es mir durch den Kopf. Daran kann ich mich aus meiner Kindheit noch gut erinnern. Damals hieß es: Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam!
Die Ärztin hat mich erwartungsvoll angesehen, jetzt nickt sie zustimmend, dabei wippen ihre roten Locken über dem weißen Kittel; das grelle Praxislicht lässt den Kontrast stark hervortreten. Sie dreht sich auf dem Absatz um und kommt kurze Zeit später zurück, dabei quietschen ihre Gummisohlen auf dem Laminat. In ihrer Hand hält sie einen kleinen Teller, darauf ein weißes Stückchen Würfelzucker mit einer Flüssigkeit. Ich nehme das bittersüße Stückchen in die Hand, stecke es in den Mund und schlucke es hinunter. Nichts weist darauf hin, dass mein Leben von heute an auf dem Kopf stehen wird.
Kurz zuvor habe ich mit ihr über unsere Idee einer Reise nach Südafrika gesprochen. Hanns, mein Mann, und ich versuchen zum zweiten Mal, unsere Hochzeitsreise nachzuholen, obwohl wir schon über zehn Jahre verheiratet sind. Bisher hat es nie funktioniert, aber jetzt wollen wir eine Safari durch den Krüger-Nationalpark machen und ein paar Tage Rundreise in Südafrika dranhängen. „Dort gibt es nach wie vor Kinderlähmung, und das Robert-Koch-Institut empfiehlt dringend eine Impfung vor Reisen nach Südafrika“, hat mich die junge Ärztin informiert und dann vorgeschlagen: „Ich habe den Impfstoff da und kann Sie sofort impfen, dann haben Sie das schon mal aus dem Kopf.“ Mir erscheint das nur sinnvoll. An der Rezeption erhalte ich meinen Impfpass und verlasse die Praxis in dem Bewusstsein, alles richtig gemacht zu haben. Draußen empfängt mich regnerische Kühle, alles ist grau in grau. Ich setze mich in mein Auto und fahre zurück zu meinem Mann und unseren beiden Töchtern. Dann decke ich den Abendbrottisch und habe die Impfung schon vergessen.
20. November 1994
„Wo bleibst du denn?“
Hanns Stimme dringt wie durch Watte an mein Ohr. Ich stehe vor dem Affengehege im Allwetterzoo in Münster und drehe mich um. Mein Mann und unsere beiden Töchter, Hannah und Sarah, sind schon weitergegangen und warten nun ungeduldig auf mich. Sarah ist vor wenigen Tagen zehn Jahre alt geworden und Hannah wird bald neun. Sie sind in ihrer Begeisterung für all die Tiere nicht zu bremsen. Die Affen habe ich gar nicht wahrgenommen. Ich bin vollkommen abgelenkt und laufe mechanisch hinter meiner Familie her. Eiskalte Angst hat mich erfasst. Irgendetwas stimmt nicht mit mir! Mein ganzer Körper fühlt sich an, als stünde ich bis zur Brust in einem riesigen Ameisenhaufen. Wie in Wellen kribbelt es auf und ab und auf und ab. Unter den Füßen habe ich ein Gefühl, als liefe ich auf Mäusespeck, jener Süßigkeit, die ich als Kind so sehr geliebt hatte. Mir fehlt die Bodenhaftung, und mein Gang ist unsicher. Das fällt auch meinem Mann jetzt auf.
„Was ist mit dir? Du siehst aus wie Käse, Milch und Spucke!“ Besorgt kommt Hanns mir entgegen. Mühsam halte ich die Tränen zurück. Unheimlich ist das alles. Mein Mann ist Arzt; wir waren schon während seines Studiums zusammen, und ich selbst bin ausgebildete Zahnmedizinische Fachhelferin. Dieses so erlangte medizinische Halbwissen jagt mir jetzt die verrücktesten Diagnose-Ideen durch den Kopf. „Ich weiß es nicht“, stammele ich und fühle dabei wieder tief in mich hinein. Als Sportlerin kenne ich meinen Körper gut. Hanns und ich spielen Tennis, die Kinder neuerdings auch. Wir fahren Fahrrad, Ski und Inliner, ich jogge und außerdem schwimme ich jeden zweiten Morgen tausend Meter im neu gebauten Hallenbad in unserer Stadt. Im Urlaub segeln wir, sehr zum Leidwesen unserer Mädchen, die sich auf dem Boot immer so beengt fühlen und lieber auf dem Reiterhof wären. Jetzt aber habe ich den Eindruck, als würde nicht Blut, sondern Quecksilber in meinen Beinen fließen, so schwer sind sie. Das Gehen erfordert vollen Einsatz von mir und verlangt mir von Schritt zu Schritt mehr ab. Schweißtropfen stehen auf meiner Stirn. „Mädels, wir fahren nach Hause. Mutzel geht es nicht gut.“ Am Abend bekomme ich Durchfall.
24. November 1994
„Bin ich erleichtert!“
Ich strahle den Neurologen an, der mir gerade versichert hat, dass ich mir keine Sorgen machen solle. „Das kommt schon mal vor, da können Überarbeitung oder auch zu wenig Schlaf die Auslöser sein. Sie haben einiges um die Ohren, treten Sie ein paar Tage ein bisschen kürzer, dann ist alles wieder in Ordnung.“
Diesen Satz vom Mann im weißen Kittel im Ohr hüpfe ich beschwingt die Treppenstufen hinunter. Er hat recht, schon jetzt ist alles wieder gut. Der Mäusespeck ist verschwunden, und meine Beine haben Kraft wie eh und je. Ich habe mir das alles vielleicht auch nur eingebildet. Und meine Frage, ob es vielleicht einen Zusammenhang mit der Impfung geben kann, hat er lächelnd zurückgewiesen. Doch der Instinkt meines Mannes traut dem Frieden nicht. Er nimmt mir Blut ab und veranlasst eine Stuhluntersuchung. Auf der Überweisung an die Labormediziner steht: „Verdacht auf Impfkrankheit“.
Die kurze Zeit später eintreffenden Ergebnisse sagen, dass die Antikörpertests unauffällig positiv seien. Die Impfung hat also ihren Dienst getan und mir die gewünschten Antikörper beschert. Aber was stimmte dann nicht?
12. Dezember 1994
„Marie, was ist denn los mit dir? Du läufst wie eine bleierne Ente.“
Meine Tennispartnerin schaut enttäuscht, wieder habe ich einen Ball verfehlt, weil ich zu langsam war. Bleierne Ente, gutes Stichwort, genauso fühle ich mich. Ich zucke mit den Schultern und schaue sie entschuldigend an. Da kommt ein Lob, ich peile ihn an, laufe rückwärts, stolpere und falle hin. Als ich aufstehen will, versagen mir die Beine. Alarmiert bitte ich Elke mir aufzuhelfen. Es geht nur sehr mühsam. Das Mäusespeck-Wattegefühl unter den Füßen ist verstärkt zu spüren, genauso wie die Ameisenvölker, die meinen Körper bis hinauf zur Brust erobern. Dabei zieht eine brennende Wärme in Wellen über meinen Körper. Gleichzeitig fröstele ich stark, merke, wie die Angst erneut von mir Besitz ergreift.
