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In der fruchtbaren Ebene, die nach Süden vom Vorgebirge der Eifel und im Osten von dem Villegebirge begrenzt ist, liegt die kleine Kreisstadt Euskirchen, mein Geburtsort, nur wenig entfernt von dem Erftfluß, der in der Eifel entspringt und zu Neuß in den Rhein mündet. Die Stadt wird durchflossen von mehreren Bächen, die den dort heimischen Industrien sehr zustatten kommen und uns Knaben reichlich Gelegenheit zur Übung von Wasserkünsten gaben. Sie zählte vor 60 Jahren etwa 3500 Einwohner, von denen wohl die Hälfte vom Ackerbau lebte, der sich in der fruchtbaren Umgebung lohnte. Außerdem gab es eine alte Tuchindustrie, die vorzugsweise für den Heeresbedarf arbeitete und die in den Kriegsjahren 1864/66 und 1870 durch die zahlreichen »Kommiß«-Lieferungen der Stadt viel Wohlstand brachte. Weniger lohnend war der Betrieb mehrerer Gerbereien, welche die in den benachbarten Wäldern reichlich vorhandene Eichenrinde verarbeiteten. Endlich war die Stadt der Mittelpunkt des Kleinhandels für die ländliche Umgebung und hatte den Vorzug, auf 30 km ohne Konkurrentin zu sein.
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Seitenzahl: 391
Veröffentlichungsjahr: 2025
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EMIL FISCHER
AUS MEINEM LEBEN
VON
EMIL FISCHER
Der Unterzeichnete steht im Begriff, die wissenschaftlichen Schriften Emil Fischers zu einer Gesamtausgabe zusammenzufassen. Ihr mögen gleichsam als Einleitung einige persönlich gehaltene Worte des Forschers vorausgeschickt werden, seine Lebenserinnerungen. Das Manuskript verdanke ich der Freundlichkeit seines Sohnes, Dr. Hermann Fischer. Die vorliegende Fassung ist im Jahre 1918 während zweier Genesungsreisen nach Locarno und Karlsbad unmittelbar niedergeschrieben worden mit der Absicht, weitere Arbeitspausen zur Fortsetzung zu benutzen. Dazu ist es aber nicht mehr gekommen.
So mag das vorliegende Bändchen den Freunden Emil Fischers als letzter Gruß des Scheidenden gelten. Ich bin gewiß, es wird im Verein mit dem Lebensbild, das Professor K. Hoesch's Künstlerhand soeben gezeichnet hat, dem verstorbenen Meister neue Freunde gewinnen.
Berlin, im November 1921.
M. Bergmann.
Geschrieben in dem Unglücksjahre 1918
Mußt Du Gram im Herzen tragen
Und des Alters schwere Last,
Rufe Dir aus jüngeren Tagen
Die Erinnerung zu Gast!
(Kußmaul)
In der fruchtbaren Ebene, die nach Süden vom Vorgebirge der Eifel und im Osten von dem Villegebirge begrenzt ist, liegt die kleine Kreisstadt Euskirchen, mein Geburtsort, nur wenig entfernt von dem Erftfluß, der in der Eifel entspringt und zu Neuß in den Rhein mündet.
Die Stadt wird durchflossen von mehreren Bächen, die den dort heimischen Industrien sehr zustatten kommen und uns Knaben reichlich Gelegenheit zur Übung von Wasserkünsten gaben.
Sie zählte vor 60 Jahren etwa 3500 Einwohner, von denen wohl die Hälfte vom Ackerbau lebte, der sich in der fruchtbaren Umgebung lohnte. Außerdem gab es eine alte Tuchindustrie, die vorzugsweise für den Heeresbedarf arbeitete und die in den Kriegsjahren 1864/66 und 1870 durch die zahlreichen »Kommiß«-Lieferungen der Stadt viel Wohlstand brachte. Weniger lohnend war der Betrieb mehrerer Gerbereien, welche die in den benachbarten Wäldern reichlich vorhandene Eichenrinde verarbeiteten. Endlich war die Stadt der Mittelpunkt des Kleinhandels für die ländliche Umgebung und hatte den Vorzug, auf 30 km ohne Konkurrentin zu sein. Diese günstige Lage hat Euskirchen später zum Eisenbahnknotenpunkt gemacht und ihm eine rasche vorzugsweise industrielle Entwicklung gebracht. Der Bau der ersten Eisenbahn, die um das Jahr 1862 eröffnet wurde, war für die ganze Bevölkerung und nicht am wenigsten für die Jugend ein staunenerregendes Ereignis. Dasselbe galt für die Anlage der Gasbeleuchtung, die ungefähr in die gleiche Zeit fiel.
Die Stadt war in früheren Jahrhunderten befestigt und die alten Mauern mit Türmen, Wällen und Wassergräben waren in meiner Jugend noch teilweise erhalten. Sie haben uns viel Kurzweil bei unseren Spielen verschafft. Besonders vertraut war uns der sogen. Judenwall, wo wir uns spielend und auch den Boden durchwühlend öfters herumtrieben und von wo aus wir staunend Einblick in den Betrieb einer tiefer gelegenen Gerberei hatten.
Mein Elternhaus lag einige Minuten vor der alten Stadt, an der nach Cöln führenden Landstraße. Der Gebäudekomplex bestand aus zwei geräumigen Wohnhäusern, wovon das eine von meinem Onkel bewohnt war, einem Geschäftshause, verschiedenen kleinen technischen Betrieben und einigen bescheidenen landwirtschaftlichen Baulichkeiten, die einen großen Hof umschlossen.
Dieses Ganze war umgeben von Gärten, die auf der einen Seite an einen Bach grenzten und von einem kleinen Wassergraben durchzogen waren.
Hier bin ich am 9. Oktober 1852 geboren als letztes und achtes Kind meiner Eltern. Von meinen Geschwistern waren ein Knabe und ein Mädchen vorher gestorben, alle anderen waren Schwestern, von denen die älteste mir um 14 Jahre voraus war.
Man kann sich denken, daß unter diesen Umständen meine Ankunft den Eltern viel Freude gemacht hat, und daß mir auch später ein gewisser Vorzug gewährt wurde.
Die Schwestern haben ihr Interesse an dem einzigen Bruder, den sie nur den »Jungen« nannten, in der mannigfaltigsten Weise bekundet, und ich habe mich ihrer Erziehungskünste des öfteren erwehren müssen, so daß eine gewisse Abneigung gegen junge Damen bei mir über die Knabenjahre hinaus hängen blieb.
Glücklicherweise waren die Verhältnisse in dem Hause meines Onkels, das nicht allein durch den Hof, sondern auch durch den Speicher und einen besonderen Korridor mit unserm Hause in direkter Verbindung stand, gerade umgekehrt; denn es gab dort fünf Söhne und eine Tochter, die merkwürdigerweise wie ich die Jüngste war.
Wenn mir die allzu weibliche Behandlung im eigenen Hause zu viel wurde, so zog ich mit Erlaubnis der Eltern für einige Tage ins Nachbarhaus, bis ich dort durch reichliche Prügel von seiten der stärkeren Vettern belehrt, wieder in die mildere Atmosphäre des eigenen Heims gerne zurückkehrte.
Mein Vater Laurenz Fischer betrieb zusammen mit seinem Bruder August ein kaufmännisches Geschäft, hauptsächlich in Kolonialwaren, Wein und Spirituosen. Außerdem besaßen sie eine Wollspinnerei, die aber auf einem Dorfe Wißkirchen, etwa eine Stunde von Euskirchen, gelegen war und ursprünglich mit Wasserkraft, später mit Dampf betrieben wurde.
An dem gesamten Geschäft war noch ein anderer Onkel, Friedrich Arnold beteiligt, der in Flamersheim, dem Stammsitz der Familie, wohnte und dort das vom Großvater her stammende Anwesen verwaltete.
