Ausbruch in Schattenwelten - Emma H. - E-Book

Ausbruch in Schattenwelten E-Book

Emma H.

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Beschreibung

In diesem Buch möchte ich der "Normalbevölkerung" eine Schattenwelt unserer Gesellschaft beschreiben. Wie fühlt sich ein Junkie? Was muss er tagtäglich erleiden? Was erleben minderjährige Crackhuren? Ich habe es aus dieser Hölle geschafft. Bevor wir überhaupt etwas verändern können, müssen wir diese Schatten wahrnehmen und annehmen. Und nicht wegschauen und hoffen, dass dies bloß niemals meinem Kind oder einem nahen Angehörigen widerfährt.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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EMMA H.

***

AUSBRUCH IN SCHATTENWELTEN

Wahrnehmung und Integration meiner (und unserer) Schattenthemen

© 2019 Emma H.

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-7497-3124-4

Hardcover:

978-3-7497-3125-1

e-Book:

978-3-7497-3126-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Vorwort

Jede Lebensgeschichte ist so wunderbar einzigartig. Wir fühlen und denken in unserem Dasein so differenziert, weshalb jede Autobiografie lesenswert sein sollte. Warum möchte ich mich dieser Herausforderung stellen? Ich habe einen riesengroßen Respekt davor und fürchte mich, Erlebtes wieder zu begegnen, zu sehen, zu hören, zu riechen und vor allem zu fühlen. Mache ich dies für mich selbst, für andere oder wünsche ich mir unsterblich in ein paar geschriebenen Zeilen weiterzuleben? Auf diese Frage erhielt ich vor einigen Monaten eine Antwort:

„…Ich rufe zu dir da draußen - du schaust weg,

ich bin lediglich dein blinder Fleck…“

Diese Worte sprudelten aus mir heraus, kurz nachdem ich einen dissoziativen Krampfanfall erlebte. Unter anderem offenbarten mir diese Zeilen, dass ich für meine Geschichte Zuhörer suche.

Der Impuls endlich mit dem Schreiben anzufangen, durchflutete mich während einer mehrstündigen Tattoo-Sitzung. Unheimlich viele Gedanken, Erinnerungen, Gefühle und Bilder aus meinem abgetrennten früheren Ich drängten sich nun schon seit einem halben Jahr aufdringlich in mein Bewusstsein. Dieses richtete ein unüberschaubares Chaos in meinem Kopf an, wie ein Riesenwollknäuel ohne Anfang und Ende. Was will dieser altbekannte Feind von mir? Ein Jahrzehnt ließ mich dieses hässliche Etwas in Ruhe, sodass ich mein Leben in geordnete Bahnen lenken konnte. Ein mehrfach verriegeltes Buch mit verdrängten Inhalten wurde gewaltsam geöffnet. Dieses hässliche Ding trat von innen fest gegen den verschlossenen braunen Lederkoffer, da es endlich gesehen und gehört werden wollte. Es kämpfte so sehr um meine Aufmerksamkeit, dass ich die Kontrolle über mein gut geregeltes Leben verlor. Der Kampf gegen die Person in dem verschlossenen Koffer entzog mir jegliche Kraft und Lebensenergie. Ich fühlte mich völlig alltagsuntauglich bzw. war kaum noch in der Lage meine Rollen und Alltagsaufgaben als Mutter, Kollegin, Ehefrau und Freundin wahrzunehmen. Ich isolierte mich immer mehr, da ich dachte, die anderen könnten dieses Hässliche in mir erkennen. Ende letzten Jahres zog ich die Reißleine und ab da begann der so wertvolle aber auch extrem schmerzhafte und ungewisse Prozess. Ich ließ die Person aus dem braunen Lederkoffer hinaus und fing an ihr zuzuhören.

Die Erzählung ist nicht chronologisch strukturiert. Ich beschreibe Beziehungen zu Personen, Personengruppen, Substanzen und Orten, die ich zwischen meinem 17. und 19. Lebensjahr er- bzw. überlebte. Personen und Institutionen wurden pseudonymisiert. Der Ort der Handlung befindet sich südwestlich von Deutschland.

Es ist ein Geschenk, dass ich heute ein fast normales Leben führe.

Auf geht’s. Gut festhalten.

Entführt

Abel, dies sollen die letzten Zeilen sein, die ich deiner Existenz widme.

Ich würde dich am liebsten finden und dir sagen… Du hast es eigentlich verdient ignoriert zu werden. In meinen Fantasien lasse ich dich in einen Kofferraum sperren. Du wirst gequält, gefoltert und 100.000 Mal bis zur Unkenntlichkeit vergewaltigt. Wo bist du? Lebst du überhaupt noch?

Du hattest meine hilfesuchende verlorene Seele eingefangen und ausgebeutet. Ich war in einer existenziellen Notlage und du zieltest darauf ab, dies für deine persönliche Bereicherung schamlos auszunutzen.