Zuhause rufe ich Hanns an, der mich bittet, mich sofort im Krankenhaus bei Prof. Heller vorzustellen. Er werde den Kollegen, den Chefarzt der Neurologischen Klinik in unserem heimischen Krankenhaus, anrufen und mich ankündigen. Herr Prof. Heller hat tatsächlich Zeit für mich. Er untersucht mich und überprüft die elektrischen Antworten schnell leitender sensibler Nervenfasern. Dann muss ich in einen Bildschirm schauen. Dort ist die Kontrastumkehr eines Schachbrettmusters mit einem Fixierpunkt zu sehen. Es ist ziemlich anstrengend, auf das schnell wechselnde Bild zu schauen, dafür werde ich aber mit aufmunternden Worten entlassen: „Ich kann beim besten Willen nichts finden. Sie sind bestimmt überarbeitet, ruhen Sie sich ein wenig aus, das wird schon.“ Hanns ist ganz und gar nicht beruhigt und ich auch nicht, aber was können wir schon tun?
18. Januar 1995
„Was ist denn schon wieder?“
Die Krankenschwester wirkt ungehalten. Ich habe vor einer Stunde zuletzt geklingelt und um ein Schmerzmittel gebeten. „Wir können Ihnen nicht bei jedem kleinen Wehwehchen ein Schmerzmittel geben“, ist ihre harsche Ansage gewesen. Aber jetzt droht mein Kopf zu zerspringen, und Übelkeit steigt in mir hoch. In diesem Moment übergebe ich mich, und auf einmal nimmt sie mich ernst. „Ich rufe die Ärztin“, – und weg ist sie.
Am Mittag hat mein Mann mich in die Klinik gebracht. Ich habe mich nicht mehr auf den Beinen halten können, und auch das Kribbeln war wieder aufgetreten. Dazu kam eine bleierne Müdigkeit, die mich schon seit Wochen in ihrem eisernen Griff hält. In der Neurologie hat man schnell reagiert. Lumbalpunktion und MRT des Kopfes stehen an. Man sagt es mir nicht ausdrücklich, aber ich weiß es auch so: Es könnte sich um eine MS, eine Multiple Sklerose, handeln. Zunächst ist aber alles glattgegangen, obwohl ich vor der Entnahme der Nervenwasserprobe aus meinem Rückenmarkskanal eine Höllenangst hatte. Es war nicht so schlimm wie erwartet, hat lediglich etwas gebrannt. Trotzdem hat die Vorstellung, diese doch sehr lange Nadel in meinem Rücken zu wissen, mich nicht vor Begeisterung überschäumen lassen. Sofort nach der Liquorentnahme sollte ich dann aufstehen, und in dem Moment ist ein vermeintlicher Sprengsatz in meinem Kopf explodiert.
Jetzt liege ich also in diesem Krankenhausbett und warte, dass die Ärztin mich von dieser Qual erlöst. Genau das macht die Dame im weißen Kittel, als sie zu mir kommt: Sie hängt mir einen Tropf mit schmerzlindernden Medikamenten an und gibt mir etwas zum Schlafen. Dennoch dauert es eine ganze Woche, bis ich aufstehen kann, ohne sofort diesen hämmernden Vernichtungskopfschmerz auszulösen. Dafür werde ich mit einer guten Nachricht entlassen: „Frau Pörtner, Sie sind gesund! Der Liquor war negativ, das MRT ohne Befund, und auch die Elektrophysiologie ist unauffällig.“
„Und kann die Impfung im November damit zu tun haben?“ Der Chefarzt lächelt: „Sicher nicht, so etwas in der Form hat es noch nie im Zusammenhang mit einer Schluckimpfung gegeben.“ Wieder einmal bin ich erleichtert, frage mich aber doch heimlich, was mit mir nicht stimmt. Eine innere Unruhe hat mich ergriffen, die mich noch lange, sehr lange begleiten wird. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn das Leben anfängt zu zerbröckeln und alles droht, in sich zusammenzustürzen. Die geplante Reise nach Südafrika stornieren wir.
23. Februar 1968
„Warte nicht auf mich! Ich komme nicht mehr wieder, Bill“,
ist auf der Einkaufsrolle in der Handschrift meines Vaters zu lesen, die in unserer Küche neben der Tür hängt. Ich komme gerade aus der Schule, wo ich die 7. Klasse auf dem Nelly-Sachs-Gymnasium in Neuss besuche. Nach der sechsten Stunde war Schulschluss, und ich freue mich auf das Wochenende. Im Haus ist es totenstill. Meine älteren Geschwister wohnen nicht mehr zuhause; Friederike, zehn Jahre älter als ich, studiert inzwischen Humanmedizin in Köln, und Peter, das Sandwichkind, acht Jahre älter als ich, hat im vergangenen Sommer sein Abitur gemacht und ist seitdem zum Dienst bei der Bundeswehr eingezogen worden. Ich bin das Nesthäkchen und auf die Welt gekommen, als schon niemand mehr mit mir gerechnet hatte. Nun sind die Großen schon ausgezogen, und nur meine Patentante wohnt mit meinen Eltern und mir noch im Haus. Sie ist alleinstehend und eine Schulfreundin meiner Mutti. Seit ich denken kann, gehört sie zur Familie und lebt bei uns. Tante OO, wie ich sie nenne, ist Lehrerin und kehrt in aller Regel gegen vierzehn Uhr vom Unterricht zurück.
Als auf mein Rufen keine Antwort kommt, laufe ich verständnislos durch das Haus und suche nach meiner Mutti. Ich finde sie in ihrem Bett. Sie scheint bewusstlos zu sein, reagiert nicht auf mein Rufen und Schreien. Ich schüttele sie, auf dem Nachtschränkchen liegen viele leere Tablettenpäckchen, daneben steht ein fast völlig geleertes Glas Wasser. Angst steigt in mir auf, umklammert mein Herz und mein Denken. Trotz meiner zwölf Jahre bin ich noch sehr kindlich. Platt wie ein Brett, dürr wie eine Bohnenstange, trage ich noch immer lange, zu zwei Zöpfen geflochtene Haare. Anders lassen sich meine braunen Locken nicht bändigen. Ich bin nicht aufgeklärt und in vielen Dingen sehr unerfahren, aber dass hier was nicht stimmt, ist mir sofort klar.Mein Herz rast, Panik steigt in mir auf; was zum Himmel soll ich jetzt tun?Zum Glück kommt gerade meine Patentante nach Hause. Ich höre den Schlüssel in der Tür und schreie aus Leibeskräften nach ihr. Sie nimmt mich kurz tröstend in den Arm, schiebt mich dann aber zur Seite und schaut nach meiner Mutter. Was dann folgt, verschwimmt im Nebel. Irgendwann wird meine Mutter auf einer Liege aus dem Haus getragen und mir ist klar, dass meine Welt, so brüchig sie bis hierhin auch schon gewesen sein mag, jetzt für immer zerbricht.
Brüchig war meine Welt, weil meine Eltern ständig stritten, Mutti mit verheulten Augen durch die Welt lief, und Papi später nur noch selten zu Hause war. Und irgendwie hatte ich immer das Gefühl, Schuld zu haben. Schuld an den Tränen meiner Mutter, der Wut meines Vaters, den lauten Worten, den Türen, die geknallt wurden, einfach an allem.
