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In dieser Biographie seines im Ersten Weltkrieg gefallenen ältesten Bruders Nikolaus beschrieb sein jüngster Bruder Theodor Andresen dessen Leben von der Kindheit im ländlichen Ulsnis an der Schlei bis hin zum grausamen Töten in den Schützengräben. Dazwischen liegen die Jahre der Schulzeit in Flensburg und das Studium an den Universitäten Tübingen, Berlin und Kiel, das Nikolaus Andresen 1912 mit dem Staatsexamen abschloss. Danach genügte er seiner Militärpflicht, nur kurz als Lehrer in Husum tätig, musste er als Soldat in den Ersten Weltkrieg ziehen. Seine zahlreichen Briefe, seine Anklage gegen das Grauen aber auch die romantischen Schilderungen und Träumereien als Student im Kaiserreich haben bis heute nichts von seiner Aktualität verloren. Von Dirk Meier wurde die von seinem Großvater verfasste Biographie behutsam überarbeitet und für dieses Buch ergänzt.
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Seitenzahl: 427
Veröffentlichungsjahr: 2019
Schriften aus dem Familienarchiv Andresen 1
Herausgegeben von Dirk Meier
Leutnant Nikolaus Andresen (18.1.1884 – 18.9.1915)
Der Krieg ist entsetzlich, das schrecklichste auf Erden, der Gipfel aller Leiden, die es auf der Welt gibt. Brand gegen Brand, Mord gegen Mord. Aber richtet Euren Blick auf das Ganze, auf das Schicksal, auf das Ideale, auf Gott oder wie Ihr die höchste Philosophie, die in Religion endet, nennen wollt.
Nikolaus Andresen in seinen Feldpostbriefen
Nikolaus Andresen
Eine Biographie aus der Kaiserzeit
Herausgegeben von Dirk Meier
© 2019, Dr. habil. Dirk Meier
Herausgeber:
Dirk Meier
Autor:
Dirk Meier nach einem Manuskript von Theodor Andresen
Umschlag:
Nikolaus Andresen (links) mit Kameraden. Foto: Archiv Andresen
Email:
Verlag&Druck:
tredition GmbH,Halenreie 40-44,22359 Hamburg
ISBN:
978-3-7497-2375-1 (Paperback)978-3-7497-2376-8 (Hardcover978-3-7497-2377-5 (e-Book)
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INHALTSVERZEICHNIS
VORBEMERKUNGEN
von Dirk Meier
KINDHEIT IN ANGELN
von Theodor Andresen (†) und Dirk Meier
SCHULZEIT IN FLENSBURG
von Theodor Andresen (†)
STUDIIUM IN TÜBINGEN, KIEL UND BERLIN
von Theodor Andresen (†)
EINJÄHRIG FREIWILLIGER IN FLENSBURG UND MANÖVER IN MECKENBURG
von Theodor Andresen (†) und Dirk Meier
LEHRER IN HUSUM
von Theodor Andresen (†)
ERSTER WELTKRIEG
von Theodor Andresen (†) und Dirk Meier
Julikrise und Kriegsausbruch
Zu den Feldpostbriefen von Nikolaus Andresen
Der deutsche Einmarsch in Belgien
Der Vormarsch des IX. Korps in Belgien
Der Vormarsch des IX. Korps in Frankreich
Die Schlacht an der Marne
Stellungskrieg am Chemin des Dames an der Aisne, bei Moulin-les-Touvent und Nampcel
Winterschlacht in der Champagne
Stellungskrieg bei Somme-Py
Von der Westfront zur Ostfront und Schlacht am Narew
Der Vormarsch vom Narew zum Njemen
Gefecht bei Bartosze
EPILOGE
von Theodor Andresen (†) und Dirk Meier
NACHWORT
von Theodor Andresen (†)
ANHANG
Stationen von Nikolaus Andresen im Krieg 1914/15
Aus dem dichterischen Nachlass von Nikolaus Andresen
Verzeichnis militärischer Abkürzungen
LITERATURVERZEICHNIS
Quellen aus dem Familienarchiv Andresen
Literatur
AUTOREN
VORBEMERKUNGEN
Nikolaus Andresen, der 1884 in Scheggerott in Angeln geboren wurde und im Ersten Weltkrieg an den Folgen einer am 17. September 1915 erlittenen schweren Verwundung einen Tag später im Lazarett in Nordpolen starb, ist mein Großonkel mütterlicherseits. Sein jüngster Bruder, mein Großvater Theodor Andresen, 1894 in Ulsnis geboren und 1949 in Flensburg gestorben, hat bereits 1932 eine beeindruckende Biographie seines ältesten Bruders verfasst. Sein aufgebautes Familienarchiv Andresen, das auch die Briefe von Nikolaus Andresen aus der Schüler- und Studentenzeit enthält, ist ebenso bewahrt wie seine eindrucksvolle Feldpost. Es wird seit dem Tod seiner Schwester Anna Andresen 1975 von mir fortgeführt. Bis 2010 wurden alle Schriften von Theodor Andresen digitalisiert und teilweise ergänzt. Die Feldpost von Nikolaus Andresen hatte ich bereits ebenso wie das Lebensbild seines Vaters Franz Andresen, Lehrer und Organist in Ulsnis und die Geschichte der Hufe in Wees, Kreis Schleswig-Flensburg, in Aufsätzen von 2015 bis 2017 in „Natur- und Landeskunde. Zeitschrift für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg“ publiziert.
Nikolaus Andresen wurde nach seiner Kindheit in Ulsnis, wo er die Dorfschule seines Vaters besuchte, 1897 an die Oberrealschule in Flensburg geschickt. Dort bestand er 1905 die Reifeprüfung. Es folgte das Studium der Philologie von 1905–1906 in Tübingen, 1906–1908 in Kiel, 1908–1909 in Berlin mit einem pädagogischem Praktikum in Strausberg und 1910–1912 wieder in Kiel, wo er an der Christian-Albrechts-Universität 1912 das große Staatsexamen bestand, damit einer Universität, an der auch ich studiert, promoviert und habilitiert habe. Anschließend genügte Nikolaus Andresen als Einjährig-Freiwilliger beim Füsilier Regiment 86 (Königin) in Flensburg seiner Dienstpflicht und machte 1913 die großen Manöver in Mecklenburg mit. Danach war er kurze Zeit Kandidat des höheren Lehramtes am Herrmann-Tast-Gymnasium in Husum. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges zog er als Vizefeldwebel der Reserve mit dem Infanterieregiment Nr. 84 Manstein (Schleswigsches) ins Feld. Sein Vater Franz Andresen hat die Stationen seines Sohnes im Krieg festgehalten:
„Als der Krieg ausbrach, war er eifrig bemüht mit den Vorarbeiten für die Oberlehrerprüfung1 In der Nacht zum 4. Aug. musste er die Eltern und Geschwister in Flensburg verlassen, um sich in Schleswig zu stellen beim Inf. Regt. Nr. 84. zum OffizierStellvertreter ernannt, zog er begeistert in den Kampf. Von Lüttich ging´s durch Belgien nach Frankreich hinein. In dem Gefecht bei Mons erhielt er einen Streifschuss, blieb aber bei der Truppe und machte die schweren Märsche mit bis in die Nähe von Paris. An der Marne erging er mit knapper Not der Gefangenschaft. Der Rückzug von der Marne brachte unsägliche Strapazen und Hunger. Das I. Batl. des Regts. 84 lag im darauffolgenden Schützengrabenkampf bei Nampcel in der Gegend von Blérancourt. Im Oktober 1914 erhielt er das EK II. Kl. Im folgenden Monat wurde er Leutnant der Reserve in der 2. Komp., zu der er von Kriegsbeginn an gehörte. Im Kriegsjahr 1915 kam er mit seinem Batl. nach der Champagne; in der Gegend von Somme-Py lag er monatelang. Mehrfach war er stellvertretender Kompagnieführer in seiner Kompagnie und auch in den anderen Kompagnien des 1. Batl. Im Juni 1915 durfte er seinen ersten Heimaturlaub antreten. Auf der Reise in die Heimat besuchte er seinen jüngsten Bruder in Magdeburg, der in einem dortigen Lazarett wegen erforener Füße und Hände, die er in der Masurenschlacht erlitten, behandelt wurde. Die wenigen Urlaubstage waren für ihn wie für die seinen eine große Freude. Im Juli 1915 kam das Regiment mit anderen Truppen nach der Ostfront in Polen. In der Nähe von Ostrolenka [polnisch: Ostrołęka, Woiwodschaft Masowien, deutsch: Ostrolenka] kam es am 1. Aug. zum Kampf. Die Russen hatten einen hohen Eisenbahndamm besetzt, den die Deutschen stürmen sollten. Als der Angriff begann, wurde der Hauptmann der 2. Komp. schwer verwundet, so dass Leutnant Andresen die Führung der Kompagnie übernehmen musste. Der Angriff auf die russische Stellung wurde mit Erfolg durchgeführt, der Eisenbahndamm erobert und die Russen