Als ich dich das erste Mal traf, war ich ca. Mitte 16. Lilith und ich warteten auf Pontius am Bahnhof. Er wollte Bobel mitbringen und wir gierten schon sehr danach.

Pontius interessierte mich nie besonders. Ich lernte ihn damals über Delilahs Bekanntschaften kennen. Sie pflegte ein paar Kontakte zu älteren, glatzköpfigen Zeitgenossen. Und Pontius war mittendrin. Eine große, schlaksige und ungepflegte Erscheinung. Er lud mich ständig zum Essen ein und teilte mit mir sein Gras. Dies fand ich wirklich sehr plump, da er noch bei seiner Freundin mit der gemeinsamen kleinen Tochter wohnte. Ich fuhr fast täglich nach der Schule zu Pontius. Mit der Bahn brauchte ich eine gute Stunde zu seiner Drogenhöhle. Bei ihm zu Hause konsumierten wir alles Mögliche. Ich dachte jedes Mal, ich sei im falschen Film, da die bedürftige Tochter mittendrin war und oft als störend beschimpft wurde. Hin und wieder verschwand ich heimlich in ihrem Zimmer, um ihr Aufmerksamkeit zu schenken. Die Mutter trug kaum noch Zähne im Mund. Einmal bunkerte sie gierig Koks. Ich wollte unbedingt mal eine Nase probieren. Da wurde sie so biestig wie ein Vollzeitjunkie. Das erste Mal XTC hatte ich auch dort geschmissen. Ich dachte wirklich meine Adern würden jeden Moment platzen. Sehr unangenehm war, dass meine Schwester Ruth die gebunkerten Pillen in meiner Schublade zu Hause entdeckte und entwendete. Sie tischte mir folglich noch eine unglaubwürdige Moralpredigt auf. Aber ganz ehrlich. Diese Pillen hätte ich nur noch mit suizidalen Absichten eingenommen. Pontius fragte mich irgendwann, ob wir nicht mal am Bahnhof essen gehen wollen. Er sei da geschäftlich unterwegs. Ich dachte mir nichts dabei und wartete dort eine nicht enden wollende ganze Stunde. Gefühle von starker Unsicherheit und Einsamkeit überkamen mich inmitten der eilenden Menschenmassen. Als Pontius völlig gehetzt auftauchte, fiel endlich die extreme Anspannung von meinen Schultern ab. Nach dem Essen, zu dem er mich wieder einlud, tingelten wir durch eine riesige Einkaufsmeile. Völlig unerwartet beichtete er mir, dass er heroinabhängig sei. Es hätte ihm jemand heimlich Shore in seinen Joint gepackt. Seitdem sei er nie mehr davon losgekommen. Er tat mir irgendwie leid. So trafen wir uns nun sehr oft am Bahnhof.

Bei unserer ersten Begegnung war ich sehr beeindruckt von dir, Abel. Du wirktest viel klüger und lebendiger als Pontius. Später erfuhr ich von ein paar Bahnhofs-Zeitgenossen, dass ihr uns beide zu diesem Zeitpunkt schon strategisch aufgeteilt hattet. Pontius zu mir und du zu Lilith.

Du und Lilith wurdet schnell ein Paar. Dies war schwer für mich zu ertragen, da ich mir überflüssig vorkam. Pontius hatte ich bereits abgeschossen, da du mir erzähltest, dass er mich auf den Strich schicken wollte. Deswegen hätte Pontius mir wohl den ersten Kopf Shore angedreht. Anfixen nannte man das bei euch. Ich kann mich noch gut an deinen besorgten Blick erinnern, als ich dich das erste Mal auf Shore anschaute. Es würde wohl nie beim ersten Mal bleiben und diesen Fehler würde ich mein Leben lang bereuen. Das waren deine Worte.

Ich wurde unheimlich eifersüchtig auf Lilith, da ich nun das dritte Rad am Wagen war. Du gabst dir, im Gegensatz zu Lilith, immer Mühe, dass ich mir nicht überflüssig vorkam. Einmal übernachteten wir bei einer Hausparty voll mit unbekannten und unheimlichen Leuten. Eine gruselige Gestalt betatschte mich permanent und du klopptest ihm dann so richtig auf die Finger. Ich war ganz angetan von dieser Beschützer- Geste. In dieser Nacht schliefen wir dort zu dritt in einem Bett. Du warst eng an Lilith gekuschelt. Ich wünschte mir in diesem Moment so sehr dir nahe zu sein.

