Aus dem Skizzenbuch einer Kriminalbeamtin - Berta Rathsam - E-Book

Aus dem Skizzenbuch einer Kriminalbeamtin E-Book

Berta Rathsam

0,0
5,49 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Berta Rathsam beschreibt ihren Werdegang als Pionierin der weiblichen Kriminalpolizei (WKP) für den gesamten süddeutschen Raum. Sie gewährt dabei interessante Einblicke in ihre Herangehensweise in dieser neuen Abteilung der Polizei im Regensburg der 1920iger und 1930iger Jahre. Sie war vor allem bei Sittlichkeitsdelikten, Kindsmorden, Kinderbrandstiftung und Kindesmisshandlung zuständig. "Es war eine sehr klare Scheidung der sozial-psychologischen Bearbeitung der kriminellen Tatbestände durch die WKP und trotzdem eine nahtlos garantierte Weiterbehandlung nach der fürsorgerischen Seite hin an den Jugendämtern". Sowohl Unterstützung als auch Widerstände, vor allem durch den aufkommenden Nationalsozialismus, schildert Berta Rathsam, die sich in ihrer Funktion sowohl die Anerkennung der Staatsanwaltschaft und ihrer Vorgesetzten als auch wissenschaftliches Ansehen als Autorin und Referentin erwarb. Ausgangspunkt ihrer Ausführungen bildet das Fallbeispiel des kleinen Willy aus dem Jahr 1929: Umsichtig und sehr empathisch nahm sie sich des kleinen Buben an. Mit viel Poesie und literarischem Geschick beschreibt sie die Betreuung des "Fürsorgezöglings" und vermittelt nebenbei einen Einblick in das Regensburg der damaligen Zeit.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 28

Veröffentlichungsjahr: 2018

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Den Willy haben sie mir im Zeiserlwagen mitgebracht. Er wurde heute bei der sonntäglichen Frühstreife im Hohengebrachinger Feldstadel aufgegriffen. Willy ist Fürsorgezögling. - Doch das muß ich von vorne erzählen.

Der Winter war so kalt in diesem Jahr, daß die Flüsse einfroren und die Vögel aus der Luft herunterfielen. Die Sterne haben selten so gezittert in der Kälte und der Schnee hat laut geschrien.

Solche Winter werden vermerkt in der Chronik von Regensburg, wo die Donau tot und starr gebannt ist unter einer grüngläsernen Eisdecke sogar um die Joche der Steinernen Brücke. Da könnte man der Brücke entbehren, wenn man von Stadtamhof nach Regensburg herüber will.

Aber zum Frühjahr hin ist doch jedesmal die gleiche Angst, wenn so ein Eisstoß geht, daß die Brücke mitgehen könnte. Darum wollten die Regensburger Schildbürger in früheren Zeiten einmal einen Eisstoß mit Petroleum anzünden.

Um die Faschingszeit war es. Der Fasching war ruhiger in dem Jahr. Die Masken huschten nur geduckt über die Straßen, lautlos und vereinzelt. Nacht für Nacht aber - einmal früher, einmal später - kam eine hagere Frau über die Brücke mit ihrem zehnjährigen Jungen. Sie trug einen Tiroler Hut mit einem Gamsbart über dem Schopf. Der Bub war auch ein kleiner Tiroler. „Mutter“, sagte er dann wohl auf der Brucken, „gehn wir zuerst in die Traubn?“ Und wenn keine Antwort kam: „Mutter, der Wind weht gar so kalt!“-

„Halt's Maul!“ knurrte sie ihn dann wohl an und steckte die Nase noch tiefer in ihr Wolltuch. Dann lief der Junge wieder eine Weile still neben den langen Schritten seiner Mutter – am Brückenmännchen vorbei, das nackt und steinern auf seinem Dächlein sitzt mit dem handgeschützten Blick zum Dom hin.

„Schuk, wie heiß!“ sagt es, ob die Hungersteine bei Deggendorf aus dem ausgetrockneten Donaubett zum Vorschein kommen, oder ob der Schnee in die Augen stäubt wie Splitter und Glas und der Fluß über Winzer und Mariaort hinaus öd liegt, unheimlich wie gestorben. Dann kam Willy durchs Tor vom Brückenturm, der wie ein drohender Wächter am Eingang zur Altstadt steht mit dem Finkler an der Fassade. Dem sitzt zutraulich und steinern nun schon achthundert Jahre ein Vogel auf der Hand. Von der häuserengen Brückestraße herab trutzte das Goliathhaus, eine mächtige Patrizierburg.

„In die Traubn gehen wir jetzt“, sagte ungut die Mutter, „daß du fein munter bist und fest springst!“ Ängstlich duckte sich der Knabe. In den Wirtsstuben wirkte er keck und geübt: wie er zum Wirt trat sein Anliegen vorbrachte, wie er dann die Musiker um ein paar Steirische anging, schuhplattelte, zwischenhinein juchzte, jodelte und sang, und wie er zum Schluß mit seinem Tiroler Hütl von Tisch zu Tisch sammelte. Die Mutter stand dabei und überwachte.

„Ich bin so müd; gehn wir nicht bald heim? Mich friert so, Mutter!“ Aber im Bären ist noch Hausfastnacht, im Blauen Hecht und in der Goldenen Ente. Man muß die Zeit ausnützen. Fasching ist nicht das ganze Jahr. Es ist nur selten Ernte.

Das Licht tut fast weh nach den weiten Gängen durch die Winternacht. Aber warm ist es, überhitzt. Willy hustet. Die schmächtigen Schultern stoßen unter der Tiroler Joppe.