flohen. Alle 3 Leutnants der 2. Komp. wurden verwundet, Nikolaus erhielt einen Maschinengewehrschuss in den linken Unterarm. Auf der Verbandsstelle verbunden, wurden die weniger schwer Verwundeten nach rückwärts transportiert. Nikolaus durfte nach Flensburg reisen. Herrliche und schöne Tage waren es, die er hier in der Heimat mit Eltern und Geschwister verbringen durfte. Als die Wunde geheilt war, trieb ihn das Pflichtgefühl wieder an die Front. Sein Regiment war während seiner Abwesenheit in Polen hinein nach Osten gegangen und weiter in Russland bis an den Njemen. Er traf in der ersten Septemberwoche bei seinem Regt. ein und übernahm die Führung der 2. Komp. Am 17. Sept. stand er mit den Russen im Kampf bei Bartosze [in der Nähe von Grodno/Hrodna]. Er ging der Kompagnie voran einen Hügel hinauf. Oben auf der Höhe schwenkte er seinen Degen und feuerte seine Leute zum Vorgehen an. Da traf ihn eine Granate. Es war ein schwerer Bauchschuss. Ärztliche Hilfe war bald da. Er wurde nach dem Feldlazarett Ozdobycze gebracht, wo er nach 14 Stunden am 18. Sept. 1915 verstarb. Bei dem Feldlazrett Ozdoboycze ist er in einem Sarge in einem Einzelgrab bestattet.“2
Auch sein jüngerer Bruder Theodor musste sich im November 1914 stellen, verbrachte eine zweimonatige Ausbildung im Lager Döberitz bei Berlin und machte die Schlacht an den Masurischen Seen 1915 mit, wo ihm teilweise die Füße und Hände erfroren. Operationen und ein langes Krankenlager in Magdeburg schlossen sich an, bis er schließlich als untauglich entlassen wurde. Seine Kriegserlebnisse beschrieb Theodor 1938 in einem Kunstschriftband, den ich 2005 von meiner Cousine Britta Andresen aus Kopenhagen erhielt und 2010 für das Archiv ebenso edierte wie seine Feldpost. Beide Brüder, kaum an der Front, hassten den Krieg, der eine blieb im Felde der andere überlebte mit schweren Verwundungen. Mit den Worten „Nie wieder Soldat, nie wieder Krieg“ beendete Theodor Andresen seine Erinnerungen.
In seinem 1932 verfassten Manuskript „Dem Gedächtnis meines Bruders Nikolaus Andresen 1884–1915“ ging es ihm um die Schilderung der inneren und äußerlichen Persönlichkeit seines zehn Jahre älteren Bruders und nicht um eine Darstellung der Kriegsgeschichte, da bereits die Feldpost von Nikolaus eine deutliche Sprache spricht. 1938 edierte er alle Kriegsbriefe von Nikolaus Andresen in einem Kunstschriftband, den ich 1995 mit militärhistorischen Ergänzungen digitalisierte. Der Kriegstod von Nikolaus war ein schwerer Schlag für die Familie, besonders für seinen Vater, dessen Tod 1921 dadurch beschleunigt wurde.
Franz Andresen hatte 1914 für die Kriegserinnerungen seines ältesten Sohnes Nikolaus ein kostbares, in Leder gebundenes Buch angeschafft. Zur Niederschrift fand er aufgrund des Kriegstodes seines ältesten Sohnes nicht mehr die Kraft. Nachdem es der Vater jahrelang verschlossen hatte, machte Theodor daraus 1929 „Das Bunte Buch“, das „von den Früchten des Friedens“ reden sollte, wie es im Vorwort heißt. Es ist noch im Archiv Andresen verwahrt.
Als Theodor die Kriegspost seines gefallenen Bruders edierte und seine eigenen Kriegserlebnisse 1938 niederschrieb, konnte er nicht ahnen, dass 1939 in Europa der Zweite Weltkrieg ausbrechen sollte. Auf der Liste der Gestapo stehend überlebte er die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur nur unter vielen inneren Drangsalen. Noch einmal musste Theodor Andresen 1945 beim Flensburger Volkssturm ein Gewehr in die Hand nehmen. Er warf es hin und ging nach Hause. Mit der nationalsozialistischen Diktatur hatte er sich als Schleswiger Dänemark zugewandt. Seinen Sohn Helge, meinen Patenonkel, schickte er daher auf die dänische Duborg Skole in Flensburg. Er ging von dort nach dem Abitur nach Kopenhagen zum dänischen Teil unserer Familie.
Wir wollen hier nicht den Versuch unternehmen, an Hand der Briefe von Nikolaus Andresen eine Kriegsgeschichte zu schreiben, denn eine solche müsste auch belgische, französische und russische Quellen berücksichtigen.3 Dieses Buch schildert vielmehr, angelehnt an das 1932 von Theodor Andresen verfasste Manuskript als historische Biographie das Leben von Nikolaus Andresen auf der Basis der im Familienarchiv Andresen vorhandenen Quellen. Seine Briefe erscheinen in kursiv in der damaligen Rechtschreibung.
Dirk Meier
Ausschnitt der Karte der preußischen Provinz Schleswig-Holstein von 1905 mit Lage von Ulsnis in Angeln
Lage von Ulsnis auf der Reichskarte Umgebung von Schleswig
1 Prüfung am Abschluss des einjährigen Praktikantenjahres (Referendariat).
2 Theodor Andresen 1932, 103 ff.
3 Die 2018 erschienene Publikation über Nikolaus Andresen von meinem jüngeren Bruder Frank Meier, die teilweise auf meinen Forschungen basiert, wurde von mir aus dem Archiv Andresen ergänzt und Fehler korrigiert. Hinsichtlich der Kriegsgeschichte berücksichtigt es leider nur bekannte deutsche Literatur und keine alliierten Quellen. Auch fehlen Karten und Fotos. Vgl. Theodor Andresen u. Frank Meier 2018.
KINDHEIT IN ANGELN
von Theodor Andresen (†) und Dirk Meier
Nikolaus Franz Christan Andresen wurde am 28. Januar 1884 in Scheggerott, Kreis Schleswig, geboren. Sein Vater war der Lehrer Franz Christian Andresen am selben Ort, seine Mutter Anna Christine Andresen, geb. Petersen. Franz Andresen entstammte einer alten Bauernfamilie aus Wees in Angeln4, die Mutter aus Handwerker- und Kätnerkreisen der Umgebung Tonderns in Nordschleswig.
Franz Andresen erblickte am 8. März 1856 als Sohn des Hufners Franz Christian Andresen und seiner Ehefrau Anna Catharina, geb. Simonsen, in Wees das Licht der Welt.5 Bereits im neunten Lebensjahr verlor Franz seinen Vater, sodass seine Mutter mit sieben Kindern alleine dastand und die Hufe mit einem Verwalter weiter bewirtschaftete. Franz musste bereits in frühen Jahren auf dem Feld helfen. Da er sich gerne in seiner „Klüterkammer“ handwerklich betätigte, sollte er Tischler werden. Die Lehre behagte ihm jedoch nicht. Schließlich überzeugte sein ehemaliger Lehrer seine Mutter zu einer Lehrerausbildung. Damals war es noch üblich, den angehenden Lehrer für einige Jahre einem erfahrenen Dorfschullehrer zur Hand zu geben. Nachdem Franz zwischen 1873 und 1875 in Struxdorf und Schuby einige Erfahrung als Hilfslehrer sammelte, erhielt er zwischen 1875 und 1878 seine Ausbildung im bekannten Evangelischen Schullehrerseminar in Tondern. Hier wohnte er beim Grobbäcker und Gastwirt Peter Petersen und seiner Frau. Da beide dänisch gesonnen waren, prägte die plattdeutsche Sprache (Sønderjysk) den Umgangston. Hier lernte er seine spätere Frau Anna Catharina, die Tochter des Gastwirtehepaares Petersen kennen. Als Franz Andresen mit 22 Jahren 1878 wieder auf die elterliche Hufe in Wees zurückkam, fand er vieles verändert vor. Seine Mutter hatte nach dem Festerecht6 1873 die Hufe an ihren ältesten Sohn Jens Peter abtreten müssen, der diese 1875 verkaufte. Die Mutter lebte seit 1873 bis zu ihrem Tod auf der Abnahme des Hofes. Seit Ostern 1878 fand der junge Lehrer eine Anstellung an der zweiklassigen Schule seines heimatlichen Kirchspiels Munkbrarup, seit 1879 dann in Boel. Hier bereitete er sich auf die Zweite Examensprüfung vor, die er Ende April 1881 bestand und mit der sich das Recht auf eine Festanstellung verband. In dieser Zeit fügte es sich glücklich, dass die Geliebte von Franz Andresen, Anna Catharina Petersen, beim Pastor im nahen Adelby eine Stellung antrat.