Zwei Wochen später fahre ich mit meinem Bruder Peter nach Oberursel. Mutti ist in einem Sanatorium zur Kur, so hat man es mir jedenfalls gesagt. Dass es sich um eine psychiatrische Einrichtung handelt, verstehe ich erst viele Jahre später. Sie ist direkt aus dem Krankenhaus dorthin gebracht worden, war gar nicht mehr zuhause. Wir besuchen sie in den nächsten Wochen noch häufiger. Die gemeinsamen Fahrten mit Peter sind ein Lichtblick für mich. Wir hören „San Francisco“ im Radio oder von der Kassette, und ich genieße die Zeit mit meinem Bruder, die ausschließlich mir gehört. Dabei fühle ich mich sehr erwachsen, denn zuhause bin ich nun allein und muss für mich selbst sorgen.Als Mutti schließlich viele Wochen später entlassen wird, habe ich sehr gemischte Gefühle. Neben der Freude, sie wieder zu Hause zu wissen, habe ich auch Angst vor ihr. Eine Urangst, sie könne auch mir etwas antun. Schließlich hat sie versucht, sich das Leben zu nehmen, und in meinem Kopf entsteht der Gedanke, dass Selbstmord, wie es damals noch heißt, nicht weit von Mord entfernt ist. Natürlich weiß ich in meiner noch sehr kindlichen Welt nichts von erweitertem Selbstmord, aber viele Jahre später wird mir ein Therapeut bestätigen, dass diese Idee gar nicht so ganz falsch gewesen sein könne. Mein Zimmer schließe ich nachts ab, wenn ich schlafe. Ich habe unruhige Träume, falle oft ins Endlose und wache weinend auf.
5. November 1968
„Gülich, du kommst ja auch aus so einer kaputten Familie, was soll man da schon erwarten?“
So klingt mein neuer Alltag in der Schule. In den späten Sechzigerjahren sind Trennung und gar Scheidung noch ein großer Makel, geradezu unanständig, und das bekomme ich nun zu spüren. Die Lehrer haben mich auf dem „Kieker“, seitdem bekannt geworden ist, dass mein Vater uns verlassen hat. Mit solchen Sprüchen zerstören sie nachhaltig das kleine bisschen Selbstwertgefühl, das mir noch geblieben ist. Die Suizidversuche meiner Mutti kommen inzwischen gehäuft vor. Immer sind es Tabletten, und immer bin ich es, die sie findet. Meine Patentante ist vor einigen Monaten nach Barcelona gezogen, sie ist aus den Sommerferien einfach nicht zurückgekommen. Tante OO hat dort während eines Urlaubs vor einigen Jahren einen Spanier kennengelernt und ihn nun geheiratet. Ich bin mit meiner Mutter allein im Haus, ein Schlüsselkind. Mein Vater lebt weiterhin in Hamburg, trotzdem verweigert Mutti ihm die Scheidung.
Oft gehe ich hungrig ins Bett. Mutti wahrt nach Möglichkeit den äußeren Schein, geht zur Arbeit und pumpt sich danach mit Tabletten voll. Sie wäscht sich kaum noch, das Haus ist dreckig, ich traue mich nicht, die wenigen verbliebenen Freunde mit nach Hause zu bringen. Häufig ist der Kühlschrank leer. Den Kontakt zu meinem Vater hat sie mir verboten. Sie erzählt mir, dass er ein Verbrecher sei und im Gefängnis gesessen habe. Auch Rieke, meine ältere Schwester, bezieht sie in das Kontaktverbot ein. Rieke hat sich auf die Seite meines Vaters geschlagen, wohl auch, weil ihr Mann Lukas ein gestörtes Verhältnis zu meiner Mutti hat. Die beiden sind wie Katz und Maus. Zu Riekes Hochzeit darf ich nicht fahren. Mutti beauftragt sogar einen Detektiv, der mir nachschleicht und kontrolliert, ob ich gegen die Verbote verstoße. Ich hätte es damals nicht ausdrücken können, aber ich fühle mich im Stich gelassen, nicht geliebt und lerne, mich irgendwie durchzuschlagen. Gleichzeitig gebe ich mir die Schuld für die ganze Misere. Tief in meinem Inneren frage ich mich aber auch, wieso mein Papi es übers Herz bringt, mich hier zurückzulassen. Und warum Rieke so sorgenfrei in Köln studieren und mich einfach aus ihrem Leben streichen kann.
7. März 1972
„Jetzt ist endgültig Schluss, ich habe dich heute vom Schwimmverein abgemeldet.“
Fassungslos stehe ich vor meiner Mutter. Der Schwimmverein ist mein einziger Halt. Eine Mitschülerin hat mich vor ein paar Jahren dorthin mitgenommen. Sie schwimmt in der Wettkampfmannschaft, und ihre Begeisterung hat mich damals angesteckt. Ich schwimme mir allen Kummer von der Seele. Im Wasser fühle ich mich frei und froh wie ein Fisch. Offenbar mache ich das recht ordentlich und darf sehr schnell auch in die Wettkampfmannschaft aufsteigen.
Meine erste Lage ist Delphin, und ich bekomme hier endlich die Anerkennung, nach der ich mich so sehr verzehre. Jeden Abend, außer an den Sonntagen, verbringe ich im Schwimmbad. Endlose Bahnen ziehe ich durch das Becken, immer im Kampf mit mir selbst und gegen meine eigene bisher erbrachte Leistung. Die Vereinskameraden sehen keine Versagerin in mir, im Gegenteil: Sie spornen mich an und feiern jeden noch so kleinen Erfolg mit mir. Hier bin ich eine von ihnen; Schule, Familie – all das bleibt draußen vor der Tür.
Meine Familie interessiert das nicht. Sport hat für meine Mutter ohnehin keine Daseinsberechtigung. Sie hat sich nie in irgendeiner Form sportlich betätigt. Auch Peter geht jede Sportbegeisterung ab, und so finde ich kein Gehör, wenn ich voller Freude von meinen kleinen Erfolgen erzählen möchte. Als Einzige aus der Wettkampfmannschaft trage ich keinen Vereinsbadeanzug, und wieder steigt das Gefühl von Ausgrenzung in mir auf. Es dauert Monate, bis ich Mutti überzeugen kann, mir den begehrten schwarzen Badeanzug mit den rot, weiß, grünen Streifen an der Seite zu kaufen, weil ich bei einem Wettkampf nur im Vereinsanzug starten darf.
Nun stehen im Sommer die Westdeutschen Meisterschaften vor der Tür, und meine Mutter hat mich wegen einer Fünf in Englisch vom Verein abgemeldet. Alle Bitten meines Trainers bleiben ungehört, und ich falle nun endgültig in ein Loch. Ich hatte meinen Platz aus dem Vorjahr verteidigen wollen und hart dafür trainiert. Meine Wut und Enttäuschung sind grenzenlos, aber mit meinen sechzehn Jahren bin ich der Entscheidung meiner Mutter ausgeliefert.
