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Ist das nicht eine wunderbare Geschichte? Die Enkelinnen und Enkel ihres Großvaters Joseph und ihrer Großmütter Adeleit und Maria verfassen ihr eigenes Geschichten-Buch. In Interviews und Berichten beschreiben sie persönliche Erlebnisse und überliefern Geschichten, die in ihren Erinnerungen einen hohen Stellenwert und festen Platz haben. Dabei geht es in den Texten oft lustig, manchmal beschaulich und gelegentlich auch traurig zu. Spannend sind diese zu Text gewordenen Geschichten schon deshalb, weil sie vom wirklichen Leben der Enkelinnen und Enkel aus der 8. Generation der Familie Hülsdünker künden. All diese Geschichten, ob wahr oder Legende, dokumentieren bereits Vergangenes, sind also selbst Teil der Geschichtsschreibung rund um den Stammbaum der Familie Hülsdünker geworden. Vielleicht wird unser Geschichtenbuch auch zum Auslöser für die nachfolgenden Generationen, sich ihre Geschichten auch zu erhalten.
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Seitenzahl: 343
Veröffentlichungsjahr: 2021
Aus Geschichten wird Geschichte
Einblicke in das Leben von vier Generationen der Familie Hülsdünker
Herausgegeben von Josef Hülsdünker und Karl-Heinz Tünte
Lembeck-Endeln 2021
V.l.: Karl-Heinz Tünte und Josef Hülsdünker
Impressum / Kontakt:
Dr. Josef Hülsdünker, Studtstr. 29, 48149 Münster
Karl-Heinz Tünte, Borkener Str. 16a, 46348 Raesfeld
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
©2021 Hülsdünker, Tünte
ISBN: 978-3-347-41641-3 (Hardcover)
978-3-347-41640-6 (Paperback)
978-3-347-41642-0 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Teil I: Geschichten aus der alten Generation der Famlie Hülsdünker
Ulrike Binkowski:
„Gefährliche Hilfe“
Elisabeth Harks:
„Meine Geschichte in Endeln“
Brunhild Schlüter:
„Der allzu frühe Tod unserer Mutter“
Gisela Rentmeister:
„Dreifachhochzeit“
Josef Hülsdünker:
„Niedergeschlagen“
Karl-Heinz Tünte:
„Die Wette“
Gisela Rentmeister:
„Ein Porzellan mit besonderen Erinnerungen“
Ulrike Binkowski:
„Der verlorene Sohn“
Willi Hülsdünker:
„Das tapfere Schneiderlein“
Josef Höing:
„Hausschlachtung“
Maria Hochstrat:
„Willy, de Dern mot ant Hues blieven“
Heinz Hülsdünker:
„Meine Handschrift“
Renate Buchgeister:
„Cousinen-Treffen - seit knapp 50 Jahren“
Josef Hülsdünker:
„Der Schwatte“
Jeannette Ludwig:
„Kindheit und Jugend in einem Gaststättenbetrieb“
Brunhild Schlüter:
„Silvesterfeier 1952 bei Agatha und Franz Reska“
Heinz Hülsdünker:
„Bildung - Privilegien - Schule“
Elisabeth Harks:
„Mein Vater, der Schuster“
Renate Oendorf:
„Und sonst so…“
Karl-Heinz Tünte:
„… da kann man nur den Hut ziehen!“
Josef Hugo Hülsdünker:
„Typisch Hülsdünker“
Friedhelm Reska:
„Mein erstes Taschengeld“
Karl-Heinz Tünte:
„Hugo! Hugo!“
Hajo Hülsdünker, Brunhild Schlüter, Vera Schweer:
„Die Familie von Hugo Hülsdünker“
Georg Höing:
„Der Mülldirektor“
Anna Margarete Tünte:
„Das Eingebildete - die Eingebildeten“
Teil II: Interviews zu den Lebensbdingungen der achten Generation
„Die Lebensgeschichte von Antonia Christina Hülsdünker“
„Mariaken von Onkel Willi“
„Familie Brunn von nebenan“
„Hendriks echt westfälisches Pumpernickel“
„Meine Kindheit auf dem Hof Hülsdünker, Endeln No. 19“
„Onkel Fritz“
„Einfach glücklich und zufrieden…“
„Endlich Freiheit“ oder „unser Küchentisch ist der Mittelpunkt der Erde“
„ Unsere Kindheit war schön“
„Meine Oma“
„Vom Sattler und Polsterer zum innovativen Raumausstatter“
„Landwirte mit Leidenschaft“
„Ich habe nichts geschenkt bekommen“
Teil III: Der soziale Aufstieg der Familie Hülsdünker
„Sozialer Aufstieg am Ende der Welt“ - ein Schlaglicht auf Schule, Ausbildung und Berufe in vier Generationen der Familie Hülsdünker
Teil IV: Das „olle Huus“ - Geschichte und Verträge
„Dat olle Huus - vom Pachtgut Hülsdünker zum Eigentum (1675-2021)
Anhang:
I. Übersicht über alle direkten Nachkommen der 6. bis 9. Generation
II. Hajo Hülsdünker: „Die Hülskrabbe - unser Baum des Jahres 2021“
III. „Goaden dag in´t Hues…“ - das Gästebitter - Gedicht
Vorwort
Ist das nicht eine wunderbare Geschichte? Die Enkelinnen und Enkel unseres Großvaters Joseph und unserer Großmütter Adeleit und Maria verfassen ihr eigenes Geschichten-Buch. In Interviews und Berichten beschreiben sie persönliche Erlebnisse und überliefern Geschichten, die in ihren Erinnerungen einen hohen Stellenwert und festen Platz haben. Dabei geht es in den Texten oft lustig, manchmal beschaulich und gelegentlich auch traurig zu. Spannend sind diese zu Text gewordenen Geschichten schon deshalb, weil sie vom wirklichen Leben der Enkelinnen und Enkel aus der 8. Generation der Familie Hülsdünker künden. All diese Geschichten, ob wahr oder Legende, dokumentieren bereits Vergangenes, sind also selbst Teil der Geschichtsschreibung rund um den Stammbaum der Familie Hülsdünker geworden. Vielleicht wird unser Geschichtenbuch auch zum Auslöser für die nachfolgenden Generationen, sich ihre Geschichten auch zu erhalten.
Die Idee zu diesem Buch ist bei der Vorbereitung des letzten Cousinen und Cousin - Festes entstanden. In der Vorbereitungsgruppe wurde überlegt, ob und wie man die Geschichte der Familie Hülsdünker möglichst lebendig erzählen und für die Nachwelt erhalten könne. Wir dachten daran, den Stammbaum der Familie Hülsdünker, ausgehend von den Vorarbeiten unserer Cousins Hajo Hülsdünker und Karl-Heinz Tünte, mit lebendigen, lesenswerten Geschichten und Ereignissen aus unserer Zeit, der Zeit der 8. Generation, anzureichern.
