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Mein Großvater Theodor Andresen (1894-1949) befasste sich intensiv mit der Herkunft und den Schicksalen seiner Familie aus Angeln. Ein Schwerpunkt seiner Arbeiten bildete die Geschichte eines Bauernhofes in Wees, der von 1759 bis 1875 im Besitz der Familie Andresen war. Von dessen Bewohnern entsteht mit diesem Buch ein lebendiges Bild vor dem Hintergrund politischer und sozialer Umwälzungen. Der letzte Besitzer verkaufte die alte Hufe in einem unbedachtsamen Augenblick. Von seinen Brüdern setzte nur einer die landwirtschaftliche Tradition fort, während die anderen Geschwister verschiedene Berufe ergriffen. Für dieses Buch wurden von Dirk Meier die alten Schriften seines Großvaters behutsam überarbeitet. In der gleichen Aufmachung sind bereits mehrere Bücher aus der Reihe "Schriften aus dem Familienarchiv Andresen" erschienen.
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2019
Schriften aus dem Familienarchiv Andresen 4 Herausgegeben von Dirk Meier
Theodor Andresen um 1920
„Das ist wohl eine der großen Eigenheiten des Menschen, dass er zu leicht die Gegenwart verflucht und eine bessere Zukunft ersehnt, wenn aber diese Gegenwart zur Vergangenheit ward, sich wieder zurücksehnt nach einer Zeit, die ihm doch in viel schönerem Lichte erscheint.“ – Theodor Andresen
Theodor Andresen
Aus der Geschichte eines Bauernhofes in Angeln
Herausgegeben von Dirk Meier
© 2019, Dr. habil. Dirk Meier
Herausgeber:
Dirk Meier
Autor:
Dirk Meier nach einem Manuskript von
Theodor Andresen
Umschlag: Foto:
Archiv Andresen u. LASH Ausschnitt
Abt. 402, A 4, Nr. 301. Wees
Email:
Verlag:
tredition GmbH
Halenreie 40-44
2359 Hamburg
ISBN:
978-3-7497-3072-8 (Paperback)
978-3-7497-3073-5 (Hardcover)
978-3-7497-3074-2 (e-Book)
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INHALTSVERZEICHNIS
VORBEMERKUNGEN
von Dirk Meier und Theodor Andresen (†)
EINLEITUNG von Dirk Meier
ANFÄNGE
PETER ANDRESEN 1759–1785
WEITERE BESITZER DER HUFE 1785–1805
JENS JACOB ANDRESEN 1805–1846
FRANZ CHRISTIAN ANDRESEN 1846–1865
WITWE ANNA CATHARINA ANDRESEN 1865–1873
CATHARINA MAGDALENA ANDRESEN
JENS PETER ANDRESEN 1873–1875
BESITZFOLGE DER WEESER HUFE
DIE KINDER VON FRANZ CHRISTIAN ANDRESEN
Maria Dorothea Andresen
Nikolaus Andresen
Franz Andresen
Hans Heinrich Andresen
Fritz Andresen
RESÜMEE
LITERATURVERZEICHNIS
Quellen aus dem Familienarchiv Andresen
Literatur
ANHANG
Alte Gewichte, Münzen und Maße
AUTOREN
VORBEMERKUNGEN
Theodor-Franz Andresen wurde am 25. April 1894 als Sohn des Lehrers und Organisten Franz Andresen in Ulsnis an der Schlei geboren. Hier erlebte er mit seinen Geschwistern eine glückliche Kindheit. Immer blieb die Reet gedeckte alte Schule – die heute noch steht – seine innere Heimat und Zuflucht, der Blick auf die Geschichte der alten Bauernfamilie Andresen aus Wees in Angeln gab ihm die moralische Leitschnur seines Lebens und die Kraft im Widerstand gegen die finsterste deutsche Diktatur zwischen 1933 und 1945.
So heißt es u.a. in einem Nachtrag von Juni 1937 im dritten Band der Familiengeschichte: „Das letzte Jahr ist für mich und meine Familie ereignisreich gewesen. Meine seit 15 Jahren innegehabte Stellung bei vorerwähnter Firma [Rumfirma Klepper in Flensburg] musste ich aufgeben.
