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Der 1964 verstorbene Pfarrer Konrad Just ist in der nördlichen Umgebung von Linz als "Don Camillo" auch heute noch im Gespräch. Berühmt sind die vielen Anekdoten über ihn, doch seine wahre Geschichte und sein Leiden in den KZs sind auch seinen ehemals eng Vertrauten noch nicht zur Gänze bekannt. Anhand der Klageschrift seines Onkels, des Paters Konrad Just, zeichnet Justus Just dessen Leben und siebenjährige Gefangenschaft in den Konzentrationslager Dachau und Buchenwald nach. Erstmals wird in einem Buch das schwierige Verhältnis zwischen Gesellschaft und KZ-Priester dargestellt, denn die Rückkehrer wurden keineswegs überall mit offenen Armen empfangen und mussten teils eine neue Ausgrenzung erleben. Darüber hinaus erfahren die Leserinnen und Leser über die Vertreibung der Bourgeoisie aus der Tschechoslowakei nach dem Ersten Weltkrieg, von den Streitigkeiten der Christlich Sozialen mit den Sozialdemokraten in der Ersten Republik und von der Begeisterung des österreichischen Volkes für einen Adolf Hitler.
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Seitenzahl: 563
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Vorwort
Vorgeschichte
Familienglück in turbulenter Zeit
Der junge Josef im Strom der nationalen Auseinandersetzung
Die Vertreibung
Die ersten Anpassungsschwierigkeiten im Land der ungleichen Brüder
Pater Konrad Just, ein Kämpfer für die Gerechtigkeit
Der Weg zum Radikalismus
Nach der Weltwirtschaftskrise
Dr. Engelbert Dollfuß, ein Leitbild für Pater Konrad
Der Höhepunkt der Barbarei
Der Feind am Horizont
Dr. Schuschnigg, der unbeliebte Idealist
Veränderungen
Plötzlich war der Christ mit althergebrachten Werten der Böse
Alle Warnungen wurden in den Wind geschlagen
Nicht alle haben den Fanatismus für Hitler verstanden
Die Verlogenheit der Gestapo
Konrads erster Eindruck von dem Grauen in Dachau
Die erste Haftstrafe
Zuteilung zum Strafblock
Im ärgsten Hunger wurden die Gefangenen zu Überlebenskünstlern
Die härtesten Strafen in Dachau
Konrads geistliche Mithäftlinge unter Hitlers Mörder
Die Strafe des stundenlangen Stehens
Sadismus in Reinkultur
Sieben Wochen im dunklen Arrest
Für ein Jahr nach Buchenwald
Die Grausamkeiten in Buchenwald
Von der Hoheit gepeinigt
Arbeiten unter Bombenangriffen
Die ersten Kriegsgefangenen im Blickfeld von Pater Konrad
Die frechen Lügen der nationalsozialistischen Führungsmacht
Die medizinische Versuchsanstalt im Konzentrationslager Dachau
Was Konrad über Wasser- und Luftversuche erfahren hatte
Die Blutspenden durch KZ-Häftlinge
Gott hat sein Zelt in Dachau aufgeschlagen
Die Räumung des Lagers
Genesung im Kloster von Percha am Starnberger See
Heimreise mit Hindernissen
Die Freuden des Heimkehrenden
Heimat, wie bist du kühl geworden!
Enttäuscht von der Heimat
Meinungsaustausch unter den KZ-Priestern
Die letzten Nationalsozialisten
Beim Prozess in Dachau
Allmählich verschwinden die letzten Spuren des Nationalsozialismus
Am Ende war Pater Konrad ein obrigkeitsgestörter Mensch
Meine Erinnerungen an Pater Konrad
Der Abschied
Epilog
Quellennachweis
Wer das Schicksal unserer KZ-Häftlinge herabwürdigt und aus Unkenntnis und Bosheit leugnet, der verhindert und zerstört auch heute noch in seiner Kurzsichtigkeit den Erfolg in den zwischenmenschlichen Beziehungen.
Der Autor
Pater Konrad Just, der durch sieben Jahren Haft in den Lagern Dachau und Buchenwald die besten Erfahrungen über das Böse im Menschen gesammelt hat, warnte immer wieder vor schlechten Mitbürgern. Seine weisen Worte wurden von den Bürgern kaum beachtet, weil Begüterte und Enttäuschte unter den Berufstätigen immer schon unterschiedliche Vorstellungen über Vorgesetzte hatten. Nur in dieser Richtung spalteten sich die Meinungen zwischen KZ-Häftlingen und freiem Bürgertum. Auch heute noch würde ein Gequälter aus dem Konzentrationslager in Fragen der Gerechtigkeit auf andere Meinungen stoßen. Noch immer würden die meisten Bürger, die sich nach außen hin anständig und selbstbewusst zeigen, die Opfer der Gesellschaft zurechtweisen und nicht die Täter.
Das vorliegende Buch wird von den Interessenten nicht mit gleichen gedanklichen Auffassungen gelesen, nachdem jeder Nachkomme der Hitler-Generation seine eigenen persönlichen Erfahrungen aus erzieherischen Gesprächen mit Eltern gesammelt hat. Die Geschichte über Pater Konrad wird bei jenen Menschen tief ins Herz dringen, die von Mitbürgern enttäuscht wurden. Wegen dieser Tatsache, die in Geschichtsstudien kaum beachtet wird, sollten die Gebildeten in einer Gemeinschaft die niedergeschriebenen Meinungen der KZ-Häftlinge nicht neuerlich verurteilen, auch wenn ihnen die dramatischen Darstellungen über angesehene Persönlichkeiten suspekt erscheinen. Die Aufschreibungen des Paters Konrad Just über das Leben in den Konzentrationslagern und über den Charakter der SS-Wachbeamten und Bonzen sollten für uns alle eine wertvolle Hilfe in der Beurteilung der jeweiligen Lebenssituation sein, denn sie nehmen bei Steigerungen der Reibereien in der Gesellschaft einen höheren Stellenwert ein.
Ich bringe zunächst in Erinnerung, dass in der europäischen Zeitgeschichte immer wieder zwei Mächte, die auch heute nicht miteinander harmonieren, gegenüberstanden: die ständig nach Gerechtigkeit strebenden Traditionalisten und die wettbewerbsträchtigen, modefanatischen und ordnungschaffenden Narzissten. Die monarchisch geprägte katholische Kirche der Habsburger zeigte nach dem Dreißigjährigen Krieg 250 Jahre lang ihre politische Stärke. Der Nationalismus prägte nach dem Völkeraufstand im Jahr 1848 deshalb das Denken rechts gerichteter Jugend aus gutem Hause, weil die einst unterjochten Slawen und Arbeiterstände als neue konkurrierende Wirtschaftstreibende plötzlich erfolgreich, modebewusst und stolz geworden waren.
Bei den unterschiedlichen geschichtlichen Vorkommnissen änderten sich infolge des Gens die eigenen Wertvorstellungen über Generationen hinweg nicht. Der generationsbedingte Machtkampf als Narzisst oder als Traditionalist beeinflusst nur die eigenbezogene Gefühlsduselei – einmal in der Gestalt eines nationalistischen Täters, ein anderes Mal als ausgegrenztes Opfer. Aber die gesellschaftlichen Umgangsformen des Einzelnen bleiben immer gleich. Es sei damit erklärt, dass sich Menschen gleicher Art in einem bestimmten Zeitalter über Autoritäten eines herrschenden Regimes unterwürfig und Generationen später darüber empört zeigen. In dieser Weise entstehen die Meinungsunterschiede zwischen Alt und Jung, wobei auch der Egoismus in der Frage der Mode eine entscheidende Rolle spielt.
Über den ständig wechselnden Zeitgeist hinweg waren sehr wohl Unterschiede zwischen Monarchisten und Narzissten bemerkbar, wenn eine Gruppe von ihnen an der Macht stand: Die Monarchisten bestraften, verurteilten oder ermahnten ihre Widersacher (achten Sie bitte beim Lesen des Buches auf die Predigten des Paters Konrad und auf seine Urteilsbildungen im KZ). – Sie zeigten sich gegenüber den Gegnern des Idealismus unversöhnlich, weshalb auch unter ihrer Herrschaft Schikanen betrieben und Todesstrafen auf Galgen verhängt wurden. Die Narzissten dagegen kamen meistens aus der Mittelschicht und untergeordneten Splittergruppen, traten bei Imageverlusten der Monarchisten mit selbstbewusstem Auftreten in den Vordergrund und zeigten dabei explosionsartig Kampfbereitschaft. Sie vernichteten die Gegner ihrer Erneuerungsbestrebungen in einem grausamen Gemetzel, wie beispielsweise im siebenjährigen schlesischen Krieg zwischen den narzisstischen Preußen und den monarchisch geprägten Südschlesiern. Massenmord, darauf folgende vorgegaukelte Einigkeit, strenge Einhaltung der Rahmengesetze und Geschäftstüchtigkeit waren das Täterprofil der Narzissten in der Hitler-Zeit und zu Beginn der Zweiten Republik. Im Gegensatz zu Monarchisten waren die Narzissten immer schon das besser organisierte Fadenwerk von Ehrenbürgern deutschnationaler Prägung, verarmter und rechtlos gewordener Mittelschicht, Karrieristen und Kriminellen. Deshalb waren die Formen des Nationalismus mit seiner Steigerung zur Brutalität in der Monarchie und in der Zeit von Adolf Hitler verschieden. Aber die mentalen Gefühle beim Streit über Sühne und Gerechtigkeit sind bei den Kontrahenten aus der jeweiligen Anhängerschaft bis zum heutigen Tag gleich geblieben. Änderungen in der Umwelt beeinflussen bei dem Einzelnen nur die eigene Meinung zu neuen Ereignissen, aber nicht sein Durchsetzungsvermögen in der Gesellschaft. Aus diesem Grund haben Politiker, Vorgesetzte und Organisatoren sehr wohl Einfluss auf das Seelenleben der Bürger. Gerade die immer wieder neu festgelegten Verpflichtungen durch einflussreiche Bürger aus mittleren und gehobenen Kreisen verursachten bei den durchsetzungsschwachen – aber doch revolutionär denkenden – Vater und Sohn Just sehr schmerzhafte Wirkungen. Sie erlitten als rechts gerichtete Konservative (Traditionalisten) bei allen großen gesellschaftlichen Änderungen nach dem Zerfall der Monarchie ihren Schaden durch aktiv tätig werdende Behörden neuer Geschmacksrichtung.
