Aus meinem Leben - Gisbert Keseling - E-Book

Aus meinem Leben E-Book

Gisbert Keseling

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Beschreibung

Gisbert Keseling, geboren 1928 in Elze, erzählt aus seiner Kindheit und Jugend im Schatten des Nationalsozialismus, von seinem unfreiwilligen Kriegseinsatz an der Elbe mit gerade einmal 17 Jahren und von seiner Desertation in den Wirren der letzten Kriegstage. 1968 wird er als Hochschullehrer an die Marburger Philipps-Universität berufen und gerät dort mitten in die ganz anders gearteten heftigen politischen Auseinandersetzungen, die sowohl mit den Studierenden als auch unter den Lehrenden ausgetragen werden mussten. Zwei Lebensphasen, von zwei politischen Systemen geprägt, wie sie unterschiedlicher kaum sein können, und von denen doch die eine ohne die vorherige nicht denkbar ist.

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Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über dieses Buch

Im Januar 1928 wurde ich in Elze geboren und blieb das einzige Kind meiner Eltern. Meine Mutter war Pianistin und meistens am Klavier zu finden, mein Vater war Schriftleiter der Leine- und Deister-Zeitung in Gronau.

Glückliche Kindheitstage verbrachte ich auf dem Elzer Gutshof der Bock von Wülfingen, wo mein Großvater Gutsverwalter war. Vor allem die Schulzeit in Gronau aber war dann deutlich getrübt durch die damals rigiden Erziehungsmethoden, von denen auch mein Elternhaus nicht frei war.

Als Zehnjähriger trat ich auf Wunsch meines Vaters der Hitlerjugend bei. Im März 1945, gerade mal 17 Jahre alt, wurde ich zum Kriegsdienst eingezogen und sollte im Einsatz an der Elbe unserem Vaterland noch zum Endsieg verhelfen. Am 1. Mai desertierte ich und entging nur knapp der Vollstreckung meines Todesurteils.

Nach Studium und Habilitation in Göttingen erhielt ich 1968 den Ruf an die Universität in Marburg auf den Lehrstuhl für Deutsche und Germanische Philologie. Die ersten zehn Jahre meiner Lehrtätigkeit dort waren geprägt von dem Aufruhr der Studierenden, der viel Unruhe und politische Auseinandersetzungen auch in die Reihen von uns Lehrenden brachte.

Gisbert Keseling, von 1968 bis 1996 Professor für Germanische und Deutsche Philologie an der Philipps-Universität Marburg, lebt heute in Berlin.

Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Kindheit auf dem Gutshof in Elze

Meine Vertreibung aus dem Paradies – Wie ich Lesen und Schreiben gelernt oder nicht gelernt habe. Volksschule, Mittel-schule und Jungvolk in Gronau

Scharnhorstschule in Hildesheim – Mein Dienst als Luftwaffenhelfer und Arbeitsmann

Einsätze an der Front – Wie der Krieg für mich zu Ende ging

Die ersten Jahre nach dem Krieg

Studium und Assistentenzeit in Göttingen

Als Hochschullehrer in Marburg

Der Streit in den Gremien. Die Studenten und wenige Professoren im Kampf gegen die „konservative“ Mehrheit

Quellenhinweise

Kindheit auf dem Gutshof in Elze

In meinem Geburtsjahr 1928 war Deutschland noch eine Demokratie. Bei den Reichstagswahlen vom 20. Mai erhielt Hitlers NSDAP, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, von den 32 Millionen Stimmen nur gut 810 000 und verfügte im Reichstag über ganze 12 Sitze. Aber schon vier Jahre später schnellte die Zahl der Mandate auf 230 hoch, und am 30. Januar 1933 wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt. Mit dem am 23. März desselben Jahres verabschiedeten Ermächtigungsgesetz erhielt seine Regierung für die Dauer von vier Jahren die Befugnis, Gesetze zu erlassen und Verfassungsänderungen einzubringen, womit das Parlament de facto entmachtet wurde. Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten und Feinde in den eigenen Reihen wurden ermordet oder eingesperrt und gefoltert. Schon 1933 gab es Dutzende von den Nationalsozialisten betriebene Konzentrationslager.

In meinen ersten Lebensjahren bekam ich davon nur wenig mit. Die Welt, in der ich aufwuchs, reichte kaum über die Stadt Elze, einem kleinen Ort südlich von Hannover mit etwa 3 000 Einwohnern, hinaus, und auch die Sorgen der Erwachsenen hatten mit dem politischen Geschehen nicht unmittelbar etwas zu tun.

Wir lebten in einem Gutshaus, zu dem auch ein größerer Gutshof mit Stallgebäuden, Wiesen und Ländereien sowie ein großer und wunderschöner Park mit uralten Bäumen, gepflegten Rasenflächen und Blumenbeeten gehörten. Das alles war im Besitz der hannoverschen Adelsfamilie Bock von Wülfingen, die das Gut jedoch nicht selbst bewirtschaftete, sondern es – nach der Art eines mittelalterlichen Lehensverhältnisses – meinem Großvater Harry Moldenhauer überantwortet hatte. Das sah im Einzelnen so aus, dass meine Großeltern auf dem Grundstück Viehzucht und Ackerbau betreiben konnten, dass sie von den Erträgnissen jedoch regelmäßig Teile an die Eigentümer abliefern mussten. Da die Eltern meiner Mutter hauptberuflich im Nachbarort Nordstemmen ein (so genanntes) Kolonialwarengeschäft (i.e. Lebensmittelgeschäft) betrieben, hatten sie die Bewirtschaftung des Gutes an ihre langjährige Angestellte Ida Kleine übertragen. Ida hatte die hierfür erforderlichen Fähigkeiten schon in ihrer Kindheit erworben. Sie war in Mardorf am Steinhuder Meer auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen und musste bereits als Kind in Haus und Hof mitarbeiten. In ihrem vierzehnten Lebensjahr, also nach Schulabschluss, wurde sie dann von meinen Großeltern als Dienstmädchen eingestellt. Sie lebte im dortigen Haushalt und war wegen ihrer Tüchtigkeit bald unentbehrlich. Als mein Großvater dann später als Nebenberuf die Gutsverwaltung auf dem Elzer Hof übernahm, delegierte er einen Großteil der Arbeiten an Ida, die fortan auch im Gutshaus wohnte.