Unerfreuliche Zerwürfnisse mit meiner Chefin führten – für mich allerdings völlig unerwartet – zu meiner Kündigung. Einige Zeit darauf ging die Firma durch Verkauf in andere Hände über, aber auch bei dem neuen Inhaber war die Bleibe für mich nicht möglich. So wurde ich am 1. Januar 1937 erwerbslos, ein Schicksal, welches über mich kam in einer Zeit, wo man fortgesetzt mit aller Emphase die gewaltigen Leistungen rühmte, die eine nationalsozialistische Regierung in Deutschland im Kampfe gegen die Arbeitslosigkeit, Not und Hunger vollbrachte.
Aber meine Notlage war wohl auch darum herbeigeführt, weil ich mich von Anfang an nicht in die neue Zeit fügen wollte und konnte.“1
Und an anderer Stelle heißt es: „Die natürliche wie gewaltsame Reinhaltung der „Rasse“ birgt unendliche Gefahren und führt unweigerlich zum Niedergang. Auch die Gegenwart wird das begreifen müssen.“
Schon als Schüler las ich immer wieder in den Schriften meines Großvaters mütterlicherseits, bewahrte und sammelte das von ihm begründete Familienarchiv. Bereits 1979 beschäftigte ich mich mit einer Facharbeit im Leistungskurs Geschichte an der Auguste-Viktoria-Schule in Flensburg mit der Weeser Hufe vor dem Hintergrund der Flurreformen Ende des 18. Jahrhunderts im Herzogtum Glücksburg.
Dieses Buch beruht auf dem dreibändigen, 1935/36 geschriebenen Werk von Theodor Andresen „Die Familie Andresen“ und „Die Geschichte eines Bauernhofes und seiner Bewohner“ von 1937“.
Unendlich viel habe ich meinem Großvater zu verdanken, der zehn Jahre vor meiner Geburt am 27.1.1949 infolge eines Magentumors starb, wohl auch Folge seines langen inneren Widerstandes gegen die Diktatur des Nationalsozialismus. Die Erzählungen meiner Mutter (Karen Andresen 1925–2012) und seiner Schwester Anna Andresen (1890–1975) sowie seine hinterlassenen Schriften vermittelten mir aber eine lebendige Vorstellung seines Lebens.
Dieses Buch, das die Geschichte der Hufe in Wees und die der Kinder von Franz Christian Andresen, behandelt, gilt dem Andenken an Theodor Andresen. Seine Texte habe ich übernommen und nur behutsam überarbeitet.
Dank gilt dem Team von tredition für die Drucklegung. Dieses ist der 4. Band innerhalb der Reihe „Schriften aus dem Familienarchiv Andresen“.
Dirk Meier
Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen, das Ewige regt sich fort in allen
Goethe
Hier wird erstmals der Versuch unternommen, über mein Geschlecht, soweit ich dessen Ahnenkette durch meine vieljährigen Nachforschungen festgestellt und alles Wissenswerte von den einzelnen Gliedern derselben gesammelt habe, eine zusammenhängende Darstellung zu schreiben.
Ich hebe hervor, dass ich mich hierbei von ganz bestimmten aus rein persönlichen Betrachtungen und Anschauungen erwachsenen Gedanken leiten lasse.
Es soll dies keine „Familien-Chronik“ im üblichen Sinne sein. In dieser Darstellung soll keineswegs eine nüchterne Aufzählung von Daten, Lebensereignissen usw. vorgenommen werden; auch lege ich keinen Wert darauf, etwa Auszüge aus Kirchenbüchern oder Abschriften anderer Urkunden hier der Reihe nach niederzulegen. Dafür ist mein Familienarchiv da, in welchem das alles gesammelt ist und auf das in der nachfolgenden Darstellung jeweils hingewiesen wird.
Jene persönliche Art aber, mit der ich hier zu Werk gehe, wird gekennzeichnet durch meine individualistische Einstellung zur Welt.