Der Erste Weltkrieg hatte die imperiale Macht der Katholiken und damit verbunden auch den erfolgreicheren Lebensabschnitt der Familie Just zerbröselt. Jahrzehnte später gewann unter Adolf Hitler die rechts gerichtete narzisstische Ordnungsmacht, die für Vater und Sohn Just ein äußerst unangenehmes Regiment war, die Oberhand. Plötzlich waren Christen alter Natur und die erneuerungssüchtigen Nazis aufeinander geprallt. Die Monarchisten schrumpften sehr rasch zu einer Minderheit, denn aus ihren Reihen waren sowohl rechtlose Arbeiter als auch karrieresüchtige Mittel- und Oberschichten zu den modern auftretenden Kontrahenten abgewandert. Sie gehörten eigentlich zur willfährigen Masse, die in einer Zwangsherrschaft in jede Richtung hin gesteuert werden kann. Nachdem Ehrenbürger aus vornehmen Hause immer schon im Kreis der Angesehenen anzutreffen waren, wurden sie vom gehorsampflichtigen Volk unbewusst nicht der bösen Tat bezichtigt. Die manipulierte Masse sah in ihrem angewöhnten Fanatismus im wüstesten Treiben des Nationalsozialismus die Fehler bei den eigenen vereinsmäßig zusammengeschlossenen Interessengruppen tatsächlich nicht, was später auch noch im Streit um die Schuldzuweisung zwischen katholisch geprägten Vereinigungen und den politisch anders denkenden ehemaligen Hitler-Anhängern festzustellen war. Aber es müssen uns die Tatsachen bewusst werden, dass die Gründe zu Empfindsamkeiten von Generation zu Generation sich ständig ändern. Damals kämpften verarmte Mittelschichten um Anerkennung ihrer Wertgefühle in einer modernen Hitler-Gesellschaft; die Nachkommen versuchten sich wiederum vom streng ausgelegten moralischen Gedankengut ihrer Eltern zu befreien. Deshalb gibt es heute bei den Vorfällen, die sich den Begebenheiten in der Hitler-Zeit ähneln, weitaus mehr kritische Einstellungen in der Bevölkerung als damals. Bei der vorliegenden Geschichte über Pater Konrad Just wird auch verdeutlicht, wie er als ehemals Vertriebener in seiner Fremdartigkeit zu einem Zündstoff innerhalb der national geprägten Bourgeoise wurde.
Bei all den vielen unterschiedlichen psychologischen Standpunkten taucht auch die Frage auf, ob man sich tatsächlich mit den sich immer schon vernünftig gebenden Deutschen bzw. Österreichern so stark verfeinden konnte. Tragen sie ein Gesicht der Täuschung, ohne dass es einem auffällt? Mit einem »Ja« möchte ich nach meinen umfangreichen Forschungsarbeiten bis in die tiefste Kluft der Konzentrationslager antworten. Ich weise dabei als warnendes Beispiel auf die kleinkarierte Haltung vieler Deutschsprachiger im Beruf hin, wenn sie mit Argusaugen das Tun der Untergebenen beobachten. Nur in diese Richtung führen die Beschwerden der KZ-Häftlinge. Da mag ein bestimmter Mitbürger privat als nett, unterhaltsam, intelligent und freundschaftlich erscheinen, aber im Dienst drückt er klar und deutlich seinen Ordnungssinn aus. Da verspürt der untergeordnete Betroffene bei seinem Gegenüber kühle Strenge, Zwang zur Pflicht und Ehrwürdigkeit bis zur Selbstverleugnung, was auch von Hitler wörtlich empfohlen wurde. Bei dieser streng ausgelegten Führungsmethode treiben Kritik und Reibereien, wo ein Respekt leicht missachtet wird, dem Übergeordneten Zornesröte ins Gesicht. Tritt in dieser Phase eine wirtschaftliche Verschlechterung oder eine gesellschaftliche Veränderung ein, dann ist der Weg zur vollständigen Rache nicht mehr weit. Da gedeiht automatisch der Wunsch nach Erziehung und Massenmord in einem Konzentrationslager.
Es hilft dem Leser wenig, wenn er in der Beurteilung der Konzentrationslager seine Gedanken starr auf die Brutalitäten der SS-Aufsichtsbeamten und der Lagerverwalter gerichtet hat. Sie waren keineswegs mit Verbrechern im Sinne des Volksglaubens zu vergleichen. Interessant im ganzen Ereignis um Adolf Hitler ist es zu erfahren, wie grausam unsere täglichen Lebensgewohnheiten in einer menschenunwürdigen Hierarchie sein können. Vor allem sollte das beschriebene Schicksal des Paters Konrad den schwachen und untergeordneten Menschen auf die Irreführung durch vielversprechende Schmeicheleien und Schönfärbereien der vermeintlichen Vorbilder hinweisen. Pater Konrad Just wollte den schwachen Bürgern klar vor Augen führen, dass ihre Wünsche nach Erneuerungen sehr riskant sind, wenn sie selbst als ehemalige Verlierer plötzlich mächtig werden. Die Wahrscheinlichkeit von Zornausbrüchen ist bei ihnen sehr groß, nachdem sie eine Verletzung der Ehre als Beleidigung auffassen. Ihnen fehlt noch die Erfahrung im Umgang mit dem Widerstand, was sich vor allem in der Zeit von Adolf Hitler zeigte. Neben dieser Tatsache ändert ein politischer Sturz nicht das Naturell im Gesellschaftsbild mit herrschender Klasse und Verlierern. Die durchsetzungskräftigen Gewinner stellen sich in jedem politischen System als gleiches Charakterbild dar – sei es im Nationalsozialismus, Faschismus, Kommunismus oder in einer Demokratie.
Die Geschichten über die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald und das Leben nach 1945 entspringen den Gefühlen in den Aufschreibungen des Paters Konrad. Die anderen Stücke im Buch beruhen auf meinen langjährigen Forschungsarbeiten (unter anderem auch im tschechischen Staatsarchiv) und auf früheren Aufschreibungen aus privater Hand. Für die wertvolle Mithilfe bei der Darstellung der Begeisterung des Volkes für Adolf Hitler möchte ich verschiedenen Interviewpartnern herzlichen Dank aussprechen. Dabei konnte ich vielfach feststellen, dass das österreichische Volk noch immer mit fehlendem Verständnis für Meinungen eines untergeordneten Mitmenschen, wie z. B. eines KZ-Häftlings, behaftet ist. Aus diesem Grund konnte ich meine Forschungsaufgabe nicht auf Aussagen der Zeitzeugen alleine beschränken. Ich habe mich auch nach den geschichtlichen Lesestücken vom deutschen Zeitzeugen Sebastian Haffner orientiert, um die Machtübernahme Österreichs durch Adolf Hitler besser beurteilen zu können. Mit den Aussagen des Kommandanten Höß aus dem Konzentrationslager Auschwitz hatte ich wertvolle Gegenüberstellungen der gedanklichen Auffassungen zwischen Angestellten und Häftlingen zur Hand. Diese interessanten Darstellungen über die geistigen Gefühlsregungen bei den menschenunwürdigen Ereignissen in einem KZ haben meine Meinung bestätigt, dass man geschichtliche Begebenheiten keinesfalls als Vorurteil in die Sparte »grausame und unehrliche Feinde außerhalb der Gemeinschaft« abschieben sollte, wie es von Zeitzeugen unüberlegt (nicht absichtlich!!!) getan und somit eine wertvolle Weitergabe von Erfahrungen aus der damaligen Epoche verhindert worden sei.
Die Ereignisse von 1938 zu beschreiben war mir am schwierigsten erschienen, nachdem ich dabei auf Befragungen der Zeitzeugen angewiesen war. »Pflichtbewusstsein« und »Tüchtigkeit« mit den verschiedenen Sichtweisen in der Frage der Moral kann bei den Menschen ganz teuflische Meinungsunterschiede auslösen. Gerade am Punkt des pflichtbewussten Verhaltens gehen Vorstellungen von Zeitzeugen, Kommandant Höß, von den Priestern, von Pater Konrad und von mir so weit auseinander, dass ich hier einen Kompromiss mit dem Schwerpunkt der Meinungsäußerungen meines Onkels und seines vorgesetzten Pfarrers gesucht habe. Die Standpunkte der Zeitzeugen über die Hitler-Zeit sind deshalb verschieden, weil sie eigentlich unter den Begriffen »Pflichtbewusstsein« und »Gehorsamssinn« unterschiedliche moralische Vorstellungen haben. Ebenso spürt jede Berufssparte den Druck von oben nach unten anders, und gegenüber den Enttäuschten zeigt der erfolgreichere Mitteleuropäer sehr wenig Einfühlungsvermögen. Noch dazu lautete nach dem Weltkrieg die Beschuldigung an den Ereignissen alleine auf Adolf Hitler, weshalb die Bösen und Unehrlichen in unserer Heimat weiterhin im Schatten des Unsichtbaren lagen.
Die dürftigen Meinungen der Zeitzeugen sind deshalb gegeben, weil bei Geschmacksänderungen in politischen und wirtschaftlichen Bereichen in den Gehirnen der Menschen eine schnell angewöhnte Meinungsbildung über neue Pflichten und Gehorsamkeit heranwächst. Die unmittelbar Beteiligten sind zu einer gerechten Aussage über die Bedürfnisse im eigenen Leben gar nicht fähig. Die Befehlsausübenden und die Pflichttreuen innerhalb einer Gruppe fanden sich gegenseitig zu sympathisch, weshalb sie die ganzen Ereignisse im nationalsozialistischen Lebensabschnitt als keine böswillige Sache angesehen hatten. Viele Zeitzeugen schwärmten auch zu Beginn des neuen Jahrtausends über die damalige Zeit.
Zwei unauffällige Streitfragen durch die (schlechte) Erziehung über Generationen hinweg wären auch heute noch diskussionswürdig: Die Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft oder in einer Partei wird als sehr wichtiger Bestandteil in Fragen der Erziehung aufgefasst und eine gesunde Kritik an Vorgesetzten wird weiterhin als unanständig und dumm abgeurteilt. Daraus ergeben sich jene schweren gesellschaftlichen Spaltungen in Meinungsbildungen, die in kritischen Lebenslagen stets zu bösen Ausbrüchen führen. In der Vielzahl der Meinungen über eine ordentliche Lebensführung treten heute Aufständische, Revolutionäre, Terroristen und einzelne Attentäter hervor.