Beim Familienfest am 16. Februar 2019 auf dem Hof Hülsdünker, dem „ollen Huus“, gab es für diesen Vorschlag von den zahlreichen Cousinen und Cousins viel Zustimmung, so dass dieses gemeinsame Projekt in Angriff genommen werden konnte. Entstanden ist daraus nun ein spannender und lesenswerter Reigen von Geschichten und Erlebnissen, die dieses Buch füllen. Was jetzt vorliegt, ist also ein Gemeinschaftswerk der 8. Generation der Familie Hülsdünker, welches tiefe Einblicke in die Lebens- und Denkweisen dieser Generation gewährt.
Bei den nachfolgenden Treffen der Organisatoren (Hajo Hülsdünker, Karl-Heinz Tünte und Josef Hülsdünker) wurden weitere Ideen geboren, um das Geschichten-Buch noch spannender zu machen. Dazu gehörten zielgerichtete Interviews mit unseren Cousinen und Cousins, um aus unterschiedlichen Blickwinkeln die verschiedenartigen Lebensumstände unserer Generation zu dokumentieren und für unsere Nachkommen sichtbar zu machen.
Die vielen spannenden und interessanten Interviews mit unseren Cousinen und Cousins lösten noch eine weitere Idee aus: Es sollte über insgesamt vier Generationen hinweg die Karrieren der Hülsdünker-Nachkommen in Schule, Ausbildung und Beruf erhoben werden. Was sich in dieser Untersuchung zeigte, war ein unaufhaltsamer sozialer Aufstieg von der 6. bis zur 9. Generation der Familie Hülsdünker.
Insgesamt können wir fast 40 Beiträge in Form von Kurz- und Langgeschichten, Sprichwörtern und Interviews präsentieren, die mit vielen historischen Fotos angereichert wurden. Alle eingegangenen Beiträge wurden im Übrigen von uns inhaltlich weitestgehend unverändert übernommen. Allerdings wurden sie redaktionell im Sinne von Fehlerbeseitigung und Lesbarkeit bearbeitet und - wenn nötig - mit Überschriften versehen, um dem Leser eine bessere Orientierung zu ermöglichen.
Mit dem hier vorgelegten „Geschichten-Buch“ der Familie Hülsdünker präsentieren wir nun unser Ergebnis. Damit lösen wir das Versprechen ein, mit Eurer Hilfe ein „GeschichtenBuch“ unserer Generation zu erstellen. Überzeugt Euch selbst von den interessanten Informationen und den spannenden Geschichten, die wir mit Eurer Hilfe zusammengetragen haben.
Wir danken allen, die mitgemacht haben und, wie wir meinen, zu einem vorzeigbaren und lesenswerten Ergebnis beigetragen haben.
So wird Familiengeschichte lebendig. Danke, danke, danke…
Josef Hülsdünker
Karl-Heinz Tünte
Im Vordergrund Joseph mit seiner zweiten Ehefrau Maria inmitten seiner Familie. Von seiner ersten Frau Adelheit sind keine Fotos bekannt
Teil I: Geschichten aus der achten Generation der Familie Hülsdünker
„Gefährliche Hilfe“
Von Ulrike Binkowski, geb. Hülsdünker
Das schöne Dörfchen Rhade hat neben seinem idyllischen Mühlenteich eine sehr schöne Wassermühle. Direkt an der Lembecker Straße gelegen, lieferten hier die umliegenden Bauern ihr Getreide zum Mahlen ab. Mit den Jahren nutzte sich das außenliegende Mühlenrad durch viele Arbeitsstunden und den steten Wasserlauf sehr ab und hatte Holzschäden. Papa, unser Alleskönner, wurde vom Müller angesprochen, ob er das Rad wohl reparieren könne. Nach einer Inspektion sagte er zu: „Dat maak ik di wall wär fäddig, wenn ik Tied häb“.
Gut so. An einem Nachmittag, die Mühle war nicht besetzt, kletterte Papa ins Rad und begann mit der Reparatur. In der Zwischenzeit kam aber ein Mühlenarbeiter und startete die Mahlmaschine. Er wusste ja nichts von dem Mann im Rad. Dieses setzte sich laut quietschend in Bewegung und Papa zwangsläufig auch. Er schrie um sein Leben und klopfte mit Hammer und Holz gegen das Rad. Zum Glück hörte der Müller im Inneren der Mühle die Hilferufe und stoppte die Maschine. Ein Glück und Gott sei Dank, sonst wäre das Mühlenrad zur Todesfalle geworden.
„Meine Geschichte in Endeln“
Von Elisabeth Harks, geb. Hülsdünker
Erst einige Tage auf der Welt - und schon bekam ich ein Kopfgeld. Bei der Währungsreform 1948 bekam jeder „Kopf“ am Stichtag 40 Deutsche Mark als Startkapital. Meine Eltern freute es, denn wir waren schon eine ziemlich große Familie. Im Elternhaus in Lembeck-Endeln lebten neben unserer Familie noch Oma Maria und meine Onkel Willi und Onkel Fritz.
Unser Haus bestand aus drei Zimmern im Obergeschoss, drei Räumen im Erdgeschoss sowie dem Keller und einem Stall. Oben im Wohnhaus gab es ein Schlaf- und Arbeitszimmer für die beiden Onkel Willi (Schneider) und Fritz. Eines der Zimmer stand für unsere zunächst kleine, dreiköpfige Familie zur Verfügung und ein weiteres Zimmer war reserviert für eingelagertes Korn – die sogenannte Musekamer. Im Erdgeschoß hatte Oma ein Schlafzimmer, daneben gab es eine große Küche, eine gute Stube und einen Backofen und einen Stall für Schafe und Schweine.Im Keller lagerten die Vorräte für ein ganzes Jahr. In einem Kellerraum lagerten Kartoffeln und Eingemachtes, in einem weiteren die Kohlen. Ein dritter Kellerraum war für Vaters Schuhmacherwerkzeuge und Geräte reserviert. Im Stall standen in meinen frühen Kinderjahren drei Schafe und vier Schweine. An den Schafen vorbei führte der Weg zum Plumpsklo für die ganze Familie.
Meine Mutter kam vom Bauernhof Elwermann. Von dort bekamen wir täglich Milch und Milchprodukte. Es gab noch einen großen Garten, sodass wir fast ausschließlich Selbstversorger waren. Gekauft wurden nur Salz und Zucker. Um die Mitte der 50er Jahre heirateten Willi und Fritz. Unser Haus wurde dann etwas umgebaut und wir bekamen fließendes Wasser aus einem neuen Brunnen. Zu Weihnachten 1957 bekamen wir einen Schwarz-Weiß-Fernseher. Oma Maria, die im Januar 1958 verstarb, hatte noch das Fernsehzeitalter erlebt..