In der eben geschilderten Umgebung zu Euskirchen habe ich eine überaus glückliche Jugend verlebt. Der Betrieb des kaufmännischen Geschäfts, das die Krämer der Umgegend bis weit in die Eifel hinein mit Waren versorgte, brachte reges Leben mit sich. Der Verkehr im Kontor, den Lagerräumen und auf dem Hofe hat mich lebhaft erinnert an die Schilderungen, die Gustav Freytag in dem Roman »Soll und Haben« von dem Kaufmannshause zu Breslau entwarf. Allerdings waren die Verhältnisse bei uns trotz des Wohlstandes der Firma bescheidener. Aber dafür war das Ganze in sehr viel heiterere Farben gekleidet. Die lebhafte Art der rheinischen Bevölkerung und die glückliche humoristische Veranlagung der Geschäftsinhaber gaben sich trotz der sehr geordneten, nach den strengen Grundsätzen kaufmännischer Ehrbarkeit geregelten Geschäftsführung in zahlreichen munter und scherzhaft geführten Gesprächen kund.
Ein kleiner landwirtschaftlicher Betrieb, der im wesentlichen die Bedürfnisse des eigenen Hauswesens befriedigte, trug dazu bei, das Gesamtbild mannigfaltiger und für uns Kinder interessanter zu gestalten.
Man denke sich dazu zwölf jugendliche Personen, die auf dem Hof und in den Gärten eine einzige Familie bildeten und die später, als meine Schwestern verheiratet waren, noch durch Enkel vermehrt wurden, und man wird sich eine Vorstellung machen können von der vielfachen Kurzweil, die wir alle in diesem Kreise gefunden haben.
In der früheren Jugend waren es Spiele verschiedener Art, vom Ballspiel bis zum Indianerwigwam, vom Fisch- und Vogelfang bis zum Bivouak, dann Kämpfe der verschiedensten Art unter uns Knaben oder in geschlossener Phalanx gegen feindliche Kräfte. Die Schlachten, in denen man sich nicht allein der Fäuste und Stöcke, sondern auch des Steinwurfs und der Schleuder bediente, arteten zuweilen bis zur Lebensgefährlichkeit aus und mußten dann durch den Eingriff von erwachsenen Personen beendet werden.
Mit dem zahlreichen Dienstpersonal, besonders mit den Knechten, standen wir auf vertrautestem Fuße, und die Unterhaltung wurde hier ausschließlich in dem derben niederrheinischen Dialekt geführt. Selbstverständlich hatten wir alle Spitznamen. Ich wurde »Baron« genannt, ob wegen des üppigen Ernährungszustandes oder wegen der besseren Kleidung, ist mir immer ein Geheimnis geblieben.
Von Verzärtelung war weder in körperlicher noch seelischer Beziehung die Rede. In leichtester Kleidung schlugen wir uns tapfer durch den Winter, und die einzigen Schmerzen, deren ich mich aus der frühen Jugend erinnere, kamen von Panarizien an verletzten Fingern oder von erfrorenen Füßen oder von Stiefeln, die durch Schneewasser hart und eng geworden waren.
Beim Eissport bin ich mehrmals eingebrochen, einmal sogar in eine Jauchengrube bis über den Kopf eingetaucht, und als ich in diesem Zustande nach Hause kam, stark beschmutzt und übel duftend, wurde ich trotz der scharfen Kälte außerhalb des Hauses ausgezogen. Alles das ging ohne Schaden vorüber.
Ein anderes Mal fiel ich von einem mit Wollballen beladenen Wagen kopfüber auf das Pflaster des Hofes und kam mit einer ziemlich tiefen, stark blutenden Kopfwunde ins Haus. Dort begrüßte man mich mit den tröstlichen Worten: »Besser ein Loch im Kopf als in der Hose.«
Allerdings gab es auch ernstere Unfälle. Beim Spielen mit Pulver wurde ich durch den Leichtsinn eines Kameraden im Gesicht und am Kopf stark verbrannt. Diesmal gab es einen größeren Schrecken, denn als ich mit geschlossenen Augen, geführt von einer alten Frau vor meiner Mutter erschien, hielt sie mich für erblindet und brach in lautes Schluchzen aus. Glücklicherweise ging aber das Unglück wiederum bei guter ärztlicher Behandlung ohne dauernden Schaden vorüber, und ich hatte noch die Genugtuung, bei hartnäckigem Schweigen keinen Mitschuldigen verraten zu haben. Das Gefühl der Solidarität war bei uns Knaben überhaupt in hohem Maße entwickelt, besonders galt das auch in der Schule, wo jede Lüge in unseren Augen gerechtfertigt war, wenn sie dazu diente, Kameraden vor der Strafe zu schützen.
Es war damals Sitte, die Kinder schon mit fünf Jahren zur Schule zu schicken, und dasselbe Schicksal wurde auch mir zuteil; denn einen Tag nach meinem 5. Geburtstage wurde ich von meinen älteren Schwestern mit zur Schule genommen.
Da die Volksschule meiner Vaterstadt unter dem Einfluß der katholischen Geistlichkeit stand und über den kirchlichen Übungen der eigentliche Unterricht vernachlässigt wurde, so hatte mein Vater eine protestantische Privatschule ins Leben gerufen und dafür glücklicherweise einen ausgezeichneten Lehrer, Herrn Vierkoetter gewonnen. Dieser unterrichtete die Kinder von 5 bis 14 Jahren in einem Raum. Eine strenge Einteilung in Klassen gab es nicht. Trotzdem war der Unterricht in allen Elementarfächern ausgezeichnet, sodaß sowohl meine Schwestern wie ich beim Eintritt in andere Schulen den Altersgenossen im Wissen voraus waren. Der Lehrer ging sogar so weit, die begabteren Schüler und Schülerinnen in euklidischer Mathematik zu unterrichten, und es erregte in späteren Jahren große Heiterkeit, als meine Schwester Fanny ihrem Gatten, einem Holzhändler, in dessen Geschäft die Ausziehung einer Kubikwurzel unerwarteterweise nötig wurde, aus der Verlegenheit half, indem sie diese Aufgabe nach den bei Herrn Vierkoetter erworbenen Kenntnissen löste.
Der gute Unterricht, den wir hier genossen, war allerdings nur möglich bei der geringen Zahl der Schüler, die kaum 20 überstieg; denn die Schule wurde ursprünglich nur von Kindern der wenigen protestantischen Familien und einigen Judenkindern besucht. Erst später baten auch einzelne aufgeklärte Katholiken um die Erlaubnis, Kinder dorthin schicken zu dürfen. Das war zu der damaligen Zeit schon ein kleines Wagnis; denn der Gegensatz zwischen den beiden Konfessionen war recht stark und machte sich namentlich auch für uns Kinder häufig in recht unangenehmer Weise bemerkbar. Als sogen. Blauköpfe, auch kalvinische Kalbsköpfe, wie wir Protestanten genannt wurden, haben wir Fischer-Jungen manche Prügel einstecken müssen, wenn die Überzahl der katholischen Knaben eine erfolgreiche Verteidigung aussichtslos erscheinen ließ.
Bei anderer Gelegenheit, wo wir nicht vereinzelt, sondern als gesammelte Macht auftreten konnten, ist uns aber auch mancher Sieg zuteil geworden. Bei diesen Heldentaten spielte in der Regel die Hauptrolle mein Vetter Lorenz Fischer, der später auch im Kriege 1870 als Soldat und außerdem im Zivilleben als Jäger hervorragende Leistungen aufwies.
Als ich 9 Jahre alt wurde, gab der Lehrer Vierkoetter seine Stellung in Euskirchen auf, weil ihm der viel einträglichere Posten eines Inspektors an der Besserungsanstalt zu Brauweiler übertragen wurde.