Statt mich an den Schreibtisch zu setzen und zu lernen, wie meine Mutter sich das wohl erhofft hat, ziehe ich schon morgens während der Unterrichtszeit um die Häuser, schwänze den Schulunterricht, komme in Kontakt mit Drogen und probiere Verschiedenes aus. Abends treibe ich mich in Kneipen rum, trinke zu viel Alkohol und nehme innerhalb kürzester Zeit über zwanzig Kilo zu. Meine Leistungen in der Schule sind katastrophal, und ich muss die Schule nach der Untersekunda ohne den Abschluss der zehnten Klasse verlassen. Mein Zeugnis ist grauenhaft. Überwiegend mangelhaft und ungenügend, Sport, Religion und Musik allerdings gut. Völlig orientierungslos und alleingelassen schließe ich mich einer Bekannten an, die sich für eine Ausbildung zur Kinderpflegerin angemeldet hat. Hier treffe ich auf eine wundervolle Klassenlehrerin, die meine Not sofort begreift und mich fördert, lobt und motiviert. Nach wenigen Wochen gehöre ich bereits zu den guten Schülerinnen und schließe nach zwei Jahren mit sehr guten Ergebnissen ab.
Zuhause hat sich nichts verändert. Meine Mutti ist inzwischen von der Freien Evangelischen Gemeinde verstoßen worden. Anders kann ich es nicht nennen. Man hat sie einfach aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Die sogenannten Christen haben sie fallen lassen. Sie ist jetzt eine verlassene Frau, hat kaum mehr Freunde, verwahrlost immer mehr. Mutti scheint jeden Halt verloren zu haben. Das ganze Haus riecht muffig. Mutti wäscht sich kaum noch und wenn, dann benutzt sie nur das Waschbecken, lässt Wasser ein und taucht einen Waschlappen in die Seifenlauge. Wochenlang immer denselben. Das Wasser lässt sie ab, das Waschbecken wird nicht gereinigt, und so bildet sich eine dicke Seifenlaugen-Schmutzschicht, die einen derart penetranten Geruch abgibt, dass mir übel wird, wenn ich das Bad betrete. Wenn ich duschen will, weil ich das ja vom Schwimmen gewöhnt bin, beschimpft sie mich als Flittchen. Warum ich denn duschen wolle, das könne doch nur mit Männern zusammenhängen, und die seien das Schlimmste auf der Welt. Mein Männerbild ist zu dieser Zeit ohnehin schon gefestigt: Wesen ohne wahrhafte Gefühle, die Frauen nur zum Zeitvertreib und Kinderkriegen benutzen und sie dann mit Sicherheit irgendwann verlassen werden.
In den Fächern im Kühlschrank, in denen normalerweise die Eier aufbewahrt werden, haben sich einige Maden heimisch eingerichtet. Die dicken weißen Würmer sind einfach ekelerregend. Unsere Küche ist mit einer dicken Fettschicht überzogen, und überall im Haus kleben die Fußböden oder liegen dicke Wollmäuse auf den Teppichen. Eigentlich bin ich alt genug, um selbst für Sauberkeit zu sorgen, aber mich hat eine Lethargie erfasst, die mich immer weiter in mein Schneckenhaus zurücktreibt. Planlos dümple ich durch mein Leben, ohne Ziel, ohne Hoffnung, ohne Leitung.
15. Juli 1975
„Marie Gülich ist geeignet für den Besuch der Jahrgangsstufe 11 der gymnasialen Oberstufe.“
Ich halte mein Zeugnis der Mittleren Reife in der Hand und habe zum ersten Mal seit langem wieder ein Gefühl von Zukunft. Zu verdanken habe ich das meiner wundervollen Klassenlehrerin in der Kinderpflege-Ausbildung. Es ist ihr Plan, mich auf die Fachoberschule zu schicken, um die Mittlere Reife nachzuholen. Nur zögernd nehme ich den Vorschlag an, mein Selbstwertgefühl ist früh zerstört worden – ich traue mir nur sehr wenig zu.
Aber das Jahr in der zehnten Klasse geht schnell vorbei, und nun halte ich das Zeugnis mit einem Qualifikationsvermerk in der Hand. Ich bin tatsächlich geeignet für den Besuch der Jahrgangsstufe II der Gymnasialen Oberschule. Dies zu erreichen war nicht schwer für mich. Obwohl meine Leistungen auf dem Gymnasium durchweg als ungenügend bewertet worden sind, ist doch vieles hängen geblieben. Ich bin sehr sicher in deutscher Grammatik, bestimmt auch durch den auf dem Gymnasium erhaltenen Lateinunterricht. Die Logik der Mathematik ist für mich kein Rätsel, mir fällt es leicht, Aufgaben zu verstehen und zu lösen. Dass mir im Deutschen vieles leicht fällt, verdanke ich aber mit Sicherheit auch meiner Tante OO, die mich von klein auf gelehrt hat, richtig zu sprechen und mich früh für das Lesen von Büchern begeistert hat. Daher war ich gegenüber den meisten meiner Klassenkameraden im Vorteil und konnte ohne große Anstrengung hier recht gute Noten erzielen.
Jetzt möchte ich zurück auf das Gymnasium. Ich will mein Abitur machen und Zahnmedizin studieren, wie mein Onkel, der in Eidinghausen seine Praxis führt und schon früh in mir die Begeisterung für seinen Beruf geweckt hat. Ich mochte den Geruch in der Zahnarztpraxis, was kaum einer verstehen konnte. So oft wie möglich habe ich mich dort aufgehalten, wenn wir in Vlotho bei den Großeltern Urlaub machten.
18. Juli 1975
„Ich bin in zwei Wochen beruflich in Köln. Wollen wir uns nicht treffen?“
Die Frage meines Vaters kam ganz spontan, als ich mich vor etwa einem Jahr erstmalig getraut habe, ihn anzurufen.
Natürlich wollte ich! Seit vielen Jahren sollte es das erste Mal sein, dass ich ihm persönlich begegnen würde. Wir haben uns in Köln getroffen, wo er seine Firma auf der Photokina repräsentiert hat. Er hatte sich inzwischen bei Olympus bis ins Management hochgearbeitet und war mächtig stolz auf seinen Erfolg, den er – wie er immer wieder betonte – ohne Abitur erreicht hat.
Von meinem gesparten Geld habe ich mir sogar einen Rock und einen neuen Pulli gekauft; ich wollte ihm gefallen. Das Geld hatte ich während der letzten Oster- und Sommerferien bei Teekanne am Fließband verdient, wo ich seit meinem vierzehnten Geburtstag regelmäßig während dieser beiden Ferien arbeite. Die Arbeit macht mir Spaß. Und ich lerne, dass Arbeit ein guter Tröster ist und Ablenkung schenkt.
Als ich meinen Vater im September 1974 zum ersten Mal seit Jahren wiedertreffe, erkenne ich ihn sofort. Sein markantes Gesicht, das gepflegte Aussehen, ganz anders als meine Mutter, ziehen mich an. So möchte ich auch sein: gepflegt, gebildet, eloquent, etwas darstellend. Seine Begrüßung zerstört diesen Moment der Zuneigung jedoch schneller als eine Seifenblase platzt: „Da bist du ja. Mein Gott, bist du dick geworden!“ Am übernächsten Tag bekomme ich ein Päckchen von ihm mit der Post: einen Kalorienkompass und zwei Tüten Zamek-Schlankheitssuppen. Obwohl ich tief verletzt bin, schaue ich kritisch in den Spiegel. Was ich da sehe, gefällt mir nicht, und ich beschließe, den Kampf gegen die Kilos aufzunehmen. In meinem Zimmer suche ich zwei Fotos: eins von mir vor drei Jahren, rank und schlank und sportlich. Ein anderes zeigt mein derzeitiges Kampfgewicht, ein rundes Gesicht zwischen den krausen, nicht zu bändigenden Haaren, auf der Nase die runde Nickelbrille, dicker Bauch, feiste Schenkel. Alles gekrönt von dicken Pickeln im Gesicht, die es nicht besser machen. Die Fotos klebe ich an den Kühlschrank. Innerhalb eines Jahres habe ich, mit viel Disziplin, dem Motto EVG (ein Viertel genügt) und noch mehr Sport mein altes Gewicht wieder.