Das Schlachtfest:
Jedes Jahr in den Wintermonaten wurde ein Schwein geschlachtet. Für die Hausschlachtung kam der Metzger zu uns, schlachtete das Schwein und hängte es über Nacht auf eine Leiter, damit das Fleisch erkaltete. Am nächsten Morgen wurde das Schwein zerteilt und es wurde gewurstet, oft kam Tante Paula und half dabei. In dem sogenannten Kaupott wurden die Würste dann gekocht. Für die in der Nähe wohnenden Verwandten gab es dann noch einen Potthast. Zum Potthast gehörten: je 1 Stück Leber- und Blutwurst, 1 Stück Wurstebrot und 1 Stück Panhas und zu guter Letzt noch 1 kleine Mettwurst. Schinken und Speck wurden eingepökelt – d.h. in eine Salzlake eingelegt und so haltbar gemacht. Das Fleisch wurde in Gläser eingekocht. Später dann in Kühltruhen eingefroren. Am Schlachttag wurde das tote Schwein bis spät abends gut bewacht. Es kamen mal Verwandte oder Nachbarn vorbei, um zu sehen, ob es ein gutes Schwein war. So wurde es dann ein fröhliches Schlachtfest für die Männer.
Das Haus der Witwe Maria Hülsdünker und ihrer neun Kinder an der Rhader Strasse in Lembeck-Endeln nach deren Wegzug vom ollen Huus.
Fröhliche Sitten in dörflicher Lembecker Gemeinschaft:
Für die Jungen im Dorf gab es ein Kinderschützenfest. Für die Mädchen wurde an Pfingsten die Pingstebrut gefeiert. Wir Mädchen zogen dann von Haus zu Haus, sangen das Pingstebrutlied und baten die Mütter um Eier und Geld. Organisiert wurde der Mädchentag von den Schülerinnen der 7. und 8. Klassen. Die Pingstebrut war ein Kommunionkind. Auf jährlich wechselnden Bauernhöfen wurde zuerst gespielt und dann von den großen Mädchen, die zuvor eingesammelten Eier verkauft. Vom erlösten Geld wurden Saft und Süßigkeiten gekauft und an alle Kinder verteilt. Auch das erübrigte Geld wurde verteilt.
Nachbarschaftsfeste – Hochzeiten:
Nachdem ich die Volksschule verlassen hatte, gehörte ich zu den Erwachsenen. Bei den alljährlich stattfindenden Nachbarschaftsfesten auf den umliegenden Bauernhöfen wurden alle jungen Mädchen als Küchenhilfen und Bedienungen eingesetzt. Am Tag vor dem Fest wurden unter anderem die Scheune geschmückt, Kartoffeln geschält, Salat gewaschen. Das Porzellan und die Gläser wurden gespült und die Tische eingedeckt. Der Festtag selbst begann mit einem gemeinsamen Kaffeetrinken und gespendetem Kuchen, der von den Teilnehmern mitgebracht wurde. Für das Abendessen sorgte eine Köchin – die Hilfen waren die Mädchen. Für die Ausgabe der Getränke waren die Jungen zuständig.
Nach dem Essen wurde das ganze Porzellan gespült und wieder verpackt. Erst dann durfte – meist schon gegen Mitternacht – getanzt und gefeiert werden. Wenn die Eltern nach Hause wollten, meist ein bis höchstens zwei Stunden später, mussten wir jungen Leute mitgehen.Ähnlich verliefen Hochzeiten in der Nachbarschaft. Jeder Nachbar musste ein junges Mädchen benennen, das als Hilfe eingesetzt wurde. Dies war selbstverständlich kostenlos für das Brautpaar.
Dörfliche Sitten – Pflichten der Nachbarn – bei Todesfällen:
Im Jahr 1958, als Oma Maria starb, wurde ich 10 Jahre alt. Am Todestag kamen alle ihre Kinder und nahmen in ihrem Schlafzimmer mit Gebeten Abschied von ihrer Mutter und meiner Oma.
Abends wurde der Sarg von Bahde geliefert und Schwester Herma kam vorbei. Wir Kinder waren in der Küche und haben gebetet. Dann wurde Oma in der guten Stube aufgebahrt – mit Blumen, an deren Geruch ich mich lange erinnerte. Es wurde der Notnachbar gerufen und der musste die anderen Nachbarn informieren. Diese teilten sich Lembeck in Bereiche auf und gingen von Haus zu Haus um die Nachricht vom Tode zu verbreiten. Am Tag vor der Beerdigung kamen den ganzen Tag, gefühlt alle Lembecker, ins Haus und verabschiedeten sich von Oma. Alle zogen am Sarg vorbei – nur Verwandte wurden in die Küche gebeten und bekamen Kaffee. Am Beerdigungstag wurde der Sarg auf einen Pferdewagen gehoben. Die ganzen Trauergäste liefen anschließend hinter dem Sarg bis zum Friedhof in Lembeck, wo Oma beerdigt wurde. Nach der Messe wurden die Verwandten und Nachbarn zu uns nach Hause eingeladen. Zuvor wurde der Weg wieder zu Fuß zurückgelegt.
Ein weiteres einschneidendes Erlebnis war für mich der Tod eines Nachbarmädchens einige Jahre später. Hier wurden drei weitere Nachbarmädchen und ich als Sargträgerinnen verpflichtet. Es war eine Nachbarpflicht, diese Aufgabe zu übernehmen. Bei erwachsenen Verstorbenen mussten die nächsten Nachbarn sechs Sargträger bereitstellen. Auch alle Behördengänge wurden vom Notnachbarn erledigt.
„Der allzu frühe Tod unserer Mutter“
Von Brunhild Schlüter, geb. Hülsdünker
Vater war aus der Kriegsgefangenschaft wieder zu Hause. Aber wir Kinder sahen ihn trotzdem nur am Sonntag. In der Woche ging er morgens früh aus dem Haus zur Arbeit, wenn wir Kinder noch schliefen. Abends kam er spät zurück, dann waren Vera und ich schon wieder zu Bett.
Vater war gelernter Konditor. Er hatte mit 14 Jahren seine Konditorlehre bei der Konditorei Holtstegge in Borken absolviert. Mit 17 Jahren wurde er Konditorgeselle, aber wenige Zeit später wurde er zum Arbeitsdienst eingezogen und im Jahre 1939 als Soldat in die Wehrmacht. Nach dem Krieg wurden aber keine Kuchen gebacken, sondern die Stadt musste wieder aufgebaut werden. So arbeitete Vater nach seiner Kriegsgefangenschaft als Maurer bei der Baufirma Storck. Diese hatte unter anderem den Auftrag, unser zerstörtes Haus in der Heilig-Geist-Str. 26 wieder aufzubauen. Als es dann endlich wiedererrichtet war, zogen wir vom Paulskamp zurück in die Stadt. Dort lag noch alles in Trümmern. Für uns Kinder waren es Abenteuerspielplätze.