Ich trat deshalb in die höhere Bürgerschule meiner Vaterstadt über, welche, wie die damaligen Progymnasien, 4 Jahresklassen mit lateinischem, griechischem und französischem Unterricht umfaßte. Sie war in den Nebenräumen der Klosterkirche untergebracht und stand unter Leitung katholischer Priester. Der Rektor, Kaplan Heine, war eine ausgeprägte Persönlichkeit, tyrannisch, jähzornig, aber trotz alledem ein recht guter Lehrer, der auch auf seine Kollegen anregend wirkte und damit der Schule in bezug auf Leistungen eine ebenbürtige Stellung mit den staatlichen Gymnasien verschaffte.
Die Handhabung der Schuldisziplin war allerdings recht willkürlich, und mir passierte eine Ungerechtigkeit, die mir zum erstenmal den großen Wert väterlichen Schutzes zum Bewußtsein brachte.
Ein Mitschüler, namens Flecken, bekannt durch Gewalttätigkeit, hatte mir ohne jeden Grund ein Spielzeug entrissen und in den Schmutz geworfen. Ich beantwortete diese Herausforderung, indem ich ihm die Mütze vom Kopfe riß und in denselben Schmutz hineinwarf. Er ließ sie trotzig liegen und erstattete dann beim Rektor Heine die Anzeige meiner angeblichen Missetat. Meine Entschuldigung, daß ich der Angegriffene gewesen sei, wurde kaum angehört, und ich erhielt den Befehl, die Mütze in ordnungsmäßigem Zustand wieder herbeizuschaffen. Das war aber nicht möglich, da sie inzwischen von fremder Hand entwendet war. Infolgedessen erhielt ich zunächst eine Arreststrafe, so daß ich nicht zum Mittagessen gehen konnte und den ganzen Tag hungernd in der Schule bleiben mußte. Als am nächsten Tage die Mütze noch immer nicht zur Stelle war, wurde ich von dem Herrn Rektor nach Hause geschickt mit der Bemerkung, ich sei von der Schule entlassen.
Jetzt hielt mein Vater es an der Zeit, einzugreifen, und sandte mich am nächsten Tage mit einem Brief an den Herrn Rektor zur Schule zurück. Ich habe den Inhalt desselben niemals kennen gelernt, aber es mag manches kräftige Wörtlein drin gestanden haben von willkürlicher Behandlung des kindlichen Streites und vom Appell an die Staatsregierung, falls der Rektor seinen ganz ungesetzlichen Ausweisungsbefehl aufrechterhalte.
Die Wirkung dieses Briefes war in der Tat erstaunlich. Ich konnte ruhig meinen Platz in der Schule wieder einnehmen und habe mich seitdem einer guten und gerechten Behandlung erfreut. Ja, ich kann sogar sagen, daß ich mit dem Herrn Rektor später auf recht gutem Fuße stand; denn er liebte wie ich die Mathematik und er freute sich, mir schwierige Probleme klar zu machen. Ich habe ihm ein besseres Gedenken bewahrt als den meisten anderen Lehrern aus der Gymnasialzeit.
Noch nicht 13 Jahre alt wurde ich aus der Tertia der letzten Klasse der Schule mit einem guten Zeugnis entlassen und mußte nun auf ein Gymnasium übertreten.
Bis dahin waren alle Söhne der Familie, die sich höheren Studien zuwenden wollten, in das Gymnasium der früheren Universitätsstadt Duisburg eingetreten, da es unter protestantischer Leitung stand, einen guten Ruf genoß und auch nicht allzu weit von unserer Heimat entfernt war.
Aber unglücklicherweise war es kurz vorher meinem Vetter Ernst Fischer auf der Sekunda dieses Gymnasiums schlecht ergangen; er war bei einem kleinen Verstoß gegen die Schulregeln ertappt und zu einer verhältnismäßig hohen Karzerstrafe verurteilt worden.
Da die Strafe auch von unseren Eltern als zu hart angesehen wurde, so nahm man ihn von der Schule weg und diese kam dann überhaupt für unsere Familie in Verruf. Es wäre nun für uns am einfachsten gewesen, ein Gymnasium in Köln, Bonn oder Aachen zu wählen, aber meine Eltern und ganz besonders meine Mutter legten Wert darauf, daß wir eine protestantische Schule besuchten, und so fiel die Wahl auf Wetzlar, obschon diese Stadt eine volle Tagereise von unserer Heimat entfernt war. Um sicher zu gehen und um unseren starken Drang nach Selbständigkeit zu schonen, rieten uns die Eltern selbst, zuvor Wetzlar anzusehen und ein passendes Quartier auszusuchen.
So reiste ich denn in den Herbstferien 1865 mit meinem Vetter Ernst Fischer, der 4 Jahre älter war, und in Begleitung von Vetter Lorenz über Cöln nach Wetzlar. Die altertümliche Stadt gefiel uns. Wir fanden auch bald ein nach unserem Begriff gutes und vor allen Dingen freiheitliches Quartier bei einem Bürger, der den größeren Teil seines Hauses an Gymnasiasten und einjährigfreiwillige Soldaten, die im dortigen Jägerbataillon standen, vermietete.
Nach der raschen Beendigung der geschäftlichen Angelegenheit setzten wir vergnügt unsere Reise fort über Gießen nach Frankfurt a. M. Diese alte Stadt mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten und historischen Erinnerungen hat auf uns einen großen Eindruck gemacht. Aber unser Aufenthalt erfuhr eine jähe Unterbrechung, veranlaßt durch einen Besuch in einem Mädchenpensionat, wo meine jüngste Schwester Mathilde als 17-jähriger Backfisch zur jungen Dame erzogen wurde. Sie war außer sich vor Freude, den Bruder und die Vettern so unerwartet wiederzusehen und bestürmte uns sofort mit der Bitte, sie in einen Zirkus zu führen, der damals in Frankfurt gastierte.
Die Leiterin der Pension gab nach einigem Widerstreben ihre Einwilligung, stellte aber die Bedingung, daß wir außer der Schwester noch eine zweite junge Dame und eine Lehrerin zur Aufsicht mitnehmen und dann den ersten Platz besuchen müßten.
Mit vornehmer Ritterlichkeit gingen wir auf diese Bedingungen ein. Aber die Auslagen waren für unsere bescheidene Reisekasse zu groß, und am nächsten Morgen beeilten wir uns, die schöne aber teure Stadt zu verlassen. Das übrig gebliebene Geld reichte noch gerade aus, um auf den billigsten Plätzen über Mainz, dann mit dem Schiff rheinabwärts über Bonn nachhause zurückzukehren. Es war meine erste größere Reise, hatte 7 Tage gedauert und hinterließ bei mir einen so günstigen Eindruck, daß die Reiselust mir bis ins Alter treu geblieben ist.
Bald darauf kam der Abschied vom Elternhause, in das ich nun viele Jahre hindurch nur noch in den Schulferien zurückkehrte. Der glücklichste Teil der ersten Jugend war vorüber; denn ich habe es draußen niemals so gut gehabt, wie unter dem Schutze und in der fröhlichen Atmosphäre des Vaterhauses.
Trotz des Wohlstandes, der von dem erfolgreichen Betrieb des Geschäftes herstammte, war unser materielles Leben zwar recht behaglich, aber doch einfach. Verwöhnt waren wir nur durch die gute, kräftige und wohlschmeckende Nahrung, auf deren Zubereitung man im Rheinland damals viel größeren Wert legte als in den meisten übrigen Teilen Deutschlands.
Auch der Wein floß reichlich in unserem Hause, in dem häufig Gäste verkehrten. Aber es war strenge Regel, daß wir Kinder unter 14 Jahren von dem Genuß aller geistigen Getränke ausgeschlossen wurden. Vor allen Dingen stand das Familienleben im Zeichen der Fröhlichkeit, die durch das Wesen meiner Eltern und ihre glückliche Ehegemeinschaft bedingt war.
