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Der Autor, ehemaliger Luftwaffenoffizier und EU-Beobachter, erhält 1996 das Angebot, für eine NGO ein Bauprojekt im Nordirak zu leiten. Ein immer ernster werdender Konflikt zwischen verfeindeten Kurdenparteien erschwert die Ar¬beiten und veran-lasst schließlich Saddam Hussein, mit seinen Panzern einzugreifen... "Wolfgang Kaufmann und ich lernten uns 1996 im Zuge dieses Projekts kennen und arbeiteten gemein¬sam, den Folgen und Schrecken des Kriegs entgegen¬zutreten, um das Leben für die Menschen in ihrer Heimat wieder lebenswert zu machen. Wolfgang Kaufmann hat hier ein lesenswertes Buch geschrieben." Dilshad Barzani Vertreter der Regionalregierung Kurdistan-Irak in Deutschland
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2023
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„Ich freue mich über dieses Buch. Ein Zeitzeugenbericht, der den Leser authentisch und eindrucksvoll in vergangene Zeiten entführt, die karg und entbehrungsreich für alle waren. Mein lieber Freund Wolfgang Kaufmann schildert seine Erlebnisse als Projektleiter des ASB Mitte der 1990er Jahre in Irakisch-Kurdistan und beschreibt diese Zeit - gespickt mit witzigen Anekdoten und Beobachtungen - greifbar und verständlich. Dabei macht das Nacherleben des Erzählten den großen Reiz aus und man hat das Gefühl, selbst dabei zu sein.
Wir lernten uns damals im Zuge dieses Projektes kennen und arbeiteten gemeinsam daran, den Folgen und Schrecken des Krieges so gut es ging entgegenzutreten und das Leben für die Menschen in ihrer Heimat wieder lebenswert zu machen. Der Wiederaufbau der von Saddam Hussein zerstörten Häuser und Infrastruktur in den Dörfern gab den Kurden Hoffnung und Zuversicht, in ihre Dörfer zurückkehren zu können – nach Jahren des Leids, der Vertreibung, des Chaos, der Unterdrückung und Gewalt. Dafür werden wir ihm und dem ASB immer dankbar sein. Die humanitäre Hilfe, die uns zuteilwurde und an der auch er mit seinem Engagement einen großen Anteil trägt, hat uns damals viel bedeutet und tut es bis heute. Kaufmann hat dank seiner damaligen Tagebucheinträge ein lesenswertes Buch geschrieben, das einen guten Einblick in die Geschehnisse der Zeit gibt.“
Dilshad Barzani
Vertreter der Regionalregierung
Kurdistan-Irak in Deutschland
Inhalt
Vorwort
Die Anreise
Die ersten Schritte
Camp Rezan
Die Barzanis
Die Sauberkeit des Lagers
Freies Unternehmertum
Trinkwasser
Unsere Arbeit
Jalal, der gute Geist im Camp
Alle sind bewaffnet
Geld im Nordirak
Die 50-Jahr-Feier
Krieg
Volleyball
Kinderarbeit
Rasheeds Krankheit
Masuds Appell an Saddam
Der Fluchtweg
Die Eroberung Erbils
Weisung zum Verlassen des Iraks
Eine Woche in Deutschland
Wieder über die Ibrahim-Khalil-Brücke
Der zweite Krieg
Ramazan (1)
Gehälter
Die Bedrohung des Kurdenstaats
Führerscheine
Mechaniker und Werkstätten
Ali „the cutter“
Häuser im Bergland
Nomaden
Flüchtlingscamps
Absicherung der Projektgelder
Der Tankwagen
Bettler
Batterien
Flickschusterei
Frauen im Irak
Altes Pergament
Brot
Ramazan (2)
OFDA
Sindram
Ingenieur Osmat
Vertrag mit OFDA
Asyl in den USA
PUK und PKK
Verteilung der Lebensmittel
Moscheen
Schulen und Lehrer
Die Witwen
Die Schlange der Asylanten
Neue Mitarbeiter
Anhalterinnen
Saddams Paläste
Ahmed
Wasser
Vorbereitungen für die Rückkehr
Rückfahrt nach Deutschland
Annemarie
Kurdische Pfadfinder
Kinder in Kurdistan
Nachtrag
Vorwort
Beim Stöbern in alten Kladden, die mir in die Hände gefallen waren, fand ich Aufzeichnungen und Skizzen über einen der ereignisreichsten Jobs, der mir nach meiner Dienstzeit bei der Luftwaffe in den Schoß gefallen war. Heute bin ich alt – uralt. Die Geschehnisse liegen weit zurück, genau 27 Jahre.
Für die Menschen in Kurdistan bauten wir damals 1005 archaische Häuser (wahrscheinlich zwei oder drei mehr, die von meinen Kontrolleuren als Geschenke an einsame, gutaussehende Witwen gingen). Bei den meisten der eingeschossigen Häuser bestanden die Wände aus Natursteinen, verbunden mit Lehm als Bindemittel. Gegen Regen und Schnee waren die zwei bis drei Räume durch ein in dieser Gegend übliches Erddach geschützt. Die Wohnräume verfügten weder über elektrischen Strom noch über Leitungen für fließendes Wasser oder Abwasser. Gekocht wurde im Freien vor dem Haus unter einem überdachten Vorsprung neben dem Eingang. Als Toilette diente ein Erdloch hinter dem Haus oder für ein kleines Dorf ein abseitsstehender Donnerbalken über einer etwas größer dimensionierten Gemeinschaftsgrube für mehrere Häuser. Die Architekten dieser Wohnanlagen stammten von der KRO, unserer örtlichen Baubehörde. Deren Zentrale lag in Erbil, der Hauptstadt des Nordirak. Das Heim der Herren Ingenieure verfügte dort zweifellos, wie auch mein eigenes in Siegburg, über mehr Komfort.
