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Ursula Michels-Wenz

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Beschreibung

Eine noch nicht ganz volljährige Studentin mit minimalem Bargeld verschafft sich im September 1963 in Amsterdam auf einem Kohlefrachter eine Schiffspassage an die amerikanische Ostküste nach Virginia. Sie verzichtet auf eine berechenbare Zukunft, um, befreit von den heimischen Fesseln, in unvertrauten Regionen das Abenteuer eines intensiveren und selbstbestimmten Lebens zu wagen. Nicht mehr aus zweiter Hand möchte sie leben, sondern sich alles neu und unvoreingenommen erschließen und schriftlich darüber Rechenschaft ablegen. Dieses vermutlich vorwiegend in schlaflosen Stunden entstandene "Nachtbuch" beschwört die für die Autorin nachhaltigsten Begebenheiten aus ihrer Zeit in New York. Autobiographische wie frei erfundene Reminiszenzen verschmelzen darin zu einem bewegenden Selbstporträt der Ich-Erzählerin Eva Maria Kranz. Aufgewachsen ist die Erzählerin im zerrütteten Umfeld der Nachkriegszeit. "Ich, habe Deutschland verlassen", lässt sie Eva Maria Kranz, ihr zweites Ich sagen, "weil ich dort unfrei, unsicher und verlogen wurde."

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Seitenzahl: 194

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ursula Michels-Wenz

AUSGESETZT

Ein Nachtbuch

Mit einem Nachwort vonVolker Michels

1. Auflage 2020

© Edition Faust, Frankfurt am Main 2020

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

www.editionfaust.de

ISBN 978-3-945400-74-6

eISBN 978-3-945400-81-4

Inhalt

I. Teil

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

II. Teil

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Nachwort

I. Teil

I

Wieder war es so, daß ich am frühen Abend um die Ecke der Eighth Avenue in die 21. Straße einbog und das grellfarbene, gleißend bunte Himmelsspektakel eines Sonnenuntergangs in New York wie eine der unzähligen Kitschpostkarten tatsächlich vor mir sah, mich wundernd, zwiespältig und abwehrend. Was für ein Bild, was für eine Wirklichkeit! Sie zu malen, ohne das Sichtbare zu verändern, wäre geschmacklos.

Ich trage, aus dem Super Market kommend, eine schwere Tüte aus braunem Packpapier, meinen Lebensmittelbedarf für die nächste Woche, mit beiden Armen umschlungen vor mir her wie eine Festung, eine Waffe: fünf Tage biologisches Überleben. Fünf Nächte lang werde ich schreiben können, mein Nachtbuch, mein Nicht-Tagebuch, meine andere Existenz heraufbeschwören, mich verlieren, um mich später vielleicht einmal zu begreifen. Was aber kann ich verlieren, was mir nicht schon jetzt fehlte? Ist nicht alles vielmehr nur verschüttet seit meiner Geburt in das Verhängnis, das ich als mein eigenes Leben bezeichne? Es war ja nichts vorbereitet, nichts half mir freiwillig, von Anfang an waren die Dinge eine undurchdringliche, teils glänzend uniformierte, teils aufdringliche Gegnerschaft. Ich habe erst später erfahren, daß andere, sogenannte »Millionen«, in Krieg und KZ sterben mußten, als ich geboren wurde. Woher nahm ich die Unverschämtheit, auf die Welt zu kommen?

Aus dem Haus mit der Nr. 248 tragen, noch ehe ich eintreten kann, zwei hellgrau gekleidete Sanitäter eine nicht mehr ganz junge Frau, unbedeckt, in moosgrünem Schlafanzug, an mir vorbei. Von ihren geschlossenen Augen abwärts laufen verschmierte Rinnsale von Tusche und Rouge zum Kinn herunter. Jetzt hat sie eine neue, noch starrere Maske aufgelegt. Eine mir unbekannte. Sie ansehend, hülle ich mich in alle mir zur Verfügung stehenden Schutzmäntel tief und erschrocken ein. Diese Frau, so höre ich, war meine Nachbarin, und ihren Namen kannte ich nicht.