Mein Vater Laurenz Fischer wurde am 4. November 1807 in Flamersheim geboren, war also fast 45 Jahre älter wie ich. Seine Geburtsurkunde ist in französischer Sprache ausgefertigt; denn damals stand das linke Rheinufer unter französischem Regiment und die Funktionen der heutigen Standesämter waren schon damals dem »Maire« übertragen.
Flamersheim ist ein kleiner Ort am Fuße der Eifelberge, aber noch in der fruchtbaren Ebene gelegen, etwa 7 km von Euskirchen entfernt.
Es besaß eine alte protestantische Gemeinde mit dem Sitz des Pastors, der zu meiner Zeit auch die kleine Gemeinde in Euskirchen mitbesorgte. Die Protestanten waren wie überhaupt in dem katholischen Rheinlande durchgehend gebildeter und betriebsamer als die katholische Volksmasse und erfreuten sich deshalb auch eines verhältnismäßig großen Wohlstandes. Ihre geschäftlichen Unternehmungen hatten auch dem Ort Flamersheim eine über seine Einwohnerzahl weit hinausgehende Bedeutung verschafft. Dazu kam, daß der größte Grundbesitz des Ortes, die sogen. Burg mit dem stattlichen schloßähnlichen Wohnhause, hübschen Park und reichen Ländereien dauernd im Besitz eines protestantischen Herrn blieb.
Der Überlieferung nach war diese Burg aus einer Meierei Karls des Großen hervorgegangen. Sie soll zahlreiche Vorwerke gehabt haben, von deren speziellen Aufgaben Sachverständige die Namen der umliegenden Dörfer, wie Schweinheim (Schweine), Stotzenheim (Stuten), Roitzheim (Rosse), Buellesheim (Bullen), Kuchenheim (Kühe) ableiteten. Ob diese Interpretation historisch berechtigt oder ob sie ein Erzeugnis der lebhaften rheinischen Phantasie ist, vermag ich nicht zu sagen.
Genug, dieses Flamersheim war mehrere Jahrhunderte der Sitz meiner Vorfahren; der älteste in den Kirchenbüchern genannte ist Johann Fischer, der im Jahre 1695 fast gleichzeitig mit seiner Ehefrau geb. Hermany zu Flamersheim starb.
Mit meinem Großvater wäre beinahe der männliche Stamm erloschen. Denn er hat erst mit 49 Jahren geheiratet, und die Familiensage berichtet, daß diese Ehe ein zufälliges Ereignis gewesen sei. Er lebte nämlich mit einer unverheirateten Schwester zusammen, die ihn offenbar tyrannisierte und ihm eines Tages den Schlüssel zum Weinkeller versagte, als er unerwartet einen Gast mitgebracht hatte. Darauf soll er den Entschluß gefaßt haben, sich durch Heirat selbständig zu machen. Seine Wahl fiel auf Fräulein Helene Conrads aus Mülheim am Rhein, ebenfalls einer Kaufmannsfamilie entsprossen. Die Ehe war mit vier Söhnen und einer Tochter gesegnet.
Mein Vater war das zweite Kind. Die beiden letzten, mein Onkel August und Tante Elisabeth kamen 1812 als Zwillinge zur Welt. Ihre Geburt hat der Mutter das Leben gekostet. Auch der Vater ist verhältnismäßig früh mit 61 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben.
Die fünf verwaisten Kinder würden wahrscheinlich ein trauriges Lebenslos gehabt haben, wenn sich nicht die unverheirateten Geschwister der Mutter, zwei Brüder und eine Schwester, ihrer in rührender Weise angenommen hätten.
Der älteste, Onkel Hermann Conrads, gab seine behagliche Tätigkeit in Mülheim auf und zog nach Flamersheim, um den Kindern das väterliche Geschäft zu erhalten. Er behielt die beiden jüngsten Kinder (Zwillinge) bei sich. Die drei anderen Brüder Friedrich Arnold, mein Vater und Otto Fischer kamen nach Mülheim am Rhein und wurden hier vorzugsweise von der Tante erzogen. Diese Frau spielte in den Jugenderinnerungen meines Vaters eine große Rolle. Sie war ungewöhnlich begabt, verkehrte nur mit Männern, am liebsten im Disput mit Studierten, besonders Theologen. Sie hatte sich mit der lateinischen Sprache vertraut gemacht und wollte im Alter sogar noch Hebräisch lernen, um die Bibel im Urtext zu lesen, ob schon sie als geistiges Kind der französischen Revolution ganz atheistisch dachte.
Sie führte hauptsächlich das Geschäft in Mülheim und nicht minder das Regiment im Hause, wo der gute Onkel Heinrich, ein ungewöhnlich starker Mann, nichts zu sagen hatte.
Die drei Knaben, die ihrer Obhut anvertraut waren, wurden in keiner Beziehung verwöhnt, sondern frühzeitig abgehärtet und zur Selbständigkeit angehalten.
Als sie bereits erwachsen und verheiratet waren, pflegte die Tante sie noch immer mit »Burschen« anzureden und jeden Widerspruch gegen solche Titulatur oder ihre scharf ausgeprägten Ansichten auf das lebhafteste zu bekämpfen.
Trotzdem waren die Knaben ihr in Dankbarkeit zugetan, genau so, wie sie die beiden Oheims als ihre Beschützer verehrten. Mein Vater und sein älterer Bruder Friedrich Arnold waren von vornherein zum Kaufmann bestimmt, und das entsprach, besonders bei meinem Vater, durchaus der Veranlagung. In der Schule hatte er keinen großen Erfolg, verließ sie deshalb schon mit 14 Jahren und wurde als Lehrling in einem kaufmännischen Geschäft in Luettringhausen bei einem Herrn Moll untergebracht.
Hier erhielt er frühzeitig Gelegenheit, sich als Verkäufer auf Reisen zu betätigen, was ganz seinen Neigungen und auch der folgenden mehr als 70-jährigen Geschäftstätigkeit entsprach.
In späteren Jahren pflegte er oft scherzhaft zu sagen, er habe mehr im Wirtshaus als in der Schule gelernt. Aber er war doch klug genug, die Lücken der Schulbildung zu empfinden und hat sich deshalb später durch Privatunterricht im Französischen und in der Beherrschung der deutschen Sprache, sowie in rechtlichen und gewerblichen Dingen ansehnliche Kenntnisse erworben.
Im Alter machte er noch den Versuch, Englisch zu lernen, da er öfter zum Ankauf von Wolle nach London fahren mußte. Aber dazu war es doch zu spät; sein Englisch hat niemand verstanden.
Bei der Prüfung für den einjährig-freiwilligen Militärdienst, der damals schon in Preußen eingerichtet war, fiel er durch, aber ein vermeintlicher körperlicher Schaden, der sicherlich nichts weiter als eine falsche ärztliche Diagnose war, bewahrte ihn vor der Notwendigkeit, drei Jahre Soldat zu sein. In Wirklichkeit war er ein Mann von ungewöhnlich kräftiger Konstitution und Gesundheit. Es wird davon später noch die Rede sein.
Als er 18 Jahre alt geworden war, übergab der Onkel Conrads ihm und dem Bruder Friedrich Arnold das väterliche Geschäft zu Flamersheim und zog sich nach Mülheim a. Rh. zurück.
Die beiden jungen Leute waren sich ihrer Verantwortung wohl bewußt und haben mit großem Fleiß und kaufmännischem Geschick die für ihre Jahre doch ziemlich schwierige Aufgabe in Angriff genommen. Es ist ein schönes Zeichen geschwisterlicher Eintracht, daß der Geschäftsgewinn nicht den beiden Brüdern allein, sondern allen fünf Geschwistern gleichmäßig zufiel.
Der dritte Bruder Otto war ein ausgezeichneter Schüler, bekundete frühzeitig die Neigung zum Studieren und wurde nach Absolvierung des Gymnasiums zu Duisburg Mediziner. Nach Erledigung des medizinischen Staatsexamens, das damals in Berlin abgelegt werden mußte, ging er auf 1 Jahr nach Paris und entschloß sich dazu, Chirurge zu werden. Nicht lange nachher wurde er der leitende Arzt in der chirurgischen Abteilung des städtischen Hospitals zu Cöln.