Als ich nun, ein knappes Jahr später, mit meiner Bitte, erneut das Gymnasium besuchen zu dürfen, zu ihm komme, schlägt mein Papi vor: „Werde doch Zahnarzthelferin. Du bist ein Mädchen und heiratest eh, da brauchst du kein Abitur und kein Studium. Ich habe auch nicht studiert und es weit gebracht. Und im Schatten der weißen Kittel lebt es sich gut, glaub mir.“ Wieder verletzen mich seine Worte. Ich möchte nicht im Schatten leben, will selbst was auf die Beine stellen. Aber was soll ich machen? Ich bin auf seine finanzielle Unterstützung angewiesen, von BAföG habe ich noch nie gehört und Mutti, die sich für meine Geschwister und deren Ausbildungen noch stark gemacht hat, ist für mich keine Unterstützung. Für Peter hat sie noch richtig gekämpft. Peter hat bis zum Abitur zwei Klassen wiederholt, aber ihn hat sie in jeder Hinsicht unterstützt, ihm Mut gemacht, an ihn geglaubt und ihn gegenüber unserem Vater verteidigt, der bereits bei Peter der Meinung war, Abitur sei überflüssig. Nun scheint sie alle Kraft und Lebensfreude verloren zu haben, und ist nur noch ein Schatten ihrer selbst; für die kleine Tochter ist da kein Kampfgeist mehr übrig geblieben.
Papi hat eine kaufmännische Ausbildung gemacht. Mein Großvater war früh verstorben, Großmutter musste irgendwie drei Kinder alleine durchbringen. Da war an eine höhere Schulbildung oder gar ein Studium nicht zu denken. Papi hat sich also hochgekämpft und ist jetzt im Management bei der Firma Olympus in Hamburg angekommen. Fotografie war schon immer seine Leidenschaft, und da hat er es wirklich zu etwas gebracht. Immer wieder erzählt er die Geschichte, wie er nach einigen Jahren der Anstellung bei Olympus in der sechsten Etage des Gebäudes ein Büro bekam, und die Chefs ihn mit den Worten „Welcome to the sixth!“ begrüßten. Die Sechste, das war, wie er erzählte, die Chefetage. Und er gehörte jetzt dazu, er hatte es geschafft, ganz ohne Studium.
28. September 1975
„Mutti, lass uns doch mal saubermachen, ich möchte gerne ein paar Leute einladen.“
„Ich habe keine Freunde, dann brauchst du auch keine“, schreit Mutti mir entgegen. Weinend laufe ich auf meine Zimmer. Ich will nur noch weg. Meine Mutter fleht und droht, sich umzubringen, wenn ich gehen würde. „Dann mach es doch endlich!“, schleudere ich ihr irgendwann entgegen.
Ich kann nicht mehr, muss weg hier aus der klebrigen Atmosphäre von Selbstmitleid, Dreck, Tränen und Selbstaufgabe. Alle haben mich im Stich gelassen. Haben gemeinsam das sinkende Schiff verlassen. Dummerweise bin ich als Jüngste von uns drei Geschwistern zuhause hängen geblieben, weil ich zu klein war, auf eigenen Füßen zu stehen, als unsere Familie auseinanderbrach. Aber irgendwann muss es gut sein. Ich will nur noch weg.
Also folge ich dem Rat meines Vaters und mache die Ausbildung zur Zahnarzthelferin, damit ich möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen kann. Dr. Andreas Wölke, ein in der Praxis angestellter Assistenzarzt, erkennt mein Potenzial. In jeder Mittagspause sitzen wir zusammen, und er lehrt mich alles, was ich wissen muss, und vieles mehr. Noch während meiner Ausbildung verlässt er die Praxis und macht sich in Düsseldorf selbstständig. Mich nimmt er im April 1977 mit und macht mich, noch als Lehrling, zu seiner Ersthelferin.
Am 1. Juli 1977 bin ich ausgebildete Zahnarzthelferin, und das neue Scheidungsrecht tritt in Kraft. Mein Vater kann jetzt die Scheidung auch gegen den Willen meiner Mutter beantragen, und im September 1978 wird die Ehe meiner Eltern geschieden. Erstaunlicherweise lassen die Suizidversuche meiner Mutti nach, seit ich nach meiner Volljährigkeit ausgezogen bin.
Inzwischen ist mir klar, dass das Verhalten meiner Mutter allesamt Hilferufe waren, aber wie hätte ich Kind ihr helfen sollen? Jeder wäre besser dafür gewesen, mein Vater, meine älteren Geschwister, meine Patentante. Aber sie alle hatten sich aus dem Staub gemacht, ohne an die Konsequenzen für mich auch nur einen Gedanken zu verschwenden.
19. August 1996
„Was für ein Tag!“
Erschöpft sinke ich auf unser Sofa. Die Kinder sind im Bett, und Hanns ist zu einem dringenden Hausbesuch gerufen worden. Hannah, unser Nesthäkchen, ist seit heute auch Gymnasiastin. Sie hat diesem Tag so sehr entgegengefiebert. Wie die große Schwester besucht auch sie jetzt die weiterführende Schule und darf sich Sextanerin nennen. Ab morgen wird sie mit Sarah zusammen in Bus und Bahn zur Schule fahren und ist stolze Besitzerin einer Monatskarte der öffentlichen Verkehrsbetriebe. In der Praxis meines Mannes stauten sich die Patienten, weil wir eine Stunde später geöffnet haben, um Hannahs ersten Schultag am Gymnasium gebührend zu beginnen und sie zur Schule zu begleiten. So stolz ist sie, unsere Kleine. Am Nachmittag hat Hanns die Praxis sogar noch ein wenig eher geschlossen. Ich helfe üblicherweise mit, habe heute aber gar nicht mehr gearbeitet, sondern die Stunden mit den Mädchen und meiner Mutter verbracht. Mit frisch gebackenen Waffeln haben wir den Schulwechsel gefeiert. Am Abend hat mein Mann für alle Crêpes zubereitet, zurzeit Hannahs absolute Lieblingsspeise.
Nun ist Ruhe eingekehrt. Hanns und ich wollten noch mit einem Gläschen Champagner anstoßen, aber das Telefon klingelt genau in dem Moment, als mein Mann die Flasche öffnen will. Er wird zu einem dringenden Hausbesuch gerufen und macht sich sofort auf den Weg. Für mich sollte dieser Tag eigentlich eine Wende bringen. Hanns und ich sind uns immer einig gewesen, dass ich, wenn auch Hannah die weiterführende Schule besucht, mich um mein eigenes berufliches Weiterkommen kümmern werde. Mein Traum von einem Studium … Ich leide immer noch sehr unter meiner fehlenden schulischen Ausbildung. Meine Gedanken verlieren sich und schweifen in die Vergangenheit zurück.