Während die Hintertür des Wagens zuschlägt, der Motor ohne Sirene anspringt, während sich die Schaufreudigen eher enttäuscht verstreuen – es war kein Mord, nur Selbstmord – gehe ich durch die noch offenstehende Tür, löse ihren Befestigungshaken an der Treppenhauswand und lasse sie fast lautlos ins Schloß fallen. Morgen wird ein neuer Mieter einziehen, namenlos wie die anderen. Namenlos?

Beim Öffnen meines Nachtbuches, noch bevor ich zu schreiben beginne, weiß ich: Diese Frau könnte ich selbst gewesen sein. Sie könnte sich meiner bemächtigen. Sie könnte meine Tagexistenz verdrängen. Sie hätte ein Recht, meinen Platz zu beanspruchen. Ich stelle ihn ihr zur Verfügung.

II

Sie hieß Eva Maria Kranz. Ihren deutschen Namen trug sie im jüdisch-puertoricanischen Viertel der Stadt, die von Ängstlichen als »Hexenkessel« bezeichnet wird, wie einen Makel. Ihr Wunsch war, diesen Makel einmal mit Würde tragen zu können oder ihn gar zu überwinden.

Ihre Existenz muß identisch mit meiner gewesen sein: Kainszeichen und Ohnmacht. Sie lag in den Armen ihrer Mutter, das erste Kind einer langen, kinderlosen Ehe, und kurz nach ihrer Geburt könnte eine junge Krankenschwester oder Ersatzhebamme an das elende Wochenbett im Bunker getreten sein. Hat sie sich nicht angeekelt abgewandt? Ein so häßliches Neugeborenes und Bombenalarm, kein Anlaß zu Zärtlichkeit.

Als ich auf den Namen Eva Maria getauft wurde, achtete man wohl auf den Klang und nicht auf den Widerspruch, den der eine Vorname zu dem anderen ergab. Vielleicht aber lag auch so etwas wie eine Hoffnung darin. Zurück zu einer archaischen Zukunft. Wie absurd.

Aber die arische Oberschwester tröstete mich – das Kind, mich – die Mutter, mich – die fremde Frau, mich – das lang gewickelte Säuglingstierchen energisch: »Wir päppeln es auf«, sagte sie, und das aus Erfahrung, nicht aus Optimismus. Als ich es hörte, ohne noch sprechen zu können, muß ich geschrien haben.

Solange ich noch sprachlos war, schrie ich viel. –

Im Umgang mit der Sprache erst kam ich an die Grenze des Verstummens. Ich lernte meine eigenen Grenzen erkennen. Manchmal wäre ich gerne gedächtnislos gewesen. Deshalb drängte sich mir das Gedächtnis leise und um so fordernder auf. Mein Gedächtnis ist mein Terrorist. Mein Tod wäre Terrorismus gegen mich selber. Mein Leben ist eine Zumutung – nicht nur für andere.

Das Tagebuch hat viele Geschichten, das Nachtbuch nur eine einzige. Wie einfach und anschaulich sie sein kann. Wie schwierig und unansehnlich sie wird, dadurch, daß ich sie erleben muß!

III

In den Jahren des Krieges saßen wir als Evakuierte, ein Begriff, der mit dem Vakuum nur andeutungsweise zu tun hat, in einer Wohnküche mit dunklen und schrägen Wänden. Es gab viel Sirup, Karottenbrei und Pfefferminztee. Es ging uns nicht schlecht. Außer mir gehörten auch noch vier weitere Kinder anderer Eltern zur Familie. Vier Söhne. Der kleinste lag zur Zeit, als ich spürte, daß wir alle zusammengehörten, in einem Leiterwagen, der als Wiege diente, und schlief fast immer. Meine Mutter hatte nicht mehr die Kraft, uns bei Bombenalarm alle zusammenzupacken und in den Keller zu rennen. Sie hatte aufgegeben. Die Eltern der anderen Kinder lebten schon nicht mehr, aber wir bildeten eine Familie, wir Überlebenden.