Einen später an ihn ergangenen Ruf als Professor der Chirurgie nach Bonn lehnte er ab, weil ihm die dortigen Hilfsmittel und das Krankenmaterial zu dürftig erschienen.
In seiner Stellung zu Cöln hat er sich während einer mehr als 40jährigen Tätigkeit durch glänzende Operationen und überaus sorgfältige Nachbehandlung der Kranken großen Ruf erworben und war ein paar Jahrzehnte hindurch wohl der gesuchteste Arzt am Niederrhein. Selbst aus Holland, Belgien und Frankreich wurde seine Hilfe in Anspruch genommen.
Als Persönlichkeit war er ein Original, ein Volksmann im besten Sinne des Wortes, um den die geschäftige Phantasie der cölnischen armen Leute eine Reihe von Legenden geflochten hat.
Der vierte Bruder August erhielt auch eine gute Schulbildung. Nachdem er die kaufmännische Lehre durchgemacht und bei dem Pionierbataillon zu Cöln als Einjähriger seiner Dienstpflicht genügt hatte, trat er ebenfalls in das Geschäft zu Flamersheim ein.
Ungefähr um dieselbe Zeit heiratete die Zwillingsschwester Elisabeth einen Herrn Dilthey aus Rheydt. Ursprünglich gewillt, Theologe zu werden, war dieser durch den frühzeitigen Tod seines Vaters genötigt worden, mit seinem Bruder Wilhelm das väterliche Geschäft, Seiden- und Sammet-Fabrikation, zu übernehmen, und aus dieser Ehe stammt die zahlreiche Familie Dilthey in Rheydt und Umgegend. Von seinen sechs Söhnen und drei Töchtern sind nur der Jurist Richard Dilthey und eine Schwester unverheiratet geblieben. Alle übrigen erfreuten sich einer zahlreichen Nachkommenschaft, und als meine Tante im hohen Alter von 87 Jahren starb, waren etwa 40 Enkel vorhanden. Die alte Frau bildete bis zum Ende den Mittelpunkt der Familie und erfreute sich infolge ihrer Klugheit, Tatkraft und Güte allgemeiner Verehrung.
Das Geschäft in Flamersheim war durch die gemeinsame Arbeit der Brüder in Blüte gekommen. Mein Vater sorgte durch vielfache Reisen für Vergrößerung des Absatzes und durch die Aufnahme neuer Artikel für Erweiterung des Betriebes. So erzählte er öfters mit Befriedigung, daß er nur wenige Jahre nach Erfindung der Schnellessigfabrikation einen Betrieb dieser Art in Flamersheim angelegt und damit viel Geld verdient habe. Auch eine kleine Mälzerei wußte er schon damals dem Geschäft anzugliedern. Aber gerade durch diese Erweiterungen und durch die Erfahrungen auf seinen Reisen kam er auch zu der Überzeugung, daß Flamersheim nicht der richtige Ort für ein Großgeschäft sei, und er hat wiederholt den Plan erwogen, dieses nach Cöln zu verlegen. Seine Brüder waren aber durchaus dagegen, aus Abneigung gegen die Großstadt und das vergrößerte Risiko. Dagegen setzte er durch, daß das Hauptgeschäft nach Euskirchen, welches gerade zu der Zeit schon gute Landstraßen nach Cöln, Bonn und der Eifel erhalten hatte, verlegt wurde. So entstand, allerdings erst allmählich, der Gebäudekomplex, den ich früher geschildert habe.
Die beiden Haupthäuser wurden, wenn ich nicht irre, im Jahre 1835/36 errichtet. Von der Zeit an ist Euskirchen der Hauptsitz der Firma »Gebrüder Fischer« gewesen. Nur der Onkel Friedrich Arnold blieb in Flamersheim, aber die alte Kompagnie hat noch etwa 30 Jahre fortgedauert und sich auch auf andere Geschäfte, z. B. den Ankauf eines schönen Waldes bei Flamersheim, erstreckt.
Mein Vater und seine Brüder ergänzten sich auf das glücklichste. Er liebte nicht die Kleinarbeit im Kontor und den Lagerräumen, die aber von den beiden anderen Geschäftsinhabern mit allergrößter Sorgfalt und Sachkenntnis besorgt wurde.
Andererseits ging er gerne auf Reisen, wobei er nicht allein verkaufte, sondern auch in früheren Jahren Geld einkassierte und Gelegenheiten nach neuen Geschäften aufspürte. Er nannte sich deshalb scherzhaft den Minister des Äußern.
Zu seinen Aufgaben gehörte natürlich die Vertretung der Firma bei Gerichten, Verwaltungsbehörden, bei öffentlichen Verkäufen usw.
Seiner Initiative war es auch in der Regel zuzuschreiben, wenn neue Unternehmungen begonnen wurden, unter denen an Bedeutung der schon erwähnte Waldankauf hervorragte.
Die Gemeinde Flamersheim besaß in dem benachbarten Vorgebirge der Eifel einen schönen, meist aus Eichen und Buchen bestehenden Hochwald, aus dem sie bei dem damaligen Betriebe nur geringe Einkünfte bezog. Die Mitglieder der Gemeinde hatten sogen. Gerechtsame, die ihnen Anrecht auf den Bezug von Bau- und Brennholz gaben, das damals nur wenig Wert hatte. Infolgedessen ging der allgemeine Wunsch auf eine Teilung des Gemeindewaldes hinaus, konnte aber erst wegen des Widerstandes der königl. Regierung im Jahre 1848/49 durchgesetzt werden. Der Wald wurde dann öffentlich versteigert und der Erlös in bar an die einzelnen Gerechtsamen verteilt.
Von diesem Walde kaufte mein Vater für die Firma ein ansehnliches Stück, etwa 750 Hektar.
Da einige Jahre später infolge des Baues von Eisenbahnen der Preis des Eichenholzes außerordentlich stieg, so wurde der Wald bald abgeholzt, die schönen Eichenstämme meist zu Eisenbahnschwellen verarbeitet und auf dem Boden Eichenschälwald zur Gewinnung von Lohe gezogen. Durch die Anstellung eines Försters sorgte mein Vater rechtzeitig für forstmäßigen Betrieb des schönen Besitzes.
An diesem Walde haben auch wir jüngeren Mitglieder der Familie viel Freude gehabt. Er war reich an Wild, namentlich an Rehen, Sauen und Waldschnepfen. Zur Bequemlichkeit wurde darin ein kleines Jägerhaus auf dem schön gelegenen Heidberg mit prächtigem Blick in die Eifelberge errichtet. Wir haben dorthin manchen Ausflug, meist zu Jagdzwecken, unternommen, konnten auch über Nacht bleiben. Ein gut ausgestatteter Weinkeller sorgte für fröhlichen Trunk, und unser Förster war ein vortrefflicher Koch, der die meist von Euskirchen mitgebrachten Fleischspeisen zusammen mit Bratkartoffeln, Butterbrot und Kaffee zu einem köstlichen Mahle zu vereinigen wußte. Den Höhepunkt des Jagdbetriebes bildeten die Treibjagden, die im November und Dezember stattfanden, zu denen mein Vater zahlreiche Einladungen ergehen ließ, und die mit einem höchst lustigen Mahl in einem Gasthause zu Flamersheim zu schließen pflegten.
Nach mehr als 50jährigem Besitz hat mein Vater den Wald mit gutem Nutzen wieder verkauft, und zwar an die Familie Haniel, weil niemand von unserer Familie sich um den Besitz mehr kümmern konnte.