Wenn ich es als wesentlich erachte, jedes Mal am Anfang einer Generation meines Geschlechts eine Art kulturgeschichtlichen Überblick in aller Kürze einzufügen, so folge ich damit zunächst meiner persönlichen Neigung, im Sinne eines nun über 300 Jahre alten humanistischen Geistes zu schreiben2; dann aber ist es die Erkenntnis, dass es bei der Beurteilung des einzelnen Menschen von unschätzbarem Wert ist, ihn in das Licht seiner Zeit hineinzustellen, ihn als ein Glied seiner Umgebung, als ein lebendiges Teil aller zeitgenössischen Erscheinungen zu betrachten.
Die Darstellung des Lebens, so weit bekannt, die Herausstellung des Charakters, alles das ergibt sich dann von selbst.
Die Illustrationen habe ich nach eigenhändigen Skizzen selbst gefertigt.
Theodor Franz AndresenFlensburg, im Herbst 1935
Knicklandschaft bei Rothenhaus in der Nähe von Wees, Angeln. Aquarell von Theodor Andresen
„Landtcarte von dem Fürstenthume Sonderburg als den Ländern Alsen, Sundewitt und Lysburg zu finden“ von Johannes Mejer 1649.
1 Unter der neuen Zeit wird das NS-Regime verstanden
2 Man beachte das Erscheinungsjahr 1935! Der Nationalsozialismus ersetzte den humanistischen Geist durch seine verbrecherische Ideologie.
EINLEITUNG
Von Dirk Meier
Das Dorf Wees im Kirchspiel Munkbrarup in Angeln, aus dem meine mütterliche Familie Andresen stammt, gehörte von 1564 bis 1779 zum kleinen Herzogtum Glücksburg, dessen Landesherren mit dem Schloss Glücksburg eine aufwendige Hofhaltung betrieben, welche ihre ökonomischen Möglichkeiten weit überschritt. Die wirtschaftliche Lage der Bauern war schlecht.3 Die Höfe der Hufner bzw. Bohls als Vollbauern waren durch eine „Feste“ als Abgabe an die Glücksburger Herzöge als Grundherrn gebunden. Das Festerecht gestattete den Hufnern die selbständige Nutzung des ihnen überlassenen Landes, sie wurden jedoch zu Hofdiensten auf dem Glücksburger Vorwerk, dem adeligen Wirtschaftshof, herangezogen.
Für Festehufen galt das Erstgeburtsrecht. Zuerst erbte der älteste Sohn und dann seine Söhne und Töchter in aufstrebender Linie, darauf die jüngeren Söhne in der Altersordnung, dann die älteste Tochter und ihre Familie. Waren keine Kinder vorhanden, traten die aufsteigenden Seitenlinien von den Geschwistern des Bruders in gleicher Weise ins Erbrecht. Mit der Verordnung König Christian VII. vom 14.4.1776 belehnte die Krone die schleswigschen Bauern mit Grund und Boden und schuf so kleine Majorate, die erst nach dem Aussterben des ganzen Geschlechts an den König zurückfallen konnten. Jegliche Erbfeste war unteilbar.
Die dänische Regierung wollte sowohl aus humanen wie aus fiskalischen Gründen einen kräftigen Bauernstand schaffen und begünstigte daher den ältesten Sohn auf Kosten der übrigen Erben, ohne jedoch dem Recht des Einzelnen zu nahe zu treten. Der älteste Sohn oder Erbe hatte ausschließlich das Recht auf den Boden, oder richtiger, er trat in das Recht der Krone ein; das Sonderrecht der Witwe, die Bewirtschaftung des Hofes auf den Festbrief des Mannes hin fortzusetzen, wurde aufgehoben. Sie erhielt eine Abnahme und besaß ein Miterbenrecht zusammen mit den Kindern auf die Gebäude des Hofes und auf das lebende und tote Inventar, welches vom neuen Besitzer nach Taxation ebenso wie das bare Geld und sonstige Vermögen unter den Partnern zur Teilung kam.