Einmal, lange nach dieser Erfahrung, drückte mir meine Mutter einen kleinen Blumenstrauß in die Hand, stellte mich vor die Wohnungstür, ganz nah an den Treppenabsatz, und als ich hinuntersah, tauchte aus der Leere vor mir langsam ein uralter fremder Mann auf mit fiebernden Augen, in einen schleppenden, viel zu großen Soldatenmantel gehüllt. Schritt für Schritt, die knöcherne Hand am morschen Treppengeländer, zog er sich herauf.

Er umarmte mich, schluchzend und aus sich heraus krampfhaft geschüttelt, und während meine Mutter aus der dunklen Wohnung auf uns zukam, ihn stützte und langsam durch die Tür führte, blieb ich zurück, staunend, daß ich nun einen Vater hatte.

In der Nacht rauschte der Wasserhahn ununterbrochen, draußen in der Küche. Mein Vater trank Wasser, Wasser, Wasser. Er schlürfte es, schlürfte und erbrach und schlürfte wieder Wasser. Den Mantel mit den Läusen verbrannte meine Mutter noch in derselben Nacht.

Wir durften nie über den Krieg reden.

In der deutschen Sprache reimt sich Krieg auf Sieg. Wir können keine Reime mehr hören.

Meine Mutter häkelte uns Jacken und Kleider aus Bergen alter Männersocken, braun, grau, dunkelgrün. Die stammten von fremden Menschen, die noch Wollsocken verschenken konnten. Einige dieser Menschen nannte mein Vater »Amis« – sie hießen eigentlich Amerikaner. Auch über sie durften wir nicht reden. Es war ein Tabu aus dem Stolz, nicht von anderen ahängig sein zu wollen, und der bitteren Gewißheit, dem Wohlwollen anderer nichts als Scham entgegenstellen zu können. Das lauerte in jeder nichtssagenden Redewendung, in jeder unbedachten Geste.

Oft ging ich mit meinen vier fremden Brüdern an der Leine eines Kindermädchens vor der Stadtmauer spazieren. Auch unsere Wohnung war vor der Stadtmauer, außen. Faul und weinerlich, wie ich war, wollte ich aufgrund eines offensichtlich nur eingebildeten Schmerzes im Kinderwagen gefahren werden. Und der kleinste Bruder, gerade ein Jahr und vier Monate alt, lief stolpernd, aber fröhlich nebenher. Er sah auch zuerst den »Ami«, einen dunkelhäutigen, kolossalen Lachenden mit blitzenden Zähnen, wie er aus einem ebenso blitzenden goldgrünen Riesenauto ausstieg und dabei einen seiner gefütterten Lederhandschuhe verlor. Der Handschuh lag in einer Pfütze. Der schwarze Mann verschwand hinter der Tür eines Cafés.

Mein Bruder hob den Handschuh auf und hatte keine Hemmung, zusammen mit dem Ältesten in das Lokal hineinzugehen, um den Besitzer des Handschuhs zu suchen. Sie kamen mit einem Geldschein und einer Handvoll Kaugummis zurück. Sie teilten die Schätze beim Heimkommen in fünf Teile. Das Geld behielt meine Mutter.

Mein jüngster Bruder wurde für seine Aufmerksamkeit gelobt.

IV

Vor einigen Wochen bin ich in die Schule gekommen. Es ist mir nicht in Erinnerung, daß ich am ersten Schultag auf der Treppe zum Klassenzimmer erbrochen habe. Aber man erzählte es mir noch Jahre später und fand es lustig, weil ich gesagt hätte: »Der Herr Schulrat hat es aufgeputzt.« Der Ausspruch wurde zur Familienanekdote. Jetzt wissen es alle, auch die, die niemals danach gefragt haben.