Heute spüren wir wieder verstärkt die unruhige Luft in den Streitigkeiten zwischen verschiedenen Nationen und Parteien. Wir haben – Gott sei Dank – eine lange friedliche Zeit mit unseren guten und schlechten Gedanken erlebt, trotzdem kann durch unterschiedliche Meinungen in der Gesellschaft, die unverändert Kriegszeiten und Frieden standhalten, noch immer nicht eine wahrheitsgetreue Geschichte über KZ-Häftlinge mit Rücksicht auf das Empfinden Einzelner geschrieben werden. In so einer Abwägung des heiklen Falles würde das Lesestück für den wissensdurstigen Menschen weiterhin oberflächlich und unverständlich bleiben. Mir als Autor ging es eigentlich darum, womöglich eine Geschichte aus der Perspektive meines Onkels zu schreiben.
Eine größere Sippe namens Just war ursprünglich als angesehene bäuerliche Familie in Lichtenbrunn bei Mährisch Trübau angesiedelt. Von diesen arbeiteten sich die beiden Nachfahren Franz und Florian zu Webermeistern empor. Das war zur Zeit Maria Theresias, deren Gatte eine neue Spinnereiordnung erlassen hatte. Dadurch war für die Weber eine Zeit des Wohlstandes angebrochen. Bereits am 11. September 1792 konnte sich der Webermeister Franz Just von seinem ersparten Geld ein Patrizierhaus in der Innenstadt von Mährisch Trübau kaufen.
Zu Lebzeiten von Franz und Florian Just (Letzterer war der Vorfahre des späteren Paters Konrad) erweiterte die Stadtverwaltung von Mährisch Trübau das Weberhandwerk. Die beiden Webermeister Just wirkten dabei eifrig mit und bildeten in einer speziellen Schule in der Innenstadt junge Menschen zu den besten Web-Fachkräften der habsburgischen Monarchie aus. Diese Ausbildung bewirkte bei den jungen Männern eine Hebung des Selbstwertgefühls. Auch im Allgemeinen fühlten sich damals die Sudetendeutschen im nordmährischen Schönhengstgau stolz und glücklich, weil sie im Gegensatz zu anderen böhmisch-mährischen Gebieten noch als reinrassige Deutsche auf einer weitläufigen Sprachinsel unter sich vereint waren.
Franz und Florian, die untereinander im dritten Grad verwandt waren, verstanden sich aus beruflichen Gründen bestens. So kaufte Florian Just für seinen Sohn Franz in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dem Webermeister Franz Just das Patrizierhaus in der Altstadt von Mährisch Trübau ab. Mit dem Vermieten des Patrizierhauses konnten der Urgroßvater und der Großvater vom späteren Pater Konrad als angesehene Ehrenbürger in guten Verhältnissen leben.
Die nationalen Spannungen in den Turn- und Sportvereinen, die mehr durch Spottverse der Deutschnationalen in die Höhe getrieben wurden, waren im Gegensatz zu den größeren Städten in Böhmen und Mähren im Schönhengstgau noch nicht zu spüren. In den Städten dienten sportliche Wettkämpfe zwischen den verschiedenen Nationen leider nicht immer der Völkerverständigung, da auch böse Worte fielen, wenn Vereine in Eifer und Ausgelassenheit sich gegenseitig kritisierten und verspotteten. Bald waren im Munde der Gegner die Slawen Tuschen, die Juden falsche Einschmeichler bei den Großen und die Sudetendeutschen hochmütig, ungerecht und wichtigtuerisch. Diese bösartigen Gedanken breiteten sich sehr rasch über ganz Böhmen und Mähren aus. Dabei kritisierten die Sudetendeutschen in Nordmähren ihre Blutsverwandten in Böhmen, weil diese durch noch engere Bindung mit den Slawen ständigen Streitigkeiten ausgesetzt waren, während man sich in der Gegend von Mährisch Trübau um mehr Glück und Frieden bemüht zu haben glaubte. Böse Zungen richteten sich gegen Schlesier, nachdem sie mehr den Preußen als den Habsburgern zugetan waren.
Aus den albernen Vorurteilen der einzelnen Völker, die zunächst als Gaudium aufgefasst wurden, entwickelte sich in Böhmen wie auch in Mähren in den langsam drehenden Mühlen der Zeit eine größere Distanz zwischen den Nationen. Durch andauernde Sticheleien konnten negative Vorurteile über andere Völkergruppen sehr rasch Fuß fassen. So betrachteten die Deutschen die Slawen als eine mindere und eigensinnige Rasse. Die Juden galten wegen ihrer Geschicklichkeit im Geschäftemachen als Schmarotzer. Und die Sudetendeutschen waren in ihres Hangs zur schulmeisternden Kritik bei den Tschechen nicht mehr beliebt. Die sprachlichen und kulturellen Erneuerungsbestrebungen der Tschechen ernteten bei den Deutschen nur Ablehnung und Spott. In diesem Kleinkrieg sonderten sich die Volksgruppen zunehmend voneinander ab. Gemeinsamkeiten wurden nicht mehr gesucht, das Interesse an Wünschen und Problemen anderer nahm ab und man zerstritt sich wegen jeder Kleinigkeit, wie zum Beispiel der Besetzung von Schulen und Ämtern, der Namen auf den Ortstafeln und schließlich auch wegen jedes Dokumentes.
Trotz der vielen sozialen Konflikte zwischen den einzelnen Volksgruppen verspürten die männlichen Nachkommen des Webermeisters Just den Wohlstand. Sie vermählten sich mit einflussreichen Töchtern der Stadt und erlangten dabei höheres Ansehen. Auch der Großvater vom späteren Pater Konrad empfand in seiner altmodischen Einstellung zum Traditionellen die Zeit immer noch gut, auch wenn die nationalen Streitigkeiten das Fass langsam zum Überlaufen brachten. Andererseits stritten die Sudetendeutschen hin und wieder über den Aufwärtstrend, als beispielsweise in der Umgebung von Ölmütz und Ostrau 1845 die Eisenbahn ausgebaut wurde. Das war auch nicht verwunderlich, denn zum angenehmen wirtschaftlichen Aufschwung gesellten sich bald Nachteile, nachdem die Arbeitsmarktpolitik im Dreiländereck Böhmen, Mähren und Schlesien nicht mehr in den Griff zu bekommen war. Dabei erfuhr das Volk auch dürre Jahre, ausgelöst durch Wirtschaftskrisen, was sogar die Familie Just durch eine Absatzkrise im Textilhandel zu spüren bekam. Im Höhenflug der Spannungen schien plötzlich der österreichischen Regierung das Sparprogramm unerlässlich und sie verkaufte 1854 die Hälfte der Staatseisenbahn in Böhmen und Mähren an die Franzosen.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schritt die Modernisierung in einem noch höheren Tempo voran, was für die traditionellen Weber in Mährisch Trübau eine Enttäuschung war. Im Zuge der Neugestaltung durch moderne Maschinen mussten in den Handwerksbetrieben Arbeitskräfte eingespart werden. Verständlicherweise kam es dabei zu einem schweren seelischen Konflikt zwischen den Verlierern mit ihren langjährigen Erfahrungen und den Neulingen, welche sich selbst in arroganter Weise als hervorragende Techniker bezeichneten. Durch Auseinandersetzungen mit aufständischen Webern einerseits und Anbiederung an fremde Techniker andererseits hatte die bisher angesehene Familie Just im national geprägten Mährisch Trübau viel Kundschaft verloren, was aber mit dem Vermieten des Patrizierhauses ausgeglichen werden konnte.
Am 5. August 1875 wurde in Mährisch Trübau Josef (Großvater des Autors) geboren. Seine Eltern waren der Hausvermieter Franz Just und die emanzipierte Tochter aus dem Hause des Tuchmacherfabrikanten Prahser. Für den kleinen Josef waren die guten Zeiten von einst vorbei, nachdem er in seiner Kindheit und Jugendzeit den letzten Zeitabschnitt des Zusammenlebens einer Völkergemeinschaft unter den ständig an Macht verlierenden Habsburgern verspürte. Kurz vor seiner Geburt hatte ein Börsenkrach die plötzliche Verschlechterung der Wirtschaft herbeigeführt. Die Familie Just büßte zu diesem Zeitpunkt vieles von ihrer einstigen Vormachtstellung als Ehrenbürger des höheren Ranges ein. Auch andere Bürger zeigten sich über die Änderung der Zeit zutiefst enttäuscht und dachten erstmals an eine Abkehr von der Monarchie. Damit wurden die Spannungen zwischen monarchischer Oberschicht / Staatsangestellten und national und sozialdemokratisch denkender Arbeiter- und Angestelltenklasse schärfer. Mit der Anzettelung des kurzen Krimkriegs wurde Österreich von der Welt und zum Teil auch von eigenen gespaltenen Landsleuten verachtet. Die Stimmung zwischen den Sudetendeutschen und den bevormundeten Tschechen war damals äußerst schlecht. Aber es gab auch Ausnahmen, so dass deutsch sprechende und gebildete Schichten unter dem gehobenen slawischen Mittelstand erstmals durch neue Regelungen wirtschaftlich gleichberechtigt mit den Deutschen mitmischen konnten. Weiter gaben die österreichischen Staatsmänner in ihrem Hang zur Vorsichtigkeit immer mehr den Forderungen der Tschechen nach, damit kein Nationalismus das Pulverfass in Böhmen und Mähren zur Explosion bringen konnte. Seit der Niederschlagung des Prager Pfingstaufstandes und der Revolution im übrigen Böhmen in den Jahren 1848/49 waren die Beziehungen zwischen Deutschen und Tschechen national geprägt und deshalb deprimierend. Weite Teile der Bevölkerung lebten im tiefsten Elend. Die Arbeiter wurden ausgebeutet und oft nur mit verdorbenen Lebensmitteln belohnt. Die Aufständischen wurden von Militärs erschossen. Damit war auch in Böhmen und in Mähren die Arbeitsmoral schlechter geworden, von der Energie einer Geschäftigkeit war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nichts mehr zu spüren. Trotzdem wagten sich die Tschechen mit einer langen Wunschliste heran: Mitbeteiligung am Reichstag in Böhmen, Mähren und Schlesien, ein eigenes Landesministerium, Umstellung der deutschen Sprache auf das Tschechische im Schulunterricht der Slawen, Angleichung der böhmischen Nationalität an die deutsche und Abschaffung der alleinigen Rechtsprechung durch österreichische Grundherren. Die aus Wien angereiste Delegation gab zwar den Forderungen nach, verwies aber in scharfem Ton auf die Verfassung der Gesamtmonarchie. Österreich war nicht bereit, den Tschechen wirkliche Zugeständnisse zu machen. Der Weg zum nationalen Konflikt war endgültig bewirkt. Zum Glück war der böhmische Führer Franz Palacký noch immer Verfechter habsburgischer Ideen, wenngleich er als »Böhme slawischen Stammes« nicht alles Deutsche bedingungslos anerkannte und deshalb aus Protest auch der Sitzung im Frankfurter Parlament fern geblieben war. Palacký wollte sein Land in den Händen der Habsburger wissen und nicht nach dem deutschnationalen Geschmack in ein deutsches Großreich einreihen lassen. Palacký wünschte sich für die Slawen Friede, Freiheit und eigene Meinungen, weil schon damals den Böhmen die Gefahr eines russisch-absolutistischen Zarenreiches drohte, was eigentlich dem heutigen Kommunismus ähnlich gewesen wäre.