Am 28. August 1881 heirateten beide in Tondern. Ein Jahr später trat Franz Andresen seine neue Stellung als Lehrer in Scheggerott in Angeln an, wo am 27. Juli 1882 die Tochter Theodora Catharina, am 28. Januar 1884 Nikolaus Franz Christian, am 30. April Peter und am 29. Januar 1887 Frieda geboren wurden.
Scheggerott ist zwar der Geburtsort von Nikolaus, er hat ihn aber nie als seine eigentliche, engere Heimat betrachtet – mit Recht – denn nur die ersten Jahre, die, in welchem bei dem Kinde das Erinnerungsvermögen noch nicht entfaltet ist, haben die Eltern hier gewohnt.
Schule in Scheggerott, Angeln. Geburtshaus von Nikolaus Andresen. Federzeichnung von Theodor Andresen
Von seinen ersten Lebensjahren heißt es im Tagebuch seines Onkels Fritz Andresen unter dem 14.6.1886:
„Nikolaus ist doch ganz unverschämt dick, ist beinahe viereckig, er müsste Hungerkost haben.“ 7.11.1886: „…namentlich der dicke Nikolaus kann tüchtig Lärm machen, trotz seiner Leibesfülle hat er große Anlage zum Klettern, wobei er denn manchmal in gefährliche Stellungen gerät. Das Verbot des Papers, diese Turnübungen zu unterlassen, achtet er wenig, erst wenn der Schulmeister nach dem Stock greift, stellt er dieselben ein, um aber sobald dieser ihm den Rücken gewendet hat, von vorne zu beginnen.“ Und am 8.7.1888: „Nikolaus ist darin [im Geschrei] der Leistungsfähigste. Sein Geschrei ist eigentlich mehr Gebrüll zu nennen, das man auf weite Entfernung vom Hause auch wahrnehmen kann, ganz besonders wenn er als 4 ½ jähriger Junge wegen Vollmachen der Hose abgestraft wird. Ein so eigensinniger und steifsinniger Junge wie dieser Krabat ist mir noch nicht untergekommen. Weder mit Gutem noch mit Gewalt lässt er sich beruhigen, wenn er ins Brüllen kommt und er seinen Willen nicht durchsetzen kann. Ich glaube, er ließe sich eher halb totschlagen, ehe er gehorchen würde. Der Junge macht seinen Eltern viel Arbeit und Kummer und Verdruß.
Von seinem Wesen hatte Nikolaus viel übernommen. Nach Erzählungen der Eltern und anderer Menschen, die ihn als kleines Kind kannten, muss er außerordentlich schwer zu erziehen gewesen sein. So war zu Zeiten gegen seinen widerspenstigen Sinn nichts anzustellen, weder im Guten noch im Bösen. Die Hartnäckigkeit konnte in nicht zu vertreibende Verstocktheit ausarten. In späteren Jahren entwickelte er sich zu einem früh selbstständigen Menschen. Er wusste mit schnellem, klarem Blick seine Meinung zu formen, verstand es, sich in jeder Lage zu verteidigen, ganz auf den Untergrund seiner selbständigen Denkungsart. Er ist dadurch oft im Widerspruch mit seinem Vater geraten, wenn nämlich die Meinungen auseinander gingen, wenn jeder, von starker Selbstüberzeugung getragen, seine Ansicht vertrat. Vom Vater stammte auch die Art, natürlich mit den Mitmenschen, mit der Bevölkerung des Dorfes umzugehen, sich hinein zu fühlen in ihr Wesen, nicht nur in der Gesamtheit, ganz besonders auch individuell – also in voller Teilhaftigkeit ein Glied dieser Menschengemeinde zu sein. Nikolaus sprach gerne die niederdeutsche Mundart seiner Heimat und verkehrte gerne mit allen Menschen des heimatlichen Dorfes. Als Kind fand er viele Spielkameraden und später trat er viele Male in Gesellschaften und großen Festen auf, wo er in der Sprache der Heimat im Scherz wie im Ernst seine reichen Gaben der Unterhaltung spendete – ganz wie sein Vater. Von ihm auch hatte er das große Interesse für die Natur, ganz besonders für den Garten. Sein Vater war unermüdlich darin, seine schönen Gärten, wo Obst, Gemüse und Blumen in Hülle und Fülle wuchsen, zu pflegen. Kein schöneres Glück gab es für Nikolaus, als in den Herbsttagen in die vollhangenden Obstbäume zu steigen und eine Frucht nach der anderen behutsam zu pflücken und in den Korb zu legen. War die Zeit des Beerenpflückens da, die zumeist in die Sommerferien fiel, auch dann half er gerne und mit Freuden dabei. Ein besonderes Vergnügen war es ihm, wenn er mit der Mutter und den Geschwistern in den Wald gehen konnte, um hier die duftenden Himbeeren zu lesen. Großes Geschick legte er hierbei an den Tag. Er wusste, wo die schönsten Stellen zu finden waren, er grub sich ins Dickicht, verriet sich lange Zeit nicht aus Furcht, man könnte an seinem reichen Erntefeld Anteil nehmen, und dann war er wieder da, den Korb, den Eimer bis oben gefüllt, spottete über die andern, die es nur halb so weit gebracht hatten.
Der Vater war außerordentlich geschickt in handwerklichen Dingen, die dem Hausstande zu Nutzen kamen. Seine ältesten Söhne unterrichtete er in der damals sehr betriebenen Kerbschnitzerei. Nikolaus brachte es hierin zu beachtlichen Leistungen. Aber nicht nur in all diesen Dingen mehr geistiger Art erbte er vom Vater, auch sein Körper war von dieser Seite geformt: kräftig, breit, etwas gedrungen, kurz, eine aufrechte, wohl proportionierte, gesunde Gestalt, von welcher der Stabsarzt, der ihn für den Einjährigendienst musterte, zum größten Stolz von Nikolaus, äußerte: „Was für ein Kerl, welch schöner, gesunder Körper.“
Als die Zahl der Kinder in Scheggerott auf vier angewachsen war bewarb sich Franz Andresen auf die Stelle eines besser dotierten ersten Lehrers nach dem großen Kirchdorf Sörup und in das kleine Ulsnis an der Schlei, die den Lehrer für ihre zweiklassige Schule unbedingt gewinnen wollte.7
Seine Entscheidung für Ulsnis sollte für die Familie von weitreichender Bedeutung sein, denn hier blieb er als erster Lehrer und Organist bis zu seiner Pensionierung 1913. Im Namen Ulsnis lag für alle eine Welt verborgen, lag sie auch ganz bestimmt für den Ältesten der Geschwister, den im Ersten Weltkrieg gefallenen Bruder Nikolaus. Als Franz Andresen hier im Sommer 1888 seine Stelle als erster Lehrer und Organist antrat, bildeten neben der Schule und Kirche neun Hufen üblicher Angler Größe, Meierei sowie Wohnstätten von Handwerk- und Gewerbetreibenden die dörfliche Gemeinschaft. Damals bestand erst seit kurzer Zeit die Bahn von Flensburg nach Kiel (1878), die mit der Brücke bei Lindaunis die Schlei überquerte. Die 1883 erbaute Kreisbahn von Schleswig nach Kappeln ließ sich mit der Station Steinfeld von Ulsnis aus zu Fuß in einer Dreiviertelstunde erreichen. Ansonsten bestand während der Sommermonate eine Schiffsverbindung über die Schlei nach Schleswig. In der Kaiserzeit unterbrachen die Stille des Dorfes nur klappernde Bauernwagen, Kuhgebrüll und Hundegebell, Hahnenschreie, Hühnergegacker und das Zwitschern der Vögel in Gärten und Knicks – dazwischen ertönte in regelmäßigen Abständen der feine, helle Stundenschlag der Turmuhr der kleinen Kirche oben auf der Moränenkuppe.