Neben den Familienanekdoten gibt es Familienphotos. Aus meiner immer gesenkten Stirn ragen die beiden Eckknochen wie Hörner einer Ziege hervor. Ein bockiges Kind. Ein Kind, das nicht »guten Tag« sagen lernt.

An guten Tagen, an Sonntagen, krochen wir morgens zu den Eltern ins Bett, zwei rechts, zwei links, und der Jüngste blieb unten am Fußende stehen. Mein Vater erzählte selbsterdachte Märchen, sie hatten kein Ende. Am nächsten »guten Tag« gab es eine Fortsetzung.

Eines Montags blühten nebenan plötzlich die Rosen. Dicke tiefrote Kissen. Sie wälzten sich über die halbzerstörte Trennungsmauer zum Garten unseres Nachbarn. Ganz oben, dem Licht zugewandt, wucherten sie, als müßten sie vor Fülle und Selbstverständlichkeit, vor Verschwendungssucht und Blühlust ihre eigene Pracht zersprengen und in die Sonne hineinplatzen, vor Überfluß halt- und grenzenlos geworden, dick und tauig saftig, das Stadium der Knospen überspringend. Als ich auf der höchsten Aushöhlung der zerlöcherten Steine einen Halt suchte, als ich ein ganzes, stachlig duftendes Büschel mit den verkrampften Fingern umschloß, stürzte ich. Mit dem Kinn schlug ich auf einen Mauervorsprung auf. Es kam kein Schmerz, ich schrie nicht. Das Blut stürzte über meine zerrissene Bluse. Noch nie zuvor hatte ich Blut gesehen, und doch war ich erstaunt, daß es nicht mit einem Schmerz verbunden war. Oder vielmehr: Der Schrecken war größer als der Schmerz.

Wie eine Karikatur aus den Witzblättern mancher Zahnärzte lief ich in den nächsten Wochen mit einem rund um den Kopf strotzenden Verband herum, konnte den Mund nicht aufmachen (was mir sehr lieb war) und sah vom Fenster aus meine Schulkameraden vorbeigehen. Manche sahen zu mir hoch. Es muß ein ungewöhnlich lustiger Anblick gewesen sein. Etwa um diese Zeit feierte ich meinen achten Geburtstag.

Wir erhielten regelmäßig in jeder Schulpause die Quäkerspeisung. Widerwillig, aber hungrig aßen wir sie immer ganz auf. Mit dem Zeigefinger strichen wir noch den letzten Rest aus den zerbeulten Blechtöpfchen heraus. Wir wußten nicht, daß die Quäker auch »Amis« waren. Es gab Kinder, die weinten, wenn ihr Napf leergegessen war. Manchmal bekamen sie noch eine zweite Portion.

V

Die Eltern hatten das zerstörte Haus wieder aufgebaut. »Wir sind nicht reich, aber auch nicht arm«, sagten sie zu uns. Die Butter bekam dennoch der Vater zugeteilt. Meine Brüder, die Mutter und ich aßen Margarine. Zur Margarine gab es im Laden Bildchen. Wir gingen gern einkaufen. Wir sammelten die Bilder fremder Länder, und an Festtagen erhielten wir dazu ein Album. Vornumeriert zwischen dem nie beachteten Text, waren die leeren Felder zum Einkleben schon ohne Bild von exotischer Faszination.

»Zu dieser Zeit hielten die Leute zusammen, jeder half jedem. Es war eine gute Zeit.« Ich habe erlebt, daß es keine schlechte war. Ich habe das Erlebnis vergessen.

Wenn wir auf den Ruinen spielten, verwandelten wir die Steine in Margarinebildchen-Palmen. Wir bemerkten nicht die Schilder: »Vorsicht Einbruchgefahr«, »Betreten verboten«, »Eltern haften für ihre Kinder«, »Betreten auf eigene Gefahr«. Aber zwischen den Schutthaufen wuchsen auch ohne Margarine-Phantasie, greifbar und wirklich, Bäume. Pflaumen, Mirabellen und Äpfel, bunte Blatt- und Früchte-Girlanden neben den verrosteten Eisenbarren, die schräg aus den Trümmern herausragten und einmal ein ganzes Stockwerk getragen hatten.