Meine Eltern lebten dort wegen der niedrigen Kosten und anderer Vorteile mehr oder weniger gezwungenermaßen. Sie hatten beide nicht das erreicht, was ihnen in jungen Jahren vorgeschwebt hatte. Mein Vater Rudolf Keseling hätte gern einen Beruf ausgeübt, der mit Literatur zusammenhängt. Er schrieb Gedichte und Erzählungen und gab lange Zeit die Hoffnung nicht auf, davon als großer Dichter eines Tages auch leben zu können. Da er sein Studium nicht abgeschlossen hatte, musste er eine untergeordnete Stelle in einer Bank annehmen, und etwas später wurde ihm dann die Schriftleitung der örtlichen Tageszeitung übertragen.

Meine Mutter „Franzi“ hatte bei einem bekannten Pianisten namens Luther eine kostspielige Ausbildung gemacht und träumte von einer großen Karriere. Die Wirklichkeit sah indessen anders aus. Sie konnte zwar hervorragend Klavier spielen und hätte damit auch gerne Geld verdient, hatte aber Angst öffentlich aufzutreten und zog es deshalb vor, auf dem Gut die Buchhaltung zu besorgen. Das war auch bitter nötig, denn die Einkünfte meines Vaters reichten selbst für unsere dreiköpfige Familie kaum aus.

Meine Eltern fühlten sich in der ländlichen Umgebung und in dem Gutshaus nicht wohl. In dem sehr großen Gebäude hatten sie es schwer, ein Privatleben zu führen. Wir wohnten im Südflügel des Erdgeschosses. Im Nordflügel hatten meine Urgroßtante Frieda und Ida Kleine je zwei Zimmer; das Obergeschoss war vermietet. – Die meisten Räume, die eigenen sowohl wie die fremden, waren nur von der großen Diele aus zu erreichen. Dort begegnete man dann zwangsläufig den anderen Bewohnern. Das war vor allem für meinen Vater schrecklich. Er legte Wert darauf, an den Wochenenden und den Feierabenden mit meiner Mutter allein zu sein, musste aber jederzeit damit rechnen, von anderen gestört zu werden.

Wegen der ständigen Geldnot mussten wir uns weitgehend von dem ernähren, was auf dem Hof erwirtschaftet wurde, und um den Winter zu überstehen, war eine ausgiebige Vorratswirtschaft erforderlich. Obst und Gemüse wurden eingekocht und mehrere Zentner Kartoffeln wurden im Keller gehortet. Selbst Fleisch kauften wir nicht beim Metzger, stattdessen wurden im Winter Schweine geschlachtet und das Fleisch wurde dann für das ganze Jahr in Dosen konserviert.

Es gab keine Wasserleitung und natürlich auch keine Zentralheizung. Das Wasser musste über mehrere Treppen hinweg in Eimern von einer hinter dem Haus gelegenen Pumpe in die Küche getragen werden. Holz musste zerkleinert und Kohlen aus dem Keller geholt werden. Alles das konnte meine Mutter neben ihren Verwaltungsaufgaben und dem täglichen Klavierspiel unmöglich allein bewältigen. Wir beschäftigten also für unseren Haushalt ein weiteres Dienstmädchen und einmal in der Woche kam außerdem eine Waschfrau. – Hinzu kam, dass mein Vater mit Tieren nichts im Sinn hatte und sich schon vor Hunden und Katzen fürchtete.

Für mich war das Leben auf dem Gutshof berauschend schön. Der große Park mit alten Kastanienbäumen, Ulmen, Weiden, Akazien und diversem Gebüsch war ein ideales Gelände zum Spielen. Es gab dort verschiedene Stellen, wo ich mich besonders gern aufhielt. Das waren die Ställe und das Innere einer ehemaligen Mühle, und das waren außerdem das Gelände unter zwei riesengroßen Kastanienbäumen und gleich daneben die so genannte „Hölle“, ein in einen Hang eingelassenes Kellergewölbe, dessen Tür verschlossen war. Was dort aufbewahrt wurde, wusste ich nicht, und wenn ich Ida danach fragte, winkte sie kopfschüttelnd und ohne Antwort ab, wodurch dieser Raum für mich noch geheimnisvoller wurde.

Oft hielt ich mich auch im Hof und in den Ställen auf und ich lernte viel dabei. Meine Lehrmeisterin war Ida. Sie wusste und konnte in meinen Augen alles. Sie war geschickt genug, um mich bei ihren Arbeiten nicht nur zusehen zu lassen: Sie brachte mir bei, welches Futter die einzelnen Tiere bekamen, und wenn ich wollte, konnte ich vieles selbst übernehmen. Dem kam entgegen, dass es damals anders als heute in der Landwirtschaft kaum Maschinen gab, so dass fast alle Tätigkeiten mit der Hand erledigt werden mussten. Dabei konnte ich mitmachen, zum Beispiel den Hühnern Getreide hinstreuen, die Eier aus dem Nest nehmen, die Kühe von der Weide in den Stall führen und sie auch melken. Oder – ein Vergnügen besonderer Art – das Schweinefutter vorbereiten und dazu gekochte Möhren, Kartoffeln und Futtermehl mit hochgekrempelten Ärmeln zu einem Brei zermanschen und mich anschließend daran ergötzen, wenn die Säue laut schmatzend darüber herfielen. Ida war mit Lob nicht zurückhaltend und betonte immer wieder, wie wertvoll meine Hilfe sei.