Links: Nikolaus Andresen mit seiner Mutter 1884, rechts: Nikolaus mit seiner 1891 verstorbenen Schwester Theodora.Foto: Archiv Andresen
Im Mittelpunkt des langgestreckten Ortes, dort wo das Schulhaus (heute: Evangelischer Kindergarten) liegt, laufen zwei Straßen zusammen. Dieser Teil des Dorfes, wo sich auch die um 1900 erbaute Genossenschaftsmeierei befand, erstreckt sich in einer Talsenke, welche der Bach Schlussbeck durchfließt. Verfolgt man die Straße nordwärts, kommt man nach einer Fußwanderung von kaum 10 Minuten hinauf zur im Kern hochmittelalterlichen, weiß übertünchten Feldsteinkirche, die damals noch ein Schieferdach bedeckte.8 Darauf erhebt sich ein Dachreiter, östlich davon steht auf einem prähistorischen Grabhügel der aus Holz errichtete Glockenturm. Eine Feldsteinmauer und Eichen umgeben den Friedhof. Vom Glockenturm aus reicht der Blick über die Knicklandschaft zum Pastorat, zur Schlei und am Horizont bis nach Schwansen.
Das mit Reet gedeckte Schulhaus wurde in den 1840er Jahren erbaut und besaß höhere Räume als die in dieser Zeit üblichen Angliter Bauernhäuser. Infolge der bis 26. Februar 1971 andauernden Schulnutzung und nachfolgenden Verwendung als Kindergarten wurde das Gebäude innen stark umgebaut und die Lehrerwohnung aufgeben. Im östlichen Hausteil befanden sich ursprünglich die beiden Klassenzimmer der Dorfschule, in der Mitte und im westlichen Flügel die Lehrerwohnung. An der südlichen Frontseite lag zu der Zeit Franz Andresens ein gepflegter, von einer hohen Dornenhecke umgebener Zier- und Blumengarten. Durch die breite Haustür trat man hinein auf die Vordiele, welche um 1895 noch mit gelben Ziegelsteinen, später mit Brettern ausgelegt war. Diese bildete zur Zeit der Lehrerfamilie Andresen das Ess- und im Sommer auch das Wohnzimmer. In der Diele standen ein schwerer Eichenschrank im Barockstil, eine Eichentruhe des 18. Jahrhunderts und später eine Angliter Standuhr von 1816, alles Gegenstände der bäuerlichen Vorfahren Franz Andresens.
Nach Westen schloss sich das Wohnzimmer an, das ein Kachelofen beheizen konnte. Nebenan, abermals nach Westen, befand sich das nur bei festlichen Gelegenheiten benutzte „Beste Zimmer“. An der Nordseite lagen das Schlafzimmer und die Wirtschaftsräume. Letztere umfassten Küche, Keller und Tenne, die ursprünglich dem Ausdreschen des Getreides diente, nun aber zur Aufbewahrung von Kartoffeln, Obst und anderen häuslichen Sachen verwendet wurde. Im Winter erfolgte hier die Zerlegung des Hausschweins. Über dem Keller befand sich, ein wenig erhöht, die „Kellerstube“, das Zimmer der Mägde. An der Südfront des Hauses lag östlich der Vordiele die Arbeitstube des Lehrers, in dem zwei Bücherborde, eine „Etagère“ (offenes Regal), ein Schrank, ein Arbeitsstehpult sowie ein Tisch und Stuhl standen. Unter dem Dach des Hauses befand sich der große, geräumige Boden mit Kammern zu den Giebelseiten.9
Westlich an das Wohn- und Schulhaus lag nach Norden hin der große Obst- und Gemüsegarten mit seinen gepflegten Steigen, mit seiner stillen, dicht umwachsenen Laube auf dem kleinen Hügel oben am äußersten Ende.
An der Nordseite des Schulhauses erstreckte sich auch der Spielplatz für die Schüler. Der Hofplatz war, da er zugleich dem Spiel der Schulkinder in den Pausen diente, sehr geräumig. Eine riesige, alte Pappel beschattete ihn damals, ein Baum, der ein wenig schief gewachsen, alle Häuser und anderen Bäume des Dorfes überragte und von weitem zuerst als ein heimatliches Wahrzeichen grüßte.10 In Querrichtung zum Wohnhaus lag die alte, strohgedeckte Scheune, deren Mauern noch Fachwerk zeigten. In den Ställen mussten die Kinder manche Arbeit verrichten, wie die Säuberung des Schweinestalles, Zerkleinern des Holzes, das damals neben dem Torf ein Hauptfeuerungsmittel war.
Zwischen Wohnhaus und Scheune stand die alte Pumpe in jener heute nicht mehr gebräuchlichen Art: ein ausgehöhlter Baumstamm bildete das Rohr. Das Wasser kam aus einem gegrabenen Brunnen. In trockenen Zeiten musste man lange pumpen, ehe das Wasser stieg, oft war der Brunnen völlig versiegt. Dann mussten die Kinder das Wasser von weither aus einem Brunnen in der Wiese holen, eine Beschäftigung, die diese wenig erbaute, da es eine mühsame Arbeit war. In der Nachbarschaft der Schule lagen alte Strohdachhäuser, langgestreckt, quer zur Straße, nach jütisch-angler Bauart in einem Ende die Wohnräume, im anderen die Ställe. Dazwischen befanden sich auch modernere Häuser, „Villen“, die in jener Zeit des wirtschaftlichen Aufstiegs und der Wohlhabenheit als „Abnahmen“ für die vom Hofe abgetretene ältere Generation erbaut wurden.
Westlich an das Wohn- und Schulhaus lag nach Norden hin der große Obst- und Gemüsegarten mit seinen gepflegten Steigen, mit seiner stillen, dicht umwachsenen Laube auf dem kleinen Hügel oben am äußersten Ende.
Alte Schule in Ulsnis mit Dorfteich. Foto um 1900: Archiv Andresen
An der Nordseite des Schulhauses erstreckte sich auch der Spielplatz für die Schüler. Der Hofplatz war, da er zugleich dem Spiel der Schulkinder in den Pausen diente, sehr geräumig. Eine riesige, alte Pappel beschattete ihn damals, ein Baum, der ein wenig schief gewachsen, alle Häuser und anderen Bäume des Dorfes überragte und von weitem zuerst als ein heimatliches Wahrzeichen grüßte.11
Zwischen Wohnhaus und Scheune stand die alte Pumpe in jener heute nicht mehr gebräuchlichen Art: ein ausgehöhlter Baumstamm bildete das Rohr. Das Wasser kam aus einem gegrabenen Brunnen. In trockenen Zeiten musste man lange pumpen, ehe das Wasser stieg, oft war der Brunnen völlig versiegt. Dann mussten die Kinder das Wasser von weither aus einem Brunnen in der Wiese holen, eine Beschäftigung, die diese wenig erbaute, da es eine mühsame Arbeit war.
Grundriss des Schulgebäudes von Ulsnis. Skizze von Theodor Andresen. Archiv Andresen
In der Nachbarschaft der Schule lagen alte Strohdachhäuser, langgestreckt, quer zur Straße, nach jütisch-angler Bauart in einem Ende die Wohnräume, im anderen die Ställe. Dazwischen befanden sich auch modernere Häuser, „Villen“, die in jener Zeit des wirtschaftlichen Aufstiegs und der Wohlhabenheit als „Abnahmen“ für die vom Hofe abgetretene ältere Generation erbaut wurden.
Beim Dienstantritt von Franz Andresen im August 1888 waren die Räume der Schule, die Scheune und der Garten verwahrlost. Ein halb verrosteter Schlüssel steckte im gleichfalls eingerosteten Schloss der Tür, die Ranken und Unkraut versperrten. Am ersten Tag des Umzugs wurden die Möbelstücke hereingetragen, am dritten Tag Gardinen und Bilder aufgehängt und am vierten Tag kamen die Kinder. Die Schwester des Vaters und eine Frau aus dem Dorfe leisteten Hilfe. Trotz der Schwangerschaft seiner Frau drängte die Gemeinde Ulsnis auf Antritt der Stellung, zumal da der Unterricht aufgrund des Fehlens eines Lehrers schon längere Zeit ausgesetzt hatte. Der Vorgänger hatte in recht eigenwilliger Art durch eine lange Reihe von Amtsjahren hindurch mit wenig Liebe, Eifer und Sorgfalt etwa 61 Kinder (1880) unterrichtet. Als Franz Andresen mit 32 Jahren die Klasse übernahm, musste er sich erst Gehör verschaffen. 1892 kam als zweiter Lehrer Herrmann Tüxen hinzu, der zunächst in den Zimmern auf dem Dachboden wohnte.