Ein anderes Unternehmen, das für die Wahl meines Berufes mitbestimmend geworden ist, war der Erwerb einer kleinen Wollspinnerei, die in Wisskirchen, einem etwa 4 km von Euskirchen entfernten Dorfe, lag. Meinem Vater, der von dieser Industrie nichts verstand, gelang es, in Aachen einen ausgezeichneten Spinnmeister, Herrn Allmacher, zu gewinnen, und da die Firma auch keine Mittel scheute, um die Fabrik mit den besten Maschinen auszustatten, und anstelle der Wasserkraft Dampfbetrieb einzuführen, so gehörten die Erzeugnisse der Firma an Garn bald zu den besten des Bezirks. Ihr Verbrauch blieb nicht auf die Tuchindustrie in Euskirchen beschränkt, sondern die Garne gingen auch nach dem Bezirk München-Gladbach-Rheydt, wo sie zu halbwollenen Waren verarbeitet wurden.
Den Einkauf der Rohmaterialien, vor allen Dingen der Wolle besorgte natürlich mein Vater, ursprünglich bei den Schafzüchtern der Umgegend und besonders der Eifel. Ich habe in jungen Jahren solche Wollfahrten hier und da mitgemacht. In den armen Dörfern der Eifel wurde das Geschäft zuerst mit dem Pastor abgeschlossen. Sobald das geschehen war, kamen die Bauern von selbst mit ihrer Ware. Diese wurde sofort taxiert, abgewogen, in bar bezahlt und auf den mitgenommenen Wagen geladen. Aber bald reichten die heimischen Quellen für die vergrößerte Fabrik nicht mehr aus, auch waren sie für feinere Tuche zu grob. Damals begann der Import der überseeischen Wolle, besonders aus der Kapkolonie und aus Brasilien. Deutsche Händler besorgten dieses Geschäft, natürlich mit einem entsprechenden Preisaufschlag. Der Markt für diese Wolle war London, wo sie auf grossen Auktionen verkauft wurde.
Sobald dies meinem Vater bekannt geworden war, reiste er nach London, wo er mit Hilfe eines Agenten seinen Wollbedarf deckte. Er gehörte mit zu den ersten Fabrikanten in Euskirchen, die den direkten Bezug des Rohmaterials ausnutzten. Für eine weitere Verbilligung der Garne war die Anlage einer Färberei erforderlich. Auch das hat mein Vater in die Hand genommen, ist dabei aber auf recht erhebliche Schwierigkeiten gestoßen.
Die Teerfarben kannte man damals noch wenig und das Färben mit den natürlichen Farbstoffen wie Indigo, Krapp, Gelbholz, Blauholz war rein empirisch. Es gab zwar einige recht dürftige Bücher der praktischen Färberei und man konnte auch Rezepte von den Färbern kaufen, aber in der Praxis pflegte das alles zu versagen, und die Leitung einer Indigoküpe galt geradezu als eine schwierige Kunst, die nur durch langjährige Übung erworben werden konnte.
Es war darum begreiflich, daß in der neu angelegten Färberei zu Wisskirchen, von der unser sonst so trefflicher Spinnmeister nichts verstand, viele Mißerfolge eintraten und nicht allein zu Verlusten, sondern auch zu ärgerlichen Verhandlungen mit den Kunden führten.
Mein Vater, der von jeher die Selbsthilfe hoch eingeschätzt hatte, fing deshalb eine kleine Versuchsfärberei in Euskirchen an, wo er die von verschiedenen Färbern gekauften Rezepte eigenhändig prüfte und es dabei an Variationen besonders im Beizen nicht fehlen ließ. Aber er spürte doch bei diesen Versuchen bald, wie hinderlich ihm der Mangel an chemischen Kenntnissen war, und er pflegte öfters zu sagen, wenn einer von uns Jungen Chemie studierte, so würden alle Schwierigkeiten spielend überwunden werden. Seine Achtung vor der Chemie steigerte sich noch, je mehr er mit der aufblühenden rheinischen Industrie, besonders der Fabrikation von Eisen und Zement in Berührung kam. Ich erwähne das ausdrücklich, da es die Wahl des Berufes sowohl bei mir, wie bei meinem Vetter Otto beeinflußt hat.
Die bisher besprochenen Geschäfte wurden alle mit den Mitteln und zugunsten der Firma »Gebrüder Fischer« geführt. Als aber die Unternehmungslust meines Vaters mit dem wachsenden Wohlstande sich steigerte, während die konservativer gestimmten beiden Onkel mit zunehmendem Alter jedes größere Risiko vermeiden wollten, blieb er zwar Mitglied der Firma, beteiligte sich aber an anderen Geschäften auf eigene Rechnung. So hat er zusammen mit Cölner Kaufleuten größere Landgüter, die wegen nachlässiger Wirtschaft der in Konkurs geratenen Besitzer öffentlich versteigert wurden, angekauft und in kleinen Teilen an die umliegenden Bauern wieder verkauft.
Die Zeit war damals für die Landwirtschaft am Rhein recht günstig, und die meisten Ankäufer konnten aus dem Verdienst in 9jährigen Terminen die Ankaufsumme für den neuerworbenen Acker bezahlen. Das geschah fast durchweg in barem Silbergeld, welches die Bauern persönlich brachten und das ganze Geschäft vollzog sich nicht in dem Kontor der Firma, sondern in unserm Wohnhause. Da mein Vater vielfach verreist war, so wurde es von meiner Mutter besorgt mit einer Pünktlichkeit in der Buchführung, die jedem Kontoristen Ehre gemacht haben würde.
In der Abschätzung von Grundstücken sowie im An- und Verkauf hatte mein Vater solche Übung erlangt, daß man mit vollem Vertrauen seinem Urteil glauben konnte. Er erkannte auch rechtzeitig die allgemeine wirtschaftliche Gefahr, die im Rheinland in den 70er Jahren der Landwirtschaft durch den Wettbewerb des überseeischen Getreides erwuchs. Er pflegte mit aufrichtigem Bedauern für die Bauern häufig zu sagen: »Mit der Landwirtschaft ist nichts mehr zu verdienen«, und er hielt schon damals einen staatlichen Schutz in Form von Getreidezöllen für nötig.
Seine Geschäftsinteressen wandten sich deshalb immer mehr der Industrie zu. An kleinen Unternehmungen in der Eifel, die auf die Gewinnung von Eisenerzen gerichtet waren, erlebte er wenig Freude. Dasselbe galt bezüglich des finanziellen Ergebnisses für eine Beteiligung an einer Zementfabrik in Obercassel bei Bonn. Sie war gegründet von Dr. Bleibtreu, einem ehemaligen Schüler von A. W. Hofmann in London. Er hatte in England die Herstellung von Portlandzement kennen gelernt und die erste derartige Fabrik in Deutschland bei Stettin ins Leben gerufen. Eine zweite Gründung war das Werk in Obercassel. Es würde wahrscheinlich ebenso wie die Stettiner Anlage guten Gewinn gebracht haben, wenn es nicht mit anderen unrentablen Unternehmungen verknüpft worden wäre. Damals war die Rente der Aktiengesellschaft »Bonner Bergwerks- und Hüttenverein« recht bescheiden, aber mein Vater hat selten eine Aufsichtsratssitzung in Bonn versäumt, da er dort immer mit einer Reihe guter Freunde aus Köln und Düsseldorf zusammentraf und man den oft ärgerlichen Geschäftssitzungen ein fröhliches Mahl im Gasthof Stern folgen ließ. Ich durfte daran zu meiner großen Freude öfters teilnehmen, als ich das Gymnasium in Bonn besuchte, und der Chemiker Dr. Bleibtreu, der nicht allein Zement machen konnte, sondern auch ein Meister im Ansetzen von Pfirsichbowlen war, hat mir bei solchen Gelegenheiten immer zugeredet, Chemiker zu werden.
Die markantesten Persönlichkeiten in diesem Aufsichtsrat waren der Freund meines Vaters, Albert Poensgen, Großindustrieller in Düsseldorf, und ein Herr Muehlens aus Cöln, Fabrikant von Eau de Cologne, ein hervorragender Spaßmacher.