14. Dezember 1979
„Ich kündige, ich habe die Nase so voll.“
Eigentlich ist es längst überfällig. Das einstmals so gute Verhältnis zu Andreas Wölke, der mich gefördert und vieles gelehrt hat, mir sein Vertrauen schenkte, als er mich mit in seine Praxis genommen hat, ist ins Gegenteil umgeschlagen. Wir streiten täglich wegen Kleinigkeiten, es ist Zeit, dass ich gehe. Schon seit Langem macht sich in mir ein Gefühl der Unterforderung breit, ich möchte weiter, weiter auf meinem Weg, aus dem Schatten zu treten. Meine Kündigung trifft auf wenig Verständnis, aber ich lasse mich nicht aufhalten. Im Januar 1980 melde ich mich für eine Weiterbildung zur Zahnmedizinischen Fachhelferin an. Die Aufnahmeprüfung ist schwer, es gibt dreihundert Bewerberinnen für achtundzwanzig Plätze, aber dank Andreas` Ausbildung bin ich sehr gut vorbereitet. Der Beruf der ZMF ist noch jung, es ist in Düsseldorf erst der zweite Kurs, der angeboten wird. Nach sechsmonatiger Ausbildung im Karl-Häupl-Institut erhalte ich Mitte Dezember 1980 mein Abschlusszeugnis.
In den sechs Monaten der Fortbildung hat eine Mitschülerin bei mir Unterschlupf gefunden. Zunächst als Übergangslösung gedacht, wird daraus eine Wohn- und Lerngemeinschaft und eine schöne Freundschaft. Gemeinsam träumen wir von einem Studium der Zahnmedizin. Auch Franziska möchte nicht Helferin bleiben, sondern selbst den Bohrer in die Hand nehmen. Da wir beide finanziell nicht in der Lage sind, unseren Traum sofort zu verwirklich, verabreden wir, zu sparen und in etwa fünf Jahren loszulegen.
Franziska hält sich an die Verabredung. Sie bleibt lange ledig und hat keine Kinder. 1988 beginnt sie mit der Abendschule und Ende der Neunzigerjahre eröffnet sie, nach Schulbesuch und Studium, ihre eigene Praxis in Schwelm. 1985, nach Ablauf der angedachten fünf Jahre, ist in meinem Leben hingegen bereits Sarah geboren und Hannah unterwegs. Keine Zeit für Schule und Studium. Hanns ist Assistenzarzt, im Juli 1987 besteht er seine Facharztprüfung und eröffnet 1988 seine Praxis in Bielefeld. Wir haben es uns nicht leicht gemacht mit der Entscheidung, diesen Schritt zu wagen. Die Miete für die Räume ist hoch, und die Praxiseinrichtung ist teuer, am Ende kommt ein unvorstellbarer Betrag für einen ehemaligen Assistenzarzt und eine ZMF zusammen. Aber Hanns möchte nicht im Meer der niedergelassenen Ärzte untertauchen. Er möchte etwas Besonderes leisten. Ein Angebot seines Chefarztes, sich an der Uni Essen zu habilitieren, schlägt er wegen uns aus. Eigentlich wäre das sein Traum gewesen, aber es wäre zu familienunfreundlich und mit zu vielen Auslandsaufenthalten verbunden, wie er meint. Er liebt uns sehr.
Es ist klar, dass ich ihn bei seinem Vorhaben unterstütze. Wir mieten Räume an, stellen Personal ein und entscheiden uns für den Sprung ins kalte Wasser. Wenn es schiefgeht, haben wir ein Problem. Aber es geht nicht schief. Obwohl uns viele Steine vor die Füße geworfen werden, treffen wir auch immer wieder auf Menschen, die uns unterstützen und Türen aufstoßen. Die Praxis brummt. Ich kümmere mich um Abrechnung, Privatliquidationen, Personal, Fortbildung, Buchführung und Steuern – schließlich habe ich das gelernt. Den Röntgenschein als Zahnarzthelferin habe ich in der Tasche, den für meine neue Tätigkeit als Arzthelferin hole ich nach. Die Verantwortung für die Praxis ist groß, die Kinder noch klein, und immer schneller dreht sich das Lebenskarussell. Mein Wunsch, Zahnärztin zu werden, ist in dieser Lebensphase nicht zu verwirklichen und tritt immer weiter in den Hintergrund. Hanns aber vergisst ihn nicht. Er sieht, wie ich leide, weil ich mich unter all unseren Akademikerfreunden minderwertig fühle. Meine Schwiegermutter streut noch Öl ins Feuer: „Du weißt hoffentlich, dass du ohne Hanns nichts bist? Sein Name ist in Bielefeld bekannt, wärst du nicht seine Frau, würden die meisten dich gar nicht grüßen.“ Sie meint es noch nicht mal böse, es ist ihre eigene Erfahrung, die sie in ihrer Generation gemacht hat. Bei mir aber fällt es auf fruchtbaren Boden – ich weiß ja, dass ich nichts kann und nichts wert bin.
19. August 1996
„Wenn Hannah auch die Schule gewechselt hat, dann bist du dran!“
Das ist Hanns‘ Versprechen an mich, seitdem Sarah letztes Jahr das Gymnasium besucht. Der Schlüssel dreht sich in der Haustür, das Geräusch holt mich aus meinen Erinnerungen zurück in die Gegenwart. Unsere vier Hunde toben los. Mit lautem Gebell begrüßen sie meinen Mann. Ich habe bei meinem Ausflug in die Vergangenheit gar nicht gemerkt, wie die Zeit vorbeigehuscht ist. „Und?“ Fragend steht mein Mann vor mir. „Meldest du dich jetzt an?“ Ich weiß sofort, was er meint. Wir sind eng miteinander verwachsen, kennen die Gedanken des anderen und nehmen Schwingungen des Partners wahr, die anderen verborgen geblieben wären. Er baut mir die Brücke, mich jetzt aufzumachen und meine beruflichen Träume zu verwirklichen. „Ich traue es mir im Moment nicht zu!“ Hanns nickt. Er weiß, dass ich nach wie vor große Angst habe, an MS erkrankt zu sein.
4. Dezember 1996
„Oh mein Gott, was passiert da gerade mit mir?“
Wie erstarrt vor Angst und Scham stehe ich an der kleinen Bar auf Cocoa, einer Insel auf den Malediven. Ich habe gerade noch zwei Gläser Wein bestellt, als sich spontan und ohne Vorwarnung – und ohne dass ich etwas dagegen tun kann – meine Blase entleert. Warm läuft mir der Urin an den Beinen hinunter und versickert zu meinem Glück im Sand. Ich streiche mit den Füßen trockenen Sand darüber, nehme den Wein und bin froh, dass ich ein langes weites Kleid trage, so dass man mir von außen nichts ansehen kann.
Hier – auf Cocoa, der winzigen Insel mit den nur acht Bungalows – haben wir ein wahrhaftiges Paradies entdeckt. Die Reise ist ein lang gehegter Traum meines Mannes, und ich habe sie ihm zu seinem 40. Geburtstag geschenkt. Man erzählte uns, Eric, der Eigentümer, habe diese Insel für den Gegenwert von fünf Kokospalmen erworben und aus regionalen Naturmaterialien die Bungalows errichtet, die minimalistisch direkt auf den Sand gebaut sind. Man trägt keine Schuhe, sondern läuft barfuß, die wenigen Gäste kennen einander innerhalb weniger Stunden, und die Welt scheint still zu stehen. Das Tauchrevier ist einzigartig, und meinem Mann zuliebe habe ich sogar meine Angst vor großen Fischen überwunden und bin mit ihm abgetaucht in die unvorstellbare Weite des Indischen Ozeans.