Die Menschen mit denen die neuen Häuser besiedelt werden sollten, hatten viele Jahre in Lagern verbracht, in denen das Leben zum Teil noch primitiver und ohne jede Privatsphäre abgelaufen war – also war es eine Verbesserung. Kurz, jeder von uns hatte nur die Notwendigkeit unserer Aktion vor Augen, keiner brachte diese Häuser, die frisch verputzt so übel nicht aussahen, in Punkto Komfort und Wohnlichkeit mit der Steinzeit in Verbindung.
Heute, während ich an diesen Bericht schreibe, frage ich mich natürlich, warum wir das nicht schon damals gesehen haben. Und warum bin ich heute so viel klüger? Zum einen arbeitete ich an einem Projekt, dessen Entwurf in Deutschland und den USA zusammen mit den einheimischen Baubehörden konzipiert und bereits vor zwei Jahren so begonnen worden war. Zudem hatten unsere Häuser die Zustimmung der künftigen Nutzer. Und so war es nicht meine Aufgabe, die spartanische Bauweise zu hinterfragen. Zum anderen – und das mag der Hauptgrund sein – konnte sich niemand von uns vorstellen, in welch unglaublich kurzer Zeit die Menschen in Kurdistan durch die Öl-Dollars des Irak aus bitterster Armut zu verhältnismäßigem Wohlstand gelangten.
Wenn ich mich also heute in den oft kaum leserlichen Text vertiefe, bin ich erstaunt mit wieviel Spaß ich die Ereignisse, die oft nicht so erfreulich waren, zu Papier gebracht hatte, und habe den Entschluss gefasst, das Ganze in ein ordentlicheres Format zu bringen.
Damals, als pensionierter Berufssoldat, knapp unter sechzig, war ich körperlich ziemlich fit. Vor dem Job im Nordirak hatte ich bereits als Krisen-Beobachter für die EU auf dem Balkan gearbeitet. Dort war ich kurz mit dem ASB in Kontakt gekommen und lose in Verbindung geblieben. Auch bei diesem Projekt im Nordirak war der Träger der Deutsche Arbeiter Samariter Bund. Zu meiner Überraschung war der an mich herangetreten und hatte mir das Management für die Abwicklung eines Großauftrags angeboten.
Mit Geldern verschiedener Ministerien aus Deutschland und besonders aber der Regierungsorganisation OFDA aus den USA wurden 1996 im Nordirak tausendundfünf Häuser, sowie Straßen, Wasserversorgungsstellen und einige Lehrerhäuser fertiggestellt.
Kurdistan, das Gebiet, auf dem wir unsere Baumaßnahmen durchführten, war die sogenannte autonome Zone im Norden des Irak, nördlich des 36° Breitengrades, die 1970 durch die Regierungen der USA, Englands und Frankreichs (mit dem Segen der Vereinten Nationen) verankert worden war. Ihre Größe (37.000 km2) entsprach in etwa der von NRW oder Baden-Württemberg. Das Gebiet wurde ausschließlich von Kurden bewohnt. Und obgleich die Zone zu seinem Staatsgebiet gehörte, war es Saddam und seinen Soldaten strikt verboten, sie zu betreten. Aber auch ohne seine Anwesenheit fühlten sich die Menschen im Nordirak von ihm bedroht. Harald, mein Vorgänger, erzählte, Saddam hätte auf alle europäischen Leiter von Hilfsorganisationen, die im Nordirak tätig waren, ein Kopfgeld von 20.000 US Dollar ausgesetzt. Erzählt wurde viel, von Saddam wurde ich jedenfalls nie bedroht.
Die Enklave Kurdistan im Nordirak war stets umkämpft. Meist Kurden gegen Kurden. Dass im Jahr 1996 auch meine Baustellen ein paar Monate nach Beginn meiner Arbeit von einer Art Bürgerkrieg überzogen wurden, war für mich eine unschöne Überraschung, für die Menschen im Barzantal aber nicht ungewöhnlich. Der ewige Streit zwischen Kurdenparteien hatte mit der Arbeit der Hilfsorganisationen absolut nichts zu tun. Auch Saddams späteres Eingreifen in den Konflikt war nicht gegen uns oder unsere Arbeit gerichtet. Seine Hilfe für Masud Barzani jedoch hätte fast die Großmächte auf den Plan gerufen. Mein Freund und Lektor Werner Bartsch schlug mir vor, das ganze Kriegsgeschehen in unserem Gebiet wegen der Übersichtlichkeit in einem gesonderten Kapitel zusammenzufassen. Ich habe mich dagegen entschieden.
Hier ein paar Worte der Zuordnung, die die geschilderten Ereignisse im Herbst dieses Jahres aber nicht vorwegnehmen sollen. Es waren Kurden der PUK*, die zum Teil aus dem Iran ins Land eingesickert waren und die Kurden der KDP**, die aus unserer Gegend stammten und für die wir unsere Baumaßnahmen durchführten, die da auf einander losgingen. Dabei wurde die PUK militärisch so nachhaltig aus dem Iran unterstützt, dass die Kurden der KDP (für die der ASB die Häuser baute) an den Rand einer Niederlage gerieten. Ein verbissener von den Medien fast unbemerkter (und oft falsch wiedergegebener) Kleinkrieg begann zwischen den beiden Parteien, der anfänglich nur mit Handfeuerwaffen (später auch mit Artillerie) ausgetragen wurde. Durch die militärische Überlegenheit der besser ausgestatteten und in Überzahl eindringenden PUK (teilweise aus dem Iran kommend) spitzte sich die Lage dann derart zu, dass Masud Barsani, der Kriegsherr in unserem Gebiet, seinen Erzfeind Saddam Hussein – der an diesem Konflikt ausnahmsweise schuldlos war – bitten musste, der KDP zu helfen. Doch davon später.