Mutter Ferdinande, Vater Hugo und die Kinder Vera, Brunhild, Hans-Josef und Beate.
Nach einiger Zeit (für mich aus unerklärlichen Gründen) zogen wir in Borken in die Blumenstraße, Hausnummer 3. Oma Berta blieb in der Heilig-Geist-Straße wohnen und eröffnete wieder die Gaststätte Lück. Das Haus in der Blumenstraße hatte einen kleinen Garten und lag im Schatten der St. Remigius Kirche. Wir wohnten in der ersten Etage. Unter uns wohnte die Familie Hölscher mit ihrem kleinen Sohn.
Zu Ostern hatte ich den „guten“ Einfall, mal im Garten nachzusehen, ob der Osterhase schon was gebracht hatte. Und richtig, ich fand bunte Eier und Süßigkeiten. Stolz nahm ich diese mit und zeigte sie meiner Mutter. Aber diese war gar nicht begeistert. Im gleichen Moment kam auch Frau Hölscher zu uns nach oben. Ich musste die wertvollen Sachen wieder abgeben. „Der Osterhase hat das doch für unseren Jungen gebracht!“, rief Frau Hölscher und Mutter stimmte dem zu. Wie soll das eine Sechsjährige zu damaliger Zeit verstehen? Kurz darauf hatte der Osterhase auch einige Sachen in unsere Wohnung gelegt. Wie ist er wohl damit die Treppe hinaufgekommen?
Kurze Zeit später, im Jahre 1949, kam ich in die Schule am Paulskamp. Meine Schwester Vera ging dort schon zwei Jahre hin. Somit konnten wir so manchen Schulweg gemeinsam laufen. Wir mussten außer Tafel und Griffeldose auch einen Henkelmann mitbringen, denn in der Schule gab es Schulspeise: Maisbrot und eine Suppe. Uns unterrichtete die Lehrerin Frl. Preußen. Für uns Schüler war es wichtig, immer gut aufzupassen, damit man frühzeitig in Deckung gehen konnte. Frl. Preußen warf, wenn sie es für richtig hielt, mit hölzernen Griffeldosen durch das Klassenzimmer. So etwas wollte man nicht unbedingt an den Kopf bekommen.
Am 6. Juli 1951 wurde unser Bruder Hans-Josef, genannt Hajo, geboren. Die unbeschreibliche Freude lässt sich fast nicht in Worte fassen. Vater war unendlich stolz auf den Stammhalter. Vera und ich hatten einen neuen Spielgefährten. Ich durfte ihn auch mal auf den Arm nehmen. Was war ich stolz. Auch später hatte ich ihn ständig auf dem Arm, so dass die Nachbarn zu mir sagten: „Setz den Jungen auf die Erde, er ist für dich doch viel zu schwer!“
Mutter und Vater hatten einen Bauplatz von einem Ehepaar Priller gekauft gegen lebenslanges Wohnrecht für die Verkäufer. Vater hat daraufhin seine Arbeitsstelle gekündigt, um das Haus in Borken in der Commende Nr. 4 allein zu bauen. Das war preiswerter als mit einem Bauunternehmen, so dass man manchen Pfennig sparen konnte. Wenn eine Betondecke gegossen werden musste, halfen seine Brüder an dem Tag alle mit. Mutter kochte einen großen Gemüseeintopf und wir brachten diesen dann zur Baustelle.
Im Sommer 1952 passierte ein großes Unglück. Mein Bruder Hajo krabbelte und lief durch die Wohnung und zog sich überall dran hoch. Nun stand aber in der Küche ein Eimer aus Metall. Oben am Rand hatte dieser zwei Ösen für den Henkel. Hans-Josef zog sich an diesem hoch und schlug mit der Nase auf eine dieser scharfen Ösen. Ein Nasenflügel war durchtrennt und blutete furchtbar. Mutter nahm ein Küchentuch, um die Blutung zu stillen. Die Nase sah furchtbar aus. Der Nasenflügel war wie mit einem Messer durchtrennt. „Vera, lauf schnell zu Vater und sage ihm, er soll zum Krankenhaus kommen!“ Mutter lief mit Hans-Josef auf dem Arm auch dort hin und ich mit dem Kinderwagen hinterher. Das Krankenhaus war so ca. 200 - 300 Meter von unserer Wohnung entfernt. Mir kam es unendlich weit, fast wie ein Kilometer vor! Mutter musste immer wieder ein sauberes Küchentuch aus dem Kinderwagen nehmen, so blutete unser Ein und Alles. Ein Stoßgebet kam über meine Lippen: „Lieber Gott, bitte, bitte, sorge dafür, dass unser Bruder nicht verblutet.“ Im Krankenhaus wurde er dann gut behandelt. Die Wunde wurde geklammert oder genäht. Danach konnten wir ihn wieder mit nach Hause nehmen. Vater ging an diesem Tag nicht mehr zur Baustelle arbeiten. Wir waren alle vier froh, dass es noch mal gut ausgegangen war und der Patient fest schlief. Hajo hat trotz des Schönheitsfehlers nicht sehr darunter gelitten.
Etliche Monate später war Vater mit dem Hausbau fertig, und wir zogen in die Commende, Hausnummer 4. Ein Teil des Erdgeschosses war vermietet an das Gemüsegeschäft Erdmann. Des Weiteren waren im Erdgeschoss die Küche, das Wohnzimmer, eine Toilette und das Elternschlafzimmer. Auch Hans-Josef hatte dort sein Bettchen stehen. Einen Keller gab es auch. Dort gab es einen Kohlenkeller und einen Raum mit einem Holzregal, in dem die Weckgläser mit dem Eingemachten und Marmeladen aufbewahrt wurden. Regelmäßig mussten die Weckgläser auf Dichtigkeit geprüft werden.
In der oberen Etage hatten das Ehepaar Priller und ein weiteres Ehepaar je eine Wohnung. Dann gab es dort noch ein Badezimmer, das gemeinsam genutzt wurde und über den Komfort eines Heizofens verfügte, mit dem einmal wöchentlich das Wasser für die Badewanne aufgeheizt werden konnte. Für Vera und mich gab es im ersten Stock auch ein Schlafzimmer. Wir beiden Mädchen fühlten uns dort sehr wohl, zumal auch ein Goldfisch in einem kleinen Aquarium dort mit uns lebte und uns sehr erfreute. Unser Zimmer lag über einer Durchfahrt zu dem hinteren Garten. Zur damaligen Zeit waren die Häuser nicht sonderlich isoliert. Auch unser Schlafzimmer hatte weder Ofen noch Heizung. Im Winter legte Mutter uns eine warme Kruke ins Bett und Vera und ich hielten uns gegenseitig warm. Das Fenster war bei Frost voller Eisblumen, aber unter der warmen Bettdecke schliefen wir schnell ein. Der arme Goldfisch hatte jedoch keine warme Ummantelung bekommen und so war er eines Morgens in seinem Aquarium eingefroren. Er stand mitten im Eis, lebte aber noch und schaute uns Hilfe suchend an. In unserer Not klingelten wir bei dem Ehepaar Priller und baten darum, das Aquarium bei ihnen in das warme Wohnzimmer stellen zu dürfen. Wir durften. Als wir mittags von der Schule nach Hause kamen, war das Wasser im Aquarium aufgetaut und unser Goldfisch schwamm munter hin und her. Während der Wintermonate blieb er dann bei dem Ehepaar. Zum Füttern besuchten wir ihn oft.