Ich bekam auch mit, was in den einzelnen Jahreszeiten zu tun war. Das begann schon im Herbst damit, dass ein Fuhrmann mit zwei Pferden angeheuert wurde, der die Ackerböden zuerst pflügte, dann eggte und zum Schluss das Wintergetreide, Gerste und Roggen, säte, eine Prozedur, die sich im Frühjahr mit Weizen und Hafer wiederholte. Für die einzelnen Arbeiten waren jeweils bestimmte Leute zuständig, die dafür stundenweise bezahlt wurden. So kamen Anfang Juni drei kräftige Männer, die mich schon nachts um drei mit dem Dengeln der Sensen weckten; für das Wenden und Zusammenharken des Heus waren dann zwei Frauen zuständig und zum Einfahren des Heus wieder der Fuhrmann, dieses Mal mit einem großen Ackerwagen, der von den beiden Frauen beladen wurde, wobei Ida die Heuballen auf dem Wagen gleichmäßig verteilte. Ich selbst durfte nachharken. Diese Arbeiten waren nur bei gutem Wetter und am Nachmittag oder Abend möglich, wenn das Heu ausreichend getrocknet war. Die Fahrt zum Stallgebäude, mit mir obendrauf, war dann die große Belohnung. – Der lange Sommer war recht arbeitsam. Dann war vieles gleichzeitig zu tun. Obst und Gemüse mussten geerntet, verarbeitet und zum Teil auch verkauft werden, woran auch meine Mutter beteiligt war, und auf den Feldern und Wegen musste das Unkraut ausgerodet werden. Das erledigten drei Tagelöhnerinnen, die jetzt regelmäßig jeden Nachmittag von eins bis sechs auf dem Gut waren. Bis weit in den Oktober hinein war ständig etwas zu tun: die Apfelernte, das Kartoffelroden und zum Schluss das Einbringen von Futterrüben und Mais.

Wenn auf dem Hof nichts Besonderes zu tun war, hielt ich mich tagsüber in der Regel bei meiner Urgroßtante Frieda auf. Sie war Diakonisse; obwohl sie längst im Ruhestand war, trug sie noch immer ihre dunkle Schwesterntracht mit weißer Haube. Ich liebte sie abgöttisch und sie mich ebenso. „Tante, du bist die Liebste“, sagte ich oft, und sie entgegnete dann: „Ja, aber die allerliebste ist deine Mutter, und gleich danach komme ich.“ Das wiederholte sie bei jeder Gelegenheit, und es wurde fast ein Ritual daraus. Wir machten ausgiebige Streifzüge durch die Stadt, besuchten zum Beispiel eine Mühle und eine Waggonfabrik, die an unseren Park angrenzte, und ein besonderes Vergnügen war es, mindestens einmal in der Woche einen langen Spaziergang zu einem Bahnübergang zu machen und bei Onkel Meier, der in dem Bahnwärterhäuschen die Schranke bediente, einen kleinen Schwatz zu halten.

An Regentagen hielten wir uns in ihrem gemütlichen Stübchen auf. Während sie, in eine Decke gehüllt, am Fenster wie auf einem Thron in ihrem Ohrensessel saß, tobte ich im Zimmer herum, und wenn ich müde wurde, las sie mir Max und Moritz oder den Struwwelpeter vor, oder sie erzählte von ihren Erlebnissen als Krankenschwester im ersten Weltkrieg.

Meine Eltern sah ich normalerweise nur zu den Mahlzeiten und beim Zubettgehen. Mit einer Ausnahme allerdings: Wenn mein Vater an den Wochenenden zu Hause war, durfte ich mit ihm zusammen eine bebilderte Literaturgeschichte anschauen. Ich saß dann neben ihm auf der Armlehne eines großen Ledersessels und machte dabei die erste Bekanntschaft mit den Größen der Weltliteratur: Shakespeare, Calderón, Goethe und Schiller. Ich sehe die Bilder noch heute vor mir und höre meinen Vater sagen: „Das ist der alte blinde Vater Homer, das ist der Dichterfürst Goethe.“ Diese Sätze behielt ich, und ich wollte sie immer wieder von ihm gesprochen hören.

So etwa sah mein Leben damals aus, und wenn ich heute gefragt werde, wie es für mich in den ersten sechs oder sieben Lebensjahren war, dann sage ich als erstes: „Es war wie im Paradies.“ Aber wenn ich länger darüber nachdenke, dann frage ich mich, ob ich wirklich so wunschlos glücklich war, und wenn ich dann versuche, mir ins Gedächtnis zurückzurufen, was ich damals gefühlt und gedacht habe, dann kommen Zweifel auf. War es in Ordnung, dass ich tagsüber nur mit Ida oder mit Tante Frieda zusammen war und dass ich – auch heute noch – der Ansicht bin, Tante Frieda sei für mich der liebste Mensch gewesen? Mehrere Begebenheiten fallen mir dazu ein.

Bei einem starken Gewitter kommentierte sie den Donner mit dem Satz: „Der liebe Gott schimpft“, und ich erfuhr dann, dass der liebe Gott allwissend sei und dass er auch mitbekommen würde, wenn ich böse gewesen wäre, wenn ich zum Beispiel gelogen hätte. Aber er sei gütig und würde mir meine Sünden vergeben, wenn ich ihn darum bitten würde. Als ich dann wissen wollte, was passieren würde, wenn ich das Beten einmal vergessen hätte, sagte sie, der liebe Gott wisse doch, dass ich ein guter Junge sei, und nur die wirklich Bösen, die ihr Leben lang gesündigt hätten, würden in die Hölle gesperrt, wo sie dann für ewig und immer im Feuer schmoren müssten.