*PUK (Patriotische Partei Kurdistans), Anhänger des Kurdenführers Jalal Talabani.
** KDP (Demokratischen Partei Kurdistans), wird in einigen deutschen Veröffentlichungen auch DPK abgekürzt. Anhänger des Kurdenführers Masud Barzani.
***PKK, Partiya Karkeren Kurdistan (Arbeiterpartei Kurdistans) vorwiegend in der Türkei agierend. Anhänger des damaligen Führers Abdullah Öcalan
Die Anreise
Durch meine bisherigen Missionen als Beobachter im Balkan war ich mit schwierigen Reisemodalitäten im Ausland bereits vertraut. Doch da hatte ich Diplomatenstatus und ein entsprechendes Dienstfahrzeug. Die Tour durch die Türkei in den Norden des Irak verlief anders. Noch befand ich mich in den fürsorglichen Händen von Harald, meinem Vorgänger, der das Projekt begonnen und die letzten Jahre daran gearbeitet hatte. Er würde mich auf meine neue Aufgabe vorbereiten.
Die deutsche Botschaft in Ankara hatte ein Hotel für uns gebucht. Sie wollte zur Erleichterung der Einreise vom türkischen Außenministerium eine Genehmigung zur Überschreitung der Grenze einholen. Seit einer Woche wartete sie nun auf die Bestätigung, dass unser Gesuch an der Zollstation angekommen und akzeptiert worden sei – ohne jede Rückmeldung. Die Botschaft bat uns dringend in Ankara abzuwarten. Mit solch besorgten Hinweisen hatte Harald jedoch bereits früher schlechte Erfahrungen gemacht. Er war für meine Einweisung mitgekommen und mehr als zwei Wochen waren dafür nicht vorgesehen. Die sollten nicht durch behördliche Hinhaltetaktik verspielt werden. Wir mussten weiter und verließen Ankara am übernächsten Tag auch ohne die Genehmigung.
Ein türkischer Bauunternehmer, der östlich von Diyarbakir über Filialen verfügte und zu Harald und unserem Projekt schon in geschäftlicher Beziehung gestanden hatte, tauchte beim Frühstück in unserem Hotel in Ankara auf. Er sprach englisch und deutsch und war auch sonst ein weltgewandter Mann. Ich fragte Harald, wieso man im Nordirak auf türkische Firmen angewiesen sei. Er erklärte mir, dass zum Beispiel der Zement, der aus der Türkei käme, um dreißig Prozent billiger sei. Ich verstand schnell, dass für den Türken immer noch ein kleiner Gewinn herausspringen musste, denn er bemühte sich, in subtiler Art, uns gefällig zu sein.
Als er begriffen hatte, dass nicht Harald sondern ich der zukünftige Projektleiter sei, strengte er sich bei mir auch besonders an. Auf meiner Reise ins nordirakische Niemandsland trug ich Jeans und eine gut erhaltene Tweed Jacke. Natürlich hatte ich auch ein Hemd und Schuhe an. Der türkische Unternehmer zog mit uns ins Schneiderviertel von Ankara und versuchte, mich zuerst zu einem neuen Hemd zu überreden. Ich lehnte ab. Er verstand wohl, dass bei dem zu erwartenden Zementexport zu meinen Baustellen ein Hemd nicht angemessen sei. Kritisch betrachtete er meine Jeans und die Jacke und meinte dann, ich bräuchte einen neuen Anzug. In den Schaufenstern der Maßschneider waren schwarze ein-und zweireihige Exemplare ausgestellt. Irgendwie hing ich an der Tweed Jacke und den Jeans und dachte gleichzeitig an meinen überfrachteten Koffer. Zu meinem Bedauern war da für keinen zusätzlichen Ein- oder Zweireiher noch Platz. Der Türke schien zu wittern, dass ich bereits einen preiswerteren Konkurrenten für den Zement hatte und änderte seine Taktik. Vielleicht hatte er erkannt, dass ich mit materiellen Gütern nicht leicht zu bestechen bin und begann mich genauer zu beobachten, was ich natürlich nicht bemerkte.
Wir saßen am Tisch eines reizvollen Straßen-Cafés der Innenstadt. Ich trank ein von unserem Türken gesponsertes Bier und betrachtete vom Alkohol beschwingt die ansehnlichen Beine der vorbeieilenden Sekretärinnen. Zuhause hält mich da meine Frau im Zaum. Übrigens trug keine einzige von ihnen das bei uns so umstrittene Kopftuch, die meisten aber recht kurze Röcke (1996, weit vor der Ägide Erdogans). Als Harald sich entfernte, um Raum für mehr Bier zu schaffen, beugte sich unser Sponsor zu mir vor und fragte halblaut, ob ich, um besser durch die Nacht zu kommen, vielleicht Damen auf dem Zimmer des Hotels haben wollte. Ich glaube er sagte Weiber, was etwas grob, aber nicht unzutreffend sein mochte. Abgesehen von der unbedeutenden Entgleisung, bewunderte ich die breite Skala seiner Bemühungen, mich als festen Kunden für seinen Zement zu gewinnen.
Bedauernd zuckte ich mit den Schultern, klopfte kurz auf meinen Ehering und antwortete mit einem Augenzwinkern, dass ich in solchen Dingen das Einverständnis meiner Frau einholen müsse. Als Mann von Welt kam er auf sein Angebot nicht mehr zurück. Ich nehme an, auch im Orient erweisen sich Ehefrauen in diesem Punkt als Hindernis.