Nacheinander brachte hier Anna Andresen am 28. August 1888 Anna Marie Catharine (Rufname Mariechen), am 27. Juli 1890 Anna Amalie und schließlich am 25. April 1894 Theodor zur Welt. Doch auch der Tod hielt Einzug in die Lehrerfamilie. So herrschte Anfang der 1890er Jahre die Diphtherie in Angeln gegen die noch keine Impfung bestand. Daran starben am 22. November 1891 die älteste Tochter Theodora im Alter von neun Jahren und am 28. Januar 1893 Frieda mit sechs Jahren. Über die Krankenpflege seiner Tochter Theodora hat Franz Andresen eine ergreifende Schrift hinterlassen.12 Im Familienarchiv Andresen befinden sich ferner zwei Photographien, welche in packender Weise den Verlust dieser beiden Kinder veranschaulichen.
Von links nach rechts: Franz Andresen, Nikolaus, Anna Andresen mit Anna Amalie auf dem Arm, Theodora und Peter. Vorne: Marie u. Frieda. Foto: Archiv Andresen
Die erste Aufnahme vom Sommer 1891 im Garten vor dem Schulhaus zeigt um den Tisch die ganze Familie, Vater, Mutter und sechs Kinder. Eine reizende Gruppe bilden die beiden Mädchen, welche vor dem Tisch hocken, ihre hellen Köpfe aneinander gelehnt während sie sich schwesterlich umfangen. Das eine der beiden ist Frieda, die wenige Jahre darauf stirbt. Aus dem Bild spricht das stille Glück und die Zufriedenheit einer achtköpfigen Familie.
Die zweite Aufnahme von 1893, welche die Trauer erkennen lässt, ist im Atelier hergestellt. Zwei der Kinder fehlen, die Mutter im schwarzen Kleid zeigt ein trauriges, abgehärmtes Gesicht. Auch aus den Zügen des Vaters vermag man die Eindrücke des harten Geschicks zu lesen, das den glückhaft stillen Kreis ergriff.13
Die Familie Andresen 1893 nach dem Verlust ihrer beiden Töchter Dorothea und Frieda. Nikolaus ist der zweite von links. Foto: Archiv Andresen
Die Erziehung im Haus Andresen beruhte auf starken christlichen moralischen Anschauungen. So hatte Franz Andresen ein tiefes, ernstes Bewusstsein von seinem Lehrer- und Organistenberuf. Die Pflicht war ihm das Erste, nicht nur in seinem Beruf, sondern ebenso in seiner Familie. Aber nicht in dem Sinne, dass in altpreußischer Art militärische Strenge waltete. Wohl mussten die Kinder gehorchen, sie merkten aber, dass dabei viel Liebe im Spiel war. Wohl konnten Wünsche nicht gewährt werden, aber Franz Andresen lag es nicht, seinen Kindern eine Freude zu versagen. Innerhalb des kleinen Kreises seiner Angehörigen war er stets bestrebt, den Familiensinn zu pflegen. Seine Erziehungsmethoden beruhten auf den Grundregeln eines geordneten Hauswesens. Dabei verlangte er Gehorsam von seinen Kindern, unziemliche Worte wurden nicht geduldet. Einerseits wurden die Kinder regelmäßig zur Arbeit angehalten, andererseits gönnte man ihnen gerne Freiheit zum Spiel. Keineswegs waltete die harte Knute – es ist hingegen Liebe, viele Liebe bei der Erziehung angewandt worden, wie sich Theodor Andresen erinnert. Sehr gepflegt wurde die Hausmusik.14
Seine Frau besaß – den Worten Theodor Andresens nach – eine weiche, frauliche Natur. Sie widersprach nicht, wenn das Schicksal befahl, sie klagte nicht, sie trug dieses in sich hinein – und war tief christlich gesonnen. Ihre Sorgen waren immer wieder auf das Wohl ihrer Lieben gerichtet. Sie hat gearbeitet bis zur letzten Abendstunde ihres Lebenstages. Von dieser starken Ausprägung eines standhaften, in alle Schicksale ergebenen Wesens vererbte sich unstreitig viel auch auf Nikolaus. Ganz besonders aber war es seine Art, nach mütterlicher Weise, für seine jüngeren Geschwister sich zu sorgen, sich als der Älteste über seine jüngeren Geschwister zu stellen, und immer, besonders im späteren Leben, gute Ratschläge zu erteilen. Dies empfanden die jüngeren Geschwister in jüngeren Jahren zuweilen als Bevormundung, aber zu ihrem Vorteil behielt er Recht. Vor allem beeinflusste er die frühe Erziehung seines jüngstes Bruders Theodor.
Er drängte den Vater immer wieder dahingehend, dass dieser, wenn er es irgendwie möglichen machen könne, die höhere Lehranstalt zu besuchen. Er hat es noch im letzten Augenblick getan, als der jüngste Bruder zum ersten Mal die Reifeprüfung der Oberrealschule nicht ablegte, hat den Vater beeinflusst, lass ihn dies eine Jahr noch weiter lernen, so weit ist er gekommen, es wäre schade, wenn er dieses Jahres willen das wertvolle Ziel nicht erreicht würde. Er behielt Recht, Theodor erreichte das Ziel. Nikolaus drängte auch zu einem Studium, doch der Krieg, die Verhältnisse und der Tod des Bruders verhinderten dies. Auch später wusste Theodor diese Vorbildung seinem älteren Bruder zu danken. Nikolaus sorgte auch im Krieg materiell für die Familie.
Der Tagesablauf in der Familie war im Allgemeinen so, dass erst nach der Schule und dem Mittagessen die Schularbeiten verrichtet wurden, darauf kamen häusliche Arbeiten dran und zuletzt gab es Freizeit zum Spielen. Der Sonnabend war ein besonders arbeitsreicher Tag, jedenfalls in den Sommermonaten, denn dann stand eine Generalreinigung von Hof und Garten an. Auch allerhand Tiere galt es zu pflegen, so Schweine, Hühner und Tauben. Zu der Zeit, als Nikolaus aufwuchs, waren die Nachbarfamilien alle sehr kinderreich, sodass es an Spielkameraden beiderlei Geschlechts nicht fehlte. Einen Unterschied von Rang und Stand gab es nicht, Bauern- und Kätnerkinder spielten miteinander ohne die geringste Absonderung.
Wohl hatten die Spielkameraden vor Franz Andresen als dem 1. Lehrer des Ortes en schuldigen Respekt, aber seine Kinder standen gleich mit denen des Dorfes.15 Der Tagesablauf war geregelt, die Mahlzeiten wurden stets gemeinsam zur festgesetzten Stunde eingenommen, ein zu Spätkommen gab es nicht. Die Gerichte waren bürgerlich, die Mutter backte das kräftige Landschwarzbrot selbst. Das Schweineschmalz entstammte dem gemästeten und geschlachteten eigenen Schwein. Jede Mittagszeit leitete ein Tischgebet eines der Kinder ein. Zeitlich mussten sich die Kinder schlafen legen.
Alle Kinder von Franz Andresen wurden in der zweiklassigen Dorfschule unterrichtet, deren erste Klasse er selbst leitete. Unterrichtsfächer waren zur Hauptsache Deutsch, Rechnen, Religion (biblische Geschichte) und Weltgeschichte. Im Rechnen wurde besonderer Wert auf das Kopfrechnen gelegt. Die Weltgeschichte war, wie in jenen Tagen nicht anders, vom starken vaterländischen Geiste getragen. So wurde schon früh in den Kindern der Keim gelegt, der 1914 seine Früchte tragen sollte.
Franz Andresen war von diesem vaterländischen und königstreuen Geiste sehr durchdrungen. Jahrzehntelang war er der Vorsitzende des Kriegervereins von Ulsnis und unterließ nichts, die Idee dieses Vereins zu pflegen und für seine Erhaltung und Stärkung zu sorgen. In Ulsnis verlebten alle Kinder eine sorglose Kindheit.16 Das Dorf wurde durchschnitten von einem Bach, dem Schlussbeck. Auf und ab folgten dem gewundenen Laufe saftig-grüne Wiesen, auf denen im Frühling die goldene Pracht der Sumpfdotterblume mit dem zarten Lichtblau der üppig wuchernden Vergissmeinnicht ein liebliches Wettspiel trieb. Immer wieder zog es die Kinder an diesen Bach, auf die Wiesen hinab, denn wie mannigfaltig war das Spiel, dem man sich hier hingeben konnte, Wasser stauen, Mühlen bauen, Schiffe den Lauf hinabsenden, ja oft mussten die Mütter zu den damit verbundenen nassen Strümpfen und Holzschuhen böse Mienen machen.