In der verarmten Hauptstadt Prag wurde die Trennungsideologie eingeleitet, nachdem sich dort die Studenten in nationale Lager, »Slavia« und »Teutonia«, spalteten und die Mitwirkenden des Theaters in zwei Gruppen gliederten. Noch befand sich die Wurzel des Konfliktes in der Universität und in den Schauspielhäusern von Prag, aber wie ein Lauffeuer breitete sich dann der Nationalismus über weite Teile des böhmischen und mährischen Landes aus. Und seit 1848 forderte die politische Führungskraft unter den jungen Tschechen mit emsiger Geduld, dass den Deutschen in Schulen und Ämtern Gleichberechtigung weiterhin zugestanden gehöre, aber die Vorherrschaft im Lande den Slawen gebühre. Damit wurde eine deutlich erkennbare Gruppierung zwischen Sudetendeutschen und Tschechen eingeleitet. Den damaligen Sudetendeutschen war seit Metternichs Rauswurf aus der Regierung die österreichische Monarchie wegen ihrer starren Haltung nicht mehr sympathisch. Der abfällige Ausdruck »Altösterreicher« fiel sehr oft vom Mund. In diese Geschmacksrichtung dachte auch Josefs wohlhabender Vater.
Im Schönhengstgau war die Auseinandersetzung zwischen Sudetendeutschen und Tschechen nicht so deutlich zu spüren. Dort lebten die Deutschsprachigen noch unter sich, auch wenn sie inzwischen durch national geprägten Streit ihre Randgebiete an die Tschechen verloren hatten. Jedoch merkte man auch dort wie überall in Böhmen und Mähren die Verelendung durch Überbevölkerung und Arbeitslosigkeit. Josef Just verspürte in seinen jungen Jahren den Mangel an Staatsposten bei der teilprivatisierten mährischen Eisenbahngesellschaft. Viel eher kamen Tschechen als billige Arbeitskräfte in den Genuss einer Aufnahme bei der Bahn. Der junge Josef Just hatte von seinen vielen Enttäuschungen schon genug und freute sich, dass er endlich in das modernere Oberschlesien auswandern konnte. Zur damaligen Zeit empfand das junge Volk überhaupt größere Lust zum Auswandern. Eine in Prag tagende Enquete stellte fest, dass die Jugend aus Gründen der Geldgier, Abenteuerlust, mangelnder Heimatliebe, Selbstbewusstsein, Familienunglück und der Wehrdienstverweigerung für immer die Heimat verlassen wollte. Viele Menschen aus dem südlichen Teil von Böhmen und Mähren zogen nach Österreich. Andere suchten in den Vereinigten Staaten von Amerika ihr Glück. So betrachtet scheint Josefs Wechsel nach Schlesisch Ostrau gar nicht außergewöhnlich gewesen zu sein. Aber er war in seinem erblichen Blut als Schönhengstgauer redlich bei der Arbeit und empfindlich gegen barsche Befehle. In dieser Weise zog es den jungen Josef Just, ohne dass er es selbst gemerkt hätte, in eine interessante und freizügige, aber leider auch in eine für ihn zu kühle Gesellschaft preußischer Art. Josef schmeichelte sich in Oberschlesien nur bei den katholisch geprägten Monarchisten ein und hatte damit andere moralische Anschauungen als sein deutschnationaler Vater. Gegenüber dem slawischen Mittelstand und der deutschnationalen Großbourgeoise stand er wie seine gleichaltrigen Kollegen aus wohlhabenden christlichen Familien ablehnend gegenüber. Das war nicht verwunderlich, denn ausnutzerische Geschäfte, politische Straßenschlachten, arrogante Oberschichten und zunehmende Kriminalität bestimmten den Alltag in den damaligen Klassengesellschaften. Und die deutschsprachigen Jungen beschritten den Weg der Verlierer.
Als Angestellter bei der Bahn verliebte sich Josef in die sehr hübsche Tochter des Stationsaufsehers Franz Gold aus Stauding bei Ostrau. Diese liebevolle Verbindung in einer Welt der modifizierten flotten Trachten dürfte auch insofern von Bedeutung gewesen sein, als der Vater des Mädchens durch gute Beziehungen Josef einen vorteilhaften Posten als Beamter beschaffen konnte und damit Josefs Karriere ermöglichte.
Das 20. Jahrhundert hatte begonnen und es sah so aus, als würden Humanität und Freundschaft die Herzen der Völker erwecken. Auch Josef Just wurde von dieser Entwicklung positiv beeinflusst, denn er verspürte in Oberschlesien eine zukunftsorientierte Modernisierungswelle in wirtschaftlichen und politischen Bereichen. Die Politiker versuchten Konflikte durch Industrialisierung zurückzudrängen. Das österreichische Kaiserhaus war ohnehin zu schwach, um den Wünschen einzelner Nationen im Habsburgerreich entgegenzukommen oder entgegenzutreten. Die monarchisch geprägten Sudetendeutschen merkten in bitterer Weise, wie eine ihnen wohl gesinnte Staatsform zu einem Auslaufmodell ausartete.
Der Traum vom guten Zusammenleben zerplatzte in kurzer Zeit wie eine Seifenblase. Die alten Streitigkeiten gingen aufs Neue los: Die konservative christliche Gruppe wünschte den Fortbestand des habsburgischen Staates, die autoritären Erneuerungsstreber lehnten die Monarchie ab und forderten den Anschluss an das modernere Preußen. Immer mehr Bürgerliche – vor allem die jungen Leute – sympathisierten mit der »Alldeutschen Vereinigung«, die von Studenten und demokratischen Liberalen im Ausdruck von Protestmärschen gepriesen wurde. Uneinigkeit war damals das größte Übel, was das Volk auf deutschsprachigem Gebiet von Böhmen bis Schlesien verspürte. Nebenbei wurden die Tschechen immer mehr ausgegrenzt; die Deutschen nannten sie in alberner Weise »Bedientenvolk«. Dazu kam noch die Einbildung der Sudetendeutschen, dass »das Bedientenvolk zu nichts anderem wert sei und deshalb nur zu dienen habe«. In diesem konfliktgeladenen Tumult boshafter Ausgrenzung und Besserwisserei unter den führenden Obrigkeiten und geteilter Meinung zwischen Nationalen hoffte jeder, dass die industrielle Entwicklung für wirtschaftliche Verbesserungen alleine ausreiche. Vor allem die Studenten und die politischen Mitglieder der »Ritter-Georg-von-Schönerer-Partei« trieben in einem gehobenen und niveauvollen Stil (im Einfluss dieser ästhetischen Geschmacksrichtung schwammen auch Josef Just und seine Verlobte Karoline Gold mit) den Keil zwischen Sudetendeutsche und Slawen. Verärgert darüber waren die älteren, konservativ eingestellten deutschsprachigen Bürger, die sich weiterhin nach guten Verhältnissen und reibungslosen Beziehungen zu den Slawen sehnten.
Eine noch unsichtbare Gefahr des Nationalismus war der 1862 gegründete panslawisch ausgerichtete SOKOL(Falken)-Turn- und Sportverein, eine Vereinigung mit paramilitärischem Charakter. Dieser Verein wurde in erster Linie als konkurrierende Gruppe zum deutschen Turnerverband gegründet und war dann rasch zum Wegbereiter nationaler Trennungen bei Sängerbünden und Genossenschaftswesen geworden. Der eigenbezogene Gruppengedanke in Vereinen, was im Laufe der Zeit immer schlimmer wurde, beschleunigte die Feindschaft zwischen Sudetendeutschen und Tschechen. Noch dazu kam die unvernünftigste Idee der habsburgischen Regierung, die Ungarn mit Privilegien auszustatten, während man in Fragen der Gleichberechtigung die Tschechen brüskierte. Als der österreichische Kaiser Franz Josef I. im ungünstigsten Augenblick der Gegenrevolution den Thron bestieg und bald darauf die neue Elisabethbrücke in Prag einweihte, wurde er von der tschechischen Bevölkerung mit einer solchen Kälte empfangen, dass ihn der Schauder ergriff. In ihrem Wunsch nach Rache an Wien liebäugelten die Tschechen mit dem russischen Nachbarn. Sogar Regierungsmitglieder aus Prag fuhren demonstrativ nach Moskau und Petersburg. Wütend schrieb der böhmische Politiker Palacký in sein Testament, dass er den 1848 erklärten Fortbestand des Kaiserreiches als größten Irrtum bezeichne und die Hoffnung auf einen weiteren Bund mit Österreich aufgebe. Daraufhin waren die Tschechen mit Vorurteilen gegenüber den Deutschen belastet und meinten, diese seien ihre ewigen Feinde. In ihrer Abspaltung vom deutschsprachigen Gegner wünschten sich die Slawen Eigenständigkeit in Kultur und Politik.
Auch der stets modisch denkende und gekleidete Josef Just war in seiner jugendlichen Eitelkeit kein Freund der Slawen, nachdem sie stets eine andere Geschmacksrichtung bevorzugten. Josefs einziger Stolz war die Aufnahme bei der Bahn, die 1895 großzügig ausgebaut und deshalb zu einem sehr hoch anerkannten Staatsbetrieb mit den besten Posten geworden war. Aber in seiner Neigung zur Stichelei und mangels stillen Durchsetzungsvermögens war es ihm kaum möglich, zwischen Proporzdenken und Bürokratie in überfüllten mährischen Staatsbetrieben einen guten Posten zu bekommen. In einer derart überlaufenen Kanzlei der k. u. k. Staatsbahn bekamen junge Angestellte ständig Anfeindungen zu spüren, strenge Befehle mit barschem Unterton zu hören, weil ordnungssüchtige Fanatiker unter den deutschnationalen Führungskräften durch die Hektik in den Änderungen der Zeit kleinkariert und zornig geworden waren. Angestellte der gehobenen Mittelschicht schoben Arbeit und Verantwortung an schwächere Mitarbeiter weiter. Mit solchen Vorgesetzten und Mitarbeitern verstand sich die redliche Familie Just nie; Menschen dieser Art standen stets im Vorfeld ihrer Kritik.
