Aus der Gosse in den Porsche - Peter Götz - E-Book

Aus der Gosse in den Porsche E-Book

Peter Götz

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren steht Peter Götz für beruflichen Erfolg in der Immobilienbranche. Seine Geschäftspartner schätzen seinen Sachverstand, seine Menschenkenntnis und Loyalität. Sie vertrauen ihm. Doch hätten sie das von Anfang an getan, wenn sie um seinen … sagen wir: außergewöhnlichen Lebensweg gewusst hätten? Peter Götz erzählt in seiner Autobiografie von dem vermeintlichen "Problemviertel", in dem er aufgewachsen ist, von multi-kulturellen Freundschaften, die er bis heute pflegt. Aber vor allem von willkürlichen Ereignissen, die ihm völlig neue Perspektiven eröffneten und ihn schließlich zu dem erfolgreichen Unternehmer machten, der er heute ist. Denn von einem starken Willen, es "weit nach oben" zu schaffen, konnte keine Rede sein, und Ehrgeiz schien für ihn lange Zeit ein Fremdwort. Sein Resümee: Es ist eine Lüge, dass man "erfolgreich sein" erlernen kann. Vielmehr sind es Begegnungen und Zufälle, die einen Erfolg begünstigen. Und schließlich … was man selbst daraus macht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 242

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



AUS DER GOSSE IN DEN PORSCHE

PETER GÖTZ

MEIN WEG VOM „PERSPEKTIVLOSEN JUGENDLICHEN“ HIN ZUM ERFOLGREICHEN UNTERNEHMER.

© 2020 Peter Götz

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-347-10816-5

Hardcover:

978-3-347-10817-2

e-Book:

978-3-347-10818-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Der Inhalt

Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren steht Peter Götz für beruflichen Erfolg in der Immobilienbranche. Seine Geschäftspartner schätzen seinen Sachverstand, seine Menschenkenntnis und Loyalität. Sie vertrauen ihm. Doch hätten sie das von Anfang an getan, wenn sie um seinen … sagen wir: außergewöhnlichen Lebensweg gewusst hätten? Aufgewachsen in einem – von außen besehen – „sozialen Brennpunkt“ sowie in einer Familie, die durchaus als „zerrüttet“ bezeichnet werden kann, scheint er nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. Die Mutter bekommt das Kind als Teenager von einem türkischen Gastarbeiter. Der deutsche Stiefvater lehnt den Jungen ab und lässt ihn das durch Schläge spüren. Die Großmutter – selbst Mutter von zehn Kindern – nimmt den Enkel bei sich auf. Sie bringt ihm das nötige Sozialverständnis bei, doch ihr fehlt die Kraft, erzieherisch einzugreifen, und Peter ist meist sich selbst überlassen. Die Noten in der Grundschule sind wegen zahlreicher Umzüge und Schulwechsel unterirdisch schlecht. Eine Versetzung jedes Mal gefährdet. Erst ein neuer Lehrer versteht es, den eher gleichgültigen Schüler zu motivieren, und das regelmäßige Training in einem aus seiner Sicht „elitären Fußballklub“ fördert seinen Teamgeist und sein Selbstbewusstsein.

Nach erfolgreicher Ausbildung zum Energieanlagenelektroniker in einem Staatskonzern scheint für Peter der Weg in ein „normales“ Leben geebnet. Doch der Gedanke an eine Verbeamtung auf Lebenszeit ist ihm zu trist, und er kündigt den sicheren Arbeitsplatz. Stattdessen schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch, wird als erotisches Fotomodell entdeckt und als Erotiktänzer in einer Men-Strip-Show engagiert. Beim weiblichen Publikum kommt er gut an. Gerade das wirkt zerstörerisch. Erst die Begegnung mit einer älteren, lebenserfahrenen Frau rückt sein Bild hinsichtlich Liebe und Partnerschaft wieder zurecht, für eine gewisse Zeit jedenfalls. Er erhält Einblick in die Finanzdienstleistungsbranche, kann erste Erfolge im Verkauf von Immobilien vorweisen und generiert Umsätze, die er niemals für möglich gehalten hätte. Doch plötzlich wird er mit Schicksalsschlägen konfrontiert, die sein Leben gehörig ins Wanken bringen. Und als ihm durch die Kripo ein Durchsuchungsbeschluss sowie eine Anklage in sechsundneunzig Punkten präsentiert wird, sieht er sich nicht nur im falschen Film, sondern gerät bald seelisch und körperlich an sein Limit.