So oder ähnlich redete sie mir zuweilen ins Gewissen. Aber ihre Stimme klang sanft und zärtlich dabei, und sie beteuerte, dass sie dies alles nur sage, weil sie mich so lieb habe und weil sie doch wolle, dass Gott mich auch lieb behalte.

Ich nahm mir vor, an jedem Abend zu beten, und zuerst tat ich das auch regelmäßig, später allerdings nur, wenn ich glaubte, etwas ausgefressen zu haben. Jedenfalls blieb es nicht aus, dass ich mir über Tante Friedas Weltgespräche, wie ich es nannte, Gedanken machte, und wenn wir vormittags um elf unter den alten Kastanienbäumen zusammen durch den Park gingen und sie beim Läuten der Vaterunserglocke ein Gebet sprach, stellte ich erneut Fragen und erfuhr, dass es darauf ankomme, an Gott zu glauben. „Nur wer glaubt“, sagte sie, „dem wird Gott vergeben und ihn zu sich in sein ewiges Himmelreich nehmen.“ An Gott zu glauben, fand ich einfacher als gut zu sein und z.B. Verbotenes nicht zu tun oder nicht zu lügen. Schließlich war ich noch nie auf die Idee gekommen, nicht an Gott zu glauben.

Dass sich aber gerade hier Probleme ergeben würden, sollte ich in den nächsten Tagen erfahren. Es war Oktober, und zu dieser Zeit war auf dem Gut viel Betrieb. Auf den Obstplantagen mussten die Äpfel geerntet werden, und außerdem fand die Pachthebung statt: Große Teile des Gutes hatte der Eigentümer verpachtet, und die Pächter waren gehalten, Anfang Oktober die Beträge bei uns in bar einzuzahlen. Dazu kam mein Großvater, der nebenberuflich das Gut verwaltete, angereist und wohnte ein paar Tage bei uns. Kurzfristig wurde dann in Tante Friedas Stübchen ein Büro eingerichtet, und Tante – sie hieß bei uns allgemein nur Tante – wurde deswegen in ein Fremdenzimmer ausquartiert.

Ich mochte meinen Großvater nicht. Nicht nur weil er Tante aus ihrem Wohnzimmer vertrieb, sondern auch weil während seiner Anwesenheit vieles, was sonst stillschweigend geduldet wurde, verboten war. Außerdem war er fromm und trug seine Frömmigkeit zur Schau. Er versäumte keinen Gottesdienst und nahm an jeder Beerdigung teil. Vor und nach jeder Mahlzeit musste laut gebetet werden, und vor dem Frühstück fand eine Morgenandacht statt, wobei er den Text eines Kalenderblattes vorlas, einen Choral mit uns sang und uns dabei mit seiner Geige begleitete. In dem dann folgenden Schlussgebet wurden wir alle persönlich genannt.

Das alles hatte er von einem Bekannten namens Wilhelm Kaune übernommen, der ihn vor einigen Jahren zum „rechten Glauben“ bekehrt hatte, wie er sagte. Seitdem benutzte er selbst jede Gelegenheit, andere zu bekehren.

Schon am ersten Abend seiner Anwesenheit passierte das Folgende: Ich hatte mit zwei Cousinen, die bei uns zu Besuch waren, Verstecken gespielt und dazu auch die „Remise“, einen Schuppen mit Karren und Pferdewagen, aufgeschlossen. Den Schlüssel dazu hatte ich wie gewohnt von dem neben der Haustür angebrachten Schlüsselbrett genommen. Als wir dann später die Remise verließen, hatte ich das Tor einfach offen gelassen. Als mein Großvater das bemerkte, wollte er von mir erfahren, wo der Schlüssel war. Ich wusste es nicht und konnte mich auch nicht erinnern, ob ich ihn hatte stecken lassen oder ob ich ihn irgendwo abgelegt hatte. Auch in meinen Hosentaschen fand ich ihn nicht. „Ich muss ihn verloren haben“, sagte ich und begann sofort, die Remise und das Gelände außerhalb abzusuchen. Die Cousinen beteiligten sich dabei.

Ich ahnte, was jetzt passieren würde, hoffte aber, dass wir diesmal davon verschont blieben. Aber schon geschah es: Er forderte uns auf, uns hinzusetzen und ihm zuzuhören. Es sei jetzt nötig, sagte er, vor dem weiteren Suchen zu beten und den lieben Gott darum zu bitten, unsere Augen so zu lenken, dass wir den Schlüssel wiederfinden würden. Ich tat so, als hätte ich nicht gehört, was er gesagt hatte, und erst als er seine Aufforderung wiederholte, begab ich mich widerwillig in die Remise. Die beiden Mädchen und er selbst saßen dort schon.

Als ich mich zu ihnen setzte, spürte ich etwas Hartes unter mir. War das der Schlüssel? Hatte ich meine stets überfüllten Hosentaschen nicht gründlich genug durchgewühlt? Aber ehe ich dazu kam, das jetzt nachzuholen, hatte er schon laut zu beten begonnen. Ich hätte ihn unterbrechen können, um zu sagen, dass sein Gebet nicht nötig wäre. Oder ich hätte, um die Andacht nicht zu stören, ihn erst zu Ende beten lassen können und dann so tun, als würde ich noch einmal suchen, und schließlich zugeben, dass Gott sein Gebet erhört hatte. Aber keines von beidem tat ich, und wenn mich jemand gefragt hätte, warum, dann hätte ich nur mit den Schultern zucken können. Alles wäre doch so einfach gewesen.