Die Verstecke kannten wir besser als die Schilder. Das Wort »Gefahr« war ein Fremdwort. Wo das lehmgelbe Grundwasser in den Erdrissen stand, sahen wir vergnügt die flinken und klugen Ratten. Sie zogen leicht durch das Gewässer, den langen Schwanz kerzengerade, mit glänzenden Augen und spitzig kleinen Ohren, glatt, naß und sicher. Sie schüttelten sich kurz, wenn sie plötzlich an Land kamen. Manchmal aber waren sie auch schon vorher verschwunden. So erlebten wir den Boden, auf dem wir spielten, als ein Abenteuer.

Wir lasen nicht das »Aschenbrödel«, sondern »Cinderella«. Die bunten Heftchen kursierten monatelang wie eine Kostbarkeit durch das Stadtviertel. Wer sie besaß, hatte Macht. Mein Vater sprach das Wort aus wie »Tschinderella«, und darin schwang der ganze blecherne Klang einer Militärkapelle mit. Er haßte diesen Klang. Wir spürten es und lasen die Heftchen heißhungrig wie etwas Obszönes.

Als mein jüngster Bruder starb, lernte ich den Tod wie etwas Selbstverständliches und zum Leben Gehörendes kennen.

Die Angst vor dem Tod habe ich nie als eine reale empfunden, ich kannte nur die Angst vor dem Realen. In Deutschland benannte man dieses Reale, die Realität, mit einem seltsamen, rhetorischen Plural. Man sagte »Realitäten«. Als ob die Wirklichkeit vermehrbar wäre. »Die Realitäten« in der Ostpolitik, »den Realitäten ins Augen sehen«. – So hat man die Realität in der Rhetorik versteckt.

Unser Sozialkundelehrer hieß Ärmlich und war eine stattliche Erscheinung. Er mußte seinen Namen wettmachen. Gerne gab er schon uns Neunjährigen zu verstehen, daß eine deutsche Frau nicht rauche, nicht trinke und ihr Gesicht nicht anmale. Er konnte das Hakenkreuz, als wir in die höheren Klassen aufrückten, uns zur Information schnell und perfekt an die Tafel malen und es gleich danach wieder auswischen. Er lachte laut und mußte dabei fast immer husten, als wolle sein Kehlkopf nicht mitlachen. Sein Scheitel war eine schmierige, mit Fett gezogene Straße im dunklen Gebirge seines Schädelmassivs. Er war nicht zu irritieren, hatte bereits auf alles eine Antwort. Oft dieselbe Antwort auf viele verschiedene Fragen.

Wenn ich aus dem Fenster sah, spürte ich sofort seinen Zeigestock, der sich von hinten auf meine Schulter legte. Konnte das Scheusal um die Ecke sehen? »Sie ist wohl hier nur zu Besuch. Das alles geht sie wohl gar nichts an. Da kann man sich den Mund fransig reden. Da kann man ja gleich einpacken. Das hätte uns gerade noch gefehlt!«

Aufmerksamkeit und Abscheu. Die beiden Gegenkräfte. Draußen, vor der Schule, lief der Aufschwung unbekümmert nebenher. Keine Aufmerksamkeit, kein Abscheu. Nachholbedarf, Wiederaufbau, warum »Wieder« und nicht »Neu«? Unter seiner Glasglocke sammelten sich die von neuem ermutigten Familien in ihrem Wohnzimmer, dieser typisch deutschen Erfindung, um Nierentisch und Leberknödel, umrahmt von dreiecksgemusterten nervösen Tapeten und kleinen Lampenschirmtrompeten. Es gab fröhliche Leute, die fuhren schon wieder im eigenen Auto in Urlaub. Den Mädchen, und also auch mir, flocht man die dünnen Haare zu »Rattenschwänzen«, die Rattenschwänze hielt man nach oben gebogen mit einer Spange fest, und das hieß dann seltsamerweise »Affenschaukel«. Als es mehr Autos gab, war auch die Affenschaukelzeit vorüber, und alle Haarschöpfe wurden kurz, weil praktisch, bis übers Ohr geschoren. Die Friseure gaben für die abgeschnittenen Zöpfe Geld, nicht wenig.