Die schlimmste Phase seines Lebens beginnt – und scheint kein Ende zu finden.

Der Autor

Peter Götz, 1972 in Fürth geboren und dort aufgewachsen, ist gelernter Energieanlagenelektroniker. Er arbeitete als Fotomodell, Tänzer, verkaufte Lebensversicherungen und wechselte schließlich in die Immobilienbranche. Heute leitet er eine der erfolgreichsten Grundstücksgesellschaften in Nürnberg, berät in Sachwert-Anlagen und gewinnbringenden Investitionen.

 

Der erste Weg zum Erfolg ist, zufällige Begegnungen zuzulassen.

Für alle, die große Ziele haben. Denn egal, wo du aufgewachsen bist und welche Schulbildung du hast – du kannst es schaffen … wenn dir am rechten Ort zur rechten Zeit die „richtigen“ Menschen begegnen, mit Zuversicht und einer Portion Glück!

In den nachfolgenden Erzählungen ist mein Leben festgehalten, so wie ich es sehe. Alles entspricht der Wahrheit, und doch wurden aus dramaturgischen Gründen manchmal Szenen rekonstruiert, die so gewesen sein könnten. Das betrifft insbesondere Dialoge, die mir nur sinngemäß in Erinnerung geblieben sind, sowie Begebenheiten, an die ich mich kaum mehr erinnern kann. Die meisten Personen sind durch Namen und andere Merkmale verfremdet, um sie zu schützen.

Meine Familie, Freunde und Bekannte sowie die im Buch erscheinenden Personen werden so manche Szene anders erlebt haben. Dieses Risiko muss ich eingehen, wenn ich mein Leben schriftlich festhalten will. Ich möchte nicht anklagen und schon gar nicht „abrechnen“, sondern lediglich meine Lebensgeschichte aus meiner ganz persönlichen Sicht erzählen.

Warum dieses Buch?

Es hat lange gedauert, bis ich mich dazu durchringen konnte, ein Buch über mein Leben zu schreiben, über meine Höhen und Tiefen, Erfolge und Misserfolge. Obwohl … das stimmt so nicht ganz. Ich habe bereits vor einigen Jahren davon gesprochen, einmal meine Autobiografie zu veröffentlichen. Und doch steckte eine tiefe Angst vor falschen Rückschlüssen in mir, die mich immer wieder davon abhielt. Was würden meine Geschäftspartner sagen, wenn sie von meiner Herkunft aus einem „sozialen Brennpunkt“ erführen, den ich zwar niemals als solchen empfunden habe, der jedoch von den Behörden und Medien so gesehen wurde? Wenn sie von meiner Zeit als erotischem Fotomodell sowie Erotiktänzer in einer Men-Strip-Show wüssten, der Hausdurchsuchung in den frühen Morgenstunden durch ein Aufgebot der Kriminalpolizei, dubiosen Nachrichten, falschen Beschuldigungen …

Dann aber dachte ich, dass all diese Begebenheiten, meine chaotischen Familienverhältnisse und mein soziales Umfeld, mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin. Es ist meine Lebenserfahrung, die mich geprägt hat. Denn Erfolgreichsein kann man nicht lernen, auch wenn es einer gewissen Intelligenz bedarf, um bestimmte Dinge richtig einzuordnen.

Auf dem Weg nach oben haben mir zahlreiche Ereignisse geholfen. Zufälle, würde ich sie nennen. Denn hätte nicht ein neuer Lehrer unsere Hauptschulklasse übernommen, wäre ich womöglich völlig abgesackt. Wäre ich nicht einer ganz bestimmten Frau und ihrem Schwager begegnet, hätte ich keinen Einblick in die Finanzdienstleistungsbranche erhalten. Hätte nicht ein falscher Verdacht mit Gerichtstermin mein Leben völlig durcheinandergewirbelt, hätte ich keinen Anlass zum Nachdenken gehabt. Und hätte ich nicht nachgedacht, wäre es in letzter Konsequenz nicht zu einer Trennung mit meinem damaligen Geschäftspartner gekommen. Das aber schien der Startschuss zum beruflichen Erfolg. Ohne seinen Einfluss war es mir möglich, die Firma mit Tempo und einer gewissen Risikobereitschaft nach vorne zu bringen.