Die Hufner bildeten Dorfweise Feldgemeinschaften. Diese übergaben den einzelnen Bauern befristet gleichwertige und gleichgroße Ackerschläge zur Bewirtschaftung. Der bebaubare Boden war in Schlägen oder Kämpen eingeteilt. Deren Bestellung bestimmte dabei die Feldgemeinschaft ebenso wie den Ablauf der Feldarbeiten und das Verhältnis zwischen den Weide- und Ackerjahren im Rahmen des Flurzwangs. Unabhängig von der Feldgemeinschaft besaßen die Hufner Nutzungsrechte an der Allmende, dem unaufgeteilten Grundbesitz aus Weideland, Mooren und Wasserflächen. Unterhalb der Ebene der Hufner standen die Kätner als Kleinbauern und die Insten, die überwiegend als Tagelöhner oder Handwerker die unterste soziale Schicht bildeten. Auch innerhalb der einzelnen Schichten gab es soziale Unterschiede.
Nach Vergleichsangaben besaßen die Hufner in Wees in dieser Zeit meist acht Pferde, vier Kühe, zwei Starken, einige Kälber, mehrere Schweine, Ferkel sowie Schafe. Der Bestand an Milchkühen war demnach nur klein. Auch der Milchertrag war weit geringer als heute. Hingegen verfügte das herzogliche Vorwerk 1720 über 65 Milchkühe, aber nur vier Pferde, da die abhängigen Hufner jeweils wohl vier Pferde zur Bewirtschaftung zu stellen hatten. Der Bestand des Vorwerks änderte sich in den folgenden Jahrzehnten nicht.
In dem zum Herzogtum Glücksburg gehörenden Dorf Wees ruhte auf jeder vollen Hufe eine jährliche Belastung von 7 Reichstalern, 31 Schilling und 6 Pfennigen. Hinzu kamen Naturalabgaben.4 Zudem mussten die Bauern Hilfe bei der Ausübung der herzoglichen Jagd gewähren. Dafür hatte Herzog Johann im 16. Jahrhundert einen Jagdzaun errichten lassen, der den Süden seines kleinen Herzogtums abschloss. Die Bauern mussten dieses Plankwerk nicht nur unterhalten, sondern auch die Tiere treiben, die Jagdwagen fahren, das erlegte Wild tragen und die Netze nach beendeter Jagd einsammeln. Mag die Jagdfronde noch erträglich gewesen sein, so wurden bei der Jagd doch die Felder in Mitleidenschaft gezogen.
Diese Hofdienste verhinderten ebenso wie die starre Regelung der Feldgemeinschaft mit ihrem Flurzwang jeden ökonomischen Aufschwung der Landbevölkerung. Daher beabsichtigte die königliche Regierung im Zeitalter der Aufklärung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, aber auch aus fiskalischen Gründen umfangreiche Agrarreformen.
Diese kamen auch in Glücksburg zum Tragen, als nach dem Tode des letzten Herzogs das Gebiet an den dänischen König zurückgefallen war und am 19.3.1779 in den dänisch regierten Anteil des Herzogtums Schleswig eingegliedert wurde. Die Munkbrarupharde vereinigte man dabei mit dem Amt Flensburg.5 Die Glücksburger Gesetze wurden denen des Königreiches angepasst.