Stattdessen ließ ich den Großvater und die Mädchen eine Stunde lang vergeblich suchen und machte zum Schein mit. Bei dem gemeinsamen Abendessen, so dachte ich, würde ich dann wie durch einen Zufall den Schlüssel wiederfinden, und ich würde dieses laut verkünden.

Aber es kam anders. Bei Tisch – ich war mit dem Großvater und meiner Mutter allein, mein Vater war noch im Zeitungsbüro – brach ein Strafgericht über mich herein: Wenn Gott unser Gebet nicht erhört habe, dann habe er Gründe dafür. Er habe mich strafen wollen und ich hätte diese Strafe verdient, nicht nur wegen meines sorglosen Umgangs mit fremdem Eigentum, sondern auch wegen anderer Sünden; ich wisse sehr wohl, was er hier im Sinn habe. Er stand jetzt auf und beugte sich drohend zu mir herüber. Wenn ich eine Ohrfeige verhindern wollte, tat ich gut daran, stillzuschweigen. Wie sollte ich in diesem Moment noch zugeben, dass ich den Schlüssel in meiner Hosentasche versteckt hatte? Ich schlich mich davon und beschloss, den Schlüssel für immer verschwinden zu lassen.

Als ich am nächsten Abend neben meinem Vater auf der Sessellehne saß und wir wieder mit dem Ratespiel vom blinden Vater Homer beschäftigt waren, unterbrach ich ihn und fragte, warum in Anwesenheit des Großvaters so oft gebetet würde, sonst aber gar nicht.

„Gisbert“, sagte er darauf, „das ist eine lange Geschichte, die ich Dir schon immer erzählen wollte.“ Er holte dann weit aus. Ich erfuhr, dass er selbst in einer katholischen Familie aufgewachsen war, in der ebenfalls regelmäßig gebetet wurde, und dass es auch Pflicht gewesen sei, jeden Sonntag zur Kirche zu gehen. Irgendwann seien ihm jedoch Zweifel gekommen, ob das, was er dort und im Religionsunterricht gelernt habe, wahr sei. Insbesondere habe er nicht glauben können, dass ein allmächtiger Gott so grausam gewesen sei zuzulassen, dass sein Sohn gekreuzigt, also zu Tode gefoltert wurde. Er habe darüber auch mit seinem Vater und mit seinem Beichtvater gesprochen, und beide hätten ihm schwer ins Gewissen geredet und ihm immer wieder klarzumachen versucht, dass er sich mit seinen ketzerischen Gedanken schwer versündige. Die Folge sei gewesen, dass er den Gottesdiensten ferngeblieben sei. Zum ernsten Zerwürfnis mit seiner Familie sei es dann gekommen, als er ein evangelisches Mädchen kennen gelernt habe. Sein Vater habe ihn damals vor die Entscheidung gestellt, sich entweder von ihr loszusagen oder das Elternhaus nicht mehr betreten zu dürfen. Da er seine Franzi, meine Mutter, aber über alles geliebt habe, habe er den Rauswurf in Kauf genommen und es habe mehrere Jahre mit den Eltern keinerlei Kontakt gegeben. Mit seinen Geschwistern habe er sich gelegentlich heimlich getroffen.

Bald nach der Hochzeit seien sie dann beide aus der Kirche ausgetreten. An einen Gott, der seine Gnade davon abhängig mache, dass sie einer bestimmten Kirche angehörten, vermöchten sie nicht zu glauben, und wenn man bedenke, dass der alte Homer an mehrere Götter und Göttinnen geglaubt habe und dass es viele Völker gebe, die gar nicht an die Existenz eines Gottes glauben, dann könne man daraus nur den Schluss ziehen, dass wir darüber nichts wüssten, dass man aber gut daran tue, jeden mit seinem Glauben zufrieden zu lassen. An eine Hölle und an einen Himmel glaubten er und meine Mutter jedenfalls nicht.

Irgendwann kamen wir dann auf das Beten zurück. Wenn ein gläubiger Christ in Notzeiten bete, könne er daraus Zuversicht schöpfen, sagte mein Vater. Es sei aber zu verurteilen, jemanden, der nicht an Gott glaube, also zum Beispiel einen überzeugten Heiden, wie den in dem Buch ebenfalls abgebildeten Goethe, zu bekehren. Darüber habe er sich oft mit seinem Schwiegervater gestritten und ihm – leider vergeblich – klarzumachen versucht, dass Gott, wenn es ihn denn gebe, etwas Wichtigeres zu tun habe, als sich um den Verlust eines Stallschlüssels zu kümmern.

Ich war unglaublich erleichtert, wollte aber von ihm noch wissen, ob es denn schlimm sei, auch einmal zu lügen. „Ganz gewiss nicht, Gisbert“, sagte er, „jeder Mensch kommt irgendwann in die Verlegenheit, lügen zu müssen, um Gefahr von sich abzuwenden. Wenn man anderen keinen Schaden damit zufügt, ist das in Ordnung.“

Hier fasste ich mir ein Herz und erzählte ihm, was ich am Vortag angestellt hatte. Ich erwartete eine schwere Zurechtweisung. Aber stattdessen schmunzelte er, und wir kamen überein, dass ich den Schlüssel bei nächster Gelegenheit zurückgeben würde, entweder ohne Kommentar oder mit der Bemerkung, dass ich ihn erst jetzt in der Hosentasche entdeckt hätte.