Risikobereitschaft deshalb, weil mir materielle Dinge nicht wichtig sind. Gerade beim Aufbau eines Unternehmens ist das Festhalten am zunächst „kleinen“ Wohlstand hinderlich. Wer hier nicht loslassen kann, wird später nicht bereit sein, auf volles Risiko zu setzen. Denn du darfst keine Angst haben, während einer riskanten Phase im schlimmsten Fall alles zu verlieren.

Wenn heute jemand zu mir kommt – ein Auszubildender in der Firma oder ein Zuhörer während eines Seminars – und mich als positives Beispiel für beruflichen Erfolg sieht, dem sage ich: „Nimm mich mal nicht als Vorbild. Dass ich so bin, wie ich bin, hat sich entwickelt. Es gibt kein Schema F.“

Wer das behauptet, versucht, mit dieser These Geld zu verdienen. Dieses Chaka-Chaka und ihr könnt alles erreichen ist mir suspekt, weil die Motivation in der Regel nur kurzfristig anhält. Das sage ich als jemand, der in den 1990er Jahren Schulungen dieser Art besucht und entsprechende Bücher gelesen hat. Damals versprach ich mir davon Erfolg. Heute weiß ich, dass Seminare dieser Art weder meine Mitarbeiter noch mich selbst „erfolgreicher“ machen. Allerdings scheint es mir hilfreich, einem Firmengründer oder einer Firmengründerin ein WERKZEUG in Form von fachlichen Informationen an die Hand zu geben, angefangen von der Organisation eines Arbeitstages bis hin zum Umsetzen der gewünschten Ziele. Mehr braucht es nicht.

Und was ist überhaupt Erfolg? Was für den einen jede Menge Geld auf dem Konto bedeutet, kann für den anderen eine beängstigende Vorstellung sein. Er setzt Erfolg mit einem beschaulichen Leben gleich, oder sieht seine Lebensleistung im Engagement für soziale Projekte.

Gerade das Materielle, diese Spirale aus Geld verdienen und noch mehr Geld verdienen, führt nicht selten zu Frust. Du glaubst, du bist ein reicher Kerl, findest dich ganz toll. Bis du merkst, eigentlich hast du keinen nennenswerten Betrag auf dem Konto. X hat noch viel mehr. Und Y gibt am Tag so viel aus, wie andere im Monat brutto verdienen.

Nur ein geringer Prozentteil der Bevölkerung schafft es ganz weit nach oben. Viele, die ein Buch über ihren vermeintlichen Erfolg geschrieben haben, stellen diesen in einem bestimmten Kontext dar. Es finden sich dann Umschreibungen wie: „Ich war ehrgeizig“, „Ich wollte schon als Kind das und das werden“, „Ich habe Tag und Nacht hart für meinen Erfolg gearbeitet …“ Doch zwischen den Zeilen findet sich dann meist ein Hinweis auf eine wichtige Begegnung oder eine ganz bestimmte Situation, die etwas Entscheidendes ins Rollen brachte. Zufälle eben.

Ich habe mich nicht mit aller Macht nach oben gekämpft, wollte nie aus dem Milieu raus, in dem ich aufgewachsen bin. Ich habe dort nach wie vor Freunde, die mir wichtig sind, und lebe heute nur wenige Kilometer von meiner früheren Heimat entfernt.

Ich war nicht ehrgeizig. Und von Fleiß konnte bei mir keine Rede sein. Was mich motiviert hat? Der Erfolg an sich. Das fing in der Schule an, als ich es plötzlich cool fand, Einsen zu schreiben statt Fünfer und Sechser. Es machen und bestmöglich zu Ende bringen, das war das Ziel und das spornt mich noch heute an. Ob dabei finanziell etwas rauskommt, interessiert mich weniger.