Josef Just war sehr erleichtert, als er auf dem Bahnhof von Hruschau, nördlich von Schlesisch Ostrau, als Magazinaufseher eine Anstellung bekam. Für Josef standen in Oberschlesien viele Möglichkeiten offen, denn man spürte dort den Nationalismus vorerst nicht so sehr wie in Böhmen und Mähren. Trotzdem waren auch in Böhmen und Mähren die Politiker gezwungen, nach und nach die nationalen Völker gleichberechtigt zu behandeln, um deren geschädigtes Zusammenleben wieder in normalen Zustand zu bringen. Aber das Volk dachte und kritisierte nach seinen eigenen Vorstellungen, die mehr oder weniger von Enttäuschungen vergangener Zeiten geprägt waren. Das Gros der Bürger, ganz gleich ob deutsch oder tschechisch, war nicht imstande, von heute auf morgen ihre Gesinnung zu verändern. Ärgerlich für die Sudetendeutschen war nach wie vor die Forderung der Tschechen, ihre slawische Sprache als Pflichtfach in deutschen Schulen und vor allem bei Beamten einzuführen. Dieser Wunsch wurde von tschechischen Politikern immer schärfer vorgetragen, weshalb man neuerdings in Schlesien durch Sprachinseln nationale Spannungen auszuschalten versuchte.
In der Strömung seiner erfolgreichen und schönen Erlebnisse im privaten und beruflichen Bereich dachte Josef über Streitigkeiten im Lande nicht so scharf nach. Nach den Entbehrungen in seinem Knabenalter durch die Wirtschaftskrise wollte er endlich unbeschwert leben und so bald wie möglich eine Familie gründen. Am 19. Oktober 1901 heirateten Josef Just und Karoline Gold aus Stauding in der Pfarrkirche von Hruschau, die inmitten von Wiesen und Feldern am nördlichen Ortsrand stand. Der Ort Hruschau war früher malerisch mit Häusern aus dunkelroten Backsteinen gestaltet. Die Industrie mit ihren rauchenden Schloten lag mehr der Metropole Ostrau zugewandt. Hruschau war von Seen- und Flusslandschaften umgeben, was heute schon längst der Vergangenheit angehört. Das einstige Wohngebiet der Familie Just ist verfallen, hässliche Fabriken haben die Siedlung weitgehend verdrängt, eine Autobahn wurde rücksichtslos mitten durch den Ort gebaut und die Seen mit Schutt aufgefüllt.
Nicht nur sein Eheglück, sondern auch der Beruf mit guten Aussichten bei der Bahn verhalfen Josef Just in Hruschau zu einem zufriedenen Dasein. Allerdings wurde er als fein gekleideter Angestellter von radikalen deutschen Eisenbahnarbeitern, welche schon damals als nationalistische Extremisten eine gewisse Unruhe in den Alltag brachten, stark angefeindet. In der deutschnational geprägten Oberschicht fand ein Monarchist jene Erneuerungsstreber, die in hektischer und arroganter Weise ständig Forderungen stellten. Deshalb bekam Josef Just dieselbe Abneigung aus dem wirtschaftspolitisch geprägten Mittelstand zu spüren, die später auch sein Sohn unter Adolf Hitler durch Narzissten erfahren sollte. Noch dachte die Familie Just nicht an das Rad der Zeit mit seinen Wiederholungen, denn die im monarchisch-habsburgischen Stil agierenden Vorgesetzten bei der Bahn verhalfen ihrem gleichgesinnten Mitarbeiter Josef zu raschem Aufstieg. Josef war mit Begeisterung bei der Sache und bemühte sich durch fleißiges Lernen um den guten Posten eines Bahnvorstandes.
Als Josef auf dem Bahnhof von Hruschau seine ersten Dienstjahre verbrachte, versahen die Monarchisten die nahe liegende Stadt Ostrau und die umliegenden Ortschaften mit einem frischen Farbenkleid. Die alten Häuser im Zentrum wurden neu bemalt, da und dort Neubauten hinzugefügt. Es entstanden die ersten Anstalten und Betriebe im Zeitgeschmack des 20. Jahrhunderts, wie zum Beispiel die Zivno-Bank, das Pozemkovà-Geldinstitut und die Mährisch-Ostrauer Handels- und Industriebank. Ab dem 18. August 1894 fuhr die erste Dampfstraßenbahn durch die Stadt. Bis dahin wurde die Stadtbahn noch von Ochsen gezogen. Bereits ab Mai 1901 verkehrten in Ostrau die neuen elektrifizierten Stadtbahnen. Im benachbarten Ort Oderberg nahm die neu aufgebaute Petroleumraffinerie ihren Betrieb auf und eine Fabrik für chemische Farben eröffnete ihre Pforten. Allmählich füllte sich das Teschenerland mit Kohlenfördertürmen und rauchenden Schloten der Herstellungsfirmen von Ziegeln, Seifen, Ölen, Reis und Bierharzen. Auch die Stahlindustrie von Freistadt mit den Nebenwerken für Rohr- und Drahterzeugung florierte. Da und dort baute man neue Kirchen und Klöster zu den alten dazu. Und nicht »unerwähnt bleiben« dürfen auch die neu ausgebauten Eisenbahnstrecken nach Ostpreußen, durch die Kohlenförderungsgebiete von Karwin und in die umliegenden Dörfer. Durch den raschen Aufbau der Industrie ging es in Oberschlesien teilweise unorganisiert und sehr hektisch zu, weshalb sich Josef Just im zunehmenden Alter und bei seinem Aufstieg zum Vorstand gezwungen fühlte, gegen untergeordnete Mitmenschen halbmilitärisch vorzugehen.
Die monarchische Regierung in Wien hatte die Rechte des vergangenen Jahrhunderts erweitert. Die größeren Betriebe um Ostrau gehörten nach wie vor den deutschsprachigen Unternehmern. Aber die zahlenmäßig noch stärker vertretenen Tschechen durften neuerdings die Klein- und Mittelbetriebe führen, was von der Familie Just vorausblickend auf die Zukunft argwöhnisch betrachtet worden war. Mit sorgenvoller Miene sah Josef Just den reichen Zustrom an Arbeitskräften, die aus Böhmen, Polen, Preußen und Galizien nach Ostrau kamen und dort in den Kohlenbergwerken und Fabriken eingesetzt wurden. Die Mehrzahl der Fremdarbeiter siedelte sich im Teschenerland auf Dauer an, weshalb schon ab 1894 wegen Hierarchie in Arbeitsgemeinschaften mit Waffengewalt gekämpft wurde. Bei der Massenaufnahme in den Betrieben wussten sich die deutsch sprechenden Vorgesetzten nur mit autoritärem Führungsstil durchzusetzen. Von einer guten zwischenmenschlichen Beziehung war zwischen höheren und niedrigeren Schichten nichts zu spüren. Die Arbeiterklassen veranstalteten ständig Streikmärsche und heftige Aufstände für gerechtere Arbeitsbedingungen. Trotz dieser bedrohlichen Unruhen ahnte das junge Ehepaar Just nicht, dass es eigentlich in seiner Karriere als Bahnwärterfamilie den letzten Zug einer ihnen wohl gesinnten Zeit erwischt hatte.
Am 19. März 1902 wurde dem jungen Paar der erste Sohn geboren, der auf den Namen Josef getauft wurde. Es ist jener »Pater Konrad«, von dem die Leidensgeschichte in diesem Buch geschildert wird. Nach drei Jahren bekam der junge Josef eine Schwester, die von allen Lina geheißen wurde. Ein bis zwei Jahre danach, 1906 oder 1907, wurde auf dem Bahnhof von Orlau ein Posten des Stationsvorstandes frei. Deshalb zog die Familie Just von Hruschau in den zehn Kilometer entfernten Ort Orlau. Als Bahnvorstand konnte Josef mit seiner Frau und seinen beiden Kindern ein Haus der Eisenbahn beziehen. Von der Wohnstätte, die auf einer Anhöhe oberhalb der Gleise lag und neben der Familie Just noch drei Mieter beherbergte, hatte man eine schöne Aussicht auf den Bahnhof, auf die Geschäftsstraße und auf die Kirche von Orlau. Hinter dem Haus befand sich der Förderturm einer Kohlengrube und ein Stückchen weiter ein schmales Tal mit den Gleisen zu den Kohlebergwerken am westlichen Ortsrand. Früher war die Wohngegend der Familie Just dicht besiedelt, sogar ein Kloster stand in unmittelbarer Nachbarschaft, aber mit dem Grubeneinsturz in den 1960er Jahren verschwanden auf dem Hügel fast alle Häuser. Nur die Steintreppe neben einem Strommast, auf der Josef zu den Bahngleisen hinabstieg, gehört heute zu den Überresten der Wohnstätte von der Familie Just.
Orlau war damals ein stattlicher Ort mit eleganten Häusern um den viereckigen Marktplatz und entlang der Hauptstraße in Richtung Ostrau. Die Kirche auf dem Hügel neben dem Marktplatz war früher evangelisch, wurde aber 1905 nach dem Umbau katholisch. Im Schloss, das der Witkowitzer Steinkohlengesellschaft gehörte, errichtete man ein Krankenhaus. 1900 war Orlau noch vom heftigen Streik der Bergarbeiter überschattet. Angeblich soll es dabei Todesfälle gegeben haben. Aber als Josef seine Berufslaufbahn als Bahnvorstand begann, erlebte der Ort, was das Kultur- und Vereinsleben betraf, seine höchste Blütezeit. Nur waren die einzelnen Vereine schon national geprägt.
Trotz der Gruppierungen der einzelnen Nationen, die sich voneinander distanzierten, war die junge Familie Just zu Beginn des 20. Jahrhunderts zufrieden. Die Wiener Politiker hatten sich hoch und heilig vorgenommen, den Nationalismus vollständig einzudämmen. Anfeindungen gegen andere Rassen wurden mit strengen Strafen belegt, denn man wollte den schwersten Aufruhr der Bürger in der Vergangenheit – die Revolution von 1848 – um jeden Preis verhindern. Aus diesem Grund zeigte sich vor allem die höhere Gesellschaft aus der Politik liberal gegenüber den Ausländern, was beim autoritär eingestellten Bürgertum einfach nicht mehr salonfähig werden konnte. Die Bürger der verschiedenen Nationen hatten sich zu weit auseinander gelebt und litten deshalb an Kontaktschwierigkeiten.