Ein ganz besonderer Anziehungspunkt war eine Gegend, die sich etwas weiter abwärts am Lauf des Baches zu einer abwechslungsreichen Landschaft gestaltete. Da zog sich auf einer Strecke am Südufer des Baches ein steiler, buschbewachsener Hang hin, dessen Dickicht sich vorzüglich zum Verstecken eignete. Wo eine kleine Lichtung war, wurden Hütten aus frischem Laub und Zweigen errichtet, Stätten der Ruhe für kampfmüde Krieger.
Pastorat von Ulsnis. Federzeichnung von Theodor Andresen, Archiv Andresen
Jenseits des Wiesentales lag das lange, strohgedeckte Pastorat mit dem nach Süden sanft abfallenden schönen Garten. Dieses Heiligtum durften die Andresen Kinder natürlich nicht betreten, aber am Wall blühten zur Frühlingszeit unzählige Veilchen. Wenn die Andresen Kinder die begehrten Blüten pflückten, blieb es nicht immer bei der Ehrlichkeit, auch aus dem Garten wurde verstohlen mit krummen Rücken und in möglichster Deckung wertvolle Beute geraubt.
Der herrlichste Fleck dieser Landschaft jedoch war das Wäldchen, das sich gen Osten breitete und den uralten Namen „Bondery“ (dän. Bauernwäldchen) trug. Es war kein großes Gehölz und die Buchen schon stark gelichtet, aber was ist der Wald nicht alles dem spielenden Kinde. Das schönste Plätzchen hierin war jene äußere Ecke, durch die der Bach floss, voll lieblicher, idyllischer Weise, die den volkstümlichen Namen „Schweiz“ völlig rechtfertigten.
Dann folgte die weite Fläche der Schleiwiesen. Drunten am Ufer lag wieder ein Wäldchen, „Hagab“ genannt. Durch seine schattige Kühle führte der Weg, den die Kinder oft hinuntereilten zum schilfgegürteten Ufer des Gunnebyer Moores, um ungezwungen und fern von Dorf und Stadt, im stillen Gewässer der Schlei zu baden.
Westlich des Dorfes breitete sich eine weite, unbewohnte Feldmark mit größeren Wäldern, auch hier trieben sich die Dorfkinder oft ganze Nachmittage umher.
Kirche von Ulsnis mit Glockenturm. Federzeichnung von Theodor Andresen. Archiv Andresen
Erbe, Erziehung, Umgebung. An einer Stelle seiner hinterlassenen Briefe berührt Nikolaus selbst diese Fragen und ist sich der Bedeutung dieser des Lebens eines Menschen wesentlich bestimmenden Momente tief bewusst. Dies auch deshalb, weil er an sich selbst erfahren hat, was es bedeutet, von Eltern abzustammen, welche den Wert einer guten Erziehung erkannten und in einer Heimat aufgewachsen zu sein, die dem Eine benachbarte Witwe hatte drei kräftige, kurz nacheinander geborene Jungen, deren zweiter Bruder oft mit Nikolaus spielte. Es lässt sich denken, dass diese Schar von Jungen, einmal zusammengekommen, zu manchen Untaten fähig war. Nikolaus Spezialität war das Baumklettern, wozu die Wälder um Ulsnis reichlich Gelegenheit boten. Herausfordernd waren auch die hohen Bäume, die im Garten oder auf den bäuerlichen Bauernhöfen standen. Linden, Kastanien, Pappeln kamen hier in Frage und sie erreichen bekanntlich ganz ansehnliche Höhen. Besonders die Pappeln. Da stand auf einem Hof ein Riesenexemplar, beinah so hoch wie das auf dem Schulplatz. Schon lange war es besprochen, ob es möglich wäre, bis in ihren Gipfel emporzuklimmen. Es war eine Frage in dieser Knabenwelt ähnlich der, ob es gelingen würde, den Himalaja zu ersteigen. Eines Tages machte Nikolaus den verwegenen Versuch. Es gelang. Triumphierend sitzt er oben und schwenkt die Mütze. Da naht das Unheil. Der Besitzer des Hofes hat ihn erspäht und fordert ihn auf, sofort herunterzusteigen. Der Bruder, im Vollgefühl seines Sieges, ruft einige unziemliche Worte hinunter, in doppeltem Sinne unziemlich, weil der Sohn des ersten Lehrers sie ruft. Alles verläuft gut bis auf die Schlussabrechnung am folgenden Tage. Der Bauer meldet diesen Streich und das Betragen von Nikolaus dessen Vater. Der Schlusseffekt bildet die gerechte Strafe. Aber auch die Pappel auf unserem Spielplatz wurde erzwungen, zwar nur in solchen Augenblicken, wenn das gestrenge Auge des Vaters nicht in der Nähe. Theodor erinnerte sich noch später an eine dieser Kletterpartien. Es galt, hoch am Stamm eines Baumes einen Starkasten anzubringen. Auch diese Aufgabe wurde zur großen Zufriedenheit, ja, unter der stärksten Bewunderung der Zuschauer gelöst.
Ein weiterer Streich, weniger gefährlicher, aber aus diebischen Gelüsten entsprungen. Die Eltern mussten einige Tage verreisen. Die Kinder wurden diesen Tag unter die Aufsicht einer Frau gestellt, die bei den Andresens half. Am Tage darauf sollte im Elternhaus ein Fest gefeiert werden. Die Mutter hatte rechtzeitig hierfür eine stattliche Menge Kuchen nach altbewährtem Rezept gebacken und im wohl verschlossenen Keller aufbewahrt. Es war unter den Kindern ruchbar geworden, sodass sie sich hierher befanden. Der große Bruder dachte sich einen Plan aus, denn verbotene und verschlossene Früchte, zumal wenn sie süß sind, locken. Es war ja weniger der Hunger. Hierunter brauchten die Kinder nicht zu leiden. Das Kellerfenster ließ sich mit einigen Kunstgriffen lockern und herausnehmen. Der zweite Bruder stand Posten. Alles glückte, die Beute war beträchtlich, sodass großzügig davon verteilt werden konnte. Sei es nun, dass bei der Verteilung des Raubes nicht ganz gerecht vorgegangen wurde, der zweite Bruder hatte nämlich stets einen sehr großen Appetit, kurz, dieser meldete die schändliche Tat heimlich der Wartfrau, welche es den Instanzenweg weiter berichtet. Schlussakt: ein furchtbares Strafgericht am ältesten Bruder, worauf Nikolaus den Instanzenweg nach unten betritt und den zweiten Bruder Peter das Strafgericht des Vaters mitfühlen lässt.
Ein weiterer Streich: Auf dem nachbarlichen Bauernhof lebte ein alter Mann, der für das Gnadenbrot, welches man ihm gab, allerlei leichte Handreichungen in Haus und Hof verrichtete. Unter anderem war es seine Aufgabe, abends den Hühnern Gute Nacht zu wünschen, das heißt, sie zu zählen, damit keiner fehle. Der Denk- und Zählapparat des guten Onkel Klaus war nun durch das hohe Alter ein wenig schadhaft geworden. Er musste daher, wenn er sein geliebtes Hühnervolk aufrief, sehr bedächtig und laut von einem bis zum letzten Exemplar zählen, wobei dann nicht unerhebliche Schwierigkeiten entstanden, wenn dieses Volk sich nicht ruhig verhielt und seine Plätze wechselte. Diese Schwierigkeiten noch zu vergrößern und sich an der Wut des Alten zu ergötzen, war der Zweck, welcher dem teuflischen Plan der verderbten Jungen zugrunde lag. Wieder einmal war die Dämmerstunde gekommen und Onkel Klaus erfüllte seine Pflicht an der zahlreichen Hühnerschar. Bedächtig zählte seine schon etwas krächzende Stimme: „veer – fief – soen“. Da setzte ein ohrenbetäubendes Katzengeheul ein, das den Alten in seinem Vorhaben verwirrte. Er fluchte und lamentierte. Die Katzenschar wurde etwas ruhiger. Der Alte begann von neuem: „een – twe – dre – veer“. Wieder fiel der ganze Katzenchor ein, lauter und ohrengellender denn zuvor. In seiner Wut griff der Alte eine in der Nähe stehende Forke, schleuderte mit entsetzlicher Gebärde diesen mörderischen Dreizack in den Haufen Stroh, aus welchem das schändliche Konzert ertönte. Ein gütiges Geschick verhinderte Schlimmes. Aber die Jungen, voran Nikolaus, räumte fluchtartig das Feld und hütete sich, noch einmal die Fähigkeit, Katzengeheul zu imitieren, zu solch verruchter Tat zu benutzen.