Bereits am nächsten Tag saßen wir im Flugzeug nach Diyarbakir. Dort übernachteten wir in der Hasan-Pasa-Hani Karawanserei, einem uralten Komplex, den ich in der Folge noch häufiger aufsuchte. Es ist das älteste fast unveränderte Hotel, in dem ich mich je aufgehalten habe. Die Zimmer ähnelten winzigen Mönchszellen mit kleinen Rundbogen als Eingang, jeder etwa 1.60 m hoch. Heute werden sie nicht mehr zur Übernachtung angeboten. In dem dekorativen Innenhof trafen wir zufällig auf zwei weitere türkische Kaufleute, die sich bemühten, mit mir ins Gespräch zu kommen. Sie schienen sich gegenseitig zu belauern. Ich begriff rasch, dass ich auf dem Weg war, eine gefragte Persönlichkeit werden.
Wenn ich bei diesen Geschäftsfreunden immer von Türken spreche, ist das nur ein Beweis meiner Unwissenheit. Viele Türken in Ostanatolien sind Kurden. Und viele Kurden sind Türken. Sie alle leben in Diyarbakir, sehen aus wie Türken, sie sprechen wie Türken, sind so geschäftstüchtig wie Türken und alle glauben an Allah. Wie also sollte gerade ich Ungläubiger den Unterschied bemerken. Man erklärte mir, dass Diyarbakir das Zentrum der ostanatolischen Kurden und der PKK sei. Der türkische Torwächter warnte verschwörerisch davor, die Karawanserei abends allein zu verlassen. Außerhalb könne niemand für meine Sicherheit bürgen. Überfälle am laufenden Band. Ein wohliger Schauer des Abenteuerlichen rann über meinen Rücken, als ich seiner Warnung zum Trotz gegen neun Uhr am Abend zum Postamt trabte, um mit der Heimat zu telefonieren. Und fast zu meinem Leidwesen musste ich berichten, kein einziges Mal überfallen worden zu sein.
Später fand ich heraus, dass der Portier übertrieben hatte. Ganz so gefährlich war es in Diyarbakir auch nicht. Die Präsenz der türkischen Armee war unübersehbar und trug sicherlich dazu bei, dass gelegentliche Spaziergänge älterer deutscher Herren auf den Hauptverkehrsstraßen unfallfrei verliefen.
Unser Transport zur Grenze erfolgte im Auto eines weiteren Unternehmers, den Harald kannte und der sich gleichfalls Geschäfte mit uns erhoffte. Er chauffierte uns in Richtung Cizre und von dort zum Grenzstreifen, den Übergang zu dem Städtchen Zakhu, das sich bereits im Irak befindet. Diese letzte Etappe hinter Diyarbakir hatte es in sich.
Fast zweihundert Kilometer lang, verfügte sie über gute Straßen, wurde jedoch durch ermüdend viele Militärkontrollen der türkischen Armee unterbrochen.
Bei diesem Teilstück lag die Gefährdung, der wir ausgesetzt waren, am Bargeld, das Harald und ich am Körper trugen. Es handelte sich um eine halbe Million – D-Mark, nicht Türkische Lira – Geld, das ich zur Fertigstellung der von Deutschland unterstützten Projekte brauchte. Und es war der einzige Weg. Im Nordirak gab es keine Banken, nicht eine einzige, auf die man das Geld hätte überweisen oder deponieren können. Es gab auch keine Flugplätze, über die man hätte einreisen konnte.
Das alles hing mit der Definition dieser autonomen Zone hinter dem 36° Breitengrad zusammen. Im März 1970 war sie unter dem Druck der Schutzmächte auf dem Gebiet des Irak zum Schutz der Kurden errichtet worden. Saddam Hussein und seine Soldaten hatten wie gesagt keinen Zutritt, und so machte er der autonomen Zone das Leben so schwer wie möglich.
Die türkischen Soldaten der Kontrollposten wiederum hatten die Berechtigung, alles, wenn sie wollten, auch unsere Personen, zu untersuchen. Taten sie aber nicht. Sie konzentrierten sich lediglich auf das Fahrzeug. Hätten sie die kompakten Bündel von Tausend-D-Mark-Scheinen gefunden, die wir am Körper trugen, wären die Folgen schwer vorhersehbar gewesen. In einem Landstrich, in dem Durchschnittsverdiener mit harter Arbeit etwa hundertfünfzig Mark im Monat verdienen, wäre die Versuchung, uns beiseite zu schaffen, um an das Geld zu kommen, groß gewesen. Selbst Harald, der Erfahrene wirkte nervös. Aber obwohl zwei Soldaten eines Postens, die offenbar an Langeweile litten, das Auto des Geschäftsmanns bis zum Reserverad entkernten, kam keiner auf die Idee, sich mit unserer Kleidung zu befassen. Ein Blick in unsere Pässe genügte.
Der Grenzübertritt über die berühmte „Ibrahim-Khalil-Brücke“ in den Irak ging schleppend langsam, aber unspektakulär vonstatten. Der freundliche Unternehmer, der uns von Diyarbakir gefahren hatte, konnte uns ab hier nicht mehr weiterhelfen. Meinen Wordprozessor nahm er mit zurück. Alle waren sicher, dass ich ihn nicht durch den Zoll bringen würde. Er versprach ihn mir mit der nächsten Fuhre, die er in den Nordirak hätte über die Grenze zu schmuggeln. (Ich hatte ihn schon abgeschrieben, als er zwei Monate später unversehrt bei mir im Lager auftauchte.)
Die Grenzstation ähnelte wie oftmals im Orient einem Jahrmarkt. Viele kleine Büros, jedes mit einem Fensterchen, um das sich die Kundschaft scharte. Formulare wurden herausgereicht. Die meisten hatten ihre Fahrzeuge bei sich. Kommandos der Zöllner dirigierten sie hin und her. Für uns nur Papierkram. Mal musste angeführt werden, was man einführte, mal wurde von uns der Zweck der Reise beschrieben. Mal wurde der Pass begutachtet mal nur ein weiteres Dokument unterschrieben.