Aber das Thema Lügen war damit noch nicht beendet: Einige Tage später ereignete sich eine andere Geschichte. Es gab in unserem Gutshaus noch kein Klosett mit Wasserspülung. Um das große oder kleine Geschäft zu verrichten, musste man sich in ein kleines Häuschen außerhalb des Hauptgebäudes begeben. Darin befanden sich nebeneinander zwei Plumpsklos, die durch eine hölzerne Wand voneinander abgetrennt waren, die man aber nur durch einen einzigen Eingang erreichen konnte. Um in das komfortablere hintere Klo zu gelangen, musste man also erst das vordere durchqueren. Da nur das hintere Örtchen ein Fenster hatte und das vordere nahezu dunkel war, wurde nach Möglichkeit das hintere benutzt, und nur bei größerem Andrang musste man sich irgendwie einigen.

Die beiden Cousinen und ich spielten wieder einmal Verstecken. Als ich zwischendurch dringend aufs Klo musste und die hintere unverschlossene Tür aufriss, saß dort ein älterer Mann, den ich noch nie gesehen hatte. Ich wich erschrocken zurück und wagte auch nicht, das vordere Klo zu benutzen.

Von Ida erfuhr ich, dass es sich hier nur um den kurz zuvor angereisten Herrn Major, einem Mitglied der Gutsbesitzerfamilie, handeln könne und dass ich um Himmels willen warten solle, bis er fertig sei. – Als ich es mir dann schließlich auf dem Sitz bequem gemacht hatte und meinen Blick über die schmutzigen Wände streifen ließ, tat ich etwas, von dem ich mit Sicherheit wusste, dass es verboten war. Ich hatte in erreichbarer Nähe in der Tapete einen Streifen entdeckt, der sich losgelöst hatte. Diesen Streifen riss ich ab, und ich fand das so vergnüglich, dass ich aufstand, auf den Sitz kletterte und die Wand nach weiteren eingerissenen Stellen absuchte, um die Tapete dort ebenfalls zu entfernen.

Danach spielte ich wieder mit den beiden Mädchen Verstecken. Wie immer wurden wir irgendwann von meiner Mutter zum Abendbrot reingerufen. An dem langgezogenen und übermäßig lauten „Giiisbert“ merkte ich sofort, dass etwas nicht in Ordnung war, und machte mich auf das Schlimmste gefasst. Sie habe gesehen, dass die Klotapete abgerissen sei, sagte sie, und ob ich das gewesen wäre. Ich verneinte und fügte hinzu, vielleicht sei es der Major gewesen, der habe doch ebenfalls auf dem Klo gesessen.

Die Tracht Prügel, die ich dann bezog, begründete sie damit, dass ich gelogen hätte. „Um die Tapete“, sagte sie, „ist es nicht schade. Aber Kinder, die lügen, verdienen Schläge, und zwar so oft, bis ihnen das Lügen für immer vergeht.“

Sie schlug erbarmungslos zu. Aber ebenso schlimm wie die Schmerzen war der Liebesentzug. Ich wusste, dass sie jetzt nicht mehr mit mir sprechen würde, vielleicht für immer nicht. – Sie erwartete von mir, dass ich bei allem, was ich sagte, die Wahrheit sprach, und wenn sie vermutete, dass ich wieder einmal gelogen hätte, sagte sie drohend: „Gisbert, ich sehe es dir an, dass du lügst“, und manchmal behauptete sie auch, ich hätte einen blauen Fleck auf der Stirn. Beim Lügen, so erläuterte sie mir, entstünde auf der Stirn ein blauer Fleck.

Ob ich damals schon in der Lage war, den Widerspruch zwischen ihrer und Vaters Moral zu erkennen, weiß ich nicht. Aber später dachte ich oft darüber nach. Wer hatte nun Recht? Vater, der es mit dem Vermeiden von Lügen nicht so genau nahm und der im dritten Reich als Journalist oft gezwungen war, etwas zu schreiben, woran er selbst nicht glaubte, oder meine Mutter, für die Lügen eine schwere Sünde war und außerdem auch zwecklos, weil sie, wie sie immer wieder beteuerte, ohnehin alles sehen würde, was ich angestellt hätte.

Lügen war nicht der einzige Grund, weshalb meine Mutter mich schlug: Wenn ich Verbote übertreten hatte, schimpfte sie nicht nur, sondern es gab etwas auf die Finger, damit diese lernten, so etwas nicht wieder zu tun, wie sie sich ausdrückte. Oder sie schlug mich, als ich mich darüber beklagt hatte, dass eine Brotschnitte zu dünn mit Marmelade bestrichen war, oder als ich beim Bäcker darum bat, einen Keks geschenkt zu kriegen. Beim Schlafengehen war es verboten, meine Hände unter der Bettdecke zu haben. Wenn ich es trotzdem – oder nicht beabsichtigt – getan hatte, zerrte sie mich aus dem Bett, schlug mich auf meinen nackten Hintern und schimpfte mich aus, weil ich „pfui-pfui“ gemacht hätte oder weil ich wieder einmal mein „Pfui-pfui“ angefasst hatte. Manchmal war ich schon längst eingeschlafen und wachte erst auf, nachdem ich den ersten Schlag erhalten hatte. Ich wusste dann überhaupt nicht, was ich Schlimmes getan hatte, fragte aber auch nicht nach dem Grund, sondern ergab mich in mein Schicksal. Dergleichen wiederholte sich ziemlich oft, und die Angst, dass es wieder passieren würde, begleitete mich ständig. – Mehrfach rechtfertigte meine Mutter die Prügelstrafe damit, dass sie als Kind ebenfalls von ihrer Mutter auf den nackten Popo geschlagen worden sei, und das sei auch gut so gewesen, denn Schläge seien schließlich zur Bekämpfung unserer schlechten Eigenschaften unerlässlich.