Die Aufhebung der Feldgemeinschaften und die Verkoppelung, wodurch die Hufner Privateigentum erhielten, standen im Mittelpunkt der Reformen. Gleichzeitig setzten sich auch neue Anbaumethoden, wie der Anbau von Kartoffeln oder von Klee, durch. Die alte, von den Bauern der Dörfer bislang gemeinschaftlich betriebene Dreifelderwirtschaft mit Winterfrucht, Sommerfrucht und Brache wich im ehemaligen Herzogtum Glücksburg 1785 einer „verbesserten Dreifelderwirtschaft“. Mit dieser aufkommenden Fruchtwechselwirtschaft mit Mergelung und besserer Düngung der Felder stiegen die Erträge. Auch im Gebiet von Wees war das Mergeln der Felder aufgrund der sandigen Böden der Munkbraruper Endmoräne und des Oxbüller Sanders notwendig.6
Infolgedessen steigen die Ernteerträge, und der Viehbestand verdoppelt sich etwa. Anstelle der Schweinemast im Wald oder auf den Feldern tritt die Ernährung aus der Hauswirtschaft. Trotz individueller Wirtschaft werden auch neue soziale Einrichtungen im Dorf, wie die Brandgilden, bedeutsam. Zuvor mussten die leicht brennbaren Fachwerkbauten mit ihren Reetdächern nach einer Feuersbrunst mühsam von den Betroffenen wiedererrichtet werden. Trotz aller Fortschritte in der Landwirtschaft bleibt die Ernährung der bäuerlichen Familien einfach, noch lebt man vom selbstgebackenen Roggenbrot, dem selbstgeräucherten Speck, der Buchweizengrütze und der Kartoffel als neuer Frucht.
Für die Verbreitung der Kartoffel, die man bis dahin nur in Botanischen Gärten anbaute, setzte sich im Herzogtum Glücksburg der 1702 in Langballig geborene aufgeklärte Landwirtschaftsreformer und Agrarökonom Phillip Ernst Lüders ein. Nach seinem Studium der Theologie in Wittenberg war er 1728 Diakon an der Munkbraruper Kirche geworden und wirkte dann seit 1755 bis zu seinem Lebensende 1786 als Propst und Hofprediger in Glücksburg. Hauptsächlich beschäftigte sich Lüders mit Fragen der Theorie und Praxis der Landwirtschaft. Unter dem Pseudonym Pelagus veröffentlichte er 52 Abhandlungen zu allen Fragen der Reform der Landwirtschaft und des ländlichen Bildungswesens. Zu seinen Hauptwerken gehörten: Grundriß einer zu errichtenden Ackerschule, in welcher die Landes-Jugend zu einer richtigen Erkenntniß und Uebung im Landbau eingeführet und zubereitet werden könne (1769) und Näheres Bedenken über den Gebrauch der Erde, wenn Freiheit und Eigenthum, wo ihnen beides fehlet, bei dem Bauernstande sollte eingeführet werden (1770). Hinzu kamen weitere Werke wie Die Bienenzucht aus eigener Erfahrung (1784).
Er machte auch praktische Versuche auf von ihm angelegten Feldern mit Rotklee, Hopfen, Korb-Weiden und Maulbeersträuchern. Am 13. Juli 1763 wurde auf seine Anregung die Königliche Dänische Ackerakademie als loser Zusammenschluss von Bauern, Lehrern und Pastoren gegründet. Diese erste ökonomische Gesellschaft Schleswig-Holsteins musste aber 1767 schon wieder schließen, da der geistliche Vorgesetzte in Kopenhagen Anstoß am weltlichen Treiben nahm. Im Zeitalter der Aufklärung war der Agrarökonom Lüders Physiokrat. Er suchte in Anlehnung an die Lehre des Franzosen François Quesnay, den Volkswohlstand durch die gezielte Bearbeitung von Grund und Boden zu sichern. Durch seine Schriften wurde Lüders so zu einem Vorreiter der Erwachsenenbildung und -pädagogik.7
Die erste Vermessung der Gemeindefluren und Dorfgrenzen im Kirchspiel Munkbrarup geht auf das Jahr 1707 zurück. Zur Zeit der ersten Fluraufteilung 1781 umfasste das Kirchspiel etwa 6.000 Tonnen (ca. 4.200 ha) agrarisches Nutzland.8 Bereits 1782 war die Feldaufteilung beendet, da dieser keine hemmenden Grundstücksverhandlungen entgegenstanden, die sich andernorts mit Streitigkeiten oft über Jahre hinzogen.
In Wees reichen sechs Hufen bis 1582 zurück, 1685 werden sieben Hufen erwähnt und 1782 ebenfalls sieben.9 Demnach hatte sich das Dorf in herzoglicher Zeit nicht vergrößert. Bei den Hufen und Katen war der Anteil der Wiesen im Verhältnis zum Ackerland nur gering. Anders als die im Ortskern von Wees gelegenen Hufen wurden die Kätner auf die Außenländereien verdrängt. Ihnen wurde Allmendegrund mit kleinen Ackerfeldern zugestanden.