Als wieder einer meiner Brüder starb, war in unserer Familie der Tod nicht nur selbstverständlich, sondern fast schon zur Gewohnheit geworden. Wir durften nicht mit auf die Beerdigung, als ob diese etwas mit dem Sterben zu tun hätte, was wir noch nicht kannten. Zuhause lag mein Vater schon seit Monaten mit einem Schlaganfall. Einmal am Tag rannten wir, vom Spielen erhitzt und laut, zu ihm ins Schlafzimmer und muteten uns ihm zu. Drei Nachkriegskinder, drei Kinder mit Micky-Maus-Heftchen und Kaugummis, gut genährt von der Quäkerspeise der Schule, immer lärmend, streitend und unverschämt.

Dennoch: eine Kindheit nach Maß. Genau abgezirkelt unter den ratlos rechthabenden Mächten. »Großmächte« hießen sie. Die »Kleinmacht«, nicht pluralistisch, war aufgeteilt und versorgt. Die Kinder der kleinen Macht mußten nicht mehr hungern. Der Krieg lag schon lange zurück. Eine ganze junge Generation wurde sprachlos. Denn die Sprache hinkte zwei Jahrzehnte beharrlich und unerschütterlich träge hinterher. Sie war erstarrt. Man hatte sie so überbeansprucht, daß sie jetzt im Wiederaufbau nicht mehr zupacken konnte.

Auf den Straßen liefen noch immer Uniformierte herum, ich meine die sichtbar Uniformierten, die nichtdeutschen Uniformierten. »Was ist das, eine Garnisonsstadt«? Wie gerne wäre ich jetzt einmal in das Handschuh-Café gegangen; in der Sprache derjenigen, die besiegt waren, hieß es allerdings »Café Hemdhoch«, weil wasserstoffgeblondete Frauen dort bedienten, weil provozierend blanke Autos davor parkten, weil am Fenster das ganze Jahr hindurch glitzernde Girlanden hingen (bei anständigen Leuten nur als Faschingsschmuck im Februar geduldet), weil manche der Gäste halbschwarze, kraushaarige Kinder bei sich hatten, Kinder mit großen glänzenden Augen. Schwarze Männer und weiße Frauen. Dem Blond-und-Blauäugigen ein Schlag ins Gesicht.

Oft stand ich, von weitem beobachtend, sehnsüchtig, selbst blond und blauäugig. Ein Irrtum. Ein historisch überholter Versuch. Eine Unzumutbarkeit für alle Geschichtsbücher. Ein Makel. Wer würde sich mit diesem Makel beschmutzen?

Größer und immer unsicherer werdend, mutete ich mich dennoch jedem zu, als sei ich geschichtslos. Und wartete auf die Geste, die mir überleben helfen würde.

VI

Eines Tages wurde ich von der Sekretärin des Gymnasiums aus der Biologiestunde herausgerufen. Mein Vater lag im Sterben. Ein dringender Anlaß, die Tochter zu rufen, ins städtische Krankenhaus zu bestellen. Die Augen der in der Klasse Zurückbleibenden folgten mir neidisch, ich aber fiel vor plötzlicher Angst und Verlorenheit die letzten drei Stufen der breiten Treppe im Vorführsaal hinunter und schämte mich – wie immer. Ich kann mich nicht bewegen, nicht beherrschen, nicht freundlich sein, nicht traurig sein. Ich bin vierzehn Jahre alt, und jeder Moment hat eine übermächtige Gegenwart, an der ich zu ersticken drohe. Jetzt bin ich erstickt, jetzt bin auch ich tot, nichts ist mehr von mir da, was vorgezeigt werden könnte. Ich höre auf, selbst zu leben. Die blinde, dunkle Phase bricht wie ein warmer Tränenmantel, ein Trauerwall, ein Nachtmahr aus der schwarz, tot, tiefen Dunkelnacht über mich herein, in mir zusammen, aus mir heraus, ohne daß ich sie formen könnte. Der Tod der Geschwister hat mich doch nicht auf den Tod des Vaters vorbereitet, nie wird das Sterben zur Gewohnheit. Aber ich selbst bin jetzt weit weg. Ein Geist. Wer will mir etwas anhaben? Wer kann mich noch zerstören, verletzen? Aber aus dem Ersticken heraus rufe ich lautlos nach Hilfe.