Nun schleppe ich mich zitternd wie Espenlaub zurück in den Bungalow, wo ich mich mechanisch entkleide und unter die kleine Dusche stelle. Als mein Mann mich dort findet und ich ihm berichte, was geschehen ist, wird er kreidebleich. Nie werde ich diesen Gesichtsausdruck vergessen. Als Arzt ist ihm sofort klar, dass das einer gesunden jungen Frau in dieser Form nicht passiert. Es muss einen neurologischen Grund dafür geben. Aber welchen?
27. März 1997
„Mama geht es akut schlechter, bin im Krankenhaus. Komm bitte nach!“
Der Zettel mit der Nachricht steckt unter dem Scheibenwischer meines Wagens, als ich in die Tiefgarage komme. Nach Praxisschluss war ich noch kurz bei der Post und bin nun auf dem Weg nach Hause. Sofort überfallen mich die Ameisenscharen. Wie tausend Armeen laufen sie auf meinem Körper auf und ab. Unter meiner Brust zieht sich ein unsichtbarer Reifen so stark zusammen, dass ich mit aller Kraft dagegen anatmen muss. Derartige Reaktionen meines Körpers auf überraschende Ereignisse oder schlechte Nachrichten bin ich inzwischen gewöhnt. Sie gehören zu meinem Alltag, es gibt aber nach wie vor keine Diagnose, und ich versuche, die Symptome zu ignorieren. So auch heute: Ich springe ins Auto und fahre los Richtung Krankenhaus. Als ich ankomme, lächelt meine Schwiegermutter mich an. Sie greift nach meiner Hand: „Danke, du hast dich so lieb um mich gekümmert, all die letzten Jahre.“
Drei Tage zuvor habe ich sie ins Krankenhaus gebracht. Seit ich sie kenne, ist sie eine schwer kranke Frau, die sich nie etwas hat anmerken lassen. Als sie vierzig Jahre alt war, wurde ihre linke Brust amputiert, und die nachfolgende Bestrahlung hat ihre Lymphe verbrannt. Der linke Arm ist dick wie ein Elefantenrüssel, steckt in einem Kompressionsstrumpf und ist vollkommen unbeweglich. Ganz krumm ist sie wegen des großen Gewichts dieses Armes, der sie nach vorne und nach unten zieht. Eine hochgradige Osteoporose macht ihr zudem das Leben schwer. Vor einigen Jahren mussten wir sie mit einer Blutvergiftung in eine Spezialklinik in Bochum bringen, wo nur eine risikoreiche Transplantation dem offenen Strahlenulcus Einhalt gebieten konnte. Ein herausragender und mutiger Arzt hat sich an die Operation gewagt und es großartig bewerkstelligt. Wochenlang lag sie in der Klinik, nie hat sie sich beschwert.
Obwohl sie sehr spezielle Ansichten hatte, und ich nicht dem Bild ihrer Traumschwiegertochter entsprach, haben wir uns angenähert. Ich war weder gebildet noch reich, und sie hätte sich wahrhaftig eine andere Schwiegertochter gewünscht. Schön sollte sie sein, vermögend und aus gutem Haus, am liebsten von Adel, aber auf jeden Fall mit einem repräsentativen Beruf und Doktortitel. Nichts davon konnte ich vorweisen, nichts, außer, dass ich ihren Sohn aufrichtig liebte.
Im November letzten Jahres war mir ein Knoten neben ihrem Ohr aufgefallen. Es wurde ein Hodgkin-Lymphom diagnostiziert, und auch die Diagnose dieses bösartigen Tumors nahm sie klaglos hin. Erst am letzten Weihnachten habe ich einmalig diesen Satz gehört: „Ich kann nicht mehr“, und habe sofort verstanden, dass sie auch nicht mehr will. Und nun hält sie meine Hand fest. Ganz ruhig, ganz gelassen. Mein Mann hat sich über sie gebeugt und weint lautlos. Mein Schwiegervater kommt ins Zimmer und versteht nicht. Er bricht erst in der Nacht zusammen. Da ist sie bereits gestorben. Es hat nur wenige Augenblicke gedauert. Sie ist ein großes Vorbild für mich, so tapfer und kämpferisch, wie sie war. Das war allerdings nicht immer so.
8. Mai 1982
„Du bringst mein sauer verdientes Geld nicht durch, du nicht!“
Hanns‘ Vater ist außer sich vor Wut. Zuvor haben wir ihm erzählt, dass wir zusammenziehen wollen, was seinen Verdacht erhärtet, es könne seinem Sohn möglicherweise tatsächlich ernst mit mir sein. Hanns steht hilflos daneben; er kann sich gegen den übermächtigen Vater nicht zur Wehr setzen und erst recht nicht gegen die Mutter, die die Auffassung des Vaters teilt. Dabei ist der alte Herr selbst von seiner Familie verstoßen worden, weil seine Auserwählte nur Stenotypistin gewesen war, als er sie heiratete, und zudem evangelisch. So gar nicht standesgemäß war sie damals, und die falsche Religion hatte sie, aber er hat daraus nichts gelernt. Er nicht und die Mutter auch nicht.
Hanns und ich kennen uns schon unser ganzes Leben lang. Wir waren zusammen im Kindergarten und Nachbarskinder. Als mich mit ihrem Sohn nur eine einfache Freundschaft verband, war ich stets ein willkommener Gast. Das änderte sich schlagartig, als sich die Beziehung zwischen Hanns und mir auf eine andere Ebene verschob. Als mögliche Schwiegertochter taugte ich in ihren Augen rein gar nicht. Die Schule abgebrochen, nur eine Hilfskraft, hätte ich wohl absichtlich die Fühler nach ihrem Sohn ausgestreckt, um gut angesehen und versorgt zu sein. Außerdem hätte ich es bestimmt auf das Vermögen der Eltern abgesehen. Im Leben werde ich nicht all die Demütigungen vergessen, mit denen Hanns‘ Eltern mich geradezu überschüttet haben.
Die Eltern sind mit Recht stolz auf ihre Söhne Detlef und Hanns, die beide Medizin studieren. Arzt, das ist ein angesehener Beruf, man macht sich nicht die Hände schmutzig und trägt in aller Regel einen Doktortitel. Und der war ganz wichtig! Nie werde ich vergessen, wie wir bei einer gemeinsamen Fahrt nach Holland an der Grenze die Ausweise vorzeigen mussten. Mein Schwiegervater als Fahrer sammelte alle Pässe ein – und stellte erbost fest, dass Detlef noch seinen alten Ausweis benutzte, auf dem der frisch erworbene Doktortitel natürlich noch nicht vermerkt war. „Warum steht denn dein Titel nicht im Ausweis?“, wandte er sich an Detlef. „Das ist unglaubliche Schlamperei. Wenn ihr beide dann mal zusammen in einem Hotel anreist, wird es heißen: Guten Tag, Herr Dr. Pörtner und Sie, Herr Pörtner, können schon mal die Koffer Ihres Bruders tragen!“ Wir haben oft über diese kleine Geschichte gelacht. Allerdings immer ohne den Vater. Er hat es damals bitterernst gemeint. Bei dem, was die Nachbarn denken könnten, versteht er keinen Spaß, und Außenwirkung ist so wichtig wie kaum etwas anderes.