Eine auf diese Weise entstandene Katensiedlung bildet Weesries. Wie aus der Flurkarte von 1781 ersichtlich ist, lagen die meisten gleichgroßen und gleichwertigen Hufen im Ortskern von Wees umgeben von Feldern, Wiesen und Mooren für die Brenntorfgewinnung.10
Die Geschichte eine dieser Hufen (Nr. 100), die sich von 1759 bis 1875 im Besitz meiner mütterlichen Vorfahren, der Familie Andresen, befand, sei im Folgenden beschrieben.11 Die von meinem Großvater Theodor Andresen erfolgten Forschungen zur Hofgeschichte stützen sich neben Urkunden und anderen Schriftzeugnissen12 auch auf die Erzählungen und Niederschriften seines Vaters Franz, der 1856 auf der Weeser Hufe geboren wurde.
3 Meier 1979; Prange 1971, 256 ff.
4 Meier 1979; Prange 1971, 256, 262 ff.
5 Allg.: Behrend 1964; Prange 1971; für Munkbarup u. Wees: Meier 1979; Stüdtje 1975; 1976a/b.
6 Behrend 1964; Meier 1979, 35; Prange 1971.
7 Meier 1979, 34 ff.; Schröder-Lemke 1987.
8 Meier 1979; Stüdtje 1975; 1976a/b.
9 Meier 1979, 38 ff.; Stüdtje 1976, Chronik Munkbrarup Bd. 2, 586 ff.
10 Landesarchiv Schleswig-Holstein (LASH) Abt. 402 A 4 Nr. 301. Für ein Digitalsat der Flurkarte von Wees von 1781 danke ich Veronika Eisenmann.
11 Andresen 1937. Auf der Flurkarte von 1781 wird er falsch als Peter Andersen genannt.
12 Abschriften aus dem ehemaligen Preußischen Staatsarchiv in Kiel (jetzt: Landesarchiv Schleswig-Holstein) ruhenden alten Kirchen-, Erd- und sonstigen Büchern der Munkbrarupharde, die Theodor Andresen freundlicherweise vom Direktor i.R. H. N. Andresen, Flensburg, zur Verfügung gestellt wurden. – Einsichtnahme in die Kirchenbücher der Gemeinde Munkbrarup im Angler Kirchenbucharchiv in Sörup durch Th. Andresen. – Einsichtnahme in die Schuld- und Pfandprotokolle der Munkbrarupharde im Gerichtsarchiv Flensburg durch Th. Andresen. – Niederschriften im Nachlass des Lehrers und Organisten Franz Andresen, Flensburg. Archiv Andresen. – Tagebücher des Kaufmanns Fritz Andresen, Flensburg (Nachlass) aus den Jahren 1883–1888. Archiv Andresen. – Originalurkunde der Erbteilungs- und Uebertragungsacte von Franz Christian Andresen auf seinen Sohn Jens Peter Andresen vom 6. November 1873. Archiv Andresen.