Ein beliebtes Spiel war Räuber und Soldat, wobei sich zwei Parteien verfolgten. Über Felder und Knicks, über Wiesen und Gräben, durchs Dickicht des Waldes rannte man hinterher. Und wenn man sich gefunden, gab es ein tüchtiges Raufen. Aber nachher wurde in einem verschwiegenen Winkel die Friedenspfeife geraucht, bis das Spiel aus Neue begann.
Zur Herbstzeit, wenn sich in den Lüften die Winde regten, stiegen die Drachen. Die mussten fachgemäß und kunstvoll gefertigt werden, der Schwanz musste die richtige Länge haben, wenn alles gelingen sollte. Stundenlang konnte man am Hügelhang liegen, die Leine, die ständig zuckte und zerrte, fest in der Hand, den Blick hinaufgerichtet auf den großen Vogel. Spannende Augenblicke waren es, wenn die Leine riss und der Drachen, wie zu Tode getroffen, in Purzelbäumen zur Erde sank, irgendwo drüben hinter dem Walde verschwindend.
Räuber und Soldat. Federzeichnung von Theodor Andresen. Archiv Andresen
Drachen steigen lassen.… Federzeichnung von Theodor Andresen. Archiv Andresen
Ein aufregendes Spiel für die Jungen war es, in Knicks und Wäldern hinter dem schnellfüßigen, gewandten Eichhörnchen herzujagen, es so weit zu treiben, dass es ermattet zur Erde fiel, wo es dann, in einen Sack gesteckt, gefangen wurde. Dieser Augenblick war natürlich nicht ungefährlich, denn wenn das Tier noch die Kraft dazu hatte, biss und kratzte es blindwütend um sich. Im Hagab, jenem Wäldchen an der Schlei, gab es am Waldrande einen weitverzweigten Fuchsbau. Dem schlauen Meister Reinecke war es natürlich schwerer nachzustellen, wurde von den Kindern auch kaum betrieben. Was aber diese besonders ergötzte, war es, das Spiel der Jungfüchse zwischen und unter den Baumwurzeln, von einem heimlichen Versteck aus zuzuschauen, zu beobachten, wie die wachende Mutter da saß, mit gespitzten Ohren überall hin spähend, und wenn Gefahr im Zuge, die ganze Kinderschar eilig in den Bau zu treiben.
Im Herbst auch, am 2. September, mussten die Sedanfeuer brennen.17 Tage lang vorher trugen die Kinder Reisig, Holz, Stroh und Teer zusammen, türmten es auf einer hoch gelegenen Koppel außerhalb des Ortes zu einem gewaltigen Stoß. Festlich war der Augenblick, wenn am großen Tage bei hereinbrechender Dämmerung das Streichholz an das trockene Stroh gehalten wurde und die Flamme fauchend und auflodernd durch den Stoß jagte, dass das Holz knisternde Funken sprühte und schließlich die Teertonne zu schwelen anfing. Rötlich stiegen die Flammen aus dem Fass, dicke schwarze Rauchschwaden schlugen hernieder, reizten die Augen, dass man auf eine Weile zur Seite flüchte musste. Aber dann loderte der ganze Stoß mit einer großen Flamme auf und alle standen im Kreis, sangen die Lieder der Heimat und des Vaterlandes, tanzten und schwangen knisternde Scheite hoch in die Luft, dass sie wie Sternschnuppen vor dem dunklen Himmel herniederzischten. Wenn man in die Dunkelheit hinausspähte, dann sah man hier und dort auf den fernen Höhen die Feuer lodern und es ging an ein Raten, zu welchem Dorfe ein jedes der Feuer gehörte.
Kindergilde in Ulsnis. Federzeichnung von Theodor Andresen. Archiv Andresen
Eines der bedeutendsten Feste der Dorfjugend war die alljährlich im Sommer abgehaltene Gilde, ein Kindervergnügen, welches auf dem Platze zwischen dem Friedhof und dem alten Glockenturm nach uraltem Brauch gefeiert wurde. Da gab es allerhand Kurzweil, Sackhüpfen, Eierlaufen, Kringel beißen, Wettlaufen und was der Spiele noch mehr erfunden wurden. Daneben saß die Dorfkapelle und spielte ihre Weisen, Bier-, Selter- und Saftausschank für Groß und Klein durfte nicht fehlen, ebenso wenig wie der Kuchenverkauf, für den sich der Bäcker des Ortes nur zu gerne einstellte. Gegen Mittag ging es mit Musik und Fahnen durch das ganze Dorf. Nachmittags versammelte man sich wieder zum Tanz im Dorfkruge, und abends vollzog sich die heißersehnte Preisverleihung.
Ein köstliches Wintervergnügen war das Schlittschuhlaufen auf den weiten, überfrorenen Schleiwiesen. Ein Ertrinken war hier nicht möglich, da die Wiesen nur eben überwässert waren. Die größte Anziehung übten die vielen, kreuz und quer laufenden Gräben aus, auf denen das Eis eingesunken war, sodass man im Schwung von Berg zu Tal und wieder hinauf sauste.
Dieser kleine Überblick möge zu den Spielen genügen, denn es gab viele und immer neue Spiele der Dorfjugend. Wenn der Erwachsene sich jener Tage erinnert, dann mag er sich wohl sagen, wie schön, wie so aller Sorgen los und ledig waren die Jahre der Kindheit und sieh – wie schnell sind sie entschwunden.
Spiele auf der Kindergilde in Ulsnis. Federzeichnung von Theodor Andresen. Archiv Andresen
Auch für Nikolaus kam der Augenblick, da er von allem Abschied nehmen musste. Wohl stand er schon im 14. Lebensjahre, aber immer noch war er ein Junge und verwachsen mit dem Elternhaus, den heimatlichen Fluren, den Spielkameraden. Es war der Entschluss der Eltern, den Jungen, der eine gute Begabung zeigte, eine höhere Schule besuchen zu lassen. Da sich die Möglichkeit bot, dass er in Flensburg der Obhut der Großmutter mütterlicherseits, unterstellt würde, meldete man ihn für Ostern des Jahres 1898 für die Quinta der Oberrealschule an. Er wurde angenommen unter der Bedingung, dass er das Pensum der Sexta durch Privatunterricht nachhole.
Schlittschuhlaufen. Federzeichnung von Theodor Andresen. Archiv Andresen
4 Theodor Andresen 1935/1936 (Neufassung von Dirk Meier 22010); Theodor Andresen u. Dirk Meier 2016, 116-137.
5 Zum Leben Franz Andresens siehe: Theodor Andresen u. Dirk Meier 2017, 173-189.
6 Es handelte sich bei der Hufe in Wees um eine Festehufe des ehemaligen Glücksburger Herzogtums. Das Festrecht sah vor, dass nur der älteste Sohn die Hufe erbte, um eine Zerstückelung des landwirtschaftlichen Betriebes zu verhindern. Vgl. dazu: Theodor Andresen u. Dirk Meier 2016, 116-137.
7 Theodor Andresen u. Dirk Meier 2017, 178 ff.
8 Zur Kirche von Ulsnis siehe: Meier 2012, 84-86.
9 Theodor Andresen u. Dirk Meier 2016, 178 ff.
10 Diese ersetzte nach ihrer Fällung später eine Linde.
11 Diese ersetzte nach ihrer Fällung später eine Linde.
12 Franz Andresen 1891, ediert von Karen Andresen (2011).
13 Theodor Andresen u. Dirk Meier 2017, 181-182.
14 Theodor Andresen 1936 (Neufassung von Dirk Meier 22010), 15 ff.
15 Der Abschnitt ist hier im Bezug zum Manuskript von 1932 etwas gekürzt.
16 Theodor Andresen beschreibt im Manuskript (1932, 13) ausführlich die Vorteile des Landlebens, was hier ausgelassen ist.
17 Der Sedantag war ein Gedenktag, der im Deutschen Kaiserreich (1871–1918) jährlich um den 2. September gefeiert wurde. Dieser erinnerte an die Kapitulation der französischen Armee am 2. September 1870 nach der Schlacht bei Sedan, in der preußische, bayerische, württembergische und sächsische Truppen nahe der französischen Stadt Sedan den entscheidenden Sieg im Deutsch-Französischen Krieg errungen und den französischen Kaiser Napoleon III. gefangen genommen hatten.