Für Außenstehende schien mein Leben in so mancher Lebensphase oft ganz, ganz schlimm. Nicht selten habe ich mich in schwierigen Situationen wiedergefunden. Könnte sein, dass der eine oder andere die sich häufenden Turbulenzen mit einem Burn-out verarbeitet hätte. Ich nicht. Und das ist wohl meine große Gabe, dass es für mich „keine schlimmen Zustände“ gibt. Ich gehe mit einer negativen Situation ins Bett und wache mit einer positiven auf. Und die vermeintlich „schwierige Situation“ erwies sich im Nachhinein nicht selten als Glücksfall.

Und genau darum geht es in diesem Buch: um das unerwartete Glück. Die zufälligen Begegnungen im Leben. Und darum, dass materieller Reichtum das Leben zwar sorgloser macht, es aber ratsam scheint, nicht am Finanziellen festzuhalten.

Heimat

Der Tag, an dem ich feststellte, glücklich zu sein, war ein beliebiger Wochentag. Ich war zehn Jahre alt und hing mit meinen Kumpels Aaron, Murat, Mike, Tim und Andi draußen auf der Straße ab. Es war neu für mich, Freunde zu haben. Siebenmal hatte ich aufgrund familiärer Umstände umziehen müssen, was zur Folge hatte, dass ich fünfmal in eine andere Grundschule und einmal in eine neue Hauptschule wechselte. Ich hatte mich gar nicht getraut, mit jemandem näher befreundet zu sein. Wie lange hätte die Freundschaft gedauert? Aber jetzt schien endlich klar, wo ich hingehörte, konnte dieses von zahlreichen Kulturen geprägte Viertel meine Heimat nennen, und wusste, dass auch der nächste Tag ein guter Tag sein würde.

Dieses Unstete hatte bereits kurz nach meiner Geburt begonnen, als ich nicht bei meiner Mutter bleiben durfte, sondern in die Obhut meiner Oma kam. Nicht gerade ein leichter Start ins Leben, wenn auch die Vorgeschichte zu den Klassikern zählt: Hübsches blondes deutsches Fräulein verliebt sich in rassigen türkischen Gastarbeiter. Kaum wird sie schwanger, ist er weg!

Das scheint mir allerdings die falsche Pointe, denn meine Mutter lernte während der Schwangerschaft einen anderen Mann kennen: groß, blond und ein Nachkriegsarier, wie ich ihn später nannte. Wer sich von wem trennte? Keine Ahnung. Der blonde Mann jedenfalls wollte meine Mutter, aber nicht mich, den Sohn eines Türken!

Das Erinnerungsvermögen setzt bekanntlich mit drei oder vier Jahren ein. Deshalb weiß ich noch ganz genau, wie schrecklich es sich anfühlte, als mich meine Mutter wieder zu sich und den blonden Mann, mit dem sie mittlerweile verheiratet war, zurückholte. Nein, das ist viel zu milde ausgedrückt. Sie riss mich aus meiner neuen Familie förmlich heraus.

Oma Else, selbst Mutter von zehn Kindern, sei nicht gerade „liebevoll“ gewesen, wurde von meiner Tante und meinen zahlreichen Onkeln immer wieder erzählt. Und von meinem Großvater – der nicht mein richtiger Großvater war – wurde behauptet, er habe seine Kinder früher geschlagen. Ich konnte mir das kaum vorstellen, denn ich, das Nesthäkchen und der Enkel, schien Narrenfreiheit zu haben. Ich fühlte mich geliebt und sah die viel älteren Verwandten als meine Geschwister an. Und jetzt sollte das alles nicht mehr gelten?

Dass mich auch im neuen Umfeld Geschwister erwarteten, nahm ich zwar zur Kenntnis, tröstete mich jedoch nicht. Meine Halbschwester war ein Jahr nach mir zur Welt gekommen, mein Halbbruder zwölf Monate später. Er hatte im Mutterleib unter Sauerstoffmangel gelitten und galt als schwerstbehindert. Ich verstand das damals noch nicht, wunderte mich aber, dass er weder eigenständig essen noch mit mir reden konnte. Er lag einfach nur da und wartete darauf, dass er gewaschen, gewickelt und gefüttert wurde.