Wie die Deutsche Botschaft in Ankara vorhergesehen hatte, waren unsere vom türkischen Außenministerium ausgestellten Passierscheine für den Grenzübertritt nicht eingetroffen. Der Inhalt unserer Koffer wurde genau erforscht. Nach dem Ausfüllen weiterer Formulare, der Abgabe ebenso vieler Passbilder und einer langen Wartezeit, kam der letzte Stempel in den Pass und der Grenzbaum ging in die Höhe. Von drei Jeeps, gefüllt mit meinen neuen Mitarbeitern wurden wir erwartet.
Die ersten Schritte
Einen Tag später waren wir in unserem Camp am Rande der winzigen Ortschaft Rezan eingetroffen. Alles war beängstigend neu, aber noch hatte ich ja Harald dabei. Der gestandene Mittelfranke hatte den Job für die amerikanische Organisation OFDA und NRW vor zwei Jahren begonnen und sollte fortan in der Schaltzentrale des Arbeiter-Samariter-Bundes in Köln solche Einsätze koordinieren. Er wies mich in die örtlichen Gegebenheiten ein und machte mich mit den wichtigsten Partnern bekannt.
Um der Arbeit an solchen Projekten bereits in jungen Jahren zu verfallen, bedarf es einer gehörigen Portion von Idealismus, der Kenntnis lokaler Sprachen, der Einfühlung in die Mentalität der Einheimischen, Machogehabe, Entscheidungsfreude. Auch eine gewisse Portion Verrücktheit ist durchaus nicht nachteilig. Harald verfügte über all das. Ich konnte sehen, dass es ihm nicht leichtfiel, die Leitung an mich zu übergeben, um von jetzt an in der Kölner Zentrale des ASB zu walten. Gegen ihn war ich ein müder Spießer. Letztere Beurteilung wurde sehr rasch von meinen kurdischirakischen Mitarbeitern und den fünfzehn Peshmerga, kurdischen Soldaten, die unser Camp bewachten, geteilt. Sie liebten an ihm, dass er unsere Jeeps fuhr, als ginge es um die Rallye Paris-Dakar und dass er jeden Abend bis zwei Uhr morgens an seinem Computer beschäftigt war, was zwangsläufig mit sich brachte, dass unser großer Stromgenerator laufen musste und damit dem Rest des Lagers Gelegenheit gegeben wurde, Remmidemmi zu veranstalten. Man erzählte sich verwegene Storys über ihn, zum Beispiel, wie er mit unseren Wachsoldaten, die Residenz des Gouverneurs in Dohuk umstellt hatte und ihn erst wieder frei ließ, als die seit langem versprochene Versorgung der LKW-Werkstatt in Dohuk mit elektrischem Strom klappte. Da konnte ich nicht mithalten.
In unserem Bürocontainer existierte ein kleiner Nebenraum, in dem ich ein Feldbett aufstellen ließ. Durch das Blechdach war es fürchterlich aufgeheizt und die Temperatur wurde erst gegen Morgen erträglich.
Bereits in der ersten Nacht nach Haralds Abreise zog ich es vor, unter meinem Moskitonetz, das ich aus Deutschland mitgebracht hatte, vor unserem Büro im Freien auf einem Feldbett zu schlafen. Und da der große Dieselmotor, der im übernächsten Gebäude für die Produktion des Stroms verantwortlich war, keinerlei Lärmschutz hatte, ließ ich ihn, sobald ich müde war, meist gegen zehn Uhr abends abstellen. Ohne elektrisches Licht waren die abendlichen Aktivitäten der ganzen Crew im Camp schlagartig beendet. Meine Beliebtheitswerte stiegen.
Ich bin kein geborener Frühaufsteher, aber im Freien geht die Sonne heller auf als im Zimmer. Folglich erwacht man früher. Nach einem kurzen Lauf am Ufer des Saab und einer Dusche war ich, im Gegensatz zum restlichen Lager, um halb acht fertig für mein Frühstück. Das brachte den allgemeinen Tagesablauf gründlich durcheinander. Es kostete Überredung, um nicht zu sagen Kampf, bis ich meine „leitenden Angestellten“ überzeugen konnte, das Frühstück mit mir zu teilen, um dabei die Arbeit des kommenden Tages zu besprechen. Die generelle Abkehr von Haralds Tageseinteilung stieß in der ersten Zeit auf Widerstand. Ich hörte plausible Erklärungen, warum der alte Ablauf vernünftiger gewesen war.
Nach und nach sah ich auch in der Praxis, was mir Harald bereits auf dem Papier erklärt hatte – unsere weitverstreuten Baustellen. Was mir zuerst auffiel, wenn wir eines der Dörfer erreichten, waren die vielen Kinder. In fröhlichen Horden umkreisten sie den Jeep und die Pickups der Soldaten und starrten kichernd auf die Ankömmlinge. Sie waren zutraulich aber nicht frech. Kaum eines kam, um uns anzubetteln. In jedem Dorf war es das Gleiche. Dieser Reichtum des Landes schien unendlich zu sein.
Ich war verantwortlich für die Fertigstellung von tausendundfünf Wohnhäusern, die sich auf einundvierzig Dörfer verteilten, von Wasserversorgungsstellen, von Straßen und ab Herbst für die Verteilung von Lebensmitteln an die neuentstandenen Dorfgemeinschaften. Auch ein Satz von Geräten zur Bearbeitung der Äcker für jede der neuen KleinbauerFamilien wurde bei den örtlichen Schmieden in Auftrag gegeben. Und da ich in meinem Safe über Dollar und Mark von vier verschiedenen Geldgebern für die amerikanischen und deutschen Projekte verfügte, durfte ich meine Abrechnungen nicht durcheinanderbringen.