Mutters und Vaters Erziehungsprinzipien unterschieden sich total. Für meine Mutter hingen diese hauptsächlich mit meinem Körper unterhalb des Kopfs zusammen, während mein Vater dafür sorgte, dass ich lernte, mich gut und „anständig“ auszudrücken. „Scheiße“ oder „Kacke“ zu sagen, sei unanständig, und ganz und gar unmöglich sei es, wenn man für den Hintern das Wort „Arsch“ gebrauche. Wir seien schließlich „etwas Besseres“, und das müsse sich auch in unserem Sprachgebrauch ausdrücken.

Ich konnte nicht verstehen, dass mein Vater meine Mutter lieb hatte. Wenn er immer wieder erzählte, dass er sich in Mutter verliebt habe, weil sie so unvergleichlich gut ausgesehen habe, und dass sie deswegen von anderen „die schöne Franzi“ genannt wurde, konnte ich nur den Kopf schütteln. Denn für mich war sie auch körperlich eher hässlich, und in meiner Erinnerung überwiegen die negativen Bilder von ihr, zum Beispiel ihr schmuddeliger Schlafrock, mit dem sie oft auch tagsüber in der Wohnung herumlief, ihre abgewetzten Pantoffeln oder ihr Heizkissen, das sie bei den nie abklingenden Erkältungen trug. Auch das, was sie an Äußerungen von sich gab, war alles andere als ermunternd: Wenn ich mich darüber beklagte, dass ich in der Schule zu Unrecht bestraft worden war, fiel ihr dazu nichts anderes ein als die Redensart: „Was sich nicht will ändern lassen, muss man mit Geduld erfassen“, was, wie sie regelmäßig hinzufügte, schon ihr Großvater gesagt habe. Oder wenn ich begeistert über ein neues Vorhaben sprach, meinte sie: „Nimm di nix för, denn sleiht di nix fehl.“ (Nimm dir nichts vor, dann schlägt dir nichts fehl.)

Später fragte ich mich manchmal, warum Vater gegen die Prügelstrafe nicht eingeschritten war. Er musste doch mitbekommen haben, wie ich dann schrie. Aber vermutlich war auch er der Überzeugung, dass ich „ein schlechter Junge“ war. In der Vorweihnachtszeit sagte er einmal, er habe gehört, wie im Nachbarzimmer der Weihnachtsmann geweint habe, weil er gesehen habe, wie ungezogen ich gewesen war.

Die Schläge, die ich von Mutter erhielt, hatten wohl zweierlei zur Folge: Die eine Folge war, dass ich nie richtig sicher sein konnte, ob Mutter mich wirklich liebte. Wenn sie viele Stunden am Tag am Klavier saß, dann konnte ich, auf dem Fußboden sitzend, nur zu ihr hoch schauen und wünschen, dass sie sich zu mir setzen und mit mir spielen würde. Aber das tat sie nie. – Und die andere Folge war, dass es immer mal wieder Zeiten gab, in denen ich mich dauerhaft für schlecht hielt. Denn wenn ich geschlagen wurde, dann musste das doch den Grund gehabt haben, dass ich irgendwie schlecht gewesen war. Dieses negative Bild von mir selbst bin ich wohl in meinem ganzen Leben nicht richtig losgeworden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass andere – also nicht nur meine Mutter, sondern auch Klassenkameraden und Spielgefährten – ein gutes Bild von mir hatten. Und das wiederum bewirkte, dass ich mich lange Zeit nicht nur allein fühlte, sondern auch allein, i.e. ohne dauerhafte Beziehung, blieb. Damals hatte es auch zur Folge, dass ich – trotz Vaters Aufklärung – damit rechnete, nach dem Tod in die Hölle zu kommen. Das Fegefeuer, in dem ich dann für alle Ewigkeit festgehalten würde, stellte ich mir in allen Einzelheiten vor.

Später sprach ich oft mit Klassenkameraden und Freunden über die Prügelstrafe und ich erfuhr, dass auch sie ziemlich regelmäßig geschlagen wurden. Und der häufigste Grund dafür war Ungehorsam: Es war selbstverständlich, dass man Eltern, Lehrern und Vorgesetzten zu gehorchen hatte. Tat man es nicht, dann hatte das Strafe zur Folge. Dass es unter bestimmten Voraussetzungen aber auch wichtig war, sich zu widersetzen oder Anordnungen vorsätzlich nicht auszuführen, haben wir nie gelernt. Wie wichtig das gewesen wäre, stellte sich für mich – leider viel zu spät – erst heraus, als es mit der NS-Zeit und dem Krieg endgültig vorbei war. Erst dann wurde mir klar, dass das von der Mehrheit der Deutschen befolgte Gebot, den Anordnungen der Obrigkeit bis hin zu den Grausamkeiten gegenüber anders Denkenden und Handelnden Folge zu leisten, ein Hauptgrund für Hitlers Aufstieg und letztendlich auch für den zweiten Weltkrieg gewesen war. Der Slogan „Führer befiehl, wir folgen dir!“ schwirrt noch heute in meinem Kopf herum.

Es fällt mir schwer, mir einzugestehen, dass auch mein Vater, den ich bewunderte, sich in dieser Hinsicht kaum von der Mehrheit der Deutschen unterschied. Dass es „die da oben“ in der Regel besser wussten als wir und dass wir deren Einstellung zu teilen hatten, war selbstverständlich für ihn. Nur sprach er nicht sehr viel darüber, weil für ihn andere Themen wie zum Beispiel Religion oder Literatur wichtiger waren.