An der Tafel, wo der Aufsichtsrat in Gesellschaft von zwei meiner Schwestern eines Tages Platz genommen hatte, speiste auch das studentische Corps Borussia, dem damals die beiden Söhne Bismarcks angehörten. Die Herren schienen keinen großen Hunger zu haben; denn sie begannen das Mahl mit Sekttrinken und zündeten dazu Zigarren an. Das war den alten rheinischen Herren denn doch zu burschikos, und mit weitschallender Stimme gab Herr Muehlens dem Oberkellner den Auftrag, er sollte den jungen Herren sagen, es sei hierzulande nicht Sitte, in Gesellschaft von Damen das Mahl mit Tabakrauchen zu beginnen. Der Kellner entledigte sich seines Auftrages. Das ganze Corps erhob sich sofort und schritt, dicke Tabakwolken verbreitend, aus dem Saal heraus. Herr Muehlens sah ihnen belustigt zu und begleitete den Durchzug mit den Worten »Sehr gut gemacht«. Auch mein Vater war geneigt, solche Verstöße gegen gute Sitten vor aller Öffentlichkeit zu rügen.
Ende der 60er Jahre hatte sich mein Vater mit einer erheblichen Summe an einem Geschäft beteiligt, das ihm zwar viel Sorge und Ärger, aber auch später sehr viel Freude bereitet hat. Es war die Gründung einer Brauerei in Dortmund. Die Anregung dazu ging aus von einem Ingenieur Heinrich Herbertz, der in Dortmund eine große Kokerei besaß und aus dem Aufblühen der anderen dortigen Brauereien den Schluß zog, daß hier noch ein gutes Geschäft zu machen sei. Er war verwandt und befreundet mit meinem Schwager Mauritz und dessen Bruder Heinrich.
Nachdem mein Vater die nötigen Erkundigungen eingezogen hatte, ging er auf den Vorschlag ein, und so entstand die Brauerei Herbertz & Co., an der mein Vater ursprünglich der meist beteiligte war. Sie war von Anfang an ein gutes Geschäft, denn das dort erzeugte Bier erfreute sich bald des besten Rufes und der Absatz stieg mit dem steigenden Wohlstand, besonders nach dem deutsch-französischen Krieg.
Leider wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft verwandelt und hat dann infolge schlechter Leitung böse Zeiten durchgemacht. Seine Sanierung wurde nötig und mit dem völligen Wechsel der leitenden Persönlichkeiten trat auch bald wieder ein ordnungsmäßiger Betrieb und allmählich eine Rentabilität ein.
Die Aktien sind noch jetzt zum größeren Teil im Besitz der Familien Fischer und Mauritz, und das Unternehmen hat seit etwa 40 Jahren recht gute geschäftliche Erfolge gehabt.
Mein Vater war mehrere Jahrzehnte Vorsitzender des Aufsichtsrats. Er hat auch lange Zeit den Einkauf von Hopfen für die Brauerei besorgt, und zur Zeit meines Aufenthalts in Erlangen bin ich mehrmals mit ihm auf dem Hopfenmarkt in Nürnberg gewesen. Mit großer Sicherheit wußte er aus rein empirischen Proben, wie Farbe, Geruch, Gefühl die sehr verschiedene Qualität des Hopfens abzuschätzen und jede Übervorteilung von seiten der Händler zu vermeiden.
Auch sonst war er für das Wohl der Brauerei in hohem Maße interessiert und tätig, besonders was den technischen Betrieb anging. Er pflegte immer zu sagen, »Vor allem muß das Erzeugnis gut sein«, und schon bei der Legung des Grundsteins hat er seine Wünsche für die Zukunft in einen hübschen Vers gekleidet, »Brau gutes Bier, das rat ich Dir«. Durch seine Vermittlung habe auch ich einige Gelegenheit gehabt, der Brauerei kleine Dienste zu leisten.
In den ersten Jahren meines Aufenthaltes zu München hatte ich zufällig von neuen Eismaschinen des Professor Linde und ihrer Verwendung in der Brauerei von Sedlmeier gehört. Ich erzählte dies bei einem Ferienbesuch meinem Vater, und er beauftragte mich sofort, genauere Erkundigungen einzuziehen. Diese fielen sehr günstig aus und wurden bestätigt durch die Firma Meister, Lucius & Brüning zu Höchst a. Main, welche die Lindesche Maschine in dem Betrieb für Azofarbstoffe verwendete. Die Folge davon war, daß die Dortmunder Brauerei sofort mit der von Linde gegründeten Gesellschaft in Verbindung trat und meines Wissens als erste norddeutsche Brauerei in den Besitz einer Lindeschen Maschine und später auch einer damit betriebenen sehr zweckmäßigen Kellerkühlung gelangte.
Wohl nicht minder wichtig war eine Belehrung, die ich dem Braumeister in bezug auf den Gärprozeß geben konnte.
Während des Wintersemesters 1876/77 hielt ich mich wieder in Straßburg auf und lernte dort durch Dr. Albert Fitz das Buch von Pasteur »Études sur la bière« kennen, das kurz vorher erschienen war. Der geniale Forscher hatte darin seine Erfahrungen über die Verunreinigung der Bierhefe durch andere Mikroorganismen und deren schädlichen Einfluß auf die Beschaffenheit des Bieres niedergelegt. Als ich davon meinem Vater berichtete, bat er mich dringend, die Materie gründlich zu studieren, und da diese mich auch wissenschaftlich interessierte, so erklärte ich mich gerne dazu bereit. Ein feines Mikroskop wurde sofort angeschafft und mit Hilfe von Dr. Fitz und dem Botaniker Prof. de Bary habe ich dann in Straßburg Studien über Schimmel-, Sproß- und Spaltpilze angestellt, die mir später bei den Zuckerarbeiten sehr zustatten gekommen sind. Zunächst mußte ich aber die neuen Kenntnisse praktisch verwerten. Darum bin ich mit meinem Mikroskop für einige Wochen nach Dortmund gezogen, um den Beamten der Brauerei die neuen Errungenschaften klar zu machen. Wahrscheinlich war ich der erste Chemiker in Deutschland, der diesen Versuch unternahm, und ich muß gestehen, daß ich bei den Männern der Praxis auf großes Mißtrauen stieß. Man bemühte sich auf alle mögliche Weise, mich irre zu führen, besonders mit falschen Angaben über den Ursprung und die Beschaffenheit der zu prüfenden Hefesorten.
Als ich aber mit Hilfe des Mikroskops ohne Mühe die verdorbenen Hefesorten herausfand, wurde man ernster. Es ist mir zwar nicht gelungen, einen der Männer zum richtigen Gebrauch des Mikroskops heranzubilden und dadurch eine dauernde Kontrolle der Hefe einzurichten. Aber meine Belehrung über die Art, wie gute Hefe und damit auch das Bier verdorben werden kann, fiel doch auf guten Boden. Z. B. befanden sich direkt neben dem Kühlschiff, wo die fertige Würze an offener Luft abgekühlt wurde, der Pferdestall und ein stattlicher Dunghaufen. Auf meine Vorstellung hin ist hier bald Wandel geschaffen worden. Auch die von mir als besonders wichtig gepredigte Sauberhaltung aller Gefäße, mit denen die kalte Würze und das Bier in Berührung kommen, hat dem verständigen Braumeister gefallen, weil sie mit seinen Erfahrungen in der Praxis wohl übereinstimmte.
Etwa 30 Jahre später bin ich bei einer Jubelfeier des Instituts für Gärungsgewerbe in Berlin zu dessen Ehrenmitglied ernannt worden, und der Leiter des Instituts, Professor Max Delbrück, hat bei dieser Gelegenheit die Wahl nicht allein durch meine chemischen Arbeiten motiviert, sondern auch scherzhaft auf meine Bemühungen in der Dortmunder Brauerei und das dadurch bekundete Interesse für das praktische Braugewerbe hingewiesen.