Diese Abrechnungen der diversen Baumaßnahmen, von denen die größte, die amerikanische, seit mehr als einem Jahr lief, die Vielzahl der anstehenden Arbeiten und die völlig unterschiedlichen Gehälter für meine Mitarbeiter veranlassten mich, Harald um rechnerische Klarheit zu bitten. Nicht notwendig. Beschwichtigend versicherte er mir, dass die Buchhaltung ganz in den bewährten Händen von Rasheed Shamdeen läge. Der saß neben ihm und war ein massiger vertrauenerweckender Iraker und gleichzeitig mein Stellvertreter. Er mochte Anfang dreißig sein, sah aber durch seine Pfunde älter und reifer aus. Er und Harald betonten, dass ich mir über die Zahlen der verschiedenen Bauvorhaben keinerlei Gedanken machen müsse. Ich sei nur das Flaggschiff und der deutsche Repräsentant der Projekte, der seinen Kopf nicht mit solchen Details belasten müsse.
Aber in einem schwachen Moment, als ich gerade die Berge von Dollarscheinen in meinem Safe zählte, brachte ich Harald doch dazu, mir etwas über das bereits laufende US-Projekt zu erzählen, das von ihm zusammen mit Rasheed vor zwei Jahren begonnen worden war. Ich legte also das Geld beiseite und machte mir Notizen. Er erklärte, wie viele der Häuser begonnen oder fertig gebaut und abgerechnet worden waren. Wegen der seltsamen Zuordnung der Positionen, die auf die eigenartig komplizierte Rechnungslegung der US-Organisation OFDA zugeschnitten war, verstand ich bereits nach ein paar Stunden so gut wie nichts mehr, was ich da aufgeschrieben hatte. Unauffällige Sondergehälter, die aus dem Topf des OFDA-Projekts an einige meiner Herren gezahlt wurden, kamen nicht zur Sprache.
Aber nach ein paar Monaten war ich recht froh, wenigstens über diese mageren Aufzeichnungen zu verfügen. Denn Rasheed, mein Buchhalter und Stellvertreter, würde mich bereits zwei Monate später aus der Türkei anrufen und mir eröffnen, dass er nicht mehr auf seinen Posten als Buchhalter unserer Projekte zurückkehren würde. Nicht unehrenhaft, er hatte keinen Pfennig unterschlagen. Das geschah in der Zeit, als Saddam Husseins Truppen in den Norden des Irak marschierten und Erbil belagerten. Es war die Zeit als die amerikanischen Mitarbeiter von OFDA fast durchdrehten und auch einige meiner eigenen Mitarbeiter vor Angst fast hysterisch wurden.
Harald konnte mir nicht helfen. Er war ja in Köln. Und auf diese Weise wurde ich bereits nach kurzer Zeit befördert vom Frühstücksdirektor und Flaggschiff zum Buchhalter mit der vollen Verantwortung für die Abrechnung.
Camp Rezan
Doch ich möchte dem Gang der Ereignisse nicht vorgreifen und zuerst einmal unser Lager, genannt Camp Rezan, etwas näher beschreiben.
Der erste Eindruck war in der Tat nicht gerade umwerfend. Das Camp bestand aus eingeschossigen Wellblechbaracken. Und sie waren nicht neu. Ihr Äußeres sah angegriffen und schäbig aus, jede Tür klemmte. Sicherlich waren sie zum x-ten Mal von einem Ort zum anderen verlegt und wieder aufgebaut worden. Sie standen in einem losen Karree um einen großen, mit ansehnlichen Schlaglöchern versehenen Innenhof. Auf letzterem konnte mit Leichtigkeit ein Dutzend unserer LKW geparkt werden.
Direkt an der Straße, auf der westlichen Seite des Camps am Eingang, lag die Unterkunft unserer Peshmerga, vier Steinwände mit einem Erd-Dach. Fünfzehn Soldaten aus Masud Barzanis Armee, die von einem Unteroffizier, er hieß Gaberli, kommandiert wurden. Aus grammatikalischen Gründen kann man nicht sagen, dass sie diskutiert wurden, aber es wäre der Sache etwas nähergekommen. Aus welchen Einheiten sie kamen und warum sie das Camp zu schützen hatten, habe ich nie erfahren. Soldaten nannte man in Kurdistan Peshmerga. Mit etwas Drama in der Stimme erklärte Ramazan, mein späterer Stellvertreter nach Rasheeds Weggang, das Wort bedeute: 'Der den Tod nicht scheut'. Ich runzelte die Stirn. Doch im Lauf der Zeit fand ich heraus, dass Rezan noch ruhiger und ungefährlicher war als meine Heimatstadt Siegburg.
Dem Tod sind wir in unserem Camp wahrlich nie begegnet. Diese Peshmerga waren junge Burschen um die zwanzig Jahre. Sie hätten meine Enkel sein können und machten den Eindruck von Lausbuben. Aber alle hatten schon an Kriegseinsätzen teilgenommen. Soweit mir bekannt war, erhielten sie keinen Sold, wurden im Lager, also aus meiner 'Kriegskasse' verpflegt. Aber Reis, Brot und Tomaten, unsere Hauptnahrung, waren erschwinglich.
Direkt vor dem unscheinbaren Camp befand sich eine staubige, kaum befahrene Straße, hinter dem Camp ein stattlicher, grüner Fluss. Von den nächsten Häusern des Dorfes waren wir nur ein paar hundert Meter entfernt. Der Fluss hinter uns war der Große Saab. Selbst im Sommer an die siebzig Meter breit, hatte er die Strömung eines Gebirgsbachs. Flussabwärts mündete er nach hundertfünfzig Kilometern in den Tigris.