ANFÄNGE
Nach Kirchenbucheintragungen des Kirchspiels Munkbrarup in Angeln reicht die schriftlich fassbare Geschichte der Andresens mit ihren Vorfahren bis in das 17. Jahrhundert zurück. Munkbrarup gehörte in dieser Zeit zum Herzogtum Glücksburg. Dieses war erwachsen aus demjenigen Teil der 1564 und 1582 von dem königlichen Anteil der Herzogtümer Schleswig-Holstein für Hans den Jüngeren als abgeteilten Herrn abgetrennten Besitzungen, die nach dessen Tod 1622 dem zweitjüngsten Sohn Phillip (1622–1663) zugefallen waren. Es umfasste in Angeln die Munkbrarupharde mit dem Schloss Glücksburg als Sitz der Herrschaft, jenseits der Flensburger Förde auf Sundewitt (Sundeved) die Nübelharde und einen Teil der Insel Aerø sowie einige Güter in Angeln. Der glücksburgische Anteil von Aerø ging 1750 durch Verkauf an den König über, die übrigen Besitzungen fielen diesem nach dem Tod des letzten glücksburgischen Herzogs 1779 zu.13
Nur die Munkbrarupharde hatte in herzoglicher Zeit zu einem überwiegend geschlossenen Herrschaftsgebiet gemacht werden können. Bezeichnend für Glücksburg wie für die anderen sonderburgischen Fürstentümer war die große Zahl der herrschaftlichen Vorwerke. Die im Kriege wüst gefallenen Bauernstellen wurden von Herzog Hans und den folgenden Herzögen durch Vorwerke ersetzt, die mit täglichen Hofdiensten der Untertanen bestellt wurden. Später verpachteten die Herzöge ihre Vorwerke. In bestimmten Grenzen leisteten auch die Bauern den Herzögen weiterhin Dienste. Auf den Bohlsmann kamen, wie es für einzelne Freileute schon seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert belegt ist, gewöhnlich acht Tage, die auf Pflügen, Mähen und Düngerfahren verteilt waren. Die Kätner dienten wöchentlich ein oder zwei Tage. Neben diesen ordentlichen Hoftagen wurden nicht näher bestimmte außerordentliche Dienste verrichtet, wie für Schloss und Garten, Brücken, Schleusen, Dämme und Deiche oder Reparaturen an Zäunen und am Plankwerk (herzogliche Jagdzaun). Diese durch die Bedürfnisse der fürstlichen Hofhaltung vermehrten Fuhren bedeuteten eine starke Belastung. Trotzdem waren nicht die Dienste, sondern die in Geld erhobenen Abgaben die größte Belastung für die Untertanen. Diese waren persönlich frei. Zwar behaupteten die Glücksburger Herzöge noch im 17. Jahrhundert die Leibeigenschaft und ließen sich entlaufene Untertanen wieder einfangen und verboten das Abziehen der Leute 1731 und 1736 durch ein Mandat, doch begründeten sie dies mit ihrer angeborn Landesherrschaft schuldigen untertänigsten Respekt. 1738 ging der Herzog ganz ausdrücklich davon aus, dass die Eingessenen des glücksburgischen Lehns den Eingesessenen der königlichen Ämter gleich und nicht leibeigen seien.14
Peter Jacobsen ist der Erste in meiner Ahnenkette, der bisher festzustellen ist. Peter Jacobsen, geb. 1662, gest. 18.6.1724 (alt 62 J.), verh. 28.10.1688 lautet der Eintrag im Kirchenbuch von Munkbrarup. Fraglich bleibt es, ob es jemals gelingen wird, diese Kette weiter in die Vergangenheit zu verfolgen. Alles Wissen um diesen Stammvater beschränkt sich auf die vorstehenden Daten. Dennoch will ich mich bemühen, ein wenig mit anderen Mitteln die Gestalt dieses Menschen zu umreißen, sie sozusagen aus der Nacht der Unkenntnis in den ersten Dämmerschein visionärer Ahnungen hinein zu rücken.
Versuchen wir zunächst, einen, wenn auch, dürftigen Einblick zu gewinnen in die Zeit um 1660. Wenn wir uns in die geschichtlichen Vorgänge jener Tage vertiefen, sammeln wir fast nur bittere Kenntnisse. Das vorherige Jahrhundert, das 16., war für unser Land ein Jahrhundert des Wohlstandes und des Aufstiegs. Es wird nicht mit Unrecht das Goldene genannt. Aber bald nach dem Jahrhundertwechsel beginnt ein düsteres Gewölk über unser Land aufzuziehen. Eine lange Zeit furchtbarer Kriegswirren beginnt. Was das in jenen Tagen bedeutete, davon haben wir traurige Kunde in Hülle und Fülle.