Im Zeitalter der schwierigen Veränderungen hatte die österreichische Monarchie das Wahlrecht freizügiger gestaltet. Jeder Bürger – ganz gleich welcher Nation oder Gesellschaftsklasse – hatte seine Vertreter im Parlament. 39 politische Parteien kümmerten sich um das Wohl des Volkes. Aus diesem Grund hatten auch die Tschechen ihre Abgeordneten in Wien. Sie konnten in ihrer Anzahl die Parlamentssitze sogar gut besetzen, aber es gab unter ihnen zu viele Splittergruppen. Und die radikalen Jungtschechen gewannen eigentlich gar nicht so viele Wähler, wie sie es gerne erhofft hätten.
Weit weg von Orlau, in Wien, war wieder Antisemitismus zu spüren, als anfangs des 20. Jahrhunderts Karl Lueger von der Liberalen Partei die Wahl zum Bürgermeister gewann. Er hatte sich immer schon einer radikalen Umgangssprache bedient und mit antisemitischen Parolen beim Volk Stimmen geholt. Als er ein Jahr später auf dem Bürgermeistersessel saß, dämmte er die Judenfeindlichkeit wieder ein. Der besorgte Prager Kardinal Franz Schönborn schrieb an Papst Leo XIII. einen empörten Beschwerdebrief über den radikalsozialen Ton der Lueger-Partei, aber der grenzenlose Jubel des Volkes bei den brillanten Reden des Wiener Bürgermeisters brach deswegen nicht ab. Unter der brüllenden Menschenmenge stand oft ein fasziniert lauschender Bewunderer des wortstarken Populisten: der junge Adolf Hitler.
In der Zeit zwischen 1907 und 1915 bekamen Josef und seine Schwester Lina noch fünf Brüder: Johann, Franz, Julius, Justus (Vater des Autors) und Wilhelm. Diese jüngeren Kinder des Bahnvorstandes verspürten im zarten Knabenalter die Zeit wesentlich schlechter als Josef und Lina im Vorschulalter. Julius, Justus und Wilhelm bekamen schon als Kleinkinder die bittere Not während des Ersten Weltkrieges zu spüren.
Als der junge Josef die Volksschule besuchte, waren deutsche und tschechische Kinder schon voneinander getrennt. Aus diesem Grund konnte Josef nicht in Orlau zur Schule gehen, weil diese den Tschechen gehörte. Nur die Mädchenklasse, in die später Lina ging, war deutschsprachig. Deshalb musste Josef mehrere Kilometer weiter nach Alt-Oderberg zur Schule fahren.
Natürlich griff der Nationalismus auch auf die Kinder über. Deutsche und tschechische Knaben und Mädchen gewöhnten sich sehr rasch daran, sich in sprachlich und gesellschaftlich zerteilten Gruppen zurückzuziehen. Daher gingen damals schon die kleinen Kinder verschiedener Nationalzugehörigkeiten distanziert aneinander vorbei, als die politischen Streitgespräche zwischen Prag und Wien rauer wurden und damit auch die Generation von Vater Josef Just verärgert war. Zusätzlich verspürten die Schulkinder die Gruppierungen von Arbeitern, Angestellten und Beamten. Besonders die katholisch erzogenen Kinder waren den boshaften Angriffen der Buben von konfessionslosen Arbeiterfamilien ausgesetzt. Der junge Josef stand schon in seiner Kindheit Auseinandersetzungen anders denkender Gleichaltriger gegenüber. Man spürte im Teschenerland sehr deutlich das soziale Gefälle zwischen Staatsangestellten und Arbeitern. Bauern und Beamte zeigten sich freundschaftlich zueinander. Dagegen nahm in allen Wirtshäusern der lautstarke Zorn der deutschsprachigen Arbeiter – Anhänger der deutschnationalen Arbeiter-Partei – gegenüber höheren Schichten und tschechischen Untergeordneten freien Lauf. In dieser gespaltenen Gesellschaft bildeten sich in Josef Mut und Kraft zur Verteidigung heran. Schon damals nahm der älteste Sohn der Familie Just kein Blatt vor den Mund und verteidigte mutig seinen katholischen Glauben und seine eigene Meinung. Diese freie Kritik gegenüber anderen nationalen, politischen und kulturellen Gruppierungen war damals schon bei den Knaben eine Selbstverständlichkeit und artete schließlich zu wettbewerbsmäßigen Streitigkeiten aus.
Ab 1912 besuchte Josef das Gymnasium in Teschen, der heutigen Grenzmetropole von Tschechien und Polen am Ufer der Olsa. Teschen war schon damals eine Stadt mit wirtschaftlichem Aufschwung in der Pufferzone verschiedener Nationen. Dort lebten Juden, Schlesier, Tschechen und Polen dicht nebeneinander, aber interessehalber völlig voneinander getrennt. Die deutschen und tschechischen Gruppen und die politischen Parteien standen sich feindlich gegenüber. Diese ungünstige Situation hatte der Festzug des SOKOL-Turn- und Sportvereins in Prag am 30. Juni 1912 herbeigeführt, als deutsche Studenten mit Protestliedern, Parolen und provokantem Farbentragen die Veranstaltung störten und die Tschechen zum Zorn reizten. Somit hatte der Nationalismus auch bei den Stadtbewohnern von Teschen abgeschlossene Gesellschaften entstehen lassen. Josef fühlte sich dem katholischen Verband unter der deutsch sprechenden Jugend zugetan. Nur dieser Vereinigung war er wohl gesinnt, jeder anderen Interessengemeinschaft stand er wie seine Mitschüler ablehnend gegenüber. Natürlich war der Nationalismus unter den katholischen Schülern aus dem Stiftsgymnasium deshalb so stark ausgeprägt, weil in ihrer Generation die Tschechen abwertend als Konfessionslose, Hussitengräuel oder gar als Protestanten abgeurteilt worden waren.
In Orlau gab es gute Zugverbindungen nach Teschen, das von Josefs Heimatort gar nicht weit entfernt war. Der Bahnhof von Teschen lag wie auch heute noch am westlichen Stadtrand. Über eine lange und breite Straße mit Geschäften zu beiden Seiten erreichte Josef den Fluss und über die Brücke jene schmale und steile Gasse, die zum viereckigen Stadtplatz hinaufführte. Der junge Gymnasiast konnte bereits mit der neu eröffneten Straßenbahn fahren, die – wie man in Teschen erzählte – von Amsterdam bis zur »Sonne« fuhr. Amsterdam war die Gegend in der Nähe des Bahnhofes und die »Sonne« war die Bezeichnung eines Gasthauses an der Endstation.
Das katholische Gymnasium befand sich hinter der Dominikanerkirche am Stadtplatz. Dort ermahnten die Lehrer ihre Schüler immer wieder, sich für den katholischen Glauben und für die monarchisch geprägte politische Partei einzusetzen. Der Nationalismus, welcher in nur 50 Jahren stark angewachsen war, hatte viele Feindschaften hervorgebracht. So ist es auch zu verstehen, dass sich im streng katholisch erzogenen Josef eine tiefe Abneigung gegen Andersgläubige oder Ungläubige entwickelte. Und zu Hause in Orlau merkte Josef erst richtig, wie immer mehr »Glaubenslose« seinen Vater zu kritischen Äußerungen veranlassten. Durch die negativen Erlebnisse im Knabenalter war seine lebenslange tiefe Abneigung gegen Sozialdemokraten und Protestanten herangereift.
Am 28. Juni 1914 hatte sich der Dialog zur persönlichen und geistigen Verständigung zwischen den Völkern innerhalb der habsburgischen Monarchie noch mehr verschlechtert. Der nationale Streit erreichte deshalb seinen Höhepunkt, weil fernab von Schlesien zwei verhängnisvolle Veranstaltungen im Programm standen: die serbische Nationalfeier über die verlorene Schlacht auf dem Amselfeld, das im heutigen Kosovo-Albanien liegt, und die Truppenübungen des österreichisch-ungarischen Heeres im Gebiet von Sarajevo. Beide Veranstaltungen waren von Hintergedanken der Bürger begleitet. Bei den Serben, geprägt durch eine andere Religion und anderen Sitten, löste das Fest einen Zorn über ihre Abhängigkeit vom Habsburgerreich aus. Sie wollten sich an die strengen Bestimmungen über den Verkauf von Schweinen keinesfalls anpassen, weil dies ihnen stets zu kleinkariert und dümmlich erschienen war. Die monarchischen Soldaten wiederum zeigten ihr absolutes Recht auf Erhaltung des habsburgischen Großreiches samt seinen Gesetzen. In ihrer Rechthaberei provozierten sich die beiden Volksgruppen ohne Hemmungen mit lautstarken Anschuldigungen, so dass jede verfeindete Seite böse Absichten des Gegners vermutete. Die zerstrittenen Kontrahenten brüllten sich gegenseitig an: »Eine Frechheit! Ein Skandal!«
Die Herzen der Katholiken in Schlesien waren wie von einem Dolchstich getroffen, als am nächsten Tag, dem 29. Juli, die Ermordung des geliebten Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gattin Sophie auf der Lateinerbrücke in Sarajevo durch einen bosnischen Attentäter serbischer Nationalität namens Gavrilo Princip bekannt geworden war. Gerade im Teschenerland, dem Tummelplatz der verfeindeten Nationen, übte die bittere Nachricht über den Tod des Monarchen eine besondere Wirkung auf das Gemüt der Kaisergetreuen aus. Das Ganze schien als eine böse Überraschung, die vorerst nicht wahrgenommen werden wollte.
Im Gymnasium von Teschen waren wieder schärfere Töne gegen Mitbürger mit antiösterreichischen Anschauungen zu hören. Der katholische Verein rückte noch enger zusammen und erinnerte seine Mitglieder an die biblischen Prophezeiungen über den Antichristen. Die Gläubigen befürchteten, bevor im August der Erste Weltkrieg ausbrach, dass der gefährliche Antichrist schon direkt vor der Tür stünde. Dies war unter anderem auch ein Grund, dass die zahlreichen Kriegserklärungen innerhalb eines halben Jahres beim kaisertreuen Volk Heiterkeit auslösten. Sogar die biederen und gutmütigen Bürger, die in ihrer Mentalität immer schon kritisch gegen jede Streitigkeit in der Gesellschaft eingestellt waren, forderten plötzlich mit hitzigen Köpfen den Krieg. In Österreich feierten junge Männer, Buschen auf ihren Hüten tragend, den Aufruf zum Wehrdienst mit stolzer Haltung. Im Teschenerland dagegen waren die Einstellungen der Bürger zum Freund und Feind überraschenderweise gespalten. Slawische Bürger rückten in der österreichischen Armee ein oder kämpften in polnischen Legionen gegen Russland. Eine Gruppe von Kritikern des Habsburgerstaates, ganz gleich welcher Nation sie angehörten, griff von der slowakischen Seite her die Österreicher an. Die Tschechen suchten stets unter ihrem Führer Masaryk und mit der kämpferischen Unterstützung des SOKOL-Turnverbandes den günstigsten Weg, um endlich zu einem eigenen Staat zu kommen. Sie versuchten möglichst passiv für Habsburg zu kämpfen, um sich auf den Schlachtfeldern auf die Seite der Sieger zu stellen, wie es im Roman über den braven Soldaten Schwejk erzählt wird. Und für die christlichen Gymnasiasten in Teschen war der Erste Weltkrieg ohnehin etwas Heiliges, ein Kampf gegen den Satan.