Er hätte eine Lebenserwartung zwischen vier und sechs Jahren, wurde gesagt. Für mich nur eine Zahl. Erst als Erwachsener wurde mir klar, dass sein Alter von letztendlich siebenunddreißig Jahren Mutters hingebungsvoller Pflege zu verdanken war.

Wie soll ich ein Familienleben beschreiben, das nach außen hin Wohlstand in Form von Haus und dickem Auto demonstrierte, im Inneren jedoch von Angst und Gewalt beherrscht wurde? Meine Mutter sieht es mir hoffentlich nach, denn meine Sicht der Dinge scheint eine andere als die der restlichen Familie. Wenn ich an diese Zeit denke, wird mir noch heute ganz wirr im Kopf. Hatte mein Stiefvater nur mich regelmäßig geschlagen? Galten nur für seinen Stiefsohn bestimmte Regeln und für seine eigene Tochter nicht? Seinen schwerkranken Sohn lasse ich hier mal außen vor.

Die Atmosphäre war stets angespannt und eigentlich eine Katastrophe. Wie ich sie damals für mich benannte, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich fand ich keine Worte dafür, sondern trug eine ständige Angst in mir, verbunden mit Aggressionen gegen alles und jeden.

Einmal fehlten angeblich fünf D-Mark im Geldbeutel meines Stiefvaters. Für ihn schien sofort klar, wer sie „geklaut“ hatte. Natürlich ich. Ohne mich anzuhören, zog er seinen Gürtel aus dem Hosenbund, legte mich übers Knie und versohlte mir den Hintern.

In meiner Erinnerung waren Gewaltausbrüche dieser Art an der Tagesordnung, so als bräuchte er ein Ventil für seinen Frust. Dass er Alkoholiker war, erfuhr ich erst Jahre später.

Während dieser Zeit fanden die zahlreichen Umzüge statt. Ich war nicht gut darin, mich immer wieder auf neue Mitschüler, unbekannte Lehrer und eine mir fremde Umgebung einzustellen. Und an gute Schulnoten war unter diesen Umständen nicht zu denken.

Meine Mutter konnte meine innere Zerrissenheit nicht ausgleichen. Sie schien mit der schwierigen Familiensituation überfordert. Dazu der plötzlich aufwallende Zorn ihres Mannes, unter dem auch sie zu leiden hatte. Wir mussten höllisch aufpassen, denn ehe wir uns versahen, kippte die Stimmung und der Tag war gelaufen.

Und dann geschah etwas, das ich kaum für möglich gehalten hätte und das alles verändern sollte. Meine Mutter trennte sich von ihrem Mann. Meine Schwester kam ins Internat – so die offizielle Version. Tatsächlich wurde sie bei einer Pflegefamilie untergebracht. Mein kranker Bruder blieb bei meiner Mutter und ich durfte endlich wieder zu meiner Oma zurück.

Der Wechsel fiel mir leicht. Ich hatte ihn ja geradezu herbeigesehnt. Eine Bindung zu meiner Mutter hatte ich damals nicht, und wenn ich meine Gefühle hätte beschreiben müssen, wäre mir dazu nichts eingefallen. Das klingt traurig, aber so war es.

Die meisten Onkel waren mittlerweile bei meiner Oma ausgezogen, und meine Tante Mia, die einzige in der Familie mit einem richtigen Schulabschluss (Hauptschule), lebte ebenfalls nicht mehr dort. Aus heutiger Sicht schienen fast alle mit jungen Jahren die Flucht von der Familie weg ergriffen zu haben. Hilfsarbeiter wurden auf dem Arbeitsmarkt gesucht und Gelegenheitsjobs gab es fast überall. Nur Onkel Oliver wohnte noch zu Hause, damals etwa sechzehn Jahre alt und für mich tatsächlich wie ein Bruder. Otto, Benno und die anderen kamen immer mal sporadisch und nur für kurze Zeit zurück, wenn eine Beziehung auseinandergegangen oder eine angemietete Wohnung gekündigt worden war. Ergab sich eine neue Lebensperspektive, zogen sie sofort wieder aus.