SCHULZEIT IN FLENSBURG
von Theodor Andresen (†)
Es mag für den Jungen eine eindrucksvolle Veränderung gewesen sein, als er jetzt die Freiheit des Landes mit der Enge der Stadt vertauschte.18 Diese Straßen kreuz und quer, Steine, nicht als Steine, auf der Erde das graue Pflaster, links und rechts die hohen Kästen mit den langen Fensterreihen. Wer in der Stadt geboren und aufgewachsen, sieht das nicht. Er hat sich hineingelebt in diese Welt und hat kein Empfinden mehr für das Beengende des Häusermeeres. Dann die Häuser selbst, von einem ganzen Volk von Menschen bewohnt, die sich in wenige Zimmer zusammenhocken, die aneinander vorbeirennen, als kümmere sie ihr Schicksal sie gegenseitig herzlich wenig. Bei der Großmutter kam er in Kost und Logis.19
Johanne Dorothea Schmidt wurde am 28. März 1834 als siebentes und letztes Kind des Kätners, Händlers und Fuhrmanns Peter Schmidt (gest. 26. Dezember 1841) in Harris, Kirchspiel Bredebro in Nordschleswig und seiner Ehefrau Anna, geb. Jacobsen (gest. 1845 nach langer Krankheit an Wassersucht) geboren. Nach der Konfirmation kam sie zum Onkel und zur Tante nach Hoyer, dem Schmied Peter Petersen Schmidt, dessen Tochter eine Schwester der Mutter war, wo sie zwei Jahre in Dienst blieb, darauf kam sie abermals zwei Jahre zu dem Apotheker Nagel in Hoyer. Von hier ging sie nach Tondern zu dem Apotheker Dreyer und schließlich zu dem Gastwirt Niels Andresen auf dem Markt in Tondern. Sie war eine arbeitsame, resolute Frau. Der Betrieb der Gastwirtschaft in der Westerstraße lag hauptsächlich in ihren Händen, während ihr Mann sich mehr und mehr der Bäckerei widmete.
Ihre Hauswirtschaft leitete sie mit Umsicht und Strenge, wobei sie oft einen starken Redefluss entwickelte und mit Scheltworten nicht geizte. In ihrem Hauswesen logierten außerdem noch Pensionäre, Schüler des Lehrerseminars in Tondern. Aus der Ehe gingen neun Kinder hervor, von denen Johanne das erste war. Nach dem Tode des Mannes betrieb die Großmutter noch einige Zeit die Gastwirtschaft, um dann das Haus zu verkaufen und nach Flensburg zu übersiedeln, wo sie noch viele Jahre bis zu ihrem Tode am 30. März 1917, zwei Tage vor ihrem 83. Geburtstage, die meiste Zeit in einer kleinen Mietswohnung des Hauses Ritterstraße 18 lebte. Die letzten Jahre verbrachte sie bei ihrer Tochter Catharine, welche ebenfalls in Flensburg wohnte.
Johanne Dorothea Schmidt war treu dänisch gesonnen, eine Tatsache, die ihr von dem Deutsch eingestellten Teil der Familie oft vorgehalten wurde, aber das nahm sie hin wie es kam, oft von der heiteren Seite, zuweilen, wenn es ihr zu arg wurde, mit ehrlichem, innerem Widerspruch. In ihrer Sprache radebrechte sie das Deutsche, was nicht verwunderlich, denn ihre Muttersprache war dänisch, wie dies in der ganzen Tonderaner Familie der Fall war, so dass auch unsere Mutter nie die deutsche Sprache vollkommen beherrschen lernte.
Auch Nikolaus hänselte seine Großmutter oft, nannte sie auf Dänisch Oma Kuchenbäcker (Bæge Kœger). Als Beispiel möge eine Karte dienen, die sie an ihren Enkel Theodor schrieb:
Flensburg, d. 24.3.1915
Libe Theodor! Deine Karte erhalten das thut un alle sehr leid vür Dich mit Gottes Hilfe will wir hoffen das bald besser wird das freut uns sehr das Du gute verpflegen hat das ist ja ein schreglig Krig wenn wir doch bald Friden hat und das Ihr braven Soldaten könte zu Hause kommen mit Sieg Gott Hilf. Libe Theodor Tante Tine und Dein Großmutter sende Dich ein kleine Packet hoffentlig will das Dich schmecken. Di Kuchen hat Tante Tine vür mein Geburtstag gebackt das ist Sontag dan kom Deine Eltern hier vorige Jahr war Du bei uns aber Du kann glauben wir denck oft an Dich und will diese Tag viel von Dich reden las Dich gut schmecken und gut besserung wünsche ich Dich von Hersen. Grüße von uns allen…
Deine Großmutter Johanne Dorothea20
Die Wohnung der Großmutter in der Ritterstraße 18 lag in einem dicht bebauten Viertel des Flensburger Stadtteils Duburg. Dieser dunkle Flur, durch den man musste, wenn man die knarrende, hölzerne Treppe zur Wohnung der Großmutter hinaufstieg. In den Ecken lauerte Finsternis, etwas Unheimliches. Zu Hause waren solche Ecken und Winkel, aber man war vertraut mit ihnen, hier durfte man nicht hinein, hatte nichts zu suchen. Und der Hofplatz – ach, das nannte sich Hofplatz, dabei war es nur ein kleiner, sogar völlig gepflasterter Fetzen Erde, rings von hohen Steinkästen umgeben, überall, in allen Ecken, voll Kisten und Kästen, hingeworfen, hochgestapelt, oft unangenehme Gerüche verbreitend, in einen Winkel sogar ein Hühnerstall. Die armen Tiere, wie mussten sie eingepfercht, kümmerlich ernährt, ihre Tage fristen. Ja, an all das musste man sich erst gewöhnen. Trat man in die Wohnung der Großmutter, dann wurde es ein wenig freundlicher. Da war ein Mensch, der zu einem gehörte, der für alles sorgte, für Essen, Schlafen, Zeug ordnen, Stiefel putzen – ja für alles, was sonst der Mutter Sorge überlassen war. Aber allmählich fand man sich doch zurecht.
Johanne Dorothea Schmidt (*28. März 1834, †30 März 1917). Großmutter von Nikolaus Andresen mütterlicherseits, bei der er in Flensburg wohnte. Foto: Archiv Andresen
Nicht weit von der Wohnung der Großmutter war die Stätte, wo vor Zeiten die alte Duburg ragte, von der jetzt nur ein kläglicher Steinhaufen übriggeblieben war: ein weiter Platz, dieser Schlossgrund. Welche Aussicht über die Stadt, über den Hafen mit dem Gewirr der vielen Masten all der Schiffe, die am Bollwerk luden und löschten, welch weiter Blick hinaus über die Förde mit ihren grünen Waldesufern. Das sah schon heimatlicher aus und war dennoch großartiger, wie eben der Anblick eines weit sich breitenden Panoramas ist. Hier war der Tummelplatz der Jugend, hier trieben sie ihr munteres Spiel, hier stiegen zu Dutzenden die Drachen hinauf und schwebten über dem Meer der roten Ziegeldächer dort unten im Tal. Der Knabe gesellte sich zur Schar, zuerst wohl schüchtern, dann fand er Freunde – aber auch Feinde, die ihn nicht dulden wollten. Jeder Neuling musste zunächst auf seine Körperkräfte geprüft werden. Man forderte ihn heraus. Das gab ein heißes Ringen. Aber der, welcher die höchsten Bäume bezwungen, der schon in der Heimat unter seinen Kameraden als der Stärkste gegolten, zeigte diesen Bleichgesichtern bald, was es heißt, einen dummen Dorfjungen anzugreifen. Er siegte und mit diesem Sieg stieg die Achtung vor ihm, man ließ ihn willig am Spiel teilnehmen.21
Auch in der Schule galt es, seinen Mann zu stehen und der stand ihn auf dem Platze wie in der Klasse. Das erste Zeugnis zeigte schon seine Fähigkeiten. Er rückte zu den Ersten auf. War es der gesunde, frische Geist des Landes, der auch hier über den Städter siegte? Schnelle Auffassungsgabe, klares, sicheres Denken traten schon jetzt hervor.
Jedes Jahr nahm er mit Glanz seine Klasse. Freilich, er stand einige Jahre über dem Durchschnittsalter der Mitschüler, wurde in der Tertia konfirmiert, aber das ließ ihn seine Pflicht nicht vergessen.