Was ich damals als Pasteur'sche Lehre zu verbreiten suchte, war inzwischen durch die Studien von Professor Ch. Hansen in Kopenhagen, der auch dem Jubelfeste beiwohnte und zum Ehrenmitglied des Instituts ernannt wurde, außerordentlich vervollkommnet worden und hatte für das Braugewerbe eine grundlegende Bedeutung erlangt.
Wie schon erwähnt, gehörte mein Vater zum Aufsichtsrat der Aktienbrauerei und hat viele Jahre das Amt des Vorsitzenden geführt. Auch andere Aktiengesellschaften, z. B. der Bonner Bergwerks- und Hüttenverein, das Röhren- und Eisenwalzwerk Poensgen in Düsseldorf, eine Glashütte in Stolberg, eine Röhrenkesselschmiede zu Kalk a. Rh. und die Versicherungsgesellschaft Concordia in Cöln wählten ihn in den Aufsichtsrat. Und wenn er wegen zunehmender Schwerhörigkeit irgendwo seinen Austritt erklären wollte, so pflegte man den verständigen und stets heiteren, originellen alten Herrn zur Beibehaltung des Amtes aufzufordern.
So kam es, daß er nach Überschreitung des 90ten Lebensjahres sich scherzhaft rühmen konnte, das älteste Aufsichtsratsmitglied in Preußen zu sein.
Wie die vorangehende Schilderung seiner geschäftlichen Unternehmungen zeigt, war mein Vater ein vielseitiger, kluger Kaufmann, der die Möglichkeiten des gewerblichen Lebens richtig abschätzte und selten ein schlechtes Geschäft begonnen hat.
Den Mangel der Schulbildung hat er später durch die Erfahrungen der Praxis auszugleichen gewußt. Er war kein rascher Denker, aber wenn er eine Angelegenheit, die seinem Ideenkreis nicht zu fern lag, durchstudiert hatte, so konnte man sicher sein, daß er sie völlig erfaßt und auch in den Konsequenzen durchschaut hatte.
Ich habe es mit erlebt, daß er Notaren Verträge oder Verkaufsbedingungen für öffentliche Auktionen diktierte, weil ihre eigenen Entwürfe nicht klar genug waren. Das letzte Beispiel dieser Art bot sein autographisches Testament, das durch dieselbe Klarheit der Form und der Gedanken ausgezeichnet war, wie alle seine Schriftstücke. Kurz vor seinem Tode war es auf seinen Wunsch durch einen Berliner Notar in ein amtliches Dokument umgewandelt worden. Als ich dann für die Erbteilung dieses Schriftstück meinen Schwägern vorlegte, erklärten sie einstimmig, »das hat Großpapa nicht verfaßt; denn so unklar hat er sich niemals ausgedrückt«. Die Verwirrung war durch die Bearbeitung des Notars und seine juristischen Redewendungen entstanden. Glücklicherweise konnte ich durch Vorlage des autographischen Testaments alle Zweifel über den Sinn des notariellen Schriftstückes beseitigen.
Mit der Klarheit des Geistes war bei ihm eine ungewöhnliche körperliche Rüstigkeit verbunden, die schon dem scharfen Auge seiner Mutter nicht entgangen war; denn wie er selbst gerne erzählte, hatte diese in einem Brief an ihre Schwester Conrads über den kleinen Lor berichtet: »Er scheint etwas dumm zu sein, aber es ist ein wahres Vergnügen, seinen kräftigen Körper anzuschauen«. Es ist deshalb auch kein Wunder, daß er allen körperlichen Künsten zugetan war. Reiten, Tanzen, Turnen, Schießen waren ihm wohl vertraut und die Jagd hat er bis ins höchste Alter getrieben. Hand und Auge waren so leistungsfähig geblieben, daß er mir noch mit 93 Jahren einen selbstgeschossenen Hasen schicken konnte. Dazu kam eine große Heiterkeit des Gemütes, die auch durch herbe Verluste nur vorübergehend gestört werden konnte. Alltäglich Bewegung in frischer Luft und abends 1 bis 2 Stunden Geselligkeit im Gasthause oder Casino bei einem Glase Wein und einer Cigarre oder einer Pfeife Tabak waren ihm Bedürfnis. Und wenn er dann nach Hause kam, so war seine Fröhlichkeit geradezu ansteckend für den ganzen Familienkreis. Das Gelächter in unserem Hause war häufig so laut und anhaltend, daß Passanten auf der Straße erstaunt Halt machten.
Selbstverständlich übte er mit besonderer Freude eine freie Gastfreundschaft, und meine Mutter hatte manchmal Mühe, die plötzlich in großer Zahl herbeigeführten Gäste zu versorgen. Besonders hoch und lustig ging es her an Familienfesten, z. B. bei den Hochzeiten meiner Schwestern. Es sind ihrer nicht weniger als 7 in unserem Hause gefeiert worden, sechs bei meinen Schwestern, von denen eine zum zweiten Mal heiratete. Und als das einzige Töchterlein meines Onkels im Nachbarhause in die gleiche Lage kam, wurde nach alter Gewohnheit das Fest auch von meinem Vater in unserem Hause veranstaltet; nur mußte der Onkel, wie billig, die Kosten tragen. Bei solcher Gelegenheit ließ mein Vater alle Quellen seiner Fröhlichkeit springen. Obschon er keine besondere Rednergabe besaß, so erweckten doch seine Tischreden, die manchmal mit kleinen lustigen Versen geschmückt waren, stets großen Jubel.
Sein rheinischer Humor und seine Freude an Späßen führten ihn auch ziemlich regelmäßig zur Karnevalsfeier nach Cöln. In hohem Alter hat er einmal zu solcher Gelegenheit eine große Gesellschaft von Verwandten und Freunden in ein Gasthaus zu Cöln eingeladen. Niemand wußte, zu welchem Zwecke, bis der Gastgeber in seiner Tischrede das Rätsel löste. »Alle Welt feiert jetzt Jubiläen«, so begann er, »Drum habe auch ich geglaubt, eine solche Feier veranstalten zu müssen; denn heute ist es das fünfzigste Mal, daß ich an dem Cölner Karneval teilnehme«. Man kann sich denken, welche Stimmung bei diesem Feste geherrscht hat.
Noch charakteristischer und für Nichtrheinländer schwer verständlich war ein karnevalistischer Einfall, den er bald nach dem Tode seines von ihm sehr verehrten Bruders Otto, des Arztes in Köln verwirklichte. Obschon er damals fast 80 Jahre alt war, glaubte er doch dem Fasching nicht ganz entsagen zu dürfen. Er ging deshalb auf den Maskenball, aber zum Zeichen der Trauer in der Maske eines Mohren. Diese beschränkte sich allerdings auf die Schwärzung des Gesichts, die mit einem angebrannten Korken hergestellt war.
Unvermeidliche Dinge, wie den Tod seiner vier Geschwister, mit denen er in treuester und stets hilfsbereiter Freundschaft gelebt hatte, und die alle erst im hohen Alter starben, überwand er sehr leicht. Viel schwerer hat ihn der Tod meiner Mutter getroffen, mit der er 46 Jahre in glücklicher Ehe verbunden war und die er 20 Jahre überlebte. Nach ihrem Tode hat er noch 10 Jahre in Euskirchen verbracht, dann wurde er plötzlich auf eine eigentümliche Art veranlaßt, nach 57-jährigem Aufenthalt diesen Wohnsitz aufzugeben.
Im Jahre 1892 war für die preußische Einkommensteuer die obligatorische Selbstangabe des Einkommens eingeführt worden. Im Kreise Euskirchen stellte sich bei dieser Gelegenheit heraus, daß mein Vater das höchste Einkommen im Kreise besaß, was man nach seiner einfachen Lebensweise nicht erwartet hatte.