Meine Oma war das Familienoberhaupt. Ich sehe sie noch heute vor mir, damals Anfang fünfzig, mit ergrauten Haaren und in einer Kittelschürze. Dieser Hausfrauen-Uniform aus Baumwolle, Knopfleiste vorne, Arme frei, klein geblümt oder mit Karos. Sie pflegte meinen kränklichen Großvater, der zwischendurch immer mal wieder in ein Krankenhaus eingewiesen wurde.

Wir lebten in sehr einfachen Verhältnissen, und die Unterstützung vom Sozialamt reichte hinten und vorne nicht. Mitte des Monats, wenn das Geld endgültig ausgegangen war, wurde meine Oma regelmäßig krank. Sie lag dann im Bett und Opa, Onkel Oliver und ich mussten zusehen, wie wir uns selbst versorgten.

Und doch fühlte ich mich glücklich mit dieser „manchmal kranken“ Großmutter, dem pflegebedürftigen Opa, dem Onkel, den ich als Bruder ansah, und in dieser ärmlichen Wohnung, in der der Ofen im Badezimmer befeuert werden musste, um warmes Wasser zu haben.

Meiner Oma schien es egal, ob ich rechtzeitig zur Schule ging, Hausaufgaben machte und wie ich den restlichen Tag rumbekam. Doch sie achtete darauf, dass ich den Menschen in unserem Umfeld respektvoll begegnete. Anfangs sah ich keinen Sinn darin, die Nachbarn im Haus zu grüßen. Ich kannte die Leute ja kaum. Doch da bekam ich was zu hören: „Du hast dich zu benehmen, verstehst du? Guten Morgen, guten Tag, Hallo … das ist das Mindeste, was ich von dir verlange. Sonst kriegst du es mit mir zu tun!“ Sie rollte das R, wie es nur ein Franke kann, und sprach das K so weich aus, dass es wie von selbst die Kehle herunterrutschte.

Ich weiß nicht, ob diese erzieherische Maßnahme mich zum Nachdenken brachte. Doch ich hörte auf, die Ratschläge der Erwachsenen grundsätzlich infrage zu stellen oder – schlimmer noch – mich gegen sie aufzulehnen. Immer öfter gab es Situationen, in denen ich die Worte verinnerlichte oder im Nachhinein dachte: Ah, der hat ja doch recht gehabt. Ich begann, die Lebenserfahrung der Älteren anzuerkennen, manchmal jedenfalls. Diese Einstellung hörte im Klassenzimmer schlagartig auf. Die Lehrer konnten mir viel erzählen. Reflexartig nahm ich meine gewohnt aggressive und ablehnende Haltung ein. Entsprechend mies waren meine Noten: Deutsch fünf, Diktat sechs, Mathematik unterirdisch.

Einmal bekam ich eine Sieben im Diktat, weil der Lehrer sich keinen Rat mehr wusste, wie er die Aneinanderreihung völlig absurd geschriebener Worte beurteilen sollte. „Lass das zu Hause unterschreiben“, sagte er mit versteinertem Gesicht. Seine Stimme klang erschöpft, vielleicht sogar verzweifelt. Er schien sich keine Illusionen mehr zu machen, mich zu einem einigermaßen akzeptablen Hochdeutsch zu bewegen. Ich sprach den fränkischen Dialekt so aggressiv, wie ich mich den Lehrern gegenüber verhielt. Und wenn ich schrieb, ignorierte ich jeweils das T, bediente mich stattdessen des D, ersetzte P durch B und machte mit dem K, was ich wollte. Eines meiner Lieblingsworte war Schdroufzeddl. Das hochdeutsche „Strafzettel“ dagegen fand ich lächerlich. Fei gscheid bled gefiel mir ebenfalls gut, alleine schon der Widerspruch an sich, (gescheit blöd). Oder Geh kumm, gämmer (Lass uns gehen).

Meine Oma dachte, ich wollte sie verarschen, als ich ihr das missratene Diktat mit der Note Sieben vorlegte. Trotzdem unterschrieb sie es. Sie ging wohl davon aus, dass ich es trotz schlechter Noten zu was bringen würde. Immerhin schlugen sich ihre zehn erwachsenen Kinder ja auch tapfer durchs Leben, und die meisten hatten nicht mal einen Hauptschulabschluss geschafft, sondern waren zur Sonderschule gegangen.