Mochten unsere schäbigen Barracken nicht viel hermachen, der malerische Saab im Osten des Camps allerdings wertete den Standort unseres Lagers beträchtlich auf. Die Blechbuden für das Büro, zum Kochen und zum Schlafen für mein Team lagen nebeneinander und kaum hundert Meter von seinem Wasser entfernt. Direkt neben der Straße, so zu sagen am Eingang des Hofs lag die Unterkunft der Soldaten. Auch die kurdische Bauorganisation KRO, die mit uns die Häuser der Projekte baute, hatte unmittelbar nebenan eine fast baugleiche Hütte im Camp, die akkurat so aussah wie unser Bürogebäude. Mit heimlichen Neid nahm ich später zur Kenntnis, dass sie um einiges besser in Schuss und ihr Dach gegen Regenwasser (was sich erst im November zeigte) weit wirkungsvoller als das unsere abgedichtet war. Als ich meine Männer im Hochsommer befragte, was ein Dutzend sandgefüllter Plastiktüten auf dem Dach bedeuteten, wurde mir vage erklärt, sie dienten dem Schutz gegen Regen. Das hätte ich mal besser genauer prüfen sollen.
Unsere Baracken hatten unisolierte Blechdächer, die das Innere ab elf Uhr am Vormittag fürchterlich aufheizten. Das bemerkte ich so richtig als sich Harald auf dem Rückweg nach Deutschland befand. Bis dahin hatten wir die Tage meiner Einweisung im Jeep verbracht. Jetzt arbeitete ich in meinem Geschäftszimmer. Gegen Mittag war die Hitze in den Räumen unbeschreiblich. Immerhin verfügte unser Büro über eine Klimaanlage, wie ich sie noch nirgendwo gesehen hatte. Die Funktionsweise beruhte auf einem einfachen physikalischen Vorgang und war in so weit umweltfreundlich.
Vor den Fenstern waren statt Scheiben Schilfmatten montiert worden, auf die mittels einer Pumpe aus einem Kasten Wasser getropft wurde. Ein Ventilator blies von außen einen gleichbleibenden Luftstrom durch das wässerige Gebilde. Durch die Verdunstungskälte kam innen, direkt hinter dem Fenster ein „gewaltiger“ Temperaturabfall zustande. Wer über Phantasie verfügte, konnte das auch spüren. Kurz, bei diesen Hitzegraden war es nicht einmal der Tropfen auf dem heißen Stein.
Natürlich funktionierte das Ganze nur, wenn der uralt 80 PS Generator, ein schweres Monster aus dem Zweiten Weltkrieg (der kleinere in der Nebenhalle funktionierte nicht), durcharbeitete und für den Ventilator und die Wasserpumpe den elektrischen Strom produzierte. 80 PS (10 Liter Diesel pro Stunde für weniger als ein Kilowatt elektrischen Strom.) Damit konnte man dann auch die elektrische Beleuchtung zuschalten, die man brauchte, da wegen der raffinierten Klimaanlage kaum Tageslicht in den Raum drang – genial.
Ursprünglich wollte ich mit Harald Aktenstudium betreiben. Er würde mir ja nur noch eine Woche zur Einweisung zur Verfügung stehen. Dann musste er zurück nach Köln. Und so wollte ich mich so schnell wie möglich in meine zukünftige Arbeit einweisen lassen. Harald sah das anders. Er hielt es für wichtiger das neue Flaggschiff des ASB den Scheichs und Bürgermeistern der Dörfer vorzustellen und mir zu zeigen, wo sich unsere Baustellen befanden. Was sich auch nicht als falsch herausstellte. Es waren mehr als vierzig, und sie waren weit verstreut. In der einen Woche konnten wir nur die wichtigsten besuchen. In diesen Tagen sind wir im Rekordtempo über eine Unzahl von Pisten gedonnert. Harald am Steuer. Wir mussten uns festhalten, wenn der Land Cruiser auf den geschotterten Straßen Sprünge machte. Die Soldaten, die uns zu unserem Schutz in der Staubschleppe mit ihren schwächer motorisierten japanischen Pickups folgten, wussten ohnedies wo wir hinfuhren. Irgendwie hielten sie immer wieder Anschluss. Ab und zu traten Zwangspausen ein, wenn eines der Fahrzeuge ein Rad wechseln musste. In kürzester Zeit lernte ich eine Menge Bürgermeister an unseren Baustellen kennen. Die Namen schrieb ich in meine Kladde, die Gesichter hatte ich bis zum Abend vergessen.
Aber die wesentlichste Gegenüberstellung stand mir noch bevor. Der autonome Norden des Irak wurde vom Clan der Barzanis regiert. Ich hatte noch kein Mitglied der für uns so wichtigen Familie kennen gelernt.
Die Barzanis
Die Familie Barzani stellte mit dem ältesten Sohn Masud das Oberhaupt der Region. Sie waren und sind nach wie vor der einflussreichste Clan der Region. Masud Barzani war über lange Zeit der wichtigste Politiker des Nordirak. Im Westen der autonomen Zone bildete die Familie eine Art Dynastie, ließ aber auch Mitglieder anderer Familien in wichtige Positionen gelangen. Der Osten der Zone zur Grenze des Iran war von Kurden der PUK unter der Führung von Jalal Talabani besiedelt.
Die beiden Kurdenführer trugen einen erbitterten Kampf um die Vorherrschaft in der autonomen Zone aus. Wobei Masud aus der Familie der Barzanis mit den Wurzeln in der Barzan-Region der bodenständigere der beiden war und der großzügigere. Jalal Talabani, der einst an der Universität in Bagdad Rechtswissenschaft studiert hatte und häufig aus dem Iran (gelegentlich auch aus Syrien) heraus gegen Masud agierte, war der weltläufigere, aber auch der intrigantere der beiden.