Einmal trafen wir Judas im Bus. Du wusstest von dem Missbrauch im Wald und fragtest mich, ob er der Übeltäter gewesen sei. Ich konnte nicht antworten und erstarrte am ganzen Körper. Das war für dich mehr als eine klare Antwort. Du konfrontiertest Judas mit den Missbrauchsvorwürfen und hattest ihn folglich mit einer vollen Flasche beworfen. Der Bus machte daraufhin eine Vollbremsung und Judas rannte so schnell er konnte hinaus. Ich merkte, dass ich immer stärkere Gefühle für dich entwickelte. Daher hielt ich es mit euch zusammen nicht mehr aus. Ich zog mich von euch zurück. Nun war ich wieder alleine in meiner vergifteten Welt.

Als ich auf der geschlossenen Station der Kinder- und Jugendpsychiatrie war, hattet ihr beschlossen mich zu besuchen. Ich freute mich sehr über euren Besuch. Aber lieber wäre ich mit dir alleine gewesen. Einmal kam es glücklicherweise auch dazu, da Lilith wegen Regelschmerzen nicht mitwollte. Ich war mir dir zusammen im Ausgang und wir hatten so viel Spaß. Auf mich wirktest du immer ungebunden und frei. Mir war dann auch egal, dass ich wegen dem Amphetamin und dem Gras wieder Ausgangssperre bekam. Mit dir war alles aufregend und neu. Ich fühlte mich einfach sicher bei dir.

Als ich mit Esther von der geschlossenen Psychiatrie einen “Ausflug” machte, hattet ihr beide uns geholfen und uns eine Anlaufstelle für Straßenkinder (nachfolgend „Basics“ genannt) gezeigt, wo wir Kleidung und Nahrung mitnehmen konnten. Du bliebst bei uns in den Nächten und sorgtest für uns, dass wir mit dir bei jemanden übernachten konnten. Mit wildfremden Leuten gingst du charmant und selbstbewusst in Kontakt und die gaben meist, was du ihnen aus dem Kreuz leiern wolltest. Dir war nie etwas peinlich. Ideen, die dir im Kopf rumschwirrten, setztes du immer gleich in die Tat um. Sogar meine Mama hattest du soweit, dass sie sich von deinem charismatischen Auftreten blenden ließ. Außer meine Schwester Ruth. Sie misstraute dir schon immer. Abel, du sorgtest dafür, dass wir während unseres “Ausfluges” immer was zu kiffen hatten und nachts nicht frieren mussten. Ein Beschützer für mich und Esther. Ich nahm dich seitdem als einen erfahrenen Überlebenskünstler wahr. Nach drei Tagen in der Freiheit waren wir jedoch sehr müde und der abfallende Spiegel der Psychopharmaka machte uns zu schaffen. Wir saßen schließlich nachts an der Bushaltestelle in der Nähe der geschlossenen Psychiatrie. Ich machte es mir auf deinem Schoß gemütlich. Endlich war ich dir auch körperlich nah. Du sagtest, wir müssten dort wieder hinein. Da führe kein Weg dran vorbei. Sonst wären wir immer auf der Flucht vor der Polizei. Und dann noch der abfallende Spiegel unsere Psychopharmaka. Das könne voll nach hinten losgehen. Sie würden uns früher oder später sowieso aufgabeln. Du bläutest uns anscheinend Vernunft ein. Selbst seist du zweimal in der geschlossenen Psychiatrie gewesen, wurdest fixiert und auf sedierende Psychopharmaka gesetzt. Wir fühlten uns von dir verstanden und vertrauten dir.

Als ich von der geschlossenen Psychiatrie rauskam, warst du wieder für mich da. Dir war es wichtig, dass ich das mit der Schule auf die Reihe bekam. Du wusstest von meiner Kotzerei und drängtest mich nicht damit aufzuhören, aber schienst deswegen immer sehr besorgt.

Wir saßen schließlich zusammen auf einem Bootssteg an einem großen See und aßen Eis. Die Sonne glitzerte auf dem Wasser und plötzlich merkte ich, dass ich mich über beide Ohren in dich verliebte. In meinen Lebensretter, der mich aus der Gifthöhle rausholen wollte. Erst sagtest du, dass das christliche Zeug alles richtig gewesen sei und versuchtest sogar einige wildfremde Leute auf der Straße zu bekehren. Mit diesen Aktionen imponiertest du mir sehr. Als ich anfing alles anzuzweifeln, hattest du mich seltsamerweise wieder darin bestätigt. Plötzlich war nun alles Brainwashing und Sektenkrams. Du fingst mich auf, als ich mich von diesem Weltbild löste. Wir küssten uns das erste Mal an diesem wunderschönen See. Bisher hatte ich das Küssen nie als etwas Schönes wahrgenommen. In diesem Augenblick warst du mir so nah und ich vertraute dir bedingungslos. Wir küssten uns sehr innig den gesamten Abend lang. Meine tiefsten Sehnsüchte nach Nähe und Geborgenheit gingen nun in Erfüllung. Aber du warst ja noch mit Lilith zusammen. Deine Blicke galten angeblich wohl schon immer mir. Mit der Beichte brach die Beziehung zu Lilith auseinander.