Er hätte wohl gern eine Tätigkeit ausgeübt, die mit Literatur zusammenhing. Aber davon konnte keine Rede sein. Entsprechende Stellen, zum Beispiel Lektor in einem Verlag oder Dramaturg in einem Theater, seien schwer zugänglich, sagte er. Seine Tätigkeit als Journalist, die er in der Gronauer Zeitung mit Unterbrechungen im und nach dem Krieg bis zu seinem Ruhestand ausübte, war ihm verhasst, und wenn er überhaupt darüber sprach, dann um sich zu beklagen.

Im Frühjahr 1934 wurde ich in Elze eingeschult. Das Ereignis begann mit einem Gottesdienst. Obwohl ich nicht getauft war, hatte mein Vater nichts dagegen, dass ich daran teilnahm. Alle Sechsjährigen wurden von dem Superintendenten von Hanfstengel einzeln am Eingang empfangen und in den Arm genommen. An das „Guten Morgen, lieber Gisbert“ erinnere ich mich noch heute ganz deutlich, wohingegen ich das, was sich später im Klassenzimmer abspielte, nur undeutlich vor mir sehe. Unsere Mütter standen vorn, während wir Kinder auf den Bänken Platz nehmen durften, die Jungen links an der Fensterseite, die Mädchen rechts. Ich hatte als Einziger keine Schultüte, und ich war darauf sogar stolz. Denn Vater hatte mir vorher erklärt, Süßigkeiten seien nur etwas für verweichlichte Kinder, ihm selbst schmeckten sie gar nicht, und außerdem seien sie auch schädlich für die Zähne. Die Folge war, dass auch ich lange Zeit der Überzeugung war, Bonbons und Schokolade nicht zu mögen.

In diesem ersten Schuljahr fühlte ich mich wohl in der Klasse. Unser Lehrer, er hieß Brodmann, hatte eine angenehme Art mit uns umzugehen. Er lobte uns oft, und wenn wir etwas falsch gemacht hatten, tadelte er uns nicht, sondern machte uns ganz einfach vor, wie es richtig war.

Auch mit den Klassenkameraden kam ich gut zurecht. Ich saß in der hintersten Reihe, was bedeutete, dass meine Leistungen gut waren. Rechts neben mir saß ein Junge namens Bernhard Bock, mit dem ich mich schnell anfreundete, und links neben mir Jürgen Huck, von dem ich wusste, dass sein Vater Bürgermeister war. Von den Mädchen erinnere ich mich nur noch an eines, das in der vordersten Reihe saß und es schwer hatte, beim Lesen und Rechnen mitzukommen. Sie hatte wunderschönes pechschwarzes Haar, und ich verliebte mich in sie. Vor dem Einschlafen stellte ich mir vor, sie läge neben mir und ich hätte sie im Arm.

An alle anderen in der Klasse kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Oder doch: Ein dritter Junge fällt mir noch ein, der nach meiner Erinnerung links vor mir saß. Er sah etwas bleich aus, war aber ungewöhnlich schön und hätte ein Mädchen sein können. Er hieß Höxter. Ein seltsamer Name, dachte ich; ich kannte nur die Stadt Höxter an der Weser. Erst später, als ich schon in dem Nachbarort Gronau in die Schule ging, erfuhr ich, dass er Jude war, aber nicht mehr in Elze wohnte, weil er mit seiner Familie „abgeholt“ worden sei. Aber wer mir das gesagt hat, weiß ich nicht mehr.

Ich lernte Lesen, Schreiben und Rechnen fast wie im Spiel, und mit den Hausaufgaben wurde ich in der Regel in wenigen Minuten fertig. – Wir schrieben auf der Schiefertafel, und das fand ich gut so: Wenn ich einen Buchstaben nicht richtig hinbekam oder mich verschrieben hatte, was häufig vorkam, konnte ich das Falsche einfach auswischen und durch das Richtige ersetzen. Der ganze Text sah dann trotzdem gut aus, und meine Irrtümer blieben unbemerkt.

Einmal gelang mir das jedoch nicht: Wir sollten lernen, die Zahl Acht zu schreiben und wir sollten dazu zu Hause fünf Zeilen mit Achten vollschreiben. Aber die Zahlen, die ich hinschrieb, waren entweder völlig schief, oder ich konnte den doppelten Bogen nicht schließen. Ich versuchte statt oben unten anzusetzen, aber das war noch schwerer. Als ich drei Zeilen mit Achten fertig hatte und feststellte, dass die Hälfte davon nicht in Ordnung war, packte mich die Wut. Ich wischte das Ganze aus und begann von vorn. Das Ergebnis war noch schlimmer.

Tante Frieda, die das Elend mit angesehen hatte, riet mir, erst mal eine kurze Pause einzulegen. Das tat ich und ging zu meiner Mutter rüber. Dort war in der Zwischenzeit mein Onkel Bodo zu Besuch eingetroffen, den ich wegen seiner Kunststücke und Späße, die er ständig auf Lager hatte, liebte und bewunderte. Aus der kurzen Pause wurde daher eine lange, und selbst am Abend konnte ich mich noch nicht entschließen, wieder an die Arbeit zu gehen. Ich zog es vor, erst einmal mit Ida das Vieh zu füttern. Als ich mich danach wieder der Tafel zuwandte, stellte ich mit Erstaunen fest, dass jemand seltsame große und kleine Männchen darauf gezeichnet hatte, und erst beim zweiten Hinsehen erkannte ich, dass die Köpfe und Körper jeweils zusammen eine Acht ergaben. Nicht zu fassen! Der liebe und lustige Onkel Bodo hatte sich als Heinzelmännchen betätigt. Das Einzige, was ich noch zu tun hatte, war, die großen unteren Figuren wegzuwischen und aus den oberen, die hintereinander auf den ersten fünf Zeilen standen, Mund, Nase und Augen zu entfernen.