Für mich spielte es keine Rolle, ob sich Oma kümmerte

oder nicht. Regeln waren mir fremd, außer der, dass ich im Sommer zu Hause sein musste, sobald die Straßenbeleuchtung anging, und im Winter, kurz bevor es dunkel wurde. Wann ich mich schlafen legte, interessierte keinen, und ob ich frühstückte und wie ich zur Schule kam, ebenfalls nicht. Hauptsache ich schwänzte nicht. Die Hausaufgaben wurden dann wieder zur Nebensache erklärt.

Gewohnt, früh selbstständig zu sein, kam ich alleine zurecht. Einige Freunde aus dem gleichen Viertel, die unter ähnlichen Verhältnissen aufwuchsen, konnten damit weniger gut umgehen und gerieten schon mal auf die schiefe Bahn. Andere wiederum verhielten sich ähnlich diszipliniert und zogen mich mit. Deshalb erschien ich wohl niemals zu spät zum Unterricht.

Während ich das schreibe, kommen mir reflexartig die Erinnerungen. Wie lief damals so ein Schultag eigentlich ab? Da war zunächst der Wecker, den ich mir abends gestellt hatte und der um halb sieben Uhr morgens klingelte. Ich streckte mich ein wenig, bevor ich aufstand, ging ins Badezimmer. Hielt mich dort aber nur kurz auf, fürs Nötigste halt. Dann kochte ich Tee und schmierte mir ein Brot mit Margarine und Marmelade. Manchmal legte ich Wurstscheiben darauf. Meist am Monatsanfang, wenn Oma noch genug Geld vom Amt hatte und beim Einkaufen nicht sparen musste. Anschließend holte ich die Zeitung vom Balkon, die der Zeitungsausträger, da wir parterre wohnten, durch die Ritzen des Geländers gesteckt hatte.

Ich las bereits als Zehnjähriger beim Frühstück die Zeitung. Jedenfalls die Überschriften der Sportseiten und der Regionalnachrichten, manchmal auch vom politischen Teil. Als ich noch bei meiner Mutter gelebt hatte, hatte ich abends die Tagesschau geguckt. Einmal war vom Kalten Krieg zwischen den USA und der UdSSR die Rede gewesen und dass die beiden Staaten sich mit ihren Atomwaffen gegenseitig auslöschen könnten. Die blanke Angst war in mir aufgestiegen. Aber vor allem das Wort „Kalt“, mit dem ich noch nichts anfangen konnte, hatte mich erschreckt. Seitdem wollte ich wissen, wie sich das mit diesem seltsamen Krieg und den mächtigen Raketen verhielt, und wie alles weiterging.

Um halb acht legte ich die Zeitung zur Seite, zog meine Jacke an, nahm den gepackten Schulranzen und machte mich davon. Gleichzeitig verließ Onkel Oliver die Wohnung, falls er es geschafft hatte, pünktlich aufzustehen. Anfangs ging er noch zur Schule, später dann zur Arbeit. Oma lag noch im Bett oder kümmerte sich um den kranken Opa. Meist bekam ich sie frühmorgens nicht zu Gesicht.

Der kurze Schulweg, den meine Freunde und ich zu Fuß zurücklegten, verlief fast immer lustig. Wir hatten uns viel zu erzählen, schräge Geschichten, die wir irgendwo aufgeschnappt hatten. Nur über Hausaufgaben sprachen wir nicht, und wenn, blockte ich das Thema sogleich ab. Hausaufgaben. Hatten wir wirklich Hausaufgaben aufgehabt?

Im Klassenzimmer angekommen, fühlte ich mich auf einmal sehr müde. Die Müdigkeit hielt während des Unterrichts an. Was interessierte mich, wie Re-gen-wet-ter getrennt wurde. Ich schrieb die Worte ja sowieso, wie ich wollte. Und im Addieren von Zahlenreihen sah ich keinen Sinn. Dabei hätte meine Oma ein Vorbild für mich sein können, sie war mathematisch hochintelligent. Nur mit dem Umsetzen in die Praxis haperte es bei ihr, was hieß, wenn sie Geld hatte, gab sie es sogleich aus.