Masud Barzani war Regierungschef und ich nur ein Projektleiter. So suchte ich ihn nur auf, wenn ich ein wirklich dringliches Anliegen hatte und wenn seine Brüder beschieden, ich solle es doch lieber mit ihm persönlich besprechen. In einigen Fällen bat er mich, zu ihm zu kommen, eine Bitte, die natürlich einem Befehl gleichkam. Kontakt, wenn ich Hilfe bei unseren Projekten brauchte, hatte ich hauptsächlich mit seinen Brüdern. Angesichts der fast permanenten Einwirkungen des Kriegs mit der PUK auf die Dörfer, in denen sich unsere Baustellen befanden, kam das immer öfters vor.
Masud trat bescheiden auf, ohne Pomp und orientalisches Gepränge. Im Umkreis der Bevölkerung in den Dörfern war er – auch ohne größeren Personenkult zu betreiben – beliebt. Das galt für die ganze Familie. In den Städten Erbil und Sulaymaniyah war das anders, da herrschte die PUK.
Mit einigen seiner Brüder traf ich oft zusammen. Dilshat und Sihad Barzani sprachen fließend Deutsch, Nihad und Weggi gut verständliches Englisch. Die beiden ersteren hatten sich studienhalber mehrere Jahre in der früheren DDR aufgehalten. Dilshat war zu Recht sauer, weil ihm die Semester seines fast abgeschlossenen Medizinstudiums, das er an einer Ostuniversität, ich glaube in Magdeburg, absolviert hatte, nach der „Wende“ an keiner Universität des wiedervereinigten Deutschland anerkannt wurden. Wie bei manch anderen Studenten waren im Trubel jener Tage bei der Fakultät der ostzonalen Universität seine Studiennachweise verloren gegangen. Sein Bruder Sihad war da glücklicher. Er hatte Biologie studiert und sein Studium noch abschließen können. Dilshat hielt sich jetzt vorwiegend in Deutschland auf und koordinierte die Beziehungen der in unserem Land wohnenden Kurden aus dem Irak mit den Regierungen der Länder und des Bundes. Quasi als Botschafter repräsentierte er in Berlin die autonome Kurden-Region des Irak. Diese Position bekleidet er noch heute. Befand er sich im Nordirak, konnte ich mich mit meinen Fragen an ihn wenden. Dilshat spricht fließend Deutsch und ist ein ruhiger, humorvoller Mann, angenehmer Gesprächsteilnehmer. Für mich war er der wichtigste Kontakt im Haus der Barzanis.
Musste er sich in Deutschland aufhalten, war sein Bruder Sedad für unsere Probleme zuständig. Sedad hätte sein Zwilling sein können sprach aber keine westliche Fremdsprache. Traf ich mich mit ihm, mussten Rasheed oder Ramazan für mich übersetzen. Ein Besuch bei Sedad verlief so förmlich wie bei Masud. Ich erhielt eine Art Audienz in seinen Amtsräumen. Beide nahmen sich Zeit für meine Anliegen, aber von dem Zeitpunkt an, als Krieg herrschte, wurden wir auch während kurzer Audienzen häufig unterbrochen. Bei Masud war es stets der Leiter seines Vorzimmers, der dann hereinkam – ein unnahbarer, langbärtiger Hüne, der mich mit seinem Turban noch um eine gute Handbreit überragte. Er klopfte nie an und sagte nie ein Wort. Er blickte ausschließlich auf Masud und schob ihm einen Zettel zu, den der, ohne mit dem Reden aufzuhören, las und dann einige Worte darunter kritzelte und zurückgab. Oft passierte das in der halben Stunde unseres Gesprächs vier, fünf Mal. Bei Sedad war es ähnlich. Beide erklärten mir jeweils zum Schluss des Treffens ausführlich die militärische Lage. Soweit ich feststellen konnte, weder geschönt noch dramatisiert. Das war auch wichtig, denn einige der Dörfer, in denen wir unsere Häuser bauten, lagen in unmittelbarer Nähe der Kampfgebiete. Die Männer dort waren zum Waffendienst eingezogen, so konnte ich den Verlauf der Kampflinie in etwa beurteilen.
In Salahadin, dem Regierungssitz der Barzanis, gab es ein Gästehaus. Es verfügte über Einzelzimmer mit Dusche und WC. Eines davon wurde meine obligate Unterkunft, wenn ich mich in Salahadin aufhielt. Ständig vor Ort waren zwei Gefolgsleute dieser Tage, Mohamed Gomar und Tarik Akravi. Ich möchte sie gleichfalls erwähnen, da sie gelegentlich Masuds Delegationen verstärkten und bei fast allen seinen Gesprächen mit mir anwesend waren. Beide sprachen hervorragend deutsch und übersetzten gerne für mich, wenn Rasheed oder Ramazan nicht zur Stelle waren. Ihre Sprachkenntnis kam nicht von ungefähr, ihre Familien wohnten in Deutschland. Natürlich waren sie, wenn ich mich vor Ort befand, meine bevorzugten Gesprächspartner und unterrichteten mich aus erster Hand über die aktuellen Ereignisse.
Die Sauberkeit des Lagers
Nachdem Harald nach Köln zurückgereist war, betrachtete ich das Camp mit den Augen des neuen Oberhaupts und stellte fest, dass Hof und Umgebung ziemlich vergammelt waren. Überall lagen Büchsen, Zigarettenschachteln und unzählige Arten leerer Plastiktüten herum. Das hatte ich natürlich auch bei meiner Ankunft gesehen, aber wohlweislich den Mund gehalten. Bevor ich die Soldaten für etwas so Profanes wie die Reinigung des eigenen Reviers einsetzte, wollte ich auf Nummer Sicher gehen und Rückendeckung haben. Also erkundigte ich mich bei Dilshat, ob mir meine Position gestattete, für die Reinigung des Camps die mir zugeteilten Soldaten einzusetzen. Grinsend nickte er mit dem Kopf.