Die Schizophrenie einer Pubertät. Gejagt ist jede Sekunde, eine Endlosigkeit jeder Moment. Wo kann die Intensität der Bodenlosigkeit ihren Boden finden?

Ich fand ihn im leeren Raum. Im Leichenraum. Es riecht nicht so, wie man denkt, nur ein bißchen Äther, Kerzenduft. Der Raum ist sauber und hell, meine Mutter sitzt neben mir und weint nicht. Sie ist klein wie ein Kind. »Wir haben ja damit gerechnet.«

Ach, nein. Noch nicht der Leichenraum. Mein Vater atmet leise, weißen Schaum in den Mundwinkeln, bei jedem gurgelnd röchelnden Atemzug quellen sanfte Blasen über die Lippen. Mein Vater. Was für ein Leben: als Soldat in zwei Weltkriegen. Nach der Gefangenschaft noch einmal anfangen können.

Die Totenwacht. Die Totennacht. Am frühen Morgen schickt man uns Kinder heim. Die Mutter bleibt im Krankenhaus, im Sterberaum. Intensivstation. Intensiv.

Ich brachte die beiden kleineren, übermüdeten, quengeligen Brüder ins Bett. Warum habe ich jetzt nicht eine Zwillingsschwester? Schöpfer sein, kreativ sein. Mein Totsein gibt mir Flügel. Mir selbst schaffe, forme ich eine Schwester, die mit mir geht in der Not. Sie bleibt an meiner Seite, Hand in Hand gehen wir aus dem Haus und an den Fluß unter die schützenden Pfeiler der Brücke, in der Tasche Zigaretten und Kaugummi. Wir sitzen vor dem ölig schimmernden Wasser, Lastwagen dröhnen über die Brücke, glücklich und zitternd kauern wir auf den spärlich bewachsenen Graspolstern am Ufer und sprechen von allem Zukünftigen. Selbstgespräch. Denkmöglichkeit, als gäbe es keinen Tod. Laut in die Nacht sprechen. Wir halten den Tod laut sprechend gefangen, machen ihn unwirksam. Töten den Tod. Ich bleibe bei mir, ich bin meine eigene Schwester.

Ist das gefährlich? Jetzt waren wir, jetzt war ich, Zweigestaltige, Doppellebige zum endgültigen, zum unantastbaren Draußensein verurteilt. Ein Zwilling. Zwei Nichtexistente. Die personalisierte Hoffnung, Hirngespinste, versessen auf eine unmögliche Möglichkeit, der Anspruch der Phantasie, verwandelt in einen alltäglichen Inhalt. Jetzt durfte sich keiner mehr so verhalten, als sei ich ihm vertraut. Alles Vertrauen, alle wahnwitzige Anstrengung auf eine absolute Glaubwürdigkeit war ich mir selbst geworden, hatte das nicht Erfahrbare verkörperlicht. Das Abstrakte, die Idee, das Absolute behandeln, als sei es existent. Jetzt hatte ich die Formel. Ach nein, keine Formel! Die Not. Die Notwendigkeit. Aus Not etwas wenden, herumdrehen, auf den Kopf stellen, verrückt werden. Phasen, die zum Überleben unentbehrlich sind. Oder nur Trotz, Aufbegehren gegen das nicht Veränderbare? Wer aber wollte den Trotz auf das Kleinkindalter, die Rebellion (jene Schwester des Trotzes) auf die Pubertät reduzieren? Meine Wunschvorstellung: aller gesammelter Trotz der Welt gegen den Krieg! Was wäre die Philosophie, die Hüterin des Trotzalters, ohne ihren Schützling, die Literatur? Darf ich denn anfangen zu schreiben ohne das Aufbegehren gegen alles, was mich unterdrückt, erdrückt?