Der Heimweg verlief genauso lustig wie am Morgen. Wir zogen über die Lehrer her. Witzelten über bestimmte Mädchen, die unserer Meinung nach immer nur herumgackerten. Beklagten uns über den öden Unterricht.

Wieder zu Hause, hatte Großmutter gekocht oder ich suchte mir etwas Essbares aus dem Kühlschrank zusammen. Anschließend ging ich wieder raus, auf die Straße, um mit meinen Kumpels am Spielplatz abzuhängen oder mit BMX-Rädern herumzufahren. Spätestens jetzt war ich hellwach.

Ich mochte das Viertel, auch wenn offiziell von „sozialer Armut, niedrigem Bildungsniveau, Migrantenfamilien, Arbeitslosigkeit, schlechter Bausubstanz und relativ vielen Problemfamilien“ gesprochen wurde. Selbst von „sozialem Brennpunkt“ war in den Medien die Rede. Aber was sagte mir das? Nichts. Ich hatte hier endlich Freunde gefunden und es war mir egal, ob sie Türken, Kurden, Araber, Deutsche, Sinti oder Roma waren.

Für mich schien alles völlig normal, und mit Begriffen wie multikulturell und Migrationshintergrund konnte ich nichts anfangen. Erst als erwachsener junger Mann erkannte ich, wie wichtig die verschiedenen kulturellen Einflüsse auf mich waren. Sie lehrten mich, respektvoll gegenüber jedem Mitbürger zu sein. Zeigten aber auch, dass Freundschaft und Toleranz ihre Grenzen hatten. Die kulturellen Einflüsse der Älteren auf die Jungen waren zu groß, als dass eine Anpassung an westliche Gepflogenheiten so ohne Weiteres akzeptiert worden wäre. Letztendlich kochte jeder sein eigenes Süppchen. Deshalb sage ich heute: „Lasst die Leute mal so sein, wie sie sind!“ Es wird noch viele Generationen brauchen, bis sich die Kulturen wirklich vermischen.

Das Aufwachsen mit völlig unterschiedlichen Menschen hat mein Leben bereichert und mich in meiner Persönlichkeit geprägt. Vielleicht besitze ich deshalb eine so gute Menschenkenntnis, kann nach wenigen Minuten analysieren, wen ich glaube, vor mir zu haben, wie mein Geschäftspartner tickt und wie die Verhandlung enden wird.

Ich habe von jeder Kultur etwas für mich mitgenommen, und bei vielen etwas Ähnliches entdeckt, das mir gut gefiel: nämlich Familienzusammenhalt und die Achtung vor älteren Menschen. Und ja, die Kinder und Jugendlichen im Viertel galten als aggressiv, waren es aber nicht untereinander. Nur wenn sich jemand von außerhalb einmischen wollte, musste er sich auf was gefasst machen. Da schlugen gewisse Jungs schon mal zu und verteidigten ihr Revier. Ich selbst hielt mich in solchen Situationen lieber zurück oder versuchte, die Streitereien zu schlichten.

Klaus, einer meiner Freunde, den ich am längsten kenne (wir trafen uns nach längerer Pause an einer anderen Grundschule wieder), kann sicher ein Lied davon singen. Dabei fällt mir zu unserer Kindheit eine harmlose Episode ein. Ich lebte damals noch bei meiner Mutter, und sie schickte uns gemeinsam los, um beim Metzger, etwa fünf-hundert Meter entfernt, Leberwurst zu kaufen. Auf dem Weg dorthin verhielten wir uns ziemlich albern, sodass wir den eigentlichen Auftrag völlig vergaßen. Als wir von der Verkäuferin gefragt wurden, was es denn sein dürfe, stotterten wir herum. Weil uns nichts mehr einfiel, trotte-ten wir wieder davon und fragten bei meiner Mutter noch einmal nach. Das ging so dreimal hin und her, bis Mutter uns – sichtlich genervt – das Wort Leberwurst aufschrieb. Wir legten den Zettel beim Metzger vor und dann klappte es endlich mit dem Einkauf.