Irgendwie haben Hanns und ich alle Versuche seiner Eltern, uns zu trennen, durchgestanden, obwohl es für meinen Mann oft nicht einfach war. Erst als Detlef, Hanns‘ Bruder, mit Erika in der Familie auftaucht, wurde es besser für mich. Zuvor war Detlef lange Jahre mit Sabine zusammen, die beiden waren sogar verlobt. Sabine kam aus gutem Haus, war sehr gut erzogen, hübsch, adrett und bescheiden. Sie hatte Geschichte studiert und sogar promoviert. Und nun kommt Detlef also mit Erika. Die Verlobung mit Sabine war kurz vorher geplatzt. Erika ist Krankenschwester, genau gesagt Kinderkrankenschwester, die beiden haben sich in der Klinik kennengelernt. Natürlich ist sie nur Krankenschwester geworden, um einen Arzt zu finden, der sie heiratet, das ist den Eltern von Detlef und Hanns sofort klar. Und, als würde das nicht reichen, ist sie auch noch verheiratet und hat einen Sohn. Den kleinen Stefan lässt sie zurück bei ihrem Mann, als sie Detlef kennenlernt, und das bringt das Fass zum Überlaufen. „Wie kannst du etwas an einer Frau finden, die ihr Kind im Stich lässt?“
Meine Schwiegereltern sind fassungslos. Dann doch lieber die Zahnarzthelferin, die zwar auch nix darstellt, aber wenigsten keinen Mann und kein Kind hat. So rücke ich auf der Liste der ungeliebten Freundinnen der Söhne auf Platz zwei.
15. April 1999
„War das ein schöner Abend!“
Die Gesänge der Singzikaden erfüllen die Luft. Lauer Wind ist auf meiner Haut zu spüren. Ich hocke am Rand einer Wiese, gemeinsam mit Hanns, Johanna und Frank, unseren Freunden. Neben mir liegt Pongi, einer unserer vier Hunde. Auf dem Rückweg von der Taverne zu unserem Campingplatz haben wir noch eine kleine Pause eingelegt und uns an den Waldrand gesetzt. Unsere Reise geht zu Ende, und wir genießen die letzten Augenblicke. Rund um die Iberische Halbinsel hat uns unser Weg geführt. Wir haben zwei Wohnmobile gemietet und wunderschöne Orte gesehen, Strände und Felsenküsten, Altstädte und Kirchen, haben in großartigen Restaurants gegessen und in den spanischen Tavernen gerne dem guten Wein zugesprochen.
So sitze ich nun also mit meinen Reisegefährten am Rande eines Wäldchens in der Nähe von Marbella, voll des guten spanischen Weines und der Vorfreude auf zuhause und unsere Töchter. Meine Mutter passt während unserer Auszeit auf die beiden und unseren kleinen Haustier-Zoo auf und versorgt alle auf ihre liebevolle Weise. Mutti hat sich in den letzten Jahren stabilisiert und ist immer für uns da, wenn wir sie brauchen. Sie hat sich ins Leben zurückgekämpft und ist eine wunderbare Oma für unsere beiden Töchter. Wir haben keine Bedenken, die beiden in ihrer Obhut zu lassen.
Als ich nun aufstehen will, versagen mir die Beine den Dienst. Sofort ist die Angst zurück. Eigentlich hat sie mich seit der Impfung im November 1994 nie mehr verlassen. Die jeweiligen Ereignisse erwischen mich eiskalt und brutal ohne Vorankündigung, genau wie jetzt. Immer wieder werde ich erinnert, dass irgendwas in meinem Körper passiert. Mal kann ich zehn Kilometer joggen, ohne Pause zu machen, dann wieder komme ich kaum bis zum Gartentörchen. Meine Tennispartnerinnen haben schon den Verdacht geäußert, ich könne hin und wieder ein Schnäpschen getrunken haben, wenn mir mitten im Spiel die Beine schwach werden. Durchschlafen kann ich schon lange nicht mehr. Im Zweistundentakt wache ich auf und liege grübelnd im Bett. Und dann ist da das Problem mit meiner Blase. Immer mal wieder lässt sie mich im Stich und entleert sich ein bisschen, ohne dass ich was dagegen tun könnte. Ich trage dicke Vorlagen und gehe ständig zur Toilette, um vorzubeugen.
„Ich komme nicht hoch“, platzt es nun aus mir heraus, und hilfesuchend schaue ich Hanns an. Er ist sofort an meiner Seite. Das zeigt mir, wie alarmiert auch er die ganze Zeit ist. Wir reden nicht ständig darüber, aber er bekommt schon mit, wie ich hoffnungsvoll von einem Arzt zum anderen laufe, immer in der Erwartung, dass genau dieser des Rätsels Lösung in der Tasche hat. Aber irgendwie scheine ich überall in die Schublade „Arztweibchen, verwöhnt, kreist um sich selbst und bildet sich viel ein“ zu geraten.
Jetzt stellt Hanns sich hinter mich, greift mir unter die Achseln und zieht mich mit einem Ruck hoch. Sofort entleert sich meine Blase, und ich fange an, hemmungslos zu weinen. So schlimm war es noch nie. Mein Körper kribbelt, als würden ganze Ameisenvölker auf mir kämpfen, und die Beine versagen mir fast vollständig den Dienst. Panik macht sich in mir breit, und alle Disziplin, mit der ich in den letzten Jahren versucht habe, gelassen zu bleiben, zu lächeln und meinen Aufgaben nachzukommen, verpufft wie Luft aus einem angestochenen Luftballon. Irgendwie schaffen wir es zum Standort unseres Wohnmobils. Irgendwie kommen wir am nächsten Tag frühmorgens zum Flughafen in Málaga und irgendwie auch zurück nach Deutschland und nach Hause. Johanna hat sich bereit erklärt, unser Wohnmobil zurück nach Deutschland zu fahren, während wir einen Flug gebucht haben, um schnell heimzukommen. So sind sie, unsere Freunde. Wenn es ordentlich brennt, sind sie sofort für uns da.
Spät abends landen wir. Hanns hat schon aus Spanien mit einem Freund von uns telefoniert. Rolf ist zwar Arzt für Neurochirurgie, aber einen Neurologen haben wir nicht im Freundeskreis. Rolf ist daher fachlich am nächsten dran. Er hat Hanns nachdrücklich geraten, mich umgehend in der Neurologischen Klinik vorzustellen. „Bei sowas muss man immer auch an einen Tumor denken“, hat er die Dringlichkeit hervorgehoben. Mein Mann hat sofort mit der Neurologischen Klinik in Bielefeld Kontakt aufgenommen und mich angemeldet.
17. April 1999
„Und ob ich schon wandere im finster`n Tal, fürcht` ich kein Unglück, denn du bist bei mir, du bist bei mir, du bist bei mir …“
Immer wieder murmele ich den Psalm 23 vor mich hin. Er gibt mir Halt, genau wie mein Mann, der immer an meiner Seite bleibt, meine Hand hält und beruhigend auf mich und sich einspricht. Am Abend zuvor waren wir zuhause angekommen. Die Nacht war fürchterlich, die Angst