In der schlechten Zeit während seines Schulbesuches im Gymnasium lernte Josef wahrscheinlich die negative Seite der glaubenslosen Gesellschaft kennen. Beeinflusst war das Ganze, weil die Katholiken während des Ersten Weltkrieges die Menschen aus dem Osten als ihr größtes Feindbild betrachteten. Nach ihrer damaligen Meinung kamen die Weltzerstörer aus dem Osten. Das war nicht nur auf den Kampf im Krieg gegen Russland bezogen, weil die Sudetendeutschen in Schlesien und in Mähren davon wenig spürten. Die Schützengräben lagen weit im Osten, in den Karpaten von Galizien. Aber durch das Elend dieser Zeit kam aus dem Osten derart viel zwielichtiges Gesindel nach Teschen und nach Ostrau, das nach Meinung der Christen zu viel Unheil durch Prostitution, Alkoholsucht und Betrügereien nach Oberschlesien bringen würde. Josef sah mit Schrecken an manchen Hausecken Menschen und auch katholisch geprägte Deutsche, die von verdorbener Gesellschaft verführt worden waren und letztlich in Depressionen und Verwahrlosung herabzusinken drohten.
Erwähnt soll auch werden, dass die meisten Angehörigen katholischer Verbände Theateraufführungen der Tschechen verabscheuten. Ausgangspunkt war der ständige Streit zwischen slawischen und deutschen Theaterdirektoren. Die Deutschen schwärmten beispielsweise für Mozart, die Tschechen für Smetana. Heute mag »Mein Vaterland« von Friedrich Smetana als schönstes Stück die Herzen der Theaterbesucher aus aller Welt erfreuen, aber damals war dieses Werk für die Deutschen ein Frevel, eine Beleidigung der habsburgischen Ehre.
Die Professoren redeten den katholischen Schülern ein, die auf den Bühnen spärlich gekleideten Schauspielerinnen seien für jeden anständigen Christen Hölle und Verderbnis. In den tschechischen Theatern wurden nämlich schon damals freizügigere Bühnenstücke gezeigt, weshalb die Katholiken das Spiel der Tschechen mühelos als Peinlichkeit hinstellen konnten.
Im langwierigen Krieg hatten sich in allen Schichten der schlesischen Bevölkerung die sozialen Verhältnisse drastisch verschlimmert. Auch die angesehene Familie Just spürte in bitterer Weise, wie sie nach ihrem bisher gut verlaufenen Leben in eine ungewohnte Armut zurückfiel. Der besorgte Vater kaufte sich eine Ziege – nach dem damaligen Volksausdruck »Eisenbahnerkuh« genannt –, um seine Kinder durchzubringen.
Es ist leider eine wahre Tatsache, dass man in klein zusammengeschlossenen Kreisen eines national zersplitterten Staates die Mitglieder am besten zur Mitarbeit anspornen kann. Im katholischen Gymnasium von Teschen hatten alle Schüler ein ausgezeichnetes Verhältnis zu den Lehrern. Sie verfolgten mit Begeisterung den Unterricht und diskutierten miteinander über verschiedene Probleme. Es wurden alle Fragen beantwortet, weshalb der Unterricht eine personenbezogene Erziehung war. Die Professoren klärten die Schüler auf, wie sie sich mit Idealismus und Güte gegen schlechte Gesellschaft wehren können. Man sprach über Folgen von Alkoholmissbrauch und von den Gefahren bei Beziehungen mit ständig wechselnden Partnern. Die Schüler hörten viel von Krankheiten und seelischen Problemen. Und bei allen Gesprächen griff man gerne auf geschichtliche Ereignisse und auf die Voraussagen biblischer Propheten zurück.
Für den jungen Josef waren die Professoren seiner Schule Vorbilder. Mit voller Begeisterung folgte er ihrem Unterricht. Er wünschte sich, in Anlehnung an seine Vorbilder, die Mitmenschen zum Guten und zum Idealen zu erziehen. Von nun an stand für Josef fest: Er will Priester werden.
Zum guten Vorsatz trat das Negative, die nationale Auseinandersetzung zwischen Sudetendeutschen und Tschechen, immer schärfer hervor. Grund dafür war der leidige Sprachenstreit, der erstmals Schlesien voll erfasste. Die Jungtschechen, die mit Vater Josef Just aufgewachsen waren, saßen inzwischen als ausgereifte Politiker in allen Regierungsgebäuden zwischen Prag und Wien. Sie forderten mit Bestimmtheit die tschechische Sprachenpflicht in Ämtern. Natürlich hätte dieses Verlangen die Probleme des Nationalismus keineswegs gelöst. Der Machtkampf um die Vorherrschaft zwischen Deutschen und Tschechen wäre weitergelaufen. Die deutschen Staatsangestellten hätten sich noch mehr in Streitigkeiten mit den Slawen verstrickt. So schob sich der schlimme Streit um die Amtssprache über das Jahr 1914 hinaus, ohne dass der österreichischen Regierung eine bessere Regelung eingefallen wäre. Die tschechischen Politiker hatten stets das Gefühl, dass ihre Forderungen in lahmen und sehr vorsichtig agierenden Behördenapparaten der österreichischen Monarchie enden. Aber dieser lang dauernde Streit stellte schon 1914 den österreichischen Vielvölkerstaat in Frage. Auch die Familie Just verspürte Angst, dass Slawen einen breiteren Einfluss über das Teschenerland gewinnen könnten.
Der Tod des populären Wiener Bürgermeisters Lueger am 10. März 1910 hatte seine Auswirkungen bis nach Schlesien, obwohl dort die Christlich-Demokratische Partei über seine radikalen Reden oft verstimmt war. Dennoch hätte Lueger es verstanden, bei Katholiken Sympathie zu erlangen, nachdem er ihnen politische und wirtschaftliche Unterstützung versprach. Zu seiner Zeit wurden als Sparmaßnahmen in den Wiener Ämtern tschechische Beamte abgebaut und zur Heimreise gezwungen. Trotz seines harten Regierungskurses gegen Völker anderer Nationen dürfte Lueger eine tragende Figur der Monarchie gewesen sein, denn in den Jahren seiner Regierung zeigte der zerstrittene Völkerhaufen ein geduldiges Zusammenleben.
Wie wirkte sich eine derartige nationale Verfeindung auf das Seelenleben der deutschsprachigen Jugend aus? Der junge Josef hatte beispielsweise die immer schon vorhandenen kritischen Auseinandersetzungen unter den Erwachsenen als normal empfunden. Aber nach dem Tod seines vorbildhaften Wiener Bürgermeisters schien ihm das Klima im Sudetenlande rauer, weil dort kein vernünftiger Kurs zustande kam. Christlich-Soziale, Agrarier, Fortschrittliche und Radikal-Deutsche redeten aneinander vorbei. Sozialdemokraten und Gewerkschafter teilten sich in nationale Klubs. Die böhmische Arbeiterbewegung versuchte ständig Meinungsvorschläge der Befürworter des internationalen Klassenbewusstseins und der unnachgiebigen Nationalisten (dazu gehörte auch der Vater Josef Just) zurückzuweisen. Aus diesem Grund war der Bahnvorstand Josef Just kaum gut gelaunt, weil bei all den Streitigkeiten eine einheitliche Linie nach seinen ideellen Vorstellungen verfehlt worden war. Die Eisenbahnergewerkschaft als unterstützender Verein der radikalen Arbeiterklasse war ihm daher geradezu verhasst.
Am Gipfel ihres Lebensabschnittes vermeinte die Familie Just, dass sich Wien wenig um politische Lösungen im Sudetenland bemühte. Das schwach organisierte Ministerium vom alten Kaiser Franz Joseph brachte den Wünschen aus dem Sudetenland wenig Interesse entgegen. Man wollte den Meinungsverschiedenheiten zwischen Deutschen und Tschechen ausweichen. Zwar gab es im letzten Zeitabschnitt vor dem Ersten Weltkrieg ständig Verhandlungen zwischen Tschechen und Sudetendeutschen zur Beseitigung des nationalen Gedankengutes, aber sie waren nur ein vorsichtiges Gerede und daher wirkungslos. Unter anderem war dies jene Ursache, die dem Stationsvorstand Josef Just im Berufsleben keine geordneten Verhältnisse gewährleistete. Die angenehme Seite in Josefs Dasein dauerte zwischen wirtschaftlicher Notlage in seiner Kindheit und der Balkankrise von 1912 und 1913. Nur fünf Jahre in Orlau und die kurze Zeit zuvor in Hruschau lebte der Bahnvorstand Josef Just im Höhenflug einer erfolgreichen beruflichen Laufbahn, danach wurde er immer mehr in den Strudel der Streitigkeiten mit tschechischen Beamten gezogen.
So bitter es auch klingen mag: In einem konfliktreichen Land baut sich auch bei Weltoffenen sehr rasch Völkerfeindlichkeit auf. Die Uneinigkeit in der Arbeitswelt und die daraus entstandene klassifizierte Gesellschaft formt die Menschen zu Nationalisten, auch wenn ihre Herzen dies als äußerst unangenehm empfinden. Man gewöhnte sich sehr rasch daran, Menschen anderer Rasse abzulehnen, mit ihnen nicht einmal über wichtige Dinge zu sprechen, stumm und respektlos aneinander vorbeizugehen. Vor allem waren in dieser äußerst starren Gesellschaft die Gespräche nur auf enge Kreise der Gleichgesinnten beschränkt, andere Gruppierungen wurden mit Kritik bedacht. In dieser Weise spürte man in den besseren Jahren zwischen 1900 und 1912 das Moderne auf dem neu organisierten Arbeitsmarkt, andererseits verrohte das Volk unter ihrer Teilung in Klassengesellschaften. Die Menschen zogen sich in ihre vier Wände zurück. Sie litten stark an dem Syndrom durch Einsamkeit und Unzufriedenheit. Zum Glück waren die Streitigkeiten zwischen Tschechen und Deutschen noch nicht in ernsthafte und bürgerkriegsähnliche Zustände ausgeartet. Nur die Enttäuschungen im Berufs- und Gesellschaftsleben wurden unter den Arbeitern, Angestellten und Hochschulabsolventen immer schwerwiegender und teilweise auch unerträglicher.