»Die Literatur ist tot« – der Tod ist nicht begreifbar. Die Literatur spricht von Unbegreifbarem, sie wehrt sich gegen ihr Todesurteil. Wie lebendig sie ist, immer lebendiger ist sie, anders lebendig. Sie sprengt alle Grenzen, weil sie für sie nicht gelten. Sie lebt ja nicht in den »Realitäten«, nur in der Realität, der einen. Ich habe erlebt, wie auf den schaurigen Trümmerhaufen blühende Bäume wachsen. Ich bin vierzehn Jahre alt, sechzehn, achtzehn und höre, daß nach Auschwitz kein Gedicht mehr möglich sei. Trotzreaktion: warum nicht? Jetzt doch gerade. Jetzt erst recht will ich Gedichte schreiben. Nie habe ich ein Gedicht notwendiger gebraucht, mein Gedicht. Ob es noch möglich ist oder nicht, steht gar nicht in meiner Entscheidung.

Aber es könnte aus der beklemmenden Erfahrung, wie zur Rechtfertigung, eine Wunschgeschichte entstehen, eine spitzfindige, kleine, altmodische Episode, so erzählt, daß sie mir selbst zur Stärkung dient. Sie müßte von einem Narren handeln und einem Sprichwort und sich anhören, als wäre sie vor langer Zeit von einem anderen Gedichtefreund geschrieben worden. Ich würde sie meinen Kindern erzählen und mich selbst gar nicht erwähnen. Etwa so:

VII

Der Narr und das Sprichwort

In eine kleine Stadt, deren Einwohner als Untertanen eines ältlichen Königs ein recht gemütliches und wohlgesittetes Leben führten, kam einmal ein Wanderer, der sofort großes Aufsehen erregte, erstens, weil durch die kleine Stadt wenige Wanderer kamen, und zweitens, weil der Neuankömmling eine sonderbare Begleiterscheinung aufwies. Anstelle irgendwelchen Gepäcks oder eines Rucksackes trug er nämlich nichts anderes mit sich als einen Käfig, in dem ein fremdartiger Vogel saß. Dieser zog sogleich alle Blicke auf sich, und unter den Türen, hinter Fenstern, auf den Straßen wurde gewispert mit zusammengesteckten Köpfen.

Der Fremdling selbst ging, ohne sich darum zu kümmern, geradewegs zum Königspalast, um dort die Erlaubnis zu erlangen, über Nacht in der Stadt bleiben zu dürfen. Auch am Hofe erregte er Aufmerksamkeit, und ehe er sich durch die Wachen hindurchgefragt hatte, wußte der König längst, daß ein Fremder auf dem Weg zu ihm war. Er erwartete ihn mit großer Neugierde, ja, er ließ sogar zur Unterhaltung seinen Hofnarren rufen.

Als der Wanderer den Thronsaal betrat, wurde er freundlichst willkommen geheißen und seine Bitte um Aufenthalt in der Stadt gleich gewährt. Im beiläufigen Gespräch, wo er herkomme und was sein Ziel sei – er antwortete darauf »Athen« –, fiel auch die Frage, warum er den Vogel mit sich trage und welche Art Vogel es sei. Der Fremdling lächelte und erklärte, daß er selbst die Vogelart nicht kenne, ihm das Tier aber so lieb geworden sei, daß er es nicht missen möchte.

Darauf war einen Moment lang Stille. Doch der Hofnarr sprang sofort herbei, machte einen Purzelbaum unter klingenden Glöckchen und verkündete albern: »Es ist eine Eule!«