Da ist zunächst der 30-jährige Krieg, der auch bei uns in die entlegensten Landschaften dringt. Söldnerscharen ziehen durch Dorf und Feld, brennen, plündern und morden. Den armen Bauern werden unerträgliche Lasten aufgebürdet. In den Jahren 1644 und 1645 verwüstet die Soldateska des Schweden Torstenson ganz besonders den nördlichen Teil der Landschaft Angeln. Wenn auch 1645 zwischen Dänen und Schweden einstweilen Friede geschlossen wird, so dass man überall im Lande Dankgottesdienste abhält, so wütet doch schon im Jahre 1657 wieder der Polackenkrieg.15 Es ist jener Krieg, in welchem der brandenburgische Große Kurfürst mit Hilfe von kaiserlichen und polnischen Truppen dem von Schweden bedrängten dänischen König zur Seite steht und in die Herzogtümer einfällt. Die Schand- und Missetaten der polnischen Truppen schreien gen Himmel. Sie graben sich auf lange Zeiten in tief in das Gedächtnis der Bevölkerung ein. Auch nach den Polackenkriegen kommt das Land nicht zur Ruhe. Der nordische Krieg bricht aus (1700–1721). Auf der einen Seite steht der dänische König, auf der anderen der schwedische und der Herzog von Gottorf. Brandschatzend bricht der gefürchtete schwedische General Steenbock in die Herzogtümer ein. Erst 1721 wird der Friede geschlossen.
Wie furchtbar die Kontributionen waren, geht daraus hervor, dass in einem noch gelinden Falle eine Hufe 82 Taler jährlich entrichten muss. Eine Kuh kostet höchstens 6–10 Taler, eine Tonne Roggen 1 Taler. Bargeld ist nicht vorhanden. Hinzu kommen Misswachs, Wolfsplagen und Seuchen bei Menschen und Vieh.
Schloss Glücksburg 1755. Herzogs Friedrichs Rückkehr von der Jagd. Foto: Remmer, Flensburg
Die Zustände sind oft erschreckend. Wohl ist die Kirche der Mittelpunkt des Dorfes, wohl gilt sie als eine unumstößliche Autorität – aber die Schrecknisse des Krieges, die Verwahrlosung der Sitten in ihrem Gefolge rütteln auch an ihrer Macht. Der Kirchenbesuch lässt zu wünschen übrig, der Sonntag wird entheiligt; 1642 wird die Pflicht auferlegt, wenigstens einmal im Jahre zum Tisch des Herren zu kommen; ja man befestigt hier und da an den Mauern der Kirchen oder an den Glockentürmen jene berüchtigten Halseisen, um den Sünder, für den es noch keine Gefängniszelle im modernen Sinne gibt, an den Pranger zu stellen. Im Gottesdienst selbst setzt man sich gar oft in ungebührlicher Weise über die Heiligkeit des Ortes hinweg. Man kommt mit Verspätung, man geht, wie es einem behagt, man schwatzt während der heiligen Handlung. Vielleicht lässt sich einwenden, dass sie in einer Zeit, in der die hochdeutsche Sprache im Gottesdienst Eingang findet, die Bevölkerung, deren Umgangssprache die angelsächsische oder jütische Mundart ist, nicht den Worten des Geistlichen zu folgen vermag.
Noch zur Geburt von Peter Jacobsen 1662 regierte im Herzogtum Glücksburg Herzog Philipp (*1584, †1663), der vierte Sohn Johann des Jüngeren, des Erbauers des Glücksburger Schlosses und Stammherrn des Hauses Schleswig-Holstein-Sonderburg (jüngere königliche Linie). Wie sein Vorgänger Herzog Johann der Jüngere, der von 1564 bis 1622 das kleine Herzogtum regierte, versuchte auch Herzog Philipp, der Zeit entsprechend, seinen Besitz zu vergrößern. Bauernhöfe werden niedergelegt. Der Bauer, welcher durch die Kriegszeiten mehr und mehr verarmt, gerät jetzt in Abhängigkeit von Fürsten und Adel. Es sind auch die Zeiten, in welcher der Schutz von Leib und Gut eben völlig in den Händen dieses Herrenstandes liegt. Er hat die Gerichtsgewalt, er schützt die Untertanen gegen ein Verbittelsgeld, also durch eine Abgabe.