Die Winter in den fünfziger Jahren waren sehr kalt. Wir Kinder der Nachbarschaft hatten uns eine Schlinderbahn in unserem Garten gebaut. Ich, als halber Junge, hatte sehr viel Freude daran. Eines Tages schlinderte ich auch wieder fleißig über diese Bahn, sehr zum Verdruss meiner Mutter. Sie klopfte ans Fenster und klopfte und klopfte. Aber ich hörte es nicht. Plötzlich gab die Scheibe der Verandatür nach und zerplatzte. Da war erstens die Freude am Eis für mich vorbei, zweitens die Scheibe kaputt, drittens meine Wange rot und viertens die Sohlen an meinen Schuhen heil geblieben. Letzteres war Mutters große Sorge gewesen.
Am 3. Mai 1955 wurde unsere Schwester Beate geboren und bekam auch ein Bettchen im Elternschlafzimmer. Beate war ein süßes, niedliches, kleines Wesen. Sehr zur Freude der ganzen Familie. Für uns Kinder hatte sich die Spielrunde erweitert.
Im Jahre 1956 zog unsere Familie erneut um. Oma Berta konnte ihre Gastwirtschaft, die eine jahrhundertealte Tradition mit einer Schankerlaubnis aus dem Jahre 1838 hatte, aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr alleine führen. Und so tauschten meine Eltern und Oma kurzerhand die Wohnungen. Mutter und Vater übernahmen die Gaststätte und Oma setzte sich im Jahre 1956 zur Ruhe. Es war das Jahr 1956. Im November 1960 erlag sie dann einem Krebsleiden.
Ich war dreizehn Jahre alt geworden und ging das letzte Jahr zur Schule. Vera absolvierte eine Ausbildung bei der Kreisverwaltung in Borken. Mein Wunsch war es, bei der Sparkasse in Borken eine Ausbildungsstelle zu bekommen. Mutter und Vater wollten aber lieber, dass ich zu Hause blieb und dort mitarbeitete. Und so trafen wir eine Abmachung.
Ich durfte mich bei der Sparkasse bewerben, aber nur dort. Sollte ich die Lehrstelle nicht bekommen, so hätte ich zu Hause bleiben müssen.
Bei der Sparkasse fand eines Tages ein Bewerbungstest statt. Wir waren etwa sechs oder sieben Schüler/innen, die nach und nach zum Test hereingebeten wurden. Danach hieß es, einige Tage auf das Ergebnis zu warten. Meine Lehrerin, Frl. Rettig, nahm mich eines Tages zur Seite und sagte mir: „Brunhild, der Direktor der Sparkasse hat mich angerufen und mir gesagt, du hättest den besten Test gemacht, aber seine Sorge wäre, ob du auch wohl genügend Zeit hättest, für die Ausbildung zu lernen.“ Meine Eltern sollten doch einmal zu ihm kommen, um das zu besprechen. Dies sollte meine Lehrerin mir ausrichten. Freudig habe ich dies meinen Eltern gesagt- und wieder gesagt - und wieder gesagt. Aber leider sind sie nicht hingegangen. Und so war mein Schicksal für die nächsten Jahre bestimmt.
Im April 1957 kam ich dann vierzehnjährig aus der Schule und mein Bruder zur Johann-Walling-Grundschule. Für mich hieß es sieben Tage die Woche arbeiten. Ab und zu durfte ich abends zur Gruppe. Dort trafen sich wöchentlich einige Klassenkameradinnen und es wurden dann irgendwelche Spiele gespielt. Für mich war das hin und wieder eine wunderschöne Abwechslung. Ansonsten kannte ich nur viel Arbeit im Haushalt und in der Küche. Aber es machte mir auch viel Freude, mich um meine jüngeren Geschwister kümmern zu dürfen. Es machte mir auch Freude, zu sehen, wie mein Bruder seine Schulaufgaben erledigte. Beate kam in den Kindergarten. Montags nachmittags war Ruhetag in der Wirtschaft; dann fand etwas Familienleben mit den Eltern statt: Spiele spielen, Fahrradausflüge usw.
Im August 1957 hatte unsere Mutter eine Fehlgeburt. Hiervon hat sie sich leider nie wieder richtig erholt. Seitdem kränkelte sie immer mal wieder. Vielleicht hatte sie auch die Fehlgeburt, weil der Körper nicht mehr im Einklang war. Trotzdem fuhren wir einmal in den Ferien zur Erholung nach Ameland. Alle zusammen. Das war sehr schön.
Am 27. April 1957 heiratete unsere Schwester Vera ihren Verlobten Bernd Schweer. Sie wohnten jetzt in Wesel. Doch sie hat uns oft in Borken besucht, denn ihr Mann war Ingenieur und hatte bereits ein Auto; sie war in mancher Hinsicht eine gute Schwester und Unterstützung. Im Dezember 1959 wurde ihre Tochter Christiane geboren.
Mutter Ferdinande
Mutter wurde in dieser Zeit immer kränker. Es folgten mehrere Krankenhausaufenthalte in Borken. Auch ein vierwöchiger Kuraufenthalt in Bad Bertrich brachte keine Besserung. Wir haben sie dort alle zusammen einmal besucht. Aber Mutter wurde nicht wieder gesund. Nach dieser Kur musste sie zu einer Operation in ein Krankenhaus nach Essen. Dann die erschütternde Nachricht: Mutter hat Krebs. Wir wollten und konnten es nicht fassen. Aber es war wahr. Für kurze Zeit nach der Operation ging es ihr wieder besser, doch danach wurde sie immer schwächer. Aber sie war wenigstens zu Hause, und wir konnten immer mit ihr sprechen. Schon bald konnte sie aber ihr Bett nicht mehr verlassen. Der Arzt, Dr. Buchholz, kam jeden zweiten Tag zu uns, um
Mutter eine Schmerzspritze zu geben. Es kam jetzt auch morgens eine Krankenschwester, um Mutter bei der Hygiene zu helfen. Für mich war das eine große Erleichterung.
Der schmerzlichste Tag für uns rückte immer näher. Es war Muttertag, Sonntag, der 14. Mai 1961. Vera kam mit ihrer Familie. Wir beschenkten unsere Mutter reichlich mit Blumen, durften uns aber unsere Traurigkeit nicht anmerken lassen. Der Tag verlief still und ruhig.