Die monarchisch geprägten Christdemokraten hielten sich in ihrer Überheblichkeit für ausgesprochen intelligent und den Tschechen weit überlegen, die wiederum aus der Herabwürdigung zum »Bedientenvolk« heraus heftig um Selbstständigkeit protestierten. Die deutschnationalen Arbeiter in den Fabriken und in den Kohlenbergwerken forderten ständig besseren Lohn. Jeder Verein kämpfte in seinem Egoismus nur für seine national und politisch geordneten Mitglieder, ohne auf andere Interessen in logischer Weise Rücksicht zu nehmen. In dieser Turbulenz wurde es immer schwieriger, andere Rassen und Arbeiterstände objektiv zu beurteilen. Sie wurden im Vorhinein in einer immer stärker werdenden Meinungsbildung für falsch und minderwertig gehalten. Nur innerhalb ihrer eigenen, sehr klein gehaltenen Interessengemeinschaft waren die Menschen in jeder Hinsicht freundschaftlicher, diskutierfreudiger und fester zusammengeschlossen als in einem weit nach außen gestreuten politischen Gedankengut, wie sie am Ende des zweiten Jahrtausends in Europa angestrebt worden war. Das Dramatische bei der Familie Just war es, dass sie erst später im neuen Asylland Österreich weit mehr Feindseligkeiten als in der friedlichen Zeit im nationalistischen Oberschlesien verspüren sollte. Natürlich trug die unterschiedliche Mentalität im West-Ost-Gefälle auch etwas dazu bei.
Das größte Problem für die Deutschen, ganz gleich, ob sie in Österreich, Ungarn, Böhmen, Mähren, Schlesien oder in Deutschland lebten, war der Balkan. Die Südländer waren die schwierigsten Minderheiten in der Monarchie. Ständig protestierten sie gegen die Gesetze der Habsburger. »Pöbel« war den Deutschen die damals geläufigste Bezeichnung für die Serben. Die Hierarchie mit ihren Klassen war schon längst ein Pulverfass in Europa. Ständig drangen unerfreuliche Befehle von oben nach unten, aber wehe, wenn eine kritische Meinungsäußerung in die umgekehrte Richtung ging. Und weil Vater Josef Just, genau wie später sein Sohn Josef, auch immer schon zu Mitmenschen kritisch eingestellt war, aber sein Urteil oft unvorsichtig gegen tschechische Beamte und deutschnationale Oberschicht preußischer Art richtete, wurde er im Laufe seines Lebens benachteiligt. Nur erfolgten bei Vater Josef Just die kritischen Auseinandersetzungen in keiner derart impulsiven Art, wie dies später bei seinem Sohn der Fall war. Die stillere Art der Kritik verletzte die unterschiedlichen Empfindsamkeiten in der Gesellschaft nicht so rasch, sondern brach erst nach einer lang anhaltenden Zeit explosionsartig aus. In dieser Weise konnte der Machtanspruch des Bahnvorstandes Just noch eine Zeit lang gut halten.
In bebendem Zorn über das unfolgsame Volk im Süden errichteten die Habsburger 1912/1913 den Staat Albanien, um den Serben den Zugang zum Meer zu verwehren. Aber sie waren sehr erschrocken, als die unangenehme Wirtschaftskonkurrenz Russland Serbien in Schutz nahm. Somit hatte sich das Pulverfass über den gesamten Osten ausgeweitet und für die katholischen Gymnasiasten in Teschen war klar: Der prophezeite Antichrist ist bei den »Roten« im Osten zu suchen.
Der tragische Tod von Erzherzog Franz Ferdinand und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges veränderten Oberschlesien schlagartig. Der Wunsch nach Wohlstand, der Jugendstil mit seinen Aufschwüngen und die Hoffnung auf eine goldene Zukunft fanden ein rasches Ende. Die Familie Just musste sich wie alle anderen Menschen im Teschenerland an ein Leben in Armut gewöhnen. Nur der Alltag blieb für Vater Josef Just unverändert. Der pflichtbewusste Bahnvorstand führte im ebenerdigen Büro seines Wohnhauses Buch, schritt über schmale Steinstufen hinunter zu den Gleisen und dann darüber zum Bahnhof. Seine jüngeren Söhne Hans und Justus spielten zeitweise neben der Bahnstation auf einem kleinen Spielplatz, während der Vater den Zugverkehr regelte. Nur das Gehalt der Eisenbahner wurde unangenehm spürbar immer geringer. »Einsparungsprogramm wegen des Krieges« hieß die Meldung aus Wien. Josefs Frau zählte die Kronen, um mit den notwendigsten Lebensmitteln über die Runden zu kommen. Zum Glück kannte die Familie Just in Orlau einen Bauern, der sie mit Speisen und Milch versorgte.
Die christlichen Deutschen in Oberschlesien hofften, der Satan aus dem Osten möge so rasch wie möglich vertilgt sein. Sie dachten nicht, dass die Not noch bitterer würde. Trotz Anspannung der Streitkräfte und der heftig abgefeuerten Kanonenschüsse brachte das Jahr 1915 keinen Sieg über Russland und Serbien. Die Nahrungsmittel wurden knapper und teurer, Brot und Mehl konnten nur mit Bezugskarten gekauft werden. Einmal in der Woche war gesetzlich ein fleischloser Tag vorgeschrieben.
Für die Tschechen waren die Vorstellungen der Österreicher über den Krieg eine Dummheit. Die Ermordung des Thronnachfolgers Franz Ferdinand löste bei ihnen keine so derartige Dramatik wie bei den monarchisch geprägten Katholiken aus, weil das österreichische Kaiserhaus nicht ihr Geschmack war. Viel eher schienen ihnen die sprachverwandten Serben sympathisch. Aus diesem Grund kämpften sie widerwillig mit den österreichisch-ungarischen Soldaten an der Front. Wenn es möglich war, flüchteten sie vom Schlachtfeld und desertierten. Sie wollten den günstigen Ausgangspunkt zum eigenen Staat nicht verderben. Und in Prag flossen beim Publikum der nationalen Oper »Libuše« von Friedrich Smetana Tränen über die Wangen, wenn die Schauspieler das Lied »Das tschechische Volk sollte niemals untergeh’n« sangen.
Allmählich trat der bisher im Hintergrund wirkende tschechoslowakische Soziologe, Philosoph und sozialistische Politiker Thomas Masaryk (1850–1937) in Erscheinung. Er hatte zwar noch nicht so viele Anhänger um sich geschart; aber mit seinen Bemühungen um die große »Entente«, ein Bündnis aller Staaten, die im Ersten Weltkrieg gegen Deutschland, Österreich und Ungarn kämpften, wurde er allmählich beliebter. Die »Kleine Entente« sollte die Tschechoslowakei, Jugoslawien, Polen und Rumänien zusammenschließen. Masaryk hoffte dabei insgeheim, einen eigenen tschechischen Staat schaffen zu können.
»Mit unseren deutschen Landsleuten wollen wir unsere Selbständigkeit im Rahmen der Monarchie anstreben!« Mit diesem Satz versuchte Masaryk mit einem vernünftigen Erscheinungsbild in die Öffentlichkeit zu treten. Der schlaue Tscheche wusste es bereits, zuerst muss Österreich reformiert und modernisiert werden, um den Weg zum eigenen slawischen Staat zu ebnen. Im Parlament war Masaryk geistreich, so dass er dort bald als wichtigster Politiker in der vorderen Reihe saß.
Masaryk war keineswegs wie seine tschechischen Mitbürger in sich gekehrt. Im Grunde genommen war er der erste Tscheche, der bei den damaligen Änderungen einen offenen Blick nach Europa warf. Natürlich stieß er damit bei jenen Slawen, die grundsätzlich gegen jede Weltoffenheit waren, auf Widerstand. Aber der Wunsch nach Unabhängigkeit von Österreich überwog. So war letztlich Masaryk Gefangener des Wunschdenkens der Tschechen, was wiederum von den Sudetendeutschen als Schwäche hingestellt wurde. Masaryk verstrickte sich oft in Widersprüche, weil sein Vorhaben, den tschechoslowakischen Staat zu gründen und ein zerstrittenes Volk in Böhmen und Mähren zu vereinen, ungeheuer schwierig war. Aber man ließ ihn bei dieser komplizierten Aufgabe alleine, denn unter dem tschechischen Volk konnte sich niemand an seine mutige Lebensweise anpassen. In dieser Weise erfolgten in Böhmen, Mähren und in Oberschlesien die politischen Abläufe ohne Autorität nach dem Willen des Volkes. Dabei bildeten sich sehr rasch tiefe Abneigungen der tschechischen Obrigkeiten gegen anders denkende Sudetendeutsche. Die Vertreibung der Zeitkritiker unter der deutschen Bevölkerung wurde zum vordergründigen Wunsch der tschechischen Justiz. Und der Bahnvorstand Josef Just lehnte vermutlich zu auffällig die Vorstellungen des tschechischen Arbeitervereins ab.
Zwei Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, am 3. Februar 1916, gelang es dem schlauen Masaryk, Frankreich zu gewinnen, um den deutschen Nachbarn Autorität wegzunehmen. Aber die Weltmächte wussten in ihrer Machtlosigkeit zunächst nur eine Wirtschaftsblockade gegen Deutsche zu verhängen. Diese hatte jedoch auf Schlesien eine sehr schreckliche Auswirkung: die Hungerrevolte während des berüchtigten »Kohlrübenwinters« 1916/1917.
In dieser schweren Zeit verhungerte ein Neugeborenes von der Familie Just. Auch die anderen Familienmitglieder hatten wenig zu essen. Zum Glück befand sich hinter dem Haus ein Kohlenhaufen des nahe liegenden Bergwerkes. Dort musste Lina täglich für ihre Eltern und Brüder den Rucksack mit Kohlen anfüllen und diesen dann zu einem Bauern bringen. Für die Kohlen bekam Lina eine Kanne Milch, ein Stückchen Fleisch und auch Eier. Sicher war auch das nicht sehr viel, aber die Familie Just überstand damit einen schrecklichen Abschnitt ihres Lebens. Bitterer für sie war der Nachgeschmack, dass sie als stolze und wohlhabende Familie plötzlich in Armut gefallen war.