Die Gastwirtschaft war geöffnet. Alles wie immer. Mutter schlief sehr viel. Zu Mittag nahm sie nur zwei oder drei Löffelchen Suppe zu sich, abends etwas Wasser, um dann wieder zu schlafen. Ich ging hin und wieder zu ihr, um zu sehen, ob sie noch schlief oder irgendeine Hilfe benötigte. So auch um 22 Uhr. Sie schlief ruhig. Dann ging ich wieder gegen 24 Uhr zu ihr. Jetzt war ich furchtbar erschrocken und ängstlich. Mutter atmete nicht gleichmäßig. Ich rannte zu Vater in die Wirtschaft und sagte ihm dieses. Vater lief hoch ins Schlafzimmer, kam aber schnell wieder runter, um Dr. Buchholz anzurufen. Dann bat er alle Gäste, die Wirtschaft zu verlassen. Wir eilten wieder hoch zu Mutter. Sie atmete unregelmäßig. Dr. Buchholz kam. Hoffentlich konnte er Mutter helfen – wenigstens noch für ein paar Tage. Wir nahmen Mutters Hand in unsere und streichelten sie. In ihrer schweren Stunde waren wir an ihrer Seite.
In den frühen Morgenstunden ist sie um drei Uhr eingeschlafen - für immer. Unsere Traurigkeit war unendlich groß. Wir saßen dann noch lange in der Küche und trösteten uns gegenseitig. Am Morgen kam der Bestatter und bahrte Mutter im Wohnzimmer auf. Eine gelbe Rose, die wir Mutter am Tag zuvor überreicht hatten, stand in einer Vase im Schlafzimmer auf dem Schrank, so dass Mutter sie sehr gut sehen konnte. Die Rose ließ am Todestag den Kopf hängen und es sah so aus, als würde auch sie um Mutter trauern. Aufgebahrt im Wohnzimmer weilte unsere Mutter noch drei Tage unter uns, dann mussten wir sie beerdigen.
Schon seit einiger Zeit, aber jetzt erst richtig, kam viel Verantwortung auf mich zu. Vater verkroch sich in seiner Trauer in die Gastwirtschaft. Ich musste bei meinen kleinen Geschwistern (Hans-Josef wurde 10 Jahre und Beate war gerade 6 Jahre alt geworden) die Trauer überbrücken und musste Verantwortung und viele Aufgaben übernehmen, die unter anderem waren: Beate auf die Erstkommunion vorbereiten - in Borken gingen die Kinder vor der Schulzeit und von den Müttern vorbereitet zur Erstkommunion. Und so nahm ich, inmitten der anderen Mütter, an den Vorbereitungskursen teil, um dann dieses Wissen wiederum an Beate weiterzugeben. Am Tag der Ersten Kommunion verlief alles in ruhiger Form. Es war für Beate ein großes Fest. Vera und mein Schwager Bernd waren mir eine sehr große Hilfe.
Hajo, der ein guter Schüler war, musste beim Gymnasium angemeldet werden. Das war der Entschluss von Vera und mir. Vater wollte seinen Sohn nicht am Gymnasium anmelden, da er andere Zukunftspläne für ihn hatte, er sollte eines Tages die Gastwirtschaft übernehmen. Also nahm ich meinen Bruder eines Tages an die Hand und ging mit ihm zur Anmeldung zum Gymnasium. Es lag zu der Zeit an der Bocholter Straße, nicht sehr weit von uns entfernt. Ein paar Tage später musste er eine Aufnahmeprüfung ablegen, die er natürlich gleich bestand.
Beate kam im April 1962 in die Grundschule. Beim ersten Schulweg habe ich sie begleitet. Danach musste das kleine Mädchen den Weg alleine gehen. Aber sie hatte ja gut aufgepasst über welche Straßen sie laufen musste. So kam sie auch mittags fröhlich wieder nach Hause. Nachmittags mussten dann die Hausaufgaben beaufsichtigt werden, alles verlief ohne Probleme. Vater interessierte das alles nicht. Er lebte nur für „seine“ Wirtschaft. So konnte er am besten Mutters Tod überwinden.
Mit Mutters Tod war die Geschichte der traditionsreichen Gastwirtschaft Lück beendet. Nun sollte eine neue Ära beginnen.
„Dreifachhochzeit“
Von Gisela Rentmeister, geb. Höing
Unsere Eltern Klara Hülsdünker und Albert Höing heirateten am 11.Juni 1947. Die Hochzeitsfeier war ein außergewöhnlich großes Fest in Heiden, es heirateten drei Brüder an einem Tag. Viele Gäste waren eingeladen, zu der großen Familie Höing kamen ja auch die drei Familien und Freunde der Bräute hinzu. Für das Festmahl wurden einige Schweine geschlachtet, die des Nachts von den Brüdern bewacht werden mussten, damit nichts gestohlen wurde.
Kennengelernt haben sich unsere Eltern in Heiden auf dem Schützenfest 1938. Unsere Mutter half im Haushalt und Geschäft ihres Bruders Johann. Mein Patenonkel Johann hatte in Heiden eine kleine Sattler- und Polsterwerkstatt aufgebaut und somit war Hilfe aus der Verwandtschaft willkommen. Zumal mein Onkel erst im Sommer 1939 seine Frau Johanna (geb. Tünte) geheiratet hatte und der bis dahin frauenlose Haushalt nach damaliger Ansicht auch versorgt werden wollte.
Dann kam es zum Krieg und Vater wurde eingezogen. Zuerst zum Arbeitsdienst und dann an die Front. In dieser Zeit sollen einige Briefe hin und her gegangen sein. Als Vater 1946 aus der Gefangenschaft entlassen worden war, führte ihn der Weg dann auch nach Lembeck. Unsere Mutter wurde bei der Runkelernte auf dem Feld des Bauern Einhaus von seinem Besuch freudig überrascht. Ihre Mutter Maria war mit dem kommenden Schwiegersohn sehr einverstanden und so stand einer baldigen Hochzeit nichts im Wege.
Gruppenfoto mit Brautpaaren, Eltern und Brautführern Sitzend von links: Mutter Maria Hülsdünker, N.N., Mutter Josefine Höing, Vater Albert Höing, die Brautpaare von links: Gertrud und Heinrich, Klara und Johann, Klara und Albert, rechts daneben: Gertrud Höing und Fritz Hülsdünker, hinten rechts: Hedwig Hülsdünker und Bernhard Höing
Der Start in die Ehe war sehr bescheiden. Ihre erste kleine Wohnung hatten meine Eltern im Obergeschoss eines Bahnwärterhauses in Rhade, „auf Posten 18“. Die Möblierung war mehr als spartanisch. So war der Küchenschrank aus Munitionskisten, die mein Vater in einem Wald bei Heiden gefunden hatte, zusammengezimmert. 1948/49 fanden meine Eltern Unterkunft in der alten Nachbarschaft meiner Mutter auf dem Bauernhof von Johann Einhaus in Lembeck-Endeln. Hier hatten sie zwei Zimmer und „Familienanschluss“. Da das Verhältnis zu der Familie Einhaus sehr gut war, ließ der Bauer im Rahmen einer Flurbereinigung eine Ackerfläche ausparzellieren und verkaufte diese meinen Eltern 1952 für den Hausbau. Die vollständige Geschichte zum Hausbau meiner Eltern kann man nachlesen in dem Buch: Christiane Cantauw (Hrsg.) „Von Häusern und Menschen …“, herausgegeben von der Volkskundlichen Kommission für Westfalen, Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Verlag Waxmann, 2017.
Von den drei Hochzeitspaaren hatten nur unsere Eltern das Glück, ihre Goldhochzeit am 17. Juni 1997 feiern zu können. Es war ein schönes Fest mit der Familie, Verwandten, Nachbarn sowie Freunden und einem tollen Kranz vor ihrer Haustür. Und wenn ich daran denke, fällt mir die Liedzeile ein, … es bleibt uns die Erinnerung an einen schönen Tag!
„Niedergeschlagen“
Von Josef Hülsdünker
Die Geschichte trug sich vor vielen Jahren im „Bookel“ an der „Bookelbecke“ zu, wie wir damals auf „Platt-Deutsch“ die Gegend nannten, wo der Rhader Mühlenbach und der Rhader Bach zusammenfließen. Damals gehörten die kleinparzelligen und meist dauerfeuchten Wiesen den Bauern aus Endeln und Lasthausen. Deshalb wurde diese Gegend der Bauernschaft Endeln und damit der Gemeinde Lembeck zugerechnet.
Ende der fünfziger Jahre gab es in der weiteren Umgebung unserer Bauernschaft weit und breit kein Freibad. Der Halterner Stausee war zu weit, um ihn mit dem Fahrrad samt Kindern auf dem Gepäckträger zu erreichen. Der Rhader Mühlenteich mit seinem Stauwehr, den fehlenden Liegewiesen und der stetigen Strömung, die die fleißig mahlende Rhader Wassermühle antrieb, war für Badeausflüge mit Kindern weder geeignet noch besonders einladend. Wer mit der Familie baden wollte, fuhr damals zur Bookelbecke. So fuhren auch unsere Eltern an warmen Sommertagen manchmal mit uns Kindern an die Bookelbecke. Die Anfahrt war meist kein Vergnügen, weil wir Kinder auf den ältlichen Fahrrädern der Eltern ganz und gar ungemütlich entweder auf einem der Gepäckträger oder auf der „Stange“ von Vaters Herrenrad sitzen mussten. Kindersitze mit Rückenlehne wie sie heute Pflicht sind, gab es noch nicht.
Die Bookelbecke war natürlich keine öffentliche Schwimmanstalt. Es gab neben dem Zusammenfluss der beiden Bäche ein kleines Stück Wiese, welches irgendeinem Bauern gehörte und von allerlei Insekten wie Bremsen und Mücken bewohnt war. Das Gras dieser Heuwiese war wohl schon zu Anfang der Badesaison von den Badegästen aus der Bauernschaft niedergetrampelt worden, so dass gut erkennbar war, wo die Badestelle samt Liegewiese ihre Grenzen hatte. Die Ufer beider Bäche wurden von Bäumen und Sträuchern gesäumt, durch die einige Fußpfade ins Wasser führten. Mit dem Fahrrad erreichte man diesen Flecken in einer guten halben Stunde über holprige Feldwege. Erst wenn man die kleine Brücke über den Rhader Mühlenbach überquert hatte, war das Ziel erreicht. Rostiger Stacheldrahtzaun und Brennnesseln erschwerten zwar den Zugang zur Badestelle, waren aber gut zu überwinden. Und schon hörte man das leichte Rauschen des Wassers, welches durch die großen Steine hervorgerufen wurde, die nach Art eines Stauwehrs dafür sorgten, dass das Wasser an der Badestelle eine Handbreite erhöht wurde.
Die Badestelle an der Bookelbecke 2021. Das Ufer wurde entwaldet.
Wenn die mitgebrachte Decke ausgebreitet war, hatte die Familie für diesen Nachmittag ihren zentralen Ort gefunden: Hier saß man und hier aß man oder zog sich um. Was es zu Essen und zu Trinken gab, weiß ich heute nicht mehr zu sagen, aber es war sicher Obst aus dem Garten und Brot oder Kuchen aus dem eigenen Ofen. Damals backte meine Mutter alles Brot noch selbst. Süßigkeiten oder Kuchen aus der Bäckerei Hendricks gab es nicht, zu eng war das finanzielle Budget unserer Familie geschnürt. Dies war wohl auch einer der Gründe dafür, weshalb meine Eltern und wir Kinder damals nur selten die Bauernschaft, unsere kleine Welt, verließen. In dieser Zeit waren die verheerenden Folgen des Weltkriegs noch immer zu spüren. Das Wirtschaftswunder breitete sich nur sehr zögerlich in Richtung unserer kleinen Bauernschaft aus. Die schmalen Einkommen aus der Erwerbsarbeit mussten durch die Erträge aus Gärten und von kleinen Feldern aufgebessert werden, um über die Runden zu kommen.
Auch die Kirschen mussten gegen die Stare verteidigt werden Am Gewehr: Josef Hülsdünker
Angesichts der damaligen Knappheit in fast allen Dingen, war es nicht verwunderlich, dass es auch an „Badezeug“ mangelte. Also badeten wir in Unterhosen. Heute erinnere ich mich, dass ich meine Mutter niemals in einem Badeanzug gesehen habe. Sie hatte wohl gar keinen. Und ob mein Vater, der uns Kindern in der Bookelbecke die ersten Schwimmbewegungen zeigte, eine richtige Badehose hatte, kann ich heute nicht mehr sagen. Für mich und meine Geschwister war dies damals alles unwichtig, wir fanden diese seltenen Ausflüge aufregend und schön.
Baden fahren (nicht Schwimmen fahren) war ein Erlebnis, welches wir mit nur wenigen anderen Endelnern teilen konnten. Deshalb war diese Badestelle auch nie überfüllt. Die Bauern der Gegend samt ihren Kindern fanden sich - von wenigen Ausnahmen abgesehen - nicht an dieser Badestelle ein. Sie waren „im Heu“ oder die Roggenernte war in vollem Gang und bedurfte aller helfenden Hände. Noch gab es keine mechanisierte Landwirtschaft mit Maisanbau, Häckslern und Mähdreschern, so dass die vielen kleinparzellierten Flächen sehr viel Handarbeit erforderten. Der Gegend gab das ein parkähnliches Aussehen, von dem heute durch die Vergrößerung der Acker- und Wiesenflächen sowie durch die Beseitigung von Knicks und baumbestandenen Feldwegen nur noch wenig erhalten ist.
Dass wir als Familie nicht öfter baden waren, lag auch daran, dass meine Eltern auf dem elterlichen Hof meiner Mutter sehr häufig im Ernteeinsatz waren, weil es dafür täglich drei Liter Milch als eine Art naturales Entgelt gab. Zudem war das Wetter damals ganz und gar unberechenbar, weil es keine Wettervorhersagen von heutiger Qualität gab und so die Eltern und die Bauern immer auch ein wenig Glück brauchten, um zwischen Schichtarbeit und Ernteeinsatz einen arbeitsfreien Sonntag zu erwischen, der auch noch warm genug zum Baden war. So war für mich das Baden an diesem Ort ein schönes, aber ziemlich seltenes Erlebnis.
Mein Vater war damals der einzige in unserer Familie, der schwimmen konnte. An der Stelle, wo die beiden Bäche aufeinandertrafen und das Bachbett ein wenig tiefer ausgespült war, reichte es ihm für einige wenige Schwimmzüge. Meine Geschwister und ich versuchten natürlich die Schwimmbewegungen nachzumachen, konnten am Ende aber bestenfalls einige Meter weit tauchen. Schwimmen gelernt haben wir nicht. Diese Fähigkeit erwarb ich später im Freibad von Hervest-Dorsten.
Erst einige Jahre später fuhren wir Kinder auf eigenen Fahrrädern und ohne Eltern an warmen Nachmittagen zur Bookelbecke. Hier spielten wir stundenlang im Wasser und lagen danach oft zitternd und mit den Zähnen klappernd auf der Decke, um in der schon tief stehenden Sonne allmählich wieder warm zu werden. Es galt damals die „Winterzeit“ und mit Beginn der Dämmerung mussten wir wieder zu Hause sein. Baden war für uns ein riesen Spaß samt der damit verbundenen Fahrradfahrt, weil wir uns immer in der Gemeinschaft mit anderen Kindern befanden und beispielsweise kleine Radrennen nicht ausgeschlossen waren. Im Sommer war die Bookelbecke bei gutem Wetter ein bedeutender Treffpunkt der Endelner Kinder, jedenfalls für die diejenigen, die gerade nicht zu Hause mithelfen mussten. Außerdem tauchten in der Woche selten Erwachsene auf, so dass wir Kinder dann unter uns waren.
Der kleine Josef Hülsdünker aus Endeln eigentlich ganz harmlos
Eines Tages trafen wir Endelner Kinder ganz unerwartet auf andere, die etwas älter als wir waren und die wohl aus dem nahe gelegenen Holsterhausen gekommen waren, so vermuteten wir später. Nach einiger Zeit gab es Streit zwischen denen und uns. Worum es dabei ging, weiß ich heute nicht mehr. Wahrscheinlich befanden wir „Endelner“ es befremdlich, dass sich andere an unser Badestelle im Wasser und auf Handtüchern ´breit` machten. So dauerte es nicht lange, bis der Streit mit den Eindringlingen eskalierte. Ich war damals einer der Größeren und Stärkeren. Jedenfalls dachte ich das und die Kinder aus unserer Bauernschaft wohl auch. Üblich war es für uns damals, dass sich die jeweils vermeintlich Stärksten aus den verfeindeten Gruppen einem Zweikampf stellten, stellvertretend für die Gruppe sozusagen. Dass wir „Einheimischen“ mit Besitzanspruch auf unsere Badestelle uns den Eindringlingen erfolgreich entgegenstellen würden, wurde nicht eine Sekunde in Zweifel gezogen. Ich war größer und hatte schon manchen Ringkampf gewonnen – sogar gegen meinen jüngeren Bruder. Das war Anlass genug, sehr optimistisch in diesen Kampf zu gehen.
Aber es sollte ganz anders kommen als erwartet. Der Gegner war zwar etwas kleiner und schmächtiger als ich, wirkte aber irgendwie frecher und wenig eingeschüchtert. Wir in Endeln begannen unsere Kämpfe seit eh und je auf dem Schulhof oder nachmittags beim Cowboy- und Indianerspiel immer mit einer Schubserei, die dann in einem Ringkampf endete. Wer unten auf dem Boden lag, hatte verloren. Beißen, kratzen und schlagen galten als extrem unfair. Wenn es doch mal dazu kam, griffen die Umstehenden sofort in das Kampfgeschehen ein. Kurz an den Haaren ziehen war das Äußerste, was ein halbwegs faires Kampfritual zuließ. Was ich damals nicht wusste und mir auch nicht vorstellen konnte, war, dass ein solcher Kampf nach ganz anderen, unbekannten Regeln ablaufen könnte. Und so nahm das lehrreiche Unglück seinen Lauf.
Die anfängliche Schubserei währte noch nicht lange, als ich urplötzlich mit einem Kinnhaken zu Boden gestreckt wurde. So etwas Unerhörtes kannten wir allesamt nicht. Mit Fäusten ins Gesicht schlagen, so war uns früh beigebracht worden, galt als Verfehlung schlimmster Art. Dass die Jungen aus dem benachbarten Bergbau-Stadtteil von Dorsten offenbar anders „erzogen“ waren und andere Formen und Regeln der Konfliktbewältigung bevorzugten, musste ich nun schmerzlich erfahren. Weil man nachher oft schlauer ist als vorher, fand ich schnell eine Erklärung für mein Desaster: Jugendliche aus Holsterhausen waren damals bekannt dafür, Schlägereien zu provozieren („Was guckst du so?“). Berüchtigt waren die Moped-Rocker, die als fast erwachsene Schläger schon mal auf einem der örtlichen Schützenfeste aufgetaucht waren, um der Landjugend einzuheizen. Außerdem gab es in Holsterhausen einen Box-Club, der junge Menschen auf das wahre Leben vorbereitete. Auf jeden Fall trafen an diesem Tag an der Bookelbecke zwei Kulturen aufeinander: die der proletarischen Bergmanns-Kolonie und die der Bauernschaft Endeln. Ich jedenfalls hatte all das weder theoretisch noch praktisch parat und landete deshalb unsanft auf dem Boden der Wiese.
Als ich nach diesem fulminanten Niederschlag mit blutender Nase zurück ins Leben fand, blieb mir nichts anderes übrig als in das kühlende Wasser der Bookelbecke zu steigen und mir das Blut aus dem Gesicht zu waschen. Ich weiß nicht mehr genau, wie sehr wir Endelner Jungen und die zuschauenden Mädchen von diesem Schlag beeindruckt waren – jedenfalls war ich um einiges klüger geworden und ziemlich peinlich berührt ob der Eindeutigkeit meiner Niederlage. Dies war meine letzte ernsthaft gemeinte körperliche Auseinandersetzung – außerhalb von Fußball und anderen Sportarten. Mit anderen Worten: ich war geläutert und um eine wichtige Erfahrung reicher.
